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Schwangere gut und sicher betreuen
Das Standardwerk in der Betreuung von Schwangeren: Lernen Sie die Grundlagen einer guten und sicheren Schwangerenvorsorge kennen. Dieses Buch bietet Ihnen dazu ein umfassendes Konzept und das Basiswissen, das Sie für eine kompetente Betreuung benötigen. Alle Autorinnen sind erfahrene Hebammen und Expertinnen in der Vorsorge. Sie erhalten wertvolle Tipps und Antworten zu allen Fragen rund um die Betreuung von Schwangeren, wie z.B.:
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Seitenzahl: 831
Veröffentlichungsjahr: 2023
Herausgegeben von
DHV
Renate Egelkraut, Rainhild Schäfers, Gaby Schmidt, M.Sc., Christiane Schwarz, Peggy Seehafer, Katja Stahl, Susanne Teuerle, B.A., Oda von Rahden, Anne Wallheinke, Angelica Ensel, Daniela Erdmann, B.Sc., Sabine Friese-Berg, Denize Krauspenhaar, Astrid Kruid, M.A., Ute Lange, Susanne Lohmann, Manuela Rauer-Sell, M.A.
Redaktion
4. Auflage
72 Abbildungen
Liebe Kolleg*innen, liebe interessierte Lesende,
das Vorwort zur 1. Auflage schrieb im Mai 2005 unsere damalige Präsidentin des (damals noch) Bundes Deutscher Hebammen Magdalene Weiß. Sie sprach von bevorstehender Selbstverwaltung, einem Standardwerk zur richtigen Zeit und der Hoffnung, dass das Buch der Thematik Schwangerenvorsorge einen Schub versetzt.
Nun, der Sprung in die Selbstverwaltung ist inzwischen Geschichte. Der Bund Deutscher Hebammen heißt inzwischen Deutscher Hebammenverband.
Alles andere ist leider aktueller denn je. Den großen Durchbruch hin zu hebammengeleiteter Vorsorge hat es bisher nicht gegeben. Das hat vielerlei Gründe, und wie umfangreich das Feld ist, wird bei der Lektüre dieses Buches wirklich klar.
Wir halten ein komplett überarbeitetes Werk in der Hand, prall gefüllt mit sofort umsetzbaren Arbeitsmaterialien, nutzbar für Berufseinsteiger*innen genauso wie für alte Häs*innen. Mit großer Ausführlichkeit, unaufgeregt, nichts weglassend, dennoch sehr übersichtlich und farblich ansprechend präsentiert sich das Standardwerk. Aktuell in der Sprache, einfühlsam auch in neuen Themen, es ist eine moderne Fundgrube geworden, die auch 17 Jahre nach dem ersten Erscheinen nichts an Aktualität verloren hat.
Den Hebammen hilft das Buch, ihre betreuten Frauen und Familien in ihren eigenen Entscheidungen zu stärken, egal in welche Richtung.
Ich denke, dass es weiterhin ein langer Weg sein wird, die Begleitung von normalen Schwangerschaften komplett in Hebammenhände zu legen. Aber: Wir Hebammen professionalisieren uns und wir behaupten uns inmitten aller verfügbaren Informationsquellen.
Ich wünsche dem Buch eine große Verbreitung, eine häufige Nutzung und damit der Thematik doch einen Durchbruch, für die Frauen und auch für uns Hebammen- ganz im Sinne unserer Vordenker*innen. Trauen wir uns an die Vorsorge!
Hoyerswerda, September 2022
Grit Kretschmar-Zimmer
1.Vorsitzende der Hebammengemeinschaftshilfe e.V.
Was für ein Werk! Unspektakulär im Titel, zeigt es sich schon auf den ersten Seiten als genau das richtige Buch zur richtigen Zeit, das Standardwerk zur Schwangerenvorsorge durch Hebammen, von Hebammen geschrieben, auf das wir schon lange sehnlich gewartet haben. Ein langwieriger Prozess war nötig, um dieses Buch hervorzubringen, passend zum Thema „Schwangerenvorsorge durch Hebammen“, die ja auch nicht einfach rutscht, sondern eher Mühe hat, sich zu etablieren. Umso mehr macht sein Erscheinen Hoffnung, dass mit ihm auch diese zentrale Thematik in der Hebammenarbeit einen Schub bekommt.
Was ist nun so bemerkenswert an diesem Buch? Zum ersten Mal in der Geschichte verständigen sich Hebammen, öffentlich und evidenzbasiert, über die Grundlagen ihrer Arbeit in der Schwangerenvorsorge und schaffen damit Möglichkeiten für alle, das eigene Handeln zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Neben harten Fakten und Zahlen steht die reiche Erfahrung von Hebammen, die wissen, wovon sie reden. Die sensible Beschreibung der verletzbaren Beziehungsgeflechte von Mutter und Kind und ihre Implikationen für unser Handeln stehen der Beziehungsarbeit von Hebamme und schwangerer Frau als tragender Kraft gegenüber. Ein großer Fundus an Wissen, nicht nur über Grundlagen und das Handwerkszeug für den Alltag, sondern auch die Bedürfnisse, Ängste und Erwartungen der schwangeren Frauen und ihrer Familien, wird vor uns aufgefächert. Informationsblätter für Schwangere zu bestimmten Aspekten der Schwangerschaft laden ein, sofort Nägel mit Köpfen zu machen, loszulegen mit der praktischen Schwangerenvorsorge.
Dieses Buch macht Lust auf Vorsorge, Lust auf mehr, indem es nichts auslässt, um Hebammen für die Vorsorge exzellent auszustatten mit dem nötigen Wissen und der kritischen Distanz, um sich mit Mut und Sachverstand in dieses zentrale Feld unserer Tätigkeit zu wagen oder sich dort weiter zu etablieren. Das richtige Buch in Zeiten von Präventionsgesetz, integrierter Versorgung, Sicherung von Pfründen, geplanter Entlassung der Hebammen in die Selbstverwaltung einerseits und der Dominanz ökonomischer Wertvorstellungen über den gesunden Menschenverstand und wissenschaftliche Erkenntnisse auf der anderen Seite. Dieses Werk unterstützt Hebammen darin zu zeigen, welch differenzierten und gesundheitspolitisch bedeutsamen Beitrag Hebammen heute leisten für die gesundheitliche Entwicklung von Frauen und ihren Kindern und damit für die ganze Gesellschaft.
Ich bin glücklich über dieses kraftvolle Buch und bedanke mich ganz herzlich bei den 15 Kolleginnen, die als Autorinnen für den reichen Inhalt des Buches stehen. Danke, dass Ihr Euer Wissen zur Verfügung stellt und mutig vorausgeht! Mein Dank gilt auch Sabine Krauss und Frau Dr. Reutter, die für die Kooperation von BDH und Hippokrates-Verlag stehen, die hartnäckig und begeistert, zutiefst von der Sache überzeugt, den langen Weg dieses Projektes begleitet haben!
Ein starkes, ermutigendes Buch, dem ich wünsche, dass es seinen Siegeszug antritt und der Schwangerenvorsorge durch Hebammen auch in Deutschland zum Durchbruch verhilft!Tübingen, im Mai 2005Magdalene WeißPräsidentin des DHV
Titelei
Vorwort zur 4. Auflage
Vorwort zur 1. Auflage
Teil I Grundlagen
1 Bedürfnisse und Wünsche der schwangeren Frauen
1.1 Eltern-Werden heute
1.1.1 Kinderwunsch und Kinderzahl
1.1.2 Die Entscheidung für ein Kind
1.1.3 Das gemeinsame Projekt „Kind“
1.2 Das Erleben der Schwangerschaft
1.2.1 Schwangerschaft als Übergang
1.2.2 Veränderung des Körperbildes
1.2.3 Besorgnis und Ängstlichkeit
1.2.4 Soziale Unterstützung
1.2.5 Sexualität
1.2.6 Arbeit und Berufstätigkeit
1.2.7 Gedanken an die bevorstehende Geburt
1.2.8 Soziale Risiken
1.2.9 Genussmittel
1.2.10 Stress
1.2.11 Schwangerschaft und Sport
1.3 Was erwarten schwangere Frauen von der Schwangerenvorsorge?
1.3.1 Strukturierung und Bestätigung
1.3.2 Unterstützung
1.3.3 Medizinische Betreuung
1.3.4 Information
1.3.5 Sicherheitsgefühl
1.3.6 Selbstbestimmung
1.3.7 Fazit
1.4 Literatur
2 Evidenzbasiertes Arbeiten in der Schwangerenvorsorge
2.1 Das Konzept des evidenzbasierten Arbeitens
2.2 Evidenzbasiertes Arbeiten in der Hebammenarbeit
2.3 Literatur
3 Grundsätze der Schwangerenvorsorge durch Hebammen
3.1 Schwangerschaft ist ein wichtiger Lebensabschnitt
3.2 Schwangerschaft ist ein natürlicher und gesunder Vorgang
3.3 Förderung der Gesundheit von Mutter und Kind
3.4 Beachtung der Menschenwürde und der Rechte der schwangeren Frau
3.5 Evidenzbasierte Betreuung
3.6 Partnerschaftliche Beziehung zwischen schwangerer Frau und Hebamme
3.7 Interdisziplinäre Zusammenarbeit
3.8 Qualitätssicherung
3.9 Literatur
Teil II Praxis
4 Anamneseerhebung
4.1 Familienanamnese
4.2 Eigenanamnese
4.3 Geburtshilflich-gynäkologische Anamnese
4.3.1 Zustand nach Kürettage nach Abort/Abruptio/Plazentaretention
4.3.2 Zustand nach Sectio
4.4 Jetzige Schwangerschaft
4.4.1 Alter der Mutter
4.4.2 Parität
4.5 Psychosoziale Situation
4.5.1 Sozialstatus/Berufstätigkeit
4.5.2 Verdrängte Schwangerschaft
4.6 Ernährungsgewohnheiten
4.7 Besonderheiten bei Migrantinnen und in der Entwicklungshilfe
4.7.1 Genitale Beschneidung von Frauen
4.8 Mütterliche Erkrankungen und ihre Bedeutung für die Schwangerenvorsorge
4.8.1 Erbkrankheiten
4.8.2 Kinderkrankheiten
4.8.3 Andere Infektionskrankheiten
4.8.4 Internistische Erkrankungen
4.8.5 Neurologische und psychiatrische Erkrankungen
4.8.6 Krebs und Schwangerschaft
4.8.7 Beurteilung des Gesundheitszustandes
4.9 Literatur
5 Erstuntersuchung
5.1 Zyklusanamnese
5.1.1 Basaltemperaturkurve
5.1.2 Unsichere, wahrscheinliche und sichere Schwangerschaftszeichen
5.1.3 Hormoneller Schwangerschaftstest
5.1.4 Frühultraschall
5.1.5 Uterine Schwangerschaftszeichen
5.1.6 β -hCG-Bestimmung im Blut der Mutter
5.2 Bestimmung des voraussichtlichen Geburtstermins
5.2.1 Naegele-Regel
5.2.2 Erste Kindsbewegungen
5.2.3 Ultraschall
5.2.4 Uterusgröße
5.3 Beckendiagnostik
5.3.1 Methoden der äußeren Beckenmessung
5.3.2 Innere Untersuchung des Beckens
5.3.3 Retroflektierter Uterus
5.4 Blutdruckmessung
5.5 Urinuntersuchung auf Bakterien
5.5.1 Durchführung
5.6 Body-Mass-Index (BMI)
5.7 Blutuntersuchungen
5.7.1 Zusammenarbeit mit dem Labor
5.7.2 Blutgruppe und Rhesus-Faktor
5.7.3 Antikörpersuchtest
5.7.4 Rötelntiter
5.7.5 Chlamydiennachweis
5.7.6 Luessuchreaktion
5.7.7 HIV (Humanes Immundefizienzvirus) und Schwangerschaft
5.8 Literatur
6 Routineuntersuchungen
6.1 Beurteilung von Wachstum und Lage des Kindes durch äußere Untersuchung
6.1.1 Symphysen-Fundus-Abstand
6.1.2 Höhenstand des Fundus uteri
6.1.3 Schätzung des kindlichen Gewichts
6.1.4 Leopold’sche Handgriffe
6.2 Kontrolle der kindlichen Herztöne
6.2.1 Geeignete Stelle
6.2.2 Nichthören der kindlichen Herztöne
6.3 Beobachtung der Kindsbewegungen
6.4 Kontrolle des Blutdrucks
6.4.1 Physiologische Veränderungen des Blutdrucks in der Schwangerschaft
6.4.2 Korrekte Durchführung der Blutdruckkontrollen
6.4.3 Hypertonie
6.4.4 Hypotonie
6.5 Urinuntersuchungen
6.5.1 Untersuchung auf Proteinurie per Stix
6.6 Untersuchung auf Ödeme und Varizen
6.7 Gewichtskontrollen
6.8 Hämoglobinkontrollen
6.9 Nicht-invasiver Pränataltest auf den fetalen Rhesusfaktor D (NIPT-RhD) und Anti-D-Prophylaxe
6.10 Gestationsdiabetes
6.10.1 Vorgehen beim GDM-Screening nach Mutterschaftsrichtlinien
6.11 Untersuchung auf Hepatitis B (HBsAg)
6.12 Literatur
7 Zusätzliche Untersuchungen
7.1 Mütterliche Gewichtskontrolle
7.2 Untersuchung der Brust
7.3 Screening auf vaginale Infektionen zur Verhinderung von Frühgeburten
7.3.1 Kontrolle des vaginalen pH-Wertes
7.3.2 Screening auf Pilzerkrankungen
7.3.3 Screening auf β-hämolysierende Streptokokken der Gruppe B
7.4 Screening auf Zytomegalie-Infektionen
7.5 Screening auf Toxoplasmose-Antikörper
7.6 Vaginale Untersuchung
7.7 Vorgeburtliches CTG
7.8 Ultraschalluntersuchungen
7.9 Literatur
8 Betreuungsplan
8.1 Literatur
9 Pränatale Diagnostik
9.1 Medizinische Technologie und ethisches Konfliktfeld
9.1.1 Hebammenbegleitung im Kontext der pränatalen Diagnostik
9.1.2 Schwangerenvorsorge und pränatale Diagnostik
9.1.3 Pränatale Diagnostik und Schwangerschaftserleben
9.1.4 Gesetzliche und rechtliche Rahmenbedingungen
9.1.5 Informierte Entscheidung
9.1.6 Möglichkeiten und Grenzen der pränatalen Diagnostik
9.2 Nichtinvasive Diagnostik
9.2.1 Ultraschalldiagnostik
9.2.2 Messung der Nackentransparenz
9.2.3 Triple-Test
9.2.4 Ersttrimester-Screening
9.2.5 Integriertes Screening
9.2.6 Noninvasive pränatale Tests (NIPT)
9.2.7 Zur Problematik von Screeningverfahren in der Schwangerschaft
9.2.8 Aufklärung zum Screening und zu invasiver pränataler Diagnostik
9.3 Invasive pränatale Diagnostik
9.3.1 Chorionzottenbiopsie
9.3.2 Amniozentese
9.3.3 FisH-Schnelltest
9.3.4 Cordozentese
9.3.5 Präimplantationsdiagnostik
9.4 Beratung und Begleitung im Kontext der pränatalen Diagnostik
9.4.1 Aufgaben und Kompetenzen der Hebamme
9.4.2 Voraussetzungen und Grenzen der Hebammenarbeit
9.4.3 Psychosoziale Beratung
9.4.4 Beratung von Migrantinnen
9.4.5 Interprofessionelle Zusammenarbeit
9.4.6 Beratung vor pränataler Diagnostik
9.4.7 Begleitung bei unklarem Befund/Verdachtsdiagnosen
9.4.8 Begleitung bei einem pathologischen Befund
9.4.9 Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch
9.4.10 Entscheidung für ein Kind mit infauster Prognose
9.4.11 Entscheidung für ein Kind mit einer Krankheit oder einer Behinderung
9.4.12 Die nächste Schwangerschaft
9.5 Wichtige Adressen
9.5.1 Beratungsstellen
9.5.2 Gesundheitsinformationen
9.5.3 Selbsthilfe- und Kontaktgruppen
9.6 Literatur
10 Betreuung von Frauen mit Risikoschwangerschaften
10.1 Was ist ein „Risiko“?
10.2 Kooperation mit anderen Fachberufen
10.2.1 Gynäkologinnen und Gynäkologen
10.2.2 Kinderärztinnen und -ärzte
10.2.3 Labor
10.2.4 Kliniken
10.2.5 Kolleginnen
10.2.6 Andere Fachdisziplinen
10.3 Eigene Grenzen erkennen
10.4 Die Frauen an ihrem eigenen Standort abholen
10.5 Adipositas
10.5.1 Risiken
10.5.2 Betreuung
10.6 Gestationsdiabetes
10.6.1 Definition und Grenzwerte
10.6.2 Risiken
10.6.3 Screening
10.6.4 Therapie
10.6.5 Betreuung
10.7 Diabetes mellitus
10.7.1 Definition und Grenzwerte
10.7.2 Risiken
10.7.3 Betreuung
10.8 Präeklampsie
10.8.1 Definition und Grenzwerte
10.8.2 Risiken
10.8.3 Prophylaxe
10.8.4 Diagnostik
10.8.5 Therapieansätze
10.8.6 Betreuung bei Hypertonie
10.9 Vorzeitige Wehentätigkeit/mögliche Frühgeburt
10.9.1 Definition und Risiken
10.9.2 Prophylaxe und Therapie
10.9.3 Betreuung
10.10 Mehrlingsschwangerschaft
10.10.1 Risiken
10.10.2 Betreuung
10.11 Intrauterine Wachstumsretardierung/Plazentainsuffizienz
10.11.1 Definition
10.11.2 Diagnostik durch die Hebamme
10.11.3 Therapie
10.11.4 Betreuung
10.12 Übertragung
10.12.1 Definition
10.12.2 Risiken
10.12.3 Betreuung von Schwangeren über ET
10.13 Abusus/Sucht
10.13.1 Nikotin
10.13.2 Alkohol
10.14 Blutungen
10.15 Zustand nach intrauterinem Fruchttod
10.16 Literatur
11 Beratung der Schwangeren
11.1 Rahmenbedingungen
11.1.1 Beratungsgrundsätze
11.2 Beratungsthemen im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge
11.2.1 In MuSchRL und Mutterpass nicht aufgeführte, aber sinnvolle Beratungs- und Diskussionsthemen
11.2.2 Was Frauen wichtig ist
11.2.3 Informationsquellen für Schwangere und Hebammen
11.3 Physiologische Veränderungen in der Schwangerschaft
11.3.1 Mechanische Veränderungen
11.3.2 Kreislauf- und respiratorisches System
11.3.3 Magen-Darm-System
11.3.4 Haut und Schleimhäute
11.3.5 Sonstige Veränderungen
11.4 Auswirkungen von Stress
11.5 Allgemeine Lebensweise
11.6 Bewegung und Sport
11.7 Ernährung
11.7.1 Grundprinzipien
11.7.2 Nahrungsergänzungsmittel
11.7.3 Vegetarische und vegane Ernährung
11.7.4 Schutz vor Infektionen
11.8 Genuss- und Suchtmittel
11.8.1 Kaffee/Tee
11.8.2 Zigaretten
11.8.3 Alkohol
11.8.4 Cannabis (Haschisch, Marihuana)
11.8.5 Medikamente
11.8.6 Impfungen
11.9 Sexualität
11.10 Arbeit/Tätigkeiten
11.10.1 Mund- und Zahnhygiene
11.11 Reisen
11.12 Haustiere
11.13 Vorbereitung auf Geburt und Wochenbett, Kurse
11.14 Vorbereitung auf das Stillen
11.15 Finanzielle Hilfen
11.16 Beratung über serologische Befunde
11.16.1 Blutgruppenbestimmung
11.16.2 Antikörpersuchtest (indirekter Coombs-Test)
11.16.3 Röteln
11.16.4 Chlamydieninfektion
11.16.5 Lues (Syphilis)
11.16.6 Hepatitis B
11.16.7 Hämoglobinbestimmung
11.16.8 Scheiden-pH-Wert-Bestimmung
11.16.9 Toxoplasmose
11.16.10 HIV
11.16.11 Streptokokken-Infektion der Gruppen B
11.16.12 Pilzinfektion (Soor)
11.16.13 Gonorrhö (Tripper)
11.16.14 Ringelröteln (Synonyme Erythema infectiosum, Fünfte Krankheit, fifth disease)
11.16.15 Zytomegalie
11.16.16 Herpes-simplex-Virus
11.16.17 Windpocken (Varizellen, Herpes zoster, Gürtelrose)
11.16.18 Listeriose
11.16.19 Trichomonadeninfektion
11.16.20 Harnwegsinfektionen (Akute Zystitis)
11.17 Nützliche Adressen
11.17.1 Finanzielle und soziale Hilfen, Konfliktberatung
11.17.2 Hebammensuche
11.17.3 Häusliche Gewalt
11.17.4 (Früh-)kindliche Entwicklung
11.17.5 Migration, Flucht, Papierlose
11.17.6 Gesunder Lebensstil
11.17.7 Raucherinnenentwöhnung
11.17.8 Sucht
11.17.9 Regenbogenfamilien
11.17.10 Drogen, Medikamente und Impfungen
11.17.11 Alleinerziehend
11.17.12 Berufstätigkeit
11.17.13 HIV
11.17.14 Sonstige Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen
11.18 Literatur
12 Hilfe bei Schwangerschaftsbeschwerden
12.1 Allgemeine Grundsätze
12.1.1 Was Frauen wichtig ist
12.2 Anamnese
12.3 Entlastung
12.3.1 Heilverfahren
12.3.2 Entspannungstechniken
12.3.3 Physikalische Verfahren
12.3.4 Pharmakologische Verfahren
12.3.5 Sonderfall Phytopharmaka
12.3.6 Komplementäre Heilverfahren
12.4 Beschwerden des Bewegungsapparates
12.4.1 Allgemein hilfreiche Maßnahmen
12.5 Beschwerden im Kreislaufsystem
12.5.1 Allgemein hilfreiche Maßnahmen
12.5.2 Erschöpfung/Müdigkeit/Hypotonie
12.5.3 Ödeme
12.6 Hämorrhoiden
12.6.1 Evidenzbasierte Empfehlungen
12.7 Varizen
12.7.1 Evidenzbasierte Empfehlungen
12.8 Magen-Darm-System
12.8.1 Übelkeit und Erbrechen
12.8.2 Sodbrennen
12.8.3 Obstipation
12.9 Haut und Schleimhäute
12.9.1 Hautjucken (Pruritus)
12.9.2 Striae gravidarum
12.9.3 Schwellungen der Nasenschleimhaut
12.9.4 Zahnfleischbluten
12.10 Sonstige Beschwerden
12.10.1 Kontraktionen
12.11 Schlafstörungen
12.11.1 Evidenzbasierte Empfehlungen
12.12 Literatur
13 Förderung der Kontaktaufnahme zwischen Mutter und Kind
13.1 Erkenntnisse aus der pränatalen Psychologie
13.1.1 Auswirkungen von Stress in der Schwangerschaft
13.1.2 Stärkung der Ressourcen in der Schwangerschaft
13.2 Besonderheiten in den einzelnen Phasen der Schwangerschaft
13.2.1 Das erste Trimenon
13.2.2 Das zweite Trimenon
13.2.3 Das dritte Trimenon
13.3 Praktisch bewährte Methoden
13.3.1 Affektiver Kontakt
13.3.2 Haptonomie
13.3.3 Massagen
13.3.4 Verbale Stimulation
13.3.5 Musiktherapie nach Tomatis
13.3.6 Nonverbaler Dialog zwischen Mutter und Kind
13.3.7 Vorgeburtliche Kontaktaufnahme nach Verny
13.3.8 Bioenergetische Arbeit
13.4 Literatur
Teil III Organisation
14 Modelle der Schwangerenvorsorge durch Hebammen
14.1 Schwangerenvorsorge im häuslichen Umfeld der Frau
14.1.1 Vorteile
14.1.2 Praktische Tipps
14.2 Schwangerenvorsorge im Wechsel von Frauenärztin bzw. -arzt und Hebamme
14.3 Schwangerenvorsorge durch Hebammen in einer Geburtsklinik
14.3.1 Vorteile
14.3.2 Nachteil
14.3.3 Vertragliche Regelungen
14.4 Literatur
15 Ausstattung, Räume und Hilfsmittel
15.1 Ausstattung
15.2 Praxisräume
15.3 Bezugsadressen
15.3.1 Ausstattung
15.3.2 Broschüren und Faltblätter
15.3.3 Literatur und Links
16 Dokumentation
16.1 Dokumentationspflicht
16.2 Information, Einwilligung und Aufklärung in der Dokumentation
16.2.1 Aufklärung und Einwilligung
16.3 Mutterschaftsrichtlinien, Leitlinien, Empfehlungen
16.3.1 Beispiel für die Arbeit mit S3-Leitlinien
16.4 Dokumentation im Mutterpass
16.5 Elektronischer Mutterpass (eMutterpass)
16.6 Digitale Dokumentation
16.7 Eigene Dokumentation
16.8 Dokumentation in der Zusammenarbeit mit Ärztinnen/Ärzten oder anderen Hebammen
16.9 Blutuntersuchungen und Injektionen
16.10 Bescheinigungen
16.11 Beratung und Behandlung von Schwangerschaftsbeschwerden
16.12 Ausführliche Beschreibungen
16.13 Häufig fehlende Angaben
16.13.1 Ergebnisse der Leopold-Handgriffe
16.13.2 Kindsbewegungen
16.13.3 Beratungskonflikte
16.14 Literatur
17 Abrechnung
17.1 Vorsorgeuntersuchung
17.2 Beratung
17.3 Individuelles Vorgespräch
17.4 Entnahme von Körpermaterial
17.5 GDM-Screening
17.6 Hilfe bei Schwangerschaftsbeschwerden oder bei Wehen
17.7 CTG – Cardiotokografische Überwachung
17.7.1 A. Indikationen zur erstmaligen CTG
17.7.2 B. Indikationen zur CTG-Wiederholung
17.8 Abrechnung von Materialien
17.9 Wegegeld
17.10 Untersuchung nach der Geburt
17.11 Anzahl und Zeitpunkt der Vorsorgeuntersuchungen
17.12 Abrechnung bei der Zusammenarbeit mit einer Arztpraxis
17.13 Wirtschaftliche Aufklärung
17.14 Behandlungsvertrag
17.15 Abrechnung bei Zusammenarbeit von Hebammen
17.15.1 Als Einzelunternehmerin und in einer Praxisgemeinschaft
17.15.2 Gemeinschaftspraxis
17.16 Literatur
18 Qualitätsmanagement in der Schwangerenvorsorge
18.1 Was ist Qualität?
18.1.1 Risikomanagement
18.2 Einflüsse auf die Qualität unserer Arbeit
18.3 Wie wird Qualität organisiert?
18.3.1 Strukturqualität
18.3.2 Prozessqualität
18.3.3 Ergebnisqualität
18.4 Literatur
Teil IV Anhang
19 Gesetzliche Regelungen
19.1 Schweigepflicht
19.2 Meldepflichten
19.3 Mutterschaft und Vaterschaft
19.3.1 Mutterschaft
19.3.2 Mitmutterschaft oder Zweitmutterschaft
19.3.3 Vaterschaft
19.4 Mutterschutzgesetz
19.5 Leistungen bei Schwangerschaft und Mutterschaft (SGB V)
19.6 Asylbewerberleistungsgesetz
19.7 Zwölftes Buch Sozialgesetzbuch (SGB XII)
19.8 Ausgeschlossene Heil- und Hilfsmittel
19.9 Mutterschaftsrichtlinien
19.10 Embryonenschutzgesetz
19.10.1 Definitionen
19.11 Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik
19.12 Schwangerschaftskonflikte
19.13 Literatur
Anschriften
Sachverzeichnis
Impressum
1 Bedürfnisse und Wünsche der schwangeren Frauen
2 Evidenzbasiertes Arbeiten in der Schwangerenvorsorge
3 Grundsätze der Schwangerenvorsorge durch Hebammen
Oda von Rahden, Susanne Lohmann, Gaby Schmidt und Astrid Kruid; frühere Mitarbeit: Gertrud M. Ayerle, Alexandra Paulus
Susanne Lohmann
Schwanger zu sein ist für die meisten Frauen in Deutschland keine häufig wiederkehrende Erfahrung mehr. Im Laufe des 20. Jahrhunderts ist die durchschnittliche Kinderzahl je Frau von über 4 in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg auf 2,5 in den frühen 1960er-Jahren gefallen. Mittlerweile bringen Frauen in Deutschland durchschnittlich nur noch je 1,5 Kinder zur Welt.
Die Erklärung für den Rückgang der Geburtenziffer in den alten Bundesländern seit etwa 1970 liegt in dem zunehmenden Anteil kinderloser Frauen – etwa 30 % der Frauen eines jeden Jahrgangs bleiben kinderlos. In den neuen Bundesländern sind Einkindfamilien häufiger geworden. Zudem spielt das steigende Erstgeburtsalter eine wichtige Rolle. Das Geburtenniveau ist heute am höchsten in der Altersgruppe der 30- bis 34-Jährigen und der Effekt wird verstärkt durch den steigenden Geburtenanteil der 35- bis 39-jährigen Frauen.
Diese Phänomene lassen sich durch den gesellschaftlichen Wandel der Familienformen im Laufe des letzten Jahrhunderts erklären. An seinem Beginn war das Ideal der bürgerlichen Familie, mit einem außer Haus arbeitenden Ehemann und Vater und einer auf die Sphäre des Hauses und der Kindererziehung beschränkten Mutter, das gültige Lebensmodell für nahezu alle Schichten der Bevölkerung. Es setzte voraus, dass sich alle Familienmitglieder den Entscheidungen des Familienoberhauptes beugten und ihm keine häuslichen Pflichten auferlegten, da es nur so ausgeruht und frei von anderen Verpflichtungen voll für seine Berufsarbeit oder Geschäftstätigkeit zur Verfügung stand. Dies schlug sich auch in den gesetzlichen Regelungen nieder. Erst 1977 wurde die im Eherecht festgeschriebene Verpflichtung der Ehefrau zur Führung des Haushalts aufgehoben.
Heute erhalten auch Frauen eine ebenso gute schulische und berufliche Ausbildung wie Männer. Mehr als die Hälfte aller Abiturientinnen und Abiturienten und 51,8 % aller Studierenden sind weiblich. Damit haben sie die Möglichkeit, aber auch die Aufgabe, ihren Lebenslauf jenseits einer Heirat und Familiengründung zu planen. Sie fällen rationale Entscheidungen, richten ihr Leben nach den Erfordernissen der Arbeitswelt ein und verdienen selbst ihren Unterhalt. Dennoch mussten sie die Erfahrung machen, dass sich die Türen, die sich durch ihre gute Ausbildung öffneten, auf dem Arbeitsmarkt wieder schlossen. Spätestens dann, wenn sie ihre Berufstätigkeit nach der Geburt ihres ersten Kindes in der Elternzeit vorübergehend aufgaben, verlor ein Großteil der ehemals berufstätigen Frauen den Anschluss in ihrer Berufslaufbahn und erreichte keine ihrer Ausbildung angemessenen, höheren Positionen mehr. Durch die Elternzeit- und Elterngeldregelungen seit 2015 und das verbesserte Kinderbetreuungsangebot für unter dreijährige Kinder hat sich die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familienleben inzwischen verbessert.
Während die Kinderzahl in den letzten Jahrzehnten immer weiter gesunken ist, blieb der Kinderwunsch bei den Paaren erstaunlicherweise recht konstant.
Merke
Seit Jahrzehnten wünschen sich nur etwa 5 % der jüngeren Frauen und Männer keine Kinder. Das heißt, dass immer mehr Elternpaare nicht mehr so viele Kinder bekommen, wie sie sich ursprünglich gewünscht hatten.
Dies betrifft besonders die besser gebildeten Eltern. Mit steigender Schulbildung wünschen sich Männer und Frauen mehr Kinder, sie realisieren diesen Wunsch aber immer weniger. Zugleich ist in dieser Gruppe der Anteil kinderloser Paare besonders hoch. Es findet also eine Polarisierung statt, die sich mit zunehmendem Bildungsniveau in der Gesamtbevölkerung in Zukunft vermutlich noch stärker auswirken wird. Auffällig ist, dass ein hohes Bildungsniveau der Frau die Wahrscheinlichkeit verringert, ein erstes Kind zu bekommen. Dies galt besonders für die nach 1950 geborenen Frauen, die von der Bildungsexpansion der 1960er- und 1970er-Jahre profitiert haben. Eine hohe Bedeutung für die Realisierung der Elternschaft hat auch die Qualität der Paarbeziehung. Nimmt die Ehezufriedenheit ab, wird der (weitere) Kinderwunsch aufgeschoben ▶ [135].
In einer Zeit, in der den Paaren relativ sichere Kontrazeptiva zur Verfügung stehen, scheint die Frage des Kinderhabens zu einer individuellen Entscheidung geworden zu sein. Zwar wägen Paare die positiven und negativen Aspekte gegeneinander ab, von einer rationalen Kalkulation kann aber kaum die Rede sein. Biografische Entscheidungen wie diese sind außerordentlich folgenreich, in ihren Konsequenzen kaum vollständig zu überblicken und werden insofern eher offengelassen.
Merke
Bei vielen Paaren ereignet sich der Übergang zur Elternschaft ohne eine klare Entscheidung. Dies spiegelt sich auch in der Tatsache wider, dass nur etwa die Hälfte der Schwangerschaften zum jeweiligen Zeitpunkt gewollt und geplant sind ▶ [37].
In den anderen Fällen treffen die Paare ihre Entscheidung für oder gegen ein Kind erst, wenn die Schwangerschaft bereits eingetreten ist ▶ [28]. Heute versteht man mehr und mehr, dass die Ambivalenz in der Frühschwangerschaft kein psychopathologisches Symptom ist, sondern zum Kinderwunsch gehört. Spätestens jetzt muss sich die schwangere Frau mit ihren widerstreitenden Gefühlen und Strebungen auseinandersetzen. Die Entscheidung wird ihr auch dadurch erschwert, dass es reale Widersprüche zwischen ihrem bisherigen Selbstbild als unabhängiger Frau und ihrer neuen Rolle als Mutter gibt, abgesehen von vielen intrapsychischen und zum Teil auch unbewussten Einflüssen ▶ [37].
Die Übernahme der Mutterrollestellt zwar eine Chance zum persönlichen Wachstum und somit eine Bereicherung dar, ist aber auch mit vielfältigen neuen Belastungen (rund um die Uhr für die Versorgung und Erziehung eines Kindes verantwortlich zu sein) und gesellschaftlichen Nachteilen (Unterbrechung der Berufstätigkeit, drohende finanzielle Abhängigkeit, soziale Isolation) verbunden.
Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist von deren Hoffnungen und Wünschen, aber auch von Zwängen und Pflichten bestimmt. Beide Komponenten unterliegen auch gesellschaftlichen Veränderungen. Anders als vor 100 Jahren bringt es keine wirtschaftlichen Vorteile mehr, Kinder zu haben.
Merke
Kinder haben heute einen „psychologischen Nutzen“: In und mit ihnen wird der Anspruch auf Lebensglück und das Bedürfnis nach (lebenslang) stabilen Beziehungen erlebt.
Das Leben mit Kindern bildet einen Gegenpol zum zweckrationalen Handeln der Erwachsenen in der hochindustrialisierten Gesellschaft. Hier sind ganz andere Fähigkeiten gefragt als im Erwerbsalltag: Geduld, Gelassenheit, Fürsorglichkeit, Einfühlungsvermögen, Zärtlichkeit, Offenheit und Nähe. In ihren Kindern wiederum sehen Eltern oftmals Eigenschaften verkörpert, die sie sich selbst wünschen, aber nicht (mehr) ausleben können: Spontaneität, Sinnlichkeit, Unbefangenheit und Kreativität. Besonders Eltern mit einem geringen Ausbildungsniveau empfinden das Elternsein als Lebenssinn und Lebensaufgabe, wie in Studien bereits in den 1980er-Jahren ermittelt wurde ▶ [17].
Elternschaft ist in der modernen Gesellschaft zu einer verantwortungsvollen Aufgabe geworden: Es gilt, das (kommende) Kind optimal zu fördern. Die wachsende Verantwortung wirkt oftmals als Belastung und im Entscheidungsprozess für oder gegen Kinder als Barriere: Erst wenn die materiellen Voraussetzungen gegeben, eine kindgerechte Umgebung geschaffen, eine stabile Partnerschaft aufgebaut und die notwendige Reife der eigenen Persönlichkeit erreicht wurde, kann das erste Kind kommen.
Traditionelles Elternwissen, das noch zwei bis drei Generationen zuvor als Richtschnur des Verhaltens in der Schwangerschaft und später bei der Erziehung des Kindes dienen konnte, ist heute durch die Verbreitung pädagogisch-psychologischer Theorien und pränataler Diagnostik entwertet oder verfallen. Auch verfügen die meisten Menschen in unserer Gesellschaft vor der Geburt des Kindes kaum über Erfahrungen in der Betreuung von Kindern und sind insofern Laien auf diesem Gebiet.
Notgedrungen suchen sie Informationen und Rat bei Fachleuten, in der Ratgeberliteratur und im Internet. Dabei verstricken sie sich in den oftmals dramatisierenden Erfahrungsberichten anderer Eltern oder in den konkurrierenden Ratschlägen von Expertinnen/Experten und Gegenexpertinnen/Experten, da ihnen kaum Kriterien zur Verfügung stehen, um eine rationale Entscheidung zu treffen. Die Tatsache, dass sie heute oft wissenschaftlich fundierten Rat bekommen, macht die Sache für sie nicht einfacher. Denn Wissenschaft bedeutet prinzipiell, dass Erkenntnis revidierbar ist. So kann das, was heute als bestmögliche Praxis gilt, morgen durch neue, unter Umständen gegenteilige Empfehlungen ersetzt werden. Es ist leicht nachvollziehbar, dass die (werdenden) Eltern zunehmend verunsichert sind und sich darum sorgen, ob sie wohl die richtigen Entscheidungen getroffen haben.
Zugleich wird das kommende Kind als zart und verletzlich angesehen. Der Impuls, es schützen zu wollen, ist sehr stark. Die Eltern empfinden diese Verantwortung, die aus der Liebe zu ihrem Kind erwächst, umso drängender, je schlechter ihnen die Bedingungen erscheinen. Je mehr Gefahren sie für ihr Kind wahrnehmen, desto mehr Aktivitäten werden sie entfalten, um es zu schützen und entgegen allen Widrigkeiten zu fördern.
Diese Dynamik ist schon in der Schwangerschaft zu spüren. Viele Eltern sehen die Gefahren für das ungeborene Kind durchaus auch in der vermuteten Unzulänglichkeit des weiblichen Körpers und befürchten, das Kind könne nicht ausreichend versorgt oder durch irgendein anderes Geschehen im Mutterleib gefährdet werden. Mit diesen Befürchtungen wenden sie sich überwiegend an die medizinisch orientierte Schwangerenvorsorge und Geburtshilfe.
Andere Eltern sehen die Gefahren gerade dort, bei den durch möglicherweise unnötige medizinische Kontrollen oder Eingriffe bewirkten Schäden. Beispiele sind denkbare Gefahren des Ultraschalls oder der medikamentösen Geburtseinleitung am errechneten Geburtstermin. Diese Eltern, die von der medizinisch orientierten Geburtshilfe unabhängig sein wollen, brauchen eine Fachperson und finden sie in der Hebamme, die ihnen hilft, ihren vom Üblichen abweichenden Weg zu gehen.
Die schwangeren Frauen verfügen prinzipiell über die Fähigkeit, ein Kind in ihrer Gebärmutter geschützt wachsen zu lassen, es spontan zu gebären, die nötige Milch zu seiner Ernährung zu bilden und gemeinsam mit ihrem Partner im Umgang mit dem Neugeborenen und Säugling intuitiv die Signale des Kindes zu erkennen und adäquat zu beantworten. Ob sie sich das alles zutrauen, steht auf einem anderen Blatt. Auch diese Frauen und Männer sind nicht unbeeinflusst von der Medikalisierung von Schwangerschaft und Geburt und von der Pädagogisierung des Lebens mit Kindern. Auch sie kommen nicht mehr ohne Experten aus.
Merke
Die Frauen brauchen Hebammen z.B. als Expertinnen für Körpergefühl und Vertrauen in weibliche Fähigkeiten, als Begleiterinnen in unsicheren Entscheidungssituationen und nicht zuletzt als geduldige, zuversichtliche und einfühlsame Betreuerinnen in schweren Stunden während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett.
Gaby Schmidt, Astrid Kruid; frühere Mitarbeit: Gertrud M. Ayerle, Alexandra Paulus
In diesem Überblick über die Forschungsarbeiten zum Erleben der Schwangerschaft werden wesentliche psychosoziale Aspekte dargestellt, die in den vergangenen Jahren untersucht wurden. Da die Methoden der Studien sehr unterschiedlich sind und jede Studie, je nach ihrem Forschungsansatz, kleinere oder größere Mängel aufweist, können die berichteten Ergebnisse jedoch nicht ungeprüft für allgemeingültig erklärt werden. Außerdem stammen viele Studien aus englischsprachigen Ländern, in denen zu psychosozialen Aspekten der Schwangerschaft weit mehr geforscht wird als in Deutschland.
Trotz dieser Einschränkungen können die Studienergebnisse zu einer reflektierten Betreuung von schwangeren Frauen anregen. Sie stellen die Schwangerenvorsorge durch Hebammen auf ein solideres, da umfassender informiertes Fundament.
Merke
Die Schwangerschaft wird aus sozioanthropologischer Sicht als eine Übergangsphase betrachtet. Das heißt, die schwangere Frau ändert (besonders bei der ersten Schwangerschaft) ihren sozialen Status.
Die kinderlose Frau wird zur Mutter mit Kind; eine Frau, die bisher nur ein Kind hatte, wird zur Mutter mehrerer Kinder. Diese Statuspassage geht zugleich mit dem Verlust einer vertrauten sozialen Lebensposition einher und daher kann diese Zeit die Herausforderung darstellen, neue soziale Rollen und Lebensaufgaben zu meistern. Da eine erfolgreiche Bewältigung dieser Übergangsphase Voraussetzung für die weitere Entwicklung ist, betrachten einige Autorinnen und Autoren sie als kritischen Lebensübergang ▶ [127]▶ [138].
Die soziologische Perspektive sieht die Schwangerschaft als nicht alltägliche Erfahrung, die sowohl als Krise, aber auch als Chance verstanden werden kann. In diesem Abschnitt ihres Lebenslaufes bewältigt die Frau die Aufgabe der Fortpflanzung, die besondere Bedürfnisse und in gewisser Weise auch eine „Verletzlichkeit“ mit sich bringt ▶ [73]. Dabei akzeptiert die Frau (optimalerweise) ihre Schwangerschaft und das Kind in ihrem Körper. Die Frau löst sich insbesondere in der ersten Schwangerschaft von ihrer eigenen Mutter ab. Die Schwangerschaft bedeutet somit das Ende des Tochter-Seins, für den Vater des Kindes das Ende des Sohn-Seins ▶ [39]. Auch Beziehungen innerhalb der Familien unterliegen strukturellen Veränderungen, die sich auf die Struktur und auf verschiedene Generationen beziehen können (wie Großeltern, Geschwister, Onkel oder Tanten) ▶ [73]. Nun übernimmt die Frau selbst Verantwortung für ein Kind und lässt zu, dass sich die Beziehung zu ihrem Partner bzw. zu ihrer Partnerin von einer Zweier- zu einer Dreierbeziehung verändert ▶ [96]▶ [138] .
Die Schwangerschaft bringt es also mit sich, dass die Schwangere sich auf eine neue, unbekannte Situation einlassen muss. Aufgrund einer qualitativen Tagebuch-Studie zum Schwangerschaftserleben beschreiben Lundgren und Wahlberg ▶ [110] diese Veränderung sehr treffend mit den Titeln „Übergang zum Unbekannten“, „der eigenen Lebenssituation begegnen“, „etwas Unausweichlichem begegnen“ und „sich auf das Unbekannte vorbereiten“. Dies verdeutlicht, dass ein Werte- und Perspektivenwandel stattfindet. Zudem stellt die Schwangerschaft ein Ereignis dar, durch das über existenzielle Fragen nachgedacht wird ▶ [121].
Die starken Veränderungen dieses Übergangs werden durch die Zunahme des Gewichts und Umfangs der Frau deutlich. Manche Schwangere mag dies als eine starke „Verzerrung“ ihres Körperbildes erleben, die Anpassungsleistungen in der inneren Lebenswelt (Gedanken, Vorstellungen etc.) und äußeren Lebenswelt (z. B. Kleidung) erforderlich macht ▶ [75]. Die empfohlene Gewichtszunahme hängt unter anderem vom Ausgangsgewicht der Mutter ab und beträgt bei normalgewichtigen Frauen 11,5 bis 16 kg ▶ [80].
Körperveränderungen sind bei den Frauen gedanklich eng mit dem neu entstehenden Leben verknüpft. Übelkeit und Müdigkeit müssen „bewältigt“ werden und sind im ersten Trimenon häufig mit ambivalenten Gefühlen verbunden ▶ [10]▶ [67].
Im zweiten Trimenon werden die ersten Kindsbewegungen wiederum als positives Zeichen dafür gewertet, dass das Kind wächst und es ihm gut geht. Im dritten Trimenon trägt der große Bauch dazu bei, dass die körperliche Belastung zunimmt und ein empathisches Auseinandersetzen mit dem Geburtsvorgang stattfindet. Der Frau wird bewusst, wie „verletzlich“ sie ist, und sie macht sich Gedanken über Komplikationen und Schmerzen ▶ [53].
Mithilfe von strukturierten Interviews, die das Körperbild und Körperveränderungenwährend der Schwangerschaft zum Thema hatten, stellte Richardson ▶ [144] fest, dass im Durchschnitt 76 % der befragten Schwangeren diese als zufriedenstellend und 24 % als besorgniserregend erlebten. Etwa die Hälfte (51 %) der Körperveränderungen wurden als positiv und 49 % als negativ bewertet. Die befragten Frauen sahen Veränderungen bzgl. des Gewichts als eher positiv an, während Veränderungen, die ihre körperliche Beweglichkeit und ihre emotionale Stimmung betrafen, eher negativ eingestuft wurden. Veränderungen ihres Appetits empfanden sie sowohl positiv als auch negativ. Es scheinen sich zwei Aspekte herauszukristallisieren: einerseits, dass die Gewichtszunahme durch die Schwangerschaft gesellschaftlich erwartet wird, diese andererseits aber nicht übermäßig sein darf. Des Weiteren stellt sie einen natürlichen Vorgang dar, der aber im gewissen Ausmaß kontrolliert werden muss ▶ [75].
Peggy Richardson ▶ [144] stellte in ihrer Studie vier Phasen fest, in denen sich Körperveränderungen der schwangeren Frau deutlich in die eine oder andere Richtung abzeichnen. Demnach nehmen bis zur 20. SSW (Abnahmephase) das Gewicht und die körperliche Beweglichkeit der Frauen durchschnittlich mehr ab und ihr Appetit zu. Von der 21. bis 26. SSW (Zunahmephase) nehmen die Frauen sowohl an Gewicht und Appetit als auch in ihrer körperlichen Beweglichkeit zu. Allerdings erleben viele Frauen diese Veränderungen emotional als eher negativ. Dieser Trend setzt sich in der 27. bis 32. SSW (Spannungsphase) fort: Die Frauen nehmen erwartungsgemäß gewichtsmäßig weiter zu und ihre körperliche Beweglichkeit wird zunehmend eingeschränkt. Ihr Erleben dieser Körperveränderungen ist aber weiterhin eher negativ gefärbt.
Richardson diskutiert, welche Ursachen diese eher negativ gefärbte Stimmung haben könnte. Während sie in der Zunahmephase u.a. durch Probleme in Beziehungen mit nahestehenden Personen bedingt sein könnte, scheint sie in der Spannungsphase eher damit zusammenzuhängen, dass der Bauch deutlich mehr als erwartet wächst und die schwangere Frau durch die beginnende Bewegungseinschränkung und ihr körperliches Unwohlsein zunehmend frustriert ist ▶ [144].
Erst ab der 33. SSW (Stabilisierungsphase) beschrieben die befragten Frauen neben der typischen Gewichtszunahme und einer weiteren Bewegungseinschränkung auch eine durchschnittlich bessere emotionale Stimmung.
In einer qualitativen Studie von Ayerle, Kethler, Krapp und Lohmann ▶ [9] berichteten einige der Frauen, die sich in einem ausführlichen Gespräch zu ihrem Wohlbefinden in der Schwangerschaft äußerten, über verschiedene – und manchmal auch zahlreiche – Schwangerschaftsbeschwerden. Überraschenderweise stellten die Autorinnen jedoch fest, dass das subjektive Wohlbefinden der Frauendadurch häufig nicht oder nur zu einem geringen Grad beeinträchtigt wurde. Die Aussagen der schwangeren Frauen zu ihrer positiven emotionalen Verfassung können so interpretiert werden, dass sie ihre Körperveränderungen und Beschwerden deshalb tolerieren, weil sie sie als vorübergehend und zur (zeitlich begrenzten) Schwangerschaft gehörend erleben. Die Frauen wissen zumindest theoretisch, wie sich ihr Körper bekanntermaßen während der Schwangerschaft verändern wird, und erachten dies als „normal“. Dabei werden negative Bewertungen durch positive ausgeglichen. Außerdem berichteten die befragten schwangeren Frauen über eine breite Palette von Bewältigungsstrategien, die von Hausmitteln bis hin zu psychosozialen Maßnahmen reichen. Manch eine Frau zeigte eine große Toleranz für äußerst unangenehme Beschwerden.
Inwieweit das subjektive Erleben der Schwangerschaft in einem direkten Zusammenhang mit den – letztlich nicht abschließend untersuchten – hormonellen Veränderungen im Verlauf der Schwangerschaft steht, die ihrerseits eine notwendige Anpassung für eine erfolgreiche Schwangerschaft darstellen, ist noch nicht ausreichend erforscht ▶ [12]▶ [84] .
Traditionell gilt bzw. galt die Zeit der Schwangerschaft als eine Phase des „Glücklichseins“ und des Wohlbefindens einer Frau. Es ist zu vermuten, dass diese Vorstellung und dieses implizite Ziel als Schutz vor psychischen Erkrankungen, z.B. einer Depression, diente oder dienen sollte ▶ [57]▶ [119] . In der Studie von Li et al. ▶ [105] wird jedoch deutlich, dass die Anpassungsleistungen einer Frau während der Schwangerschaft – von der Feststellung der Schwangerschaft bis zur Geburt – oftmals mit höchster Euphorie, Reizbarkeit oder auch Ängstlichkeit einhergehen.
Merke
Ängste, die sich auf das Kind und eine mögliche Beeinträchtigung seiner Gesundheit richten, können als Teil der beschützenden Mutter-Kind-Beziehung gesehen werden. Sie scheinen somit indirekt eine hilfreiche psychische Vorbereitung auf die Geburt und das Kind darzustellen.
Wenn eine Schwangerschaft festgestellt ist, reagieren viele Frauen nicht nur freudig, sondern mit Besorgnis. Ihre Sorge richtet sich beispielsweise auf die sehr großen Veränderungen in ihrem Leben, die durch die Schwangerschaft nun anstehen und oft unvermeidlich sind. Sie erwägen die Vor- und Nachteile und lernen langsam, die Schwangerschaft, ihr Kind und sich selbst als werdende Mutter anzunehmen. Zum Ende des ersten Trimenons nimmt die Ängstlichkeit dann vielfach ab ▶ [35]▶ [77].
Mit den ersten Kindsbewegungenverlagert sich im zweiten Trimenon der Schwerpunkt im emotionalen Erleben der Frau immer mehr von sich selbst weg und hin zum Kind. Die Lebenszeichen des Kindes, sein Wohlbefinden, ihre Beziehung zu ihm und die Akzeptanz durch die Familie rücken allmählich immer mehr in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. In dieser Zeit scheint die schwangere Frau eher zuversichtlich zu sein, dass die Schwangerschaft gut verläuft, und ist weniger über deren aktuellen oder zukünftigen Verlauf besorgt. Sie scheint ein klareres Bild von sich selbst als zukünftige Mutter und den gemeinsamen Aufgaben mit ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin zu haben ▶ [101]▶ [127].
Schwangere Frauen können die normalen Ängstegut bewältigen. Ganz besonders hilfreich scheint dabei die Unterstützung des Partners bzw. der Partnerin, der Familien und des Freundes- und Bekanntenkreises zu sein ▶ [106]▶ [165]. Weitere positive Einflussfaktoren auf das Wohlbefinden der Schwangeren sind eine positive Mutter-Tochter-Beziehung und die Erfahrung, dass ihre Mutter sie unterstützt. Außerdem wird die Schwangere durch das Gefühl der Selbstbestimmung, eine positive Einstellung zur Schwangerschaft und ihre Zufriedenheit mit ihrer Berufstätigkeit bestärkt ▶ [88]▶ [116]▶ [172]▶ [180].
Merke
Ängste können sich als Anzeichen von Stress und Beeinträchtigungen im alltäglichen Leben manifestieren, wobei sich die Parität der Frau, der schon erlebte Geburtsmodus und die Geburtsvorbereitung als wichtigste Einflussgrößen auf die Angst der Frauen erwiesen ▶ [38]▶ [50].
Da eine Schwangerschaft oftmals eine große psychische und physische Anstrengung für die Frau darstellt, kann sie mit einer übermäßig großen Angst und Sorgereagieren. Ihr gesamtes emotionales Befinden wird beeinträchtigt und kann die Form einer Stressreaktion annehmen ▶ [109] .
Unter Umständen können die Anforderungen durch die Schwangerschaft, die die schwangere Frau überfordern, in eine klinisch relevante Depression münden, die zu den häufigsten Störungen während einer Schwangerschaft zählt. In diesem Fall sind rechtzeitige Erkennung, Diagnose und Behandlung wichtig ▶ [57].
Schwangerschaftszentrierte Ängste können – ähnlich wie negative Lebensereignisse (z.B. die Erkrankung oder der Tod einer nahestehenden Person) – große Auswirkungen auf die Wahrscheinlichkeit einer Frühgeburt haben ▶ [87].
Aufgrund einer Literaturübersicht, die die soziale Unterstützung in Form einer emotionalen, praktischen und informativen Unterstützung in der Schwangerschaft untersucht, kommen Battulga und Mitarbeiter ▶ [15] zu der Erkenntnis, dass die emotionale und praktische Unterstützung in der Schwangerschaft das psychische Wohlbefinden der Schwangeren positiv zu beeinflussen scheint. Dabei verstehen sie unter emotionaler Unterstützung das Erleben von Intimität in einer vertrauten Beziehung, eine sichere und wohltuende Bindung zu einer anderen Person, die Bestärkung und positive Rückmeldung durch andere, Vertrauen und ein Sich-verlassen-können. Die praktische Unterstützung zeigt sich in direkter Hilfe (z.B. wohlwollende Taten, Unterstützung durch nützliche Gegenstände und Geld) und in entlastenden Hilfeleistungen im Haushalt.
Merke
Einer schwangeren Frau scheint es im Durchschnitt emotional gut bzw. besser zu gehen, wenn sie ausreichend soziale Unterstützung erfährt. Darum sollte immer thematisiert werden, ob der Umfang und die Ausgestaltung des Netzwerkes von der Schwangeren selbst als angemessen empfunden wird ▶ [16].
Dabei ist besonders die anfängliche positive Reaktion des Partners bzw. der Partnerin auf die Schwangerschaft von Bedeutung. Auch durch eine sich entwickelnde Beziehung des Partners bzw. der Partnerin zum Kind sowie das Interesse am Wohlbefinden der Mutter des Kindes kann eine schwangere Frau seine emotionale und praktische Unterstützung erleben ▶ [93]▶ [142]. Das Gleiche gilt für das partnerschaftliche Bemühen, für die Mutter da zu sein, sich aktiv in das Geschehen mit einzubringen und ihr im Haushalt zu helfen, was in der heutigen Zeit eher als Selbstverständlichkeit zu gelten scheint. Je mehr die schwangere Frau davon bekommt und je zufriedener sie mit ihrer Partnerschaft ist, umso besser scheint es ihr während der Schwangerschaft und nach der Geburt zu gehen ▶ [9].
Es wird diskutiert, ob sich in den letzten 30 Jahren eine verstärkte Teilnahme des Kindsvaters an der Entwicklung des Kindes und an innerfamilialen Aufgaben beobachten lässt, was sich allerdings nicht allein quantitativ an „Tätigkeiten“ festmachen lässt ▶ [158]. Die praktische Unterstützung fehlt denjenigen schwangeren Frauen, die sich vom Vater des Kindes getrennt haben oder alleinerziehend sind. Sie können emotionalen und psychischen Stress und große Unsicherheiten bezüglich ihrer Zukunft erleben und sind häufig ganz auf ihr weiteres soziales Netz angewiesen. Viele versuchen sich darauf vorzubereiten, indem sie beizeiten Informationen über finanzielle und andere Hilfen einholen und ihr Leben frühzeitig so weit wie möglich organisieren ▶ [9].
Neben dem Partner bzw. der Partnerin gehören Eltern, Freundinnen, Freunde und Verwandte zum engeren sozialen Netz und in den letzten Jahren auch die Social-Media-Netzwerke ▶ [11]. Viele schwangere Frauen berichten von einer positiven Bestärkung durch ihre Eltern und/oder Schwiegereltern. Wenn Eltern freudig auf die Nachricht der Schwangerschaft reagieren, kann dadurch das Selbstwertgefühl der schwangeren Frau bekräftigt werden. Bleibt dies jedoch aus, bedeutet es oft eine zusätzliche emotionale Belastung für die Schwangere ▶ [9].
Eine wichtige Rolle scheinen Freundinnen zu spielen, die gleichzeitig schwanger sind oder bereits ein Kind haben. Sie können die Frau mit Informationen und eigenen Erfahrungen unterstützen. Weitere Quellen sind häufig Bücher und Zeitschriften. Allerdings tragen sie aufgrund ihrer unterschiedlichen Inhalte auch zur Verunsicherung der Schwangeren bei ▶ [9].
Es gibt nur wenige aktuelle Studien zur Sexualität in der Schwangerschaft.
Merke
Untersuchungen zeigen, dass das sexuelle Interesse vieler Frauen im Verlauf der Schwangerschaft insgesamt abnimmt ▶ [55]▶ [107].
Eine qualitative Studie ▶ [13] mit drei unterschiedlichen Untersuchungsmethoden zeigte, dass das sexuelle Interesse im ersten und dritten Trimenon abflaute, im zweiten Trimenon jedoch anstieg. Dagegen blieb das sexuelle Interesse bei anderen Frauen im Verlauf der Schwangerschaft relativ gleich oder nahm zu. Relativ viele schwangere Frauen berichteten über eine erhöhte sexuelle Bereitschaft ihres Körpers (z.B. verstärkte Befeuchtung ihrer Scheide), welche durch eine stärkere Durchblutung der Sexualorgane und des kleinen Beckens in der Schwangerschaft zu erklären ist.
Ähnliche Aussagen fanden Pauleta und Mitarbeiter in einer quantitativen Studie: Knapp 45 % der befragten Frauen hatten im ersten Trimenon am häufigsten Sex und 36 % im zweiten Trimenon. Im dritten Trimenon berichteten 55 % der Frauen von einer geringeren sexuellen Aktivität ▶ [107]▶ [134]. Das sexuelle Interesse in der Schwangerschaft scheint im ersten Trimenon leicht und im dritten Trimenon hingegen deutlich abzunehmen. Im zweiten Drittel weisen manche Frauen ein zunehmendes Interesse auf, während andere berichten, dass weiterhin mangelndes Interesse besteht ▶ [51].
Allerdings äußern rund ein Viertel der Frauen die Angst, dass während des Geschlechtsverkehrs eine Fehlgeburt bzw. frühzeitige Wehen ausgelöst werden ▶ [107]▶ [134]. Nach Haselbacher fürchteten 25 bis 50 % der Frauen sowie ein Viertel der Männer, dem Kind zu schaden. Ursachen dafür scheinen mit psychischen und psychosozialen Faktoren zusammenzuhängen ▶ [64]. Manche Frauen sorgten sich auch darum, dass es ihnen selbst wehtun könnte oder dass der Partner bzw. die Partnerin aufgrund von Besorgnissen über die Schwangerschaft zu zurückhaltend ist ▶ [107]. Knapp 50 % der Frauen fühlten sich sexuell erfüllt, während 28 % der Frauen über eine geringere sexuelle Zufriedenheit berichteten. Insgesamt scheinen sich das Sexualverhalten und die Formen der sexuellen Begegnung während der Schwangerschaft nicht wesentlich zu ändern, auch wenn die Häufigkeit von Sex im dritten Trimenon abnimmt ▶ [134].
Liebevolle Berührungen und nichtgenitaler Kontakt in der Partnerschaft bleiben im Schwangerschaftsverlauf unverändert ▶ [107]. Laut Jawed-Wessel und Mitarbeiter ▶ [82] erlebten die an der Studie teilnehmenden Paare während der Schwangerschaft alle möglichen Varianten der Berührung als lustvoll. Für viele der Befragten gehörte die gegenseitige orale Stimulation ihrer Geschlechtsteile zu ihrer Erotik und Liebe. Manche bezogen auch Sexspielzeug mit ein.
Etwa die Hälfte aller schwangeren Frauen gaben an, vergleichbare Orgasmen wie vor der Schwangerschaft zu haben; je ein Viertel erlebte sie entweder intensiver oder aber schwächer. Überraschenderweise hatte etwa ein Viertel aller männlichen Partner nicht immer einen Orgasmus während der Schwangerschaft der Frau. Es bleibt zu spekulieren, ob die Sorge um das Kind hierbei eine Rolle spielt. Die genauen Gründe sind noch nicht näher untersucht worden.
Bei Schwangeren kann das eigene abnehmende sexuelle Interesse die Besorgnis auslösen, dass sie für ihren Partner nicht mehr attraktiv sein könnten. Jedoch gibt es in der Studie von Barcley und Mitarbeitern ▶ [13] auch Hinweise darauf, dass viele Paare gemeinsam darauf bedacht sind, dass es zu möglichst wenigen Beeinträchtigungen für die schwangere Frau und ihr Kind kommt. Dies ist unter anderem wahrscheinlich der Grund, warum verschiedene Stellungen beim Sex nicht mehr eingenommen werden und etwa ein Drittel der befragten Frauen während der Schwangerschaft eine andere Position während des Geschlechtsverkehrs einnimmt.
In einer Fragebogenstudie zu Beschwerden im Zusammenhang mit ihrer Sexualitätvon Liu und Mitarbeitern ▶ [107] berichtete eine beträchtliche Anzahl der Frauen darüber, dass sie sich von Beginn der Schwangerschaft an Sorgen machten, dass Geschlechtsverkehr zu einer Blutung, Wehen, einer Verletzung der Fruchtblase oder einer Infektion führen könnte. Im Zusammenhang mit Geschlechtsverkehr klagten einige der befragten Frauen über Veränderungen der vaginalen Befeuchtung, Schmerzen in der Scheide, vaginale Schmierblutungen und Krämpfe der Gebärmutter. Einige gaben auch vaginale Infektionen und Harnverlust an ▶ [107]. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, dass sie immer weniger Geschlechtsverkehr mit ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin haben, auch wenn ihr sexuelles Interesse keineswegs während der Schwangerschaft abnimmt.
Vor dem Hintergrund der benannten Ängste und Belastungen der werdenden Eltern ist eine offene Kommunikation in der Partnerschaft sehr wichtig, um Missverständnisse zu vermeiden, die zusätzlichen Stress auslösen und das Wohl von Mutter und Kind gefährden könnten.
Merke
Hebammen können unnötige Ängste minimieren, wenn sie gezielte Informationen geben und mögliche Sorgen und Beeinträchtigungen der schwangeren Frauen thematisieren ▶ [64].
Merke
Insgesamt scheint die Berufstätigkeit einen positiven Einfluss auf das psychische Wohlbefinden zu haben, insbesondere das Gespräch mit der Hebamme über diesen Aspekt nimmt bei den Schwangeren einen hohen Stellenwert ein ▶ [154].
Bei einer Befragung in der 18. und 34. SSW fühlten sich besonders diejenigen Frauen wohler und hatten weniger körperliche Beschwerden, die mit ihrer Arbeit auch zufrieden waren. Andere, die auch in ihrer Schwangerschaft unter großem Zeitdruck oder in Vollzeit arbeiteten, fühlten sich ängstlicher. In der Studie hatten schwangere Frauen, die im Vergleich zu anderen später bzw. kurz vor der Geburt aufhörten zu arbeiten, verhältnismäßig häufiger depressive Symptome ▶ [88].
Schwangere berichteten von kleineren Problemen, die die Arbeit zwar erschwerten, die aber keinen Hinderungsgrund darstellten. Hierzu zählten beispielsweise morgendliche Übelkeit oder ein anspruchsvolles Projekt. Die Frauen gingen lieber zur Arbeit, anstatt zu Hause zu bleiben. Einige gaben an, dass sie sich geschätzt fühlten und als vertrauenswürdig wahrgenommen wurden ▶ [154].
Andere erlebten ihre Schwangerschaft als emotionalen Schutz gegen Stress an der Arbeitsstelle. Um dem Stress zu begegnen, griffen sie auf verschiedene Bewältigungsformen zurück. Sie sahen ihre Situation durch die Schwangerschaft anders und legten größeren Wert darauf, dass es ihrem Kind gut geht. Oftmals gaben sie sich ihren Tagträumen hin und nahmen verstärkt die Unterstützung ihrer Familie, Freundinnen und Freunde sowie Bekannten in Anspruch ▶ [133].
Auch die Unterstützung durch Vorgesetzte oder Kolleginnen und Kollegen kann eine enorme Entlastung für schwangere Frauen darstellen ▶ [9] – ebenso das Wissen und die aktive Einbeziehung in Arbeitsplatzanpassungen ▶ [154]. Larsen und ihr Team fanden in ihrer bevölkerungsbezogenen dänischen Studie keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Belastung einer schwangeren Frau am Arbeitsplatz – sowohl hinsichtlich der Anforderungen an sie als auch ihre mangelnde Einflussnahme auf die Arbeitsgestaltung – und einer Frühgeburt oder einem Neugeborenen mit zu geringem Geburtsgewicht ▶ [100]. Bonzini und Mitarbeiter kommen in ihrer Übersichtsarbeit zu dem Schluss, dass es ratsam ist, unter anderem von langen Arbeitszeiten abzusehen ▶ [23].
Um schwangeren Frauen die Arbeit zu erleichtern und ihren Stresslevel herabzusetzen, empfehlen Lojewski und Mitarbeiter eine ausreichende Unterstützung, die Überwachung des Arbeitsplatzes bzw. der Tätigkeit und eine frühzeitige Erkennung von Risiken für die Schwangere ▶ [108]. Bei beeinträchtigenden oder nicht tolerierbaren Tätigkeiten ist der Wechsel der Tätigkeit innerhalb der Institution bzw. des Betriebs des Arbeitgebers oder gegebenenfalls ein Berufsverbot vonseiten der betreuenden Hebamme bzw. Frauenärztin angezeigt ▶ [26]. Auch wenn sich die Datenlage in den letzten Jahren vergrößert hat, sind allgemeingültige Empfehlungen kaum möglich. Vor allem in Bezug auf die Aspekte Präeklampsie und Hypertonus herrscht noch Forschungsbedarf ▶ [131].
Das Erleben einer Schwangerschaft führt Frauen vor Augen, dass sich ihr Leben mit einem Kind oder einem weiteren Kind verändern wird. Diese Veränderung der eigenen Identität, aber auch der familiären Struktur, kann als Verletzlichkeit empfunden werden ▶ [152]. Gleichwohl bedeutet eine Schwangerschaft auch den Zugewinn von Lebenserfahrung und kann das Selbstwertgefühl der Schwangeren steigern ▶ [152].
Wenn die Geburt im letzten Trimenon zeitlich immer näher rückt, wird der schwangeren Frau zunehmend bewusst, dass sie sich körperlich von ihrem Kind trennen muss. Die Möglichkeit, dass sie oder ihr Kind bei der Geburt Schaden nehmen könnte, löst in vielen Frauen Besorgnis aus ▶ [8].
Nimmt diese Besorgnis überhand und wird zu einer tiefgreifenden Angst vor der Geburt, wird auch von Tokophobie gesprochen ▶ [70]▶ [76]. Frauen, die darunter leiden, vermeiden eine Schwangerschaft oder, wenn sie schwanger werden, die vaginale Geburt. In der englischsprachigen Literatur wird zwischen primärer und sekundärer Tokophobie unterschieden. Hierbei ist die primäre Tokophobie bereits vor einer Schwangerschaft in der Jugend entstanden und eine sekundäre Tokophobie durch ein traumatisches Geburtserleben ▶ [114]. Eine Studie zeigt außerdem, dass ein subjektiv negativ empfundenes Geburtserlebnis die Intensität der Angst vor der Geburt deutlich mehr verstärkt als eine vorher erlebte Geburtskomplikation ▶ [160].
Die auslösenden Faktoren für eine primäre Tokophobie liegen oftmals im sozialen Bereich. So gelten ein niedriger Bildungsstand, ein schwaches soziales Netz oder eine unglückliche Partnerschaft als mögliche Auslöser ▶ [160]. Aber auch sexueller Missbrauch kann verständlicherweise zu gesteigerter Angst vor einer Geburt führen ▶ [130]. In einer Befragung wurden unter anderem ausführliche und sehr negative Berichte von erlebten Geburten anderer Frauen und die Darstellung von Geburtsszenen in einigen Medien als angstauslösend beschrieben. Dies betraf vor allem Erstgebärende ▶ [146]▶ [147].
In einer Metaanalyse identifizierten Wigert et al. (2020) ▶ [174] das Gefühl der werdenden Mütter, an einem „point of no return“ zu stehen. Dieses Gefühl mündet in drei Hauptthemen: der Angst, Folgen einer traumatischen Geburt zu erleiden, das Fehlen von Sicherheit und Verständnis im Geburtssetting und der Erkenntnis, sich der Angst stellen zu müssen. Erstgebärende beschrieben ihre Angst eher als Angst vor dem Unbekannten, Mehrgebärende haben konkretere Ängste, insbesondere, wenn sie schlechte Erfahrungen mit vorangegangenen Geburten machten. Sie beschrieben u.a. eine Angst vor dem Kontrollverlust unter der Geburt und ihrer Verletzlichkeit in der Situation. Auch Ängste vor dem Schmerz unter der Geburt und vor Geburtsverletzungen wurden geäußert ▶ [174].
Die an einer Fragebogen-Studie teilnehmenden Frauen berichteten, dass sie Angst vor dem Personalhaben, von dem sie während der Schwangerschaft und Geburt betreut werden ▶ [116]. Dies traf besonders für Erstgebärende ohne Geburtsvorbereitung zu. Weiterhin fürchteten sie, einen Kaiserschnitt zu bekommen und das zukünftige Familienleben nicht meistern zu können. Vor allem Frauen mit geringer Ausbildung und Industriearbeiterinnen hatten Angstsymptome, die einer negativen Stressreaktion ähnelten.
Schwangere haben unterschiedliche Bewältigungsstrategien, mit ihren Ängsten umzugehen. So sind verschiedene psychosoziale und therapeutische Angebote, die teilweise auch von Hebammen durchgeführte werden können, eine Möglichkeit mit gutem Erfolg ▶ [161]. Einige Schwangere sehen einen Wunsch-Kaiserschnitt als Lösung für sich ▶ [49]. Dies kann auch eine Art „Notausgang“ aus einer normal begonnenen Geburt sein, wenn die Frau den Kaiserschnitt dann akut wünscht. Der geäußerte Wunsch nach einem Kaiserschnitt sollte immer in erster Linie als ein Hilferuf verstanden werden, dem wertfrei begegnet werden sollte ▶ [41]. Ein weiterer Weg, Sorgen im Vorfeld der Geburt zu begegnen, ist das Schreiben eines Geburtsplanes im Sinne eines Briefes an das geburtshilfliche Personal, in dem die Schwangere ihre Wünsche verschriftlicht ▶ [48].
Merke
Es gibt Hinweise darauf, dass das emotionale Wohlbefinden einer schwangeren Frau stark beeinträchtigt sein kann, wenn die Schwangerschaft unerwünscht ist oder die Frau in Situationen lebt, die mit schwierigen sozialen und ökonomischen Bedingungen und somit hohen psychischen Belastungen einhergehen. Diese Frauen nutzen signifikant seltener und später die Angebote der Schwangerenvorsorge ▶ [156]▶ [60].
Auch im Falle von Lebenskrisen und traumatischen Ereignissen können Schwangerschaftskonflikte, Aggressivität und psychosomatische Beschwerden zum Vorschein kommen. In den betreffenden Studien zeigten die schwangeren Frauen zum Teil stark erhöhte Stress- und Depressionswerte und eine geringere Nutzung der Schwangerenvorsorge ▶ [34]▶ [129]. Auch zurückliegende Lebenskrisen in der eigenen Kindheit und deutlich vor der Schwangerschaft können zu chronischem Stress führen und somit Auswirkungen auf das Frühgeburtsriko haben ▶ [32]. Gut untersucht ist auch die Auswirkung von mütterlichem Stress in der Schwangerschaft auf ein erniedrigtes Geburtsgewicht des Kindes und ebenfalls eine verkürzte Schwangerschaftsdauer ▶ [30].
Die Armut der schwangeren Frau und ihrer Familie kann nicht nur nachteilige Folgen für ihre eigene Gesundheit, sondern auch für die ihres Kindes haben. So fällt nicht nur die Ernährung insgesamt schlechter aus, die Frauen leiden auch häufiger unter Erkrankungen und stressbedingten gesundheitlichen Beschwerden. Sozialökonomisch benachteiligte schwangere Frauen trinken eher Alkohol, rauchen mehr und konsumieren eher illegale Drogen. Aufseiten des Kindes können sich die schlechten Lebensbedingungen der Mutter u.a. in einem verminderten fetalen Wachstum auswirken oder einen Zusammenhang mit der Erkrankung oder dem Tod des Kindes haben.
Merke
Es gibt Hinweise, dass Frauen, die sich in sozioökonomisch benachteiligten Lebenssituationen befinden, später und seltener eine Schwangerenvorsorge nutzen ▶ [60].
Laut MacDonald und Mitarbeitern ▶ [117] bestand in ihrer quantitativen Studie mit über 1400 Schwangeren ein erhöhtes Risiko für Mutter und Kind, wenn die Schwangere jugendlich oder alleinerziehend war, sie oder ihr Partner geistig behindert war, die Familie keinen festen Wohnsitz hatte oder es sich um eine Großfamilie mit gestörten familiären Beziehungen handelte. Im Durchschnitt hatten schwangere Frauen, die unverheiratet waren, ihre Schwangerschaft häufiger nicht geplant. Sie begannen die Schwangerenvorsorge später, nahmen weniger Vorsorgetermine wahr und zeigten eher Risikoverhalten, z.B. Rauchen oder Trinken von Alkohol.
In einer repräsentativen Befragung von Frauen in Schweden lag der geschätzte Anteil von Frauen mit körperlicher oder sexualisierter Gewalterfahrung bei etwa 28 % ▶ [175], welcher auch für schwangere Frauen in Deutschland zutreffen könnte. Die Prävalenzraten für die verschiedenen Formen der Gewalt betrugen in Schweden 19,4% (körperliche Gewalt), 9,2% (sexualisierte Gewalt) und 18,2% (emotionale Gewalt). Bedeutend sind die Erkenntnisse, dass Frauen mit Gewalterfahrungen im Durchschnitt weniger gesund und häufiger sozial benachteiligt sind. Auch wenn ein direkter und hochsignifikanter Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der Gewalterfahrung und gesundheitlichen Problemen besteht, so ist dieser auch bei selteneren Gewalterfahrungen und einer eingeschränkten Gesundheit nachzuweisen, die sich durch erhöhte Ängstlichkeit, Schlafprobleme, das Vorliegen einer Depression sowie medizinisch unerklärte Symptome auszeichnet ▶ [175]. Gewalt in der Schwangerschaft erhöht zudem das Risiko für vorzeitige Wehen, Frühgeburten und niedrigeres Geburtsgewicht ▶ [33]▶ [159]. Im Späteren steigt das Risiko für Kindesmisshandlungen ▶ [68].
Merke
Bei häuslicher Gewalt ist möglicherweise damit zu rechnen, dass diese während der Schwangerschaft eher zu- als abnimmt ▶ [24].
Gewalt in der Partnerschaft ist jedoch nicht an bestimmte soziale Schichten gebunden. Es ist ratsam, Frauen in der Schwangerschaft direkt zu Gewalterfahrungen zu befragen bzw. Gesprächsangebote zu machen, die die Frau niedrigschwellig und ohne Kenntnis des Partners annehmen kann.
Es wird Schwangeren empfohlen, nur moderate Mengen Koffein zu sich zu nehmen ▶ [89]. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) empfiehlt maximal 200 Milligramm (mg) Koffein am Tag zu konsumieren. Bei der Beachtung, dass Koffein nicht nur in Kaffee, sondern auch in Schwarztee, Kakao und Schokolade enthalten ist, ist diese Menge u. U. rasch erreicht. 200 ml Kaffee enthalten ca. 90 mg Koffein, 200 ml schwarzer Tee etwa 45 mg und 200 ml Kakao 8 bis 35 mg Koffein ▶ [25]. Auf Energydrinks mit hohen Koffeinmengen und weiteren anregenden Inhaltsstoffen sollten Schwangere verzichten (ebd.). Die Reaktion des ungeborenen Kindes auf den Koffeinkonsum der Mutter ist vergleichbar mit der einer erwachsenen Person.
In den repräsentativen Erhebungen des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) von 2003 bis 2006 war auch die perinatale Gesundheit von Interesse. Im Rahmen dieser Befragung gaben 17–18% der Frauen an, während der Schwangerschaft geraucht zu haben. Wurde diese Prozentzahl nach Sozialstatusgruppen untersucht, waren in der niedrigen Sozialstatusgruppe etwa 4-mal so viele Raucherinnen wie in der hohen Sozialstatusgruppe ▶ [19]. Die neueren Daten dieses Kinder- und Jugendgesundheitssurveys wurden von 2009 bis 2012 erhoben und zeigen, dass das Rauchen in der Schwangerschaft nicht mehr so häufig ist. Nur noch etwa 12 % der Frauen gaben an, in der Schwangerschaft geraucht zu haben. Mütter, die jünger als 25 Jahre waren, rauchten doppelt so häufig wie ältere Mütter. Auch eine soziale Benachteiligung führt zu einer häufigeren Exposition der Ungeborenen von Rauchrisiken. Wie auch schon in den älteren Daten ist ein Migrationshintergrund mit seltenerem Rauchen in der Schwangerschaft verbunden ▶ [94].
Es gibt zahlreiche Hinweise in der Literatur, dass Rauchen während der Schwangerschaft wesentlich häufiger zu folgenden Problemen in der Schwangerschaft und bei der Geburt führt: geringere mütterliche Gewichtszunahme, niedrigerer Folsäurespiegel im Serum, vorzeitiger Blasensprung, vorzeitige Wehen, Placenta praevia und vorzeitige Plazentalösung. Neben diesen Folgen, die auch die mütterliche Gesundheit beeinträchtigen können, stehen aufseiten des Kindes eine intrauterine Wachstumsretardierung und eine erhöhte perinatale Mortalität. Spätere Folgen sind neurologische und soziale Auffälligkeiten des Kindes ▶ [117]▶ [123]▶ [141]▶ [148]▶ [153]▶ [164]▶ [170].
In weiteren Studien wurden auch Langzeitfolgen wie das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes Typ II im Erwachsenenalter in Verbindung gebracht ▶ [5]▶ [14]. Auch Lungenerkrankungen betreffen vermehrt Kinder, die bereits pränatal den Bedingungen des Rauchens ausgesetzt waren ▶ [136].
Merke
Gut belegt ist auch das erhöhte Risiko für Kinder von Raucherinnen, eine Aufmerksamkeitsstörung (ADS, ADHS) zu entwickeln. Hierbei sind die Kinder von starken Raucherinnen noch gefährdeter als die von nicht so stark rauchenden Schwangeren ▶ [78]▶ [157].
Die Studie von Lackmann et al. ▶ [97] weist darauf hin, dass auch karzinogene Stoffe des Zigarettenrauchs die Plazenta passieren und das Kind erreichen können. Diese Erkenntnis könnte – neben der Wirkung des Passivrauchs – erklären, dass in den letzten Jahren auch Belege über den Zusammenhang zwischen dem Zigarettenkonsum der Mutter und der Entwicklung einer kindlichen Krebserkrankung auftauchten ▶ [118]▶ [164]. Es ist davon auszugehen, dass nicht nur das aktive Rauchen eine schädliche Wirkung auf den Fötus hat, sondern auch das Passivrauchen. Leider ist zu diesem Einflussfaktor noch zu wenig bekannt, da die rauchenden Partner*innen in Untersuchungen oft nicht mit einbezogen werden.
In der Studie von England und MitarbeiterInnen ▶ [44] mit über 1500 schwangeren Frauen wurde neben der von den Frauen angegebenen täglichen Zigarettenzahl auch der Urin auf ein Abbauprodukt des Nikotins untersucht. Es fanden sich Hinweise darauf, dass erst bei einer Reduzierung der Zigarettenzahl auf unter 8 Stück pro Tag eine leichte Verbesserung bezüglich des Geburtsgewichts des Kindes erzielt werden konnte. Neuere Studien zeigen jedoch, dass jede Zigarette weniger das Risiko z.B. für den Plötzlichen Kindstod verringert ▶ [7]. Das unabhängige Informationsportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: rauchfrei ▶ [28] bietet sowohl Laien als auch Fachpersonal vielfältige Informationen und Unterstützungsmöglichkeiten, um den Nikotinkonsum zu reduzieren und im Idealfall zu beenden.
Die bundesweiten Gesundheitsziele in Deutschland befassen sich neben dem übergreifenden und jüngsten Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“ auch mit den Zielen „Tabakkonsum reduzieren“ und „Alkoholkonsum reduzieren“. Die Prävalenz von „riskantem und missbräuchlichem Alkoholkonsum“ indiziert einen dringenden Handlungsbedarf ▶ [115]. Über die Verbreitung und die Folgen des Alkoholkonsums in der Schwangerschaftist bisher noch immer zu wenig bekannt.
Werden Ungeborene vor allem durch chronischen Alkoholkonsum der werdenden Mutter beeinträchtigt, steigt das Risiko für den Tod des Kindes ▶ [86], für eine Frühgeburt ▶ [4]▶ [85]▶ [132] und vor allem für schwerwiegende Entwicklungsstörungen ▶ [31]▶ [99]. Diese Entwicklungsstörungen werden unter dem Begriff Fetales Alkoholsyndrom (FAS) oder Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD – fetal alcohol spectrum disorder) zusammengefasst. Kinder mit ausgeprägtem FAS weisen z. B. typische fasziale Dysmorphien und weitere Schäden an unterschiedlichen Organen auf. Viele von ihnen haben ein Leben lang sehr einschränkende Lern-, Konzentrations- und Regulationsstörungen, die manchmal ein eigenständiges Leben nicht möglich machen ▶ [95].
Die repräsentativen Erhebungen des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) zwischen 2003 und 2006 dokumentierten etwa 14 % schwangere Frauen, die gelegentlich alkoholhaltige Getränke zu sich nahmen, und weniger als 1 % der Frauen, die sie regelmäßig tranken. Beim Vergleich der Mütter von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund zeigte sich eine dreifach erhöhte Prävalenz in der Gruppe „ohne Migrationshintergrund“, in der Frauen in der Schwangerschaft alkoholhaltige Getränke tranken. Beim Vergleich von sozialen Schichten fiel auf, dass 2,5-mal so viele schwangere Frauen in der sozialen Oberschicht Alkohol konsumierten wie in den sozial weniger gut gestellten Schichten ▶ [176].
Merke
Es gibt Hinweise darauf, dass das Bewusstsein für die Schädlichkeit von Alkohol in der Schwangerschaft noch gering ist.
Nach einer Studie der Charité trinken 58 % der schwangeren Frauen gelegentlich alkoholhaltige Getränke. Von diesen gaben 20 % eine Häufigkeit von 1- bis 3-mal im Monat an und knapp 1 % der Frauen einen täglichen Konsum ▶ [24].
In einer anderen Studie der Charité mit 125 Frauen, welche die allgemeine Schwangerenberatung besuchten, ergab sich bei 7 % ein im Labor festgestellter Hinweis auf Alkoholkonsum in den vergangenen 14 Stunden, während nur knapp 1 % der betreuten Frauen im Rahmen der Anamnese angegeben hatte, ein alkoholhaltiges Getränk getrunken zu haben ▶ [155]. Einerseits liegen aufseiten der schwangeren Frauen möglicherweise Ängste vor einer Stigmatisierung durch Hebammen und ÄrztInnen vor, wenn sie nach Alkoholkonsum gefragt werden, andererseits ist zu vermuten, dass die Befragungstechnik nicht effektiv und zielführend ist, um den tatsächlichen Konsum zu erfassen. Neben dem von der WHO entwickelten Fragebogen zur Ermittlung riskanten Trinkverhaltens (AUDIT) ist ein Fragebogen zur Messung von potenziell schädlichem Alkoholkonsum speziell bei schwangeren Frauen anwendbar (T-ACE, ▶ Tab. 1.1 ). Dieser Fragebogen ist sehr spezifisch und sensitiv ▶ [42].
Tab. 1.1
Alkoholkonsum – T-ACE-Fragebogen für schwangere Frauen.
T (tolerance)
Nach wie vielen Gläsern Alkohol fühlen Sie sich angetrunken? 2 Punkte für > 2 Drinks (25 g Alkohol)
A (felt annoyed)
Haben Sie sich jemals über Kritik von anderen wegen Ihres Alkoholkonsums geärgert?
1 Punkt für positive Antwort
C (cut down)
Hatten Sie jemals das Gefühl, Ihren Alkoholkonsum reduzieren zu müssen?
1 Punkt für positive Antwort
E (eye opener)
Haben Sie jemals morgens Alkohol getrunken, um wach zu werden?
1 Punkt für positive Antwort
2 oder mehr Punkte weisen auf ein Alkoholproblem hin.
Merke
Nach der Literaturübersicht von Dunkley ▶ [40] ist davon auszugehen, dass der Alkoholgehalt des fetalen Blutes dem der Mutter gleicht, aber das Kind aufgrund seiner Unreife doppelt so lang braucht, um den Alkohol abzubauen.
Folglich kann zu jeder Zeit eine Einschränkung des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft die negativen Folgen eines sich ausbildenden fetalen Alkoholsyndroms abschwächen. Die tatsächliche Menge Alkohol, die keine Schäden beim Kind verursacht, kann nicht bestimmt werden.
Stress kann als positiv wirkende Energie (= Eustress) betrachtet werden, durch die vorhandene Kräfte mobilisiert werden. Bei negativem Stress wird die Funktionstüchtigkeit des Körpers und der Seele jedoch beeinträchtigt. Aus evolutionsbiologischer Sicht handelt es sich um einen Überlebensmechanismus, der uns ein rasches Fliehen bei Gefahr ermöglicht.
Nachdem lange davon ausgegangen wurde, dass hauptsächlich Kortison das Hormon sei, dass die Stressreaktion des mütterlichen Körpers auf das Kind überträgt, weiß man heute, dass dieser Prozess sehr viel komplexer ist als gedacht. Das Schlüsselhormon ist offenbar Noradrenalin ▶ [140]
