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Unser Schulsystem ist komplett am Ende Bildungsexpertin und Bestseller-Autorin Silke Müller rechnet mit dem deutschen Bildungssystem ab und präsentiert radikale Lösungsansätze Das deutsche Schulsystem steht am Abgrund: marode Gebäude, veraltete Lehrpläne, ungleiche Chancen, überforderte Kinder und ausgebrannte Lehrer. Schonungslos zeigt Silke Müller in ihrem neuen Buch, wie Schule Kindern die Lebenschancen raubt und fordert ein radikales Umdenken. Ihre Streitschrift macht deutlich: - warum das aktuelle Bildungssystem oft weit entfernt von der Lebensrealität der Schüler agiert, - warum Eltern unbedingt stärker eingebunden werden müssen, - welche ungeahnten Potenziale digitale Infrastrukturen bieten, - warum das deutsche Schulsystem so ungerecht ist, - und welche revolutionären Lernmethoden sich wirklich lohnen. Mit ihren visionären Ideen verlangt Silke Müller nach einer Reform, die Schulen endlich menschlich, gerecht und zukunftssicher macht.
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2026
Silke Müller
Wie ein kaputtes Bildungssystem die Zukunft der nächsten Generation gefährdet
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Das deutsche Schulsystem steht am Abrgund: marode Gebäude, veraltete Lehrpläne, ungleiche Chancen, überforderte Kinder und ausgebrannte Lehrer. Schonungslos zeigt Silke Müller in ihrem neuen Buch, wie Schule Kindern die Lebenschancen raubt, und fordert ein radikales Umdenken. Sie macht deutlich, warum das aktuelle Bildungssystem oft weit entfernt von der Lebensrealität der Schüler agiert, warum Eltern unbedingt stärker eingebunden werden müssen, welche ungeahnten Potenziale digitale Infrastrukturen bieten und welche revolutionären Lernmethoden sich wirklich lohnen. Mit ihren visionären Ideen verlangt sie nach einer Reform, die Schulen endlich menschlich, gerecht und zukunftssicher macht.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Motto
Widmung
Warum dieses Buch jeden von uns angeht
»Schule gegen Kinder« – ist das nicht zu dramatisch formuliert?
Bildung ist das Bild der Welt, das wir vermitteln wollen
Eine kleine Reise in die Geschichte des Schulsystems
Warum sind Dinge eigentlich so, wie sie sind?
Preußens Erbe: Ordnung und Gehorsam
Warum klingelt es eigentlich so verdammt früh?
Massen brauchen Standards
1938: die sechsstufige Skala
Der Fächerkanon
Elternbeteiligung
Und jetzt? Moderne Schule – im uralten Gewand
Die große Gleichmacherei
Die Illusion der Berichtszeugnisse
Der Schatten bleibt lang
Leider keine Funfacts – harte Fakten über das Bildungssystem
Themenfeld 1: Lernen und Leistung
Fakt 1 – Lesekompetenz im internationalen Vergleich im Sinkflug
Fakt 2 – Schreibkompetenzen im Alarmbereich
Fakt 3 – mathematische Basisfähigkeiten mit massiven Lücken
Themenfeld 2: Personal und Profession
Fakt 4: Lehrkräftemangel – Unterricht mit angezogener Handbremse
Fakt 5: Fortbildung – freiwillig, wenn Zeit ist, das reicht nicht
Fakt 6: Sonderpädagogik – Inklusion und Integration sind keine Randaufgaben
Themenfeld 3: Digitalisierung und Medienbildung
Fakt 7: Bewilligt ist nicht verbaut
Fakt 8: KI und digitale Kompetenzen – nur Mittelmaß und zwei Fünftel abgehängt
Fakt 9: Tablets, wer zahlt? Bund, Land, Kommune oder die Eltern
Themenfeld 4: System und Steuerung
Fakt 10: Föderalismus – 16 Wege und ein Katalog des Absurden
Fakt 11: Curricula – viele Pläne und wenig Orientierung
Fakt 12: Ganztag – Rechtsanspruch trifft Realität
Themenfeld 5: Gesundheit, Schutz und Unterstützung
Fakt 13: Mentale Gesundheit – Dauerstress macht krank
Fakt 14: Schulpsychologie und Schulsozialarbeit – zu wenig Hilfe dort, wo sie gebraucht wird
Fakt 15: Psychotherapie – Wartezeiten, die die Kindheit kosten
Themenfeld 6: Infrastruktur und Lernräume
Fakt 16: Klassenzimmer – der Raum, der krank macht
Fakt 17: Toiletten, Periodenprodukte und Hygiene – wir sollten uns schämen
Themenfeld 7: Teilhabe und Demokratie
Fakt 18: Die Stimme der Kinder – Mitreden geschieht zu selten
Ich habe Fragen
Wie geht es Kindern in unserem Land wirklich? Erschütternde Wahrheiten
Mentale Gesundheit – Hilfe, die zu spät kommt
Fakten & Zahlen
Armut – das schleichende Gift für Kinder
Fakten & Zahlen
Trauma – nicht jede Wunde blutet
Fakten & Zahlen
Digitale Welt – wir haben keine Ahnung, was Kinder und Jugendliche durchmachen
Fakten & Zahlen
Zukunftsängste – Kinder haben Angst vor Klima, Krieg und Krisen
Fakten & Zahlen
Einschulung – wenn Freude auf eingeengte Struktur trifft
Fakten & Zahlen
Blick über die Grenze – wie geht es den Kindern bei unseren Nachbarn?
Magdalena und Emma – zwei Schülerinnen, die uns die Augen öffnen
Vorbei am echten Leben? Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in der Schule
»AI is underhyped«
Die echte Lebenswelt der Kinder
Cybergrooming – ein alltäglicher Angriff auf unsere Kinder
Verstörende Bilder, Videos, Challenges und Trends als Alltagsphänomen
Sind Verbote nun die Lösung?
Wie Schulen im KI-Zeitalter Kinder unvorbereitet lassen
Die Social-Media-Sprechstunde
Demokratieerziehung in Zeiten des digitalen Wandels
Künstliche Intelligenz in der Schule – Chancen und Gefahren
Zwischen Detektoren, Hausaufgaben und veralteten Prüfungsformaten
KI ersetzt Wissen, aber nicht das Herz
Roadmap für ein besseres Schulsystem – was ist zu tun?
Gebäude und Räume – von Ruinen zu Meisterwerken
Handlungsanweisung Räume für Konzentration, Gesundheit und Würde
Handlungsanweisung Räume für Essen, Begegnung und Wertschätzung
Schule als Lern- und Lebensort
Handlungsanweisung Schule als Lebensort
Handlungsanweisung echte Teilhabe, echte Gestaltung
Handlungsanweisung Inklusion und Integration
Handlungsanweisung Identifikation
Handlungsanweisung Tiere in der Schule
Handlungsanweisung sich zeigen und gesehen werden
Berufsbild neu denken – von der Lehrkraftbis zur Verwaltung
Handlungsanweisung innere Haltung
Handlungsanweisung Ausbildung
Handlungsanweisung neues Arbeitszeitmodell
Handlungsanweisung Schulleitungen
Handlungsanweisung Bildungsverwaltung
Allianzen in der Gesellschaft – von Eltern bis externe Experten
Handlungsanweisung Eltern
Handlungsanweisung Experten
Handlungsanweisung EdTech
Lernen und Arbeiten der Zukunft – vom Stundenplan zum Abenteuer
Handlungsanweisung Kompetenz und Leistung
Handlungsanweisung projekt- und prozessorientiertes Lernen
Handlungsanweisung Leben lernen
Handlungsanweisung Hausaufgaben und Prüfungen
Handlungsanweisung außerschulische Lernorte
Handlungsanweisung Talentförderung
Handlungsanweisung Ethik statt Religion
Handlungsanweisung KI und Medien
Bildungspolitik next level – ohne Bildungsföderalismus und Legislatur
Handlungsanweisung Einheitlichkeit
Handlungsanweisung Kontinuität
Handlungsanweisung Schulformen
Handlungsanweisung Budgetsicherheit
Handlungsanweisung Datenhaus für Bildung
Handlungsanweisung Finanzierungstransparenz
Handlungsanweisung Mobilitätsgarantie
Schlusspunkt
Eine Hausaufgabe für die Gesellschaft
Dank
Anhang
Interview mit Emma und Magdalena
Bildungsjournalismus – der wichtige kritische Blick
In einer Welt voller Krisen braucht es nur zwei Kräfte: Bildung und Beziehung. Aus ihnen wächst Hoffnung, Mut und Zukunft.
Für Michael, Svenja und Jessica – ihr erfüllt meine Welt.
Für Renate und Ernst – ihr bereichert meine Welt.
Für alle Schülerinnen und Schüler – ihr habt die unglaubliche Kraft, diese Welt zum Positiven zu verändern!
Diiing doooong« … »Es hat geschellt!« oder – wie man bei uns in Niedersachsen sagt – »Es hat geklingelt!«
Erinnern Sie sich noch an den Klang Ihrer Schulglocke? Dieses manchmal nervige, manchmal erlösende Signal, das den Rhythmus und den Takt unseres Schullebens vorgab und uns damals entweder den ersehnten Pausenhof schenkte – oder uns zurück in den Ernst des Klassenzimmers rief.
Erinnern Sie sich daran, wie Sie mit Ihren Freunden vom Pausenhof zurückschlendern – vielleicht in Grüppchen, vielleicht noch schnell tuschelnd über das eben Geschehene? An den Geruch der Räume – ein eigenartiger Mix aus Kreide, Holz, vielleicht Linoleum, ein bisschen Reinigungsmittel und der undefinierbaren Note von »Schule«? Oder an die kleinen Briefchen, die unterm Tisch von einem zum anderen wanderten?
Vielleicht fällt Ihnen die Raucherecke ein. Damals noch ein fester Ort, den alle kannten, auch wenn nicht alle dort willkommen waren. Und natürlich erinnern Sie sich an Klassenfahrten, Ausflüge, besondere Lehrer: die, die inspirierten, motivierten, uns ermutigten. Und ebenso an die, die man lieber vergessen oder im nächsten Schuljahr auf gar keinen Fall wieder haben wollte. Jeder von uns trägt diese Erinnerungen in sich. Ganz gleich, ob Grundschule, Hauptschule, Realschule, Gymnasium, Berufsschule oder welche Schulform auch immer, eines eint uns alle: Wir haben eine Schule besucht und sind durch das Schulsystem geprägt worden, im Guten wie im Schlechten.
Möglicherweise ist genau das der Grund, warum wir in Deutschland gefühlt nicht nur 80 Millionen Bundestrainer haben, wenn es um eine Fußball-WM geht, sondern auch 80 Millionen Bildungsexperten. Jeder glaubt zu wissen, wie Schule funktioniert oder funktionieren müsste, eben aus dem eigenen Erfahrungsschatz heraus. Das ist kein Vorwurf, aber ich habe in meinen 16 Jahren als Schulleiterin oft erlebt: Wer selbst eine schwierige Schulzeit hatte, begegnet Lehrkräften und dem System Schule mit Misstrauen. Wer dagegen eine unbeschwerte und positive Schulzeit hatte, reagiert meist gelassener, wenn es beim eigenen Kind einmal Probleme gibt.
Nein. Es ist notwendig. Vielleicht liegt Ihre eigene Schulzeit zehn, zwanzig oder vierzig Jahre zurück. Bis vor wenigen Jahren waren viele Erfahrungen trotz aller Unterschiede zwischen den Generationen noch vergleichbar. Heute nicht mehr. Wir leben in einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz, soziale Netzwerke, Desinformation, Inklusion, Migration und globale Krisen die Kindheit und Jugend prägen.
Unser Schulsystem hat lange Zeit wunderbare Dienste geleistet. Aber auf die Herausforderungen und Fragen der Gegenwart und Zukunft findet es heute keine Antworten mehr. Und nicht nur das. Das Schulsystem gleicht einer Ruine, die förmlich zusammenkracht, was aus meiner Sicht unfassbar gefährlich ist: für die Demokratie, für unsere Volkswirtschaft, für die Zukunft.
Der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz Quentin Gärtner schlägt im Oktober 2025 auch aus Schülersicht auf einer Pressekonferenz dramatisch Alarm: »Wir befinden uns in einer schweren Krise der psychischen Gesundheit junger Menschen. Das ist ein Notruf. Kein Land der Welt kann es sich leisten, den eigenen Nachwuchs zu vergessen. Wenn jetzt nicht gehandelt wird, dann entwickelt sich diese Notlage zu einer ernsthaften Bedrohung für unsere Volkswirtschaft und Demokratie. Unsere Botschaft ist klar: Wir wollen anpacken und für diese Gesellschaft etwas reißen. Dafür brauchen wir aber eine Politik, die sich unsere Resilienz als oberste Priorität auf die Fahnen schreibt.« Weiter fordert er: »Die Bundesbildungsministerin und die Kultusminister der Länder dürfen sich nicht länger wegducken. Wir geben gerade Hunderte Milliarden für Infrastruktur, Rente und Verteidigung aus. Wo ist das Geld für belastete Schülerinnen und Schüler? Wir sind die kritische Infrastruktur!«1
Diese Aussagen sind aus meiner Sicht nicht nur ein alarmierender Weckruf, sondern beschämend für unser ganzes Land. Wo übernehmen wir als Erwachsene diese Verantwortung, die nun junge Heranwachsende schon eigenständig für sich einfordern müssen? Wir befinden uns nicht nur am Anfang einer Bildungskatastrophe, sondern versinken immer mehr in ihr.
Deutschlands Rohstoffe sind, ähnlich wie in Österreich und der Schweiz, kluge Köpfe. Das derzeitige Schulsystem aber fördert genau diesen Rohstoff Mensch nicht mehr. In Zeiten von Desinformation sind wir unfassbaren Radikalisierungsprozessen ausgesetzt, die am Ende für einen Kollaps der Demokratie sorgen können. Gleichzeitig wird Künstliche Intelligenz alles aus den Angeln heben. Nichts wird so bleiben, wie es war. Das Schulsystem? Schaut zu. Und auch wir als Gesellschaft nehmen dies nicht ernst genug. Wenn wir nicht reagieren, werden wir als einst reiche Wirtschaftsnation an Einfluss verlieren.
Warum nicht endlich etwas passiert? Vielleicht aus Ignoranz oder Arroganz. Vielleicht, weil wir Angst haben, hinzusehen. Oder weil unsere Gesellschaft sich zu einer ich-bezogenen hinentwickelt hat, in der das eigene Wohl – und maximal das der eigenen Familie – wichtiger ist als Mitmenschlichkeit und gemeinsames Handeln.
Dystopische Katastrophenbilder? Alarmismus? NEIN! Das ist die Realität. Und glauben Sie mir, ich habe als hoffnungsvoller und bisweilen auch visionärer Mensch über zwanzig Jahre lang versucht, meinen Teil zur Schulentwicklung beizutragen. Ich tue es weiter. Nun aber mit dem schmerzhaften Blick auf die Wahrheit, damit sich etwas verändert. Denn die großen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht mit Parolen lösen. Wir brauchen eine Generation, die mutig, souverän, innovativ, neugierig, kompetent, kraftvoll und mit Visionen in die Zukunft geht. Wir brauchen die klugen Köpfe, die unser Land weiterhin zu einer Wirtschaftsmacht machen, die unseren Wohlstand und unseren Sozialstaat sichern.
Bildung ist das Fundament der Welt, die wir unseren Kindern hinterlassen. Und dieses Fundament muss in der Schule gelegt werden. Hier dürfen nicht nur Grundkenntnisse vermittelt werden. Schule muss der Ort sein – oder besser werden –, an dem die Werkzeuge für Souveränität, Orientierung und Gestaltungswillen in die Hände der nächsten Generation gelegt werden. Der Ort, an dem Kinder den Mut entwickeln, Fragen zu stellen, kritisch zu denken, Verantwortung zu übernehmen. Wenn dieses Fundament bröckelt, so wie es derzeit der Fall ist, bricht alles darauf Gebaute unweigerlich zusammen und mit ihm die Fähigkeit unserer Kinder, die Welt von morgen zu verstehen, zu gestalten und zu lenken.
Um Schule zu diesem Ort zu machen, braucht es den Willen der Politik, Ressourcen, engagierte Unternehmen, mutige Lehrkräfte, vertrauensvolle Eltern, unterstützende Vereine, kreative Bildungsinitiativen. Kurzum: eine ganze Gesellschaft. Denn eine Gesellschaft, die Kinder ernst nimmt, wird reicher an Ideen, reicher an Menschlichkeit und reicher an Hoffnung.
Es mag sein, dass mein kritischer und verurteilender Blick hier wehtun wird, dass ich Kritik für allzu viel Dystopie und ein Schlechtreden ernten werde. Vielleicht wollen manche diese Wahrheit auch nicht hören. Doch um zu verändern, müssen wir zuerst den Mut haben, hinzusehen, Missstände auszusprechen und dann sofort zu handeln.
Wir alle sind verantwortlich. Jetzt! Und genau deshalb geht dieses Buch jeden etwas an.
Zwei Jahrhunderte vor oder zurück – und die Kulisse bleibt erstaunlich ähnlich: Reihen von Tischen, vorne die Tafel, ein Stundenplan im Takt von 45 Minuten, eine Glocke, die den Rhythmus vorgibt. Vielleicht steht da heute ein Beamer statt einer Kreidetafel, vielleicht gibt es WLAN statt eines Overheadprojektors, doch die Struktur ist dieselbe. Genau hier beginnt das Problem: Wir tun so, als bräuchten Kinder im 21. Jahrhundert dasselbe wie Kinder vor 200 Jahren. Das tun sie nicht.
Das moderne deutsche Schulsystem entstand nicht zufällig, sondern als Staatsprojekt im 19. Jahrhundert. Es ging um Alphabetisierung für Verwaltung und Armee, um eine gemeinsame Sprache für das werdende Nationalwesen und um Zeitdisziplin für die Fabrik. Schule sollte Menschen verfügbar machen: verlässlich, pünktlich, austauschbar.2
Die Glocke, die den Unterricht taktet, wurde dabei zum Symbol. Sie war aber gar nicht immer da. Vor dem 19. Jahrhundert riefen Lehrer ihre Schüler mit Handglocken, Händeklatschen oder einfach mit der Stimme zusammen. Viele Lehrer waren nebenbei Küster – und so kam es, dass die Kirchenglocken gleich auch das Schulkind ins Klassenzimmer läuteten.
Erst im späten 19. Jahrhundert setzte sich die Schulglocke als eigenes, technisches Signal durch. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde sie flächendeckend eingebaut. Die Glocke übernahm ihre Autorität aus der Kirche, aus der Fabrik, aus der Kaserne, vom Schiff und taktete von nun an den Unterricht mit einem Ton, der ordnet, nicht inspiriert. Die Glocke sagt nie: »Jetzt wird’s spannend!« Sie sagt schlicht: »Alle gleichzeitig – jetzt!«
So wurde die Glocke zum heimlichen Herrscher des Schultages, der bestimmt, wann gedacht wird, wann geschwiegen, wann gerannt, wann gegessen. Sie unterbricht Gespräche, trennt Ideen, zerstückelt den Tag in 45-Minuten-Pakete. Und bis heute ist sie erstaunlich resistent gegen Veränderung.
Immer wieder wird in Deutschland die Frage gestellt: Warum müssen Kinder eigentlich so früh in die Schule? Auch an der Schule, die ich jahrelang geleitet habe, begann der Unterricht um 7.30 Uhr. Doch warum ist das so?
Schon im 18. Jahrhundert, als in Preußen die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde (Generallandschulreglement 1763), war der frühe Vormittag der festgelegte Beginn. Dahinter stand nicht die Erkenntnis, dass Kinder morgens am lernfähigsten sind, sondern dass Schule in die Arbeits- und Lebensrhythmen der Erwachsenen passen musste. Vormittags, wenn Bauern auf den Feldern arbeiteten oder Handwerker ihre Werkstätten öffneten, sollten die Kinder schon versorgt und beaufsichtigt sein.
Im 19. Jahrhundert, im Zuge der Industrialisierung, verschärfte sich diese Logik, weil etwa Fabriken Schichten takten wollten. Dauerte der Unterricht ursprünglich vielerorts eine volle Stunde, wurde im Jahr 1911 durch den preußischen Kultusminister August von Trott zu Solz die 45-Minuten-Stunde eingeführt. So konnte man den Unterricht dann noch stärker in den Vormittag ziehen. Die Begründungen schwankten: Mal verwies man auf psychologische Studien, die nachlassende Aufmerksamkeit nachweisen wollten, mal auf sehr praktische Motive wie kürzere Schultage oder die langen Wegezeiten von Landkindern. Wie auch immer: Das Raster war geboren, und es hat sich ins System eingebrannt. Früh beginnen wurde so zu einer Selbstverständlichkeit, die sich bis heute erhalten hat.3
Als die Massenschule entstand, brauchte der Staat Filter und schuf ein System der Standardisierung, um zu unterscheiden, wer für Gymnasium, Studium oder Staatsdienst taugt. Schon ab 1788 gab es in Preußen gesetzliche Regelungen für Prüfungen. Damit solche Vergleiche funktionierten, brauchte es Aufgaben mit klaren Antworten. Kreatives Denken war unpraktisch, weil es sich nicht mit Punkten und Kreuzchen bewerten ließ.4
So wurde Reproduktion zum Maß aller Dinge. Das war nicht einmal böse gemeint, sondern hatte eine klare Logik: In einer Zeit knapper Ressourcen war es einfacher, Wissen wie Schrauben am Fließband gleichmäßig zu verteilen. Standardisierte Aufgaben, standardisierte Antworten, standardisierte Zensuren. Das System konnte sortieren, verwalten und versprechen: »Gerechtigkeit durch Gleichheit.«
So entstanden Prüfungsordnungen und ein Examenswesen, das auf Eindeutigkeit setzte. Von Klassenarbeit bis Abiturprüfung – wer exakt das Richtige wiedergab, bestand.5 Wer neue Ideen hatte, fiel durchs Raster. Mit der Zeit wandelten sich die Urteile von blumigen Beschreibungen über Prädikate wie »gut« oder »vorzüglich« zu Ziffernnoten.6
Festhalten: Der entscheidende Schnitt kam 1938. In der NS-Zeit wurde die bis heute gebräuchliche sechsstufige Ziffernskala reichsweit eingeführt.7 Note 1 bis 6. Die Noten, die Ihre Kinder noch heute mit nach Hause bringen. 1 hieß sehr gut, 6 hieß ungenügend. Was wie ein technisches Detail klingt, war in Wahrheit ein politischer Akt. Ein Regime, das alles nach Rasse, Leistung und Brauchbarkeit sortieren wollte, erfand sich auch im Klassenzimmer seine Raster. Eine Volksgemeinschaft, die überall Gleichschritt verlangte, brauchte eindeutige Messpunkte, keine Worte, keine Grautöne, sondern harte Ziffern.
Die Notenskala passte perfekt in diesen Geist. Sie war Verwaltungspoesie im Dienst der Ideologie. Sechs Stufen, klar voneinander getrennt, scheinbar objektiv, scheinbar gerecht. Sie ließ sich mitteln, in Quoten gießen, in Tabellen pressen, und sie verlieh dem Selektieren den Anschein von Wissenschaftlichkeit. Das System wollte keine individuellen Lernwege, sondern Normierung. Und die Ziffer wurde zur Waffe dieser Normierung.
Dass ausgerechnet die Nationalsozialisten dieses System festschrieben, ist kein Nebensatz, sondern die Pointe. Wir nutzen noch immer ein Instrument, das in einer Diktatur standardisiert wurde, um Menschen früh, hart und unumkehrbar in Schubladen zu legen. Denn nach 1945 verschwand die Skala nicht etwa beschämt im Kellerarchiv. Sie blieb. In der Bundesrepublik wurde sie weitergeführt und schließlich in den 1960er-Jahren durch das Hamburger Abkommen und die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz erneut festgezurrt. Die Ideologie war verschwunden, die Ziffern blieben. Sie waren zu praktisch, zu bequem, zu verführerisch für eine Verwaltung, die Vergleichbarkeit liebt.
Der Staat übernahm im 19. Jahrhundert aber nicht nur die Standardisierung der äußeren Struktur, er legte auch die Bildungsinhalte, also die Fächer und verbindlichen Lehrpläne fest. Religion und alte Sprachen behielten lange die Oberhand, weil sie als Kulturträger und Elitenfilter dienten. Mit der Industrialisierung rückten Mathematik und Naturwissenschaften nach vorne, denn der Staat brauchte Ingenieure und Techniker. Später kamen moderne Fremdsprachen dazu, denn Frankreich, England und irgendwann die USA waren einfach zu wichtig, um weiter ignoriert zu werden.
Lehrpläne wurden so zum Instrument der Einheitlichkeit. Praktisch für die Verwaltung, denn jetzt konnte man landesweit kontrollieren, ob alle das Gleiche machten. Für das Lernen war es eher eng, weil Vielfalt und Abweichung kaum vorgesehen waren. Nach dem Ersten Weltkrieg brachte das Reichsgrundschulgesetz von 1920 dann die vierjährige Grundschule für alle mit einheitlichen Richtlinien, die das Fundament für das Schubladensystem weiter festigten.8
In der Bundesrepublik wurde ab den 1960er-Jahren noch stärker sortiert, diesmal über sogenannte Rahmenpläne der Länder. Sie legten fest, was in jedem Fach, in jeder Jahrgangsstufe zu behandeln war. Und nach dem PISA-Schock 2000 verschob sich die Steuerung noch einmal: Weg vom reinen Stoffkatalog, hin zu Kompetenzen. Klingt modern, wirkt aber ähnlich streng. Mit dem Klieme-Gutachten 2003 und den daraufhin von der Kultusministerkonferenz (KMK) ab 2004 veröffentlichten Bildungsstandards kamen bundesweit verbindliche Mindestkompetenzen. Wieder ging es um Vergleichbarkeit: Ende Klasse 4, Ende Klasse 10, Abitur. Die Schubladen blieben, nur die Etiketten wurden ausgetauscht.9
Lange Zeit war Schule eine geschlossene Veranstaltung. Eltern hatten die Pflicht, ihre Kinder abzuliefern, aber bitte keine Meinung mitzubringen. Schule war Staat, Schule war Kirche, Schule war Verwaltung. Wer glaubte, als Mutter oder Vater mitreden zu dürfen, galt bestenfalls als lästig. Mitbestimmung? Das war ungefähr so wahrscheinlich wie eine Schülerdemo in der Sakristei.
In der Weimarer Republik passierte dann etwas Unerhörtes. Es entstanden sogenannte proletarische Elternräte. Die Eltern wollten nicht nur Pausenbrote schmieren, sie wollten mitentscheiden, über Unterricht, über Lehrpläne, sogar über Zeugnisse. Das klang revolutionär, und das war es auch. Für ein paar Jahre erlebte die Schule, was echter Dialog bedeuten könnte. Dann kam das autoritäre Rollback: erst bürokratisch, dann brutal im Nationalsozialismus.
Elternbeteiligung, so wie wir sie heute kennen, ist ein junges Pflänzchen. Erst in den 1960er- und 1970er-Jahren brachten Demokratisierungswellen Elternvertretungen und Schulkonferenzen, wurden erste Mitbestimmungsrechte gesetzlich verankert. Doch die Mitwirkung bleibt bis heute eine Frage der Postleitzahl. In Hamburg haben Elternräte Stimmrecht, in anderen Bundesländern dürfen sie freundlich zuhören.10 Die Mitbestimmung endet dort, wo es unbequem wird – was zufällig genau dort ist, wo es spannend wäre.
Natürlich hat sich Schule verändert. Heute sitzen Mädchen und Jungen nebeneinander, Inklusion ist zumindest offiziell das Ziel, es gibt Ganztagsangebote, neue Fächer und digitale Geräte. Mancherorts wird sogar die Tafel per Touchscreen bedient, und die Vokabeln erscheinen nicht mehr auf kariertem Papier, sondern auf dem Tablet. Alles sehr modern. Doch unter der Oberfläche blieb der Bauplan derselbe. Wir haben Koedukation eingeführt, aber die Jahrgangsklassen behalten. Wir haben WLAN, aber immer noch das Fachraumprinzip. Wir haben iPads, aber immer noch Noten, Stundenrhythmus und Abschlussprüfungen.
Die großen Erschütterungen – 1968, die Gesamtschulbewegung, später PISA – hätten alles aufbrechen können. Stattdessen brachten sie vor allem eines: noch mehr Messung, noch mehr Vergleich, noch mehr Zahlen. Der paradoxe Effekt: Je mehr wir messen, desto mehr zählt nur noch das Messbare. Kreativität, Neugier, Begeisterung? Schön, aber schwer in Excel darzustellen, also eher Bonusmaterial.
Was mich wirklich wütend macht, ist, dass wir heute immer noch in diesen Strukturen festhängen, obwohl wir so viel mehr wissen. Angefangen mit dem frühen Schulstart.
Schon Anfang der 1990er-Jahre konnte die amerikanische Forscherin Mary Carskadon nachweisen, dass die innere Uhr in der Pubertät tatsächlich nach hinten rutscht. In einer viel beachteten Studie von 1993(Association between Puberty and Delayed Phase Preference11) hat sie Schülerinnen und Schüler untersucht und gezeigt: Je weiter die körperliche Entwicklung fortgeschritten war, desto stärker verschob sich der Schlafrhythmus nach hinten.
In einem späteren Artikel mit dem schönen Titel The Perfect Storm12 (2011) beschreibt Carskadon diese Situation als Sturmfront aus zwei Prozessen: Erstens verschiebt sich die innere Uhr (man will später schlafen gehen), zweitens baut sich der sogenannte Schlafdruck langsamer auf. Das Ergebnis ist, dass Jugendliche abends lange wach sind und morgens biologisch noch nicht »einsatzbereit«. Wer sie dann um 7.30 Uhr in Mathe oder Geschichte schickt, verlangt in etwa so viel, wie wenn Erwachsene nachts um vier Uhr eine Steuererklärung ausfüllen müssten.
Die American Academy of Pediatrics forderte deshalb schon 2014, dass Mittel- und Oberstufen nicht vor 8.30 Uhr beginnen sollten. Auch die American Academy of Sleep Medicine und die Centers for Disease Control and Prevention stimmen dem zu. Die Begründung ist eindeutig: Frühe Starts verursachen Schlafmangel, Konzentrationsprobleme, mehr depressive Symptome, schlechtere Noten und sogar mehr Verkehrsunfälle auf dem Schulweg.13 Ganz ernsthaft – wie können wir darauf nicht reagieren? Vermutlich, weil sich viele Entscheider nicht mit dieser Thematik auseinandersetzen, wie mit so vielen anderen eben auch nicht. Bloß nicht dran rütteln, wenn etwas doch seit Jahrhunderten so selbstverständlich ist.
Aber es geht nicht nur um Schlaf. Wenden wir doch das System Schule mal auf die (Arbeits-)Welt an, dann wird es deutlich:
Heute arbeiten Firmen längst in Projekten, in Teams, in langen Flows. Wer in einem modernen Büro mitten in der Ideenrunde plötzlich eine Glocke läuten würde mit der Ansage: »Bitte Thema wechseln!«, bekäme bestenfalls irritierte Blicke. In der Schule ist es Alltag. Wir servieren weiter Häppchen, mundgerecht zerschnitten in 45 Minuten. Danach klingelt es, und die Kinder rücken ab wie Arbeiter am Fließband.
Während Kinder zu Hause komplexe digitale Welten erschaffen, starren sie in der Schule weiterhin auf dieselben karierten Bögen wie vor 100 Jahren. Noch immer gilt: gleicher Raum, gleiche Aufgabenstellung, gleiches Urteil am Ende. Man stelle sich vor, Ärzte würden heute noch mit Blutegeln behandeln, weil es sich »bewährt« hat. Oder Ingenieure würden Flugzeuge nach denselben Plänen bauen wie 1910. Niemand würde das ernst nehmen. Aber bei Klassenarbeiten tun wir so, als wäre dieses Relikt der Industriepädagogik das Nonplusultra moderner Bildung.
Oder das Jahrgangsprinzip: Es wirkt ordentlich, fast elegant: alle Zehnjährigen zusammen, alle Elfjährigen zusammen, fein sortiert wie Weinflaschen nach Jahrgang.14 Nur hat die Natur den Plan nicht unterschrieben. Kinder lernen nicht im Gleichschritt, manche preschen vor, andere brauchen mehr Zeit. Sie haben verschiedene Stärken, Schwächen und Talente, aber man nimmt sie und gibt ihnen dieselbe Aufgabe. »Ihr kriegt alle die gleiche Prüfung. Aufgabe: Klettert auf diesen Baum.« Wie wäre das bei Tieren? Der Affe schafft es in Sekunden, der Vogel fliegt drüber, der Fisch schaut verständnislos, und der Elefant versucht es gar nicht erst. Genauso fühlen sich viele Schülerinnen und Schüler in Klassenarbeiten: Entweder es passt zufällig zu ihren Stärken – oder sie sind von vornherein chancenlos.
Würde man Erwachsenen im Berufsleben so begegnen – zum Beispiel der IT-Fachkraft, dem Buchhalter, der Krankenschwester und der Schreinerin die gleiche Arbeitsprobe abverlangen, etwa: »Bitte bauen Sie alle einen Tisch!« –, dann würden wir das für völlig absurd halten. In der Schule aber gilt diese Gleichmacherei bis heute als »fair«.
Und dann gibt es Kinder, die gar nicht in dieses Taktmodell passen: neurodivergente Kinder, die anders denken, anders strukturieren, anders wahrnehmen. Für sie ist der Gleichschritt nicht nur unbequem, sondern schlicht eine Zumutung. Das System kennt dafür bislang nur eine Lösung: »Wer nicht mitkommt, wiederholt.«
Das klingt pädagogisch, ist aber in Wahrheit teuer, stigmatisierend und bringt selten echten Fortschritt. Im Alltag heißt »wiederholen« meist: Mach dasselbe noch einmal, diesmal bitte besser – obwohl es beim ersten Mal genau an dieser Form gescheitert ist. Das ist ungefähr so, als würde man jemanden, der beim Turmspringen Bauchklatscher gemacht hat, ohne Schwimmunterricht einfach noch einmal losspringen lassen.
In den letzten Jahrzehnten gab es natürlich auch immer wieder Reformen, die die Härte der Ziffernnoten abfedern sollten. Gerade in Grundschulen, aber auch in manchen Förderschulen, Gesamtschulen oder reformpädagogisch geprägten Einrichtungen werden deshalb Berichtszeugnisse eingesetzt. Sie sollen individueller wirken, die Kinder nicht auf eine Zahl reduzieren und Lernprozesse sichtbarer machen. Manche Schulformen setzen sogar ganz auf diese verbalen Rückmeldungen.
Das klingt auf den ersten Blick sympathisch. Statt einer Drei liest man: »Paul zeigt sich meist aufgeschlossen gegenüber neuen Aufgaben.« Statt einer Vier heißt es: »Lena bemüht sich, den Anforderungen gerecht zu werden.« Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Auch hier bleibt es beim alten System. Die Worte sind nur die verschleierte Sprache der Noten. »Meist aufmerksam« bedeutet eine Drei, »stets bemüht« eine Vier, »zeigt sich gelegentlich interessiert« eine Fünf. Das Urteil ist dasselbe, nur weicher formuliert.
Aus meiner Sicht sind jetzige Berichtszeugnisse deshalb eben auch keine wirkliche Lösung. Sie klingen individueller, sie wirken freundlicher, aber sie bleiben Teil derselben Selektionslogik. Sie helfen Kindern nicht wirklich weiter, sondern verpacken nur alte Urteile in eine hübschere Sprache.
Das deutsche System sortiert, bevor viele Kinder überhaupt wissen, was sie interessiert. Wer mit zehn Jahren verträumt wirkt oder langsamer rechnet, bekommt schnell den Stempel »nicht gymnasial geeignet«. Später ist der Wechsel nur wenigen möglich. Es ist, als würde man beim Marathon nach den ersten 200 Metern entscheiden, wer ins Ziel laufen darf und wer nur noch nebenherjoggen soll.
Dieser lange Schatten der Selektion reicht tief in unsere Kultur. Wir feiern Vergleichbarkeit, wir lieben Tabellen und Quoten, wir halten es für gerecht, wenn alle nach den gleichen Schablonen bewertet werden. Doch gerecht ist das nur für die Maschine, die gleichförmige Produkte mag. Für Kinder, die unterschiedlich wachsen, denken und lernen, ist es schlicht unfair. Und dass wir das immer noch zulassen, ein Skandal.
Haben Sie eine Idee, wie viele unterschiedliche Schulsysteme wir in Deutschland eigentlich haben? Wissen Sie, wie viel Prozent der Schülerinnen und Schüler nicht richtig lesen oder gar rechnen können?
Wo stehen wir denn also jetzt? Stellen Sie sich vor, wir würden Schule wie ein Krankenhaus denken. Niemand käme auf die Idee, kaputte OP‑Lampen mit »Es regnet ja nicht rein« zu entschuldigen. Niemand würde akzeptieren, dass Ärztinnen ohne Fortbildungszeit auf veralteten Geräten arbeiten, während die Politik über Zuständigkeiten streitet. In Schulen akzeptieren wir genau das – seit Jahren. Die Ergebnisse liegen vor uns wie die Testbögen nach einer Klassenarbeit: einige gute Ansätze, viele Lücken, rote Markierungen an den Stellen, an denen es wirklich wehtut. Aufgeteilt in fünf Themenfelder werden wir sehen, wo dringender Handlungsbedarf besteht.
Die PISA-Studien sind seit über zwanzig Jahren das große Erdbeben-Messgerät für die Bildungssysteme dieser Welt. Und wer 2022 auf die Anzeige geschaut hat, musste schlucken: Deutschland rauschte im Lesen auf einen Mittelwert von 480 Punkten15 – das sind satte 18 Punkte weniger als noch 2018 und der schlechteste Wert, seit wir überhaupt bei PISA mitmachen. Fast ein Viertel der 15-Jährigen bleibt unter der Mindestkompetenzstufe. Übersetzt heißt das: Sie können Texte zwar entziffern, aber wirklich verstehen? Fehlanzeige. Es reicht vielleicht, um die Speisekarte beim Schnellimbiss zu entziffern, aber bei einem Parteiprogramm oder Mietvertrag wird es schon kritisch.
Andreas Schleicher, der Chef der PISA-Studien bei der OECD, warnt seit Jahren mit wachsender Lautstärke. Er spricht von einem »Negativtrend« und macht gleichzeitig klar, dass das Problem insgesamt aber viel tiefer liegt, es ist strukturell. Schleicher kritisiert überfrachtete Lehrpläne, die zu oberflächlichem Lernen führen: Deutschlands Schüler reproduzieren Wissen, übertragen es aber selten auf Neues. Trotz Systemzwängen gebe es für Lehrkräfte ungenutzte Freiräume, etwa weniger Stoff in mehr Tiefe, flexible Stundenlängen, fächerübergreifende Konzepte und Kleingruppen. Schulen müssten außerdem gesellschaftliche Probleme aktiv mitadressieren, heute mit mehr Sozialarbeit als früher. Der Philologenverband hat als Reaktion auf diese Kritik die Forderung erhoben, Deutschlands PISA-Teilnahme auszusetzen, solange Schleicher Koordinator ist.
Auch die nationalen Bildungstrends des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), die seit Jahren wie ein Fieberthermometer die Leistungen in Deutsch und Mathematik in der Primarstufe messen, schlagen mittlerweile Alarm. Die 2022 veröffentlichte Erhebung zeigt: Rund 30 Prozent der Viertklässlerinnen und Viertklässler erreicht nicht einmal den Mindeststandard im Bereich Orthografie. Das bedeutet: Sie schreiben Texte so voller Fehler, dass das Verständnis massiv leidet. Oder, um es drastischer zu sagen: Man kann die Sätze zwar entziffern, aber sie erinnern eher an kreatives Buchstabensuppen-Design als an verständliche Sprache.16
Der Bildungsforscher Olaf Köller, Direktor des Leipniz-Instituts für Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel und Co-Vorsitzender der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK), formuliert es nüchtern: Nach PISA2022 müsse die Risikogruppe gezielt gefördert und ab Klasse 5 konsequent an Leseflüssigkeit und Schreibflüssigkeit gearbeitet werden, flankiert von systematischer Sprachförderung »von der Wiege an«. Das klingt fast höflich, wie ein Arzt, der beim Herzinfarkt von einem »leichteren Kreislaufproblem« spricht. Tatsächlich reden wir über Grundkompetenzen, die früh gefestigt werden müssen – sonst bleiben Lücken. Übersetzt: Wer in der vierten Klasse strauchelt, stolpert in der neunten noch immer. Einmal ins Abseits geraten, bleibt man draußen.
Und trotzdem streiten wir uns in Deutschland lieber über das Gendersternchen oder darüber, ob man »Spaghetti bolognese« groß- oder kleinschreibt, statt uns ehrlich zu fragen, warum ein Fünftel der Kinder schon beim simplen Diktat ins Schleudern gerät.
Wenn man es genau nimmt, ist das nichts weniger als ein Bildungsskandal in Raten. Hier läuft etwas krachend schief. Denn eine Gesellschaft, die ihren Kindern nicht einmal mehr verlässlich Rechtschreiben beibringt, diskutiert demnächst wohl ernsthaft, ob die Autokorrektur im Handy als Ersatz für Orthografieunterricht reicht.
Die gleichen IQB-Bildungstrends zeigen in Mathematik ein Bild, das selbst hartgesottenen Optimisten die Schweißperlen auf die Stirn treiben müsste. In der vierten Klasse der Grundschule erreichen rund 22 Prozent der Kinder nicht einmal den Mindeststandard.17 Übersetzt: Mehr als jedes fünfte Kind verlässt die Grundschule, ohne die grundlegenden Rechenoperationen sicher zu beherrschen. Plus und Minus – Glückssache. Mal geht es auf, mal eben nicht. Und wenn man die Kinder später fragt, warum das Portemonnaie nach dem Shopping leer ist, lautet die Antwort: »Keine Ahnung, Mathe war nie so meins.«
Und es hört nicht in der Grundschule auf. In der Sekundarstufe pflanzen sich diese Probleme munter fort. Ein Blick auf die PISA-Studie 2022 zeigt: Deutschland landet in Mathematik bei 475 Punkten18 – das sind 25 Punkte weniger als noch 2018. Ein Absturz, als hätte jemand im Taschenrechner auf »Reset« gedrückt. Ausgerechnet im Land der Ingenieure, der Maschinenbauer, der Nobelpreise für Physik und Chemie, stolpern wir inzwischen über die Grundrechenarten.
Hier stehen nicht nur ein paar Schulnoten auf dem Spiel, sondern die langfristige Basis einer Volkswirtschaft wie Deutschland. Ohne sichere mathematische Grundlagen bleibt nicht nur der Weg in technische Berufe versperrt, sondern auch das grundlegende Verständnis für das, was unsere Gesellschaft bewegt: vom Klimawandel über Finanzplanung bis hin zu der simplen Frage, ob ein Kredit in zwanzig Jahren abbezahlt ist oder man bis zur Rente in der Schuldenspirale sitzt. Kinder, die heute keine Brüche verstehen, werden morgen kaum die Zinseszinsen ihrer Baufinanzierung überschlagen, geschweige denn die Statistiken zur Klimakrise kritisch einordnen können. Sie sind dem Zahlenrauschen ausgeliefert, und das in einer Welt, in der Daten und Zahlen inzwischen über Wahlen, Wohlstand und Wohlbefinden entscheiden.
Zugespitzt zeigt sich das Ganze im Oktober 2024. Deutschlands Schüler befinden sich im freien Fall.19
Der neue IQB-Bildungstrend 2024, der im Oktober 2024 durch die deutsche Presse ging, ist ein bildungspolitischer Schockbericht: Ein Drittel der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler scheitert an Mathe. Ganze 34 Prozent erreichen nicht einmal den Mindeststandard, der für einen mittleren Schulabschluss nötig wäre. Wer Brüche kürzen, Gleichungen lösen oder Prozentrechnen soll, gerät ins Straucheln.
Auch in den Naturwissenschaften bröckelt das Fundament. 25 Prozent versagen in Chemie, 16 Prozent in Physik, 10 Prozent in Biologie. Jeder vierte Teenager versteht also nicht, warum Zucker in Cola karamellisiert oder Strom durch eine Leitung fließt. Das ist keine Petitesse – das ist ein Systemversagen.
Denn die Krise zieht sich durch alle Schulformen. Vom Gymnasium bis zur Gesamtschule zeigen die Kurven steil nach unten. Selbst die einstigen »Leistungsträger« schneiden heute schlechter ab als ihre Vorgänger vor zehn Jahren. Deutschland verliert Schritt für Schritt das, was es einst stark machte: seine Bildung, seine Präzision, sein Wissen.
Die Ursachen sind bekannt und dennoch ungelöst. Die Coronapandemie hat tiefe Risse ins Bildungssystem geschlagen. Die getesteten Jugendlichen waren zu Beginn der Pandemie in der fünften Klasse, genau in jener Phase, in der das Fundament mathematischen und naturwissenschaftlichen Denkens gelegt wird. Statt Klassenraum gab’s Homeschooling, statt Struktur Chaos, statt Lehrkraft und Beziehungsarbeit Bildschirm. Die Lücken von damals sind heute messbar – schwarz auf weiß.
Aber die Pandemie war nur der Brandbeschleuniger. Schon vorher brannte das Haus: Lehrkräftemangel, veraltete Schulen, ungleiche Chancen. Diese Studie ist kein Zahlenfriedhof, sie ist ein Alarm. Wenn ein Drittel der Jugendlichen in der neunten Klasse schon an den Grundrechenarten scheitert, was bedeutet das für ein Land, das von Technik, Wissenschaft und Innovation lebt?
Die Wahrheit ist unbequem: Deutschlands Wissensgesellschaft steht auf wackligen Beinen. Das Rückgrat der Republik – ihre Bildung – knirscht gefährlich laut, wenn es nicht sogar zu brechen droht.
Wer mit Schulleitungen spricht, hört inzwischen fast überall dieselbe Klage: Es fehlt Personal, und zwar so dramatisch, dass der Unterricht in vielen Schulen spürbar ausgedünnt wird. Ganze Fachbereiche brechen weg oder werden notdürftig von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern abgedeckt, die zwar guten Willen mitbringen, aber nicht die volle Ausbildung.
Und es ist keineswegs nur Jammern auf hohem Niveau. Die Kultusministerkonferenz selbst rechnet für die Jahre 2024 bis 2035 mit erheblichen Engpässen, insbesondere in der Sekundarstufe I.20 Und das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) bringt die Lage so scharf auf den Punkt, dass man es fast zweimal lesen muss, um die Dimension zu begreifen:21 Im moderaten Szenario fehlen bis 2035 zwischen 115000 und 177000 Lehrkräfte. Im ungünstigen Fall kratzt die Lücke locker an der Marke von 200000 – also eine mittelgroße Stadt voller fehlender Lehrerinnen und Lehrer. Besonders heftig trifft es laut Aussage des FiBS vom März 2024 die Sekundarstufe I, wo rund 190000 Lehrkräfte fehlen werden, während in der Sekundarstufe II sogar ein Überschuss von 60000 droht. Es ist also nicht nur ein Mangel, es ist ein Verteilungsdesaster: zu viele dort, wo man sie nicht benötigt, zu wenige, wo sie verzweifelt gebraucht würden.
Und im Primarbereich? Da fehlen »nur« 16000 – man möchte fast schon gratulieren, wenn das nicht immer noch eine Katastrophe wäre.
Der Haupttreiber ist nicht einmal das Wachstum der Schülerzahlen an allgemeinbildenden Schulen, das nach Schätzung des FiBS von 8,7 Millionen im Schuljahr 2022/23 auf bis zu 9,6 Millionen im Jahr 2029/30 steigen und bis 2035 bei etwa 9,46 Millionen stabil bleiben dürfte. Nein, das eigentliche Problem ist der Ersatzbedarf. Auf jede Lehrkraft, die altersbedingt in Pension geht, kommen im Schnitt noch zwei bis zweieinhalb Kolleginnen und Kollegen, die schlicht hinschmeißen – Burn-out, Frust, Überlastung. Bei rund 160000 regulären Pensionierungen bis 2035 ergibt das eine unfassbare Summe: 480000 bis 520000 Stellen, die ersetzt werden müssen. Das sind rund zwei Drittel des gesamten heutigen Personals!
Selbst im besten Szenario werden Zehntausende Klassen mit angezogener Handbremse unterrichtet. Übersetzt heißt das: mehr Unterrichtsausfall, mehr Schüler pro Klasse, mehr fachfremd Unterrichtende, mehr Überlastung für die, die noch da sind. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn je größer der Druck, desto mehr Lehrkräfte kehren dem Beruf den Rücken, und damit verschärft sich der Mangel immer weiter. Ein Teufelskreis, der längst kein theoretisches Konstrukt mehr ist, sondern Alltag an deutschen Schulen.
Natürlich fordern Fachleute seit Jahren Strukturreformen: eine Lehrerbildung, die praxisnäher und flexibler wird, bessere Arbeitsbedingungen, verlässliche Entlastungszeiten für Schulleitungen, multiprofessionelle Teams, die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilen. Doch während es in der Realität längst brennt, sitzt man – entschuldigen Sie bitte meinen Sarkasmus – in den Ministerien noch immer mit dem Feuerwehrhandbuch und diskutiert, ob man Wasser oder Schaum nehmen sollte.
Fortbildung ist die wirksamste Stellschraube für Unterrichtsqualität, das sagen Schulleitungen seit Jahren im Chor, fast schon wie ein Mantra. Und sie haben recht. Wer Kinder gut begleiten will, muss selbst ständig lernen, wachsen, sich anpassen. Das ist so banal, dass man es nicht mehr betonen müsste. Eigentlich. Denn in der Realität läuft Fortbildung in Schulen häufig wie ein Anhängsel nebenbei. Sie findet »zusätzlich« statt, wenn mal gerade »Zeit übrig« ist in einem Beruf, in dem eigentlich nie Zeit übrig ist. Lehrkräfte gehen dann auf Fortbildungen, wenn kein Elternabend drängt, kein Kollegiumstag winkt, keine Klassenarbeiten korrigiert werden müssen, sprich: quasi nie.
In anderen Berufen wäre das schlicht undenkbar. Ärztinnen und Ärzte müssen regelmäßig nachweisen, dass sie ihr Wissen auf dem neuesten Stand halten – und zwar nicht irgendwann, sondern verbindlich und nach klaren Standards. Pilotinnen und Piloten trainieren in Flugsimulatoren Szenarien, die sie hoffentlich nie erleben müssen, und niemand käme auf die Idee, zu sagen: »Ach, wenn Sie mal Zeit haben, dann machen Sie halt so einen Check.« Fachanwältinnen und Fachanwälte dokumentieren jedes Jahr eine festgelegte Zahl an Fortbildungsstunden. Nur im deutschen Schuldienst gilt offenbar: »Ach, Sie haben doch studiert, das reicht für vierzig Jahre Unterricht.«
Die Cornelsen-Schulleitungsstudie formuliert es nüchtern, aber klar: Fort- und Weiterbildung hat für Schulleitungen hohe Bedeutung – besonders, um digitales Lernen sinnvoll zu verankern. Gefordert werden verlässliche Rahmenbedingungen, Zeitbudgets und kontinuierliche Qualifizierung des Kollegiums.22
Auch die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) drängt seit Längerem auf verbindliche, qualitätsgesicherte Fortbildung: In der StreitBAR, einer digitalen Gesprächsreihe des Stifterverbands, plädierte Felicitas Thiel, Professorin für Schulpädagogik/Schulentwicklungsforschung an der Freien Universität Berlin und Co-Vorsitzende der SWK, am 25. Februar 2025 für klare Verbindlichkeit statt bloßer Appelle; offiziell empfiehlt die SWK eine Fortbildungsverpflichtung von dreißig Stunden pro Jahr mit Nachweispflicht für alle Lehrkräfte, um zentrale Transformationsfelder wie digitale Bildung verlässlich abzudecken.23
Das Versprechen der Inklusion war groß. Doch die Praxis ist oft ernüchternd. In Deutschland haben rund 8 Prozent aller Schülerinnen und Schüler einen anerkannten sonderpädagogischen Förderbedarf – das entspricht mehr als einer halben Million Kinder. Etwa die Hälfte dieser Kinder besucht mittlerweile Regelschulen. Förderbedarfe wie »Lernen« (44 Prozent) oder »emotionale und soziale Entwicklung« (16 Prozent) machen dabei den größten Anteil aus. In der Praxis bedeutet das: In nahezu jeder Klasse sitzen Kinder, die eigentlich eine individuelle, engmaschige Förderung bräuchten – die aber oft nicht stattfindet, weil Sonderpädagoginnen und Schulsozialarbeiter fehlen.
Lehrkräfte in inklusiven Settings sprechen erstaunlich häufig von Überlastung. Laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) geben über 70 Prozent an, sich in inklusiven Klassen nicht ausreichend unterstützt zu fühlen. Laut Bertelsmann Stiftung kommt in vielen Bundesländern auf 200 bis 300 Schülerinnen und Schüler gerade einmal eine Vollzeitstelle Sonderpädagogik.24 Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Und selbst dort, wo Sonderpädagoginnen formal zugeteilt sind, teilen sie ihre Stunden auf mehrere Schulen, pendeln zwischen Standorten und sind selten fest in ein Kollegium eingebunden.
Inklusion und Integration brauchen multiprofessionelle Teams aus Lehrkräften, Sonderpädagoginnen, Sozialarbeitern, Sprachförderkräften. Doch die gibt es schlicht nicht in ausreichender Zahl. Das Institut der deutschen Wirtschaft und die Kultusministerkonferenz rechnen mit Zehntausenden fehlenden Lehrkräften in den kommenden Jahren. Schon heute übernehmen Schulbegleiterinnen oft Aufgaben, für die sie weder ausgebildet noch vorgesehen sind, weil niemand sonst da ist.
Der Digitalpakt 1.0 war in Wahrheit ein Investitionsprogramm, kein Entwicklungs- und schon gar kein Unterrichtsprogramm. Klingt gut, macht sich in Pressemitteilungen schick, aber am Ende wurden Kabel und Geräte angeschafft, nicht pädagogische Konzepte. Bis zum 16. Mai 2024 konnten Anträge gestellt werden, am Ende standen rund 5,3 Milliarden Euro bewilligte Mittel im Raum. Mit Zusatzvereinbarungen für Administration, für Leihgeräte, für all das, was man nebenbei noch brauchte, kletterte die Gesamtsumme sogar auf 6,5 Milliarden Euro. Und siehe da: Zum Stichtag 30. Juni 2024 war das Geld so gut wie vollständig gebunden. Klingt nach Erfolg, oder?
Doch die nüchterne Wahrheit ist: Gebunden ist nicht ausgezahlt, ausgezahlt ist nicht eingebaut, und eingebaut ist noch lange kein Unterricht. Anträge schreiben geht schnell, Ausschreibungen dauern Monate, der Einbau noch mal länger. Trotz fast vollständig gebundener Milliarden zum Stichtag blieben viele Schulen quasi auf einem Fortschritt, der auf dem Papier steht, sitzen. Der Bundesrechnungshof rügte das Verfahren als überbürokratisiert: Anträge, Prüfschleifen, Nachweise wie aus der Amtsstube des letzten Jahrhunderts. Währenddessen klappert veraltete Hardware weiter, Glasfaser liegt vor der Tür, aber nicht im Klassenzimmer.
Die Finanzierung der IT-Administration wurde dem Digitalpakt erst 2020
