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Was wäre, wenn …?
Wenn ich ihm damals verziehen hätte? Wenn ich ihm gesagt hätte, wie sehr ich ihn liebe? Wäre ich heute glücklich?
Kurz vor ihrem 38. Geburtstag gerät Ramie Phillips in die Krise: Zwar hat sie alles, was sie immer wollte – eine Karriere, tolle Freunde, ein Leben im Wohlstand –, aber wann hat sie eigentlich aufgehört, an die Liebe zu glauben? Und welche Rolle spielte dabei der Tod ihres Vaters? Als sie nach einem Unfall wieder zu sich kommt, ist Ramie plötzlich wieder 18 Jahre alt – und kann alle Entscheidungen von damals mit dem Wissen von heute erneut treffen. Doch die Frage, welcher Weg sie zu ihrem Glück führen wird, ist immer noch nicht viel leichter zu beantworten ...
Ein bezaubernder Roman über zweite Chancen und unsere Umwege zum Glück.
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Seitenzahl: 407
Veröffentlichungsjahr: 2016
Beth Harbison studierte Kunstgeschichte, Literatur- und Theaterwissenschaften und arbeitete später als Köchin. Schon seit ihrer Kindheit schrieb sie Geschichten, mit ihren romantischen Frauenromanen wurde sie zur New-York-Times-Bestsellerautorin. Ihr Roman »Schuhtick« war ein internationaler Erfolg. Sie lebt mit ihrem Mann, zwei Kindern und ihren Hunden in Washington, D.C.
Was wäre, wenn …?
Wenn ich ihm damals verziehen hätte?
Wenn ich ihm gesagt hätte, wie sehr ich ihn liebe?
Wäre ich heute glücklich?
Kurz vor ihrem 38. Geburtstag gerät Ramie Phillips in die Krise: Zwar hat sie alles, was sie immer wollte – eine Karriere, tolle Freunde, ein Leben im Wohlstand –, aber wann hat sie eigentlich aufgehört, an die Liebe zu glauben? Und welche Rolle spielte dabei der Tod ihres Vaters? Als sie nach einem Unfall wieder zu sich kommt, ist Ramie plötzlich wieder 18 Jahre alt – und kann alle Entscheidungen von damals mit dem Wissen von heute erneut treffen. Doch die Frage, welcher Weg sie zu ihrem Glück führen wird, ist immer noch nicht viel leichter zu beantworten.
Ein bezaubernder Roman über zweite Chancen und unsere Umwege zum Glück.
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Beth Harbison
Vor mir die Sterne
Roman
Aus dem Amerikanischenvon Corinna Rodewald
Inhaltsübersicht
Über Beth Harbison
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Epilog
Danksagung
Impressum
Für meine Kinder Paige und Jack Harbison.
Für nichts in der Welt würde ich
die Zeit zurückdrehen,
wenn das bedeutete, dass es Euch nicht gäbe.
Ihr seid mein Ein und Alles.
An dem Tag vor meinem achtzehnten Geburtstag war ich siebenunddreißig Jahre alt.
Nicht bei meinem ersten achtzehnten Geburtstag. Da war ich siebzehn, so wie man es von jedem normalen Menschen erwarten würde. Und genau das war ich, ein ganz normaler Mensch. Ich habe keine Ahnung, was mich dann aus der Bahn geworfen hat.
Hier will ich jedenfalls von meinem zweiten achtzehnten Geburtstag erzählen, denn am Tag davor war ich siebenunddreißig.
Ergibt das immer noch keinen Sinn? Tut mir leid. Ich werde versuchen, es zu erklären. Allerdings müssen wir dafür woanders anfangen, nämlich am Tag vor meinem achtunddreißigsten Geburtstag: Da befand ich mich auf einem Boot – einer Jacht, um genau zu sein – vor der Küste Miamis. Die Sonne strahlte vom Himmel, und um mich herum schillerte es so blau und perfekt, wie man es von den Covern der Condé Nast Traveller und anderer Luxusmagazine kennt. Es war einfach atemberaubend schön. Man könnte auch sagen, mein ganzes Leben war perfekt und einfach atemberaubend schön.
Aufgewachsen bin ich anders. In der Regel weiß niemand, der in echtem Luxus groß geworden ist, das zu schätzen und findet seine Privilegien ganz selbstverständlich, während der Rest von uns entweder davon träumt oder – wie in meinem Fall – glücklich und zufrieden ist, bis uns jemand aus unserer anonymen Durchschnittsexistenz reißt und mitten in einer mehr oder weniger einflussreichen Position für jedermann sichtbar wieder absetzt.
Aber ich greife vor.
Meine Jugend erinnerte eher an die von Charlie Brown: Geboren in der Mittelschicht von Potomac, Maryland, einem Vorort von Washington, D.C., der Hauptstadt nahe genug, dass man mit dem Fahrrad hinfahren konnte (wenn man denn so ehrgeizig war). Im Sommer war es schwül, und es roch nach heißem Asphalt und Bier auf den Partys draußen an der River Road. Im Herbst war es kühl und frisch, und man hörte das Laub über die Bürgersteige und Straßen rascheln, das so feuerrot und golden leuchtete wie die allgegenwärtigen Redskins-Pullover. Im Winter knirschte der Schnee unter den Schuhen, und in der Luft lag der Geruch von behäbig aus den Ziegelschornsteinen waberndem Rauch, bis dann im Februar und März unweigerlich die deprimierend graue Zeit begann, in der alle zu Hause blieben und nicht mehr gefeiert wurde, man nur noch mit angehaltenem Atem darauf wartete, dass irgendetwas den langen dunklen Winter ablöste.
Doch wenn dann der Frühling in einem pastellfarbenen Feuerwerk aus Azaleen, Narzissen und Kirschblüten ausbrach – auf meiner Seite von Fox Hills säumten Kirschbäume die Straßen, bis sie schließlich alle eingingen, die Bradford-Birnen auf der anderen Seite des Viertels hielten länger durch, wenn ich mich richtig erinnere –, brachte dieses Naturschauspiel das Lächeln zurück in die Gesichter der Anwohner, die nicht recht daran geglaubt hatten, dass es jemals wieder hell werden würde.
In unserem Viertel gab es keine Rosenwettbewerbe oder sonstigen Versuche, einander zu übertreffen; hier gaben alle ihr Bestes, um sich ihre Freude am Leben zu erhalten, und keiner wollte den anderen darin ausstechen, schließlich ging es allen darum, die grauen Tage so gut es ging hinter sich zu bringen.
Die Reichen der Stadt waren alteingesessen, hatten Pferde und eigene Reitwege; wir anderen hatten Fahrräder, Fahrgemeinschaften und solide amerikanische Autos, mit denen wir zum Shoppingcenter oder zum Essen zur Normandie Farm fuhren, zu besonderen Anlässen auch zum Peter Pan Inn nach Urbana, wo man nach einer halben Stunde Fahrt in einem mit rotem Samt geschmückten Saal landete und die besten Shirley Temples bekam.
Ich war ein Mathefreak. Schon immer hatte ich Spaß daran und war gut darin. Ich konnte nicht verstehen, was am Rechnen so schwer sein sollte, wo es doch die eindeutigste Sache der Welt war. Damit Schwierigkeiten zu haben war für mich, als verstünde man nicht, wie man atmet. Auf nichts anderes in der Welt kann man sich so verlassen wie auf die Mathematik: Man nimmt eine Formel, setzt die entsprechenden Zahlen ein, löst die Gleichung, und jedes Mal kommt die richtige Antwort heraus.
Mein Vater war Banker, und er fand es großartig, dass wir diese Leidenschaft teilten. Schon früh zeigte er mir, wie man mit Münzen rechnete. Als ich fünf war, erklärte er mir, wie die Börse funktioniert und wie man Aktien anlegt. Er brachte mir bei, nicht nur in Dinge zu investieren, die »sinnvoll« waren, sondern auch in die, die mir gefielen. So machten wir die erste wirkliche Investition in meine Zukunft, als Apple an die Börse ging, weil mein Vater und ich so gern zusammen Alternate Reality spielten. Wir kauften hundert Aktien zu je zweiundzwanzig Dollar, und über die nächsten dreißig Jahre kaufte ich immer mehr dazu, durch drei Aktiensplits hindurch und bis sich der Kurs zweihundertfünfzig Dollar pro Aktie näherte. Dank Dad hatte ich also schon lange vor meinem Durchbruch bei Whitestone, einer der führenden privaten Kapitalbeteiligungsgesellschaften des Landes, einen hübschen kleinen Notgroschen beiseitegelegt.
Eigentlich hatte ich nie große Ambitionen gehabt, wenn es um Investitionen ging. Zumindest nicht in dem Sinne, dass ich das große Geld scheffeln wollte. Es gefiel mir einfach, wenn ich richtiglag und meine Intuition mit hohem Wachstum und hohen Margen belohnt wurde, kurz: wenn ich gut in meinem Job war. Das Gefühl, dass ich etwas, was ich brauchte, nicht bekommen konnte, hatte ich nie gehabt – bis die kleine Enklave, die seit meiner Geburt mein Zuhause gewesen war, zu einem bei den hohen Tieren angesagten Vorort wurde und die Immobilienpreise weit über das hinausschossen, was ich und neunundneunzig Prozent meiner Schulkameraden uns hätten leisten können. Beziehungsweise bis mein Vater unerwartet verstarb, als ich auf dem College war. Wobei man einen Schlaganfall mit Todesfolge im Grunde kaum »unerwartet« nennen kann, wenn jemand drei Schachteln Pall Mall ohne Filter am Tag raucht. Traurig, das auf jeden Fall. Untröstlich, was meine Verfassung anging.
Aber doch wohl kaum unerwartet.
Sein Tod war die prägendste Erfahrung meines Lebens. Ich war zwanzig und hatte nicht damit gerechnet, ohne ihn zurechtkommen zu müssen. Ich war davon ausgegangen, dass mein Vater immer für mich da sein würde. Dass er die Türklinken meiner ersten eigenen, schäbigen Wohnung reparieren, mich beraten würde, wenn die Kurse an der Börse mal ins Schwanken gerieten, mich zum Traualtar führen, wenn ich denn jemanden fand, den ich heiraten wollte, und vor allem – und das war in meiner Phantasie am lebendigsten gewesen – dass er der Großvater meiner Kinder sein würde. Dass er sie in die Luft werfen und wieder auffangen, mit ihnen selbstgebastelte Angelruten aus dem Fenster im ersten Stock halten und Schätze angeln würde, die er unten in seinen Schuhen versteckt hätte.
So ein Vater war er für mich gewesen, und ich war mir so sicher gewesen, dass er eines Tages ein ebensolcher Großvater für meine Kinder sein würde. Darauf hatte ich mich wirklich gefreut. Doch es sollte nicht sein.
Meine Mutter erzählte mir später, dass sie dieses Ende schon seit Jahren befürchtet hatte. So sehr sogar, dass sie den abergläubischen Verdacht zu hegen begann, sie habe durch ihre Angst seinen Tod erst verursacht. Aber das war natürlich Unsinn. Mein Vater war Raucher, trank gern Irish Coffee, verbrachte die Abende in seinem Sessel vorm Sportkanal, und dann starb er.
Und unser Leben änderte sich. Auch wenn das Haus abbezahlt war, fiel es Mom schwer, die Steuern und alle anderen Ausgaben zu leisten, und so stand ich vor der wichtigsten Investitionsaufgabe meines Lebens: Trotz der schwachen Börsenkurse galt es, die Lebensversicherung meines Vaters gewinnbringend anzulegen, damit meineMutter bequem von den Dividenden leben konnte.
Es funktionierte ziemlich gut.
So konnte ich also am Tag vor meinem Geburtstag auf dem Bug einer Jacht sitzen und unbekümmert die Sonne genießen.
Mein bester Freund Sammy war dabei – den manche vermutlich meinen »schwulen Ehemann« nennen würden, was wiederum einen nicht ganz verkehrten Eindruck von ihm und unserer Beziehung vermittelt – und zwei Paare, denen wir im Grunde nicht besonders nahestanden, die wir aber seit Jahren kannten und die irgendwie immer dann auftauchten, wenn es etwas zu feiern gab. Und dann waren da noch Lisa und Larry Springston. Larry war einer meiner Kollegen bei Whitestone und Lisa seine Frau. Sie und ich hatten uns in den letzten fünf Jahren enger angefreundet, und alle nannten uns nur die »Komplizinnen«, dank einiger besser unerwähnt bleibender Eskapaden an weinseligen Abenden.
»Zeit für Champagner«, verkündete Sammy kurz nach zwölf Uhr mittags, und ein paar Käsehäppchen erinnerten daran, dass es sicherlich irgendwo auf der Welt gerade fünf Uhr war. Er kam mit einem Tablett aus der Kombüse, auf dem acht Gläser standen und ein silberner Flaschenkühler, aus dem der unverkennbar geblümte Flaschenhals einer Perrier-Jouët herausragte. In jedem der zarten Waterford-Gläser steckte ein schmaler Strohhalm – eine Reminiszenz an die kurze Phase, in der ich besessen von Pommery Pops gewesen war, diesen blauen Champagnerfläschchen mit kleinen blauen Strohhalmen darin. Diese Vorliebe hatte ich zwar schnell wieder abgelegt – sie war ökonomisch einfach unverantwortlich, was überhaupt nicht zu mir passte –, doch die Strohhalme wollten wir nicht missen, zumindest nicht bei besonderen Anlässen.
Nach Sammys Theorie war jeder Geburtstag, in dem eine Acht vorkam, ein Jubiläum des achtzehnten Geburtstags, und somit war das hier ein ganz besonders besonderer Anlass.
Er stellte das Tablett auf dem Tisch ab und hielt die Flasche hoch. »Dein Lieblingschampagner!«
»Tausend Dank!« Ich ging zu ihm und umarmte ihn. »Du kennst mich einfach zu gut.«
»Schätzchen, jeder hier an Bord hätte gewusst, welchen Champagner du am liebsten trinkst. Aber wenn du erst mein Geschenk siehst, dann weißt du, wer dein Daddy ist.«
Sammy war alles andere als der Komm-zu-Daddy-Typ und würde es auch niemals sein, hatte jedoch ein paar Männer der Sorte gedatet. Auf jeden Fall stimmten seine Worte mich einen Moment lang nachdenklich, wie immer, wenn etwas in dieser Art gesagt wurde. Ich musste an meinen Vater denken und daran, dass er nicht hier war. Dass er nie wieder hier sein würde. Und dass ich das noch immer nicht verwunden hatte.
Doch jetzt war nicht die Zeit für Trauer, das hier war ein freudiger Anlass, und ich würde nicht sentimental werden.
Sammy schenkte souverän ein, so dass der Schaum nicht überlief und kein flüssiges Gold vergossen wurde. Er reichte mir die Gläser, damit ich sie verteilte. Eins für Kristin, eins für Melanie, eins für Raynaud, eins für Ronnie, eins für Larry und eins für …
»Nicht für mich«, sagte Lisa und machte eine abwehrende Geste. Ihr diamantbesetztes Verlobungs- und Eheringensemble glitzerte in der Sonne.
»Ach, komm schon.« Ich lachte und hielt ihr das Glas hin. »Seit wann trinkst du keinen Champagner? Vor allem, wenn es ein so guter ist?«
»Nein, ich meine es ernst. Ich … ich trinke einfach Wasser.« Sie lief rot an.
Etwas schwer von Begriff fragte ich besorgt nach: »Bist du krank? Du bist ganz rot im Gesicht.«
»O nein, mir geht’s gut. Sehr gut sogar.«
Ich begriff noch immer nicht.
»Okay«, sagte ich langsam. »Wenn du meinst …«
Sie sah mir in die Augen und lächelte. »Ich trinke jetzt für zwei«, flüsterte sie unüberhörbar und streichelte sich über den flachen Bauch. »Besser gesagt: Ich trinke nicht.«
Jetzt machte es klick. »Du bist schwanger?« Ich war so schockiert, dass ich gar nicht daran dachte, leise zu sprechen, weshalb sich alle unserem Gespräch zuwandten.
Lisa schien das nicht zu stören. Sie griff nach Larrys Hand. »Ja, das sind wir.«
Du liebe Güte. Nicht nur war Lisa – Lisa! – schwanger, sie war auch noch zu einer Wir-Person geworden. Wo war die Frau geblieben, mit der ich so viel Zeit verbracht hatte?
»Aha …« Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. »Na dann, Glückwunsch!« Ich hob mein Glas, und alle taten es mir gleich.
»Glückwunsch!«
Natürlich drängten sich nun alle um das Pärchen und fragten, wie es dazu gekommen sei, ob sie es geplant hätten oder schon wüssten, ob es ein Mädchen oder ein Junge würde, und ob sie sich schon Namen überlegt hätten. Eben all die Dinge, die man in solchen Situationen fragt.
Das Gespräch darüber schien kein Ende nehmen zu wollen, denn Lisa hatte sich für die Langversion der Geschichte entschieden und erzählte, wie sie auf das erste Stäbchen gepinkelt hatte, dann das nächste und das nächste und so weiter, bis sie schließlich zu Larry gerannt war, der gerade auf dem Heimtrainer saß, und ihm sechs positive Schwangerschaftstests mit, so nahm ich zumindest an, uringetränkten Händen entgegenhielt, auch wenn sie dieses eine Detail ausließ. Warum, war mir schleierhaft, da sie sich an jeder anderen noch so weit hergeholten Kleinigkeit aufhielt, bis hin zu der Tatsache, dass einer der kleinen Striche rosafarben war und somit die anderen fünf positiven Tests in Frage stellte, weshalb sie also am nächsten Tag zur Ärztin gingen und so weiter und so fort … Die erweiterte Fassung der ältesten Geschichte der Welt.
Ich merkte, wie es mich ärgerte, dass der Vorabend meines achtunddreißigsten Geburtstags – der der vierzig schon so furchtbar nahekam – von Trinksprüchen und Gratulationen zu Lisas unerwarteter Schwangerschaft in den Schatten gestellt wurde, und schämte mich zugleich dafür. Was war ich doch für ein selbstbezogenes Biest! Wie kindisch von mir, dass ich Ansprüche auf die Aufmerksamkeit der anderen stellte, wenn es doch letztendlich ein Tag wie jeder andere war. Lisa und Larry hatten großartige Neuigkeiten, ein Einschnitt in ihr Leben stand bevor, und ich wollte … ja, was eigentlich? Dass man mir für mein unglaubliches Verdienst auf die Schulter klopfte, die achtunddreißig lebend erreicht zu haben? Es war beschämend.
Doch unabhängig davon, wann Lisa nun schwanger geworden war, waren dies hier wirklich die Zeit und der Ort, um es zu verkünden? Konnte sie sich denn nicht denken, dass ihre ehemalige Komplizin – also ich – sich womöglich etwas überfallen fühlte von der Neuigkeit, dass Lisa sich nun vollends dem häuslichen Leben hingeben würde?
War doch abzusehen, dass die Schwangerschaft nicht die einzige Veränderung bleiben würde: Lisa würde nie wieder die unterhaltsame Person sein, die ich kannte. Sie war jetzt eine Mutter. Und eine ungeheuer stolze, beinahe schon aufgeblasene noch dazu. Nur warum konnte ich nicht mit ihr mitfiebern, wo doch offensichtlich ihr größter Wunsch in Erfüllung gegangen war?
Natürlich sagte ich ihr, wie sehr ich mich für sie freute. Dass ich sicher war, sie würde eine großartige Mutter werden, weil sie eben auch eine großartige Freundin gewesen war. Wie wunderbar ihre Familie sein würde, wo sie und Larry doch so eng verbunden waren. Doch bei mir dachte ich, dass die beiden sich immer über die dümmsten Dinge in die Haare bekamen und deswegen auch schon einmal getrennt hatten. Wie um alles in der Welt konnte irgendjemand bei Verstand annehmen, dass diese Beziehung es aushalten und sich noch weiter festigen würde, wenn ein kleines, heulendes Wesen dazukam? Ein Wesen, das in die Windeln machte und nicht ignoriert werden konnte, ohne dass das Jugendamt davon Wind bekam? Ein Mensch, der über ein Jahrzehnt lang ständig Aufmerksamkeit forderte, bevor er irgendwann einmal so weit war, zur vereinbarten Zeit ins Bett zu gehen? Selbst dann hatte man gerade mal zwei Jahre, bevor er sich gleich darauf heimlich wieder aus dem Haus schlich …
Nein, eifersüchtig auf Lisa konnte man mich eigentlich nicht nennen. Aber mir fehlte schon jetzt unsere gemeinsame Zeit, und mehr noch fehlte mir die Überzeugung, dass ein Baby zwei einzelne Menschen in eine wundervolle Familie verwandelte. Daran glaubte ich seit Jahren nicht mehr, denn ich hatte schließlich nie Beweise dafür gesehen, dass so etwas tatsächlich passierte. Um mich herum gab es einfach keine glücklichen Bilderbuchfamilien.
Nicht, dass mein Umfeld besonders günstig dafür gewesen wäre. Leute in der Finanzbranche, die auf meiner Ebene tätig waren, hatten kaum Zeit zum Atmen, geschweige denn für Beziehungen. Solange die Börse im Gang war, durfte man sie nicht aus den Augen lassen. Wie oft hatte ich beobachtet, wie Kollegen in ihrer Karriere nicht mehr weiterkamen, sobald sie feste Beziehungen eingingen. Unweigerlich fühlten sie sich irgendwann eingeengt und schließlich erdrückt.
Wie konnte ich also neidisch sein?
Und doch fühlte ich mich, als hätte man mich zurückgelassen. Plötzlich erschienen mir die Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen hatte, fragwürdig. Irgendwo in mir tickte eine Zeitbombe.
Ich hatte in meinem Leben viele Fehler begangen. War das hier der größte?
Während das Grüppchen weiterplauderte, spürte ich, wie Sammy mir einen Arm um die Taille legte. So laut, dass auch die anderen es hören konnten, sagte er: »Na komm, Liebes, gehen wir mal ein bisschen in die Sonne, was?« Er nahm die Flasche und signalisierte einem Helfer in der Kombüse, Nachschub zu bringen.
»So eine egoistische Gans«, kommentierte Sammy vernichtend. »Warum musste sie das ausgerechnet jetzt herausposaunen?«
Natürlich wollte er mich mit dieser kleinen Gehässigkeit nur unterstützen, dennoch wehrte ich ab. »Ich habe ihr ja auch keine Wahl gelassen, so wie ich ihr den Champagner aufgedrängt habe.«
»Also bitte.« Er sah mich mit seinen blauen Augen an, und auch wenn er es ein wenig übertrieb und seine Worte nicht ganz angebracht waren, sah ich ihm doch an, dass er es ernst meinte. Was es beinahe noch schlimmer machte. Er hatte Mitleid mit mir. »Sie hätte das Glas nehmen und nach dem Anstoßen wieder abstellen können. Sie wollte es so. Pass auf, gleich macht sie noch deine Geburtstagsgeschenke auf!«
Ich lachte laut auf. Es war eine lustige Vorstellung, und obwohl Lisa so etwas natürlich niemals tun würde, passte es doch irgendwie zu ihr. Genau diesen Charakterzug – das unbedarfte Partygirl – hatte ich an ihr ja immer so gemocht. Wie konnte ich da von ihr erwarten, dass sie diese Gewohnheit von heute auf morgen ablegte, wo sie doch jetzt tatsächlich neun Monate lang die Ballkönigin sein würde?
»Du führst dich mir zuliebe wie der letzte Dreckskerl auf, und dafür liebe ich dich.«
Wir stießen an, lehnten uns zurück und hielten das Gesicht in die Sonne.
»Das hier ist sowieso viel schöner, als sich weiter mit Ray über Golf zu unterhalten und sich seine Schönmalerei anzuhören«, bemerkte Sammy. »Habe ich dir eigentlich erzählt, dass er auf der Memorial Day Party versucht hat, mich anzumachen?«
»Was?«, fragte ich überrascht. »Nein, hast du nicht! Das kann doch nicht sein, er und Kristin sind doch schon seit drei Jahren zusammen!«
»Na und? Ich hab schon Heteros von ganz anderem Kaliber rumgekriegt.«
»Das glaub ich nicht.« Doch das tat ich. Sammy könnte vermutlich selbst mich ins Bett locken, wenn er wollte, und ich kannte seinen Lebenswandel besser als jeder andere.
Das hier waren andere Leute als die, mit denen ich aufgewachsen war. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da war mein Leben noch einfach und übersichtlich und voller Menschen, die man als normal bezeichnen würde, keine Leute wie aus dem Film.
Doch das hatte sich geändert. Wenn man eine Welt betritt, in der es um viel geht, trifft man dort eben auch auf starke Persönlichkeiten, deren Lebensstil sich in der Regel vom Großteil der Bevölkerung abhebt. Ehrlich gesagt fragte ich mich manchmal, warum ich in dieser Welt überhaupt akzeptiert wurde, denn tief in mir fühlte ich mich noch immer wie das Vorstadtmädchen, das mit seinem Vater Münzen zählt und darauf hofft, eines Tages ein Haus aus Backstein mit vier Schlafzimmern und einem kleinen Garten mit Buchsbaum, Azaleen und Schneeballsträuchern unterm Schlafzimmerfenster zu haben, ein Heim, wie es mein Elternhaus war.
»O ja, er war total heiß auf mich«, redete Sammy weiter, der nicht mitbekommen hatte, wohin meine Gedanken gewandert waren. »Aber er hat es schnell wieder aufgegeben. Angsthase. Kaum hatte ich ihn abblitzen lassen, hat er auch schon eine Show abgezogen und so getan, als wäre alles nur ein Missverständnis gewesen, dabei hatte ich es ganz korrekt als Anmache interpretiert.«
Ich lächelte und nickte und trank einen großen Schluck Champagner. »Die Masche kenne ich. Habe ich bei Bill Whitestone höchstpersönlich mal erlebt.« Präsident und Geschäftsführer meiner Firma. Ihn abblitzen zu lassen hätte mich meinen Job kosten können. Mich auf ihn einzulassen hätte ihn mich definitiv gekostet. Früher oder später.
Sammy lachte und zeigte auf mich. »Wusste ich doch, dass er scharf auf dich ist. Schon seitdem du mich zu dem Firmenpicknick auf Roosevelt Island mitgeschleppt hast. Es war so eindeutig, dass er auf dich abfährt.«
»Er fährt auf jede ab.«
»Vor allem auf die, die er nicht haben kann.«
»Genau.« Ich trank noch einen Schluck. »Ziemlich widerlich, oder?«
»Kann man wohl sagen.«
Wir schwiegen eine Weile. Ich betrachtete die wogenden Wellen in der Ferne und sinnierte darüber, für wie viele Menschen dieser opulente Tag auf dem Wasser ein in Erfüllung gegangener Traum wäre. Nur ich langweilte mich. Fühlte mich leer und dachte daran, dass ich allein nach Hause gehen würde.
Und freute mich sogar darauf.
Früher war ich mir sicher gewesen, dass ich mit Geld alles kaufen könnte, um glücklich zu sein. Na ja, wahrscheinlich nicht alles – wir kennen ja die Klischees –, aber ich dachte zumindest, dass ich viele Dinge kaufen könnte, die ich mir wünschte. Als Kind zum Beispiel standen mir bescheidene fünf Dollar Taschengeld die Woche zur Verfügung, gerade genug für zwei bunte Lippenstifte von Bonne Bell mit Geschmack (die großen). Alternativ reichte es fast für eine Woche Eis im Schwimmbad. (Jeden Samstag ging mir unweigerlich das Geld aus, woraufhin ich mich enttäuscht mit den abscheulichen Laffy-Taffy-Kaustreifen zufriedengeben musste.)
Als ich älter wurde, lernte ich die heilenden Kräfte von Shopping noch viel mehr zu schätzen und ging in die Make-up-Abteilung im Kaufhaus, wann immer die Dinge schlecht liefen. Wenn ich danach auf dem Sofa saß und meine neuen Errungenschaften ausprobierte, fiel es mir schwer, irgendetwas in meinem Leben nicht in Ordnung zu finden.
Aber wie jeder weiß, erfüllen einen solche Dinge eben nicht auf Dauer. Allerdings hatte ich in meinem Leben schon früh Tragisches erlebt und daher beschlossen, dass es sich nicht lohnte, sich zu viele Sorgen zu machen. Da konnte man viel besser nur die Oberfläche streifen und sich an den einfachen Dingen im Leben erfreuen.
»Du wirkst niedergeschlagen«, sagte Sammy, und ausnahmsweise war er einmal nicht kurz davor, einen Witz zu machen. Nichts in seinem Blick wies darauf hin, dass eine Pointe im Verborgenen lauerte, um die Stimmung zu heben. Er war ernst. Und lag genau richtig damit. »Ziemlich niedergeschlagen«, präzisierte er mit einer Nüchternheit, der ich kaum etwas entgegenzusetzen hatte.
»Ach.« Ich lachte kurz. »Ich stelle mir nur gerade Lisa als Mutter vor. All die winzigen Kate-Spade-Taschen, die sie auftreiben muss.« Und wenn ich ganz ehrlich war, stellte ich mir mich selbst als Mutter vor. Wenn es eine Windeltasche von Kate Spade gab – was wahrscheinlich der Fall war –, dann würde ich die vermutlich genauso haben wollen. Doch wenn ich an Babys dachte, dann dachte ich auch an runde Bäckchen, Hände, Füßchen, ein zahnloses Lächeln, glänzende Augen und an das Versprechen immerwährender Liebe. Das Versprechen, selbst für immer zu lieben. Das ist etwas, was oft außer Acht gelassen wird, obwohl es so wichtig ist: Wenn man von der Liebe enttäuscht wurde oder vielleicht selbst sprunghaft in Liebesdingen gewesen ist, heißt das nicht, dass man mit seinem Leben als Single glücklich ist. Ein Leben ohne Liebe kann entsetzlich einsam sein.
Ich bin nicht sicher, ob sich jeder so fühlt, der keine Kinder hat. Vermutlich unterscheidet dieses Gefühl diejenigen, die wissen, dass sie keine Kinder wollen, von denjenigen, die sagen, dass sie keine Kinder wollen.
Ich gehörte höchstwahrscheinlich der zweiten Gruppe an. Auch wenn ich alles dafür tat, jeden davon zu überzeugen, dass ich zur ersten gehörte.
Sammy kaufte mir meine Ausrede nicht ab. »Du warst schon vor ihrer großen Ankündigung so drauf. Auch wenn ich auf jeden Fall verstehe, was du mit den kleinen Kate Spades meinst. Die wären bestimmt verdammt niedlich.«
»Ich weiß.«
»Nicht, dass du das wollen würdest.«
»Natürlich nicht.« Unsere Blicke trafen sich.
Ein Moment verstrich. »Mal ehrlich« – er legte mir die Hand auf meine – »was ist los, Tiger Lily?«
Ich hatte keine Antwort darauf. Ich war in letzter Zeit nicht gut drauf, das stand außer Frage. Aber ich hatte keine Erklärung dafür. Das Dunkle hatte mich unerwartet erfasst, ohne ersichtlichen Grund. War achtunddreißig in meiner Familie zu jung, um in die Perimenopause zu kommen? Ich musste meine Mutter danach fragen. Ich hatte ohnehin seit einem Monat nicht mit ihr gesprochen, und das war ein guter Grund, sie anzurufen. So hätten wir zumindest ein Gesprächsthema, denn normalerweise versuchten wir nur, nicht über ihren Idioten von einem Ehemann oder meinen Mangel an Ehemann zu reden.
Zwar freute es mich, dass sie endlich jemanden gefunden hatte, nachdem mein Vater so früh verstorben war, aber musste der Typ sie denn immer so herumkommandieren?
»Wer kommandiert wen herum?«, wollte Sammy wissen.
»Was?«
»Über wen redest du?« Er schenkte mir Champagner nach. »Jeffrey?«
»Mir war nicht klar, dass ich das gerade laut gesagt hab.«
Sammy neigte den Kopf und zog die Augenbrauen hoch, dabei hob er die Champagnerflasche demonstrativ an. »Hattest du genug zu trinken?«
»Heute noch nicht.« Ich nahm einen großen Schluck und hielt ihm mein Glas hin. »Immer her damit.«
Er zögerte, schenkte dann jedoch nach. »Und …? Wer kommandiert dich denn heute herum?«
»Der Mann meiner Mutter.«
»Dein … Vater?«
»Nein, ihr jetziger Mann. Jonathan.«
»Weißt du, es ist schon komisch, aber du sprichst fast nie über deine Eltern.«
»Meine Mutter. Mein Vater ist tot.« Da war es, dieses Stechen, das ich immer spürte, wenn ich an ihn dachte. Ein Ziehen in der Brust, das mich schmerzhaft daran erinnerte, dass mein Vater nicht mehr da war.
»Stimmt ja«, sagte Sammy. »Das wusste ich. Tut mir leid. Du bist also kein großer Fan des Nachfolgers.«
Ich zuckte die Schultern. Es gab nicht viel über Jonathan zu sagen. Ja, ich hielt ihn für einen Idioten. Ich wusste, dass er herrisch war. Aber er wurde nie wirklich ausfallend, und wenn Mom mit ihm glücklich war, gab es keinen Grund, mich seinetwegen aufzuregen. Dennoch fiel es mir schwer, mich meinem Alter angemessen zu benehmen, wenn meine Mutter ihn erwähnte.
»Ich führe mich auf wie ein Kleinkind«, erklärte ich und meinte das ernster, als ich durchblicken ließ. »Ich mag ihn nicht, wahrscheinlich vor allem, weil er nicht mein Vater ist, und deswegen verhalte ich mich wie eine Zwölfjährige anstatt wie eine Erwachsene.«
Sammy nickte, aber ich wusste, dass er es nicht nachvollziehen konnte. Das konnte ich ja selbst kaum. Ich war nicht einfach eine Erwachsene. Ich war eine problembeladene Erwachsene.
»Dieses Jahr wäre mein Vater fünfundsechzig geworden«, fuhr ich mühsam beherrscht fort, denn meine Gefühle drohten mich zu übermannen. »Fünfundsechzig! Das ist nach heutigen Maßstäben noch jung. Noch nicht mal Rentenalter. Und er hätte seine Rente auf jeden Fall erst später beziehen wollen, weil er dann mehr ausgezahlt bekommen hätte.« Typisch für mich, dass ich vom eigentlichen Thema abkam. »Aber er ist schon seit achtzehn Jahren tot.«
Wie so oft stellte ich ihn mir unter der Erde nach all diesen Jahren vor. Das war wie ein Spiel, das ich spielte, obwohl ich es hasste. Meiner Ansicht nach war das der beste Grund, sich für eine Einäscherung zu entscheiden: Niemand konnte sich vorstellen, wie man verrottete.
Sammy sah mich einen Moment an. »Lisas Neuigkeit zu ihrer Familienplanung hat also all diese Gedanken aufflammen lassen?«
»Nein!« Ja, natürlich. Aber wie zynisch und kleinlich von mir, ihre guten Neuigkeiten als Auslöser für meine eigenen Ängste zu nehmen und mich ans andere Ende des Bootes zu verziehen, mich zu betrinken und in Selbstmitleid zu versinken, anstatt ihr die Hand auf den Bauch zu legen und über Namen und Kinderzimmereinrichtung zu reden.
»Nein …?«, hakte Sammy nach.
»Na gut, ja. Schon, irgendwie.« Unwillkürlich zogen die nächsten Monate vor meinem geistigen Auge vorbei. Lisa, wie sie jeden Tag runder wurde, wie ihre Wangen glühten, wie sie sanft mütterlich – und überlegen – lächelte. Ich stellte mir die Babyparty vor, die Geburt, die ersten Besuche, die übertriebene Feier zum ersten Geburtstag … Doch noch deutlicher und schneidender trat der Gang mit den Babyprodukten im Supermarkt hervor, durch den ich hin und wieder ging und der mich jedes Mal innehalten ließ.
War es richtig von mir, keine Kinder zu bekommen?
Habe ich die richtige Entscheidung getroffen?
Oder habe ich mich falsch entschieden, und jetzt ist es zu spät, meine Meinung zu ändern?
Qualvolle Gedanken. Fragen, auf die ich keine Antworten hatte. Leiden, für die es keine Medikamente gab. Man kann eine Menge Zeit damit verbringen, mit seinen Entscheidungsängsten zu kokettieren, wenn man noch jung ist, denn dann gibt es noch genügend Zeit, Fehler zu beheben. Mit zwanzig, fünfundzwanzig, dreißig, sogar noch mit fünfunddreißig – und in all den Jahren dazwischen – ist man noch jung genug, um die Richtung zu ändern.
Doch dann blickt man plötzlich der vierzig entgegen, und es wird einem klar, dass man bei manchen Dingen keine Wahl mehr hat, obwohl einem die Zeit dafür so endlos erschien, oder die Zeit vergeht auf einmal so schnell, dass sie einfach nicht mehr dafür reicht, eine gute und vernünftige Entscheidung zu treffen.
Anstatt mich also mit Lisa zu freuen (obwohl ich, wenn ich ehrlich war, auch nicht sicher war, ob es sich bei diesem Kind für sie und Larry nicht einfach um eine weitere Anschaffung handelte, die man eben macht), rief ihre Neuigkeit nur dummes Selbstmitleid bei mir hervor und erinnerte mich an all meine verpassten Gelegenheiten, vergeudeten Chancen und verwelkten Träume. Egal, was für Charakterschwächen die anderen haben mochten, ich jedenfalls war eine ganz miese Freundin.
Ich hielt Sammy erneut mein Glas hin, und er schenkte kommentarlos nach. Diesmal sah ich jedoch einen Schatten in seinem Blick.
»Wir haben auch über ein Baby gesprochen, Todd und ich«, sagte er. »Adoption, weißt du«, fügte er noch hinzu.
Verblüfft starrte ich ihn an. Machten das jetzt alle? Tat sich auf einmal die ganze weite Welt in Pärchen zusammen und gründete Familien? Musste das ausgerechnet jetzt wie eine große Welle über mich hereinbrechen? »Seit wann?«
Er kniff die Lippen zusammen und überlegte. »Seit ein paar Jahren reden wir immer mal wieder darüber.«
Ich hatte das Gefühl, jemand hätte mir einen Schlag in die Magengrube versetzt. »Das hast du mir nie erzählt.« War ich eine so schlechte Freundin, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, dass Kinder ein Thema für ihn waren? Hatte ich erwartet, er würde für immer mein schwuler Kumpel, meine zweite Hälfte bleiben, und dabei sein eigenes Leben komplett ausgeblendet?
»Ach.« Er wedelte abwehrend mit der Hand, eine Geste, die ich normalerweise beruhigend gefunden hätte. »Dich interessiert so was doch nicht.«
Da war es. Ich war so egoistisch und blind gewesen, ich hatte nicht einmal gemerkt, dass etwas in der Richtung im Gange war. Wenn ich ehrlich war, vergaß ich oft, dass Sammy und Todd verheiratet waren, denn Sammy kam bei Veranstaltungen immer als meine Begleitung mit, und so hatte ich irgendwie angenommen, dass er mir gehörte. Als hätte er keine feste Beziehung. Ich war so ein Idiot! »Warum dachtest du, du könntest mir nichts davon erzählen?«
»Ach, ich weiß nicht … Du weißt schon.«
Das war eine äußerst schwammige Antwort, dennoch verstand ich tatsächlich, was er meinte. Und es schien nicht nur ihm so zu gehen – offensichtlich wollte niemand mit mir über diese Dinge reden. Ich hatte in Lisas Blick echte Nervosität gesehen, als sie ihre Neuigkeiten verkündet hatte. Alle schienen zu glauben, dass mich der ganze emotionale Kram kaltließ.
Und das tat er auch.
Jetzt, wo ich darüber nachdachte, verstand ich, dass sie recht hatten. Ich hatte den emotionalen Kram gegen Erfolg eingetauscht. Und das hatte mir gute Dienste geleistet; so gut wie nie litt ich unter Launen, und ich neigte auch nicht zu jenen unspezifischen Depressionen, die so viele andere Frauen hatten. Aber war das wirklich das Richtige für mich?
»Sammy, du weißt doch, dass du über alles mit mir reden kannst.«
»Ja, ich weiß.« Er schien nicht überzeugt. Vielleicht bildete ich mir das jedoch auch nur ein. »Aber … weißt du denn auch, dass du mit mir über alles reden kannst?«
»Sicher doch.« Meine Antwort kam prompt und voller Überzeugung, doch wenn ich ehrlich war, redete ich nicht viel über mein Seelenleben. Ich pflückte es einfach nicht gern auseinander. Was vorbei war, war vorbei, und ich hatte noch nie einen besonderen Sinn darin gesehen, Vergangenes noch einmal durchzukauen, wo man es ohnehin nicht würde ändern können.
»Und warum tust du es dann nicht?«, wollte Sammy wissen. »Du redest fast nie über dich.«
»Wie meinst du das? Ich rede doch die ganze Zeit mit dir!«
Er sah mich tadelnd an. »Aber nie über irgendwas, das tiefer geht oder dich wirklich bewegt.«
»So was hab ich eben nicht!«
Sein Blick sprach Bände. »Jeder hat so was. Ich weiß ja nicht einmal, ob du jemals richtig verliebt warst.«
»Ach, jetzt komm aber, ich …« Ich brach ab.
»Ja …?«
Eine Welle an Gefühlen überkam mich, Erinnerungen, Gedanken, Sehnsüchte, die ich jahrelang nicht verspürt hatte. Das musste der Champagner sein. Ich hielt Sammy erneut mein Glas hin. »Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Was du vermutlich als nein interpretieren würdest. Aber ich weiß noch genau, wie ich dachte, ich wäre verliebt. In meinen ersten Freund, das ist schon ewig her. Ich wollte verliebt sein und dachte, mein Leben würde später in der gleichen glänzenden Vorstadtexistenz enden, für die ich das Leben meiner Mutter hielt.«
Ich wusste noch, was für ein wohlig warmes Gefühl mich bei dem Gedanken an diese Zukunft durchströmt hatte. Es stand in starkem Kontrast zu der Kälte, die ich in diesem Augenblick unter der gleißenden Sonne Floridas verspürte.
Ich hatte alles. Und dennoch hatte ich nichts.
Sammy schnaubte. »Die Vergangenheit an sich ist ja schon schlimm genug, aber der erste Freund bringt einen um.«
»Alle Freunde bringen einen um«, sagte ich und fegte damit die Gedanken fort, die mir ein so ungutes Gefühl gaben. »Deswegen versuche ich, ihnen auch aus dem Weg zu gehen.« Leicht wankend stand ich auf.
»Das sagst du jetzt, aber wenn der nächste Traumtyp vor dir steht, dann kannst du ihm doch nicht widerstehen.«
»Doch, das kann ich.«
»Kannst du nicht, habe ich doch selbst schon erlebt.«
»Doch!« Theatralisch warf ich die Hände in die Luft und lachte los. »Ich nehme die Herausforderung an. Ich werde mich nicht verlieben!« Auf wackligen Beinen ging ich zum Sprungbrett an den Rand der Jacht. »Ich werde nicht darüber nachdenken, ob ich Babystiefelchen stricken soll!« Ich spürte die Blicke meiner Freunde am anderen Ende des Bootes und wusste, dass ich das nicht hätte laut sagen dürfen. »Sorry!«
»Ramie«, sagte Sammy, »das meinst du doch nicht ernst. Und glaub mir, du wirst es nur bereuen, wenn du weiterredest.«
»Ich denke, ich rede nicht genug«, entgegnete ich. »Und das bereue ich!« Ich hätte tatsächlich noch weiterreden können, ließ es aber. Doch ich dachte daran, wie oft ich irgendetwas aussprechen wollte, es jedoch für mich behielt, weil ich keinen falschen Eindruck von mir vermitteln wollte. Oder nicht den richtigen Eindruck. Schwer zu sagen, was es nun war. Jedenfalls hatte ich immer das Gefühl, vorsichtig sein und neutral bleiben zu müssen, damit man mir meinen finanziellen Rat abnahm.
Das musste ich gar nicht erst laut aussprechen, damit Sammy verstand, was ich meinte. Er schien wieder nüchtern geworden zu sein. »Ramie, komm zurück. Ich glaube nicht, dass du in der richtigen Verfassung bist, um …«
»Ich brauche niemanden, niemals!« Ich trat auf die raue Oberfläche des Sprungbretts und setzte einen Fuß vor den anderen, wie auf einem Schwebebalken. Früher hatte ich das gemacht – turnen. Tatsächlich war ich damals richtig gut auf dem Schwebebalken gewesen. Und mein Körper erinnerte sich genau daran, wie es sich anfühlte, ein Rad zu schlagen, exakt am Ende des Balkens zum Stehen zu kommen und dann als Abgang einen Rückwärtssalto zu machen.
Und bevor ich wusste, was ich tat, holte ich auch schon Schwung. Obwohl es fünfundzwanzig Jahre her war, dachte ich auch nicht nur eine Sekunde darüber nach. Ich setzte einfach meinen rechten Fuß auf, wirbelte mit dem Oberkörper nach unten, rechte Hand, linke Hand, kam dann genau richtig erst mit dem linken, dann mit dem rechten Fuß auf. Ich hielt inne, streckte die Arme in die Luft und lachte den verdutzt dreinblickenden Sammy an. Dann – Gewohnheit? Alkohol? Gedankenlose Dämlichkeit? – setzte ich zum Salto an, ohne jedoch vorher zu gucken, wo das Brett aufhörte oder ob irgendetwas im Wasser war. Ich sprang einfach rückwärts von Bord, wie der betrunkene Dummkopf, der ich eben war.
Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, wie mein Kopf gegen etwas schlug (Das Sprungbrett? Das Boot? Nicht einmal das weiß ich.), wie ich für den Bruchteil einer Sekunde Oh, verdammt dachte und schließlich den Schmerz spürte, der sofort in Bewusstlosigkeit überging.
Das Gepiepe machte mich wahnsinnig.
Es drang in meinen Schlaf, so tief er auch sein mochte, und ließ mir nicht mehr als eine glückselige Sekunde, in der ich wieder abtauchen konnte, bevor es erneut ertönte. Piep! Schon komisch, wie man Schlaf genießen kann. Er war so köstlich, so behaglich, so notwendig, dass selbst anderthalb Sekunden mehr davon sich anfühlten, als wäre man im Himmel.
Ich hätte alles, absolut alles dafür gegeben, in diesem tiefen, dunklen, unbewussten Zustand zu verharren.
Wenn sich so der Tod anfühlte, her damit.
Doch nein: Piep … Piep … Piep …
Ich schlug mit der Hand in Richtung des Geräuschs – aufhören! Schluss damit! –, aber meine Bewegung fühlte sich schlapp an, und ich bekam nichts zu fassen.
Moment mal. Wo war ich überhaupt? Das ergab keinen Sinn. Die Puzzleteile wollten sich nur langsam zusammenfügen. Ein Wecker? Ich hatte doch gar keinen Wecker. Ich benutzte immer mein Handy zum Wachwerden, ein sanftes Klavierklimpern, das mich in die Welt zurückholte, nicht so ein altmodisches Piepen.
Ich versuchte, die Augen zu öffnen. Himmel, war das schwer. Allmählich drangen Licht und Farben zu meinem Gehirn durch. In meinem Schädel hämmerte es. Meine Güte, ich hatte seit Jahren nicht mehr so einen Kater gehabt. Alles schmerzte so sehr, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte mich nicht bewegen, mein Mund war staubtrocken, und mein Handrücken tat mir weh. Was hatte ich getan? Wie tat man sich am Handrücken weh?
Alkohol. Da musste Alkohol im Spiel gewesen sein. Unter Alkoholeinfluss kann einem alles passieren. Vor allem lauter dämliche, peinliche Dinge. Was war also vorgefallen? Ich war auf der Jacht gewesen. Jetzt lag ich aber irgendwo in einem Schlafzimmer – bitte, lass es ein Gästezimmer sein –, und jemand hatte mir einen Wecker gestellt. Na großartig, vielen Dank auch.
Das Piepen wurde leiser. Gott sei Dank. Gesegnet seien die Wecker, die aufgaben.
Ich blinzelte und kniff die Augen zusammen. Der Raum nahm Gestalt an. Auf der anderen Seite des Zimmers leuchtete rot die LED-Anzeige. 7:04. Es war hell im Zimmer, es musste also sieben Uhr morgens sein. Aber wo um alles in der Welt war ich, dass ich – oder irgendjemand – mir einen Wecker stellen musste?
Mein Blick fiel auf die Tür.
Ich kannte dieses Zimmer.
Die beigefarbene Tür. Der vertraute Ganzkörperspiegel daran, in dem sich die mir bekannte Kommode spiegelte, aus der T-Shirts und andere Kleidungsstücke, deren Farben und Muster mir allesamt nicht fremd waren, wahllos aus den Schubladen hingen.
Ich blinzelte noch einmal. Und noch einmal.
Das war doch nicht möglich. Das musste ein Traum sein. Ein alkoholgeschwängerter Traum? Dafür schien mir alles zu deutlich, aber vielleicht hatte mein Gehirn andere Kräfte als mein Körper.
Ich schloss die Augen, atmete tief durch, versuchte, mein heftig klopfendes Herz zu beruhigen, und holte noch einmal Luft, bevor ich die Augen wieder öffnete. Ich sah nach links in der felsenfesten Annahme, dass ich die mit schwarzer Farbe abgesetzten roten Wände und die klaren Linien des Hotelzimmers sehen würde, in dem ich übernachtet hatte, bevor ich mit meinen Freunden hinaus aufs Meer gefahren war, doch stattdessen fiel mein Blick auf die Laura-Ashley-Tapete mit den kleinen Rosen aus meiner Jugend.
Und schlafend neben mir auf dem Bett lag mein mir unbeschreiblich vertrauter und schon lange verstorbener Golden Retriever Zuzu.
Vor Schreck gab ich einen Laut von mir, der die Hündin weckte. Einen Augenblick lang sah sie mich müde an mit ihren braunen Augen, die von einem »Kleopatra-Lidstrich«, wie meine Mutter es nannte, umrahmt wurden, schloss sie dann wieder, streckte die Vorderbeine aus, grummelte und schlief wieder ein.
»Zuzu …« Ich sprach ihren Namen aus, aber sie reagierte nicht. Sie kannte mich. Als Teenager hatte ich ihren Namen so oft vor Kummer geseufzt, dass sie in der Regel wartete, bis ich ihn drei- oder viermal wiederholt hatte, bevor sie mich ernst nahm und aufhorchte.
Ich wollte die Hand ausstrecken und sie berühren, doch ich war wie erstarrt. Natürlich war das hier ein Traum, aber er fühlte sich so echt an. Ich wollte nicht, dass er aufhörte, und wenn ich ins Leere griff, dann wäre er vorbei. Ich wollte mich umsehen und mir jedes Detail einprägen, den Geruch in mich aufnehmen, sogar das Geräusch des Rasenmähers auf dem Nachbargrundstück.
Und so drehte ich mich auf die Seite und sah meinem Hund beim Schlafen zu. Wie lange, weiß ich nicht. Es wirkte so real. Tränen brannten mir in den Augen. Nach Zuzu hatte ich nie wieder einen Hund gehabt. Sie war gestorben, als ich einundzwanzig war (vor siebzehn Jahren), und damals war ich zu sehr mit meiner Karriere beschäftigt gewesen, um mich um einen Hund zu kümmern, auch wenn ich durch und durch ein Hundemensch war und es liebte, einen zu haben. Ich mochte echte Hunde, große, muntere, glückliche Retriever, und die konnte man nicht mal eben mit zur Arbeit nehmen.
Ich gehörte zur dritten Generation meiner Familie, die mit Geld arbeitete, und so war mir nie der Gedanke gekommen, dass ich etwas anderes machen könnte. Das ist ungefähr so, als wäre man Hellseherin in dritter Generation, denn meine Familie hat die seltsame Gabe, die Entwicklung des Marktes vorhersagen zu können. Wie ich das hier einschätzen sollte, wusste ich allerdings nicht.
Ich lag in einem Bett, das offensichtlich einmal meines gewesen war, und sah im Traum glasklar mein altes Jugendzimmer vor mir. Das ließ alle möglichen Gefühle in mir aufwallen, und ich hatte keine Ahnung, wie ich damit umgehen sollte. Ich konnte nur an eines denken: Wenn ich tatsächlich auf Zeitreise in jenen Jahren unterwegs wäre, in denen ich mit meinem Hund auf diesem Bett gelegen hatte, dann wäre dies der ideale Zeitpunkt, um in Apple zu investieren. Und in ein paar Jahren nach Google Ausschau zu halten. Allein mit diesen beiden Aktien hätte man einen symbolischen Betrag innerhalb von zwei Jahrzehnten in ein Vermögen verwandeln können.
Bei dem Gedanken daran musste ich lächeln. Allerdings war jetzt wohl nicht der richtige Moment, um über die Arbeit nachzudenken. Mein Verstand spielte mir einen ausgeklügelten Streich und zeigte mir in unglaublicher Klarheit meine Vergangenheit. Ich sollte mich offensichtlich erinnern, diese sorglose, glückliche Zeit noch einmal kurz »durchleben«. Auf der Kommode sah ich meine Parfumfläschchen stehen: den dunkelroten eckigen Lauren-Flakon, das bauchige Fläschchen Dior Poison, das matte Rechteck von White Shoulders aus vergangenen Zeiten. Gab es das überhaupt noch? Seit Jahren hatte ich nicht daran gedacht. Jeder einzelne Duft war Träger ganz bestimmter Erinnerungen. Ich fragte mich, wann ich diese Parfums zuletzt aufgetragen hatte und warum ich sie eigentlich heute nicht mehr benutzte. Wenn schon nicht als Duft, dann zumindest noch als Aromatherapie voller Erinnerungen. Allerdings glaubte ich nicht, dass der Lauren-Duft noch hergestellt wurde. Könnte ich den Flakon aus meinem Traum mitnehmen, würde mir ein Sammler vielleicht ein hübsches Sümmchen dafür bezahlen.
Na ja, vielleicht zwanzig Dollar.
Ich blieb ruhig liegen, um nicht aufzuwachen, und sah mich im restlichen Zimmer um. Zwanzig Jahre war es her, dass ich es bewohnt hatte, und doch konnte ich mich erstaunlich gut an jedes einzelne Detail erinnern. Ich wusste, wie sich die kühlen, schmalen Messinggriffe vom Kleiderschrank anfühlten, wusste, wo sich der Schalter meiner Leselampe neben meinem Bett versteckte, und wusste sogar noch, wie mein Bett quietschte, wenn ich mich umdrehte.
In meiner Jugend hatte ich manchmal äußerst vorsichtig mit diesem Quietschen sein müssen, wenn mein Freund Brendan mich besuchen kam.
Ich seufzte bei der Erinnerung daran und rollte mich auf der Seite zusammen, um weiterzuschlafen. Beziehungsweise, um aufzuwachen. Der Traum war schön, aber ich hatte zu tun. Nur noch zwei Tage Miami, und dann hieß es zurück an die Arbeit. Ich war fest entschlossen, mich davor so gut es ging zu erholen. Alle um mich herum sagten mir, ich sei überarbeitet und benehme mich wie ein Biest, und dafür wollte ich ihnen keine weitere Munition geben.
Ich gähnte und streckte mich, und dabei stieß ich mit dem Arm an etwas Kantiges. Ein Buch. Shanna von Kathleen Woodiwiss. Ah, nicht schlecht, Traumverstand. An Kathleen Woodiwiss und ihre historischen Liebesromane hatte ich seit Jahren nicht gedacht. Wie hatte ich die verschlungen! Shanna war mein Lieblingsbuch von ihr gewesen. Das wusste ich noch, auch wenn ich mich an keine Einzelheiten mehr erinnerte. Es ging um eine Insel und einen sonnengebräunten, gutaussehenden Romanhelden … Vielleicht war das ja ein gutes Omen. Vielleicht würde mein ganz persönlicher Romanheld endlich zu mir finden, wenn ich aufwachte und wieder aufs Meer fuhr. Gerade wo Jeffrey, mein jüngster Ex, sich ziemlich rapide von der Bildfläche verabschiedet hatte.
Ich kuschelte mich in meine Decke und versank erneut in die behaglich warmen Schlafsphären. Als würde man langsam eine Narkose bei mir einleiten, zählte ich die immer langsamer und schwerer vergehenden Augenblicke, und dann war ich weg. Ich weiß nicht, wohin mein tiefer Schlummer mich trug, jedenfalls wachte ich nicht von einer duftenden Brise auf, die mich in meinem Hotelzimmer in Miami streifte, sondern von dem Geruch nach Putzmittel und meiner ins Zimmer platzenden Mutter.
»Ramie, was zum Himmel ist los mit dir? Ich rufe schon seit zehn Minuten nach dir! Du hast nur noch drei Tage Schule. Drei Tage. Und die schwänzt du nicht!«
Verblüfft über die authentischen Details meines Traums sah ich meiner Mutter – und zwar der von vor zwei Jahrzehnten – dabei zu, wie sie sich in meinem Zimmer zu schaffen machte, die Schranktüren aufriss und durch Klamotten wühlte, die ich sogar vom Bett aus wiedererkannte.
Wahnsinn.
Wenn ich aufwachte, musste ich unbedingt googeln, was für ein Phänomen das war, das einem Erinnerungen so detailgetreu vor Augen führen konnte.
Auch das Kleid meiner Mutter kam mir bekannt vor, selbst wenn ich jahrelang nicht daran gedacht hatte. Gerade geschnitten, rosa und aus Leinen. Ich erinnerte mich genau. Sie hatte es selbst genäht – so wie sie fast alle ihre und auch meine Kleidung selbst genäht hatte –, nachdem sie den Stoff im Schlussverkauf gefunden hatte. Er kostete immer noch mehr, als sie eigentlich ausgeben wollte, aber sie sagte, sie habe »noch nie ein dermaßen perfektes Ballerinarosa gesehen« und einfach nicht widerstehen können. Und auf ihrer leicht gebräunten Haut sah es wirklich großartig aus.
Sie hatte gesagt, noch drei Tage Schule, es musste also Mai sein.
Traum-Mai.
Erinnerungs-Mai.
»Hörst du mich?« Sie wandte sich zu mir um. »Du fehlst nicht noch einen Tag. Willst du wirklich dein letztes Schuljahr aufs Spiel setzen, weil du schon wieder unentschuldigt nicht erscheinst?«
