Verlag: Otto Müller Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Schwedenreiter - Hanna Sukare

2008 veröffentlicht Paul Schwedenreiters Heimatgemeinde Stumpf eine Ortschronik. Sie bezeichnet die Wehrmachtsdeserteure des Ortes als gefährliche Landplage. Als Retter des Ortes kürt die Chronik einen SS-Mann. In Stumpf hat die Zeit nicht geheilt. In Stumpf vergeht die Vergangenheit nicht. In Stumpf wird die Vergangenheit mit den Jahren bösartiger. Schwedenreiter stammt aus dem Innergebirge. Mit 18 Jahren übersiedelt er nach Wien. Er wird Brückenmeister, Leser und Bassist. Ins Innergebirge fährt er nur noch auf Besuch. Paul Schwedenreiters Großvater war einer der Deserteure. Paul nimmt die Ortschronik nicht hin und geht ihren schlampigen Behauptungen nach. Er recherchiert die politische, berufliche und militärische Laufbahn des SS-Mannes. Seine Suche führt in die Kinderstube der zweiten österreichischen Republik. Sie hat sich nach dem Krieg auf Wunsch der Alliierten entnazifiziert. Der Umgang der jungen Republik mit ihren alten Nazis findet Jahrzehnte später auch in Stumpf seinen Nachhall. Jeder dort weiß, der SS-Mann war ein führender Nazi, doch das stört kaum jemanden. Jahrzehnte nach dem Krieg stellt Stumpf die Geschichte auf den Kopf und errichtet in der Ortschronik eine Bühne für den SS-Mann, den Pranger für die Wehrmachtsdeserteure. Schwedenreiter, eine fiktive Figur, verstrickt sich unvermeidlich in die politischen Wirklichkeiten seiner Heimat. Schließlich trifft er eine Entscheidung.

Meinungen über das E-Book Schwedenreiter - Hanna Sukare

E-Book-Leseprobe Schwedenreiter - Hanna Sukare

Hanna Sukare

SCHWEDENREITER

ein Heimatroman

www.omvs.at

ISBN 978-3-7013-1261-0eISBN 978-3-7013-6261-5

© 2018 OTTO MÜLLER VERLAG SALZBURG-WIEN

Alle Rechte vorbehalten

Satz: Media Design: Rizner.at

Druck und Bindung: Druckerei Theiss GmbH, A-9431 St. Stefan

Der Umschlag zeigt den Ausschnitt eines Gemäldes von

Hubert Dietrich: Vorsäß im Winter, 1989

Foto: Max Böhm, Umschlaggestaltung: Ursula Meyer

Koordination: Esche Schörghofer

für die Freundinnen der Deserteureund deren Unterstützerinnen

Inhalt

Kopflose Gegend

Weichenherz

Pertil

Glückliche Hand

Der Gebirgsjäger

Prinz Albrecht

Das Hörensagen

Das Windrädchen

lastlos

Kamerad, sagte ein Kamerad,wir bleiben die Alten.Gerhard Fritsch: Fasching

Kopflose Gegend

Ich werde nicht ankommen. Wie lange diese Reise dauert. Die Strecke von Wien nach Stumpf bin ich so oft wie keine andere gefahren. Diesmal nimmt die Fahrt kein Ende, die Minuten kommen voneinander nicht los, die Stunden verkleben, als müsste die Lok sich gegen Widerstände durchkämpfen, Hindernisse überwinden. In Wien bin ich mit einer unbestimmten Vorfreude weggefahren. Nun werde ich müde und will die Lider nicht sinken lassen, strenge mich an. Ich sträube mich, je näher der Zug meinem Ziel kommt. Ich frage den Schaffner, ob die Lok ein Problem habe. Er schaut mich an, als wäre das Problem ich. Ich bin Paul Schwedenreiter. Nach einem langen Blick erwidert er: Wir sind planmäßig unterwegs.

Stumpf hat keinen Bahnhof. Stumpf liegt auf einem Plateau über dem Tal. Unten im Tal stehen die Bahnhöfe, Zach im Osten, Pinz im Südwesten. Meistens steige ich in Pinz aus, weil ich von diesem Bahnhof das Haus schnell erreiche. Das Haus gehört zwar zu Stumpf, es steht aber nicht auf dem Plateau. Es steht in einem Graben, fern der Dörfer an einem Nichtort. In einem Schuppen beim Bahnhof Pinz parkt mein Auto.

Ich lenke es hinaus in die feuchte Nachtluft, öffne das Fenster. Ich nehme die alte kurvige Straße entlang der Zach bis zur Abzweigung in den Graben. Im Graben, so heißt die Straße, an der neben dem Bach das Haus steht. In diesem Holzhaus bin ich aufgewachsen, nach Mitternacht erreiche ich es. Ich gehe die paar Schritte zur Haustür, sperre auf, lege den Rucksack ab und den Mantel. Im Vorzimmer brennt Licht. Seit nur noch ich dieses Haus benutze, bleibt ein Licht brennen, wenn ich nicht hier bin. Das Haus steht allein, die Nachbarn sind Bäume, Tiere und Felsen. Wollte jemand einbrechen, würde eine Glühbirne ihn davon nicht abhalten. Solange mir die Sinnlosigkeit meines Tuns nur bewusst bleibt.

Ich werfe einen Blick in die Küche, gehe in den nächsten Raum und in den nächsten, dann in den Oberstock. Alle Türen sind nun geöffnet. Ich beginne zu summen. Während ich die Stufen wieder hinuntergehe und meine Hand über das Geländer gleitet, wird das Summen ein Singsang, ein Sprechgesang. Zuerst nur Vokale, dann Silben, Worte, schließlich Satzmelodien.

Rosa, willkommen in deinem Haus, singe ich, ist nun mein Haus, doch war seit je dein Haus. Rosa, wird dein Haus ewig bleiben. Meine Urgroßmutter, ich begrüße dich, verneige mich vor dir, oh du Rosa. Einen Augenblick halte ich inne, verneige mich, gehe dann in das von Rosa Wohnzimmer genannte und früher nur zu Weihnachten benutzte Zimmer, meine Hand streift die Holzwand, rückt ein Bild ins Lot.

Felician, singe ich, gegrüßet seist du mein Felician, das Bild zeigt dich in der Kindheitslederhose, ernst schaust du drein, ich grüße dich in Rosas Haus, ich grüße dich, Großvater Felician. Wieder Verneigung.

Ich gehe zurück in die Küche, ziehe an der Schnur des Hampelmanns, singe, Kaspar, auch dich grüße ich, Kaspar mein Vater, und ich grüße Zappi, den Hampelmann, du hast ihn gesägt, tauftest ihn Zappi und ich bemalte ihn, ich danke dir, mein Vater Kaspar, für den Zappi. Verneigung.

Oh Rosa, Felician, Kaspar, ihr meine Toten, singe ich und schmiege mich in die Verneigungen, ich grüße euch alle in Rosas Haus im Graben von Hinterstumpf.

Sobald ich in Rosas Haus komme, singe ich diese Ankunftslitanei. Der Singsang bringt mir die Räume näher, das Haus, meine Toten. Ich summe noch, als ich zum zweiten Mal in den Oberstock gehe und an der Türschwelle zu einer Kammer stehenbleibe, nur Bett, Kommode und ein Hocker sind drin. Zuerst leise, doch stetig lauter werdend singe ich in der Kammer. Em, em, Emeri, Emere, Emerenzi, ach Renzi, crescendo, Emerenzia, meine Meret, oh Meret, sei gegrüßt in Rosas Haus, ich grüße dich in unserer Kammer, du fehlst mir, singe ich, wohin bist du gegangen? Von der Kommode nehme ich den bauschigfeinen Pinsel und staube die getrockneten Klatschmohnkapseln ab, Meret hat die Stängel in ihrem letzten Sommer gekürzt, in ein Wachstäfelchen gesteckt und gesagt: Mohnwald. Gegrüßet seist du, meine Meret, singe ich beim Verlassen der Kammer.

Kaspar du Vater, Felician du Großvater, Rosa du Urgroßmutter, Meret du Geliebte, seid alle gegrüßt, singe ich, während ich langsam die Stiegen hinuntergehe. Meret war auf den Namen Emerenzia getauft, diesen Namen lehnte sie ab und duldete, wenn ich sie Renzi oder Meret nannte.

Der Singsang erfasste mich, als ich nach Merets Tod wieder in Rosas Haus kam, aus dem Singsang stieg die Litanei. Ich überließ mich dieser leichten Verrücktheit, erstaunt stockend zuerst, dann nachgebend, mich gehen lassend. Aus der leichten Verrücktheit löste sich mit der Zeit eine innerliche Beweglichkeit. Sie lockerte meinen Trauerpanzer. Der Singsang, die Litanei gehören zu meiner Vorfreude auf das Haus im Graben.

Unten im Vorraum wende ich mich wieder um, gehe noch einmal in den Oberstock und dann hinauf in den Dachboden. Aus einer Schachtel beim Rauchfang ziehe ich ein dunkelblaues daumenbreites Metallröhrchen, öffne den roten Verschluss, drücke die Dachluke auf und paffe Seifenblasen in die Dunkelheit. Das Seifenblasenpaffen gehört seit Merets Tod wie die Litanei zu meiner Rosahausbegrüßung. Hier, auf dem Dachboden in Rosas Haus, mit den Seifenblasen, zwischen dem Bach und den Sternen, ist das Alleinsein schmerzlos. Die Seifenblasen schweben in die Nacht.

Dann zurück, hinunter, in die Küche, aus dem Kühlschrank ein Bier, ins Wohnzimmer, das Fenster öffnen. In einer Hand das Bier, der andere Arm hängt neben dem Körper, die Faust leicht geballt stehe ich an dem Fenster, höre zum Bach. Sobald mich der Tag, die Reise und das Bier ausreichend ermüdet haben, werde ich in diesem Zimmer auf dem Sofa schlafen, am Kopfende eine Stehlampe und schon die Wand.

Im Traum ging ich mit meinem Vater Kaspar zwischen Fichten und seltenen Buchen einen steilen Hang hinauf. Der Boden federt matratzig. Kaspar legt den Kopf nach hinten, ermisst die Breite und Höhe der Stämme, ruft Herrschaftswald, Herrschaftswald und ein Echo bringt zurück Errschawal. Kaspar ist mit einem Mal verschwunden. Ich steige weiter bergauf, Gestank schlägt mir entgegen, ich gehe auf die Stelle zu, die Kaspar mir früher gezeigt hat, eine Höhle in dem Steilhang. Nach jedem Besuch haben wir den Eingang wieder hinter Gestrüpp verborgen. Im Traum ist die Tarnung weggerissen, lose lehnen dort ein paar Äste. Ich schiebe sie mit dem Fuß zur Seite und sehe einen Wildkadaver, verwest, der Kopf fehlt.

Ich erwache mit zwei halblaut gesprochenen Worten: Kopflose Gegend. Ich liege in kaltem Schweiß. Der Gestank, das blutverkrustete Tier, aber vor allem: Das Versteck ist entdeckt.

Bis zu diesem Traum hatte ich geglaubt, kindlich geglaubt, nur wir, Rosa, Felician, Kaspar, Meret und ich wüssten von der Höhle. In dieser Höhle hatte Felician den letzten Winter des Zweiten Weltkriegs verbracht.

Rasch stehe ich auf, schließe das Fenster und lege mich gleich wieder auf das Sofa. Ich wälze mich von einer Seite auf die andere, weiß nicht wohin mit meinen Armen, finde nicht zurück in den Schlaf, stehe schließlich auf, ziehe mich an und verlasse in der Morgendämmerung das Haus. Der Traum hat mir die Lust genommen, über Felicians Steilhang weglos hinauf zu gehen. Aus der Hütte neben dem Haus schiebe ich Kaspars Moped, fahre nach Pinz und die halsbrecherisch steile Straße aufs Plateau. Oben beim Tagsee angekommen, stelle ich das Moped ab und nehme einen um diese Tageszeit wenig begangenen Wanderweg. In aller Früh will ich nicht Stumpfern begegnen. Ich kenne hier jeden, aber ich kann mit keinem reden. Grasige und bewaldete Hügel oder fernerliegend felsige Gipfel formen das Auf und Ab des Plateaus. Die Nähe zu dieser Hochfläche hält mich davon ab, Rosas Haus zu verkaufen. Meret bewegte sich über die Wiesen des Plateaus unbefangen, oft verlor sie in den Wäldern die Richtung, sie kannte die Gegend, nicht die Demütigungen, nur vermittelt durch mich. Sie brachte von Wanderungen über die Hochfläche Begeisterung mit, die mich manchmal ansteckte und für Momente glauben ließ, ich könnte eines Tages, gelöst von Menschensachen, in dieser Landschaft wieder arglos leben, wie ein Kind im Gewohnten. Wenn ich zitierend ausholte Alles, jeder Geruch, ist hier an ein Verbrechen gekettet, an eine Mißhandlung, an den Krieg, an irgendeinen infamen Zugriff … Wenn das auch alles vom Schnee zugedeckt ist,1 dann sagte Meret lachend: aber geh, schau doch hinaus, die Sonne, das Gras, keine Flocke Schnee.

Meret ist aber vor zwei Jahren gestorben. Ihr Tod zerriss die Fäden, die sie im Graben zu meinem Schutz um mich gezogen hatte. Ich bemerkte diese Fäden erst, als das unsichtbare Gespinst fehlte, und ich bei meinen Wanderungen über die Hochfläche versuchte, dem Boden unter meinen Schuhen nahe zu kommen, die Moose auf den Baumwurzeln nicht zu übersehen und mich an Pflanzennamen zu erinnern, nicht aber an Plateaugeschichten. Nach wenigen Schritten übersehe ich schon die Grüns um mich herum, bin blind für grau geschindelte Dächer, sehe weder Felsen, Himmel, Wiesen noch Waldsaum, meine Gedanken kreisen um Menschen.

Da sind die ersten Häuser von Stumpf, die Morgensonne blendet, ich blinzle hinüber zum Moorsee, mitten in Stumpf liegt er, ich schaue zur Kirche, von hier scheint es, als lehne sie am Schloss, in der Neubausiedlung hinter dem Friedhof flattern auf einem Balkon Gebetsfähnchen. Ein Pfad zwischen Wiesen führt in den Ort. Die Verkäuferin beim Bäcker hält mich für einen Feriengast. Mich kennen hier doch nicht alle.

Mit dem Brot im Rucksack ging ich über die Hügel und durch den Wald zurück zum Moped, fuhr die Steilstrecke hinunter zum Graben.

Ich heize den Sparherd, koche Schrotsuppe, Kaffee, frühstücke, wische dann den Küchentisch ab, ein Resopaltisch, die Platte grau gestrichelt mit weißem Grund. Wenn Rosa den Tisch abwischte, sagte sie: pflegeleicht. Sie wiederholte dieses Wort gern, betonte alle drei Silben, als schmecke sie die ab, sprach das ch kehlig, das Wort passte nicht zu ihr, nicht zum Dialekt des Innergebirges. Sie hatte dieses Wort gesprochen, als verschaffe es ihr Zugang zur modernen Zeit. Aus der alten Zeit ist in der Küche nur der Sparherd geblieben.

Vor längerem schon habe ich Tonpapier in unterschiedlichen Farben in Rosas Haus gebracht. Nach dem Frühstück hole ich das Papier aus der Lade unter dem Wohnzimmersofa und schneide auf dem Küchentisch Bögen in gleichem Format, schneide auch eine Pappschablone, ziehe darauf eine Linie, markiere sieben Punkte, loche sie mit einer Ahle und übertrage die Lochung randseitig auf die Bögen. Mittig aufs Deckblatt schreibe ich mit Filzstift: Meine Toten. Weil ich von dem Weg geträumt habe, den mein Vater Kaspar oft mit mir gegangen war, beginne ich mit einem Bogen für ihn. Später will ich auf die erste Seite den Stammbaum schreiben, damit man leicht den Überblick über die Personen bekommt. Man? Ich mache mich lächerlich. Ich habe weder Geschwister noch Nachkommen. Ich bin der letzte Schwedenreiter. Wie die alpenländischen Grastrocknungsvorrichtungen, nach denen wir heißen, in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ausstarben und in den neunziger Jahren durch die Plotteggs ersetzt wurden, wird mit mir, Paul Schwedenreiter, das Geschlecht der Schwedenreiter aussterben. Dennoch will ich mein Totenbuch schreiben. Nach mir wird niemand mehr da sein, der meine Geschichte und die meiner Vorfahren kennt. Das Buchformat erscheint mir nun recht groß, ich teile den Bogen in drei Spalten und ziehe Querlinien, oben die Überschrift:

Kaspar Taghauber

geboren am 17. Februar 1940 in Hinterstumpf, gestorben am 3. November 2005 in Zach, Urnengrab auf dem Zentralfriedhof Wien.

Kaspar erzählte wieder und wieder ein und dieselbe Geschichte. Er sagte, das sei die Geschichte von den zwei Sätzen.

Zwischen zwei Sätzen

Der erste Satz lag unter dem Brot. Rosa fand ihn, während sie das Frühstück für sich und für Kaspar gerichtet hat. Kaspar kam später in die Küche. Sie gab ihm wie jeden Tag die Milch und das Brot. Er merkte von dem Satz unter dem Brot nichts. Er war vier Jahre alt.

In Rosas Haus im Graben ist er aufgewachsen. Sie war seine Großmutter und war für ihn zugleich seine Mutter. An dem Morgen mit dem Brotsatz war sein Vater Felician nicht da. Er war viele Wochen zum Gesundwerden bei ihnen gewesen. Er hatte Granatsplitter in seinem Rücken und genug vom Krieg. Rosa sagte Kaspar nichts von dem Brotsatz, er hätte ihn nicht verstanden oder ihn womöglich einem Besucher gesagt: Ich bin nicht mehr eingerückt.

Felician hat den Satz auf einen Zettel geschrieben, den legte er unter das Brot und ging fort. Mehr wusste Rosa nicht. Auf einer Alm wird er wohl sein, dachte sie und wusste, sie durfte nicht nach ihm fragen. Auf den Almen lebten einige versteckt, die nicht mehr einrücken wollten. Vielleicht ist er aber dort, wo er aufgewachsen ist, dachte sie; das war nicht bei ihr, sie war Magd gewesen und hatte ihren unehelichen Felician nicht aufziehen können.

In den nächsten Monaten kamen Gendarmen, suchten auf den Almen, fragten in den Häusern. Einmal kamen sie den Männern, die nicht zurück in den Krieg gingen, so nah, dass die den Gendarmen vor die Füße schossen. Die Gendarmen holten Verstärkung. Ein Bataillon SS gegen sieben Fahnenflüchtige, gegen fünfzig Häuser und viele Heustadeln.

Draußen war es noch dunkel, als sie alle aus Rosas Haus jagten. Vor dem Haus standen Männer mit Gewehren. In der Morgendämmerung fragten sie Kaspar auf der Brücke über den Bach nach seinem Vater. Er verstand weiter nichts, er war vier Jahre alt. Dann kam der Mann, der sonst in einem Buckelkorb die Ferkel von einem zum anderen Bauernhof brachte; der setzte ihn in diesen Buckelkorb und trug ihn zu seiner Mutter, sie war mit Felician nicht verheiratet und Magd im nächsten Dorf.

Kurz bevor das Bataillon kam, waren die Männer auf der Alm gewarnt worden. Felician flüchtete zu einem abgelegenen Stadel. Drinnen hob er etwas Erdreich aus, flocht über die Mulde ein Gitter aus Haselruten und kauerte sich hinein. Jemand warf Heu auf die Haselruten. Die feuchte Hitze nahm Felician den Atem. Jemand schob ihm nachts durch ein heimliches Schlupfloch Wasserflaschen und Brot. Die SSler durchbohrten jeden Heustadel in der Gegend mit eigens zugerichteten Lanzen. Die Haselruten schützten Felician. Ihn fanden die SSler nicht, aber sie fanden Rosa.

Sie kam nach Salzburg zur Gestapo, dort wurden viele gefoltert und manche haben dann geredet. Von der Gestapo kam Rosa in ein Konzentrationslager. Dort habe sie der Alltag zerschlagen, sagte sie. Wenn sie im Lager Fieber hatte, hätten ihr die Gedanken an Kaspar die Kraft gegeben zum Appellstehen. Appell, das war Stundenlangstillstehen, Sichnichtrühren im Sturm, Stillstehen im Hagel, Stillstehen im Donner, Stundenhabtacht im Eis, Stundenlangnichtumfallen im Regen, Stillstehen im Blitz, Stundenlangnichterfrieren im Schnee.

Als sie aus dem Konzentrationslager zurückkam, nahm sie Kaspar wieder zu sich. Ihr Haus im Graben war ausgeraubt, kein Sessel mehr da, nicht einmal das Brotkörberl haben ihr die Plünderer gelassen, nur der Sparherd stand noch da. Kaspar war fünf Jahre alt, er freute sich über Rosa, ihn störte nicht, dass sie am Anfang nur Stroh auf dem Boden hatten zum Liegen.

Die Gemeinde half Rosa nicht, weil sie eine Politische gewesen wäre. Das Land unterstützte sie nicht, weil ihr Sohn Felician als Deserteur gegen das Regime verstoßen habe, gegen ein Verbrecherregime zwar, aber immerhin Regime.

Schleich di du Bettlerbua. Der zweite Satz. An einem sonnigen warmen Tag, der Krieg ist vorbei, fliegt der zweite Satz von einem Bauernhaus herunter über den steilen Hang. Kaspars Satz. Ein Bauer rief ihm den Satz zu, als er mit der Großmutter auf dem Weg zu dessen Hof war. Jeden Tag haben sie bei den Bauern um Essen gebettelt, damit sie nicht verhungerten. Felician konnte ihnen nicht helfen. Bis zu seinem Tod lebte er mit der Schande des Dagegengewesenseins, des Feigseins, ließ sich selten blicken, war die ersten Jahre nach dem Krieg mehr im Wald als unter Menschen.

Als Kaspar acht Jahre alt war, schrieb Rosa an ein Ministerium in Wien: … musste ich ins KZ Lager … unterdessen wurde das Häusel ausgeplündert. Bitte um Gnade mich anzuhören und eine Beihilfe zu gewähren, ich bin arm, mein Mann ist vermisst.

1964 wurde Kaspar 24 Jahre alt, und Rosa bekam zum ersten Mal vom Land eine Opferfürsorgerente. Weder Rosa noch Felician erlebten eine Rehabilitierung.

Ich lege den Stift nieder. Es ist Nachmittag geworden. Ich spüre die Schreibhand. Kaspars Geschichte weckt das Uralte in mir, die Angst des Großvaters, seine Lebensscham. Felician desertierte und überlebte die Nazizeit, sein weiteres Leben lang hat er sich geschämt. Geschämt fürs Desertieren, geschämt fürs Überleben, geschämt fürs AufderWeltSein. Sogar für seinen Namen hat er sich geschämt. In der Stumpfer Gegend heißen Männer seines Jahrgangs Josef, Johann, Jakob. Rosa hatte ihren Sohn nach einem Feriengast genannt. Felicians Angst und seine Scham gingen in meinen Vater, und mit ihnen bin ich aufgewachsen. Meine vielen Erwachsenenjahre kommen nicht und nicht auf gegen die wenigen Kinderjahre. Ich weiß oft nicht, gehört das Uralte dem Großvater, dem Vater oder mir selbst. Jetzt meldet es sich als Zappeln im Kopf, als Hitze am Hals, als Scheu, am Abend hinauf nach Stumpf zu fahren, wo die Ortschronik vorgestellt wird. Sie ist aber der Grund, warum ich diesmal ins Innergebirge gekommen bin, sie war gestern vor der Abreise aus Wien der Grund meiner Vorfreude. Die Chronik wird auch von Rosa und Felician berichten, die Chronik wird ihre Rehabilitierung sein. Morgen schon werde ich den Chroniktext in mein Totenbuch übertragen.

Ich rufe Wawi an, frage, ob sie am Abend zur Veranstaltung gehe. Bist verrückt, sagt sie, ich muss meine Nerven schonen. Aber es wird doch die Chronik präsentiert, sage ich. Ja eben, erwidert sie.

Barbara Selb, genannt Wawi, ist wie mein Vater Kaspar 1940 in Hinterstumpf geboren. Ihr Vater ist desertiert, er hat aber die Nazizeit nicht überlebt. Er hat nicht einmal ein Grab. Keiner der ermordeten Deserteure hat ein Grab.

Vor längerer Zeit war Wawi beim Pfarrer, bat um eine Erinnerungstafel für ihren Vater auf dem Stumpfer Friedhof. Der Pfarrer war zuerst nicht abgeneigt. Als sie ein zweites Mal bat, lehnte er aber ab, weil ihm zu Ohren gekommen sei, Wawis Vater wäre ein Frauenheld gewesen. Wawi wurde zornig, fragte, ob die Kinderschänderpriester auf katholischen Friedhöfen nicht begraben würden, ob die Toten ein Moralzeugnis, ein polizeiliches Führungszeugnis brauchten, bevor ein katholischer Friedhof sie aufnähme, ob er als Pfarrer die Hand ins Fegefeuer legen würde für alle Toten auf dem Stumpfer Friedhof, ob dort nicht auch lägen die SSler, die illegalen Nazis, Hochverräter ihrer österreichischen Heimat, ob das für ihn die Ehrenmänner wären? Der Pfarrer sagte, sie solle augenblicklich verschwinden. Wawi wohnte schon lange nicht mehr in Stumpf. Das Leben hatte sie klug gemacht und ihr die Angst genommen. Nach dem Zornausbruch beim Pfarrer war sie aber lange krank gelegen. Zur Präsentation der Ortschronik will sie nicht kommen, sagt sie jetzt noch einmal am Telefon und fragt, ob ich denn die Stumpfer immer noch nicht kenne?

Am Abend nehme ich das Auto und fahre über Zach, die weniger steile Strecke, nach Stumpf. Woher kommen wir, wohin gehen wir? fragt ein Plakat vor dem Schloss und kündigt die Vorstellung der Chronik als den Höhepunkt der Bildungswoche 2008 an. Ich bin spät genug gekommen, die Gäste sind schon im Saal, ich muss niemanden begrüßen.

Woher kommen die Hoteliersfamilien, die Gastwirtsfamilien, die Bürgermeister ex und vize, die Lehrer und Lehrerinnen, die Trachtenmusikantinnen, die Chefs des Kulturclubs und Tourismusvereins samt Gattinnen, woher kommen die Stumpfer Gemeinderäte, die Veranstalter der Literaturtage, die Grafenfamilie und die Pfarrer, und wohin gehen sie? Gehen sie denn? Sie haben doch Platz genommen, sie sitzen, sitzen seit Jahren, sitzen seit Jahrzehnten, sitzen aus, sind sitzen geblieben und werden sitzen bleiben bis alles ausgesessen und Gras gewachsen ist. Ich stehe hinten im Rittersaal an einer Säule und kann mich zum Sitzen nicht entschließen. Ich stehe. Bin ich der Aussteher? Ich schaue in die Rücken der Aussitzer. Ich hätte Wawis Rat folgen und zuhause bleiben sollen. Die Chronik hätte ich mir nach Wien schicken lassen können. Zwischen den Honoratioren sehe ich Pertil, Cornel Pertil. Er sitzt dort, als wäre er ein Stumpfer, als gehöre er zu den Sitzern, den Aussitzern. Woher kommt Pertil in Jeans und Trachtenjanker, wohin geht er?

Ein Exbürgermeister referiert über Themen der Chronik. Sie reichen von den jungsteinzeitlichen Funden, über Flora und Fauna, den Tourismus, die Gesundheit bis zum Sport, nicht zu vergessen das Brauchtum. Und dann das Lob, wechselseitig das Schulterklopfen. Zum Abschluss Violine und Klavier, österreichisch-japanisches Duo, Achsenmächte, denke ich unwillkürlich. Ich bin als Erster draußen beim Büchertisch, drinnen klatschen noch und noch die Aussitzer. Ich kaufe die Chronik und gehe schnell zum Auto, gehetzt, als liefe ich davon. Die Kriegszeit, sage ich mir unterwegs, die Kriegszeit hat der Bürgermeister nicht erwähnt, und dieser Satz wiederholt sich ohne mein Zutun während der Fahrt in den Graben hinunter.

In Rosas Haus will aus mir dann kein Summen, keine Litanei, eher muss ich mich zwingen zu atmen. Den Sparherd heize ich nach und beginne zu lesen. Spät in der Nacht hole ich noch einmal die Bögen des Totenbuchs hervor. Ich lege einen Bogen für Rosa an.

Rosina Mitterseiler, genannt Rosa

in Hinterstumpf geboren am 24. Mai 1901 und dort am 2. November 1991 gestorben. Urnengrab auf dem Zentralfriedhof Wien. 1944 wurde sie in Hinterstumpf verhaftet, weil ihr Sohn Felician desertiert war. Sie kam in ein Konzentrationslager nördlich von Berlin. Im April 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das KZ, und Rosa kehrte im Sommer 1945 nach Hinterstumpf zurück.

Liebe Rosa, schreibe ich, als schriebe ich ihr einen Brief, zum ersten Mal bin ich einverstanden, dass du gestorben bist und den heutigen Tag nicht erlebt hast. Die Stumpfer haben ihre Chronik vorgestellt. Sie findet kein gutes Wort für dich und die anderen, die in dunkler Zeit das Selbstverständliche getan haben.

Rosa ist meine Urgroßmutter, ich empfinde sie als Mutter. Meine echte Mutter, Maria Schwedenreiter, einmal zumindest sei sie genannt, starb bei meiner Geburt, von ihr habe ich nur den Familiennamen und zwei Fotos. In unserer Sippe haben alle den Familiennamen von der Mutter.

Wenigstens die Nächte versuchten die Dienstboten an sich zu reißen. So pflanzte man sich von einer Finsternis in die andere fort.2

Rosa hat mich aufgezogen. Ihr einziger Sohn Felician ist nicht bei ihr aufgewachsen, weil sie Magd war, sie durfte ihren unehelichen Sohn auf den fremden Hof nicht mitnehmen. Aber meinen Vater Kaspar und mich zog sie auf. Für Kaspar wie für mich war Rosa Mutter, vielleicht empfand ich Kaspar deshalb manchmal eher als Bruder, denn als Vater.

Ich nehme einen neuen Bogen Tonpapier, für Felician, noch in dieser Nacht will ich ihm schreiben.

Felician Mitterseiler

geboren am 18. April 1920 in Hinterstumpf, gestorben am 2. November 1988 in Zach. Urnengrab auf dem Zentralfriedhof Wien.

Lieber Felician, rede ich ihn an, als könnte ich Zwiesprache mit ihm halten. Ich brauche jetzt die Nähe meiner Toten. Lieber Felician, zum Glück bist du tot. Seit heute hat Stumpf eine Ortschronik. Sie nennt dich und die anderen, die den Frieden und die Heimat zurück haben wollten, eine gefährliche Landplage. Euretwegen wäre Stumpf fast deportiert worden.

An Kaspar schreibe ich: Lieber Vater, heute verstehe ich, warum du ungern in Stumpf gelebt hast, warum ihr alle nicht im Innergebirge begraben sein wolltet. Ich will hier auch nicht begraben sein.

Ich rolle die Bögen des Totenbuchs in Zeitungspapier und schiebe sie in meinen Rucksack. Meret hat noch keine Seite in dem Totenbuch. Ich weiß nicht, ob ich über sie je etwas in dieses Buch schreiben werde. Sie ist lebendig in mir, ich will sie nicht verlieren.

Spät in der Nacht rufe ich Pertil an.

Bist du ein erfolgreicher Unternehmer aus Stumpf?

Pertil: Ja was redest denn du?