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Nur noch dieses eine Paar! Lorna kann nicht anders: sie ist wehrlos bei Stilettos und kauft Pumps auf Pump. Aber was tun, wenn die Schulden höher sind als die Manolos? Lorna sucht per Anzeige andere Schuhsüchtige und lernt Helen, Sandra und Jocelyn kennen. Sie alle laufen mit Größe 38 durchs Leben, aber was sie außer Schuhen ins Träumen und ins Stolpern bringt, ist höchst unterschiedlich. Eigentlich suchen sie ja nur nach dem perfekten Schuh, aber auf einmal entdecken sie, dass das Glück nicht immer in einem Karton stecken muss. »Schuhtick ist witzig und baut richtig auf. Ein echter Lesespaß.« Susan E. Phillips
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Seitenzahl: 443
Veröffentlichungsjahr: 2011
Beth Harbison
Schuhtick
Roman
Roman
Aus dem Amerikanischen von Adelheid Zöfel
Fischer e-books
Sex im Karton. Genau das war’s. Spannender, atemberaubender, dekadenter Sex in einem Karton.
Lorna Rafferty schob das Papier beiseite, der berauschende Ledergeruch stieg ihr in die Nase, und sofort spürte sie ein Ziehen im Bauch, das sie gut kannte. Dieses Gefühl – diese Erregung – nutzte sich nicht ab, egal, wie oft sie das Ritual zelebrierte.
Lächelnd berührte sie das makellos verarbeitete Material. Die große Verführung – eine verbotene Lust der edelsten Sorte, sinnlich, taktil, hedonistisch. Ihre Haut kribbelte von Kopf bis Fuß.
Mit den Fingerspitzen strich sie über die glatte Oberfläche, folgte hingebungsvoll der eleganten Wölbung der Sohle, wie eine Katze, die sich in der Mittagssonne streckte; genoss den scharfen, aber beglückenden Stich des Absatzes. Ja. Jajaja! Das war heiß.
Natürlich wusste sie, dass es eine Sünde war. Zwölf Jahre an einer katholischen Schule hatten ihre Wirkung getan: Für diese Wollust würde sie später büßen müssen.
Ach, egal. Sie hatte sich seit Jahren danach gesehnt.
Die Summe musste sich einreihen in die allgemeine Liste der Schulden.
Und bis das alles geregelt war, hatte sie diese Plateausandaletten von Gucci als Trost, zehenfrei und mit Riemchen um die Knöchel. Mit diesen göttlichen Schuhen würde sie, wenn nötig, direkt ins Fegefeuer spazieren.
Eines der wenigen Dinge, an die sie sich bei ihrer Mutter erinnerte, waren ihre Schuhe. Die klassisch schwarz-weißen Pumps. Oder die winzigen rosaroten Sandaletten mit den zierlichen Absätzen. Und natürlich ihre absoluten Lieblinge: die langen, schmalen Satinschuhe, mit den schicken Heels, die aussahen wie geschwungene Kommas, und den kleinen Schleifchen vorn, die schon ein bisschen ausgefranst waren, weil die Hochzeit doch ziemlich lang zurücklag.
Wenn sie die Augen schloss, sah Lorna sich selbst, wie sie als Kind die winzigen Füßchen in diese Schuhe steckte – die Absätze hatten verräterisch geklappert, als sie über den verblassten Perserteppich im Schlafzimmer ihrer Eltern schlappte, zu ihrer Mutter, die in ihrer Erinnerung nur noch aus einem Wirbel blonder Haare, aus einem übermütigen Lachen und der Fleur de Rocaille-Parfümwolke von Caron bestand.
Nach allem, was sie über ihre Mutter wusste oder woran sie sich noch zu erinnern glaubte, und nach allem, woran sie sich nicht erinnern konnte, schien eines sonnenklar: Die Liebe zu Schuhen war erblich.
Sie holte die Guccis behutsam aus der Schachtel. Nein, sie wollte nicht mehr daran denken, wie sie sich gefühlt hatte, als sie ihre Kreditkarte hinüberreichte und darauf wartete – wie eine Spielerin, die alles auf Rot gesetzt hat –, ob die ferne, nebulöse Überprüfungskommission, die das Kreditkarten-Roulette steuerte, mit Ja oder Nein antworten würde.
Diesmal war es ein Ja gewesen.
Sie hatte den Zettel unterschrieben und (sich selbst) geschworen: Ja, natürlich bezahle ich! Kein Problem! Mein nächstes Gehalt geht zu einem guten Teil für diese Schuhe drauf. Dazu machte sie ein Gesicht wie eine Frau, die bei jeder Kreditkartenrechnung augenblicklich die Gesamtsumme beglich und deren Leben nicht von heute auf morgen, ohne große Vorankündigung, von Visa oder MasterCard übernommen werden konnte.
Pfffft.
Die andere Stimme hatte sie verdrängt, die Stimme, die flüsterte: Ich darf das eigentlich nicht, und ich schwöre, hier und jetzt, bei Gott oder bei sonst irgendjemandem: Wenn diese Buchung durchgeht, werde ich nie wieder Geld ausgeben, das ich nicht habe.
Über die möglichen Nebenwirkungen wollte sie lieber gar nicht nachdenken.
Könnte man beim Wegschieben quälender Geldsorgen Kalorien verbrennen, dann hätte sie Größe 34.
Voller Genuss betrachtete sie die Schuhe in ihrer Hand. Dann zog sie sie an.
Ahhhh.
Die totale Magie.
Eine Lust, die, wenn man richtig damit umging, ein Leben lang anhalten konnte. Eine Lust, die sie immer herbeizaubern konnte, egal, in welcher Stimmung sie war.
Es machte nichts, dass sie mit Kreditkarte zahlen musste – bei ihrer nächsten Gehaltszahlung würde sie ja ein paar Dollar für das Abbezahlen ihrer Schulden abzweigen. In zwei, drei oder allerhöchstens vier Jahren – vier würde bedeuten, dass sie nicht so superstreng auf ihre Ausgaben achten musste – waren sämtlich Schulden getilgt. Pumps auf Pump – na wenn schon?
Denn diese Guccis waren dann immer noch so phantastisch wie jetzt. Und vermutlich doppelt so viel wert. Wenn nicht noch mehr. Diese Schuhe waren Klassiker. Zeitlos.
Eine hervorragende Investition.
Und gerade als Lorna das dachte, gingen im Wohnzimmer ihrer kleinen Wohnung in Bethesda, Maryland, die Lichter aus.
Ihr erster Gedanke war, dass die Elektrizitätswerke ihr den Strom abgestellt hatten. Aber nein … sie hatte die Rechnung doch rechtzeitig bezahlt. War ihr irgendwie entgangen, dass es gewitterte? Die Sommer in Washington, D. C. und Umgebung waren berühmt berüchtigt für ihre schwüle Hitze, und die ersten Augusttage dieses Jahr bildeten da keine Ausnahme. Bürger wie sie bezahlten brav jeden Monat ihre Gebühren, aber es konnte passieren, dass manchmal – an sehr heißen Sommertagen – stundenlang der Strom ausfiel, oft sogar den ganzen Tag.
Sie stand vom Sofa auf und stolperte in ihren neuen Gucci-Schuhen hinüber zum Tischchen im Flur, wo sie gerade ihr Handy auflud. Sie rief den Energieversorger an und erwartete eigentlich, man würde ihr mitteilen, die Kunden hätten einfach das Netz überstrapaziert, weil sie rücksichtslos ihre Klimaanlagen aufgedreht hätten; der Strom werde gleich wieder kommen. Vielleicht sollte sie ins Shopping Center fahren und in der kühlen Luft dort ein, zwei Stunden totschlagen, bevor sie zur Arbeit ging, dachte sie, während sie die Nummer auf ihrem alten pinkfarbenen Princess Phone wählte, in das sie ihre Geheimnisse flüsterte, seit sie zwölf war.
Zehn Minuten später – und nachdem sie mindestens vierzehn Tasten gedrückt hatte, um weiterverbunden zu werden –, bekam sie von einer Vertreterin der Elektrizitätswerke, die sich als Mrs.Sinclair vorstellte (ohne Vornamen!), die Antwort, die sie insgeheim befürchtet hatte.
»Ma’am, Ihr Strom wurde gesperrt, weil Sie die Rechnung nicht beglichen haben.«
Okay, okay – aber dieses Ma’am klang total verächtlich. Und zweitens – nicht bezahlt? Das konnte doch gar nicht sein. Es war erst zwei Wochen her, da hatte sie ein paar Abende nacheinander reichlich Trinkgeld bekommen und war dann nach Hause gegangen, um verschiedene Rechnungen zu bezahlen, oder? Wann war das gewesen? Mitte Juli? Anfang Juli? Auf jeden Fall nach dem 4.Juli.
Oder – halt, vielleicht auch nach Memorial Day. Na ja, das wäre dann Ende Mai gewesen. Jedenfalls nach einem dieser Feiertage, an denen man immer irgendwo im Freien grillte. Sie hatte diese unglaublich süßen pinkfarbenen Delman-Sandaletten getragen.
Misstrauisch beäugte sie den Stapel Post auf dem Tischchen neben der Tür. Dieser Stapel wuchs immer so schnell! »Was ist bei Ihnen als letzter Zahlungstermin vermerkt?«, fragte sie pikiert.
»Der achtundzwanzigste April.«
In Gedanken blätterte sie die Kalendermonate zurück, wie am Anfang eines schlechten Films aus den dreißiger Jahren. Gut, sie hatte im Juli diese zusätzliche Kohle verdient, aber vielleicht war es ihr tatsächlich entfallen, die Stromrechnung noch rechtzeitig zu bezahlen. Aber im Monat davor, im Juni, hatte sie garantiert pünktlich bezahlt. Oder konnte es sein, dass die Zahlung schon bis Mai zurücklag?
Aber doch ganz bestimmt nicht April! Nein! Nie und nimmer. Es musste sich um einen Fehler handeln. »Das kann nicht sein. Ich –«
»Wir haben am fünfzehnten Mai und am fünften Juni jeweils noch einmal eine Rechnung rausgeschickt.« Der vorwurfsvolle Unterton in Mrs.Sinclairs Stimme war nicht zu überhören. »Und dann haben wir Ihnen am neunten Juli mitgeteilt, dass wir leider den Strom sperren müssen, wenn wir nicht bis zum heutigen Datum die Zahlung erhalten haben.«
Gut, sie erinnerte sich vage, dass sie sich irgendwann vorgenommen hatte, jetzt aber wirklich alle Rechnungen zu erledigen, und dann war ihr eine Notiz ins Haus geflattert, dass Nordstrom seinen halbjährlichen Schlussverkauf veranstalte.
Ach, war das ein herrlicher Tag gewesen. Diese zwei Bruno-Magli-Paare, ein absolutes Schnäppchen! Und so bequem, dass sie darin meilenweit laufen könnte.
Aber im nächsten Monat hatte sie definitiv alles bezahlt. Oder etwa doch nicht?
»Nein, warten Sie bitte einen Moment, ich möchte etwas in meinen Dateien nachsehen.« Lorna hastete zum Computer und drückte die Taste. Erst nach fünf Sekunden begriff sie, dass der Computer, in dem sie die Unterlagen gespeichert hatte, eben den Strom brauchte, den diese blöde Frau am anderen Ende der Leitung ihr nun vorenthielt. »Ich bin mir sicher, dass ich mich erinnern würde, wenn Sie mir eine Mahnung geschickt hätten.«
»M-hm.«
Sie sah Mrs.Sinclair vor sich: eine bösartige bucklige Zwergin, die unter einer Brücke hockte, mit verkniffenem Gesicht und wirren Haaren. Du willst Strom? Da musst du erst an mir vorbei. Aber vorher musst du folgendes Rätsel lösen: Wann hast du das letzte Mal deine Stromrechnung bezahlt? Lorna seufzte genervt und griff nach ihrem Geldbeutel. Sie kannte diese Situation nur zu gut. »Okay, vergessen Sie’s. Sagen Sie mir einfach, was ich tun muss, damit Sie den Strom wieder anstellen. Kann ich das telefonisch regeln?«
»Selbstverständlich. Es dreht sich um achthundertsiebzehn Dollar und sechsundzwanzig Cent. Wir akzeptieren Visa,
MasterCard oder Discover.«
Diesen Schock musste Lorna erst einmal verdauen. Irrtum! Das war ein Irrtum! Es konnte gar nicht anders sein. Ein Irrtum. »Achthundert Dollar?«, wiederholte sie benommen.
»Achthundertsiebzehn sechsundzwanzig.«
»Im Juni war ich eine ganze Woche lang nicht hier.« Ocean City. Sieben Tage in Espadrilles und griechisch geschnürten Riemchensandalen hatten ihr das Gefühl gegeben, Urlaub am Mittelmeer zu machen. »Wie soll ich da Strom im Wert von achthundert Dollar verbrauchen? Das kann doch gar nicht stimmen.« Irgendetwas war hier falsch gelaufen. Bestimmt hatten sie ihre Unterlagen verwechselt. Ganz sicher sogar!
Vielleicht war es die Gemeinschaftsrechnung für das gesamte Stockwerk hier im Gebäude.
»Die Rechnung schließt eine Entsperrungsgebühr von hundertfünfzig Dollar ein sowie eine Hinterlegung von zweihundertfünfzig Dollar, zusätzlich zu Ihrer Rechnung, die sich auf dreihundertachtundneunzig beläuft. Dazu kommt eine Bearbeitungsgebühr von achtzehn Dollar –«
»Was ist denn eine Entsperrungsgebühr?« Das hatten sie bisher noch nie von ihr verlangt.
»Die Gebühr dafür, dass Ihr Stromanschluss erneut aktiviert wird, nachdem er gesperrt wurde.«
Das war doch nicht zu fassen. »Wieso?«
»Ms. Rafferty, wir mussten Ihren Strom abstellen und müssen ihn jetzt wieder anstellen.«
»Das heißt – was? Sie müssen irgendeinen Schalter drehen oder was?« Sie malte sich aus, wie Mrs.Sinclair mit verkniffener Miene und böse glitzernden Augen neben einem riesigen Hebel saß, auf dem AN/AUS stand. »Sie erwarten, dass ich dafür hundertfünfzig Dollar bezahle?«
»Ma’am« – da war er wieder, dieser widerlich herablassende Ton – »Sie können tun, was Ihnen gefällt. Wenn Sie wieder Strom haben wollen, kostet Sie das achthundertundachtzehn Dollar und drei Cent.«
»Moment mal!«, protestierte Lorna. »Vor einer Sekunde haben Sie noch gesagt, es sind achthundertsiebzehn und ein paar Zerquetschte.«
»Unser Computer hat gerade alles neu berechnet, und dabei sind die heutigen Zinsen addiert worden.«
Es wurde heiß in der Wohnung. Lag es daran, dass die Klimaanlage nicht lief? Oder daran, dass Lorna die Geduld mit Mrs.Sinclair verlor – die vermutlich gar nicht verheiratet war und sich nur die Anrede Mrs. ans Revers heftete, obwohl sie garantiert seit Jahren keinen Sex mehr gehabt hatte – wenn überhaupt je.
Das heißt – bestimmt hieß sie gar nicht Sinclair. Der Name war ein Pseudonym, damit die Leute sie nicht aufspüren konnten, weil sie die Dame sonst zu Hause abmurksen würden, nachdem sie mit ihr telefoniert hatten.
»Kann ich bitte mit Ihrem Vorgesetzten sprechen?«, sagte Lorna.
»Ich kann einen Vermerk machen, dass jemand Sie innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden noch einmal anrufen soll, Ma’am, aber an Ihrer Rechnung wird das nichts ändern.«
Außer dass noch mehr Zinsen dazu kamen, versteht sich.
Lorna schaute auf die Visakarte in ihrem Geldbeutel. Sie war praktisch noch warm von ihrem Gucci-Kauf. »Gut.« Die Schlacht war vorüber. Lorna hatte verloren. Ach, verdammt, sie stand kurz davor, den ganzen Krieg zu verlieren. »Ich bezahle mit Visa.« Vorausgesetzt, die Zahlung ging durch.
Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, das Knistern von Mrs.Sinclairs Befriedigung in der Leitung zu hören. »Buchstabieren Sie mir bitte Ihren Namen, so wie er auf der Karte steht … «
Nachdem Lorna aufgelegt hatte, beschloss sie, die Post auf dem Tischchen durchzugehen, um zu sehen, ob wirklich eine Mahnung von den Elektrizitätswerken dabei war. Eigentlich glaubte sie immer noch, dass es sich um eine Fehlbuchung handelte. Jedenfalls so halb. Irgendjemand hatte hier einen Fehler gemacht.
Ja, und was für einen Fehler. Sehr viele Fehler sogar, merkte sie, nachdem sie sämtliche Umschläge geöffnet hatte, den ganzen scheußlichen Haufen. Und diese Fehler gingen alle auf ihre Rechnung.
Klar – Lorna wusste schon seit einer ganzen Weile, dass sie die Briefe durchgehen müsste. Der Stapel lag immer neben der Tür und schien bedrohlich zu glühen, aber sie hatte versucht, ihn konsequent zu ignorieren, genauso wie den dumpfen Druck, den sie immer im Magen spürte, wenn sie daran vorbeiging oder wenn sie mitten in der Nacht daran dachte, weil sie nicht schlafen konnte. Sie hatte nicht genug Geld, um ihre Rechnungen zu bezahlen, aber sie redete sich immer ein, bald würde sie es schaffen: die nächste Gehaltszahlung, ein Abend mit üppigen Trinkgeldern. Aber ihre Ausgaben waren außer Kontrolle geraten, und im Grund wusste sie das ganz genau.
Ihr war allerdings nicht klar gewesen, dass sie komplett außer Kontrolle geraten waren.
Was, in drei Teufels Namen, hatte sie mit dem ganzen Geld gemacht?
Und wieso fühlte sie sich trotzdem so leer?
Sie lebte nicht besonders extravagant. Sie ging selten aus, und es war auch nicht so, als säße sie permanent zu Hause herum und tränke Dom Pérignon. Das einzige, was sie sich kaufte und was man eventuell als nicht unbedingt notwendig betrachten konnte, war ein Paar Schuhe hier und da. Das heißt, wenn man bei Schuhen überhaupt sagen konnte, dass man sie nicht brauchte.
Gelegentlich entdeckte sie ein tolles Paar, und dann kaufte sie noch ein zweites, für den Fall des Falles. Wie zum Beispiel die Bruno-Magli-Schuhe letzten Sommer. Aber jetzt mal ernsthaft – ein Paar Schuhe kostete nur einen Bruchteil der Summe, die jeden Monat für die Miete draufging. Wie konnten diese vergleichsweise geringen Ausgaben dann zu Zehntausenden von Dollar Miesen führen?
Bis jetzt hatte sie immer geglaubt, sie könnte ihre Schulden nach und nach abbezahlen. Sie würde Geld verdienen, die Rechnungen durchgehen – und dann war alles wieder im Lot. Es gab Abende, an denen sie im Restaurant 250 oder sogar 350 Dollar Trinkgeld einnahm. Der August war für die Gastronomie grundsätzlich ein lascher Monat, aber wenn dann der September kam, würde sie wieder einiges mehr kassieren.
Aber nachdem sie jetzt die ganzen Rechnungen angeschaut hatte, traf es sie mit voller Wucht: Sie würde niemals genug Geld verdienen, um diese Schulden loszuwerden. Es waren Verzugsgebühren, Überziehungsgebühren, Mahngebühren … zwei ihrer fünf Kreditkarten hatten den Zinssatz auf fast dreißig Prozent erhöht. Bei einer der Karten musste sie jeden Monat eine Mindestsumme von 164 Dollar löhnen, und davon waren 162 schlicht und ergreifend nur für die Zinsen. Selbst Lorna konnte sich ausrechnen, dass es Jahrzehnte dauern würde, diese Summe in Zwei-Dollar-Schritten abzuzahlen.
Und das setzte außerdem voraus, dass sie die Karte gar nicht mehr verwendete.
Sie hatte ein Problem.
Und dieses Problem war ein gigantischer Schuldenberg.
Es hatte ganz harmlos angefangen, mit einer Sears-Kreditkarte, die das Kaufhaus ihr großzügigerweise während ihres ersten Jahrs am College zugeschickt hatte. Lorna war in einer vornehmen Vorstadt von Washington aufgewachsen, in Potomac, Maryland, und hatte irgendwie angenommen, dass der Lebensstandard der gehobenen Mittelschicht aus der Surburb für sie nicht nur eine Selbstverständlichkeit war, sondern dass sie ihn übertreffen würde. Die Jugend in Potomac war nur der Anfang, nicht der Höhepunkt ihres Lebens gewesen.
Als sie die Kreditkarte bekommen hatte, fand sie es völlig normal, dass sie ein paar kleinere Anschaffungen tätigte, für die sie selbst bezahlte.
Ihre erste selbständige Anschaffung war ein rotes Paar Keds gewesen. Sie hatte sie auf dem durchsichtigen Acryl-Ständer erspäht und sofort ein wunderschönes Bild vor sich gesehen: wie sie mit ihren Freunden in Chesapeake Bay am Hafen saß, ihre Haut gleichmäßig gebräunt von der Sonne, die blonden Haare leuchtend wie auf der Packung von Clairol Hydrience 02Beach Blonde, und ihr neuer Freund – Sohn einer wohlhabenden Familie, die in Washington und Umgebung mehrere Autohäuser besaß – war so verliebt in sie, dass er ihr sofort einen Heiratsantrag machte und sie beide glücklich und zufrieden miteinander leben würden.
Für nur elf Dollar und neunundneunzig Cent – plus fünf Prozent Steuer und nur sechzehn Prozent Zinsen auf der Sears-Karte – waren die Keds eine super Sache, oder? Sie würde sie bezahlen, noch bevor die Kreditkartenrechnung kam.
Aber als sie aus dem Geschäft ging, sah sie noch ein paar Sachen, die sie ebenfalls lockten: der neue Walkman von Sony kostete nur neunundneunzig Dollar – das war doch extrem günstig, und schließlich konnte es ihr keiner verübeln, wenn sie sich diese kleinen Silberohrringe gönnte, die aussahen wie niedliche Flip-Flops …
Leider war Lorna gerade ein bisschen knapp bei Kasse, als sie die Rechnung bezahlen sollte, und ihr Freund ließ sie ein paar Wochen später sitzen, nachdem er sie ziemlich spektakulär bei ihrer eigenen Geburtstagsparty mit ihrer besten Freundin betrogen hatte; sie hatte den ganzen Sommer über irgendwelche Jobs, alle drinnen, weshalb sie alles andere als braungebrannt war, und die herausgewachsenen mausbraunen Haare hingen aufgrund der trockenen Luft in den Büroräumen schlaff herunter und wehten ihr nicht golden glänzend ums Gesicht, während sie am Heck eines Segelbootes stand und ins große Glück gondelte, wie sie es sich ausgemalt hatte.
Doch dann kam der Herbst, und sie lernte einen neuen Mann kennen – einen, der für sein Leben gern Salsa tanzte. Die Schuhe waren phantastisch. Stilettos, Riemchensandalen, und überhaupt war der Mann ein Wirklichkeit gewordener Traum. Billig war das alles nicht, aber wer schaute bei einem Traum schon auf das Preisschild?
Natürlich ging der Traum irgendwann zu Ende, Lorna wachte auf und machte ihren College-Abschluss ohne Freund. Was nicht bedeutete, dass ihr unterwegs nicht wunderbare Schuhe begegneten – sie machte zum Beispiel einen Ballettkurs (zwar schaffte sie es nicht bis zu den Spitzenschuhen, aber die Schläppchen waren auch sehr süß), einen Jazztanzkurs (es gab Jazzschuhe mit durchgehender oder mit geteilter Sohle und sogar Jazzstiefel) und einen Kurs im Stepptanzen (lauter Lackleder!). Sie war eine furchtbar schlechte Tänzerin, aber die Schuhe – die Schuhe!
So spazierte sie unermüdlich der Zukunft entgegen, immer in den dazugehörigen Schuhen und voller Hoffnung, endlich dem Märchenprinzen zu begegnen, der zu den Schuhen passte. Mit diesem Märchenprinzen würde sie dann das unbeschwerte Leben der gehobenen Mittelschicht führen, so wie sie es von früher kannte – zwei oder drei Kinder, ein Golden Retriever, ein riesiger begehbarer Kleiderschrank im Schlafzimmer und keine Geldsorgen.
Aber irgendwie hatte es nie geklappt. Liebhaber kamen und gingen, kamen und gingen. Sie kamen und gingen immer noch, als die Leute längst nicht mehr sagten: »Na, du bist ja noch jung, du musst erst mal ein bisschen das Angebot sichten!«, sondern mit ernster Miene murmelten: »Also … wann willst du denn nun endlich eine Familie gründen?« Als sie sich von ihrem letzten Freund getrennt hatte – der George Manning hieß und Anwalt war, nett, aber gnadenlos langweilig –, seufzte ihre Arbeitskollegin Bess resigniert. Sie beschimpfte Lorna zwar nicht als verblödet, bezog aber doch sehr klar Stellung: »Er ist vielleicht ein bisschen dröge, aber er trägt Klamotten von Brooks Brothers und bezahlt seine Rechnungen!«
Doch das genügte Lorna nicht. Sie konnte doch nicht beim falschen Mann bleiben, nur weil er ihr finanzielle Sicherheit bot – egal, wie groß die Versuchung war. Also hatte sie so gelebt, als warte die Antwort auf alle Probleme hinter der nächsten Ecke auf sie – irgendein Wunder, das ihr einen Neuanfang ermöglichte. Die Rettung stand immer kurz bevor – jedenfalls in ihrem Kopf.
Aus diesem Grund hatte sie nicht genug unternommen, um eigenständig eine Lösung zu finden und ihre Kaufsucht in den Griff zu bekommen, ehe alles vollständig aus dem Ruder lief. Wie ein Spieler, der seinen Einsatz ständig verdoppelt, weil er glaubt, dass irgendwann der große Durchbruch kommen muss, schon rein statistisch, so hatte Lorna einfach zugelassen, dass sich die Schwierigkeiten anhäuften. Erst jetzt, in diesem Moment, wurde ihr klar, dass sie mit den Karten, die sie in der Hand hielt, auf jeden Fall verlor, egal, wie clever sie spielte.
Sie befand sich in einer echten Krise. Wenn sie nicht bald etwas unternahm, hieß es demnächst Ende, Gelände.
Nicht nur: Ich kann mir diese superschicken Sandalen leider nicht leisten, oder Die nächsten Monate gibt’s nur Reis und Bohnen zum Abendessen, sondern: Verstärkte Pappe wärmt bei Temperaturen unter Null besser als Sperrholz, also sollte man hinter Sears herumhängen und sich einen Kühlschranckarton ergattern, ehe alle weg sind.
Sie musste etwas tun.
Sofort.
»Heißt das, du nimmst die Pille, und ihm gegenüber tust du so, als würdest du versuchen, schwanger zu werden?«
Helene Zaharis war sofort hellwach. Die Frage galt zwar nicht ihr, aber sie wäre durchaus angebracht gewesen, denn sie traf genau ins Schwarze. Eine Sekunde lang dachte sie, jemand wäre ihr vielleicht auf die Schliche gekommen und hätte sich zu ihr an den Tisch gesetzt, um sie zu erpressen.
Aber nein, sie belauschte ein Gespräch zwischen zwei jungen Frauen am Nebentisch im Café Rouge, wo sie mit Senator Cabots Frau Nancy zum Mittagessen verabredet war.
Nancy war noch nicht da. Helene war ganz froh über diese Verspätung, weil sie die Unterhaltung ihrer Tischnachbarinnen wesentlich interessanter fand als das vorhersehbare Geplauder mit Nancy. Garantiert redeten sie wieder darüber, wer sich bei dem Pferderennen im Oktober in Middleburg, Virginia, blicken ließ und welcher Politiker demnächst welche absurde Steuerermäßigung vorschlug.
Oder welchen Steuertrick.
Oder sie unterhielten sich über irgendein anderes Thema, das im Kleinbiotop der Hauptstadt gerade als super-heiß galt.
Helene fand das alles stinklangweilig.
»Na ja, es ist ja keine Qual für ihn.« Die Frau, die heimlich die Pille nahm, kicherte und nippte an ihrem pinkfarbenen Getränk. »Er muss sich nur ein bisschen mehr anstrengen … und noch ein bisschen länger.«
Ihre Freundin grinste ebenfalls. Das süße Geheimnis amüsierte sie offensichtlich. »Dann hast du aber schon vor, die Pille wieder abzusetzen?«
»Irgendwann, klar. Wenn ich so weit bin.«
Die zweite Frau schüttelte den Kopf. »Du hast ganz schön Nerven, muss ich sagen. Pass bloß auf, dass er die Pillenpackung nicht irgendwo findet.«
»Völlig unmöglich.«
»Wo versteckst du sie denn?«
Mit Klebeband hinten in der Nachttischschublade, dachte Helene.
»In meiner Handtasche.« Die Frau mit dem rosaroten Drink zuckte die Achseln. »Da schaut er nie nach.«
Falsch. Typischer Anfängerfehler. Männer respektierten diese geheiligte Grenze nur so lange, bis sie misstrauisch wurden, weil sie ahnten, dass irgendetwas nicht stimmte. Dann wühlten sie hemmungslos in jeder Handtasche. Sogar die Allerdümmsten.
Wenn Helene etwas Heikles in ihrer Handtasche herumtrüge, käme Jim sofort dahinter. Für ihn war diese Höflichkeitsschwelle längst nicht mehr tabu.
Es schüttelte sie innerlich – sie durfte gar nicht daran denken, was er täte, wenn er wüsste, wie sie seine Fortpflanzungsversuche torpedierte.
Aber da war sie stur. Sie wollte kein Kind. Es wäre total unfair – vor allem dem Kind gegenüber. Denn Jim wünschte sich nur deshalb ein Baby, weil er endlich die perfekte Kleinfamilie vorweisen wollte, mit der er bei Wahlveranstaltungen auftreten konnte.
Camelot 2008. Wie einst die Kennedys.
Früher hatte sie auch von Babys geträumt. Ach, wie hatte sie sich danach gesehnt, so ein warmes kleines Bündel an sich zu drücken, die winzigen runden Fingerchen und die winzigen runden Zehen zu küssen. Und später dann jeden Tag fürs Lunch-Paket Sandwiches mit Erdnussbutter und Gelee zu bestreichen und eine kleine Süßigkeit in die Schultasche zu stecken.
Ja, natürlich hatte sie von Kindern geträumt! Und von einer Familie. Und von vielen anderen Dingen, aber diese Träume waren von der Washingtoner Politmaschinerie aufgefressen und als geheckselter Müll wieder ausgespuckt worden.
Auf keinen Fall wollte sie ein unschuldiges Kind da mit hineinziehen.
»Kann ich Ihnen schon etwas zu trinken bringen?«, fragte die junge Kellnerin. Sie wirkte schrecklich nervös: Bestimmt hatte sie diesen Job gerade erst angefangen und wollte alles richtig machen, hatte aber keine Ahnung, wie das ging. Helene spürte so etwas instinktiv. Vor fünfzehn Jahren war es ihr nicht anders ergangen.
»Vielen Dank, aber ich warte lieber noch auf meine –«
»Fräulein!«, bellte ein hörbar alkoholisierter Geschäftsmann ein paar Tische weiter. Er schnippte mit den Fingern, als würde er einen Hund kommandieren. »Himmelherrgott, wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass ich einen Irish Coffee möchte?«
Die Bedienung blickte unsicher von Helene zu dem Herrn und wieder zurück. Tränen stiegen ihr in die Augen.
»Es tut mir schrecklich leid, Sir, ich habe schon nachgefragt, aber der Irish Coffee ist noch nicht fertig.«
»Qualität braucht eben Zeit«, fügte Helene mit ihrem charmantesten Lächeln hinzu. Dieser Kotzbrocken verdiente kein Mitgefühl, und wenn sich niemand einmischte, vermasselte er dem armen Mädchen womöglich noch den Job. »Und heute haben ziemlich viele Gäste Getränke von der Bar bestellt. Die Bedienung kann nichts für die Verzögerung.«
Wie sie gehofft hatte, lachte der Mann. Hässlich gelbe Zähne wurden sichtbar – garantiert rauchte er Zigarren. »Na, Sie sind ja ganz schön energisch, junge Frau! Darf ich Ihnen einen Drink spendieren?«
Helene lächelte, als wäre sie entzückt, dass dieser Koloss von einem Mann ihr den Hof machte. »Tut mir leid, aber wenn ich noch etwas trinke, kann ich nicht mehr nach Hause fahren«, log sie. »Dieses nette junge Mädchen hier ist so oft zur Bar und wieder zurückgerannt, dass ihr bestimmt schon ganz schwindelig ist.« Und an die Kellnerin gewandt fügte sie hinzu: »Ich brauche im Moment nichts, vielen Dank.«
Das Mädchen entfernte sich. Sie schien verwirrt, aber auch sehr dankbar.
»Wie wär’s, wenn Sie und ich uns später noch mal treffen würden?«, schlug der Mann jetzt vor, wurde bei seinem Annäherungsversuch allerdings gebremst, weil Helenes Lunchpartnerin aufkreuzte.
»Ach, liebe Helene, entschuldige bitte tausendmal, dass ich so spät komme, aber heute Vormittag war in Georgetown schrecklich viel Verkehr.«
Helene erhob sich, Nancy Cabot gab ihr rechts und links einen Wangenluftkuss, begleitet von einer altmodischen Shalimar-Duftwolke. Helene warf dem gelbzahnigen Herrn einen kurzen Blick zu. Offenbar hatte er Nancy erkannt, denn er zog eine Grimasse und zwinkerte Helene zu.
»Kein Problem«, sagte sie beschwichtigend. »Ich fühle mich sehr wohl hier und habe die Atmosphäre genossen.«
»Hübsch hier, nicht wahr?« Nancy schaute aus dem Fenster, wo in der Ferne das Washington Monument zu sehen war, das hoch in den blassblauen Himmel ragte.
Einen Moment lang dachte Helene schon, Nancy würde etwas Tiefschürfendes über die Majestät der Metropole sagen, weil sie so gebannt nach draußen starrte.
Fehlanzeige.
»Ich wünschte, diese halb verfallenen Häuser würden endlich verschwinden.« Sie deutete nach Süden, auf eine etwas heruntergekommene Wohngegend, die aber von den Menschen, die dort wohnten, nach und nach wieder instandgesetzt wurde.
»Lass ihnen noch ein bisschen Zeit«, erwiderte Helene. Sie musste sich vorsichtig ausdrücken und durfte ihre Anteilnahme nicht zu deutlich zeigen, falls sie mit irgendwelchen politischen Statements ihres Ehemannes kollidierte. »Das städtische Aufbauprogramm läuft extrem gut.«
Nancy lachte. Offenbar vermutete sie hinter Helenes Bemerkung einen gewissen Sarkasmus. Oder sie fand sie lustig. »Übrigens – ich wollte dir schon die ganze Zeit sagen, dass wir endlich den richtigen Veranstaltungsort für den Benefizabend der DAR gefunden haben.«
»Ach, ja?« Helene bemühte sich, Interesse zu demonstrieren, und nicht so müde und distanziert zu wirken, wie sie sich fühlte. Die DAR, diese schrecklich konservative Frauenvereinigung, genannt »Daughters of the American Revolution«, war ihr so gleichgültig wie Nancy die urbanen Erneuerungsmaßnahmen. Der Unterschied war nur, dass Helene verpflichtet war, Interesse zu heucheln, während sie lieber auch so laut gelacht hätte wie Nancy gerade. »Und wo?«
»Im Hutchinson House in Georgetown. Kennst du es? Ecke Galway und M Street.«
»Ja – sehr schön.« Sie kannte das Gebäude zwar nicht, wusste aber genau, wenn sie das zugab, musste sie sich einen endlosen Vortrag anhören: über die Geschichte des Hutchinson House, über die Möblierung des Hutchinson House, über die Leute, die schon im Hutchinson House getagt hatten, und selbstverständlich über die Kosten. Wie lang würde sie es schaffen, ihren Gesichtsausdruck zu beherrschen und gute Miene zum bösen Spiel zu machen?
»Und dann wollte ich noch etwas zu der Auktion sagen«, begann Nancy, wurde aber von der Kellnerin unterbrochen. »Ich nehme einen Manhattan«, sagte Nancy und musterte Helene mit hochgezogenen Augenbrauen, als wollte sie ihr zu verstehen geben, dass sie nicht die Absicht habe, allein zu trinken.
»Einen Champagner-Cocktail«, bestellte Helene, obwohl das im Moment das Letzte war, worauf sie Lust hatte. »Und ein Glas Wasser«, fügte sie noch hinzu. Dann konnte sie sich auf das Wasser konzentrieren und den Champagner übersehen. »Vielen Dank.«
Ein Hilfskellner kam an ihrem Tisch vorbei und musterte Helene mit bewunderndem Blick.
»Die Männer mögen dich«, bemerkte Nancy. Es klang vorwurfsvoll.
Kurz war nur das Klappern des Bestecks zu hören, begleitet von dem gedämpften Stimmengemurmel, das den neuesten Washingtoner Tratsch weitertrug und plötzlich lauter zu werden schien.
»Ich habe Champagner bestellt«, erwiderte Helene leichthin. »Da fragen sich die Leute gleich, was gefeiert wird. Mehr nicht.«
Nancy wirkte zufrieden. »Tja, dann – wo waren wir gerade stehen geblieben? Wir könnten ja sagen, gefeiert wird, dass wir den perfekten Ort für die Benefizveranstaltung gefunden haben. Und als Nächstes müssen wir besprechen, was deine Rolle bei dem Ganzen sein soll, einverstanden?«
Dazu hatte Helene nicht die geringste Lust. Es gab für sie kaum etwas Schlimmeres als Gespräche über Anliegen, die ihr egal waren, besonders wenn dabei die unvermeidliche Frage auftauchte, wie sie sich am besten einbringen konnte. Aber sie hatte keine andere Wahl, sie musste ihr Bestes geben, um dem Namen Zaharis keine Schande zu machen.
Aber das machte alles noch viel ekliger.
Als die Kellnerin die Drinks gebracht hatte, hob Helene ihr Glas, um mit Nancy auf die neue Präsidentin der DAR anzustoßen – eine krötenähnliche Frau, die schon zu mehreren Leuten gesagt hatte, Helene sei früher Verkäuferin gewesen, und da gelte »einmal Verkäuferin, immer Verkäuferin«. Und nachdem sie Nancy zugeprostet hatte, trank sie den ersten Schluck, der auch ihr einziger bleiben sollte.
Doch nachdem sie sich zwanzig Minuten lang Nancys Monolog über frühere DAR-Präsidentinnen angehört hatte, gab sie ihren Widerstand auf und leerte das Glas.
Was blieb ihr auch anderes übrig? So hatte sie wenigstens etwas zu tun und musste nicht nur dümmlich zu Nancys Dauergeplapper nicken und verlogen über ihre öden Witze lachen.
Es war schon verblüffend, wie oft Helene solche Gespräche führen musste, wenn man bedachte, wie unwohl sie sich dabei fühlte. Noch überraschender war allerdings, dass anscheinend niemand bemerkte, wie furchtbar sie sich langweilte. Ihr Leben bestand großenteils aus Smalltalk, und ein Ende war nicht abzusehen, vor allem, solange Jim immer höhere politische Ämter anstrebte.
Im Grund blieb ihr nichts anderes übrig, als sich in ihr Schicksal zu ergeben. Leute wie Jim kannten nur ihre eigenen Interessen. Es gab in diesen Kreisen kaum jemanden, der nicht mit Stollenschuhen über die eigene Großmutter hinwegtrampeln würde, um das Tor zu erreichen – egal, wie alt, egal, welches Geschlecht, welche ethnische Gruppe und welche sexuelle Orientierung.
Wer behauptete, Helene müsse für den Handel, den sie für ihre Position als privilegierte Hausfrau abgeschlossen hatte, keinen Preis bezahlen, der war blind.
Nancy redete immer weiter.
Und Helene lächelte immer weiter. Und gab der Kellnerin zu verstehen, sie wolle noch einen zweiten Cocktail.
Später würde sie bestimmt bitter dafür büßen müssen, dass sie ihr Handy ausgemacht hatte. Das war ihr klar.
Helene lehnte sich zurück. Sie saß in einem der harten Kunstledersessel in der Schuhabteilung von Ormond's – dass sie hier war, betrachtete sie als ihre Belohnung für zwei Stunden mit Nancy Cabot. Den Gedanken an die wütende Reaktion ihres Mannes auf das abgestellte Handy drehte sie dabei hin und her, wie ein Schmuckstück, bei dem sie noch nicht recht wusste, ob sie es kaufen sollte oder nicht.
Jim konnte es nicht ausstehen, wenn sie für ihn unerreichbar war.
Sie fand es inzwischen absolut lästig, dass sie ständig zur Verfügung stehen sollte. Und in letzter Zeit nutzte er das immer mehr aus. Gleichgültig, wo sie war und was sie gerade machte –, ihr Telefon klingelte im ungünstigsten Moment.
Als sie die Dosen für das städtische Lebensmittelprogramm in der griechisch-orthodoxen Kirche ablieferte, war sie noch ein paar Minuten länger geblieben, um die friedvolle Schönheit des neuen Buntglasfensters mit der Verkündigungsszene zu bestaunen. Und schon hatte ihr Handy gepiepst.
Als sie vier Tüten mit organischen Lebensmitteln samt Handtasche und Schlüsseln mühsam zum Haus balancierte – Jim aß zur Zeit nur Biofood, aber sie wartete schon auf den nächsten Trend, der diesen ablösen würde –, hatte ihr Telefon angefangen zu vibrieren, und über dieses unerwartete Geräusch war sie dermaßen erschrocken, dass sie die Tüte mit den Eiern hatte fallen lassen.
Als sie die selbstgekochte Hühnersuppe ins Seniorenheim brachte und gerade einem älteren Mann mit Diabetes eine in der Mikrowelle aufgewärmte Schale reichte, hatte ihr Handy geklingelt, und wieder war sie zusammengezuckt – diesmal hatte sie die heiße Suppe auf den Patienten verschüttet und leider auch – was zwar nicht ganz so schlimm, aber trotzdem ärgerlich war – auf ihre Bally-Pumps.
Sogar heute hatte er sich gemeldet, während sie mit Nancy beim Lunch saß, und so zu einem überflüssigen Gespräch noch ein zweites hinzugefügt. Er hatte ihr mitgeteilt, dass er heute Abend spät noch einen Termin habe und deshalb vermutlich erst nach dem Essen heimkomme – sie solle ruhig schon ohne ihn anfangen.
Nancy fand es lieb, dass er anrief, und wiederholte dieses Lob ein paarmal, aber sie hatte ja auch keine Ahnung. Sie wusste nicht, dass »ein später Termin« in Jims Sprachregelung bedeutete: Beim Heimkommen würde er nach einem fremden Parfüm und nach Dirty Martinis riechen.
Heuchelei wie aus dem Lehrbuch.
Jim Zaharis (eigentlich hieß er mit Vornamen Demetrius, aber er hatte beschlossen, für die amerikanische Politik klinge das zu ethnisch) war Senator für Maryland, jung, charismatisch und bereit zu einem aggressiven Sprint ins Weiße Haus. In einer Stadt wie Washington stand alles, was Personen des öffentlichen Lebens (und ihre entsprechenden Ehepartner) taten oder nicht taten, im grellen Scheinwerferlicht, und er musste um jeden Preis verhindern, dass Helene ihn in peinliche Situationen brachte.
Aber wie schon viele geniale, aber dumme Männer vor ihm glaubte auch er, dass seine eigenen Indiskretionen unsichtbar blieben, wohingegen er sich pausenlos Sorgen wegen Helene machte.
Seit sie mit ihm verheiratet war, hatte sie sich nichts, aber auch gar nichts geleistet, was nur von weitem nach einem Skandal aussah. Keine muskulösen Gärtnerjungen, keine lesbischen Affären, keine Insidergeschäfte … nichts.
Was nicht bedeutete, dass sie keine Geheimnisse hatte. Aber sie schaffte es, diese gut zu verstecken.
Mit der Heirat war sie einen ganz speziellen Handel eingegangen, was ihr damals in ihrer Naivität natürlich nicht klar gewesen war. Ihr Deal verpflichtete sie nicht einfach zu einem Ehefrauendasein, nein, viel schlimmer – es war ein Trophäenfrau-Abkommen, mit sämtlichen Implikationen: Sie musste blendend aussehen, sie musste ab und zu gute Taten tun, die allgemeines Aufsehen erregten, sie musste sich mit den Lunch-Damen im Country Club treffen; sie musste die Schirmherrschaft für eine örtliche Charity übernehmen. Vor allem aber musste sie den Mund halten, während ihre Seele Stück für Stück zerbröckelte.
Und alle diese Künste meisterte sie – beängstigend gut.
»Helene!«
Eine muntere Stimme holte sie aus ihren Grübeleien. Es war die Stadträtin Suzy Howell mit ihrer Tochter.
»Suzy!«
»Du erinnerst dich doch an Lucy, oder?«, rief Suzy und deutete auf ihre muffig dreinschauende Tochter. Das Mädchen hatte glanzlose schwarze Haare, die völlig ausgelaugt wirkten, weil sie vermutlich ständig mit irgendwelchen rasanten Tönungen behandelt wurden.
In der Schuhabteilung von Ormond’s wirkte Lucy genauso deplatziert, wie sie sich zu fühlen schien.
»Ja, selbstverständlich erinnere ich mich.« Helene hatte vergessen, wie das Mädchen hieß, und war deshalb froh, dass Suzy ihren Namen erwähnt hatte. »Wie geht’s denn so, Lucy?«
»Ich bin gerade –«
»Es geht ihr ausgezeichnet«, mischte sich Suzy ein und warf ihrer Tochter einen warnenden Blick zu, der sicher besser gewirkt hätte, wenn ihr Gesicht nicht so stark gebotoxt gewesen wäre. »Ach, übrigens, Lucy hat sich an der Universität beworben, und zwar an der Miami of Ohio – da warst du doch auch, stimmt’s?«
Bitte nicht! Das war eine Unterhaltung, die Helene auf keinen Fall führen wollte. Erst recht nicht jetzt, da sie von ihrem Mittagessen mit Nancy Cabot leicht angesäuselt war. »Ja, stimmt«, antwortete sie ausweichend. Hoffentlich roch ihr Atem nicht allzusehr nach Champagner. Da Suzy und Lucy höchstwahrscheinlich viel mehr über diese Universität wussten als sie selbst, fügte sie sicherheitshalber hinzu: »Aber nur am Anfang meines Studiums.«
»Ach, den Abschluss hast du gar nicht dort gemacht?«
»Nein, ich habe nur im ersten Jahr dort studiert. Und das ist ewig lange her.«
»Oh.« Suzy schien enttäuscht. »Aber wo hast du das Studium dann abgeschlossen?«
Wieder einmal dachte Helene, dass sie sich ihre kunstvoll fabrizierte Vergangenheit endlich aufschreiben müsste. »An der Marshall University«, antwortete sie, weil David Price dort gewesen war und sie ihn oft genug besucht hatte, um den Campus einigermaßen zu kennen.
David Price war ihre große Liebe gewesen – bis sie beschloss, dass sie einen Besseren finden konnte, und ihn verließ.
Sie hatte bekommen, was sie verdiente.
»In West Virginia«, fügte sie hinzu und hörte selbst, wie melancholisch sie klang.
»In West Virginia!« Suzy zog ein Gesicht, als hätte Helene ihr gerade gestanden, dass sie im ärmsten Land der Dritten Welt studiert habe. »Meine Güte, wie ist es passiert, dass eine hübsche Homecoming Queen aus Ohio ausgerechnet dort landet?«
Helen lächelte verlogen. »Gute Frage!«
»Also nach West Virginia will ich aber echt nicht«, maulte Lucy, offenbar ohne das geringste Gespür dafür, dass sie mit dieser Nörgelei Helene indirekt beleidigte.
Tja – so reagierten die Leute auf West Virginia. Warum redeten sich eigentlich alle ein, dass in West Virginia nur Hinterwäldler lebten, die mit ihren Kusinen verheiratet waren?
Suzy lachte wohlwollend über den Protest ihrer Tochter und demonstrierte dadurch, dass sie selbst die gleichen Vorurteile hegte. »Keine Sorge, Schätzchen, da gehst du nicht hin.« Mit einem strahlenden Lächeln wandte sie sich wieder an Helene. »Meinst du, es wäre vielleicht möglich, dass du Lucy eine Empfehlung schreibst? Für Miami of Ohio, versteht sich.«
»Natürlich, gern.« Was hätte sie sonst sagen sollen? Ihr blieb keine andere Wahl. Sie war zu einem Ja verpflichtet. »Aber«, fügte sie schnell hinzu, »vielleicht wäre ein Empfehlungsschreiben von Jim noch sinnvoller.«
Suzys Augen leuchteten auf. »Glaubst du, das würde er für uns tun?« Klar, das hatte sie schon die ganze Zeit im Sinn gehabt. Helene hätte sich gar keine Gedanken zu machen brauchen.
»Ganz sicher.« Jim tat alles, um seinen Namen im Gespräch zu halten. Er unterschrieb dauernd irgendetwas, was er selbst nicht glaubte.
Ihre Heiratsurkunde, zum Beispiel.
»Ich werde seiner Sekretärin sagen, sie soll sich bei dir melden«, versprach Helene.
»Vielen Dank, Helene, das ist wirklich nett von dir.« Suzy versetzte ihrer Tochter einen Rippenstoß. »Stimmt’s? Das ist nett von Mrs.Zaharis, oder?«
»Danke«, brummte Lucy.
»Aber das ist doch selbstverständlich.« Zum Abschied lächelte Helene ihr höflichstes Lächeln.
Sie schaute den beiden nach. Ihr Leben bestand zur Zeit aus lauter solchen künstlichen Begegnungen. Die Leute wollten sie ausnutzen, um irgendwie Ruhm und Ehre zu ergattern, aber das war okay, weil ihr Ehemann diese Begegnungen gern so hindrehte, dass sie seinem Ruhm und seiner Ehre dienten. Und Helene hatte sich vor langer, langer Zeit mit dem Universum darauf geeinigt, dieses Spiel mitzuspielen, um ihren finanziellen Seelenfrieden zu finden.
Alle Beteiligten profitierten von der Situation.
Das heißt, alle Beteiligten – außer Helene, wie sich immer klarer herausstellte.
Vor zehn Jahren hätte sie es nicht geglaubt, wenn ihr jemand gesagt hätte, dass ihr Leben einmal so aussehen würde. Aber die Veränderungen waren in kleinen, kaum wahrnehmbaren Minischritten eingetreten, bis sie eines Tages aufgewacht war und feststellte, dass sie ein völlig verpfuschtes Märchen lebte.
Das gefiel ihr nicht, aber die Alternative – das Leben, das sie vor Jim geführt hatte – stand ihr immer noch viel zu deutlich vor Augen.
Vielleicht tat es ihr nicht gut, aber sie war bereit, jeden Preis zu bezahlen, um nie wieder dorthin zurückkehren zu müssen. Und wenn Jim die ganze Wahrheit über dieses Leben erführe, dann wäre er ebenfalls bereit, alles tun, damit sie nicht wieder dort landete.
Sie konnte sich jetzt kaufen, was sie wollte. Und deswegen saß sie hier, in der Schuhabteilung von Ormond’s. Wie so oft. Mindestens dreimal pro Woche.
Der Genuss, den ihr diese Ausflüge bereiteten, war nur flüchtig – manchmal überdauerte er nicht einmal die Fahrt nach Hause, trotz der vielen neuen Kartons und Tüten –, aber die süße Erregung, die der Kauf selbst mit sich brachte, trat immer ein, unfehlbar.
Sie hatte viel zu lang ohne diesen Luxus gelebt, um ihn als selbstverständlich hinzunehmen.
Nachdenklich lehnte sie sich wieder zurück und wartete auf den dunkelhaarigen Verkäufer – Louis? –, der ihr den Stapel Schuhe, die sie sich ausgesucht hatte, in Größe 38 bringen würde. War der Luxus die ganzen Qualen wert?
Natürlich hatte es Vorteile, wenn man sich kaufen konnte, was einem gerade in den Sinn kam, vor allem, nachdem man sich, wie sie, so viele Jahre irgendwie durchgeschlagen hatte. Jetzt musste sie nicht mehr kämpfen. Und das war ein Trost.
Sie kaufte ja auch nicht irgendwelchen Kram. Selbst in ihrem Champagner-Schwips wusste sie das.
Sie kaufte sich schöne Erinnerungen.
In einem Leben ohne emotionale Wärme tat sie, was sie konnte, um ein paar glückliche Augenblicke zu erleben, an die sie sich später gern erinnerte.
Augenblicke, die mehr waren als nur reine Zeitverschwendung zwischen Geburt und Tod.
»Entschuldigen Sie, Mrs.Zaharis«, durchbrach eine Stimme ihre Gedanken.
Louis. Oder Luis? Oder lag sie völlig falsch? Vielleicht hieß der junge Mann ja Bob.
»Ja?« Sie vermied es, ihn mit Namen anzusprechen.
»Ich bedaure, aber Ihre Kreditkarte wurde nicht angenommen.« Er hielt ihr die American Express Karte hin, als hätte er eine tote Spinne in seinem Salat gefunden.
Nicht angenommen? Das konnte doch nicht wahr sein. »Bestimmt handelt es sich um einen Irrtum«, erwiderte sie. »Versuchen Sie es doch einfach nochmal.«
»Ich habe es bereits dreimal versucht.« Er lächelte, als wollte er sich entschuldigen. Sie bemerkte, dass ein Zahn weiter hinten auffallend dunkelgrau war. »Die Summe wurde nicht akzeptiert.«
»Wie bitte – sechshundert Dollar?«, fragte sie ungläubig. Die Karte hatte doch gar keine Begrenzung nach oben.
Er bejahte ihre Frage mit einem Nicken. »Möglicherweise wurde die Karte als verloren gemeldet – Sie verwenden nicht zufällig die Ersatzkarte?«
»Nein.« Sie tastete in ihrer Handtasche nach ihrem Geldbeutel. Er war voll mit Ein- und Fünf-Dollar-Noten – eine Angewohnheit aus der Zeit, als solche Scheine ihr noch das Gefühl von Reichtum vermittelt hatten. Und voll mit Kreditkarten. Sie holte ihre silberne MasterCard heraus und reichte sie dem Verkäufer. »Ich werde der Sache nachgehen. Versuchen Sie es bitte mit dieser hier. Es dürfte kein Problem geben.« Ihr Tonfall war scharf. Wann hatte sie sich diese Art zu reden angewöhnt? Sie klang öfter extrem ungeduldig, ohne recht zu wissen, warum. Und ihr war schon der unangenehme Gedanke gekommen, dass sich darin eher ihr eigenes Unglück widerspiegelte als echte Unzufriedenheit mit dem Service.
Der dunkelhaarige Verkäufer – warum trugen die Leute hier eigentlich keine Namensschilder? – machte sich dienstbeflissen mit ihrer Platinkarte auf den Weg, und Helene entspannte sich wieder. Gleich würde er zurückkommen, mit dem kleinen Zettel, den sie unterschreiben musste, und dann konnte sie sich mit ihrer neuesten Erwerbung auf den Heimweg machen.
Oder besser gesagt: mit ihrer neuesten Beute, wie Dr.Dana Kolobner, ihre Therapeutin, sich ausdrückte.
Ja, ihre Einkäufe waren wirklich wie eine Beute. Sie krallte sich diese Dinge, um ihren Hunger zu stillen. Dann, ein paar Stunden später, verebbte das Gefühl der Befriedigung wieder, und sie brauchte etwas Neues. Na ja … brauchte war übertrieben. Helene war realistisch genug, um zu wissen, dass sie sich eher nach etwas sehnte, als dass sie etwas brauchte.
Manchmal dachte sie, es wäre am besten, wenn sie alles liegen und stehen ließe und zum Peace Corps ginge. Aber war sie mit achtunddreißig dafür nicht schon zu alt? Wahrscheinlich war auch das nur eine von vielen Möglichkeiten, die sie verpasst hatte, während sie ihre Jahre mit einem Mann verplemperte, der sie nicht liebte.
Und den sie nicht liebte. Nicht mehr.
Der Verkäufer stand wieder vor ihr. Irgendetwas an seiner Haltung hatte sich verändert: Er hatte die höfliche Maske abgelegt. »Bedaure, aber diese Karte funktioniert auch nicht«, verkündete er und hielt ihr zwischen Zeigefinger und Daumen die Karte hin.
»Hören Sie – das ist völlig unmöglich«, sagte sie, während ein altes, aber vertrautes Angstgefühl sie beschlich. Sie zog ihre Trumpfkarte, die an Jims Geschäftskonto gekoppelt war. Die Karte für Notfälle.
Und hier handelte es sich eindeutig um einen Notfall.
Schon zwei Minuten später war der junge Mann wieder da, sichtlich angewidert. Und wieder gab er ihr die Karte zurück – diesmal säuberlich in vier gleich große Teile zerschnitten.
»Man hat mich beauftragt, die Karte zu zerschneiden«, erklärte er schroff.
»Wer ist man?«
Er zuckte die Schultern, die in dem schlecht sitzenden Jackett sehr schmal und schief aussahen. »Die Bank. Die Karte sei gestohlen gemeldet, hat man mir mitgeteilt.«
»Gestohlen!«
Er nickte und zog die übermäßig gezupfte Augenbrauen hoch. »So wurde es mir mitgeteilt.«
»Ich wüsste es doch, wenn meine Karte gestohlen worden wäre.«
»Das denke ich auch, Mrs.Zaharis. Trotzdem muss ich mich an die Anweisung halten.«
Sie fand seinen arroganten Tonfall ausgesprochen unsympathisch und musste sich zusammenreißen, um nicht loszuschreien. »Sie hätten zuerst mit mir Rücksprache halten müssen, ehe Sie die Karte zerschneiden.«
Er schüttelte den Kopf. »Bedaure. Mir wurde gesagt, ich muss die Karte augenblicklich vernichten, andernfalls hätte das Geschäft die Konsequenzen zu tragen.«
So ein Quatsch. Sie spürte genau, dass es dem Knaben Spaß gemacht hatte, die Karte zu zerschneiden. Und noch mehr, ihr die Stücke auszuhändigen. Sie kannte diese Typen.
Sie warf ihm einen verächtlichen Blick zu und holte ihr Handy aus der Tasche. »Wenn Sie mich bitte einen Moment entschuldigen würden. Ich muss einen Anruf machen.«
»Selbstverständlich.«
Sie schaute ihm nach, weil sie befürchtete, er würde nur bis fünf zählen und sich gleich zurückmelden, um sie zu beaufsichtigen. Aber als er sich dem hinteren Teil des Geschäftes näherte, streckte ein Mädchen den Kopf zu einer Tür heraus und rief: »Javier ist am Telefon, Luis. Er sagt, deine Pumpe tropft.«
Luis. Den Namen musste sie sich unbedingt merken, damit sie ihn in ihrem Beschwerdebrief an den Manager erwähnen konnte.
Sie nahm eine der abgewiesenen Kreditkarten und rief die Nummer an, die hinten drauf stand. Ungeduldig drückte sie eine Taste nach der anderen, bis sie schließlich am anderen Ende eine menschliche Stimme hörte.
»Hier spricht Wendy Noelle, kann ich Ihnen behilflich sein?«
»Ich hoffe doch, Wendy«, sagte Helene mit der charmantesten Stimme, die sie unter den gegebenen Umständen zustande brachte. »Aus irgendeinem Grund wurde meine Karte heute im Geschäft abgelehnt, und ich möchte wissen, wieso.«
»Ich werde Ihnen gerne helfen, Ma’am. Würden Sie sich bitte einen Moment gedulden? Ich lege Sie kurz auf die Warteschleife.«
»Gut, meinetwegen.«
Helene wartete. Ihr Herz hämmerte, während in ihrem Kopf die Musik im Telefon mit dem Hintergrundgedudel im Laden zusammenprallte.
»Mrs.Zaharis?« Nach der ersten Hälfte eines Liedes von Barry Manilow, das mit der Trivialversion von »Love Will Keep Us Together« konkurriert hatte, war die Bankangestellte wieder da.
»Ja?«
»Die Karte wurde als gestohlen gemeldet, Ma’am.« Die junge Frau klang sehr freundlich. Es schien ihr ehrlich leid zu tun. »Sie wurde gesperrt.«
»Aber ich habe keinen Diebstahl gemeldet!«, protestierte Helene. »Und ich bin jetzt in einem Geschäft, kann aber nicht mit der Karte bezahlen.«
»Sie können sie nicht verwenden, wenn sie als gestohlen gemeldet wurde.«
Helene schüttelte ungläubig den Kopf, obwohl die Frau am anderen Ende sie gar nicht sehen konnte. »Es muss sich um eine Art Identitätsdiebstahl handeln.« Eine andere Erklärung gab es nicht, oder? »Wer hat Sie informiert?«
»Es war ein gewisser Deme … Deme-me-tris –«
»Demetrius?«, fragte Helene fassungslos.
»Ja, ein Herr Demeter Zaharis.« So ganz richtig brachte die Frau den Namen nicht heraus. »Er hat angerufen und die Karte als gestohlen gemeldet.«
»Aber wieso?«, fragte Helene, ehe sie sich bremsen konnte. Sie wusste natürlich, dass es auf diese Frage keine Antwort gab. Jedenfalls keine, die sie zufriedenstellen würde.
»Das weiß ich leider nicht.«
»Bekomme ich bis morgen eine Ersatzkarte?« So allmählich wuchs ihre Panik. »Könnten Sie meinen Kauf auf die neue Kartennummer übertragen?«
»Mr.Zaharis hat uns angewiesen, keine neue Karte auszustellen.«
Helene war wie vor den Kopf gestoßen. Sie wollte widersprechen, der Frau versichern, dass ein Missverständnis vorliege – jemand hatte sich als Jim ausgegeben, um die Karte zu löschen. Aber eine Stimme tief in ihrem Inneren sagte ihr, dass ihr Mann dies absichtlich getan hatte.
Sie bedankte sich, beendete das Gespräch und wählte Jims Privatnummer.
Er antwortete nach dem vierten Klingeln.
»Wieso hast du meine Kreditkarten als gestohlen gemeldet?«
»Mit wem spreche ich?«
Sie konnte sein Gesicht vor sich sehen, das überhebliche Grinsen, während er sie auflaufen ließ.
»Wieso hast du alle meine Kreditkarten gesperrt?«, wiederholte sie mit harter Stimme.
Sein Bürosessel quietschte, weil er sich anders hinsetzte. »Ich möchte dir eine Frage stellen«, sagte er, triefend vor Sarkasmus. »Gibt es irgendetwas, was du mir mitteilen willst? Etwas, was du mir verheimlichst?«
Ihr Magen verkrampfte sich.
Was hatte er herausgefunden?
»Dürfte ich erfahren, wovon du redest, Jim?« O Gott, es gab so vieles, was in Frage kam.
»Ich glaube, das weißt du ganz genau.«
Tja, ihr fielen leider unzählige Möglichkeiten ein. »Nein, Jim, ich weiß nicht, was ich getan haben könnte, dass du dich zu einem so unfairen Schritt hinreißen lässt und mich in aller Öffentlichkeit demütigst. Glaubst du etwa, es macht einen guten Eindruck, wenn deine Ehefrau versucht, mit einer ungültigen Kreditkarte zu bezahlen?«
»Keinen so guten Eindruck wie – ach, ich weiß auch nicht – wie eine Familie.«
Schweigen. Auf beiden Seiten.
Jim meldete sich als erster wieder zu Wort.
»Na, kommst du drauf?« Wieder quietschte sein Stuhl, woraus sie schloss, dass er jetzt doch einigermaßen aufgebracht war. »Ich dachte, wir würden versuchen, schwanger zu werden. Aber wie sich herausstellt, haben wir nur« – sie sah ihn wieder vor sich, wie er die Achseln zuckte, scheinbar lässig, während es in ihm brodelte – »gevögelt.«
Sie verzog das Gesicht, weil er das Wort so verächtlich ausspuckte. »Ich hatte nicht den Eindruck, dass es dir missfällt.«
Aber Jim ließ sich nicht ablenken. »Du hast mich angelogen, Helene.«
»Inwiefern, wenn ich fragen darf?«
»Tu doch nicht so dumm.«
»Du bist komplett übergeschnappt«, sagte sie. Manchmal war Angriff die beste – oder wenigstens die wirkungsvollste – Verteidigung.
»Keineswegs.«
»Dann sag mir endlich, was du meinst.«
Sie war fest entschlossen, alle seine Vorwürfe abzutun, doch dann sagte er: »Ich weiß, dass du die Pille schluckst.«
Schuldgefühle überschwemmten sie – aber gleichzeitig wurde sie maßlos wütend. »Wie kannst du es wagen, in meiner Nachttischschublade zu wühlen?«
»In deiner Nachttischschublade? Ich war heute in der Apotheke in der G Street, um ein Rezept einzulösen, und da haben sie mich gefragt, ob ich dein Wiederholungsrezept gleich mitnehmen will.«
Shit. Shitshitshit. Sie hatte sich verraten. Wenn sie den Nachttisch nicht erwähnt hätte, dann könnte sie jetzt immer noch behaupten, es sei ein altes Rezept gewesen oder ein Fehler des Apothekers, doch sie hatte schon zu viel preisgegeben. Jetzt saß sie in der Falle, und es gab keinen Ausweg.
»Moment mal«, sagte sie. War es wirklich schon zu spät? »Welches Rezept?«
»Für die Pille. Du nimmst sie seit Monaten, also versuch erst gar nicht, es zu leugnen.«
Tja, das war ein echtes Dilemma. Sollte sie einfach alles abstreiten? Oder war es besser, wenn sie es offen zugab? »Das hat medizinische Gründe«, sagte sie. Die Lüge kam ihr fast so leicht über die Lippen wie die Wahrheit. »Ich muss erst mal meinen Hormonspiegel ausgleichen, bevor ich überhaupt schwanger werden kann.«
Er lachte, aber es war ein hässliches Lachen. »Wenn das stimmen würde, hättest du es mir längst gesagt.«
»Ja natürlich, weil du so lieb und nett bist und mir immer so aufmerksam zuhörst.« Wieder klang ihre Stimme sehr hart.
»Du lügst.«
»Du wiederholst dich. Und deshalb willst du mich jetzt bestrafen.«
»Ja, allerdings.«
Es lief ihr kalt über den Rücken. Diese eisige Gefühllosigkeit! Wie hatte sie nur einen solchen Mann heiraten können?
»Wie lang soll das gehen?«
»Wie lang dauert es deiner Meinung nach, bis du schwanger bist?«
»Soll das ein Witz sein? Du drehst mir den Geldhahn zu, bis ich schwanger bin?« Darauf würde sie sich niemals einlassen. Sie musste sich einen Job suchen. Sie konnte doch die Zukunft eines Kindes nicht dafür verkaufen, dass sie immer schick shoppen gehen konnte.
»Ich gebe dir ein Taschengeld«, sagte Jim. »Für das Wichtigste. Hundert Dollar die Woche, sagen wir mal.«
»Hundert Dollar.«
»Ich weiß, das ist großzügig.«
Das waren etwa sechzig Cent die Stunde als Lohn dafür, dass sie mit ihm verheiratet war.
»Du kotzt mich an!«, sagte sie noch und klappte ihr Handy zu.
Sie schaute sich um und musterte die reichen, gepflegten Kundinnen um sich herum, die keine Ahnung hatten von den üblen Zeiten, die sie in den letzten Jahren durchgestanden hatte. Sie wirkten alle so wohlsituiert und unbelastet. Obwohl doch bestimmt einige von ihnen in ähnlich unerfreulichen Arrangements lebten wie sie.
Zum Beispiel die Frau da drüben. Hübsch. Viel zu hübsch, um reich geboren zu sein. Sie war gekauft worden. Das Preisschild trug sie vermutlich auf dem Hintern. Im Lauf der Jahre hatte Helene gelernt, die Echten von den Falschen zu unterscheiden. Und sie selbst gehörte in die zweite Kategorie.
Die Falschen trugen immer einen Schatten der Unsicherheit auf ihren niedlichen Gesichtern.
Wie Helene. Irgendwie hatte sie, obwohl sie mit Jim ein gemeinsames Konto besaß, die Kunst des ungebremsten Geldausgebens nie richtig gelernt, die fast alle Kundinnen hier bei Ormond’s so perfekt beherrschten. Über ihr schwebte immer und überall ein Damoklesschwert:
Die Angst, dass Jim sie fallen lassen könnte.
Ach, vergiss es. Sie wollte nicht von seinen Almosen leben, sie wollte ihm nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein. Und schon gar nicht wollte sie sich seinen Vorschriften unterwerfen.
