Schwärmer und Schnaken - Harry Martinson - E-Book

Schwärmer und Schnaken E-Book

Harry Martinson

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Beschreibung

Harry Martinson (1904–1978) schrieb, als Europa – auch Schweden – Ende der 1930er Jahre unmittelbar vor dem verheerenden Weltkrieg stand, mehrere Bände mit Reflexionen, Beschreibungen und Bildern der Natur. Ob Mohnkapseln, Baum-Weißlinge, Wasservögel, der Geruch der Erde oder der Winterfrost in den Fichtenwäldern – noch dem kleinsten Detail wird eine persönlich gefärbte Erkenntnis abgetrotzt. Doch er belässt es nicht bei der Beschwörung der schönen Natur: Im erfassenden Erschreiben begibt sich Martinson auf die Spur des Verhältnisses des Menschen zu seiner Umwelt; zu den Tieren, den Pflanzen und der Landschaft – aber auch zum Blick auf die Natur, zu ihrem Gebrauch und nicht zuletzt zu ihrem bewahrenden Schutz. Die Natur in "Schwärmer und Schnaken" ist keineswegs nur Idylle, sie ist Spiegel sowohl für Martinsons Innenwelt als auch für das, was um ihn herum vor sich geht. Politisch, biologisch, gesellschaftlich: Mensch und Natur stehen in einer Beziehung zueinander. Unser Blick formt die Natur und bildet sie erst, die Natur wiederum schult unser Auge und zwingt es zur Genauigkeit. Klaus-Jürgen Liedtke hat eine Auswahl aus den Naturtexten zusammengestellt und in eine Sprache übertragen, die Harry Martinsons komplexe Betrachtungen und wortmächtige Ausmalungen auch im Deutschen zu einem reichen Lektüreerlebnis werden lässt. Die dichten Beschreibungen sind Glanzlichter der Sprachkunst, mit einer präzisen Formulierung das Wesen einer Erscheinung zu erfassen. "Hört mir zu, ich wispere aus dem Bach", steht an einer Stelle. Martinson folgt dieser Aufforderung, er entziffert die Natur und lauscht ihr ihre Geheimnisse ab.

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Seitenzahl: 229

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Harry Martinson

SCHWÄRMERUND SCHNAKEN

Naturessays

Ausgewählt und aus dem Schwedischenvon Klaus-Jürgen Liedtke

Mit einem Nachwort vonFredrik Sjöberg

INHALT

SONNE

WASSERBRIEF

VON SEEN

IN DER SCHLICKBUCHT

BEGINNEN WIR IM WASSERSAUM

AN DEN WALDSÜMPFEN

RODUNG

SCHWÄRMER UND SCHNAKEN

ALTE ZECHEN

KERBEL

MOHNSAMEN

SONNE UND SUMME

DIE GEWISSHEIT DES TODES FÜR ALLE

ÜBER NATURSCHILDERUNG

DIE WOHLBEKANNTE NATUR

BRIEF

WINTERSTÜCK

WINTERWEISS

FEBRUAR

MÄRZ

EINZUG

LERCHEN

SOMMERMORGEN

ERDGERUCH

DREI SCHÖNE SCHMETTERLINGE

HOCHGEWACHSENE STAUDEN

DISTELN ZWISCHEN STRAUSSGRAS

DÜRRE

EINIGE BÄUME

ROMANTISCHER RÜCKFALL

SINGDROSSEL

MISTKÄFER

SCHWARZSPECHT

AUERHAHN

WALDKAMMER

PROBE

ABENDGERANK

FICHTEN IM STURM

HERBST

QUELLE

DER BACH RINNT IN DER FINSTERNIS

AMEISENHÜGEL

ENDE NOVEMBER

MENSCH UND INSEKTEN

EINTAGSFLIEGEN

ANHANG

ANMERKUNGEN

NACHWEISE

ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS

NACHWORT VON FREDRIK SJÖBERG

BIOGRAFIEN

SONNE

Wirf einen Strahl Sonne des zwanzigsten Dezembers aufs Papier. Lass ihn den gelben Bleistift entlang leuchten und erzählen, wie sie in den Verschnaufpausen zwischen Schneewirbeln hervorbrach. Das Radio spielte hinten im Winkel eine Mittagspolka. Sonne und Schnee strömten in die Gardinen, die Gardinen verströmten sich in Sonne und Schnee. Die Sonne stand hinter den Ästen des Birnbaums, sie erbebte wie aufflammende Offenbarungsfeuer hinter dem Birkenreisig. Wintersonne, mitten in einen der drei dunkelsten, kürzesten Tage geworfen, ist nicht nur buchstäblich eine Offenbarung. Sie ist sehr viel mehr. In einem solchen Augenblick haften weder Stimmungen noch Erinnerungen an der Sonne. Nein, sie kommt als ein Nu, als ein unvorhergesehener Einbruch. Wenn solch ein Nu aufflammt, jäh überraschend, erinnert man sich hinterher daran wie an ein Sonnen-Nu auf der Scheibe, ohne Zu-früh oder Zu-spät.

Die Sonne schien uns allen im Haus ins Gesicht. Als sie gleich darauf hinter den Wolken verschwand, blieb dieses Nu wie in einem Feuerrahmen stehen. Die Sonne war so heftig hervorgebrochen, so überraschend, dass es für nichts anderes Platz gab als das Lichterlebnis und Feuererlebnis darin, beinahe ohne jeden Zug von dem, was man Stimmung nennt.

Ein beinah undenkbares Einheitslicht stand im Nu in Flammen.

Ein solcher Augenblick kann nicht gemessen werden. Er schließt in sich nichts und schließt in sich alle Zeiten.

WASSERBRIEF

Eigentlich hätte ich über Fische schreiben wollen, doch fällt mir auf, dass ich darüber nicht allzu viel zu sagen habe. Andere können besser über Fische schreiben als ich. Als Seemann auf Kauffahrern sieht man vom Leben der Fische nur wenig. Die empfindlichsten Fische werden verschreckt vom Propellerzittern im Wasser und vom Verklappen von Öl, lange bevor der Kurs des Schiffes in ihre Ruheplätze im Meer sticht. Denn das Meer ist ein ungemein wachsames, feinfühliges Element, in dem sich alle Geräusche tief unter dem Grund der Wellen fortpflanzen und vergrößern. Ein stotternder Dieselhusten in einem modernen Schiff lässt die empfindlicheren Fische hinter die Horizonte fliehen, wodurch das Schiff sich in einem reichlich ärmlichen Umfeld bewegt. Fische, die innerhalb des über das Meer kriechenden Gesichtskreises des Schiffes zurückbleiben, gehören vermutlich zu den grobschlächtigeren, weniger zartbesaiteten.

Aber das Meer ist reich, und selbst ein Kohlendampfer mit seiner stampfenden Maschine bekommt noch mancherlei zu sehen und zu erleben. So entsinne ich mich einer ungeheuren Schule springender Wale, die unser Schiff mitten auf dem Nordatlantik ganze neunzehn Stunden lang umschwärmte. Es war ein bleigrauer Tag, stark wogige See und hastig jagende Wolken. Das Meer roch nach isländischen Sagas, und jede Welle, die heranrollte, schien jegliche Geschichte aufzuheben und uns – der Stimmung nach – zurückzuversetzen in eine amorphe, schicksalsschwangere Urzeit. Doch war es wie gesagt wohl nur eine Stimmung, niemand kann sich ja tatsächlich vollständig losreißen von sich selbst, seiner Verwurzelung, seiner Herkunft oder Zeit, seiner Aufgabe. Immer wird uns etwas aus unserer Volksschule auch aufs Meer hinaus begleiten. Die Schule trieb den ersten Keim aus der eigenen Seele, den Keim zu dem, was einem dann zur eigenen Stimmungswelt wurde. Somit wurden die springenden Wale, die neunzehn Stunden lang das Meer in einen stürmischen Mangrovensumpf mit lebenden, nach oben gespreizten Wurzeln verwandelten (so nehmen sich die Bogensprünge der Wale aus, wenn sie zu Abertausenden kommen), zu einer Hochblüte der Volksschule, einer phantastischen, anmutigen Schautafel der Wirklichkeit, die der Ozean selbst, tausend Meilen breit, in die weiterhin andauernde Schulstunde schob. Lediglich Lehrer Stav, der tot war, und die aus Holz aufgeführte Schule mit ihren wehmütig quietschenden Holzbänken waren nicht mit dabei, aber Stavs Vertreter, die Abenteuerliteratur und der wogende, wirkliche Ozean kamen herangeschossen und setzten die Schulstunde fort, die einst in der Dorfschule von Ekbacken ihren Anfang genommen hatte: einem gewöhnlichen, rechtwinkligen Holzhaus im Süden von Schweden.

Stav sprach ziemlich häufig über das Meer, und er erwähnte auch die springenden Wale. Hier kamen sie nun, zuhauf. Eine Herde, neunmal so groß wie das gesamte Kirchspiel, in dem die Schule stand. So etwas ist Teil der Wunder der Welt und des Lebens. »Ja, in höchstem Maße, Kinder«, hätte Stav gesagt. Schade, dass er, gebunden an seine Schulzeit und seinen Schulort, nicht mit dabei sein und mit ansehen konnte, wie das Leben sich wirklich ausnahm an diesem äußersten Zipfel seiner Schule.

Bisweilen kommt es mir vor, als wäre aus mir nie mehr als ein Kind geworden. Dann meine ich in einer Weltenschule zu sitzen, einem gewaltigen Bau mit Pfählen in allen Weltteilen. Stav befühlt den erkalteten Ofen und sagt: »Hier ist es kalt, Kinder, macht mal die Fenster zum Stillen Ozean auf!« Das tun wir, oder wir legen ein paar Holzscheite der gewaltigen Douglasien aus Britisch-Kolumbien nach.

Denn im Gegensatz zu einer ganzen Reihe von Kindern habe ich die Schule geliebt. Und das hatte ja seine guten Gründe, sie war eine Freistatt, und diese Freistatt wurde durch Stav nur noch lebendiger. Er konnte die Karte an der Wand ergrünen lassen. Typisch für ihn war eine Bemerkung wie: »Die Landkarte hängt, Kinder, aber deshalb hängt nicht das Land. Stellt euch lieber einen Fußboden vor als eine Wand, wenn ihr draufschaut. Ich sag euch das, weil ich weiß, dass Karten, die hängen, ohne dass man es ahnt, dazu führen, einem ein übertriebenes Gefühl für die Begriffe oben, unten, Süden und Norden einzugeben, Kinder.«

Auf diese Weise breitete Stav das hängende Skandinavien vor unseren Füßen aus. Doch breitete er es nicht aus, um es dann platt wie ein Stück Sackleinen liegen zu lassen, dazu war er ein viel zu guter Lehrer. In geduldigen Wendungen erklärte er die Erdkrümmung, er wollte uns das klare, planetarisch richtige Bild vor Augen führen. Er wollte, dass wir wirklich auf der Erde stünden, wie er sagte: »vor allem, Kinder, im Geländebewusstsein«. Oft errichtete er in seinen Unterrichtsstunden Türme schwindelerregender Phantastik, um danach alles wieder geschickt in ausgewogene Dimensionen zurückzuholen. Er lebte mit in dem, wovon er sprach. Wenn er vom Meer sprach, hörte man es sehr deutlich schwappen, und vom Gipfel des Kilimandscharo herab hielt er einmal eine glänzende Rede über junge Bambuswälder und Antilopen. Ein anderes Mal, unten in der Ebene des Fußbodens, sprach er, obwohl selbst aus Västergötland stammend, mit annähernd schonischem Dialekt über die Zuckerrübe.

Ja, Stav war ein lebendiger Mensch, und nach seinem Tod schaukelte mir seine Schule, von ganzer Seele dankbar erinnert, auf dem Meer umher. Sie wurde grenzenlos, ihre Lektion unendlich. Nach und nach öffnete sie sich hin zum Leben, wie es ist, wie es wirklich ist, doch auch hier konnte man in gewissem Maße die Stimme der Volksschule »wie durch sehr viel Wasser« hindurch hören, bis sie zuletzt verstummte. Doch verstummte sie spät. Die Schule im Dorf war mir einst eine Rettungsinsel gewesen. Seither gab es keine wirklich tiefen Gründe, sie zu verachten. Zwar mag es egoistisch und süß scheinen, doch in der Lebenswelt der Erinnerungen bleibt das Ich, ob man will oder nicht, die erste Staatsmacht. Sich selbst retroaktiv auszulöschen und seine vergangenen Vorlieben zu verbergen, ist reine Lebenslüge, dann ist es schon besser, alle Erinnerungen zu verschweigen. Erzählt man Erinnerungen ohne die Absicht, möglichst wahrheitsgetreu und schöpferisch zu sprechen, so ist man nicht mehr als ein Narr. Wer den Egozentriker verneint, lügt sich aus vollkommen nichtigem Grund die Hucke voll. Durch die eigene Unzulänglichkeit spürt man die der anderen, aber ein Ich-Problem bleibt es gleichwohl. Ja, auch Proteste werden schließlich zu Bumerangs gegen die Selbstverlogenheit des Ichs.

Zuweilen verspürte ich eine solche Dankbarkeit gegen Stav, dass ich ihn zwischen Männer wie Columbus, Magellan, Livingstone, John Ericsson, Sitting Bull, den Schinderhannes der Schnapphähne und Jack London einordnete. Eine seltsame Mischung, mag man meinen, doch so war es. Die weiße Rasse ist eine überaus literarische Rasse. Eine glückliche, wenn auch mehrheitlich unglückliche Tatsache. Die Helden und Götter sind wie Pflanzen in Bücher gepresst, und was immer meine Beziehung zu Helden und Göttern betrifft, so spielte Stav die Rolle des ersten Schamanen.

Wie beispielsweise, als ich zum ersten Mal auf den Passat traf. Wie literarisch war der denn? Wie deklamatorisch jagte der nicht auf die Antilleninseln los? Und so war es mit beinah allem – mit Ausnahme des Tabubelegten, doch wie auch immer, akzeptierte man diese Ambivalenz ziemlich lange: bewegte sich doppelt und wunderlich mit der einen Hälfte der Seele im Abenteuer, mit der anderen in seiner privaten Finsternis.

Denke ich an Stav, sehe ich Bilder vom Meer. Er war nicht dabei und irgendwie doch. Es sind Bilder, die gleichsam außerhalb des privaten, persönlichen Geschehens liegen, ja, außerhalb vom Weg der Seele durch Welt und Zeit, Bilder, in denen man angesegelt kommt wie ein vorüberschweifender, zufälliger Gast. Das Schiffsdeck dient bei solchen Anlässen lediglich als Zuschauertribüne, die in plötzlich auftauchende Arenen treibt. Für die Besatzung auf dem kleinen dänischen Segler, der seinerzeit mitten in die Nordseeschlacht geriet, muss es sich seltsam angefühlt haben. Plötzlich befand er sich zwischen kanonenspuckenden Horizonten, und ihm blieb nichts anderes als zu versuchen, aus diesem Kessel vorsichtig herauszukreuzen.

Doch auch weniger historische Begegnungen können zu Beispielen für die unendliche Lektion werden, in der der Stav von der Volksschule noch nach seinem Tod weiterspukt.

Mitunter schien mir die Back mit dem Ankerspill zu einem Katheder zu werden, dort hockte Stav selig als Matrose oder Donkeyman und machte einfach weiter. Das Leben aber hatte mehrere Ebenen, die sich überschnitten, und nur auf einer dieser Ebenen saß Stav, während ich selbst, der keine Ruhe hatte, von der einen zur anderen jagte. Das machte es natürlich vielfach verwirrend und am Ende völlig verwirrend. Mehr als einmal war ich kurz davor, irgendwo ins Meer zu springen, um dies Leben zu verlassen, wenn die eine Ebene der anderen in die Quere kam, wie Stav es nie vorhergesagt hatte. Die Folge war, dass ich mit Stav brechen musste, eine persönliche Katastrophe durchlitt und mich zu einer Einheit hin vorkämpfte, die mich zu retten vermöchte. Ganz und gar fand ich sie nie. Die Nachkriegsjahre zur See waren äußerst verwirrend für jemanden, der auf der Welt eine einheitliche Ebene suchte. Mit einem Seemannspastor zu sprechen, dessen Leben indirekt meins verdammte, in der Back über einem Abenteuerroman einzuschlafen, der auf nunmehr unhaltbaren Abenteuergründen fußte (die neuen Meere der Wirklichkeit schwappten ja direkt vor mir, ein paar Fuß von der Koje entfernt), im Gewimmel Indiens nicht nur Tempel, Ochsen, Elefanten, Hindus und Brahma zu erblicken, sondern auch soziales Unrecht und grenzenloses soziales Kolonialchaos, all dies und tausend andere, weit schlimmere Dinge, in die sich der Seemannspastor und Stav auf Grund ihrer Treue gegenüber einer Lebensanschauung, deren Plan in der Welt völlig mottenzerfressen war und der Verätzung der Veränderung unterworfen, nie hätten hineinversetzen können, all dies fiel jemandem aus der Schule auf dem Hügel nicht so leicht. In Indiens Chaos war ich gezwungen, Stav zum ersten Mal zu bekämpfen. Das war schwer, und die Bitterkeit fraß sich nach innen. Dabei war es wohl die Welt selbst, die mein Ich zwangsversetzte, es in eine neue Schule schickte und sagte: Dies ist die Welt, wie sie ist, mit Gestrüpp, Seelendschungel, materieller Ungleichheit: eine Verflechtung von Bankrott und Glauben, ein Juggernaut-Wagen und ein Mähdrescher, schwer wird dir die Stunde, aber jetzt bist du gefangen, und nun sei so gut und hör dir die Lektion über die Widersprüche an.

Das tat ich. Und ich unternahm Versuche, die Welt in mir wiederaufzurichten und mit Stav und anderen zu verknüpfen. Doch es klappte nicht mehr so gut. Ernsthaft war ich darauf zurückgeworfen, eigenständig zu suchen und zu phantasieren.

Bisweilen geschieht es, dass man, ohne dass man deshalb Memoiren schreiben wollte, innehält, zurückblickt und versucht, alles in einem und eines für alles zu sehen. Dann betrachtet man, könnte man sagen, die persönliche, deformierte Pyramide seines Lebens. Mit einem Stachel im Fundament errichtet man seinen Hügel aus vermoderten Erinnerungen. Aber das Bild wird schief, und man bemerkt die Wahrheit des Ausspruchs, dass alle Vergleiche hinken. Wie verlogen sind dann nicht erst die nationalen, die ideellen und kulturellen Großsymbole. Seinem Heimatdorf ist man einst entwachsen wie ein Kellerkeim, der zum Licht strebt. Einmal sah ich in einem Keller eine drei Meter lange Distel. Nach einem monatelangen Wachstum des farblosen Stängels hatte sie das Schlüsselloch des verlassenen Kellers erreicht. Daraus war sie herausgewachsen und hatte glücklich drei oder vier Chlorophyll-Blätter gebildet. Doch damit hatte sie alles aufgeboten, was in ihr steckte, zu Stacheln reichte es nicht mehr. Die Hauptsache war, dass sie hinausgelangt war und die Sonne zu sehen bekam.

Diese Distel passt besser zum Bild des Strebens verträumter Individuen. Als ein Kellerkeim wuchs ich einst zum Meer hinaus. Doch wer weiß, hätte ich im Keller nicht Stav zur Hilfe gehabt, hätte ich vielleicht nie das Schlüsselloch des Meeres erreicht, welches das lausige Dorf am Abend mit Lumpen zuzustopfen pflegte.

So vergingen ein paar Jahre, und am Ende wusste man, was man schon hätte erraten können, dass die große Welt auch nicht besser war als das Dorf, ja, dass die ganze weite Welt aus kleinlichen Dörfern bestand. Aber Ansichten schenkte das Leben. Große, wunderliche. Lange könnte ich noch weiter erzählen über Meereshimmel aus kalifornischen Apfelsinen und über schwere, eisengraue Seestücke.

Einmal sah ich in Indien das Fischen mit Kormoranen. Ein hutzliger Greis saß in einem Kanu voller Lumpen (seinem Schlafplatz). Mit Hilfe seiner zwei Kormorane, die so zahm waren, dass er nicht länger die Schnur aus Fiber um ihre Fußwurzel befestigen musste, hielt er die Verbindung zum Leben und zum Meer aufrecht. Nie vergesse ich den Abend, als unser großer, schwarzer Schiffsrumpf die Abendröte im Arabischen Meer entzweischnitt. Der Greis mit den Kormoranen hatte seine tagelange Nahrungssuche beendet und war kurz davor, sich in den Lumpen des Kanus zur Ruhe zu begeben. Die Kormorane saßen auf ihren Holzstangen, satt und reglos. Ihre Augen erglänzten wie im Sonnenuntergang meiner Heimat die Vogelbeeren, die langen Schnäbel öffneten und schlossen sich, die Leiber waren glänzend schwarz und schlank. Der Greis tastete mit zittrigen Händen in den Lumpen und fütterte seine Gehilfen noch mit einem großen Stück Fisch, kurz bevor die Sonne wie ein goldener Spargroschen völlig in die Arabische See hinabgedrückt wurde. Ein alter Meereskuli mit Kormoranen. Einst würde er tot im Schlick der Ebbe liegen, das Kanu schief im Schlamm wie eine Bohnenhülse mit einer Leiche darin.

Die steigende Flut würde ihn begraben, und die großen kohleschluckenden Boote nach Hull und Colombo würden wie triumphierende Elefantenherden über das kleine Splitterchen hinwegtrampeln. Lediglich die beiden Kormorane würden sich vor der Flutwelle erheben und den Platz umkreisen, wo der Alte versunken wäre, bis sie übermächtigen Hunger verspürten und wie die Raben Hugin und Munin über das Arabische Meer verschwänden, ungewiss und verwundert, schwarz umhertappend, zurückversetzt in das Wilde des Meeres. Ihre Trauermäntel wären ja schon im Voraus genäht. Zu Beginn würde es ihnen schwerfallen, sich daran zu gewöhnen, den ganzen Fisch allein fressen zu dürfen. Vielleicht würden sie einen kleinen Happen dem Meer überlassen. Aber mit der Zeit würde der Hunger sie immer weiter forttreiben. Sie würden Eissturmvögeln, Tropenmöwen und Seeadlern begegnen, würden gezwungen sein, Schiffen zu folgen, und »Zimmerleute« genannt werden, denn so heißen sie unter Seebären. Auf diese Weise würden sie früher oder später unter die Kormoranschwärme am Kap der Guten Hoffnung gelangen, sich mit ihnen verirren, die anderen würden auf sie einhacken, sie würden neugeboren werden und Prügel beziehen, alles Vergangene vergessen, und am Ende, wenn sie nicht schon zu alt wären, würden sie den Heerscharen der schwarzen Kormorane folgen, wenn sie viele lange windige Regentage hindurch mit dem Sturm zu den Kerguelen segeln, um zu brüten.

In Verbindung mit den Kerguelen möchte ich meinen Freund E. erwähnen, inzwischen am Vättersee ansässig. Er weilte über vier Jagdsaisons auf den Kerguelen und keulte Robben. Das war am Mont Ross, einem kegelförmigen, schneeleuchtenden Berg mit einer anmutigen Eishaube über dem erloschenen Krater. Die Landschaft dort ist seltsam. Heiße Quellen sprudeln aus der Erde, ja, sogar tief aus dem Meeresgrund, man sieht sie bei Ebbe wie Fontänen. Wenn die Flut kommt und das Meer einläuft, fauchen sie widerwillig wie böse Hexen. Doch das Meer ist stark, biegt sich unter den Wasserbüschen der Fontänen und gurgelt hinab in die Quelllöcher: Burrr. Dann werden die Dampfwolken abgeschnitten, und der Dampf verzieht sich über Land, wo er als feingesiebter, lauwarmer Regen herabrieselt. Nur die allerstärksten Bodenquellen lassen sich nicht völlig niederdrücken. Daher sieht man sie auch während der Flut als kleine Buckel auf der Wasserfläche. Aber die warmen Quellen haben etwas bewirkt. Die Robben, die auf jener Inselseite leben, sind krank: Ihre Flossen sind entzündet, und jede zweite Robbe weist auf dem Rücken Eiter auf. Es ist ein beklagenswertes, sterbendes Volk von Tieren ohne die Fähigkeit, die Ursache ihres Elends zu ergründen und sich vor den kieselhaltigen heißen Kaskaden zu retten. Mehr und mehr erfasst sie Abgestumpftheit. Sie sind allzu krank und schwach, um den Kampf gegen die Robben von der anderen Inselseite aufzunehmen und auf diese Weise zu entkommen. Stattdessen rücken die anderen Robben immer näher, werden aber von der Lähmung und Erkrankung in dem Land gepackt, das sie erobert haben, und sterben schließlich an Eiterungen und Rückenmarkslähmung. Die Robben in dieser Bucht klagen und heulen vor beißendem Schmerz, der ihr Leben quält. Es ist ein Inferno der Tierwelt, das sich dort in einer Bucht auf den Kerguelen abspielt. Und die nicht an Vereiterungen von den Kieselquellen sterben, sterben an den Robbenkeulen. Am Strand steht dickflüssig die Trantonne und wartet auf die, die der warmen Fontäne entgehen. Port Sunlight in England wartet seinerseits auf die Tonne.

Zu den besonderen Handwerkern des Südpolarmeers gehören im Ross-Meer die Böttcher. Sie folgen den großen, unförmig hohen, meilenweit stinkenden Walkochereien, die gleich Riesensarkophagen in den Wassern der Ross-See rollen und den ganzen Horizont in einen stinkenden Tranrand verwandeln. Der Mond und die Sterne riechen nach Tran. Die Wogen riechen nach Tran. Die Bücher in der Bibliothek, die dicht neben dem Raum längsschiffs einquartiert ist, wo die Trankessel stehen und kochen und blubbern, riechen nach Tran. Sie sind übrigens eine eigenhändige Schenkung von Lord Leverhulme, dem Seifenkönig von Port Sunlight (jetzt tot). Der Sturm wird von den Gefangenen des Trans als Befreier begrüßt, da er den Trangeruch förmlich von den Schiffen reißt und den bösartigen Atem in Richtung Südpol schleudert.

Hinter dem Namen Olof Nilsson verbarg sich ein Mann, der im Jahr 1923 in der Santa Casa de Misericordia in Rio de Janeiro starb. Sechsunddreißig Jahre lang war er als Böttcher gesegelt, davon zehn Jahre in der Beringsee, zwölf Jahre für die New-Bedford-Gesellschaft und die restlichen vierzehn Jahre im Südpolarmeer. Mit der Zeit bekam er einen Dachschaden. Die besten seiner Tonnen, besonders die aus patagonischem Hartholz, werden wohl noch immer nach Süd-Shetland und zur Ross-Insel geschickt. Nilsson – nennen wir ihn so – stammte aus Halland. Details seines umfangreichen irdischen Lebens kenne ich kaum. Er fertigte Tonnen für Walöl, das ist alles, und lebte sechsunddreißig Jahre in der frauenlosen, auf Dauer perversen Isolation der Eismeere.

Vielleicht ließen sich in Gedanken seine Winter rekonstruieren, wie er in seinem Tonnenschuppen auf Südgeorgien über seinen fixen Ideen brütend dasaß, als ein dienstbarer Geist der antarktischen Meere. Um die Weihnachtszeit kommt das Proviantboot aus den nördlichen Teilen des Planeten, mit unter anderem fünfzehn Kilo schwedischem Priem, der dem Ackerboden in einem von den reichen Erlebnissen des Alten beinahe völlig verdunkelten Halland ähnelt.

Auch das Sturmtosen um eine andere Hütte können wir uns denken. Das Novembergedröhn um eine zusammengesackte, verlassene Baracke am Hallandsåsen, den noch nicht verloschenen, berauschenden Duft der Schafgarbe im Wind, das Geraschel der cholerischen Herbstnesseln gegen die Bretter und die roten Becher der Hagebutten schaukelnd in einem wild gestikulierenden Gestrüpp, das Taubstummenzeichen gibt. Aber dabei muss es deine Empfindung bewenden lassen, damit seine Kindheit nicht allzu hell wird – denn über sie wissen wir nur, dass sie hart gewesen sein muss, und falls sie einmal ein Lachen aufschlug, dann lachte sie so hart wie eine Harke. Und der Eros war wohl vor allem ein durch Gestrüpp jagender Hengst, sonst fiele es dir schwer, die Freiwilligkeit eines so langwierigen antarktischen Gefangenenlebens wie desjenigen von Olof Nilsson zu erklären. Man dichte also nicht allzu viele Rosen in den auf der Müllhalde verrotteten Flickenteppich, denn die Welt besteht fast ausschließlich aus Heimatdörfern, aber ist darum kein besserer Ort. Olof Nilssons eventuell erfrorene Libellen, Stiefmütterchen und Schmetterlinge wurden vermutlich ausnahmslos von den selbstgefälligen Elefanten der Wirklichkeit zertrampelt.

Walöl rechnet man in Quantitäten von 0 bis 4, was die einzige Ästheterei des Ross-Meeres ist. Olof Nilsson fertigt seine Tonne und malt die Qualitätsbezeichnung darauf. Der Pinsel klatscht der Tonne aufs Hinterteil: Na also! Qualität 2, nicht schlecht. Ab nach England, mein Mädel, zu deinem Freund Natron. Euch gegenseitig umschlingend, reist ihr in das feine Europa, wo man euch Seife nennt. O wer dabei sein dürfte, wo ihr seid! Und in einer Seifenschale in den feinsten Badezimmern liegen. Die Nächste bitte! Zweite Suppe, wie? Qualität 3, klatsch! Die Nächste!

Und so rollt ein endloses Band von Waltonnen nach Norden in wärmere und gemäßigtere Breiten und Länder. Ein Teil gelangt so weit in den Norden, dass es wieder kalt wird. Eine Eskimobraut schäumt sich die Seife über den ganzen Körper. Perspektiven, die einem gefallen können: hygienische Nacktheit auf dem gesamten Erdball. Kennt ihr Svend Foyn? Ach so, nicht. Er war sozusagen ein Rurik des Walfangs. Ein echter Norweger, der das ganze Leben in Arbeitsklamotten herumlief, außer es war mal unerlässlich. Mit der Zeit wurde er so maßlos reich, dass er unter den Fängern im Nördlichen wie Südlichen Polarmeer zur Legende wurde. Er war ein ehrlicher Puritaner, ein wenig Lamm und ein wenig Fuchs. In einem seiner ersten Heuerformulare für das Nördliche Eismeer soll gestanden haben, dass die Leute bei den Inseln von Sonnenaufgang bis zu ihrem Untergang beständig zu arbeiten hatten. Das wäre vielleicht angegangen, wäre es in den mittleren Zonen gewesen, aber oben beim Franz-Josef-Land oder Nordostland ging die Sonne im Sommer drei Monate lang nicht unter, und da wurde es bis zum Abend doch etwas lang.

Über Svend Foyns Schlichtheit und Knauserigkeit gab es zahllose Geschichten. Mit beidem scheint er hausieren gegangen zu sein, oder aber der Mythos lügt. So soll er zum Beispiel einmal auf der Kaibrücke in Arendal gestanden haben, als ein soeben abgemusterter Seemann mit seinem Seesack auf den Schultern anlangte und ihn ansprach:

– Guter Mann, trägst du den hier für mich ins Hotel, kriegst du fünfzig Öre.

Und das tat der Reeder.

Die Erzählung besitzt wie die meisten Sagen über diesen Reeder ein moralisches Ende, aber das schenken wir uns. Jedenfalls ist das Bild von Svend Foyn in Mythen gehüllt. Ihn selbst kann man nicht leicht ausmachen. Der Lokalpatriotismus bodenständiger Magister hat sich dabei mit einem seltsam willkürlichen, den langen, harten Wintern in den arktischen Meeren geschuldeten Fernpatriotismus verquirlt. Norwegen als kleiner, aber gewaltiger Seenation fällt es nicht schwer, sich solche mythischen Männer der Back als Ballast noch für den freiesten Schoner der Einbildung aufzuladen. Überhaupt ist es charakteristisch für das Seemannsleben, dass es allzu reiche und allzu viele Realitäten hat. Realität und Mythos sprengen sich gegenseitig, bekämpfen einander in ein und derselben Person. Niemand ist pedantischer, was die richtige Takelung bei einem abgepinselten Segelschiff betrifft, als ein alter Seebär, und doch gerät er selbst leicht ins Mystische, ins allzu wild Fabulierte. Heutzutage ist der Seemannstypus ein anderer. Ich selbst gehörte zu den verketzerten Heizern, die ständig zu hören kriegen, sie wären keine echten Seeleute, doch vieles von den alten Schwierigkeiten, das, was man auf einer Fahrt zu sehen und zu fühlen kriegt, auf die Reihe zu bekommen, findet man auch bei den neuen Seeleuten. Formlose Sehnsucht geht noch immer, wie früher, in den Clinch mit dem Willen zu Ruhe und Sicherheit und richtiger Takelung.

Doch zurück zu Svend Foyn, oder zumindest zu seiner Beerdigung. Svend Foyn wurde wie gesagt mit der Zeit ziemlich reich, und in seinem Talent als Walfangreeder ist er unübertroffen. Lord Leverhulme in Port Sunlight musste seine Reeder eigentlich bloß in Foyns Fußstapfen treten und von ihm lernen lassen.

Foyns Begräbnis ist vielleicht das eigenartigste von allen Reederbegräbnissen. Die Harpunenschmiede von Süd-Georgien und den Kerguelen hatten Miniaturharpunen geschmiedet, die ausgestreut wurden, wo der Leichenzug entlanglaufen sollte; das gesamte seesalzige Örtchen Tønsberg war auf den Beinen und säumte den harpunengepflasterten Weg. Das Leichenbegängnis eines Walfängerhäuptlings.

Nach Foyns Tod wurde der Walfang, mit allem, was dazugehörte, mehr und mehr von Trusts übernommen. Die Fackel des Walfangs wurde nach Port Sunlight getragen, wo Mr Lever einen gewaltigen Hybrid-Trust schuf, der zwei Bereiche, nämlich die Ölpalmplantagen in Westafrika und die Fanggründe um Süd-Georgien, zu einem Seifenhybrid zusammenlegte. Mit der Zeit wird Mr Lever geadelt zu Lord Leverhulme. Doch noch heute sind es die Norweger, die in den Fangmeeren die Fackel des Berufs tragen, obwohl sie ihn zum Nutzen des Sunlight-Trusts ausüben.

Im Namen der Seife können wir uns vielleicht auf die Schnelle ein Bild dieser extrem südlichen Abseite der Welt denken, wo der Blauwal lebt und der Pottwal uns in für uns glücklichen Fällen einen Gallensteinklumpen schenkt, der Ambra enthält. Wir stoßen auf Eisberge, groß wie Kleinstädte, bevölkert mit Königspinguinen, reinen, leuchtenden, flossigen Geschöpfen, die wie antarktische Sterndeuter zwischen Vorsprüngen und Spitzen hervorlugen. Wie Lots Frau steht dort eine Eissäule und starrt Richtung Pol. Bestimmte Eisberge gleichen weißen Kathedralen mit Trauerflorwolken auf den höchsten Türmen, ihre fallenden Zinnen klingen wie in den Stürmen zum Untergang verdammte Rieseninstrumente. Über einem stürmischen Riesenschlund im Meer liegt eine Transiederei mit flatternden Propellern und ausgelegten Treibankern. Sie kocht Waltran. Die Fangboote ziehen Wale heran, die durch die Luftpumpen aufgequollen sind wie Riesengefäße. In jedem Walleib steckt eine kleine Kontrollflagge oder ein Wimpel. Mit vollen Wimpeln segeln die toten Riesen heran, um gekocht zu werden. Jetzt öffnet die Trankocherei ihre großen, kreischenden Waltore, und die Wale werden in den Transaal eingeholt. Auf einem Eisenhocker irgendwo im Innern des Riesenschiffs sitzt Olof Nilsson aus Halland und schneidet Tonnenböden zu. Er sitzt wie in der Speisekammer einer Höllenküche ganz zuunterst in einem Schiffsbauch, der auch einen schweren Abdruck des Diabolischen aller Zivilisation hinterlässt. Hinter einer Eisentür pliert ein Harpunenschmied, ein Meister der schweren Harpunen, für den Pottwal.

Tief hinab ins Nifelheim steigen wir um Brot härten dort die Seele aus zu Eisen und Blei.

Ende Mai kommt der Wintereinbruch. Dann wird es Zeit für die Walkocherei, Zeit, zusammenzupacken und sich bei den Inseln in Quartier zu legen. Die letzten Boote im Jahr werden nach Norden zum Äquator geschickt, beladen mit Walöl – Tran unterwegs zu seinem Wohlgeruch. Der Polarsturm drischt den erstickenden Orkanschnee wie mit einem Gewitter aus schiefen Halmen in die Buchten um Süd-Shetland. Da sind die meisten Walfänger schon den Frachtern nach Punta Arenas oder Rio gefolgt oder heim nach Skandinavien gefahren, doch viele bleiben zurück für die Winterarbeiten und Materialwartung. Olof Nilsson war immer darunter; ihn zählte man stets zu den Wintergästen. Doch plötzlich, eines südlichen Herbstes, war er wie umgewandelt, und, hellwach bei Sinnen, verließ er das Südliche Polarmeer. Konnte das gutgehen? Nein. Stewart Rasmussen, mit dem ich in Rio zusammenwohnte, sagte, als wir von Nilsson sprachen:

– Wir wussten alle, dass es sein Tod wäre.