Schwarz oder Weiß - Henning Plähn - E-Book

Schwarz oder Weiß E-Book

Henning Plähn

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Beschreibung

Dr. iur. Stefan B. ist der Sohn eines wohlhabenden, erfolgreichen Kieler Anwaltes, dessen Kanzlei er vor kurzem übernommen hat. Er ist verheiratet mit seiner aller ersten Freundin Marie und lebt das Leben, dass ihm vorgegeben ist. Dieses geregelte Leben wird dann allerdings durch den Brief von Claudia N., einer Bekannten aus seiner Studentenzeit, durchbrochen. Damals wohnte und studierte Stefan zusammen mit Marie in Hamburg. Damals allerdings hatte er, endlich losgelöst von Eltern und Milieu, frei sein wollen. Diese Freiheit bedeutete jedoch auch die geistige Trennung von Marie. Als seine Eskapaden zur Folge haben, dass Marie sich von ihm trennt, zieht Stefan bei Claudia ein. Claudia wird seine neue Familie, die er so nie gekannt hat. Sein eigenes Leben bekommt Gestalt. Auch entwickelt sich sein Liebesleben und er hat eine neue Freundin. Dann steht jedoch eines morgens sein Vater im Zimmer. Stefan wird sofort in sein altes Leben zurückgeworfen. Er soll in Kiel, unter den Fittichen seines Vaters, studieren. Er ist unfähig, sich zu wehren. Erst in Kiel gewinnt er schließlich Maries Vertrauen zurück und steht dann gesellschaftlich seinen Mann - bis Claudia ihm schreibt, dass sie bald sterben wird.

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Auszug aus dem Tagebuch von Dr. iur. Stefan B.:

Samstag, 18. März 2017, 14.00 Uhr

Bevor ich nun anfange, meine letzten Tage hier aufzuschreiben, will ich noch kurz den Gedanken loswerden, den ich hatte, als ich dieses Tagebuch seit langer Zeit wieder aufschlug. Es ist ja ohnehin kein Buch in dem Sinne, sondern, wie es heutzutage im Zuge der Zeit nun mal so ist, halt nur diese Datei in meinem Heimcomputer.

Als ich meinen Ordner Privates öffnete, musste ich wieder daran denken, was ich mir bei dessen Erstellung alles vorgenommen hatte. Neben meiner Arbeit im Büro hatte ich zu Hause für meine wissenschaftliche Laufbahn arbeiten wollen. Ich war halt noch ein junger Absolvent, der nur so vor Tatendrang und Selbstbewusstsein strotze. Neben dieser Ambition, mir durch wissenschaftliche Aufsätze einen Namen zu machen, von dem ich schon als Kind immer geträumt habe, hatte ich mir aber auch vorgenommen, meiner künstlerischen Seite durch dieses Tagebuch einen Platz in meinem Leben einzuräumen. Leider ist Privates aber natürlich bis auf die Tagebuchdatei leer geblieben.

Das Tagebuch war jedoch kennwortgeschützt. Ich hatte die Aufzeichnungen offensichtlich als zu privat angesehen, um sie ungeschützt zu lassen, konnte mich jedoch nicht wirklich daran erinnern, wann ich zuletzt eine Eintragung gemacht hatte. Um so mehr stieg meine Spannung auf das, was mich alles erwarten würde. Ich versuchte mich an die letzte Eintragung zu erinnern, auch um die Erinnerung an das Kennwort wiederzuerlangen. Was würde ich da wohl über mich lesen? Meine eigene Vergangenheit, über die ich auch jetzt wieder so Unglaubliches berichten wollte, wurde ein richtiges Geheimnis für mich, da ich nicht mehr wusste, was ich über mich selbst geschrieben hatte. Was würde ich da über mich lesen? Zu alle dem war mir jedoch das Tor verschlossen, weil ich mich nicht mehr des Kennwortes entsinnen konnte.

Obwohl ich unbedingt von mir behaupte, ein gutes Gedächtnis zu haben, stieß ich wieder an eine Grenze. Gerade das empfinde ich als besonders prickelnd. Ich musste erst eine Barriere durchdringen, um meine diesbezüglichen Gedanken freizulegen. Ich suchte nach einem Ansatz, und der war, wie es wohl allgemein bei den meisten Problemlösungen der Fall ist, in der Entstehung zu finden. Wie war das noch, als du damals die Datei anlegtest? Hast du da schon die Datei geschützt oder erst später? Ich erinnerte mich, dass ich damals vorgehabt hatte, nicht nur meine alltäglichen Erlebnisse aufzuschreiben, sondern auch Vergangenes, das noch in meinem Kopf rumschwirrte. Anstatt meine Abende damit zu verbringen, die Erinnerungen anderer in Romanen oder sonstiger Literatur zu lesen, von denen ich doch im Grunde nichts habe, außer Zeit totgeschlagen, wollte ich mich selbst daran versuchen. Darin bestand wohl der eigentliche Anreiz, die Tagebuchdatei zu erstellen. Ich wollte meine eigenen Erinnerungen aufschreiben. Und schon hatte ich das Kennwort: Erinnerungen.

Als ich dann jedoch meine geistigen Ergüsse las, war es fast beschämend. Statt einem Tagebuch fand ich einen nachträglich geführten Terminkalender, ein Aufenthaltsprotokoll. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, waren es natürlich schon Ereignisse, die wichtig oder einschneidend für mich waren. Ich habe sie nur einfach schlecht erzählt. Wahrscheinlich habe ich mir einfach nicht die nötige Zeit dafür genommen. Ich hatte mich wahrscheinlich schon vor der Eintragung so weit mit dem Thema befasst und mich so lange damit auseinandergesetzt, dass es für mich geistig schon abgehakt war, und nichts besonderes mehr darstellte, als ich die Ereignisse endlich im Tagebuch verewigte. Und dementsprechend kurz und durchdacht sind die Eintragungen dann eben auch. Vielleicht sollte ich es jetzt daher besser machen und mir die Zeit nehmen, um weiter auszuholen, obwohl ich eigentlich auch jetzt schon wieder meine Gedanken in den letzten Tagen geordnet habe.

Ich sollte wohl mit dem Brief beginnen, den ich erhielt. Es war Anfang des Jahres. Er war von Claudia N. und warf mich ganz schön aus der Bahn. Schließlich lag fast mein ganzes jetziges Leben zwischen unserer letzten Begegnung und ihrem plötzlichen Brief. Und dann noch der Inhalt! Ich werde ihn jetzt hier einfach wörtlich abschreiben:

Berlin, 15.01.2017

Hallo Stefan,

ich hoffe, Du weißt noch, wer ich bin, schließlich ist es schon eine Ewigkeit her und es erscheint mir schon etwas eigenartig, dass ich jetzt wieder auf Dich zurückkomme.

Ich will nicht lange rumreden. Ich bin todkrank. Seit einigen Wochen weiß ich, dass ich einen Tumor im Gehirn habe, den man auch nicht mehr behandeln kann. Das hört sich jetzt bestimmt für Dich trocken und gleichgültig an, wenn ich es einfach so schreibe, aber es ist halt so und ich habe mich mittlerweile an den Gedanken gewöhnt. Natürlich war es auch für mich eine harte Nuss, als ich es erfuhr, das kannst Du Dir ja denken. Aber mit der Zeit wird die Krankheit dann doch alltäglich und andere Sachen werden wieder wichtiger.

Tja, und wenn ich jetzt darüber nachdenke, was mein Leben so gebracht hat, ist da nicht viel. Den allergrößten Teil nimmt Jochen ein. Er ist schon länger tot. Du weißt, was für ein Kindskopf er war, und so ist er auch gestorben. Er ist von einem Baum gefallen, den er besoffen, wie er war, unbedingt erklettern wollte, als wäre er noch ein Kind. Wahrscheinlich war er es, und wahrscheinlich habe ich ihn deshalb so geliebt.

Aber ich will jetzt nicht davon anfangen, wie sehr er mir fehlt und wie viel ich gelitten habe. Obwohl, vielleicht liegt darin der Grund für meine Krankheit. Ich habe nicht mehr nach vorne geschaut, sondern mich an die Erinnerungen geklammert, anstatt zu sehen, was mir noch alles geblieben ist, so wie ich es jetzt versuche. Und ich denke außer Jochen bist Du wohl einer der wenigen, der in meinem Leben eine größere Rolle gespielt hat. Gerade die letzten Tage musste ich viel an unsere gemeinsame Zeit denken. Es ist zwar im Grunde ähnlich wie bei Jochen und ich kralle mich wieder an die Vergangenheit, anstatt in die Zukunft zu schauen, aber so rosig sieht die ja nun auch nicht mehr aus.

Wie geht es Dir? Was ist aus Dir geworden? Wie verlief Dein Leben, nachdem Du wieder nach Kiel gezogen bist? Vielleicht erscheinen Dir meine Fragen jetzt aufdringlich und indiskret, aber bitte verstehe. Ich bin so alleine. Ich brauche etwas, um zu sehen, dass ich nicht umsonst gelebt habe, dass es jemanden gibt, der um mich trauert, wenn ich nicht mehr da bin. Sicherlich überfahre ich Dich, erpresse Dich vielleicht sogar, und es ist alles für Dich sehr überraschend, zumal wir so lange nichts voneinander gehört haben. Wahrscheinlich bist Du mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Aber mir reicht ja schon, wenn Du Dir die Zeit nimmst, mir kurz zu schreiben, damit ich weiß, was aus Dir geworden ist. Ein paar Zeilen würden mir schon reichen, nur zu wissen, wie es Dir geht.

Ich bin so allein. Ich habe schon lange nicht mehr die Kraft, mein Leben (selbst das bisschen, das mir noch bleibt) in die Hand zu nehmen. Wie oft überlege ich mir, mich noch mal aufzuraffen und etwas zu machen, dass ich bisher noch nicht getan habe. Irgend etwas Verrücktes. Du weißt doch, was ich meine. So wie früher einfach den Tag auf sich wirken zu lassen und ihn zu genießen, ohne an Morgen zu denken. Was wäre nicht alles möglich, jetzt, da es für mich kaum noch ein Morgen gibt. Aber ich kann es nicht mehr. Alles, was ich mache, ist irgendwie nur noch ein Ausleben von Erinnerungen. Auch werden die Schmerzen zunehmend unerträglicher. Ich traue mich kaum noch, das Zimmer zu verlassen, weil ich Angst vor einer Schmerzattacke oder einem Anfall habe, und liege den ganzen Tag nur nutzlos im Bett herum. Aber da habe ich eine Welt der Träume. Es ist eine schöne Welt. Und vielleicht ist sie ja gar nicht so unwirklich, wie mir in wachen Minuten mein Wirklichkeitssinn immer einbläut. Schließlich bin ich doch eigentlich eine Realistin. Weißt Du noch, wie stolz ich damals darauf war und wie ich auf Dich eingeredet habe, dass Träumereien Dich nicht weiterbringen werden zu Deinen Zielen. Hoffentlich hat es was genützt und Du bist glücklich mit dem, was Du so alles erreicht hast. In meinen Träumen sehe ich Dich immer als erfolgreichen Staranwalt. So mit Robe und allem drum und dran. Es würde mich nicht wundern, wenn es wirklich so ist.

Bitte schreib doch mal.

Claudia

So weit der Brief. Jetzt beim Tippen ist mir vielleicht zum ersten Mal wirklich bewusst geworden, was Claudia eigentlich alles von mir erhofft hatte. Und ich muss gestehen, dass ich schon etwas stolz darauf bin, dass ich dann tatsächlich den Kontakt zu ihr wieder hergestellt habe. Auch erscheint es mir jetzt als Beweis meiner Trauer, dass ich nun versuche, unsere Geschichte hier im Tagebuch festzuhalten. Allerdings muss ich einsehen, dass meine Anfangseuphorie verflogen ist. Mir tun schon die Hände weh vom Tippen. Vielleicht hätte ich den Brief lieber mit dem Scanner einlesen sollen. Das wäre weniger aufwendig gewesen und es hätte sogar ihre Handschrift hier festgehalten. Zwar habe ich den Brief jetzt hier liegen und werden ihn wohl auch unmöglich jemals wegwerfen. Aber dennoch weiß ich noch nicht, wo ich ihn hinlegen soll. Ich habe für so etwas oder ähnliches eigentlich keinen Platz in meinem Schreibtisch vorgesehen. Es ist daher gut möglich, dass ich ihn verlege. Somit wäre der Originalbrief an dieser Stelle bestimmt sinnvoll gewesen.

Na ja, jetzt habe ich mir ja schon die Mühe gemacht. Aber für heute reicht es mir und ich mache Schluss. Mit diesem Arbeitspensum werde ich aber wohl nie fertig werden. Vielleicht sollte ich doch mehr zusammenfassen und weniger weit ausholen.

Sonntag, 19. März 2017, 14.00 Uhr

Wenn ich bedenke, wie wenig ich gestern doch im Grunde gesagt habe, weiß ich nicht, ob es mir wirklich möglich ist, dieses Tagebuch zu führen, wie es mir gestern vorschwebte. Allein schon die Beerdigung zu beschreiben, wie es eigentlich meine Absicht war, würde sicherlich viele Stunden in Anspruch nehmen. Auch bezweifle ich, dass ich überhaupt dazu imstande bin. Schon banale Dinge, wie ich sie gestern beschreiben wollte, sind irgendwie doch schlecht getroffen.

Als ich eben meine Aufzeichnungen noch mal las, war ich fast geneigt, noch mal anzufangen. Aber dann könnte ich die ganze Sache gleich vergessen, weil ich wohl nie fertig werden würde. Es ist eben doch eine Kunst, aufzuschreiben, was in Menschen so vorgeht, auch wenn es sich um sich selbst handelt. Und ich bin eben kein Schriftsteller sondern Jurist. Der Unterschied zwischen ihnen liegt für mich offensichtlich darin, dass ich beim beruflichen Schreiben Gedanken, die ich zuvor schon abgeschlossen habe, nur noch formell zu Papier bringe, während es hier eine vergleichbare Vorüberlegung nicht gibt. Die Gedanken entwickeln sich erst beim Schreiben oder besser gesagt, das Schreiben setzt den Ausgangspunkt für die Gedanken, die man dann wiederum aufschreibt. Ein Wort ergibt praktisch das andere und alles, was man dabei so denkt, fließt ungeordnet aufs Papier.

Allerdings auch nur, wenn man wie ich ohne wirkliches Konzept an die Sache herangeht. Folglich muss ich mir also Zwischenziele setzen, um mit kleinen Schritten ans Ziel zu kommen, so wie ich es gestern beschlossen habe.

Ich werde mir also jeweils ein Thema setzen, das ich abzuhandeln versuche. Wie ich jedoch gestern schon feststelle, bin ich gewohnt, Sachverhalte und Zusammenhänge kurz und präzise zu formulieren. Es ist aber wohl kaum der Sinn dieses Tagebuches, meine Geschichte mit Claudia einfach so abzutun.

Sicherlich ist auch das kreative Schreiben, wie wohl alles im Leben, eine reine Übungssache und ich muss nur hart genug daran arbeiten, um schließlich doch mein Inneres, das zweifellos da ist, das ich nur noch nicht befriedigend zu Papier bringen kann, beim Schreiben freizulegen und darzustellen.

Aber woher nehme ich die Zeit, die das in Anspruch nehmen würde? Allein schon mit den anspruchslosen Seiten von gestern war ich etliche Stunden beschäftigt. Und wie lange ich heute am Tagebuch arbeite, bis mich meine Lust verlässt, ist schwer zu sagen. Im Moment geht es recht gut von der Hand, aber ich werde wohl auch erst morgen darüber reflektieren können, was ich hier zusammenreime. Über das Eigentliche, das ist mir jetzt schon klar, habe ich noch kein Wort verloren.

Also, der Brief kam. Ich hatte ihn abends auf meinem Schreibtisch zusammen mit der anderen Post vorgefunden. Marie, die ich nur kurz begrüßt hatte, um dann gleich im Arbeitszimmer zu verschwinden, hatte erwähnt, dass die Post auf dem Schreibtisch läge. Ich war etwas verwundert, denn sonst ließ mich meine Frau immer kommentarlos abziehen. Vielleicht war ich aber auch gar nicht verwundert, ich weiß es nicht mehr. Ich betrat routinemäßig mein Arbeitszimmer und setze mich an den Schreibtisch. Es war nicht sonderlich viel Post und ich hatte den Brief schnell in der Hand. Gleich der Absender leitete meine Verstimmung ein. Nein, es war keine Verstimmung, es war eher Verwunderung, Erstaunen, Verwirrung. Ich fühlte, was Claudia mir trotz all der Zeit noch bedeutete. Es war, als wären all die Jahre ausgelöscht und ich war wieder der junge Student von damals, der noch nicht so recht mit seinem Leben umzugehen wusste. Es war mir unbegreiflich, was sie wohl veranlasst haben könnte, sich bei mir zu melden. Ich war gespannt. Ich las und begriff erst gar nicht, was Claudia da eigentlich schrieb. Na ja, ich begriff wohl schon, was sie schrieb, aber ich konnte mich in das alles nicht einordnen. Ich war nicht in der Lage, mein Gefühlswirrwarr unter Kontrolle zu bekommen. Ich kann es auch jetzt nicht wirklich nachvollziehen. Das einzig klare Gefühl, das ich hatte, war, dass ich alleine sein wollte. Das war nichts Ungewöhnliches, weil es mir oft so geht, wenn ich mit schweren Problemen befasst bin. Aber anders als bei meiner sonstigen Arbeitsweise war es mir jetzt nicht einmal möglich, das Problem einzugrenzen. Es entzog sich meiner Kontrolle, was mich da beschäftigte. Sicherlich war da die Frage, wie ich antworten sollte. Dass ich es tun musste, war mir im Grunde klar, auch wenn ich daran zweifelte, dass es etwas bringen würde. Ich glaubte nicht, ihr wirklich helfen zu können. Trotzdem wollte ich nicht so roh sein und ihre Bitte einfach ignorieren, auch wenn es mir sehr lieb gewesen wäre. Sie war doch im Grunde nur noch ein Schatten der Vergangenheit, die ich so gründlich hinter mir gelassen hatte. Trotzdem wurde sie jetzt wieder wach. Ich kam gar nicht wirklich zum Nachdenken, sondern war gedanklich und auch gefühlsmäßig in einer ganz andern Welt. All die gemeinsamen Erlebnisse mit Claudia, und was mich sonst noch mit ihr verband, kamen wieder in mein Bewusstsein. Ich träumte mehr, als dass ich dachte. Es muss Stunden gedauert haben, bis ich schließlich zu meiner Frau ins Bett kam. Sie schlief schon.

Am nächsten Morgen, beim gemeinsamen Frühstück, war ich wohl immer noch gedankenversunken, bis Marie mich fragte, ob es schlechte Nachrichten seien, die Claudia mir mitgeteilt habe. Ich war fast erschrocken. Wie dumm von mir anzunehmen, dass meine Frau, die ja schließlich die Post für mich aussortiert, bevor sie sie auf meinen Schreibtisch legt, Claudias Brief nicht bemerkt haben sollte. Und natürlich wusste sie auch, wer Claudia N. war. Ich war verlegen und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich sah sie nur an. Marie nahm es mit Humor und meinte, dass es ja etwas sehr Schlimmes sein müsse, wenn es mir so zusetze, dass es mir die Sprache verschlage. Ihre gute Laune steckte mich an und ich dachte mir, dass es doch lächerlich von mir war, ihr den Brief vorzuenthalten. Trotzdem behielt ich wohl meine gedankenvolle Miene und meinte, dass sie ihn gerne selbst lesen könne. Ich holte den Brief und gab in ihr. Ihre ersten Worte, nachdem die gelesen hatte, waren:

»Das ist ja schrecklich.«

Ich nickte.

»Und was wirst du tun?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Willst du sie besuchen?«

»Sie besuchen?«

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, blieb aber unbeirrt:

»Ich habe doch gar keine Zeit, einfach mal so nach Berlin zu reisen. Zur Zeit habe ich im Büro schrecklich viel zu tun.«

»Das kann ja wohl nicht war sein! Stefan, das hier ist keine Alltäglichkeit, die sich irgendwann von alleine regelt. Die Frau liegt im Sterben und braucht dich.«

»Aber du weißt doch, dass gerade jetzt nach Vaters Ausstieg so viele seiner alten Klienten skeptisch sind. Es ist eine ganz entscheidende Phase für die Kanzlei.«

»Ach, die Kanzlei. Du kannst doch nicht immer alles auf die Kanzlei schieben. Es ist ja schon schlimm genug, dass du kaum noch Zeit für uns hast. Aber Frau N. kannst du nicht auf bessere Zeiten vertrösten. Du wirst dir jawohl mal zumindest einen Tag freimachen können, wozu bist du denn sonst jetzt der Chef!«

»Chef oder nicht, das tut jetzt nichts zur Sache. Die Arbeit muss doch getan werden.«

»Und wenn du sie am Wochenende besuchst!?«

»Am Wochenende habe ich doch auch zu tun. Und überhaupt weiß ich nicht, was das bringen soll!«

»Na hör mal. Willst du ihr vielleicht zum Abschied eine Karte mit freundlichen Grüßen schicken?«

»So ja nun auch nicht. Aber gleich an ihr Bett zu eilen, um Händchen zu halten, halte ich auch für übertrieben. Ich dachte an einen Briefwechsel.«

»Du musst es ja wissen.«

Danach schwiegen wir, bis ich schließlich aufstand und mich wie sonst auch von ihr verabschiedete.

Im Büro war es dann ein normaler Arbeitstag, bis auf die Momente, in denen ich kleine Pausen nutzte, um darüber nachzudenken, wie ich auf den Brief antworten sollte. Das Gespräch am Morgen war im Grunde eine große Hilfe. Es war schon erstaunlich, wie anders Marie auf die Nachricht reagiert hatte als ich. Warum hatte ich mich eigentlich so vehement gegen einen Besuch gesträubt, wenn er doch so naheliegend war? Statt meiner Frau zuzustimmen, weil sie doch so offensichtlich im Recht war, hatte ich mich auf einen Briefwechsel zurückgezogen. Dabei wusste ich doch gar nicht, was ich hätte schreiben können. Wahrscheinlich wäre es wirklich so etwas wie eine Grußkarte geworden. Es wäre mir unmöglich gewesen, ihr hilfreiche Worte zu schreiben, weil ich ja gar nicht wusste, wie ich ihr helfen konnte. Auch zeigte ja Claudias Brief, wie schwer es war, sich in dieser Situation mitzuteilen, denn im Grunde wusste ich nichts von dem, was in Claudia vorging, obwohl sie es mir geschrieben hatte. Wie sollte da ein Brief von mir ihr Trost oder Hilfe sein. Was aus mir geworden ist, wollte sie wissen. Als wenn ich damit einen Brief hätte füllen können. Das konnte Claudia unmöglich wirklich interessieren. Also musste ich ihr wohl leibhaftig gegenübertreten, schließlich wollte ich sie ja nicht einfach so aus dem Leben gehen lassen, ohne mich noch mal zu melden. Auch war ein Besuch in Berlin übers Wochenende tatsächlich nicht so zeitraubend, als dass ich dadurch den Zusammenbruch des Büros riskiert hätte. So weit war die Sache also beschlossen. Ich wollte nach Berlin fahren.

Jetzt, im Nachhinein betrachtet, war ich mir dabei in keiner Weise darüber bewusst, was es bedeutet, am Sterbebett eines Menschen zu stehen. Diesen Punkt hatte ich bei der Entscheidung wahrscheinlich verdrängt, weil er wohl auch der Grund dafür war, weshalb ich anfangs lieber schreiben wollte. Ich muss also Marie wirklich dankbar dafür sein, dass sie so hart mit mir umgegangen war.

Montag, 20. März 2017, 20.00 Uhr

Ich bin recht zufrieden mit dem, was ich gestern geschafft habe. Es ist wohl meinem außerordentlich guten Gedächtnis zuzuschreiben, dass ich mich noch so genau an die Abläufe erinnern kann. Auch bin ich positiv überrascht, wie gut mir im Grunde ihre Beschreibung gelungen ist. Meine Vorüberlegungen haben somit wohl etwas gebracht. Wenn man nicht so stark an das Ganze denkt, sondern sich mit Momentbeschreibungen beschäftigt, kommt man auch nicht so sehr in Versuchung, Gedanken abzukürzen, um an einen neuen anzuknüpfen. Vor allem fällt mir da der Dialog auf. Ich bin davon überzeugt, dass der wirklich so stattgefunden hat, so dass die Szene in meinen Augen sehr gut gelungen ist, ohne dass ich mich zu großen Formulierungen gezwungen sah. Er ist bestimmt ein gutes Darstellungsmittel.

Meine inneren Beweggründe darzustellen, ist da schon weitaus schwieriger. Das Gestrige ist als Anfang nicht schlecht, nur muss ich wohl noch viel emotionaler werden, um wirklich zu verdeutlichen, was in mir vorgegangen ist. Es ist natürlich gerade für mich besonders schwer, weil ich oft gar nicht genau weiß, was ich fühle. Das hat sich ja gestern auch schon gezeigt. Sicherlich ist da auch die Schwierigkeit, die richtigen Worte zu finden, aber weit aus schwieriger ist es, nachzuempfinden, was in mir vorgegangen ist. Hierbei kam es mir gestern so vor, als wäre keine Zeit vergangen, seit ich in meinem Arbeitszimmer stundenlang grübelte, ohne wirklich zu wissen, worüber. Ich war der Situation emotional noch so nahe. Aber dennoch konnte ich sie nicht fassen. Es bleibt die Schwierigkeit, meine Unfähigkeit, es anschaulich zu machen, was in mir vorging und vorgeht, weil ich es nicht durchschaue. Die Gefühle, von denen ich damals bewegt war, waren im Grunde schon nachvollziehbar, ich spürte sie schon fast wieder in mir, nur konnte ich sie nicht wirklich isolieren und so fast aus dem Original beschreiben, sondern hatte auch immer noch andere Gedanken, vielleicht sogar Empfindungen und Erinnerungen, die mich ablenkten. Das, was mit mir passiert war und auch gestern wieder passierte, als ich es nachempfand, erlebe ich nicht bewusst genug. Mir fehlt der nötige Abstand, um es aufzuschreiben. Vielleicht ergibt sich diese Fähigkeit, je länger ich mich damit befasse.

Was ich aber aus meinem gestrigen Versuch ziehen kann, ist, dass mein Gedächtnis sich nicht nur auf Fakten und Daten beschränkt, sondern auch Gefühle und Empfindungen sehr genau speichert. Es wäre wohl auch unnatürlich, wenn es nicht so wäre. Nur bin ich auf meine Gefühle nicht so getrimmt. Schließlich sind sie im Beruf ja auch eher störend. Aber ich habe es mir nun mal zum Ziel gesetzt, dieses Tagebuch schriftstellerähnlich zu führen, und somit geht es hier im Grunde hauptsächlich um mein Innenleben. Ich sollte also versuchen, mich bei dieser Tätigkeit mehr fallen zu lassen, und mich von dem anderen, nebensächlichen Ballast zu befreien, der meine Emotionen überschattet und verwischt. Ich muss lernen, das, was mich daran hindert, mein Inneres freizulegen und mir darüber Klarheit zu verschaffen, zu filtern und zu kanalisieren, um schließlich die pure Emotion nachzuempfinden und sie dann aufzuschreiben. Vielleicht ist das aber auch gar nicht möglich und all das eine rein rationale Überlegung, die nicht ausführbar, sogar unmenschlich ist. Vielleicht ist ja aber auch gerade diese Verwirrung, die mich häufig befällt, interessant, um mein Innenleben darzustellen und meine Handlungen zu erklären. Aber dann sollte ich eben mehr auf sie eingehen.

Es ist jetzt schon zu spät, um mit der Geschichte fortzufahren. Auch weiß ich nicht, wo ich ansetzen soll. Einerseits würde ich gerne all die gemeinsamen Erlebnisse mit Claudia aufschreiben, die zunehmend stärker in mein Bewusstsein dringen, wie zum Beispiel die Beerdigung. Aber andererseits wäre von der chronologischen Folge her mit meinem Besuch bei ihr weiterzumachen.

Samstag, 25. März 2017, 14.00 Uhr

Es ist wohl besser, chronologisch fortzufahren. Ich glaube nicht, dass ich jetzt in der Lage wäre, das aufzuschreiben, was zur Zeit akut in mir vorgeht. Es sind zwar Erinnerungen, die auch mit Claudia zusammenhängen, aber es sind auch Phantasien, die so nicht wirklich stattgefunden haben. Die ganze Woche über habe ich wieder schlecht geschlafen und mehr wach als schlafend geträumt. Es ist unmöglich, das zu formulieren. Also weiter, Schritt für Schritt:

Ich richtete es so ein, dass ich fürs Wochenende nur leichte Arbeit mit nach Hause zu nehmen hatte, und fuhr dann am Samstag mit der Bahn nach Berlin, weil ich lange Autofahrten hasse. Marie hatte zwar gemeint, dass ich mit dem Flugzeug doch erheblich an ach so kostbarer Zeit sparen würde, und neckte mich auch wieder damit, dass ich bestimmt Flugangst hätte, es ihr nur nicht eingestehen wolle. Aber schon von Kindheit an war mir das Reisen mit der Bahn nun mal weit aus angenehmer, als ich mir das Fliegen vorstellen konnte, und so zog ich auch jetzt die Bahn vor.

In meinem Abteil hatte ich dann den größten Teil der Arbeit auch schon erledigt, als ich in Berlin ankam. Marie hatte die Reise für mich organisiert, und so ging ich in das Hotel, in dem ein Zimmer für mich reserviert war. Im Zimmer packte ich meine Sachen aus und legte mich aufs Bett, um mich für einen Moment von der Reise zu erholen oder sie auch einfach noch mal Revue passieren zu lassen. Ich liebe Reiseeindrücke. Ich lag auf dem Rücken, hatte die Arme unter meinem Kopf verschränkt und sah die Zimmerdecke an. Ich dachte aber nicht an das Erlebte, sondern malte mir das Kommende aus. Meine Phantasien drehten sich um Gehirntumore und das Krankenhaus, das Claudia im Absender angegeben hatte. Es musste ihr wirklich schlecht gehen, wenn sie schon ans Bett gefesselt war. Wie sie wohl aussah? Auch wie sie früher ausgesehen hatte, wusste ich nicht mehr wirklich. Sicher hätte ich sie ohne weiteres auf Bildern wiedererkannt. Aber jetzt, nach all den Jahren und, nicht zu vergessen, der Krankheit?! Ich konnte ja nicht einmal einschätzen, wie sehr ich mich in den knapp dreiundzwanzig Jahren verändert hatte, sowohl äußerlich als auch menschlich.

Ich weiß nicht, was ich mir noch so alles überlegte, denn ich schlief darüber ein. Als ich schließlich wieder erwachte, lag ich auf der Seite, meine Arme als Kopfkissen, meine Beine angewinkelt. Ich fuhr richtig auf, weil es schon später Nachmittag war und ich eigentlich schon längst bei Claudia sein wollte. Ich machte mich noch etwas zurecht und ging los.

Ich nahm ein Taxi zum Krankenhaus und fragte dann bei der Information in der Eingangshalle, wo ich Claudia finden würde. Es dauerte nicht lange, und ich stand vor der angegebenen Tür. Ich klopfte. Ein ›Herein‹ klang laut und deutlich, ich erkannte die Stimme aber nicht. Zögerlich machte ich die Tür auf und sah ins Zimmer. Eine ältere Dame, die am nächsten zur Tür lag, sah mich an. Sie hatte mich wohl auch hereingebeten. Ich nickte nur kurz und ließ meinen Blick auf die anderen Betten schweifen. Es waren drei Betten im Zimmer. Auch die Frau im mittleren Bett sah nun kurz auf, beschäftigte sich dann aber wieder mit ihrem Rätsel oder was sie da hatte. Am Fenster war eine dritte Person in ein Buch vertieft und hatte sich nicht von meinem Eintreten stören lassen. Ich erkannte sie sofort wieder. Ihr Anblick war lange nicht so schrecklich, wie ich es in bangen Momenten angenommen hatte. Sie hatte immer noch ihr langes, braunes Haar, dass ich damals so bewundert hatte. Allerdings sah es bei weitem nicht mehr so gut aus. Wie ich jetzt weiß, lag das aber nur daran, dass es ziemlich plattgelegen und ungepflegt war. Ansonsten entsprach das, was ich von ihr sah, noch dem Bild, das ich all die Jahre in mir trug. Ich begrüßte sie mit einem warmherzigen ›Claudia?‹ und trat ins Zimmer. Sie blickte verdutzt auf. Ihr war anzumerken, dass auch sie schüchtern und zögerlich war.

»Stefan?«

»Hallo«

»Hallo«

Wir schwiegen wieder und sahen uns an. Ich setzte meinen Weg Richtung Fenster fort, war dabei aber nicht gerade stürmisch. Als ich schließlich an der Fensterseite ihres Bettes angekommen war, nahm ich ihre Hand, die sie mir schon einige Schritte vorher gereicht hatte, und wir lächelten uns an. Es tat unbeschreiblich gut, nichts sagen zu müssen, sondern einfach nur die Berührung und Nähe zu spüren. Ich weiß nicht, wie lange wir so dastanden und uns ansahen, wahrscheinlich war es weit unter einer Minute, aber es war mehr als ein stundenlanges Gespräch.

»Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du einfach so gekommen bist.«

Ich lächelte und schwieg.

»Bist du extra meinetwegen nach Berlin gekommen?«

»Ja, ich muss allerdings morgen schon wieder los.«

»Du hast bestimmt viel um die Ohren, oder? Erzähl, was machst du so. ... Nimm dir einen Stuhl ... oder warte, wir können auch in den Raucherraum gehen. Ich muss auf den Schock erst mal eine rauchen. ... Rauchst du eigentlich noch?«

»Nur noch ganz selten. Aber wenn du mir eine abgibst.«

Sie warf die Decke bei Seite und schwang ihre Beine über die Bettkante. Ich lächelte unwillkürlich. Ihre gute Laune steckte mich sofort an. Auch war ich erstaunt, wie fit sie für ihr Alter noch war, als ich sie jetzt so seitlich vor mir auf dem Bett sitzen sah und ihr hochgerutschtes Nachthemd ihre immer noch ansehnlichen Beine preisgab.

Wir gingen ins Raucherzimmer und unterhielten uns, bis die Besuchszeit vorbei war. Ihre Schachtel Zigaretten hatte lange nicht gereicht. Ich hatte ihr zwischenzeitlich gleich zwei neue Packungen besorgt. Aber selbst bei dieser kurzen Unterbrechung, in der sie auf ihr Zimmer ging, um ihren Karton mit Bildern zu holen und ich in die Eingangshalle eilte, um dort in einem Kiosk die Zigaretten zu kaufen, hatte ich nicht eine Sekunde das Gefühl, als hätte ich die Gesprächspause nötig gehabt. Es war eher im Gegenteil so, dass ich schon darauf brannte, noch mehr zu erfahren und mich mit ihr auszutauschen. All die Angst, die ich vor der Begegnung mir ihr und der Vergangenheit gehabt hatte, war abwegig gewesen, wie meine Ängste wohl allgemein keine wirkliche Ursache haben.

Als ich in das Zimmer zurückkam, saß sie schon da und war in die Bilder vertieft. Der Karton, ein alter Schuhkarton, wie ihn wohl viele haben, um darin Bilder aufzubewahren, war für sie, wie sie sagte, eine Art Reliquie geworden, wenn sie so über den Sinn ihres Lebens nachdachte. Überhaupt war sie fast schon religiös geworden. Es hatte wohl damit zutun, dass sie zum Jahresende hin, vor allem über die Feiertage, schwere Depressionen gehabt hatte und das Alleinsein nicht mehr ertrug. Und gerade diese Tage sind natürlich besonders geeignet, selbst Atheisten, wie ich einer bin, über die christliche Religion nachdenklich zu stimmen. Sie hatte wohl viel darüber nachgedacht. Trotzdem beeinträchtigte unsere unterschiedliche Ansicht über die Kirche unsere Harmonie nicht.