Schwarze Küste - Ilona Schmidt - E-Book

Schwarze Küste E-Book

Ilona Schmidt

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Beschreibung

»Kilian!« Ein schriller Schrei reißt Richard Levin aus dem Schlaf. Vor einer Stunde hat der Coburger Kommissar den Sohn einer Bekannten in deren Hotelzimmer auf Teneriffa gebracht, nun ist Kilian verschwunden. Levin muss sich dem Vorwurf der Entführung stellen. Als am Morgen ein Mann erstochen am Strand gefunden wird, vermutet Levin einen Zusammenhang und wendet sich an die spanische Polizei. Eine verzweifelte Suche nach dem Jungen beginnt. An deren Ende steht die Erkenntnis, dass die Vergangenheit stets im Urlaubsgepäck mitreist.

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Ilona Schmidt

Schwarze Küste

Kriminalroman

Zum Buch

Verloren im Paradies Als Kommissar Richard Levin gerade anfängt, die bizarre Schönheit von Teneriffa zu genießen, ist es mit der Urlaubsstimmung auch schon vorbei. Panische Schreie zwingen ihn nachts aus seinem Hotelbett. Kilian, der Sohn einer alten Bekannten, einer Richterin aus Nürnberg, ist verschwunden, und Levin war der Letzte, der ihn gesehen hat. Levin muss sich dem Vorwurf der Entführung stellen. Am nächsten Morgen wird die Leiche eines Strandverkäufers in der Nähe des Hotels gefunden, ein Messer steckt in seiner Brust. Zufall oder hat der Mord etwas mit Kilians Verschwinden zu tun? Richard versucht, die örtliche Polzei bei ihren Ermittlungen zu unterstützen, doch die spanischen Behörden wissen seine Einmischung keinesfalls zu schätzen. Ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit beginnt, bei dem Levin auch die Schattenseiten der traumhaften Urlaubsinsel kennenlernt.

In München geboren, lebte Ilona Schmidt viele Jahre in Nürnberg. Nach dem Studium der Chemie in Erlangen zog sie beruflich bedingt nach Coburg. Heute arbeitet sie für einen amerikanischen Konzern und bereist die Welt. Ihre analytischen Fähigkeiten sind ihr beim Recherchieren und Schreiben von Krimis ebenso von Nutzen wie ihre wissenschaftliche Ausbildung. Nach »Bocktot« und »Brunnenleich« ist »Schwarze Küste« ihr dritter Kriminalroman im Gmeiner-Verlag.

 

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag: Brunnenleich (2018); Bocktot (2017)

Impressum

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2019

Lektorat: Katja Ernst

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Mr. Nico / photocase.de

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-5992-4

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Schwarze Strände, grüne Palmen, blaugraues Meer, dessen schaumgekrönte Wellen von der Wildheit des Atlantiks zeugten. Die Vulkaninsel Teneriffa mit ihrer schwarzen Küste bot ihren Gästen einen Traumurlaub, wie im Reisekatalog versprochen. Allerdings war er nicht zum Sonnenbaden hierhergekommen, sondern um das ihm widerfahrene Unrecht aus der Welt zu schaffen.

War es Zufall oder eine Fügung des Schicksals, dass die Person, die dafür verantwortlich war, ausgerechnet auf der ihm so vertrauten Insel Urlaub machen wollte? Die idealen Voraussetzungen, um seinen Plan in die Tat umsetzen zu können.

Dann würde er endlich das bekommen, was ihm zustand. Mehr wollte er nicht. Seit Jahren verfolgte er dieses Ziel, doch diese Person hatte sich stets zu wehren gewusst. Manchmal fragte er sich, wann sein Wunsch in Besessenheit umgeschlagen war.

Mit einem Ruck löste er sich vom Anblick des Strandes und fuhr in den Süden der Insel, wo Sonnenschirme die mit Saharasand aufgeschütteten Strände zupflasterten und Wellenbrecher die Macht des Atlantiks zähmten. Und das alles nur, um die Erwartungen der Massen zu erfüllen, obwohl natürliche und einsame Strände zuhauf vorhanden waren; man musste sie nur zu finden wissen. Aber vielleicht würde ihm der Touristentrubel bei seinem Vorhaben sogar von Nutzen sein.

Nur Geduld, denn bald würde es so weit sein. Bald.

1 Richard

Kriminalhauptkommissar Richard Levin hasste den Urlaub bereits, bevor er seinen Zielort überhaupt erreichte. Das relativ kleine Flugzeug des Direktflugs von Nürnberg nach Teneriffa Süd war mit Urlaubern vollgestopft. Er zog seinen linken Arm dichter an den Oberkörper heran, denn den Kampf um die Armlehne hatte er angesichts seiner fülligen Nachbarin aufgegeben. Da er am Gang saß, waren Stöße von Vorbeigehenden im Flugpreis inbegriffen. Seine Knie versuchten Löcher in den Vordersitz zu bohren, vorn plärrte ein Baby und direkt hinter ihm quasselten unentwegt zwei Frauen. All das machte den Flug nicht sonderlich komfortabel.

Richard lehnte seinen Kopf zurück, schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen. Das Flugzeug ruckelte durch leichte Turbulenzen, was ihm nichts ausmachte. Da hatte er früher ganz andere erlebt, als die Piloten sie so schnell wie möglich über von Talibankämpfern kontrolliertes Gebiet flogen. Die Furcht, wegen Turbulenzen abzustürzen, war schnell der Angst gewichen, von einer Boden-Luft-Rakete getroffen zu werden. Das war lange her, aber immer noch präsent.

Ganz freiwillig hatte er diesen Urlaub nicht angetreten, denn ursprünglich waren er und Oma Elke von seinem Bruder eingeladen worden, anlässlich ihres Geburtstags zwei Wochen auf Teneriffa zu verbringen. Da sie diese Insel schon immer hatte bereisen wollen, war es für Richard ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, sie nicht zu begleiten. Nun saß er ohne sie im Flieger, weil ein Kind seines Bruders krank geworden war und Oma Elke Kindermädchen spielen musste. »Ein andermal klappt es bestimmt«, hatte sie gesagt. »Erhol dich gut.«

Ein abgekartetes Spiel, um ihn in einen Urlaub zu zwingen.

Aber er hatte sich vorgenommen, das Beste daraus zu machen: den Vulkan El Teide besteigen, Wale beobachten, die Altstadt von La Laguna im Norden besichtigen und durch die Höllenschlucht bei Adeje wandern. Jedenfalls gab es eine Menge Möglichkeiten, sich auf der Insel die Zeit zu vertreiben.

Die Triebwerke wurden gedrosselt, und die Pilotin kündigte die bevorstehende Landung an. Über den voluminösen Busen seiner Nachbarin hinweg versuchte er einen Blick nach draußen zu erhaschen. Umgeben vom Blau des Atlantiks erhob sich ein massiver Vulkan. Augenblicklich war sein Interesse geweckt. Die Aussicht von dort oben musste fantastisch sein.

Hart setzte die Maschine auf, und die Urlauber klatschten begeistert Beifall, waren offenbar glücklich, dass die Piloten keinen Selbstmord begangen hatten. Richard beteiligte sich nicht daran, denn schließlich hatten sie nur ihren Job gemacht. Ihm applaudierte auch keiner, wenn er einen Fall erfolgreich abgeschlossen hatte. Stattdessen schaltete er den Flugmodus seines privaten Smartphones aus und prüfte, ob in der Zwischenzeit neue Messages eingegangen waren: vier, und alle Absender wünschten ihm darin einen schönen Urlaub. Wenigstens war keine Katastrophenmeldung darunter. Er antwortete auf alle mit einem Danke und ersparte sich dadurch die mehrfache Frage, ob er gut angekommen sei.

Die Einreise verlief problemlos, seinen Koffer und den betagten Rucksack fand er auf Anhieb an der Gepäckausgabe. Beim Anblick der Werbeschilder tauchten aus den Tiefen seines Gedächtnisses rudimentäre Spanischkenntnisse auf, aber die Blamage, unbeholfen zu stammeln, würde er sich ersparen.

Um beweglich zu sein, mietete er sich einen Seat ohne jeden Komfort. Damit fuhr er über die Autobahn Richtung Costa Adeje und sammelte dabei erste Eindrücke. An der Küste stand eine Bettenburg neben der anderen, dahinter waren an Betonwürfel erinnernde Häuser zu sehen. Da es hier kaum regnete und nie schneite, brauchte man keine geneigten Dächer. Der rötliche Boden bestand aus erstarrter Lava. Dürre Sträucher und Sukkulenten fanden im kargen Boden Halt, während in Küstennähe Palmen das Bild dominierten. An vielen Stellen glich das Gelände einer Wüste, was bewirkte, dass ihn seine Erinnerungen erneut einholten. Oma Elke hätte sich ein Urlaubsziel mit mehr Vegetation aussuchen sollen; Irland oder Schottland zum Beispiel. Er umfasste das Lenkrad fester.

Endlich näherte er sich seinem Ziel, wobei er den Wagen durch enge Straßen voll Parkplatz suchender Autos und Busse manövrieren musste.

Sein Hotel lag am Ende des Strandes, etwas erhöht auf einem Hügel: ein mehrstöckiger lavaroter Gebäudekomplex, aufgelockert mit Kuppeln und Säulengängen, die eher an Nordafrika als an Spanien erinnerten. Das Resort war terrassenförmig und verzweigt angelegt, sodass die unteren Zimmer und Suiten über Terrassen anstatt über Balkone verfügten. Alles reihte sich halbmondförmig um großzügige Poolanlagen, Bars, Restaurants und Cafés. Ein Weg führte in Bögen hinunter zum Strand. Fenster ohne Glas in den Fluren erlaubten Blicke nach draußen und dem Wind Zutritt. Allerlei fremdartige Gewächse mit bunten Blättern und Blüten vermittelten exotisches Flair. Eigentlich gar nicht so schlecht.

Kurze Zeit später stand er in seinem Zimmer, das geschmackvoll im spanischen Stil eingerichtet und ebenerdig war. Terrakottafliesen, Klimaanlage, Schiebetüren zur Terrasse, die einen grandiosen Blick über die etwas niedriger gelegene Poolanlage und das weiter entfernte Meer bot, sowie ein großes Bett für zwei. Hier könnte er es aushalten.

Zuerst räumte er seine Sachen ein, faltete und stapelte die Shirts Kante auf Kante, wie einst in seinem Spind bei der Bundeswehr. Dann schloss er sein Computer-Tablet ans Stromnetz an und testete, ob das WLAN funktionierte. Mit einem Seufzer ließ er sich aufs Bett plumpsen. Was sollte er als Nächstes tun? In seiner Dienststelle warteten ungelöste Fälle auf Bearbeitung, und auch die Ereignisse seines letzten Einsatzes mussten noch verdaut werden. Erneut war er gezwungen gewesen, seine Waffe gegen einen Menschen einzusetzen, obwohl er sich geschworen hatte, dies nie wieder zu tun. Den Anblick, wie seiner Vorgesetzten eine Pistole an die Schläfe gehalten worden war, würde er so schnell nicht vergessen können. Langsam zog er sein Diensthandy aus der Hosentasche, betrachtete es lange und legte es dann auf dem Nachttischchen ab. Er hätte es zu Hause lassen sollen. Wenn schon Urlaub, dann richtig. Dennoch schaltete er es ein, widerstand aber der Versuchung, seine Mails zu checken.

Draußen auf dem Gang waren Stimmen zu hören; erst lauter, dann leiser. Ein Mann, eine Frau und ein Kind. Die wussten bestimmt, was sie mit sich und ihrer Zeit anfangen sollten.

Er atmete tief durch. Am besten, zuerst die Lage erkunden, dachte er sich. Trotzdem blieb er sitzen, ließ sich zurück aufs Bett fallen, starrte den Deckenventilator an, der wie eine fünfbeinige Riesenspinne an der Zimmerdecke zu kleben schien.

Schließlich rappelte er sich auf zu einem Rundgang. Zugegeben, die Anlage bot alles, was das Urlauberherz begehrte. Vor allem der Pool, der sich am hinteren Ende des Beckenrandes mit dem Meer zu vereinen schien, sah verlockend aus.

Viele Paare, einige Grüppchen und noch mehr Familien genossen das erfrischende Nass. Er schlenderte zu dem mit mehreren Reihen Liegestühle gepflasterten Strand hinunter. Dort herrschte reges Leben, und er wünschte, er hätte seine Badeshorts angezogen. An der Strandpromenade sorgten jede Menge Restaurants und Bars für das Wohl ihrer Gäste. Ideal für Familien und Partygänger, aber nichts für jemanden, der die Stille suchte.

Ein Strandverkäufer diskutierte lautstark mit einem Mann, der die Hände in die Hüften gestemmt hatte und rotgesichtig den Kopf schüttelte. Der Händler stellte Rucksack und Cooler auf dem Boden ab, drohte seinem Kontrahenten mit der Faust und ließ eine Schimpfkanonade in Spanisch auf ihn niederprasseln. Der feuerte mehr schlecht als recht zurück, darunter auch einige deutsche Flüche.

Richard ging das nichts an. Vermutlich hatte der eine den anderen übers Ohr gehauen. Trotzdem blieb ihm die Szene im Gedächtnis haften. Seine Vergangenheit hatte ihn gelehrt, selbst Belangloses nicht außer Acht zu lassen. Als er näherkam, verstummten die Streithähne, der Strandverkäufer hob seine Gegenstände auf und rief dem anderen zum Abschied noch »¡Cabrón!« hinterher.

Richard hatte genug gesehen. Das Hemd klebte ihm auf der Haut und feinster Sand hatte den Weg in seine Schuhe gefunden. Definitiv Zeit, sich umzuziehen und im Pool Abkühlung zu suchen. Kurz bevor er sein Zimmer erreichte, sah er eine Familie auf das Nebenzimmer zugehen. Ein gutaussehender Mann mit einem etwa achtjährigen Knaben und daneben – Frau Dr. Linda Wachter, ihres Zeichens Richterin am Landgericht Nürnberg. Die Welt war offenbar nicht groß genug, um seinen Bekannten entfliehen zu können. Na großartig.

Sie stutzte. Ihrem verhärmten Gesicht konnte er kein Zeichen des Erkennens entnehmen, nur Erstaunen. Kein Wunder, denn ihre letzte Begegnung war ziemlich unerfreulich verlaufen.

»Sieh da, der Herr Levin«, sagte sie und hob die Hand in Richtung des Mannes, um ihn anzuhalten.

Im Gerichtssaal erinnerte sie ihn stets an einen bissigen Bullterrier. Es gab kein Entkommen. »Frau Doktor Wachter«, erwiderte er betont freundlich, »was hat Sie denn hierher verschlagen?«

»Dreimal dürfen Sie raten. Sind Sie schon länger da?«

»Seit ungefähr einer Stunde.«

Der Mann neben ihr räusperte sich.

»Darf ich vorstellen? Mein Mann.« Sie wies auf ihn. »Marcel Wachter. Marcel, das ist Kriminaloberkommissar Richard Levin, ehemals Kripo Nürnberg, oder hat man Sie endlich zum Hauptkommissar befördert?«

Ihr wäre es vermutlich lieber, man hätte ihn an die Luft gesetzt. Doch sie mochte privat netter sein als im Gerichtssaal. Er lächelte die beiden an. »Vor zwei Wochen.«

Herr Wachter war genauso groß, aber breiter gebaut als er. Ein kräftiger Händedruck, die Mundwinkel zogen sich sympathisch in die Breite, dann öffnete Wachter mit seiner Magnetkarte ihre Suite.

»Und das ist Kilian, unser Sohn«, ergänzte sie. »Gib dem Herrn die Hand, wie es sich gehört.«

Braune Kulleraugen blickten zu Richard hoch, als der Junge ihm sein Händchen entgegenstreckte. »Tach.«

»Tach«, erwiderte Richard.

»Wenn Sie Polizist sind, warum tragen Sie dann keine Uniform?«

»Weil er im Urlaub ist.« Linda Wachter schob Kilian in Richtung Suite. »Wir sehen uns sicher noch«, sagte sie ohne Spur einer Freundlichkeit.

Irrtum, sie war privat wie auf der Arbeit. Richard schickte sich an, seine eigene Tür zu öffnen.

»Nett, Sie kennenzulernen«, sagte Marcel Wachter und in seinem Ton schwang eine Entschuldigung mit. »Auf ein Bier – später vielleicht?«

Richard nickte und wusste nicht, ob er sich über die Begegnung freuen sollte. Am besten, er hakte sie als eine Fügung des Schicksals ab.

2 Marcel

Eine leichte Brise bauschte den Gazevorhang vor den geöffneten Flügeltüren zur Terrasse des Hotelzimmers auf, brachte erfrischende Kühle sowie den Geruch des Meeres mit sich. Neben ihm auf dem Bett flimmerten feine Härchen im Gegenlicht. Sanft strich Marcel über die Rückenlinie hinunter bis zu ihrem Po, wo er seine Hand verweilen ließ. Sie war schön, zu schön, um als Geliebte die zweite Geige zu spielen. Er hatte sich entschieden.

Doch die Worte über eine endgültige Trennung wollten ihm nicht über die Lippen kommen, zu erregend war ihr Anblick. Ihre blauen Augen strahlten ihn an, als wollten sie ihn zu einer zweiten Runde auffordern. Wehmut kam auf und hinterließ einen salzigen Geschmack auf seiner Zunge, der ihn an das Meer erinnerte.

Es war falsch gewesen, zu ihr zu gehen und der Versuchung nachzugeben, weil er seine Frau, seinen Sohn und alles, was sie sich gemeinsam erschaffen hatten, liebte. War Sylvie ihm nur nachgereist, um es ihm noch schwerer zu machen? Sie hatten bereits vor seiner Abreise darüber gesprochen, ihr Verhältnis zu beenden, und jetzt war der Zeitpunkt gekommen, endgültig einen Schlussstrich zu ziehen.

Sylvie hob den Kopf und drehte sich halb zu ihm, wobei die verrutschende Bettdecke eine ihrer Brüste entblößte: apfelförmig, fest, die Brustwarze erigiert. Er starrte darauf, und zwischen seinen Beinen regte sich erneut das Verlangen nach ihrer Leidenschaft.

»Alles in Ordnung?«, fragte sie und zog dabei eine ihrer fein gezupften Augenbrauen hoch. Er kannte dieses Vorzeichen, es kündigte die andere Sylvie an, die hysterische Furie.

Der Zauber des Begehrens verflog, Wut kochte in ihm hoch. »Du hättest nicht herkommen dürfen.«

»Ach so? Hast du es denn nicht genossen?«

In der Tat, das hatte er – sehr sogar. Sylvie sah nicht nur super aus, Sex mit ihr war auch einmalig: aktiv, ideenreich, fordernd. Er rollte sich auf den Rücken, betrachtete den rotierenden Ventilator an der Decke.

»Unsere Beziehung ist … so klischeehaft«, wiederholte er. »Direktor vögelt seine Sekretärin, während seine Frau das gemeinsame Kind beaufsichtigt.«

Ihre Augen wurden schmal. »Du und dein Kind.«

Er fuhr hoch. »Ja genau, ich und mein Sohn. Wir haben weiß Gott lange genug darum gekämpft, ein Kind zu bekommen. Jahrelang haben wir alles Mögliche probiert, damit Linda schwanger wird. Ich werde ihn niemals aufgeben, aber das müsste ich, würde ich mich von ihr trennen. Kannst du das nicht nachvollziehen?«

»Wenn dir dein Sohn wirklich so wichtig ist, warum hast du dich dann überhaupt mit mir eingelassen?« Sylvie zog die Bettdecke hoch und verdeckte ihre Reize. »Du willst also Schluss machen?«

»Absolut.«

»Und wie stellst du dir unsere Zusammenarbeit in der Firma vor? Muss ich mit meiner Kündigung rechnen?«

»Keine Sorge, Sylvie. Ich kümmere mich darum, dass du woanders unterkommst.«

Sie schlug mit der flachen Hand auf das Bett. »Wieso habe ich blöde Kuh mir nur Hoffnungen gemacht? Ich hätte nicht herkommen sollen.«

»Genau. Das hatte ich dir aber schon zu Hause gesagt. Du bist anhänglich wie eine Zecke. Und dann steigst du auch noch im selben Resort ab wie ich. Was hast du dir bloß dabei gedacht?«

»Schon vergessen? Blondinen denken nicht. Außerdem war ich diejenige, die das Hotel für dich ausgesucht hat. Ich hab das gleiche Recht, hier zu sein, wie du.«

»Ach, hör doch auf!« Er stand jetzt auf dem kalten, weiß gefliesten Boden und blickte nach draußen, auf die von Palmen umsäumte Poolanlage, hinter der sich das Meer erstreckte. Raúl, ein junger Strandverkäufer mit dem Aussehen eines Gigolos, schlenderte soeben mit einem Rucksack auf dem Rücken und einem Cooler in der Hand vorbei. Marcel kannte ihn, weil er Kilian ein Spielzeug geschenkt hatte, um Marcel zu zwingen, ihm etwas abzukaufen. Hatte er ihr Gespräch mit angehört? Und wenn, war es auch egal, denn der Mann sprach nur Spanisch, allenfalls ein paar Brocken Englisch und Deutsch.

Dieses Drama musste ein Ende finden, ob es ihr passte oder nicht.

»Sylvie.« Fast hätte er ein »Bitte« angefügt. Er biss sich auf die Unterlippe. Die Trennung gestaltete sich schwieriger als gedacht.

Sie schluchzte auf. Ob aus Wut oder aus Enttäuschung konnte er nicht erkennen.

»Du Schwein«, fauchte sie.

Jetzt war es klar. Fast fühlte er sich ein wenig erleichtert. Mit Wut konnte er umgehen, mit einer enttäuschten Geliebten weniger. »Hast du wirklich geglaubt, ich würde mich scheiden lassen, um dich zu heiraten?«

»Wenn dein Sohn nicht wäre, hättest du deiner Frau schon längst den Laufpass gegeben.«

»Du bist doch nur auf deinen Vorteil bedacht.«

Ihre Augen wurden groß, aber sie schwieg. Außer dem Rauschen des Deckenventilators war nichts zu hören.

Er setzte noch eines drauf: »Es ist aus und vorbei. Ich hatte dir ausdrücklich verboten, mir nachzureisen.«

Sie schüttelte ihren Kopf, dass die blonden Haare wild flogen, und sprang auf. Splitternackt, die Hände zu Fäusten geballt, schrie sie ihn an: »Ich kann reisen, wohin ich will!«

»Mach, was du für richtig hältst, aber bleib mir in Zukunft vom Leib.«

»Dann geh doch zu deiner alten Kuh. Viel Spaß beim Blümchensex. Das wirst du noch bereuen, ich schwör’s. Und jetzt raus mit dir!«

Grußlos verließ Marcel ihr Zimmer. Draußen auf dem Gang atmete er tief durch. Dieser Urlaub war längst überfällig gewesen. Die Knieverletzung, die er sich beim Tennis zugezogen hatte, war nur der äußere Auslöser gewesen, um sich einige Tage aus der Firma verabschieden zu können. Urlaub, um Frieden und Versöhnung zu finden. Was, wenn Sylvie ihre Worte wahrmachte?

3 Richard

Etwas später am Tag bummelte Richard zur Poolanlage zurück. Er trug immer noch Jeans, aber wenigstens steckten seine Füße jetzt in den Flipflops aus dem Koffer, zu mehr hatte er sich noch nicht durchringen können. Am Pool streckte er sich auf einem Liegestuhl aus und bestellte beim Service einen Long Island Iced Tea, der ihm die nötige Entspannung verschaffen sollte. Was sollte er mit sich anfangen? Er hätte die Reise nicht antreten sollen. Er war kein Urlaubstyp. Keine Arbeit bedeutete Raum für Gedanken, die sich mit ihm beschäftigen wollten. Wie es wohl den Kollegen ging und vor allem seiner attraktiven, aber unbequemen Vorgesetzten Maxi?

Lange hatte er sich gegen die Wahrheit gewehrt und erst vor Kurzem begonnen, seine Gefühle für sie zu akzeptieren. Bevor er zu tief in sie versinken konnte, wurde der Cocktail serviert: eiskalt, Wodka, Rum, Gin, Tequila mit einem Spritzer Cola, damit es wie Tee aussah.

»Was trinkst du da?«, fragte eine helle Jungenstimme neben ihm. Kilian schaute ihn neugierig an.

»Einen Cocktail mit Cola.« Richard nahm einen Schluck. Verdammt stark das Zeug.

Das Gesicht des Jungen wurde vorwurfsvoll. »Ich rieche Schnaps. Papa trinkt auch gern mal einen, aber nicht tagsüber, wegen der Mama. Darfst du, weil du Polizist bist?«

Beinahe hätte Richard sich verschluckt. Seine Vorbildfunktion stand auf dem Spiel, und das schlechte Gewissen begann an ihm zu nagen. »Ich erlaube mir das nur im Urlaub. Wo stecken eigentlich deine Eltern?«

Kilian blickte kurz nach oben. »Ich kann gut auf mich selbst aufpassen.«

»Bist auch schon ein halber Mann.«

»Mama schläft und Papa joggt ’ne Runde. Außerdem gibt’s hier ’ne Lifeguard.« Kilian setzte sich auf den Liegestuhl neben ihm. »Was machst du bei der Polizei?«

»Ich bin bei der Kripo.«

»Wow. Da hilfst du meiner Mama bestimmt bei der Arbeit.«

»Stimmt, aber hauptsächlich dem Staatsanwalt.«

»Das möchte ich auch mal werden.«

»Staatsanwalt?«

»Nee, Kripomann.«

Richard musste lachen – Kripomann. Er betrachtete den schmalen Jungen in seiner bunten Badehose und mit den gelben Plastikflipflops. Eine eigene Familie und Kinder zu haben, wäre vielleicht gar nicht so schlecht. Warum tauchte ausgerechnet jetzt Maxis Bild vor seinem geistigen Auge auf?

Er starrte auf das blaue Wasser des Pools. Zeit, in die Badeshorts zu springen und endlich in den Urlaub einzutauchen. »Weißt du, was wir jetzt machen? Ich ziehe mich um und dann schwimmen wir zusammen.«

Zu seinem Erstaunen winkten ihn die Wachters im Restaurant zu sich her und fragten, ob er ihnen nicht Gesellschaft leisten wolle. Zusammen mit anderen Paaren saßen sie an einem großen, runden Tisch; allesamt Deutsche, während am Nebentisch Briten lautstark ihre Teller leerten. Richard stellte sich vor und wurde herzlich in die Runde aufgenommen. Im Speisesaal war ein Buffet mit Speisen verschiedenster Art aufgebaut. Alles hübsch dekoriert und großzügig ausgelegt, damit kein Gefühl von Enge aufkam.

Trotz Richards Vorbehalte und seiner Müdigkeit wurde es am Tisch recht lustig, was nicht nur den schmackhaften Tapas und dem süffigen Rotwein geschuldet war, sondern vor allem Marcels Talent als Unterhalter. Er war witzig und stets darauf bedacht, jeden ins Gespräch einzubeziehen. Ein wahrer Hansdampf in allen Gassen. Linda hingegen gab sich wortkarg und bedächtig, dem Klischeebild einer Richterin entsprechend, und verhielt sich Richard gegenüber eher zurückhaltend, was ihn nicht sonderlich überraschte.

Natürlich wurde ausgiebig über die Vor- und Nachteile des Resorts diskutiert. Dem einen war das Speisenangebot nicht spanisch genug, der andere konnte mit den verschrumpelten Kartoffeln – Papas Arrugadas genannt – nichts anfangen, weil sie mitsamt der Pelle angeboten wurden. Für alle anderen Restaurants brauchte man eine Reservierung, was dem einen recht war und dem anderen Grund zum Meckern gab.

»Kaufen Sie bloß nichts von diesem Raúl, dem Strandhändler«, warnte eine füllige Dame aus Köln. »Der wollte mir ein Rolex-Plagiat für einen Haufen Geld andrehen.«

»Der dealt noch mit ganz anderen Sachen«, wusste ein junger Mann mit schulterlangen, blonden Haaren aus Hamburg, »wenn Sie verstehen, was ich meine. Seine Kollegen verkaufen nur Wasser, Sonnencreme und so Zeug, aber der Mann ist nicht sauber.«

Interessant, aber für Richard bedeutungslos. Die spanische Polizei würde schon wissen, wie sie solchen Brüdern beikommen konnte.

Als die Ersten aufbrachen, um das Dessertbuffet zu plündern, fragte Richard sich, welches Thema als Nächstes aufs Tapet kommen würde. Vielleicht sollte er doch lieber aufs Zimmer gehen? Müde genug war er, schließlich hatte er einen langen Tag hinter sich. Doch die mit allerlei Leckereien beladenen Teller sahen einfach zu verlockend aus. Wer sollte da widerstehen? Schwach geworden holte er sich einen Karamellpudding mit Papaya und Mango.

Seine Augen brannten. »Mir reicht’s für heute. Ich möchte morgen in aller Frühe aufstehen.« Damit erhob er sich.

»Kein Bier mehr?«, fragte Marcel, der ebenfalls aufstand.

»Danke, ich habe genug. Das holen wir bei nächster Gelegenheit nach.«

»Eine Bitte noch. Könnten Sie Kilian mitnehmen? Linda und ich wollen einen kleinen Strandspaziergang machen.«

»Wohin – mit zu mir aufs Zimmer?«, fragte Richard leicht verblüfft.

»Nein, er ist alt genug, um allein ins Bett zu gehen. Einen Zimmerschlüssel hat er.«

Richard fand dieses Ansinnen merkwürdig. Hätte er Kinder gehabt, wäre es ihm nie in den Sinn gekommen, diese sich selbst zu überlassen. »Wenn Sie meinen. Ich kann aber auch bei ihm bleiben, bis Sie zurück sind.«

»Nicht nötig. Begleiten Sie ihn zur Suite, das reicht. Wir wollen Ihre Hilfsbereitschaft nicht über Gebühr beanspruchen.«

»Das tun Sie nicht.«

Linda erhob sich. »Wir kommen gleich nach. Oder haben Sie Bedenken, dass etwas passieren könnte?«

Das war eher unwahrscheinlich, denn das Resort verfügte über Securitypersonal. Zudem wusste niemand, dass Kilian allein sein würde. Auch war er sicher nicht das einzige Kind, das im Zimmer auf die Rückkehr seiner Eltern wartete.

Der Weg vom Restaurant zum Wohnkomplex war gut beleuchtet, Grillen zirpten, und in der Ferne schimmerte silbern das Meer, das in ihm entspannend wie Alkohol wirkte. Es versprach tatsächlich ein schöner, erholsamer Urlaub zu werden, wenn er es nur zuließe.

Er brachte Kilian zur Suite seiner Eltern und wartete, bis der Junge die Tür hinter sich geschlossen hatte. Die Wachters würden nicht lange unterwegs sein, und bevor Marcel versuchte, ihm doch noch ein Bier aufzuschwatzen, verzog er sich lieber in sein Zimmer. Etwas in seinem Hinterkopf warnte ihn. War hinter der nächsten Ecke nicht eine Bewegung gewesen? Bei näherem Hinsehen konnte er nichts Auffälliges feststellen. Wahrscheinlich hatte er sich getäuscht, war einfach übermüdet. Noch einmal versicherte er sich, dass alles ruhig war, und folgte dann dem Ruf seines Betts.

4 Marcel

Alles in allem war der Abend angenehm verlaufen. Die Tischrunde hatte sich gut gelaunt und Levin sich als schlagfertiger erwiesen, als er es von einem Beamten erwartet hätte. Marcels Job verlangte ein umgängliches und weltoffenes Verhalten, insbesondere wenn es um Networking ging. Linda hingegen konnte mit Small Talk nichts anfangen, weshalb sie sich bei solchen Gelegenheiten in Schweigen hüllte. Kilians Interesse hatte diesem Kommissar gegolten, der geduldig auf seine Fragen eingegangen war. Kilians helles Lachen hatte Marcel mitten ins Herz getroffen. Sein Sohn war es wert, auf Sylvie und ihren Sex zu verzichten und mit Linda weiterhin ein eingefrorenes Eheleben zu führen.

Marcel folgte Linda zum Ausgang und ging mit ihr über einen gepflasterten Weg an den Strand. Wie ein überdimensionaler Scheinwerfer hing der Vollmond über dem Meer, schuf so eine silbern glänzende Straße in eine schwarze Unendlichkeit, aus der ein warmer Wind blies. Der Zauber dieser Nacht kam Jahre zu spät, um die Entfremdung zwischen ihm und Linda noch aufhalten zu können.

Nur wenige Touristen hatten sich für einen Abendspaziergang entschieden, und so hatten sie den Strand fast für sich allein. Ohne ein Wort zu sagen, liefen sie nebeneinander her. Nach einer Weile entledigte er sich seiner Sandalen und ließ seine Füße von der Brandung umspülen. Spielerisch versuchte er, Linda ins Wasser zu ziehen, doch sie sträubte sich energisch. Offenbar hatte sie nichts von seiner Beziehung zu Sylvie bemerkt, denn sonst hätte sie ihm längst die Hölle heißgemacht. Das Drama wagte er sich gar nicht erst vorzustellen. Allmählich ging ihm ihr Schweigen auf den Geist. Wozu hatte sie ihn zu dem Spaziergang animiert, wenn sie die Zweisamkeit mit ihm nicht genoss?

»Was ist los?«, fragte er.

»Was meinst du?«

»Du bist so schweigsam.«

»Dass ich kein Plappermaul bin, solltest du nach zwölf Ehejahren wissen.«

Das saß, denn den versteckten Vorwurf, sie wäre ihm gleichgültig, hörte er nicht zum ersten Mal. »Es ist unser wohlverdienter Urlaub. Wir sollten ihn nutzen, um uns stressfrei zu erholen.«

»Schon gut.« Sie marschierte weiter, sorgsam darauf bedacht, Abstand zu den Ausläufern der Wellen zu halten.

»Du hast doch was«, bohrte er weiter. Sein aufsteigender Ärger war deutlich zu hören. »Raus mit der Sprache, was ist es?«

Dieses Spiel spielten sie schon lange. Sie verschloss sich wie eine Muschel, und er versuchte, sie zu öffnen – meistens vergeblich. Früher war das anders gewesen. Viele Jahre lang hatten sie alles probiert, um ein Kind zu bekommen. Eine Untersuchung war der nächsten gefolgt, und Sex hatte nach dem Kalender stattgefunden, wobei die Spontanität auf der Strecke geblieben war. Aus Spaß und Lust wurde eine verkrampfte Pflichtübung. Dann endlich, wie durch ein Wunder, als sie schon fast aufgegeben hatten, war Linda schwanger geworden. Seitdem hatte sie sich verändert, fast, als hätte ihr das zermürbende Warten die Mutterfreuden genommen.

Linda atmete tief durch. »Also gut, warum nicht. Mir gehen noch einige Fälle durch den Kopf. Ich frage mich auch, warum Levin hier aufgetaucht ist.«

»Was stört dich an ihm?«

Sie blieb stehen und nagte an ihrer Unterlippe, schien zu überlegen, was sie erwidern sollte. »Nichts«, sagte sie ärgerlich. »Jedenfalls nichts, das für dich von Interesse wäre.«

Er zuckte zusammen. Scharfe Entgegnungen wie diese war er von ihr nicht gewohnt. »Man wird doch wohl noch fragen dürfen.«

Feindselig starrten sie sich an. Anscheinend war es wieder so weit. Irgendwie tat sie ihm leid. Sanft legte er seine Hand auf ihre Schultern. »Okay. Du wirst deine Gründe haben. Lass uns noch einmal von vorne anfangen.«

»Auf keinen Fall. Wir machen genau da weiter, wo wir stehen geblieben sind – als Ehepaar, als Vater und Mutter, verstanden?«

»So hab ich das nicht gemeint.«

»Sondern?«

»Dass … Dass …« Er kam ins Stottern. »Soll das ein Verhör sein, Linda.«

Sie schnaubte. »Du hast doch nichts ausgefressen, oder? Und was Levin betrifft – der macht nur Schwierigkeiten. Meiner Meinung nach hätte er längst aus dem Dienst entfernt werden müssen.«

Zorn pulsierte in seinen Adern. »Könntest du wenigstens im Urlaub aufs Richten verzichten?«

»Tue ich doch.«

»Nein, tust du nicht. Egal ob über mich, diesen Levin oder andere, immer fällst du Urteile: zwei Jahre auf Bewährung, drei Jahre Gefängnis, lebenslänglich.«

»Wie kommst du darauf, dass ich über Levin gerichtet habe?«

»Leg nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Er wird schon nichts verbrochen haben, für das er sich vor einem Gericht hätte verantworten müssen.«

»Er ist freigesprochen worden.«

Marcel verschlug es die Sprache. Dieser Kripobeamte soll vor Gericht gestanden haben? Kaum vorstellbar. Linda wollte ihn provozieren, um von sich abzulenken.

»Wir müssen umkehren«, sagte sie abrupt. »Kilian wartet.«

Als Linda seine Hand ergriff, breitete sich von dort ein warmes Gefühl aus. Sanft erwiderte er den Druck. Es gab einen Funken Hoffnung für sie. Ohne ein Wort zu sagen, gingen sie zum Resort zurück. Sein rechtes Knie begann zu schmerzen, aber er verhielt sich ruhig, wollte die Stimmung nicht zerstören.

Ihre Suite lag im Dunkeln. Erst jetzt ließ er Lindas Hand los, nicht ohne sie vorher noch einmal gedrückt zu haben. Sie kam näher und schmiegte sich an ihn.

»Verzeih«, sagte sie leise. »Ich bin mit meinen Gedanken oft woanders und zu gestresst, um dir eine gute Ehefrau zu sein. Wir sind im Urlaub und sollten den ganzen Ärger hinter uns lassen. Ich liebe dich.«

Befreit atmete Marcel auf. Er wollte nur für sie und Kilian da sein – zumindest für den Rest ihres Aufenthalts. Leise öffnete er die Tür der Suite, und Linda ging an ihm vorbei ins Innere.

»Mach schon mal eine Flasche Wein auf«, sagte sie. »Ich schaue vorher noch kurz nach Kilian.«

Er ging zur Minibar und entschied sich für einen spanischen Landwein.

»Kilian?« Linda kam aus Kilians Schlafzimmer zurück, die Augen weit aufgerissen. Sie stürmte ins Bad. »Kilian?«

»Was ist los? Wo ist der Junge?«

»Kilian!« Linda schrie nun, riss die Eingangstür auf und rannte hinaus. »Kilian!«

Auch ihn ergriff jetzt Panik. Sie suchten in jedem Winkel der Suite, unterm Bett, draußen, überall. Der ultimative Urlaubsalbtraum war eingetreten: Kilian war spurlos verschwunden.

5 Richard

»Kilian!«

Der schrille Schrei riss Richard aus dem Schlaf. Er fuhr hoch, brauchte einen Moment, um sich zurechtzufinden. Alles war fremd: das Bett, wo war der Lichtschalter, wo die Tür? Klar, er war in einem Hotel auf Teneriffa.

»Kilian!«, rief die Stimme erneut.

Der Junge. Was war passiert? Die ganze Angst einer Mutter um ihr Kind lag in diesem einen Wort. Richard sprang auf die Füße, rannte zur Tür und öffnete sie. Direkt vor ihm erhob sich Marcels große Gestalt, Panik im Gesicht, die Faust zum Klopfen an der Tür erhoben, was aussah, als wollte er zuschlagen.

Marcel senkte die Hand. »Levin, ist Kilian bei Ihnen?«

»Nein. Ist er nicht in seinem Zimmer?« Eine unnötige Frage, denn sonst würden die Eltern kaum nach ihm rufen. »Ich habe ihn vor der Tür abgeliefert, wie Sie sagten, und noch gewartet, bis er drinnen war.«

»Sie waren nicht mit in der Suite?«

»Das hatten Sie nicht für nötig gehalten. Ich erinnere mich, dass er zugesperrt hat.«

Vom nebenan liegenden Zimmer trat eine Frau in Negligé auf den Flur, hinter ihr ein Mann in Shorts und mit nacktem Oberkörper. Unangenehm berührt wurde Richard sich bewusst, dass auch er nicht viel mehr anhatte.

»What’s up?«, wollte der Mann wissen.

»Mein Sohn ist verschwunden«, rief Marcel auf Englisch.

Richard fügte noch die Frage hinzu, ob die beiden etwas bemerkt hätten. Doch außer den verzweifelten Rufen der Eltern sei ihnen nichts aufgefallen.

Marcel ging in seine Suite und ließ die Tür offen stehen. Richard folgte ihm. Auf der Armlehne des Sofas lag ein Herrensakko, mitten im Zimmer ein hochhackiger Schuh sowie eine aufgeschlagene Zeitung auf dem Kaffeetisch. Nichts sah ungewöhnlich aus. Linda fehlte, vermutlich rannte sie suchend und rufend durch das Resort. Die verständlichen Sorgen der Mutter mochte Richard sich nicht vorstellen.

»Wo ist Kilians Zimmer?«, fragte er Marcel, der völlig aufgelöst dastand und mit den Armen wedelte.

Endlich hörte er damit auf und wies auf eine Tür. »Da.«

»Nichts anfassen.«

»Bin ich in einem Tatort-Film? Sie glauben doch nicht, dass …?«

Etwas in Richard übernahm die Steuerung und übertönte die Furcht, die sich ausbreiten wollte. Professionell bleiben, ermahnte er sich. »Nein. Es gibt sicher eine harmlose Erklärung«, sagte er so ruhig wie möglich. »Er wird sie suchen.«

»Das ist es, bestimmt! Wir waren ein bisschen länger unterwegs als ausgemacht.« In Marcels Stimme schwang ein Selbstvorwurf mit. Offensichtlich war der Mann mit den Nerven am Ende.

Die Bettdecke in Kilians Zimmer war zurückgeschlagen, das Laken schlug Falten und das Kissen war leicht eingedrückt. Also hatte der Junge sich hingelegt. Lange konnte er nicht fort sein. Auf dem Kopfkissen lag ein kleines Stoffeselchen, wahrscheinlich sein Kuscheltier. Ein Erinnerungsfetzen an sein eigenes blitzte auf, aber er verdrängte den Gedanken sofort. Mehr bot der erste Augenschein nicht, aber zum Glück keine Anzeichen von Gewalteinwirkung.

»Mein Sohn ist weg, Levin«, sagte Linda hinter ihm. »Was haben Sie mit ihm gemacht?«

Sie glich einem Gespenst. Derart verwundbar hatte er sie noch nie erlebt: das Gesicht schmerzverzerrt, die Hände vor der Brust gefaltet. »Ich habe ihn, wie vereinbart, vor der Tür abgeliefert, Frau Doktor Wachter.«

»Sie haben ihn als Letzter gesehen.«

»Das wissen wir nicht.« Richard wollte an ihr vorbei, aber sie hielt ihn am Arm fest, stutzte kurz, als sie das Tattoo auf seinem Oberarm bemerkte.

Mit einer Körperdrehung entzog er es ihrem Blick. Der Türrahmen zeigte keine Aufbruchspuren. Es wurde immer mysteriöser. Der Junge musste selbst aufgemacht haben.

»Ich will meinen Sohn wiederhaben.«

»Das verstehe ich. Haben Sie schon am Strand gesucht?«

»Am Pool ist er nicht. Auch nicht … drinnen.«

Ihr Blick traf den seinen, als wollte sie darin Halt finden. Eine Welle des Mitgefühls flutete in ihm hoch. »Dann sollten wir jetzt den Strand ablaufen. Wenn er dort nicht ist, müssen wir die Polizei einschalten.«

»Sie denken …?« Ihre Hand fuhr zum Mund.

»Für irgendwelche Schlussfolgerungen ist es zu früh. Ich ziehe mir nur schnell etwas an, dann gehen wir zum Strand.«

»Und ich sehe mich noch einmal im Resort um«, sagte Marcel, sichtlich um Beherrschung bemüht. »Vielleicht hat er sich verlaufen.«

»Durchaus möglich.« Richard lief zu seinem Zimmer, schlüpfte in Jeans, T-Shirt und Flipflops.

Der Junge musste aufzufinden sein, außer … Aber daran wagte er nicht zu denken.

Er holte tief Luft und trat hinaus ins Freie. Noch bestand die Chance, dass sich alles zum Guten wendete. Man müsse nur dran glauben, würde Oma Elke jetzt sagen. Doch seine Erfahrung erzählte ihm etwas anderes.

Die Tür zu Wachters Appartement stand immer noch offen, obwohl die beiden schon vorausgegangen waren, wie er an ihren entfernten Rufen hörte.

Im Pool hielt sich ein knutschendes Pärchen eng umschlungen. »Hallo«, sagte er, ging am Beckenrand in die Hocke und wartete, bis sich der junge Mann aus der Umklammerung gelöst hatte. Nationalität? Einfach ausprobieren. »Sorry, eine Frage.«

»Bitte.«

Deutsche. Leider hatten sie keinen Jungen gesehen. So wie die beiden mit sich beschäftigt gewesen waren, hätte nebenan eine Bombe explodieren können, und sie hätten nichts bemerkt. Er erzählte ihnen, was passiert war, und die zwei erklärten sich bereit, bei der Suche behilflich zu sein. Am Strand bog er nach rechts ab, während das Pärchen nach links, gen Süden, ging. Marcel und Linda durchkämmten den benachbarten Gebäudekomplex.

Der Mond sowie die Lichter der Hotels und Häuser

n den Strand nur spärlich. Trotzdem würde er ihn schnell abgesucht haben, da er von beiden Seiten von Felsen begrenzt wurde, wobei das Hotel am Nordende des Strandes auf den Felsen lag. Die Klippen abzusuchen verschob er auf seine Rückkehr, der Strand erschien logischer. Er wandte sich dem Süden zu. Kein Junge weit und breit, nur vereinzelt Spaziergänger und Paare, und in der Ferne eine ausgelassen feiernde Gruppe junger Leute. Falls Kilian einen Ausflug gemacht haben sollte, war er mit acht Jahren eigentlich schon alt genug, um zum Hotel zurückzufinden; außer er war schwimmen gegangen und der Strömung zum Opfer gefallen. Richard starrte auf die unruhige Oberfläche des Meeres in der Dunkelheit. Wie sollte man da einen kleinen Kopf ausmachen? Aus der Tiefe seiner Brust stieg eine eigenartige Angst auf. Er fühlte sich verantwortlich, denn er hätte seinem Instinkt folgen und bei dem Kind bleiben sollen.

Er musste den Jungen finden, die Frage war nur, wie. Hier hatte er keinerlei Befugnisse und auch keine Ahnung, wie die hiesigen Behörden arbeiteten. Eine offizielle Einbindung in die Ermittlungen stand außer Frage, denn der Behördenweg dazu schlängelte sich über das bayrische LKA ins BKA und von dort bis ins Bundesinnenministerium, das sich dann mit seinem spanischen Counterpart abstimmen müsste. Nein, das konnte er sich abschminken. Bis das genehmigt werden würde, wäre sein Urlaub längst vorbei.

Der Ausläufer einer Welle umspülte seine Füße, zog an ihnen, als wollte sie ihm etwas mitteilen. Scheu zog sie sich ins Meer zurück, nur um ihm erneut entgegenzurollen. Noch handelte es sich nicht um einen Kriminalfall, noch ging es nur um ein Kind, das sich auf die Suche nach seinen Eltern gemacht und sich verlaufen hatte. Ein Kind, das lebte.

Mittlerweile hatte er sich ein ordentliches Stück vom Resort entfernt. Er war am Südende des Strands angelangt, dort wo die Party in der Diskothek stattfand. Spätestens hier hätte Kilian merken müssen, dass er in die falsche Richtung ging. Richard stieg die Treppen hinauf, sah zum angrenzenden Strand hinunter, den er von hier aus gut überblicken konnte. Nichts.

Er befragte einige Gäste und die Bedienung. Die meisten glotzten ihn nur dumm an. Ansonsten: Negativ, keiner wollte einen Jungen ohne Begleitung gesehen haben. In Begleitung? Vielleicht. Nein. Nö.

Ohne Foto führte das zu nichts. Es war Zeit, die Polizei zu rufen, falls Kilian nicht inzwischen gefunden worden war.

Richard marschierte zum Hotel zurück. Kurz vor dem Eingang standen zwei Gestalten, die sofort verstummten, als er sich ihnen näherte. Mit seinem Smartphone leuchtete er sie an und erkannte die Streithähne vom Vortag. Augenblicklich wendeten sie sich ab und liefen los.

Verdächtiger konnte man sich kaum benehmen. Beinahe wäre ihm ein »Halt!« über die Lippen gerutscht, aber da fiel ihm ein, dass er auf der Insel nur Urlauber war und kein Recht dazu hatte. Trotzdem setzte er den beiden ein Stück hinterher. Vermutlich zwei Gauner, die ihre illegalen Geschäfte besprachen. Was wollte er von ihnen? Sie hatten kein Kind bei sich. Vielleicht lag Kilian inzwischen auch schon friedlich schlummernd in seinem Bett.

Und wenn nicht?

Dann wurde es Zeit, systematisch an die Sache heranzugehen.

6 Marcel

Wie gelähmt stand Marcel am Rand des Pools, dessen Unterwasserbeleuchtung ihn türkisfarben erstrahlen ließ. Gott sei Dank trieb kein Körper darin.

So durfte er nicht denken. Sein Sohn war am Leben, aber wo steckte er? Wilde Bilder von Verbrechen flackerten vor seinem geistigen Auge auf, eines schrecklicher als das andere.

Sie hatten alles in der näheren Umgebung abgesucht, als Nächstes würden sie die Straßen der Stadt ablaufen müssen und die Polizei informieren. Was zuerst?

Die Furcht, der Wahrheit ins Auge zu schauen, hielt ihn wie eine unsichtbare Kraft fest. War das die Strafe für sein Fremdgehen mit Sylvie?

Sie hatte gedroht, er würde es bereuen, wenn er ihr den Laufpass gäbe. Sie empfand Kilian als Störfaktor, da er der Grund war, warum er sich nicht scheiden ließ. Das musste es sein. Warum war er nicht eher darauf gekommen?

Mit einem Ziel im Blick löste sich die Erstarrung. Sylvies Zimmer lag auf der anderen Seite der Poolanlage. Dort würde er Kilian finden und Sylvie die Hölle heiß machen. Mit jedem Schritt wuchs seine Überzeugung, dass sie ihm einen bösen Streich gespielt hatte. Er war noch nie handgreiflich gegenüber einer Frau geworden, aber jetzt konnte er für nichts garantieren, sollte sich Kilian tatsächlich in ihren Klauen befinden.

Der Zugang zu ihrem Zimmer war dunkel, nur die Beleuchtung der Wege erhellte die Tür.

Er pochte dagegen; laut und heftig.

»Sylvie!«, rief er. »Mach sofort auf! Ich muss mit dir reden.«

Endlich öffnete sich die Tür und eine fast nackte Sylvie stand vor ihm. Ein rosa Stringtanga bedeckte das Nötigste. Aber damit konnte sie ihn jetzt nicht reizen.

Grob riss er die Tür auf. »Wo ist er?«

»Wo ist wer? Meinst du, ich habe einen Geliebten unterm Bett versteckt?« Sie lachte schrill auf. »Was soll das?«

Marcel lief an ihr vorbei ins Halbdunkel ihres Zimmers. Bad, Balkon – nichts, kein Kilian.

Er sollte das Licht anmachen. Vielleicht hatte sie ihn irgendwo versteckt. Aber wo war der verdammte Lichtschalter?

Er fuhr herum.

Sylvies Augen glitzerten im Dämmerlicht. »Willst du mir nicht endlich sagen, was du suchst?«

»Meinen Sohn.«

»Bei mir?«