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Eine Wohngemeinschaft aus den Siebzigern erinnert sich, Freiburg i. Br., Politische Aktivitäten, , K-Gruppen, Spontis, Lebensgefühl, Lebensentwürfe, Wyhl, Atomkraftwerk, Berufsverbote.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2021
G. und D.
T., den 19. September 2000
Altenbeken, Samstag, den 7. Oktober 2000
P. und E. 17.9. 2000 Sonntag 19.00Uhr
1974 zog ich in die Schwabentor WG, sozusagen im Schlepptau meiner Freundin T. , die in einem Eingangsgespräch noch nach ihrer politischen Einstellung, Wünschen usw befragt worden war. Das fand bei mir nicht mehr statt. Aber es gab kein Zimmer und S. bot sich an, ein Zimmer mit mir zu teilen, das große mittlere Zimmer, später der Gemeinschaftsraum mit einem Fernseher mittendrin. Da mir Doppelzimmer mit Freundinnen vertraut waren, sagte ich zu. Es stellte sich heraus, dass einige Frauen dort, wie ich, schon berufstätig waren. Die anderen, hauptsächlich Germanist*innen, schrieben an ihren Promotionen oder waren noch mit ihrem Studium beschäftigt. Für mich eine neue und interessante
Welt. Meine Tätigkeit als Lehrerin in Wyhlen an der Schweizer Grenze fand ich zwar auch aufregend, das Kollegium und das Umfeld aber konservativ und langweilig.
So ergab es sich für mich, dass die WG eine angenehme und anregende Flucht aus dem Alltag darstellte.
Obwohl ich politisch interessiert und im linken Spektrum unterwegs war, wollte ich mich nicht festlegen lassen. So kam es auch manchmal zu Konflikten. Im Allgemeinen fühlte ich mich aber freundlich behandelt. Als Jüngste einer kinderreichen Familie kannte ich diese Struktur und fühlte mich dementsprechend wohl. Wenn es mir zu bunt wurde, die Diskussionen und die geleerten Weinflaschen überhand nahmen, konnte ich mich immer noch auf die Schule zurückziehen. Sie brachte mir eine gewisse Stabilität und natürlich den finanziellen Hintergrund.
Ach, ich bin übrigens die Antje, war... die Antje aus dem Schwabentor.
Den Namen Antje hatte ich mir in der Pubertät zugelegt, weil ich mir unter Anna immer nur eine alte dicke Bäuerin vorstellen konnte.
Ich möchte euch mit gesammelten Kommentaren von Freund*innen bzw Mitbewohner*innen des „Schwabentors“auf den Geschmack bringen und danach einige Interviews, die ich im Jahre 2000 gemacht habe, vorstellen.
„Das Entscheidende ist, dass das eine WG war nach Zerfall der politischen Zentralen, nach der Studentenbewegung, nach SDS Ende. “
„Ich glaub, es gab eine hoch ambitionierte Idee zumindest von Zusammenwohnen, dass man zusammen arbeitet, auf eine hoch ambitionierte Weise lebt, viel diskutiert,... Ich weiß nicht, da gab's wahrscheinlich ganz verschiedene Erwartungen.“
„ .. ich hatte in den Jahren davor viele Wohngemeinschaften kennengelernt, insofern kannte ich die Verhaltensformen, irgendwie war das Schwabentor doch ein bisschen anders. Es war wie ein Hafen. Man konnte nicht sagen, dass man einen engen Kontakt oder etwas besonderes mit den Leuten haben konnte, aber es gab immer wieder Leute, mit denen man so einen Kontakt hatte, es gab so einen Zusammenhang. Ich erinnere mich an die einzelnen Leute, die da waren....
... den sah man aber nur wie einen Luftzug. Der kam rein und raus. Dann gab’s die G., die sah man nie. Irgendwann kam sie mal und man sah ihr Mona Lisa Lächeln, dann auch nichts mehr, sie war dann weg. Stattdessen die S.. Die S. war da. Die S. war eine Persönlichkeit. Die konnte man nicht übersehen. Die hatte was Besonderes, menschlich und auch intellektuell. Ich erinnere, dass sie das prägte, das Schwabentor.
Es gab immer wieder Geschichten. Zuerst gab’s die Leute, die da wohnten, die hatten alle ihre Beziehungen, und die tauchte dann entsprechend auf. Das heißt, man hatte nicht nur mit den Leuten, die da drin wohnten, man hatte auch mit dem ganzen Rundherum zu tun. Und da die ganze Situation auch konfliktuell war, gabs Komplikationen, bühnenreif, Szenen, Leute, die sich in eine Truhe versteckten, von einer halben Stunde bis der, der hereingekommen ist, wieder raus.
...
Von dem jeweiligen Besuch, wenn dann unerwartet der Rechthabende kam, dann gab’s........wie im Film, wenn einer sich im Schrank versteckt, in einer Truhe, solche Szenen gab’s . Insofern gab’s Bewegung. Man wusste nicht genau, wer wohnt da, wer wohnt nicht, wer ist gerade weg, wer ist gerade eingezogen usw. Es gab auch eine Art Urkommunismus, der praktiziert wurde, ich erinnere mich, nicht nur in der Küche, mit dem Einkaufen usw,, auch die Autos, man fuhr immer mit einem anderen Auto irgendwohin. Es gab immer wieder Leute, die da kamen wegen irgendwelcher Sachen, die besprochen wurden, die man plante, usw. Wahrscheinlich hatte es für eine gewisse Szene eine soziale Funktion. So wie eine Mischung zwischen Wohngemeinschaft und Zentrum, Kneipe oder so.
...
Es waren komische Zeiten. Die Frauen haben angefangen, nach ihrer eigenen Logik zu funktionieren. Du hattest kein normales Verhältnis mehr, das war nicht mehr möglich. Es war nicht mehr möglich, normal zu sprechen. Es wurde gefiltert durch diese ideologische Auseinandersetzung. Übrigens für mich auch insofern unverständlich deswegen war, weil ich eine Generation erlebt hatte, die das alles hinter sich hatten. Verstehst du, das war ein Rückfall in die Steinzeit. “
„Da saßen wir wie immer in der Küche, und ich wollte eine Weinflasche öffnen und hab es nicht hingekriegt. Da habe ich sie K. gereicht. Und S. hat mich in Grund und Boden gestaucht, wie unselbständig ich doch sei, dass ich keine Weinflasche aufmachen kann und ich da einen Mann zu brauchte. Erstmal war ich sehr verletzt, dann hab ich auch gedacht: die haben sie doch nicht mehr alle!!!!
„Das gab's ja auch, dass man raus fuhr auf den Schönberg. Da war man auf einer großen Wiese, hatte Abendessen dabei, und es wurde halt probiert, die Dinge einfach mal durchzusprechen. Die Betroffenen sollten erzählen, man wollte probieren, dass man einen Weg findet aber ich glaube, es war ziemlich illusorisch, weil, was sollten die anderen an der Stelle......
Es war zumindest der Versuch gemacht worden, irgendwelche Sachen auszudiskutieren.“
...Basisgruppe, rote Zelle gab's nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich Zwischenprüfung in Geschichte gemacht hab und da das Thema Anarchismus hatte, da war für mich alles klassisch Linke gestorben. Die Diskussionen fanden dann weniger im Schwabentor statt als dann bei M., weil die trotzkistisch orientiert waren. Da kamen die Leute dahin und wir haben die verschiedenen Richtungen diskutiert. Also wir haben die Basisgruppe Germanistik gegründet und gleichzeitig lief die KPDMl.
Dann liefen ja die Wyhl - Geschichten, wo das Schwabentor angeschlossen war an die berühmte Telefonkette, die quer durch Freiburg und Umgebung lief, von Wohngemeinschaft zu Wohngemeinschaft. Da haben sich auch größere Gruppen im Schwabentor getroffen.“
„...während die Schwabentor-Leute, die liefen auf so einer ideologisch-germanistischen Ebene und geilten sich an Walter Benjamin auf, was wir für unser Gefühl, wie soll man das sagen, hinter uns hatten. Obwohl die auch mit französischer Theorie zu tun hatten.“
„Die vielen harten Diskussionen innerhalb der Wohnung selber, da gab's ja wirklich Schlachten, so richtig mit einem wahnsinnigen Gebrüll, dass S. brüllte und R. konnte zu der Zeit richtig loslegen, der hat dann los geschrien, aber ich meine artikuliert, schon immer mit dem politischen Hintergrund, welches "Gesellschaftsbild" hat man, wenn man sagt, da macht jemand was mit Absicht, also wir sind nicht gut, sondern böse, das ist mir in Erinnerung geblieben, da ging die Diskussion sofort los, also R. ist auf so was angesprungen und hat dafür gefochten, dass es ein falsches Gesellschaftsbild wäre.“
„Das gab dann richtige Einberufungen, also jetzt, am Sonntagmorgen, beim Frühstück... Da wurden dann unheimlich viele Brötchen an geschleppt, da war dann der ganze Tisch voll, und der war voll bis obenhin, und dann saß man da und hat über dies und jenes geredet, und dann ging es aber wirklich zur Sache, sehr hart. “
„Es gab ja so etwas wie die Männergruppen. Wer war eigentlich dabei? Ich hab gefunden, jeder, der da reingeht, der läßt sich auf etwas ein, das ist endlos.“
„Also das Schwabentor war nach außen berüchtigter als man sich fühlen durfte.“
„Es war 'ne Zeit lang eine ziemlich zentrale Wohngemeinschaft für eine bestimmte linke Szene in Freiburg, ich kenn ja auch eigentlich keine anderen Szenen. Es war die Wohngemeinschaft, wo es über freie Assoziationen sozusagen hinausging.“
„Wir waren die Avantgarde. “
„Ich hab eine wahnsinnige Szene erlebt, das war echt happig. Ich glaube, es ging um das Zürich Eck, Kajo, die besetzten Häuser. Es war irgendwie ein Demonstration und wir liefen wie die Hasen durch die Gegend usw. usw., und S. und ich hatten gesagt, wenn es hart wird, dann hauen wir einfach ab in irgendeine Kneipe. Und es war so in der Straße am Wienerwald, ich weiß nicht, wie die Straße hieß..
Da gab's so eine kleine Weinpinte, die Polizisten jagten in alle Richtungen und wir schossen da rein. Und als wir reinkamen, ließen die alle Rollläden runter, also das war schrecklich, du hattest jetzt das Gefühl, du sitzt jetzt in einer doppelten Falle. Es saßen nur alte Leute in der Kneipe, viel mehr Männer als Frauen. Die Frauen, die da waren, waren Serviererinnen. Dann haben wir uns hingesetzt und die haben alle über uns geschimpft. Es war vollkommen klar, wir sind schuldig für das, was da draußen Lärm mäßig veranstaltet wurde und die Polizisten haben alle recht. Wir haben gar nichts gesagt, und dann standen die Männer plötzlich auf. Das war 'ne irre Szene, das hatte etwas ganz Rituelles. Die Männer standen auf und bewegten sich in Richtung dieser runter gelassenen Rollos. Wir dachten, das geht einfach in die Hose. Die Serviererinnen haben uns auch nichts angeboten usw. usw. und sie haben wirklich alle Jalousien dichtgemacht. Plötzlich steht S. auf und geht auf einen Mann zu, der einen schlenkernden Arm hatte sozusagen, mit einem abgeschossenen Arm, ging auf ihn zu. Ich hab gedacht, jetzt gibt sie eine gefühlsmäßige Erklärung zu seinem Zustand ab. Und sie hat es gemacht! Ich dachte, es wird einfach scheußlich! Sie hat an seinen Ärmel geschlagen, der lose war und hat gesagt: "Das ist deshalb, ne?" Ich hab gedacht, das gibt's nicht, entweder gongt er ihr eine oder er schlägt mit dem leeren Arm zu, ganz furchtbar. Und dann hat er "ja" gesagt. Das war alles. Die Läden wurden wieder hoch gemacht, wir kriegten Wein, es war alles in Ordnung. Ich hab gedacht: "Das lerne ich!" Das so zu sagen, ohne Beleidigung, Angst, vielleicht ein bisschen mit Angst, sie hat auch Angst gehabt, das glaube ich schon. Wirklich, das ist die ewige Frage vom Gral eigentlich, glaub ich. “
„ Ja, in dieser Zeit fielen mir immer Frauen so doll auf, und ich traf so viele Frauen, auch in der Schule, nachdem ich in der PH von dem Männersystem so die Nase voll hatte, weil die sich so fürchterlich verbündet haben, auch zum Teil gegen mich, ich war immer die Letzte, die z.B. bei Berufungsverhandlungen überhaupt etwas sagen durfte, und dann musste ich immer das Soziale sagen, dann haben sie immer gesagt: ”Sie sagen ja immer bloß was zum Sozialen!” und da dachte ich ”diese Arschgeigen” profitieren von meiner Weiblichkeit, z.B. wollten sie immer von mir eingeladen werden, und dann haben sie sich so betrunken, dass sie mit meinen Plastikbällen, mit denen wir Boule gespielt haben, das ganze Zimmer verwüstet haben.“
„ Das waren gleich drei bedeutende Frauen, die mir da begegnet sind, das sind heute auch noch, wenn S. noch leben würde, drei meiner wichtigsten Freundinnen. Das ist wirklich was Bedeutendes. Für mich ist das Schwabentor nicht ein politischer Ort, in dem Sinne, politisch im Sinne von Revolution, linke Wohngemeinschaft usw, sondern ein Lebensort.“
„... das war so ein Freiheitsgefühl. Ich erinnere mich an so eine Szene, als wir im Buchladen waren, haben wir immer die Violetta Para aufgelegt. Und die war so schön. Ich weiß noch, in diesen Buchladen zu gehen, nette Leute zu treffen, ‘nen Kaffee zu trinken, Violetta Para auf der Platte, ein Glücksgefühl, wahnsinnig, mir war alles egal. “
„Ich empfand, als ich ins Schwabentor kam, das als eine sehr starke Frauenherrschaft. Die Frauen waren für mich absolut dominant. Ich interessierte mich allerdings auch ausschließlich für die, wobei ich auch sagen muss, wen ich da getroffen habe, im Kampfgewand mit 'nem schwarzen Gürtel, der grinsende H.. Ich fand den absolut uninteressant, weil er nur eine Fassade hatte, für mich. Ich hab ihn oft gesehen, er kam immer rein, ging wieder raus. Er hat sich nie niedergelassen. Aber er hat immer nur gegrinst. Manchmal hatte er seinen Kampfanzug an, manchmal nicht. “
„Also, wenn ich ins Schwabentor kam, hatten T und ich uns unendlich viel zu erzählen, entweder kamen welche dazu oder nicht. Wir saßen immer in der Küche. Immer. Nur, wenn wir mal Geheimnisse austauschten, saßen wir in den Zimmern. Ich saß also mit T in der Küche und wir hatten sicher schon das dritte Glas, es war schon spät, wir waren früher irgendwo gewesen. T machte den Kühlschrank auf, nahm alles, was im Kühlschrank war, raus, legte es auf den Tisch. Wir zwei essen alles, was da ist, auf. Am nächsten Morgen kommen alle aus den Betten, wollen frühstücken, nichts mehr da. Und das ist bestimmt öfter passiert. Ich erinnere mich, dass es reichliche Dinge immer gab, da kam jemand rein, du z.B. und sagtest: "Da ist ja gar nichts mehr." Und dann wussten wir schon, am nächsten Morgen geht ein Donnerwetter auf T runter. Oder, wenn ich da drin saß, der N kam nur und guckte, zeigte kurz seinen schwarzen Gürtel und ging wieder. Oder, tänzelnd kam der O. rein, mit oder ohne Hose.“
„...Ausgesprochen und auch körperlich zugeneigt, ich weiß noch, früher, da haben wir uns ja nicht dauernd umarmt. Und ich weiß noch, als M mal zu uns kam, sagte meine Mutter: “Die M ist lesbisch, die umarmt dich ja!” Also ich verkürze das jetzt, das war sie nicht gewöhnt. Zehn Jahre später haben meine Eltern selber alle umarmt, auch Erwachsene, also ihre eigene Schicht. Das hat sich völlig verändert. Das war irgendwie so toll. Auch, dass wir so viel reden konnten, dann dass wir uns so toll fanden und so viel Neues machten. Ich weiß auch nicht, es war irgendwie so eine schöne Zeit.“
„T.: Warst du bei der Veranstaltung, als die Mitscherlich über die Klitoris gesprochen hat? Nee, war ich nicht.
T. Schade. Als verkümmerter Schwanz. Wir haben dann ordentlich remmi demmi gemacht bei der Veranstaltung.“
„Aggressionen entstanden dann manchmal, weil jemand nicht mehr hingeguckt hat und jemand sich nicht mehr beachtet fühlte. “
“Glaubst du, dass von dieser Zeit etwas hängengeblieben ist?“
„Klar. Das bin ich. Das ist wie eine dicke Scheibe von mir. Das ist mit die wichtigste Zeit in meinem Leben gewesen. In der Zeit war ich mit mir identisch. Nicht immer. Es gab auch Auf'’ und Ab'’ und Heulen und Lachen, wirklich abwechselnd. Aber ich hab mich mit mir identisch gefühlt. Es gab überhaupt noch nicht diese bestimmte Sorte von Trauer, die in den letzten Jahren bei uns allen so eingekehrt ist, dass Freunde sterben, das Wissen, das alles nicht ewig ist. Das war damals nicht, es war im Moment alles ewig.“
A.: Du warst ja eine der Mitbegründerinnen, wie hat sich das abgespielt?
G.: Also ich wohnte mit F. in einer riesigen Wohnung, auch in einer WG, in der Gartenstraße, das war so eine Parterre Wohnung, ein Mords Schuppen, acht Zimmer, mit einem riesigen Flur. Das war eine ganz zusammengewürfelte WG, also eine reine Zweck-WG. Schräg gegenüber unterm Dach wohnte H.. H. und F. machten, glaub ich, zusammen ein Seminar über den Prinzen von Homburg, irgendwie bei Pietzcker oder Hermann oder sonst irgendwem, ich glaube, es war der Prinz von Homburg. Ich hab mich ja damals immer bei den Germanisten rum getrieben, weil ich mit F. zusammen war und hab meine Romanistik völlig ad acta gelegt, hab dann hinterher nur Examen gemacht, das war wirklich alles.
A.: Du hast noch studiert?
G.: Jaja. Ich hab Romanistik und Geographie studiert, offiziell. Dann kam eines Tages H. und sagte, er hätte so eine tolle Wohnung an der Hand, am Schwabentor, ob wir nicht Lust hätten, damit einzuziehen. Ich weiß noch, dass mich damals schon der Prinz von Homburg unsterblich gelangweilt hat, dass man das aber nie hätte laut sagen können. Die hatten natürlich einen marxistischen Ansatz für den Prinzen von Homburg usw.
A.: Weißt du noch, wann das war?
G.: Ziemlich genau muss das 70 gewesen sein. Ich bin 69 mit F. nach Freiburg gezogen, 71 haben F. und ich geheiratet, da waren wir schon in der WG, im Schwabentor. Na ja, dann haben wir uns das angeguckt und fanden die Wohnung natürlich berückend schön und noch die zwei Zimmer da oben. R. war mit dieser süßen kleinen Schwäbin, N., zusammen. Die zog nach oben. Wir hatten dort die zwei Mädchenkammern, dort zogen C. und N. ein. N. war bei R., der machte Erstsemesterberatung, deshalb waren das so seine Ziehkinder, C. hat ja auch immer an den Lippen von R. gehangen, der immer die Weisheiten sozusagen schon fertig präsentiert hat. Endgültig. Ja, dann waren wir unten, wir waren zu fünft, und das große Zimmer war ein Gemeinschaftszimmer. Wir haben damals alle zusammen eine Haushaltsauflösung gemacht, das war auch ganz spannend, da haben wir dann Geschirr geholt, da hab ich noch so ein paar Sachen davon auf dem Dachboden, wir haben dann alte Puppen gefunden, da hab ich oben noch eine, R. fand dann eine Pistole, die haben wir aber nicht mitgenommen, die war eingewickelt, das muss so ein alter SS Typ gewesen sein oder so, da war was eingraviert. Die haben wir dann da gelassen. Wir haben die Möbel aus verschiedenen Haushaltsauflösungen geholt, von der Nothilfe usw. Da haben wir zuerst ein Gemeinschaftszimmer eingerichtet. Wir waren zu fünft mit den beiden Kleinen oben, sozusagen, in den Kinderzimmern, das war so die Mischung. Ich erinnere diese wunderbaren Räume, wie toll das ist, wenn man irgendwie mit Schwung was Neues einrichtet und eine neue Lebensphase beginnt, ich fand das sehr anregend, ich mach das heute ja noch gern, Wohnung einrichten und so Zeug, das animiert mich. Und so die Stimmung, ja ich muss schon sagen, ich hab damals ein ganz anderes Verständnis von mir gehabt. Ich hab diese Männer unglaublich angehimmelt, das waren Intellektuelle, das Allergrößte auf der Welt. Halt diese ganze germanistische Blase. Ich bin, glaub ich, absolut nicht, überhaupt nicht intellektuell, bin praktisch und künstlerisch veranlagt, aber ich hab das immer toll gefunden, wenn einer sich wirklich in Theorien auskannte, Adorno gelesen hatte, wofür ich immer viel zu faul war, ich hab mir das immer aus zweiter Hand gerne erzählen lassen, aber z.B. selber mir so was zu erarbeiten hätte mir nie Spaß gemacht. Ich hab das dann gerne am Küchentisch aufgesogen, da ging's ja nur um so Sachen. Da ging's ja nur um Lukacs Debatte und Hegel-Rezeption (lacht) und so'n Zeug und Adorno "Minima Moralia", das hab ich denn grad noch gelesen, aber mehr auch nicht. Dann war das aber auf der Kippe, die Bewunderung sozusagen für die Intellektuellen und gleichzeitig eigentlich die Verachtung für die Männer. Das war, wo ich gemerkt hab, die sind sozusagen als Männer und als Menschen ganz arm, und ganz schwach, und irgendwie erbärmlich, und müssen das wahnsinnig kompensieren, indem sie die ganze Zeit ihren Kopf betätigen. Ich glaub, ich hab dann ein sehr ambivalentes Verhältnis zu denen gehabt, so dass ich eigentlich das Gefühl hatte, das ist irgendwie nicht richtig geerdet, das hat keine Basis, so Kopfgeburten oder so was.
A.: Das hat sich dann so entwickelt bei dir quasi...
G.: Ja, und es hat mir schon auch Angst gemacht, so dass ich immer dachte, ich muss mich mit denen messen, wollte es eigentlich nicht, aber ich hab gedacht, um überhaupt ein Mensch zu sein.... so, man wurde ja auch nur anerkannt, wenn man dieselbe Sprache geredet hat. Wenn du nur das gesagt hast, was du gedacht hast, .....warst du schlichtweg..
(Beide lachen)
A.: ..wurdest du nicht beachtet. Was hat S. für
