Schorsch - Stefan Soder - E-Book

Schorsch E-Book

Stefan Soder

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Beschreibung

Der Bergbauer Schorsch begeht einen Raub. Das Opfer ist ein Deutscher mit einer Tasche voll Schwarzgeld im Auto. Ein scheinbar perfektes Verbrechen, denn das Opfer kann den Raub nicht zur Anzeige bringen, ohne sich selbst zu belasten. Umgeben vom zur Schau gestellten Reichtum eines mondänen Touristenstädtchens in den Alpen lebt Schorsch trotz diverser Nebenjobs in prekären Verhältnissen. Kaum sind mit der Beute ein paar Löcher gestopft, türmen sich Alimente, Kreditraten und sonstige Rechnungen erneut. Selbst der Hof ist in Gefahr. Er begeht weitere Überfälle, bis er an ein größeres Vermögen und an die Falschen gerät: Er erbeutet Geld von einem Holländer, der es für eine kriminelle Organisation abheben sollte. Die Beraubten und die Polizei sind Schorsch bald auf der Spur. Eine Spirale der Gewalt setzt sich in Gang, bis er schließlich nur noch eine Möglichkeit sieht, um aus der Sache herauszukommen. Ein desperater, aus der Zeit gefallener Cowboy am Rande der Zivilisation. Raubzüge, ein Sheriff, Duelle, Verfolgungsjagden, eine Frau, die an einer reaktionären Männerwelt verzweifelt. Ein packender Roman über soziale Ungleichheit und die daraus geborene Verzweiflung – so archaisch wie gegenwärtig.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

***

Aller Zaster Anfang

Eins

Zwei

Drei

Vier

Hochsaison, Jagdsaison, Saisonschluss-Depression

Eins

Zwei

Drei

Vier

Von Räubern …

Eins

Zwei

Drei

Vier

… und Gendarmen

Eins

Zwei

Drei

Vier

EIN SACK vOLL GELD

DAS WEITE SUCHEN

Impressum

Wir arme Leut. Sehn Sie,

Herr Hauptmann, Geld. Geld.

Wer kein Geld hat. […] Unseins ist doch

einmal unselig in der und der andern Welt,

ich glaub, wenn wir in Himmel kämen,

so müssten wir donnern helfen.

G. Büchner, Woyzeck

***

Du musst das lesen.

Nein. Entschuldige. Du musst gar nichts. Wirklich gar nichts musst du. Außer vielleicht essen. Und schlafen. Und scheißen. Und irgendwann den letzten Schnaufer tun. Sonst kommt mir nichts in den Sinn, das du musst.

Das hätte ich dir gerne selbst gesagt. Obwohl es sicher besser ist, dass ich dir keine Lebensweisheiten aufgeschwatzt habe. Mit einem guten Rat hat schon so mancher sein Kind erschlagen. Da kenne ich ein paar Eltern, meistens sind es die Väter. Die gehen ihren Kindern auf den Geist, ihren Söhnen vor allem. Als wäre es ihre Aufgabe, ihnen zu zeigen, wo es langgeht. Die steigern sich da richtig hinein, können gar nicht mehr aufhören damit. Bis die Kinder größer sind als sie selbst. Ein Wettstreit, eine Rivalität, ein dauernder Kampf. Manche der Kinder zahlen es ihnen dann später heim, wenn sie die Stärkeren sind. Dann geht es in die andere Richtung, oder hin und her. Ein Gezerre, bis zum Ende.

Dir etwas aufzwingen, dir auf den Geist gehen. Das will ich nicht. Das will ich auf keinen Fall.

Ich bitte dich also. Ich bitte dich, das zu lesen, weil ich dir Dinge zu sagen habe, die ich dir nie gesagt habe. Vielleicht kann man das nicht nachholen. Noch dazu auf diesem Weg. Probieren muss ich es trotzdem.

Der Schorsch und ein Brief. Ausgerechnet, wirst du dir denken. Vorher bringt er das Maul nicht auf, und jetzt hört er gar nicht mehr auf damit und muss sogar das letzte Wort haben. Das Schreiben ist mir mindestens so fremd wie das Reden, aber anders geht es jetzt halt nicht mehr.

Ich habe zu wenig geredet. Mit dir zumindest. Dafür wird jetzt genug geredet, da bin ich mir sicher. Jeder glaubt, irgendwas zu wissen, und um eine Meinung ist sowieso niemand verlegen. Eine Meinung spuckt ein jeder aus, der etwas auf sich hält. Mit einer Meinung gibt man sich eine Bedeutung. Dafür schweigen die, die wirklich etwas wissen.

So entstehen die Geschichten, und es macht gar keinen Sinn, sich da einzumischen, am wenigsten von da aus, wo ich jetzt stehe.

Ich will aber, dass du ein paar Dinge direkt von mir hörst. Nicht, weil ich das für die Wahrheit halte oder die Wahrheit der anderen anzweifeln will. Ich habe mich an die Wahrheit geklammert, wie andere sich an ihren Gott. Fast schon fanatisch wollte ich immer bei der Wahrheit bleiben. Das mag ein Grund sein, warum ich nicht so viel geredet habe, weil im Leben ist das gar nicht so einfach, sich immer an die Wahrheit zu halten. Weil, was weiß man denn schon. Von der Wahrheit und überhaupt. Und wenn man etwas begreift, ist es ja nicht unbedingt angenehm, das will ja niemand hören.

Also lernt man, wie man sich auf die Zunge beißt, sonst hat man ja bald gar keine Freunde mehr. Aber jetzt, in der Lage, in der ich bin, fällt mir kein einziger Grund ein, dir etwas vorzumachen oder etwas zu verschweigen. Nicht der Wahrheit halber. Jetzt kümmert sie mich einen Dreck, die Wahrheit. Ich will nichts geraderücken, beschönigen oder klarstellen. Ich will dir nur sagen, was ich fühle, damit du mich ein kleines Stück weit verstehst. Damit du etwas von mir erfährst.

Es ist so mühsam. Ich brauche schon so viele Worte, dabei habe ich noch nicht einmal richtig angefangen.

aller zasteranfang

Eins

Seit dem Aufwachen denkt Schorsch nur an sein Vorhaben.

Beim Melken ist er fest entschlossen.

Beim Ausmisten regen sich wieder Zweifel. Er schaufelt den Mist in die Scheibtruhe, radelt sie nach draußen, balanciert über die wackeligen Bretter auf den Gipfel des Misthaufens, kippt den schweren, dampfenden Inhalt hinunter, atmet tief ein und wieder aus und schüttelt angewidert den Kopf. Er will nicht – nein, er kann nicht noch eine weitere Nacht in unruhigem Schlaf verbringen, um es dann erneut zu verschieben.

Er verteilt Stroh hinter den Kühen und füllt ihre Futtertröge. Eine nach der anderen hören die neun Tiere auf, sich zu beschweren, sobald sie ihre Mäuler in das Heu senken. Zuletzt ist die Stute dran. Rosi steht auf dem geschnitzten Schild über ihrer Box. Er schüttet eineinhalb Schöpfkellen Hafer in ihr Heu.

Wie schon die ganze Woche über bleiben die Tage im Dämmerzustand, es wird nie richtig hell. Schorsch öffnet den oberen Teil der Stalltür. Der Nebel hängt beharrlich auf rund 1.300 Metern und hüllt den Hof ein. Feuchte, lautlose Kälte, nicht einmal die Dohlen lassen von sich hören. An den meisten anderen Hängen im Tal greift der langatmige Chor der Schneekanonen der Natur unter die Arme. Schorsch schließt die Tür. Er streicht über Rosis Kopf.

Morgen drehen wir eine Runde. Wenn alles gut geht. Heute ist es so weit. Heute ziehe ich es durch.

Er tätschelt ihren Hals, als müsste er sie beruhigen.

Es wird schon gut gehen. Versprochen.

An der Verbindungstür zum Haus wechselt er, ohne auf seine Füße zu sehen, von den Gummistiefeln in die Klocker. Beim Durchschreiten des Türrahmens zieht er den Kopf ein, wie er es bei jeder Tür in dem Gebäude macht – so unwillkürlich, wie er einen Schritt vor den anderen setzt.

Er befeuert den Kachelofen, damit seine Mutter es wenigstens in der Stube warm hat. Die enge, steile Treppe nach oben ächzt bei jedem Schritt. Er wäscht sich. Beim Rasieren mit einem viel zu oft benutzten Einwegrasierer weicht er seinem Blick im Spiegel aus.

Er zieht Jeans, ein frisches Hemd und seinen Parka an, setzt sich aufs Bett und vergräbt seinen Kopf in den Händen. Als er aufsieht, erblickt er im Spiegel der offenstehenden Schranktür sein düsteres Gesicht, bis er sich schließlich einen Ruck gibt.

Er beugt sich hinunter und zieht eine Lade unter dem Bett hervor. Vorsichtig, als wäre es zerbrechlich, entnimmt er ein Stück Wollstoff und legt es auf seinen Schoß. Er klappt den Stoff auseinander und nimmt eine Pistole heraus. Er zieht sich den Stoff über den Kopf, seine Augen schauen aus einer Skimaske in den Spiegel. Er ergreift die Pistole und zielt auf sein Spiegelbild. Dann tut er so, als würde jemand neben ihm sitzen, den er bedroht. Er übt es mehrmals, schneller, aggressiver.

Er hört das Klappern des Geschirrs von unten aus der Küche, starrt wieder in sein Spiegelbild und reißt sich die Maske vom Gesicht.

In der Stube frühstückt er wortlos mit seiner Mutter Magdalena. Die Pendeluhr tickt. Der leidende Blick des geschnitzten Jesus am Kreuz und die ernsten Mienen der verstorbenen Verwandten ruhen auf ihnen. Es sind Fotografien von frisch Vermählten oder letzte Aufnahmen im Feiertagsgewand.

Nach der vierten Scheibe Brot mit Butter, Käse und Honig lehnt er sich mit seinem Kaffeebecher zurück. Magdalena räumt den Tisch ab.

Fährst in die Stadt?, fragt sie.

Er nickt.

Nimmst Polenta mit. Und Zahnpasta.

Er nickt.

Und eine Schokolade. Aber nicht die vom letzten Mal.

Die war im Angebot.

Ich weiß. Du weißt ja, welche ich mag. Und sonst nimm lieber keine. Es ist nicht so wichtig.

Sie lächelt ihn an.

Wirklich nicht.

Er nickt, trinkt den Kaffee aus und macht sich auf den Weg.

November 2006: Erster Raub

Das Radio ist so laut aufgedreht, dass die Musik das Rattern des Dieselmotors überdeckt. Vom Hof, hoch oben, in einem schattigen Seitental gelegen, fährt Schorsch die Serpentinen hinunter. Die Ladefläche seines Pritschen­wagens ist mit einem selbst zusammengeschweißten Gestell verbaut. Ein weithin sichtbarer, asymmetrischer Aufbau zur Befestigung von Ladegut, der sich je nach Ladung anpassen lässt und seine Form verändert. Eine nachlässig befestigte Plane, die zum Schutz vor der ­Witterung über die Ladung gespannt werden kann, flattert wie eine Fahne im Fahrtwind. Die Häuser stehen immer dichter, bis er in das mondäne, von betuchten Touristen und Zweitwohnsitzern geprägte Städtchen gelangt.

Er findet einen freien Platz auf einem Parkstreifen, zwischen Limousinen, Sportwagen und SUVs, mit freier Sicht auf eine gut fünfzig Meter entfernte Bankfiliale.

Es hat zu nieseln begonnen. Die Fenster sind beschlagen, was ihm gelegen kommt, da auf dem Gehsteig vorbeieilende Fußgänger nicht in das Wageninnere sehen können. Durch einen kleinen, runden, frei gewischten Kreis in der Windschutzscheibe beobachtet er mit dem Fernglas den Eingang der Bankfiliale. Als sich an der Scheibe zu viele Tropfen sammeln, rückt er auf den Beifahrersitz, kurbelt das Fenster ein Stück nach unten und beobachtet weiter. Sobald ein Bankkunde aus einem Auto aussteigt, sieht er sich das Nummernschild des Wagens an. Wenn es sich um ein ausländisches Kennzeichen handelt, folgt sein Blick ihnen, wenn sie wieder aus der Bank kommen. Als ein älterer Mann mit einer Plastiktasche die Bank verlässt und in seinen Wagen steigt, rückt Schorsch zurück auf den Fahrersitz. Er zögert, dann dreht er entschlossen am Zündschlüssel, zuerst springt das Radio mit dröhnendem Stoner Rock an, dann der Dieselmotor. Während er dem deutschen Auto folgt, beugt er sich hinüber und kurbelt das Fenster nach oben. An einer roten Ampel vor einer Baustelle stoppt er direkt hinter dem Wagen. Er schaut sich um, niemand ist zu sehen. Er schaltet das Radio aus, öffnet das Handschuhfach, greift nach Pistole und Skimaske, stülpt sich diese über und will aussteigen. Die Ampel schaltet auf Grün, der Wagen vor ihm fährt los.

Scheißdreck.

Schorsch reißt sich die Maske vom Kopf und fährt dem Wagen weiter hinterher, durch das Tal, aus ihm hinaus, nervös in sich hineinfluchend biegt er mit Vollgas auf eine Autobahnauffahrt. Er dreht das Radio wieder an, noch lauter, um den Motor zu übertönen, der am Anschlag läuft. Der Deutsche ist zu schnell. Er verliert ihn aus den Augen, bis er sieht, wie dieser blinkend langsamer wird und an einer Tankstelle abfährt. Schorsch bleibt hinter ihm auf einem Parkplatz stehen und sieht dem Mann dabei zu, wie er seinen Wagen betankt.

Als der Deutsche in das Gebäude geht, um zu bezahlen, steckt Schorsch die Pistole ein und hält die Mütze bereit. Er beobachtet, wie der Mann noch einen Snack kauft und bezahlt. Schorsch steigt aus und nähert sich dem Wagen – langsam, weil er meint, das sei unauffällig. Der Mann kehrt zurück, sperrt seinen Wagen auf und setzt sich ans Steuer. Schorsch zieht sich die Skimaske über den Kopf, reißt die Beifahrertür auf und lässt sich auf den Sitz fallen, mit der Pistole im Anschlag.

Das Geld!

Der Mann hebt seine Hände. Schorsch stupst ihn mit der Pistole an, es wirkt nicht sehr bedrohlich. Zitternd greift der Mann nach seiner Geldbörse. Er ist viel älter, als Schorsch dachte.

Das andere! Den Sack! Her damit!

Schorsch folgt dem Blick des Alten, öffnet das Handschuhfach und zieht den Plastikbeutel heraus. Er leert den Inhalt auf der Mittelkonsole aus. Einige Tausend Euro in kleinen Scheinen. Schorsch steckt sich ungefähr die Hälfte in die Taschen, den Rest wirft er dem Deutschen in den Schoß, zuletzt den leeren Beutel. Der Mann schaut noch überraschter als bei Schorschs Einsteigen.

Steuernachzahlung, erklärt Schorsch.

Der Beraubte lässt die Hände sinken.

Du fährst jetzt sofort weiter, sonst!

Er fuchtelt mit der Waffe herum.

Der Alte nickt eingeschüchtert, Schorsch steckt die Pistole ein, steigt aus, geht ein paar Schritte weg, der Wagen mit dem deutschen Kennzeichen fährt los. Mit rasendem Puls und keuchendem Atem schaut Schorsch ihm noch nach, als er längst außer Sicht ist. Menschen gehen vorbei, jemand kichert. Endlich reißt er sich die Maske vom Kopf. Er greift nach den Banknoten in seiner Hose. Er zwingt sich, tief und langsam zu atmen, schließt die Augen und beruhigt sich allmählich. Als er die Augen öffnet, tastet er nochmals nach den Scheinen. Auf staksigen Beinen setzt er sich in Bewegung, stolpert wie ein Betrunkener zu seinem Pritschenwagen.

Rund eine Stunde später herrscht in der Bankfiliale der übliche, ruhige Betrieb. Katharina ist als Privatkundenbetreuerin in ihrem Büro in ein Gespräch mit einem Kunden verwickelt, dem sie verschiedene Produkte präsentiert. Vom Schalterraum dringen Stimmen zu ihnen, gedämpft, aber ungewöhnlich, dann ein kurzer, spitzer Schrei. Katharina entschuldigt sich, um nachzusehen, was los ist. Im Schalterraum stehen Kunden regungslos herum, die Bankmitarbeiter sind hinter ihren Schaltern erstarrt. Alle blicken zu dem Mann, der kurz zuvor in die Filiale gestürmt ist. Es ist der ältere Deutsche, den Schorsch an der Tankstelle um die Hälfte seines Geldes erleichtert hat.

Ich wurde ausgeraubt! Ein Überfall, verstehen Sie?, ruft er.

Ein Kunde reißt seine Hände über den Kopf, eine Kundin tut es ihm gleich, lässt sie langsam wieder sinken.

Herr Rauhut.

Katharina geht auf ihn zu, legt eine Hand auf seine Schulter. Da bemerkt sie, dass der Mann sich in die Hose macht.

Herr Rauhut. Kommen Sie bitte, ich bringe Sie zur Kundentoilette, flüstert sie ihm diskret zu.

Zögerlich folgt er ihr ein paar Schritte, Kunden und Angestellte rühren sich wieder, nehmen ihre Gespräche auf, ohne ihn ganz aus den Augen zu lassen. Herr Rauhut bleibt stehen.

Der hat genau gewusst, dass ich das Geld bei mir hatte, verstehen Sie?

Nun kommen Sie erst einmal mit zur Toilette.

Toilette? Aber ich muss doch gar nicht!

Er sagt es so laut, dass einige ihr Lachen nicht unterdrücken können.

Am besten, wir rufen die Polizei, meint Katharina vertraulich und geleitet ihn weiter.

Nach ein paar Schritten stoppt er erneut.

Die Polizei. Das geht nicht. Das wissen Sie doch, dass das nicht geht.

Er sieht sie kopfschüttelnd an, sie verzieht keine Miene. Sie haben nie darüber gesprochen, woher seine Einlagen stammen, wie sie erwirtschaftet wurden. Doch sie wissen beide, dass es sich um unversteuerte Einkünfte handelt, um Geld, von dem man keiner Behörde erzählt, weil man dadurch in größere Schwierigkeiten zu geraten droht.

Herr Rauhut wirkt verwirrt, er schaut nach oben, als überlegte er, was er hier wollte, vielleicht sogar, wie er hierhergekommen ist. Schließlich macht er kehrt. Mit gesenktem Kopf und kleinen Schritten geht er nach draußen.

Zwei

Schorsch steuert den Wagen durch ein Eingangstor. Die Einfahrt führt durch einen gepflegten Garten zu einem neuen, ganz in Weiß gehaltenen Gebäude. Er stellt seinen Wagen neben zwei SUVs ab, beide beschriftet mit Werbung für eine Immobilienagentur. Robert&Marlies Hochstaffel – Luxury Homes steht zwischen den lächelnden Gesichtern einer Frau und eines Mannes. Schorsch klingelt an der Tür zu der Villa, der Mann von der Werbung öffnet, nicht lächelnd, die Tür.

Schorsch.

Robert.

Er kommt gleich.

In Ordnung.

Schorsch starrt auf den Boden, Robert mustert ihn, weicht seinem Blick rasch aus, wenn Schorsch kurz aufschaut.

Ach, komm doch herein.

Schorsch durchquert das Haus bis zum Zimmer seines zwölfjährigen Sohnes, den er wie in einem Wimmelbild zwischen all den Spielsachen nicht erkennt, bis er sich, hinter seinem Computer auf dem Boden liegend, rührt.

Hallo, Lukas!

Hallo.

Lukas klappt den Computer zu, rafft sich auf, schnappt sich seinen gepackten Rucksack und geht an Schorsch vorbei aus dem Zimmer, ohne seinen Vater anzusehen. Der folgt ihm zum Pritschenwagen.

Schorsch! Hast du noch einen Moment, bitte?

Marlies, seine Ex und Mutter seines Sohnes, kommt aus der Tür. Sie umarmt ihn zur Begrüßung, was er über sich ergehen lässt.

Du weißt doch, wegen der Alimente.

Robert kommt zu ihr und legt demonstrativ seinen Arm um sie.

Schorsch zückt seine Geldtasche, zieht ein Bündel ­Fünfziger heraus und zählt die Scheine vor ihr ab. Die beiden zählen staunend mit.

Hast eine Kuh verkauft?

Oder eine Bank überfallen?

Kannst du das Geld nicht einfach überweisen – so, wie das alle machen?

Schorsch will die Scheine wieder einstecken, doch Marlies hält ihn zurück und nimmt das Geld an sich.

Im nächsten Monat mit Überweisung, okay?

Schorsch nickt und geht zum Wagen, wo Lukas so gelangweilt tut, als hätte er seit Stunden auf ihn gewartet.

Mit Kopfhörern, aus denen Hip-Hop-Musik dröhnt, trottet Lukas durch die Gänge eines Baumarktes hinter seinem Vater her. Der legt eine Axt, ein Sappie, Nägel, Schrauben, Kettensägenöl, Klebeband und mehrere Rollen Stacheldraht in den Einkaufswagen. Vor der Kassa wird eine Spielkonsole beworben. Lukas schaut sie sich kurz an, schon legt Schorsch sie zu Lukas’ Verwunderung zu den anderen Einkäufen.

Im Hinterhof eines Privathauses sieht Lukas dabei zu, wie Schorsch feilschend eine gebrauchte Waschmaschine von einem Mann gegen Bargeld erwirbt. Während die beiden sich abmühen, um die Waschmaschine auf die Ladefläche des Pritschenwagens zu wuchten, rührt Lukas keinen Finger, nur ein Bein bewegt sich im Rhythmus der Musik.

Bevor er den Motor startet, wendet Schorsch sich seinem Sohn zu.

Jetzt gehen wir auf ein Eis, beschließt er und lächelt. Lukas versteht kein Wort, macht keine Anstalten, die Kopfhörer abzunehmen und wartet regungslos, bis sein Vater losfährt.

Im Zentrum des mondänen Städtchens ist wenig los, weil Nebensaison. Die Geschäfte sind leer, doch in den Cafés sitzen einige Gäste oder Zweitwohnsitzer, hängen an Telefon und Laptop oder genießen einfach die Sonnenstrahlen, weil ihr Geld auch ohne ihr Zutun für sie arbeitet. Die Gäste mustern einander diskret. Anhand der Kleidungsmarken vermögen sie einander einzuschätzen: Altes Geld, neues Geld – großes Vermögen, mittleres Vermögen. Schorsch und Lukas werden beiläufig taxiert, bevor sie zu Luft werden.

Die beiden setzen sich in ein Café. Jeder für sich studiert die Karte. Sie sind die Einzigen weit und breit, die hier geboren wurden, doch Schorsch ist augenscheinlich fehl am Platz: die verschmutzte Arbeitskleidung, der Hut, die klobigen Schuhe, sein klappriger Gang. Lukas hingegen würde mit seiner Markenkleidung unter den betuchten Gästen nicht auffallen. Die Kellnerin nähert sich mit gezücktem Notizblock.

Was darf ich den Herrschaften bringen?

Lukas nimmt die Kopfhörer ab.

A Seiddä. Ein Seidl Bier, bitte.

Ein kleines Bier, sehr wohl. Und für den jungen Mann?

Einen gemischten Eisbecher, bitte.

Wunderbar, kommt sogleich.

Wir werden uns jetzt öfter sehen. Ich möchte, dass du jede Woche bei mir bist.

Lukas reagiert nicht.

Ist das für dich in Ordnung?

Lukas zieht die Schultern hoch.

Hast du nichts dazu zu sagen?

Sie schweigen, bis die Kellnerin serviert. Schorsch zahlt sofort. Lukas beginnt sein Eis zu löffeln während Schorsch das Bierglas zwischen seinen Pranken dreht und nur betrachtet. Als Lukas den halben Eisbecher gegessen hat, hält er inne. Im Gegensatz zu seinem Vater spricht er Hochdeutsch.

Jetzt auf einmal?

Ich wollte das immer, aber es war schwierig zwischen deiner Mutter und mir.

Wie du weißt, bin ich minderjährig, also kann ich das ohnehin nicht entscheiden. Mama ist bestimmt froh, wenn sie mich nicht die ganze Zeit bei sich haben muss.

Deine Mutter hat dich genauso gern bei sich wie –

Bald bin ich ein Teenager. Niemand mag Teenager.

So ein Blödsinn. Deine Mutter liebt dich. Und ich –

Teenager mögen sich nicht einmal selbst. Das ist normal. Das weiß doch jeder.

Bis auf einen letzten Rest leert Schorsch sein Glas in einem Zug, dann sieht er Lukas dabei zu, wie der sein Eis weiterlöffelt.

Ich hab dich einfach wahnsinnig gern.

Ohne aufzusehen, verdreht Lukas die Augen. Als er den Boden des Bechers auskratzt, nimmt Schorsch den letzten Schluck Bier im Aufstehen, geht los, Lukas wischt sich schnell den Mund ab und beeilt sich, um ihm zu folgen.

Auf dem Weg über den Hauptplatz sieht Schorsch von Weitem eine junge, uniformierte Polizistin im heiteren Gespräch mit einem jungen Mann. Er schaut genau, mit wem sie spricht, dann versucht er, ihr aus dem Weg zu gehen. Als sie ihn entdeckt, steuert sie direkt auf ihn zu und stellt sich in seinen Weg.

Johanna!, gibt er sich überrascht.

Du gehst mir aus dem Weg.

Als sie Lukas sieht, wird ihre Stimme weicher.

Hallo Lukas, alles klar?

Alles klar.

Johanna tritt näher zu Schorsch.

Wann sehen wir uns?

Ihre Nähe ist ihm vor Lukas unangenehm.

Melde dich, okay?

Mach ich.