Schwesternschwur - Lisa Wingate - E-Book

Schwesternschwur E-Book

Lisa Wingate

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Beschreibung

Die Kinder der indigenen Völker Amerikas, von der Justiz im Stich gelassen, und der Kampf für Gerechtigkeit ...

Oklahoma 1909. Die elfjährige Olive weiß, dass ihr Stiefvater es nicht gut mit den beiden Choctaw-Mädchen meint, die als Mündel in seinem Haus untergebracht sind. Als das ältere Mädchen verschwindet, flieht Ollie mit der sechsjährigen Nessa in die Winding Stair Mountains, das berüchtigte Revier der Geächteten und Schatzsucher, wo sie auf Gleichgesinnte treffen. Erst Jahrzehnte später wird Licht auf das Schicksal der Mädchen fallen, die verzweifelt um ihr Überleben kämpften in einer Welt, in der Frauen und Kinder nichts wert sind und die geprägt ist von politischen Konflikten, Korruption und Gier.
Endlich der neue mitreißende Roman von SPIEGEL-Bestsellerautorin Lisa Wingate – inspiriert von einer wahren Begebenheit!

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Seitenzahl: 611

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Autorin

© Curtis W. Callaway

Die Amerikanerin Lisa Wingate, geboren im rheinischen Landstuhl, ist Journalistin und Autorin mehrerer preisgekrönter Romane. Ihren großen Durchbruch feierte sie mit »Libellenschwestern«. Der Roman führte nicht nur die »New York Times«-Bestsellerliste über ein Jahr hinweg an, er eroberte auch die SPIEGEL-Bestsellerliste sowie die Herzen Tausender Leserinnen und Leser im Sturm. Die Autorin lebt in den Ouachita Mountains in Arkansas, USA.

»Ich musste zusehen, wie Menschen Waisen bestohlen haben oder zuließen, dass sie umkamen oder verhungerten. Kein Bürger schert sich darum, ob ein Waisenkind bestohlen oder getötet wird oder verhungern muss, weil diese Kinder tot weniger Aufwand bedeuten, als wenn sie am Leben wären.«

Kate Barnard, Bevollmächtigte für Soziales und Erziehung des Staates Oklahoma, 1907–191»Oklahoma Kate« Barnard, photo from The American magazine Oct, 1908, Wingate Media Collection

Buch

Oklahoma 1909. Die elfjährige Olive weiß, dass ihr Stiefvater es nicht gut mit den beiden Choctaw-Mädchen meint, die als Mündel in seinem Haus untergebracht sind. Als das ältere Mädchen verschwindet, flieht Olive mit der sechsjährigen Nessa in die Winding Stair Mountains, das berüchtigte Revier der Geächteten und Schatzsucher, wo sie auf Gleichgesinnte treffen. Erst Jahrzehnte später wird Licht auf das Schicksal der Mädchen fallen, die verzweifelt um ihr Überleben kämpften in einer Welt, in der Frauen und Kinder nichts wert sind und die geprägt ist von politischen Konflikten, Korruption und Gier.

Von Lisa Wingate bereits erschienen:

Libellenschwestern · Die Glasperlenmädchen

Lisa Wingate

Schwestern-schwur

Roman

Deutsch von Andrea Brandl

Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Shelterwood« bei Ballantine Books, einem Imprint von Random House, Penguin Random House LLC, New York.

Das Zitat stammt aus Henry Wadsworth Longfellow, »Evangeline«, aus dem Englischen von Frank Siller, Ernst Keil Verlag, 1879.

Das Zitat stammt aus Charlotte Brontë, »Jane Eyre«, aus dem Englischen von Andrea Ott, Manesse Verlag, 2016, Ausgabe Penguin Books, S. 24.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright der Originalausgabe © 2024 by Wingate Media, LLC

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2025 by Limes in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Susann Rehlein

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de nach einem Entwurf von The Book Designers

Umschlagabbildungen: Jelena Simic Petrovic/Arcangel (Mädchen), Piotr Krzeslak/Shutterstock (Wald), xpixel/Shutterstock (Baumstamm)

KW · Herstellung: KH

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-32626-5V004

www.limes-verlag.de

Für Kate Barnard und Gertrude Bonnin.

Für all die Frauen, die sich bereits früh an den Kämpfen beteiligt haben, und all die Kinder, für deren Rettung sie kämpften.

Für Angie Debo, die die Geschichte erzählte, ehe sie in Vergessenheit geraten konnte.

Für all die skandalösen Frauen, die uns den Weg bahnten und sich weigerten, ein Nein als Antwort hinzunehmen.

»Ich musste zusehen, wie Menschen Waisen bestohlen haben oder zuließen, dass sie umkamen oder verhungerten. Kein Bürger schert sich darum, ob ein Waisenkind bestohlen oder getötet wird oder verhungern muss, weil diese Kinder tot weniger Aufwand bedeuten, als wenn sie am Leben wären.«

Kate Barnard, Bevollmächtigte für Soziales und Erziehung des Staats Oklahoma, 1907 – 1915

PROLOG

Oklahoma, 1990

Wahrscheinlich waren die Geschichten des alten Mannes, der vor dem Dairy Queen in Ada, Oklahoma, auf der Bank saß, reine Erfindung. Er gab die wildesten Storys zum Besten, während er mit seinem Barlow-Taschenmesser, dessen Klinge schon ganz dünn war, an Zweigen herumschnitzte. Whittle and talk, schnitzen und faseln, das war es, was er tat. Deshalb nannten die Leute ihn Whittles.

1962, kurz nachdem der Alte erstmals aufgetaucht war, verliehen ihm die Jungs der landesbesten Highschool-Footballmannschaft wegen seiner alten Bomberjacke noch zusätzlich den Spitznamen Sergeant. Sergeant Whittles. Doch der Mann konnte Geschichten erzählen, dass den Kindern die Haare zu Berge standen, und so wurde der Name immer respektvoll ausgesprochen. Whittles berichtete, er sei Minenarbeiter, Schatzsucher und Pferdedieb gewesen und in Wildwestshows aufgetreten, ein Hansdampf in allen Gassen, der sich so durchgeschlagen hatte, bis er 1914, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, in die Armee eingetreten war. Er hatte sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg gedient und außerdem in Korea.

Mehr als einmal hatte er den eigentümlichen Kitzel verspürt, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Er hatte das Schicksal herausgefordert und war mehr als einmal in letzter Sekunde entronnen. Er redete so eindrücklich davon, dass sich seine jungen Zuhörer noch Jahre später an Whittles’ überbordende Geschichten und die Stunden auf dieser Bank vor dem Dairy Queen erinnern konnten.

Deshalb war es kein Wunder, dass die beiden ehemaligen Spitzenspieler der Highschool-Meistermannschaft von 1962 – inzwischen fast dreißig Jahre älter – auf den alten Sergeant Whittles kamen, als sie drei Stunden westlich von Ada mit einem Laster durch die Winding Stair Mountains tuckerten.

Es entspann sich eine Diskussion über den Wahrheitsgehalt einer Geschichte, die Whittles ihnen am Halloween-Abend ihres Abschlussjahrs erzählt hatte. Der Fahrer glaubte, dass sie stimmte, sein Beifahrer hingegen war überzeugt, dass der alte Sergeant ihnen einen Bären aufgebunden hatte. Die Diskussion wurde hitziger und gipfelte nach ein paar Getränken an der Hotelbar in einer Wette, die dazu führte, dass sie einen Einheimischen ansprachen, der ihnen gegen ein paar weitere Biere auf der Karte die betreffende Gegend zeigte.

Auf dem Rückweg hielten sie dort an und stiegen aus. Was als harmlose Wanderung begann, endete in einer Kletterpartie.

»Hey, ich sehe etwas!«, ruft der Fahrer.

Der Beifahrer bleibt stehen, wobei er erstaunt feststellt, wie weit er inzwischen zurückgefallen ist. »Ja? Was hast du gefunden?« Er keucht, überlegt, ob er lieber bleiben soll, wo er ist. Die Wette, die kurze Nacht, das viele Bier … keine gute Idee. Der alte Whittles hätte sich vor Begeisterung bestimmt auf die Schenkel geklopft – zwei Typen mittleren Alters, die nur wegen einer Geschichte, die sie vor Jahrzehnten gehört haben, mitten in der Einöde einen Hang hinaufkraxeln.

»Da ist … eine kleine Höhle … glaube ich«, ruft der Fahrer. »Wie Whittles gesagt hat.«

Der Zweifler erstarrt.

Das kann doch nicht sein, denkt er, oder etwa doch? Er blickt hinauf zur Sonne, während Gesteinsbrocken und Gestrüpp ihm entgegenrollen. Sein Kumpel verschwindet im Fels, er selbst jedoch macht keine Anstalten, ihm zu folgen. Das Gesehene hat ihn erstarren lassen.

Als unsere Vorfahren in den Südosten Oklahomas kamen, sahen sie als Erstes die wunderschönen bewaldeten Winding Stair Mountains. Sie sind unser Plymouth Rock, unser Mississippi River, unsere Rocky Mountains, unser Pazifik.

Ron Glenn, Winding Stair Mountain Wilderness bill, Nr. 2571, Kongressanhörung, 1988

KAPITEL 1

Valerie Boren-Odell, Talihina, Oklahoma, 1990

Liebe Val,

ich will kein Blatt vor den Mund nehmen. Träume sind etwas Wunderbares, nur muss eine alleinerziehende Mutter praktisch denken. Bitte sag mir, dass es nicht zu spät ist, zu deiner alten Stelle im Arch in St. Louis zurückzukehren?

Hast du den Verstand verloren? Talihina, Oklahoma? Ohne Brille finde ich dieses Kaff noch nicht mal auf der Karte. Kein Wunder, dass du uns nicht vorgewarnt hast. Übrigens fragt Kenneth schon nach dir. Er dachte, aus euch könnte mehr werden als nur Freunde. Mit Trauer kenne ich mich aus, Liebes, aber sehen wir den Tatsachen doch mal ins Auge: Würdest du wieder heiraten, hättest du all die Geldsorgen nicht. Wenn du Kenneth nicht anrufst und Klarheit schaffst, verrate ich ihm Adresse, wo ich diese Karte hinschicke.

Pack Charlie ins Auto und fahr nach Hause. Ich weiß, dass du immer schon ein Freigeist warst, aber es ist an der Zeit, endlich erwachsen zu werden.

Gram

Ich lese die Postkarte zum dritten Mal, seit ich sie auf dem Weg zur Arbeit aus dem Briefkasten geholt habe, dann lasse ich den Blick über das atemberaubende Tal unter dem Emerald-Vista-Aussichtspunkt schweifen und überlege, wie tief ich in Schwierigkeiten stecke. Meine Großmutter hat über fünfzig Jahre Englisch an der Highschool unterrichtet und schreibt grundsätzlich in grammatikalisch korrekten Sätzen.

Die Adresse, wo ich diese Karte hinschicke.

Sie ist wütend. Diese Karte soll mich aufrütteln und es funktioniert. Mir einen kleinen Schreck einjagen. Auch das hat geklappt.

Ich befinde mich im südöstlichen Oklahoma, wo die Landschaft nach Regenfällen in tiefe morgendliche Schatten getaucht ist und der Dunst wie eine dicke Decke über allem liegt. Es herrscht eine gespenstische Atmosphäre der Zeitlosigkeit – ein perfekter Ort für eine Frau und einen siebenjährigen Jungen, um von der Bildfläche zu verschwinden.

Eine Brise kommt auf, wirbelt die Seiten des Ordners auf, den ich aus meinem Rucksack genommen habe, um die Postkarte herauszuholen. Der Broschürenentwurf und ein halbes Dutzend Edelpapiermuster trudeln auf den Asphalt. Ich sollte sie auffangen, doch stattdessen stehe ich stocksteif da, während meine Gedanken zu dem fröhlich gelben Haus schweifen, das die einzige annehmbare Tagesbetreuung für Kids beherbergt.

Los, geh ihn abholen, sage ich mir. Hol ihn ab, pack eure Sachen in den Wagen und fahr los. Das ist doch Irrsinn. All das ist blanker Irrsinn.

Stattdessen hole ich tief Luft. Die Morgenluft fühlt sich schwerer, grüner und wärmer an, als ich es für Mai kenne. Sie riecht nach Sommer. Nach Sommer, Erde, feuchtem Stein und Fichtenkiefer und auf eine so verlockende Weise anders als die Luft in St. Louis, dass mein Herz schneller schlägt.

Seine Sehnsucht nach rauer Natur habe ich ebenso geerbt wie die graugrünen Augen meines Vaters und sein dickes kastanienbraunes Haar. Er hat diese Leidenschaft in mir entfacht, bevor ein Einsatz in Vietnam das stillschweigende Ende der zehnjährigen Ehe meiner Eltern eingeläutet hat und die tiefste Provinz der einzige Ort war, an dem er Frieden finden konnte. Um überhaupt Zeit mit ihm verbringen zu können, musste ich ihn in die Wälder begleiten, deshalb fuhr mich meine Großmutter so oft wie möglich aus den Vororten von Kansas City in den Shawnee-Nationalforst, wo ihr einziger Sohn, der noch am Leben war, als Führer von Wander- und Floßtouren arbeitete. Meine Großmutter sorgte dafür, dass diese Aufenthalte für mich ein Geschenk und nicht eine Last waren und ich sie wirklich genoss.

Wenn also jemand verstehen können sollte, dass ich im frisch geschaffenen Horsethief-Trail-Nationalpark in den Winding Stair Mountains arbeiten möchte, dann doch meine Großmutter. Nun jedoch frage ich mich, ob es für sie so ist, als wiederhole sich die Geschichte – der nächste Elternteil, der vor seinem Schmerz flieht, statt sich ihm zu stellen. Das nächste hilflose Kind.

Was ist dieser Umzug? Ein rücksichtsloser Fluchtversuch oder ein kluger Karriereschritt? Die Position hier entspricht einer Besoldungsstufe GS-9, wohingegen meine Tätigkeit im Arches-Nationalpark, wo ich Touristen über Rasen- und Betonflächen herumführen durfte, eher den Aufgaben einer Stufe 5 entsprach; mehr hätte ich aber nicht leisten können, als Charlie drei Jahre alt war und es plötzlich keinen Vater mehr in seinem Leben gab. Doch jetzt ist er älter. Dies hier ist meine Chance, bei der Parkpolizei wieder einzusteigen. Ich hätte nie gedacht, dass ich die Stelle in der neu gegründeten Einheit hier bekäme, und weiß nach wie vor nicht, warum sie mich genommen haben. Aber nun bin ich hier.

Das ist nicht egoistisch, sage ich mir, sondern notwendig. Wäre Joel hier, würde er mir raten, die Gelegenheit beim Schopf zu packen.

Allein der Gedanke erfüllt mich mit einer bittersüßen Mischung aus Wärme und Sehnsucht. Ich wünschte, er wäre hier, um diesen Anblick mit mir gemeinsam zu genießen. Joel liebte nichts mehr als einen Berg, den er noch nicht erklommen hatte.

»Hey … Ihre Sachen.« Die Stimme dringt wie aus weiter Ferne an meine Ohren. »Ranger, Sie haben Ihre Unterlagen fallen lassen.«

Ich kehre auf den Planeten Erde und den Emerald-Vista-Aussichtspunkt zurück und bin mit einem Mal nicht länger allein. Ein mageres Teenagermädchen kommt den Weg vom nahe gelegenen Campingplatz entlang und rennt über die Straße, um Jagd auf meinen Broschürenentwurf zu machen. Sie ist elf, vielleicht zwölf, nur ein paar Jahre älter als Charlie, drahtig und mit langem, dunklem Haar.

Den Ordner an meine Brust gedrückt, hebe ich die Blätter zu meinen Füßen auf. Als ich mich aufrichte, hat das Mädchen die restlichen Papiermuster eingefangen und bringt sie mir. Sie trägt abgeschnittene Jeansshorts und ein ausgewaschenes T-Shirt mit »Antlers Bearcats Baseball«-Aufdruck. Ich überlege, wo Antlers genau liegt. Ein Stück den Kiamichi River in südliche Richtung. Ich habe es auf der Karte gesehen.

»Hier bitte, Ranger«, sagt das Mädchen mit einer kindlichen Bewunderung, die mich daran erinnert, dass ich heute zum ersten Mal meine offizielle Uniform trage. Meine ersten Tage am neuen Standort vergingen qualvoll langsam. Zwei endlose Wochen, in denen ich mich abwechselnd mit den Wanderwegen und lokalen Gegebenheiten vertraut machen, öde Büroarbeiten erledigen und die Broschürentaschen an Anschlagtafeln auffüllen durfte. Heute trage ich die Uniform inklusive Rangerhut. Doch wieder hat man mir bloß langweilige Routinearbeiten aufs Auge gedrückt.

Das Mädchen mustert mich von oben bis unten. »Hey, Sie sind ja eine Rangerin!« Sie blinzelt, als wäre ein Ufo direkt vor ihr gelandet. Das ist einer der Vorteile, hochgewachsen zu sein – auf den ersten Blick gehe ich als einer der Jungs durch, obwohl die mich gleich zu Beginn zurechtgestutzt haben, dass ich definitiv keiner von ihnen bin. Ein weiblicher Park Ranger im Horsethief Trail übersteigt eindeutig ihr Vorstellungsvermögen.

Doch dieses Mädchen scheint es gut zu finden, deshalb ist es mir auf Anhieb sympathisch. »Das ist ja cool«, sagt sie.

»Danke.« Ich fächere die Papiermuster wie ein Kartenspiel auf. »Und? Hast du einen Favoriten? Ich bin gerade dabei, das Material für die offizielle Eröffnungszeremonie des Parks auszusuchen.« Noch mehr Bürokram von meinem neuen Vorgesetzten, Chief Ranger Arrington. Nehmen Sie sich doch die Zeit, sich in aller Ruhe einzuarbeiten. Fehlte nur noch, dass er mir den Kopf tätschelte.

»Sieht so aus, als wäre der Park schon geöffnet«, bemerkt das Mädchen. »Der Ausflugsbus der Kirche ist gerade auf den Campingplatz gefahren, weil irgendein Kind alles vollgekotzt hat. Zelten tut da unten zwar niemand, aber das Tor ist nicht verschlossen.«

»Die Eröffnungsfeier findet erst in anderthalb Wochen statt, aber, ja, man kann schon alles benutzen.« Viele der Naherholungsgebiete im Nationalpark stammen von vor fünfzig Jahren, Erweiterungen und Modernisierungsmaßnahmen für fünfzehn Millionen Dollar haben ihm die offizielle Benennung Horsethief-Trail-Nationalpark beschert.

»Meine Großmutter hat mir erzählt, dass die hier oben alle möglichen neuen Wanderwege anlegen und so«, plappert das Mädchen. »Sie wollte mit mir herkommen und mir alles zeigen.«

»Tolle Idee.«

»Das Problem ist bloß, dass sie gerade nicht kann.« Ein hoffnungsvoller Blick schweift zu meinem Dienstwagen. »Aber es könnte auch jemand anderes machen, weil ich den ganzen Sommer hier festsitze in dem blöden Talihina. Wo ich nie im Leben neue Freunde finden werde.«

Sie übertreibt wohl ein bisschen, trotzdem nicke ich mitfühlend. »Bestimmt bieten wir alle möglichen Aktivitäten für Teenager an, sobald wir genügend Personal haben.« Besucherprogramme fallen nicht in meinen Zuständigkeitsbereich, doch zu den kulturellen und historischen Highlights der Region zählen Erdhöhlen der prähistorischen Caddo-Mississippi-Kulturen, außerdem Steine mit Wikingerschriftzeichen, die entweder echt oder gefälscht sind, je nachdem, wen man fragt, wilde Geschichten von französischen und spanischen Schätzen, Gerüchte von versteckter Beute irgendwelcher Gesetzloser, Schauplätze aus dem Bürgerkrieg, die Militärstraße aus den 1830ern und der Horsethief Trail, über den in früheren Jahrhunderten gestohlene Tiere zwischen Kansas und Texas geführt wurden. »In diesen Bergen findet man an jeder Ecke Geschichte.«

»Ja, meine Grandma kennt sich damit aus. Sie ist schon, keine Ahnung, eine Ewigkeit hier.«

»Interessant.« Ihre Bekanntschaft zu machen, könnte sinnvoll sein.

Gerade als ich nachfragen will, fährt ein Wagen mit dem himmelblau-gelben Emblem der Choctaw Nation auf der Fahrertür heran. Der frische Lack ist ein deutliches Zeichen, dass die Stammespolizei ihre Präsenz in der Region verstärkt.

Der Horsethief-Trail-Nationalpark liegt mitten im Gebiet der zehneinhalb Countys, die in den Gerichtsbezirk der Choctaw Nation fallen. Selbst in der kurzen Zeit, seit ich hergezogen bin, habe ich die angespannte Beziehung zwischen den Stammesbehörden, Politikern, Anwohnern, der hiesigen Polizei und der US-Regierung bemerkt. Die offizielle Einrichtung eines neuen Parks sorgt grundsätzlich für Kontroversen, diese hier ist jedoch die reinste politische Streubombe. Die Reklassifizierung Tausender Hektar hat den Geldfluss der Holzunternehmen in der Gegend, die sich lange Zeit an bundeseigenen Wäldern bedienen konnten, empfindlich gestört. Gewaltige Mengen an Bäumen wurden im Zuge irgendwelcher undurchsichtigen Geschäfte und Vereinbarungen auf Handschlagbasis gefällt. Von nahezu jedem Gipfel aus kann man gerodete Stellen erkennen.

Der Stammespolizist legt den Arm ins Fahrerfenster und sieht mich an. Er dürfte in meinem Alter sein, also etwa dreißig, mit raspelkurzem schwarzem Haar. »Du solltest lieber wieder zurückgehen, Sydney«, sagt er und deutet in Richtung Campingplatz.

»Aber der ganze Bus ist vollgekotzt. Die brauchen bestimmt noch eine Stunde, um ihn wieder sauber zu kriegen.«

»Das ginge vielleicht schneller, wenn sie nicht auch noch nach dir suchen müssten.«

Sie stöhnt. »Aber ich hab mich doch bei denen abgemeldet.«

»Wenn du nicht aufpasst, gibt’s Ärger, wenn du zu Granny Wambles zurückkommst.« Wieder weist er mit dem Daumen in Richtung Campingplatz. Er wirkt erschöpft, als hätte er eine lange Schicht hinter sich. »Los, Abmarsch.«

Sie nickt in meine Richtung. »Aber ich hab ihr hier geholfen.«

»Sydney.« Er macht eine knappe Kopfbewegung und ich sehe seine weißen, ebenmäßigen Zähne. Wahrscheinlich hätte er ein nettes Lächeln, nur dass er gerade nicht lächelt. »Soll ich dich persönlich runterbegleiten, oder was?«

»Meine Güte.« Sie stößt einen übertriebenen Seufzer aus.

»Bis später«, sage ich. »Danke, dass du mir geholfen hast, die Blätter einzufangen.«

»Kein Problem. Haben Sie zufällig meinen Bruder gesehen?« Sie wirft mir einen flehenden Blick zu. »Er hat rote Haare, ist echt groß und dünn und so. Vielleicht hat er sich ja verlaufen.«

»Im Park?« Üblicherweise handelt es sich bei solchen Meldungen um falschen Alarm.

»Keine Ahnung … vielleicht.«

»Und ist er heute Morgen mit dir hergekommen?«

»Nein, aber er hat mich nicht bei Granny Wambles besucht, wie er gesagt hat.«

»Ah. Verstehe.« Ich verwerfe den Gedanken an ein potenzielles Problem im Park und tippe eher auf eines innerhalb der Familie. Armes Kind, denke ich. »Ich halte nach ihm Ausschau.«

»Sagen Sie ihm, er soll mich bei Granny Wambles holen kommen.«

»Falls ich ihn sehe.«

»Er hat rote Haare.«

Der Stammespolizist sagt ihr, sie soll es gut sein lassen und endlich zum Campingplatz zurückgehen.

Ohne auf seine Anweisung zu achten, tritt sie neben mich. »Das da«, sagt sie und zeigt auf eines der Papiermuster. »Das sieht am besten aus.«

Ich blicke auf das hellgrüne Papierquadrat in Pergamentoptik. Es würde eindeutig passen, um hohe Tiere aus der Bundespolitik, lokale Amtsträger und alle anderen Menschen zu beeindrucken, die das Innenministerium sonst herschicken mag.

»Danke. Gute Wahl«, sage ich und lege Begeisterung in meinen Tonfall.

»Bis dann«, murmelt sie und schlurft über den Kiesweg. Ich kann ihre miese Laune gut nachvollziehen. Meine Hoffnungen für diesen neuen Job gleichen einem Drachen, der beim Versuch, emporzusteigen, abwechselnd hoch-, runter- und seitwärtsgeschleudert wird.

Der Stammespolizist trommelt mit den Fingern gegen seine Wagentür direkt über dem Emblem. Ich sehe zu ihm hinüber. »Sie sind die Neue im Horsethief Trail?«, fragt er, obwohl er die Antwort zweifellos bereits kennt. Alle hier scheinen von mir gehört zu haben, wenn auch nichts Gutes. So gern ich versuchen würde, diese Tatsache an mir abprallen zu lassen, merke ich, dass mein Fell nicht dick genug ist.

»Ja. Seit zwei Wochen. Ich wohne in einer Hütte drüben am Lost Pines Tourist Court, bis ich ein Haus hier im Park beziehen kann. Übel ist es nicht … gibt mir Gelegenheit, Talihina besser kennenzulernen.«

»Das wird wohl nicht lange dauern«, witzelt er mit einem unterdrückten Gähnen. Matschflecken auf seinem Hemd lassen ahnen, dass während der Schicht einiges los gewesen sein dürfte. »Seien Sie mit Sydney vorsichtig«, warnt er unvermittelt. »Sie … erzählt gern Geschichten.«

Die Mutter in mir bekommt eine Wut. Wie kann man so etwas von einem Teenager sagen, der einen miesen Tag, eine miese Woche oder eine miese … ach, keine Ahnung … hat? »Klingt, als würde sie ihre Freunde und ihren Bruder vermissen. Ziemlich übel, den Sommer so verbringen zu müssen, wenn man … wie alt … elf oder so ist?«

»Vielleicht zwölf. Zwei meiner Nichten nehmen auch an dem Kirchenausflug teil, Sydney dürfte im selben Alter sein. Mrs. Wambles lädt all ihre Kids in der Kirche ab, sobald die Türen offen sind und jemand da ist, der auf sie aufpassen kann.« Den Unterton in seiner Stimme kann ich nicht einordnen.

»Ich hoffe für das Mädchen, dass ihr Sommer noch angenehmer wird.«

»Sie sind also die neue Parkpolizistin?«

Ich nicke.

Der Anflug eines Lächelns spielt um seine Lippen. »Sieht so aus, als hätten die Sie spitzenmäßig ausgestattet.« Mit einer Kopfbewegung weist er auf meinen Dienstwagen, der erst einmal Starthilfe benötigt hatte, bevor man ihn mir übergeben konnte. Ich habe ihm den Spitznamen Schrottie gegeben. Die Räder passen nicht zusammen, und die Klimaanlage funktioniert nur, wenn sie gerade Lust hat. Es fühlt sich ein wenig nach Schikane an.

»Sieht ganz so aus«, erwidere ich.

»Wundert mich nicht.«

Ich zucke die Achseln. »Ich kann damit umgehen. Kenne mich mit Autos aus. Allerdings muss ich zugeben, dass der hier schon ein echter Dinosaurier ist.«

Er legt den Gang seines nagelneuen Streifenwagens ein, während ich mich bereitmache, zur Rangerstation zurückzufahren, schließlich muss ich mich zügig wieder den Broschüren und der Bestellung von Papptellern und Plastikbesteck für die Eröffnungsfeier widmen. Noch gibt es niemanden für die Öffentlichkeitsarbeit, deshalb erledigen unsere Sekretärin Mindy und ich diese Arbeit.

»Haben die Ihnen schon von den Knochen erzählt?«, höre ich den Stammespolizisten fragen.

»Was für Knochen?«

»Dachte ich mir schon«, brummt er und fährt davon.

Viele gesetzliche Vormunde, die für diese Aufgabe nicht geeignet waren, bekamen nahezu uneingeschränkte Macht zugestanden.

Muskogee Daily Phoenix, 26. April 1915

KAPITEL 2

Olive Augusta Peele, Pushmataha County, Oklahoma, 1909

Leise wie eine Ratte in den Maisspeicher kommt er in unsere Dachkammer geschlichen. Ich soll nicht wissen, was er im Schilde führt. Ich und der alte schwarze Hund. Zumindest nicht, bevor er sich überlegt hat, was er mit uns beiden anstellen wird – wie er uns loswerden oder dafür sorgen soll, dass wir still sind.

Der schwarze Hund, der meinem Daddy gehörte, bellt zu oft – und ich? Ich quassle zu viel, so wie mein Daddy, Gott hab ihn selig.

Ich weiß, was du mit Hazel gemacht hast, sagte ich zu ihm, als Hazels Stuhl letzten Monat beim Frühstück plötzlich leer war. Solltest du das bei mir versuchen, schneide ich dir nachts die Kehle durch, wenn du wieder mal zu tief ins Glas geschaut hast. Ich habe meinem Daddy geholfen, Schweine zu schlachten, Wild zu häuten und oben auf dem Berg Eichhörnchen und Hasen zu jagen. Und ich habe sein großes Messer von früher, gut versteckt, damit du es nicht findest.

Tesco hatte seine behaarte Hand ausgestreckt und sie mir wie eine fette schwarze Spinne auf den Kopf gelegt. Du hast eine wilde Fantasieund ein loses Mundwerk. Pass lieber auf, was du sagst. So was tut eine junge Dame nicht. Vielleicht sollten wir dich ja fortschicken, in die Schule, wo man dir Manieren und so Zeug beibringt.In Kansas City, vielleicht, wo deine Mama herkommt. Na, wie fändest du das, Ollie Auggie?

Ich biss die Zähne zusammen. Dieser Kosename für mich gehörte nicht in seinen Mund – Ollie Auggie, so hatte mein Daddy mich immer genannt. Schlimm genug, dass ich meinen Nachnamen verloren hatte und Peele heißen musste, nachdem Mama Tesco geheiratet hatte.

Mich in die Schule fortschicken? So wie du es mit Hazel gemacht hast?, fauchte ich, in der Hoffnung, dass er bejahen würde, damit ich sicher sein konnte, dass er nichts Schlimmeres mit ihr angestellt hatte.

Aber er lachte nur und sagte: Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, Ollie.

Ich entwand mich seinem Griff. Bleib bloß weg von mir! Sonst erzähle ich Mr. Lockridge, was du mit Hazel gemacht hast. Lass mich in Ruhe … sonst …

Ich hoffte, dass das genügte. Tesco war Vorarbeiter auf Mr. Lockridges großer Ranch, deshalb würde er wohl keinen Ärger riskieren. Selbst eine Schlange weiß, dass sie sich im Rosenbeet lieber ruhig verhalten sollte.

Doch eine Schlange wie Tesco Peele kann nicht aufhören, heimlich in der Dunkelheit herumzuschleichen. Und heute sehe ich ihn, wie er die Dachkammer durchquert, an mir vorbei zu Nessas Bett geht, wo er wie ein Gespenst im Mondlicht steht und sie anstarrt.

Sie ist ein kleines Mädchen, gerade einmal sechs Jahre alt und nicht mal ansatzweise auf dem Weg, eine Frau zu werden, wie ihre große Schwester Hazel. Nessa ist schon ihr halbes Leben bei Mama und mir. Seit wir mit meinem richtigen Daddy in einem Tal hoch oben in den Winding Stairs gewohnt haben. Dort lief das klare, kalte Wasser direkt aus den Felsen heraus, geschützt vom Dach der alten Bäume ringsum. Eines Tages kam Daddy mit zwei Choctaw-Mädchen im Schlepptau nach Hause, das eine einige Jahre älter, das andere ein paar Jahre jünger als ich. Ich hab dir jemanden zum Spielen mitgebracht, Ollie Auggie, sagte er. Das sind Nessa und Hazel Rusk. Sie haben keine Familie mehr, die sich um sie kümmert. Deshalb bleiben sie jetzt bei uns.

Mein Daddy konnte niemandem etwas abschlagen, wenn er auf seinen Reisen Leuten begegnete, die Hilfe brauchten. Zuvor hatte er einen halbwüchsigen Jungen angeschleppt, der allein in einer Siedlerhütte hauste, doch das Bürschchen hatte versucht, unser Packpony zu klauen, und ist in die Wälder abgehauen. Als Daddy also mit Hazel und Nessa ankam, sah ich bloß zwei kleine Mädchen, die bestimmt bald wieder verschwinden würden. Die Art, wie sie in ihrer Choctaw-Sprache miteinander tuschelten, ärgerte mich genauso wie Mama. Deshalb wurden Hazel, Nessa und ich niemals echte Freundinnen, vor allem, nachdem Daddy zu einer seiner Schürftouren aufgebrochen war und sein dreifarbiges Packpony einen ganzen Monat später allein nach Hause kam. Es war noch immer mit Daddys gesamter Ausrüstung und seinen Sachen beladen, Daddy selbst sahen wir nie wieder.

Ohne ihn waren Hazel und Nessa eine weitere Bürde, als Mama die Scherben ihres gebrochenen Herzens einsammelte und direkt vor Wintereinbruch mit uns den Berg hinunter nach Talihina ins Hotel ging. Inzwischen wusste sie, dass Daddy etwas zugestoßen sein musste. Mama und ich allein hätten uns in der Stadt schon irgendwie durchgeschlagen, so wie in Kansas City, als ich noch ganz klein gewesen war und Daddy in der Armee gedient hatte. Doch mit drei Mädchen am Rockzipfel blieb Mama nichts anderes übrig, als sich mit einem Mistkerl wie Tesco Peele einzulassen.

Ich gab Hazel und Nessa die Schuld daran, aber natürlich wollte ich nicht, dass ihnen etwas Schlimmes passierte. Vor allem nicht der kleinen Nessa, die sich immer ein wenig abseits hält, sorgsam darauf bedacht, niemandem in die Quere zu kommen.

Mein Körper spannt sich an wie eine Feder. Ich denke an Daddys Messer, das ich hinter einer losen Fuge in der Holzwand hinter mir versteckt habe. Sollte ich versuchen, es herauszuziehen, würde er die Seile unter meiner Matratze ächzen hören, mir eine Ohrfeige verpassen und das Messer wegnehmen.

Ich sehe es glasklar vor mir. So etwas passiert mir häufiger … Ich beschwöre Bilder von Situationen herauf, noch bevor sie passieren. Ich sehe Daddys Messer in Tesco Peeles Hand.

Eilig kneife ich die Augen zu, bemühe mich, an etwas anderes zu denken, so wie früher, wenn er nachts nach oben kam, um Hazel auf die Pelle zu rücken. Ich versuche, mein Bett in einen fliegenden Teppich zu verwandeln, wie ich es aus den Märchen kenne, aber dann gibt Nessa im Schlaf einen Laut von sich, den ich nicht überhören kann.

Also öffne ich die Augen einen Spaltbreit und sehe zu, wie Tesco ihren Quilt zurückschlägt und sie weiter anstarrt. Nessa rollt sich auf die Seite und zieht die Knie unter ihrem Nachthemd gegen die plötzliche Kälte an.

Ich setze mich so schnell auf, dass die Bettseile und das Federbett einen Heidenlärm machen und sogar die Bodendielen knarzen, strecke die Arme aus, taste im Schein des einfallenden Mondlichts in der Luft herum. »D-Daddy?« Meine Stimme klingt rau und leise.

Tesco lässt den Quilt so schnell los, dass er auf Nessas Kopf landet.

Ich tue so, als wäre ein Geist in mich gefahren. Tesco ist abergläubisch und hat Angst. Ein Choctaw-Cowboy von der Ranch hat ihm Geschichten von Hexen und Riesen erzählt, die in den Wäldern ihr Unwesen treiben, und von Nalusa Falaya, jener Kreatur, die wie ein Mann aussieht, aber lange spitze Ohren hat und wie eine Schlange auf dem Bauch herumrutscht. Außerdem fürchtet er sich vor den Freigelassenen, die vor dem Bürgerkrieg als Sklaven auf den Choctaw-Farmen gehalten worden waren und allerlei Flüche und Zauber ausgesprochen hatten. Nach unserem Einzug in Mr. Lockridges Vorarbeiterhaus strich Tesco als Erstes die Unterseite der Veranda mit blauer Farbe an, hängte Hexenkugeln an den Fenstern auf und nagelte ein Hufeisen über die Tür, um Boo-Hexen und böse Geister fernzuhalten. Dieses Blockhaus und das gesamte Lockridge-Land gehörten den Choctaw, bevor Mr. Lockridge es sich unter den Nagel gerissen hat, deshalb fürchtet Tesco bis heute, die Geister der Indianer könnten es heimsuchen.

»D-Daddy? W-was … was sagst … du-u-u?« Ich mache Hexenfinger und fuchtele wild in der Luft herum.

Tesco steht wie angewurzelt da. »Ollie?«, flüstert er.

Ich gebe ein gurgelndes Stöhnen von mir, richte mich auf die Knie auf und wiege mich im Mondlicht, als würde ich mit jemandem tanzen. Ein leises Kichern steigt in meiner Kehle auf, das ich über meine Lippen dringen lasse. »Daa-dy … Daaa-dyyy«, stöhne ich. »K… komm n-näh-er. Ich ka-aan-n … dich … n-nicht … hööööö–ren.«

Tesco hustet, als hätte er etwas verschluckt. »Leg … leg dich wieder schlafen, Olive.«

Wieder kichere ich, diesmal hoch und zwitschernd wie ein Vogel. Die Laute hallen von den hölzernen Wänden wider, doch es klingt kein bisschen nach mir. Vielleicht sind ja doch Geister im Raum. Die uralten Dachbalken, die ein Choctaw geschnitzt hat, nachdem sein Volk vom Mississippi nach Westen ins Indianerland umgesiedelt wurde, ächzen so laut, dass ich Mühe habe, nicht zusammenzuzucken.

Tescos Kopf schnellt nach hinten, als wäre der Alkohol, den er sich hinter die Binde gekippt hat, schlagartig verflogen. Er starrt zu den Balken hinauf, während er langsam zur Treppe zurückweicht. Offenbar hat sich ein Splitter in seine Fußsohle gebohrt, denn er stößt einen unterdrückten Fluch aus.

Am liebsten würde ich auflachen, traue mich aber nicht, also lasse ich mich mit einem Stöhnen wieder auf die Matratze sinken. Nur ein Wort sage ich noch, als er bereits die Treppe hinuntergeht. »Sch… Scha… Schaaaaatz?«

Das gibt ihm Stoff zum Nachdenken. Er wird sich fragen, ob ich weiß, wo sich eine der französischen Goldminen verbirgt oder die Beute der Banditen, nach der Daddy und ich immer gesucht haben. Vielleicht kann ich Tesco so weiter hinhalten, bis mir eine Lösung einfällt.

Als er weg ist, sehe ich zum Mond hinauf, während mir die Tränen übers Gesicht laufen. Ich lasse ihnen freien Lauf. Ich will meinen Daddy zurück … und meine Mama so, wie sie früher war, als wir noch in unserer Hütte in den Bergen gewohnt haben, vor Tesco und bevor sie mit diesem Pulver und dem Whiskey angefangen hat. Dort oben, in diesem Tal, war alles so schön.

Dort oben, sage ich mir und sehe einer Motte auf der Fensterscheibe zu, wie sie ihre Flügel ausbreitet, sodass sie im Schatten zehnmal größer wirkt, als sie in Wirklichkeit ist, würde uns Tesco niemals finden.

Ich lächle, als der Schlaf mich übermannt, weil ich meinen Daddy in der Ferne singen zu hören glaube, so wie früher, wenn er nach seinen Reisen den Berg heraufkam und es nicht mehr weit nach Hause war.

Als ich aufwache, graut kaum der Morgen. Nessa steht neben meinem Bett und schlägt mit den Knien gegen das Gestell. Sie hat die Arme eng um ihren Oberkörper geschlungen.

»Geh zurück in dein Bett«, sagte ich zu ihr. Ich bin wütend, weil sie mich aus meinem Traum von unserem alten Zuhause in den Winding Stairs gerissen hat.

Blinzelnd blickt sie mich aus ihren großen braunen Augen an, bis ich schließlich die Decke zurückschlage. »Na gut, schlüpf schon rein.«

Sie tut es und ist im Handumdrehen wieder eingeschlafen, wohingegen ich die Augen nicht mehr schließen kann, obwohl ich müde bin. Stattdessen grüble ich, wie ich uns von hier wegbringen könnte und ob ich versuchen soll, Mama ebenfalls dazu zu drängen. Gelänge es mir doch nur, sie von Tesco und dem kleinen Jungen wegzubringen, den sie zusammen bekommen und begraben haben, ginge es ihr bestimmt besser. Wir könnten noch mal von vorn anfangen.

Oder?

Ich rede mir ein, dass es so wäre, und schmiede Pläne für unsere Befreiung, einen Schritt nach dem anderen. Bis wir endlich wieder zu Hause wären.

Zu Hause. Die Worte hallen noch immer in meinen Gedanken wider, als Tesco von unten »Frühstück! Alle an den Tisch!« ruft.

Nessa ist aus dem Bett gesprungen und nach unten gerannt, bevor ich sie aufhalten und ihr sagen kann, sie soll sich anziehen. Wenn man nicht sofort läuft, sobald Tesco ruft, sorgt er dafür, dass man es bitter bereut. Schnell schlüpfe ich in mein blaues Sonntagskleid mit der Schleife, dem hohen Kragen und den langen Ärmeln und knöpfe es bis obenhin zu, obwohl der Kragen steif und eng vom Waschen und Bügeln ist, etwas, das wir gemeinsam mit Mr. Lockridges Küchenpersonal erledigen. Abgesehen von dem roten Kleid mit dem Karo-Latz ist das blaue das erwachsenste Kleidungsstück, das ich besitze. Beide Kleider wurden an mich weitergegeben, nachdem Mr. Lockridges Töchter in Oklahoma City aus ihnen herausgewachsen waren, und sind schöner als alles, was Tesco mir jemals kaufen könnte, selbst wenn er das Geld dafür hätte.

Als ich nach unten komme, steht Tesco am Herd. Er hat sich bereits gewaschen, trägt eine frische braun gestreifte Hose, kniehohe Stiefel und ein hellbraunes Hemd. Sein Haar ist gekämmt und sein Gesicht mit dem langen, spitzen Kinn rasiert, was bedeutet, dass er entweder im Haupthaus erwartet wird oder Mr. Lockridge nach Antlers fahren muss, wo dieser einen Termin mit dem Anwalt oder dem Richter hat oder den Zug in die Stadt nehmen wird. Mr. Lockridge bleibt nie lange am selben Ort. Der Mann besitzt so viele Häuser, dass er noch nicht mal den Fußboden schmutzig machen kann, bevor er unterwegs zum nächsten ist.

Der Duft nach Speck und Eiern steigt mir in die Nase. Der Tisch ist gedeckt. Obwohl ich weiß, dass Mama wie üblich noch im Bett liegt, sehe ich mich nach ihr um.

Tesco nimmt einen Fettkringel aus der Pfanne und gibt ihn auf Nessas Teller. Sie blinzelt und lächelt mich an, als sei es mir zu verdanken, dass Tesco plötzlich so nett ist.

»Ah. Gut.« Auch mir legt er einen Fettkringel auf den Teller. »Ich hab mich schon gefragt, wo du bleibst, Ollie. Sieht dir gar nicht ähnlich, das Frühstück zu verpassen.« Er setzt sich auf einen Stuhl. »Ich hab gestern sogar Zuckerrohrsirup aus dem Haupthaus mitgebracht.« Sein Tonfall ist so klebrig süß wie der Sirup, und mir stellen sich sämtliche Härchen im Nacken auf, denn genau so hat er vor einer Weile mit Hazel geredet, hat ihr Süßigkeiten und hübsche Kleider gebracht, die Mr. Lockridges Töchter aussortiert hatten. Aaah, probier’s doch mal an, Hazel, sagte er zu ihr. Du bist viel zu erwachsen für all die Kleinmädchensachen.

Und Hazel, die nicht daran gewöhnt war, etwas Hübsches ganz für sich allein zu haben, lief los und tat, was er verlangte. Sie merkte nicht, dass Tescos Freundlichkeit wie ein Gift war, das einem eingeträufelt wird.

Er schiebt mir den rot-weiß gepunkteten Krug zu. »Hier. Du zuerst, Ollie-Mädchen. Und gib der kleinen Nessie auch etwas auf ihren Teller.«

Ich gehorche, dann stelle ich den Krug weg und lege die Hände in den Schoß. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, so sehr wünsche ich mir, in dieses sirupgetränkte Küchlein zu beißen, doch neben Tescos Teller liegt ein langer Holzlöffel. Tesco legt dir in der einen Sekunde einen Fettkringel auf den Teller und schlägt dir in der nächsten ins Gesicht, nur weil du die Finger danach ausstreckst.

»Habt ihr gut geschlafen?«

Ich bekomme eine Gänsehaut am ganzen Körper.

Nessa beugt sich in Richtung ihres Tellers und presst den Mund zusammen, sodass sich ihre Lippen über der Lücke spannen, wo sie ihre vorderen Milchzähne verloren hat.

Doch Tesco wartet ohnehin nicht auf eine Antwort. »Ich hab gestern Abend eine von euch weinen gehört, deshalb bin ich hochgegangen, um nachzusehen. Wer war es?«

»Ich weiß nicht«, krächze ich und riskiere einen Schluck aus meinem Glas Milch. »Ich vielleicht. Ich habe … ziemlich wild geträumt.«

»Ach so?«, sagt er, fragt jedoch nicht nach einem Schatz, was zeigt, dass mein Plan doch nicht aufgegangen ist. »Wenn ihr Mädchen schlecht schlaft, kann ich euch ein Schlückchen von der Medizin eurer Mama geben. Dieses Opiumzeug hilft auch gut, wenn man Zähne kriegt. Damit schlaft ihr wie die Babys.«

Die Milch kribbelt seltsam in meiner Kehle. Schmeckt sie komisch? Ich sehe, wie Nessa ihre Milch trinkt, und wünsche mir nur eines: so schnell wie möglich von diesem Tisch wegzukommen. »Ich glaube … wir kriegen das mit dem Schlafen schon hin.«

»Jetzt esst erst mal«, sagt Tesco.

Ich schneide einen Bissen ab und schiebe ihn mir in den Mund. Mehr traue ich mich nicht.

»Gut, ja?«, sagt Tesco. »Süß und lecker.«

»Ja, Sir.«

»Schieb mal den Sirup rüber, Ollie-Mädchen. Meiner ist ein bisschen trocken. Ist schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal was von diesem süßen Sirup hatte. Viel zu lange. Kann’s kaum erwarten.«

Seine Finger schließen sich über meinen, als ich ihm den Krug zuschiebe. Seine Haut ist so rau wie eine Katzenzunge. Ich zwinge mich, meine Hand ganz langsam wegzuziehen, als wäre alles in bester Ordnung.

»Die Butter habt ihr prima hingekriegt«, sagt er, während er noch etwas Sirup über seinen Fettkringel träufelt. »So gut wie eure Mama früher.« Sein Blick schweift zur Schlafzimmertür, die stets einen Spaltbreit offen steht, sodass man zerknülltes Bettzeug und Mamas über die Bettkante baumelnden Fuß erkennen kann. Heute liegt sie bäuchlings da und wird erst später aufstehen, wenn Nessa und ich in der Schule sind, in einem Blockhaus, das die Choctaw in den alten Stammeszeiten am Black Fork gebaut haben. Nun, da Oklahoma und das Indian Territory, auch Indianerland genannt, offiziell zum Bundesstaat erklärt wurden, nimmt die Schule auch weiße Kinder auf. Das hat Präsident Teddy Roosevelt gesagt.

»Hauptsächlich hat Nessa gestampft«, murmle ich. »Der Teil, der zu den Lockridges soll, steht im Brunnenhaus.« Die Kuh zu melken, den Rahm abzuschöpfen und einen Teil davon zu Butter zu verarbeiten, gehört zu den Aufgaben des Vorarbeiters der Ranch, außerdem müssen wir die Eier im Hühnerstall einsammeln und ins Haupthaus bringen. Mr. Lockridge mag gern alles frisch, wenn er da ist.

»Wo wir gerade über das große Haus sprechen …« Sirup tropft von Tescos Bart. »Ich dachte, ich nehme dich heute mal mit rüber. Nessie Bessie kann auch allein in die Schule gehen.«

Meine Gabel landet mit einem leisen Klirren auf meinem Teller.

Wieso versucht er, mich allein zu erwischen?

»Du kennst doch das Palomino-Pony, das Lockridge extra für seine Töchter hat herbringen lassen?«

»Ja.«

»Wie war das?«

»Ja, Sir.«

Tesco nimmt sich noch etwas Butter für seinen Fettkringel. »Na ja, dieses erbärmliche kleine Mistvieh ist ein bisschen zu wild für Lockridges Mädchen. ›Olive soll rüberkommen und es ein paarmal reiten. Das Mädchen hat ein Händchen für Pferde‹, hat der Alte gesagt. ›Klar, Sir. Meine süße kleine Ollie Auggie kann alles reiten, was Fell hat‹, hab ich gesagt.«

Grinsend greift Tesco über den Tisch und nimmt meine Hand. Offenbar bildet er sich ein, mich am Haken zu haben. In Fett herausgebratenes Gebäck, Sirup und Ponys statt Schule.

Tesco Peele ist wieder mal auf Freiersfüßen. Sucht nach jemandem, den er befingern kann. Eher würde ich sterben. Nessa und ich müssen von hier verschwinden. Und zwar schleunigst.

Ich tue so, als würde ich mich an meinem letzten Bissen verschlucken, und schnappe mein Milchglas, um seine Hand abzuschütteln. »Kann das vielleicht bis morgen warten?« Mein Verstand arbeitet fieberhaft. »Heute findet in der Schule ein Kopfrechenwettbewerb statt. Die Lehrerin ist bestimmt nicht begeistert, wenn ich fehle.«

Nessa hebt den Kopf und kneift fragend ihre Rehaugen zusammen. Sie weiß, dass das frei erfunden ist.

Halt den Mund, befehle ich ihr mit einem einzigen Blick. Sie gehorcht.

Tesco mustert sie einen Moment. »Ich könnte stattdessen ja Nessie-Bessie mitnehmen. Sie kann auch gut mit Pferden. Für einen erwachsenen Mann ist das Pony zu klein, aber wenn sie’s nicht macht, zeige ich dem verwöhnten Mistvieh eben, was eine Peitsche so kann.«

»Aber hat das mit dem Pony nicht bis morgen Zeit? Ich habe viel mehr Kraft als Nessie.« Ich bemühe mich, nett und freundlich zu klingen. »Die Kleineren machen auch beim Rechnen mit. Wenn Nessie fehlt, fragt die Lehrerin bestimmt genauso nach.«

»Stimmt auch wieder.« Tesco ist alles andere als begeistert. »Dann eben morgen. Du und ich.«

»Morgen. Ja, Sir.«

Nur dass ich morgen nicht mehr hier sein werde. Und Nessie auch nicht.

Ich lege mir einen Plan zurecht, während wir zu Ende frühstücken, den Tisch abräumen und dann darauf warten, dass Tesco sein Pferd sattelt, um über den Berg zum großen Ranchhaus zu reiten.

Kaum ist er weg, packe ich Nessie am Arm. »Du hörst mir jetzt genau zu«, sagte ich zu ihr. Wir stehen an der Eingangstür, als wären wir auf dem Weg in den Stall, um unsere Arbeit zu erledigen. »Und du tust alles, was ich dir sage. Wir haben nicht viel Zeit.« Tesco könnte jederzeit zurückkommen, Mama könnte aufwachen, oder Arbeiter könnten auftauchen, weil sie Geräte aus der Scheune brauchen.

Nessa zieht den Kopf ein. Ich packe ihr Kinn und zwinge sie, mich anzusehen. »Du hörst genau zu. Wir müssen von hier weg. Tesco hat was vor. Wir können nicht bleiben, sonst blüht uns dasselbe wie Hazel. Hast du mich verstanden?«

Nessa wird kreidebleich, ihre Lippen beben. Sie schüttelt den Kopf und blickt hinter sich ins Haus.

Erst jetzt merke ich, dass Daddys alter schwarzer Hund nicht an seinem gewohnten Platz neben der Scheune steht und bellt. Stattdessen liegt das Seil, mit dem er angebunden war, lose auf dem Boden. Der Hund ist verschwunden. Wie Hazel.

Ein Schauder überläuft mich.

»Wir müssen hier weg, Nessa. Sofort.«

»In … in die Schule?« Sie spricht in ihrem typischen Singsang, in dem ein Hauch Choctaw mitschwingt. »Zur Frau Lehrerin?«

»Die Frau Lehrerin kann uns nicht helfen. Du musst tun, was ich dir sage. Ich gehe jetzt in den Stall und hole Daddys Ausrüstung von früher und sein Pony. Wir müssen den alten Skedee mit unseren ganzen Sachen beladen. Du gehst ins Haus und suchst alles zusammen, was ich sage.«

Ich zähle an den Fingern ab, was wir brauchen werden: Essen. Streichhölzer. Warme Kleidung. Decken. Daddys Jagdmesser. Den blauen Topf, der auf dem Herd steht. Geld, falls sie welches in Mamas Küchendose finden sollte …

»Kannst du dir das alles merken?«, frage ich. Sie nickt kaum merklich. »Und behalt die Fenster im Auge. Falls Tesco zurückkommt, versteckst du dich unter dem Bett und bleibst da, bis er wieder weg ist. Und pass auf, dass du Mama nicht weckst.«

»Wohin?«, zischelt sie im Flüsterton durch ihre fehlenden Schneidezähne. »Wohin gehen wir?«

»In die Wälder. In unser altes Zuhause in den Winding Stairs, wo uns keiner finden kann. Erinnerst du dich daran? Wo wir vor Tesco gewohnt haben?«

Wieder nickt sie. Ich bin froh, weil ich schon dachte, sie hätte es vergessen, schließlich war sie erst viereinhalb, als wir von dort weggegangen sind.

»Genau da gehen wir hin, Nessa. Nur du und ich.«

Mit angsterfülltem Blick sieht sie zum Haus hinüber. »A-aber, Ollie …«

»Kann sein, dass Mama später nachkommt und Hazel vielleicht auch. Aber jetzt müssen wir erst mal von hier weg. Es wird ein langer Weg durch die Wälder, über den Fluss und die Berge hinauf. Wir werden viel laufen. Abends machen wir irgendwo ein Lager. Deshalb ist es so wichtig, dass wir Streichhölzer dabeihaben. Viele.«

Ich wende mich zum Gehen, doch sie packt mich am Rock und klammert sich fest.

»Tu, was ich sage!«, herrsche ich sie an, während die Wut mich durchzuckt. »Schluss jetzt mit …«

»A-aber …« Ihre Miene lässt mich innehalten. Sie deutet über die Weide hinweg auf die hohen Fichten, die über dem Gewaber aus morgendlichen Schatten und Nebel zu schweben scheinen. »Aber, Ollie, die holen uns doch im Wald«, flüstert sie. »Die Elfen.«

Der Pfad dort hieß Horsethief Trail und verlief von Texas nach Kansas, über die Winding Stair Mountains und dicht an Talihina vorbei.

Befragung von George Lewis Mann, 1937, Helfer des US Marshall, Indian Territory, Indian-Pioneer Papers Collection, durchgeführt von Grace Kelley

KAPITEL 3

Valerie Boren-Odell, 1990

Menschliche Überreste. Davon haben mich meine Kollegen ferngehalten, während ich mich hier eingelebt habe. Die Knochen dreier Kinder, halb im Erdreich verborgen und teilweise zersetzt. Anhand der Beckenknochen und Zähne wurde geschätzt, dass das älteste in der Pubertät, aber relativ klein gewesen sein muss. Die beiden anderen waren jünger gewesen, wobei beim einen die Schneidezähne erst halb herausgewachsen und die Backenzähne im Entstehen gewesen waren.

Bruchstücke meiner Kenntnisse in Rechtsmedizin und Archäologie kommen mir in den Sinn, als ich auf dem kühlen, sandigen Höhlenboden in die Hocke gehe. So viel von der Geschichte einer Gesellschaft – und eines Individuums – spiegelt sich in der Art des Begräbnisses, hat einmal ein Altertumsexperte zu mir gesagt, als Joel und ich noch naive Anfänger im Yosemite Park waren. Grabbeigaben, Totenhemden und die Positionierung der Leichen, all das verrät uns so viel. Knochen sprechen zu uns.

An der Art, wie diese armen kleinen Geschöpfe hingelegt wurden, ist allerdings nichts Kunstvolles, stattdessen liegen die Leichen lediglich dicht nebeneinander. Die Knochen sind weder altertümlich noch frisch, sondern irgendetwas dazwischen. Nicht zuletzt aufgrund der trockenen Bedingungen in der Höhle sind sie in bemerkenswert gut erhaltenem Zustand. Steinplatten waren gegen die Wände gelehnt worden, die die sterblichen Überreste während all der Jahrzehnte verborgen hatten, ehe zwei Lkw-Fahrer, die in der Gegend unterwegs gewesen waren, die Höhle bei einer Wanderung entdeckt hatten. Zumindest war dies die Version der Frau, die in ihrem anonymen Anruf angegeben hatte, in einer Bar im Ort ein paar Männer darüber reden gehört zu haben.

Dass die Höhle rein zufällig entdeckt wurde, dürfte angesichts ihrer Abgeschiedenheit und des gut geschützten Zugangs unwahrscheinlich sein. Viel eher hat wohl jemand auf einen wertvollen Fund gehofft. Geschichten über von Banditen versteckte Schätze sind das perfekte Material für Lagerfeuerromantik und um Touristen zu begeistern, gleichzeitig ziehen sie Schatzsucher an, die nicht davor zurückschrecken, Artefakte von bundeseigenem Territorium zu stehlen.

Was mag sonst noch in dieser Höhle gewesen sein, als jemand den Tatort das erste Mal betreten hat? Irgendetwas? Falls nein, wieso waren dann diese Kinder so platziert worden? Es gibt keinen Hinweis auf Grab- oder sonstige Beigaben wie Decken, Spielzeug oder solche Dinge. Nicht einmal die Namen wurden in den Stein geritzt, dennoch lagen die Leichen da, als hätten sie einander geschützt, von der Ältesten zur Jüngsten. Die eine etwa dreizehn, die zweite zehn oder elf, die jüngste fünf oder sechs.

Ich denke bewusst nicht sieben, weil Charlie sieben ist, versuche, mir nicht seine dürren Arme und Beine vorzustellen, zersplittert und zerbrochen, ohne jede Aussicht, jemals wieder zusammenzuwachsen. Die Zeit kam den Kleinen zuvor. Irgendwie sind sie in dieser Höhle gelandet. Allein. In der Dunkelheit. Vergessen. Verborgen.

Diese drei waren jemandes Kinder.

Obwohl man mich gewarnt hat, zucke ich beim Anblick einer Bruchstelle im kleinsten der drei Schädel zusammen. Laut der anonymen Anruferin hatten die Lkw-Fahrer es mit der Angst bekommen, als ihnen bewusst geworden war, dass einer der Leichen der Schädel eingeschlagen worden war. Sie waren den Berg hinuntergerannt und in die nächste Bar geflohen, wo sie beim Trinken darüber geredet hatten.

Doch das ist keine Erklärung für den Zustand, in dem sich der Fundort jetzt befindet. Der Anzahl frischer Abdrücke nach hätten in den letzten vierundzwanzig Stunden jede Menge Leute hier herumgetrampelt sein können. Es wurde kein ernsthafter Versuch unternommen, den Tatort zu sichern, obwohl die Entdeckung menschlicher Leichen auf staatseigenem Territorium eine heikle Angelegenheit ist. Nach allem, was mir zu Ohren kam, hat Frank Ferrell, mein Kollege, der für die zweite Schicht eingeteilt ist, den anonymen Hinweis nicht ernst genommen und nicht sofort darauf reagiert, und Chief Ranger Arrington – der bereits zum zweiten Mal in zwei Wochen wegen einer Privatangelegenheit abwesend ist – hat nur einen Gedanken, nämlich wie er es anstellen kann, dass möglichst niemand von diesem Debakel erfährt.

Ich habe erst von den Knochen erfahren, nachdem ich unseren naivsten Kollegen – eine einundzwanzigjährige Sommeraushilfe namens Roy – unter dem Vorwand, längst von den Knochenfunden zu wissen, in die Mangel genommen habe. Ich habe ihm eingeredet, dringend einen Blick auf die Skelette werfen zu müssen, und auf der Fahrt die zugewachsene Forststraße herauf hat Roy mir alles erzählt, was es zu wissen gibt. Im Zuge dessen hat er mir auch verraten, dass ich in meinem Bemühen um die freie Stelle im Horsethief Trail offenbar mehrere hiesige Bewerber aus dem Rennen gekegelt habe. Noch ist mir nicht klar, wieso ich den Job überhaupt bekommen habe und mich die anderen wie das Stiefkind in der Familie behandeln … das aber trotzdem mit Samthandschuhen angefasst werden muss. Dass ich eine Frau bin, kann nicht der einzige Grund sein, da dies üblicherweise beim Nationalparkdienst kein Vorteil ist. Egal, ob man belästigt oder schikaniert wird – es wird erwartet, dass man gute Miene zum bösen Spiel macht, sich ein dickeres Fell wachsen lässt und einfach seinen Job erledigt.

Früher oder später werde ich die Wahrheit schon aus Roy herausquetschen. Er ist der typische nette Junge von nebenan – redselig, freundlich, harmlos. Aus dem alltäglichen Funkgeplapper habe ich das eine oder andere über ihn mitbekommen. Seine Mutter ist eine Choctaw, sein Vater Pferdetrainer aus Australien, der aber keine Rolle mehr spielt. Roy will unbedingt gemocht werden und ist völlig aus dem Häuschen wegen seines ersten Sommerjobs in einem Nationalpark. Vor allem die Uniform und das Dienstfahrzeug haben es ihm angetan. Er weiß eine Menge darüber, wie der Choctaw-Stamm funktioniert, und hat die Lokalgeschichte drauf. Wie es aussieht, sind vergessene Grabstätten und hastig entsorgte menschliche Überreste in dieser Gegend nicht weiter ungewöhnlich. Früher waren Holzfäller, Jäger, Schürfer, Whiskeyschmuggler, bettelarme Siedler und Gesetzlose in den Bergen unterwegs auf der Suche nach einem Versteck oder einer Gelegenheit, über die Stränge zu schlagen. Roy hat mir auch von einem Phänomen erzählt, das alle hier die »Dewy-Bäume« nennen. Anscheinend war dieser Dewy ein berüchtigter Whiskey-Schwarzbrenner, der seinen Namen in die Bäume geritzt hat, um andere zu warnen, bloß keinen Fuß in sein Gebiet zu setzen, sonst …

Wilde Geschichten wie diese könnten eine Erklärung für den gewaltsamen Tod dreier kleiner Kinder vor der Jahrhundertwende oder auch in späteren Jahrzehnten sein.

»Ein Choctaw-Grab ist es jedenfalls nicht«, durchbricht Roy meine Gedanken. Er hat von der allgemeinen Sorge erzählt, dass der Kongress schon bald Gesetze verabschieden könnte, die den Stammesbehörden die Eigentumsrechte an Begräbnisgegenständen und sterblichen Überresten von amerikanischen Ureinwohnern gewähren. Sollten die Knochen tatsächlich indigenen Ursprungs sein, könnte sich das Ganze zu einem überaus heiklen Politikum auswachsen.

»Wie kannst du das auf den ersten Blick sagen?« Jemand mit entsprechender Sachkenntnis könnte anhand von Charakteristika des Skeletts die Zuordnung zu einer bestimmten Rasse vornehmen, doch dafür ist Roy ganz bestimmt nicht ausgebildet.

»Choctaws würden nicht … nun ja, bei ihnen herrscht großer Respekt vor den Toten«, antwortet er leise. »Vor allem in früheren Zeiten wären die Leichen in der Nähe des Hauses begraben worden, außerdem hätte man ihnen etwas zu essen, frische Kleider, Decken und vielleicht Spielsachen und so dazugelegt. Knochen haben bei den Choctaw eine große Bedeutung. Das ist unser Erbe.« Er macht mit der Taschenlampe eine Geste in Richtung der Leichen. »So was machen nur Weiße … jemanden einfach in eine Höhle legen und Steine darauflegen. Die armen Mädchen.«

»Mädchen?«

»Das sind doch Mädchen, oder nicht?«

»Bei Kinderskeletten kann man das Geschlecht nicht so einfach bestimmen.« Ich deute auf das älteste der drei Kinder, das am weitesten von der Wand entfernt liegt. »Aber sie befand sich in der Postpubertät. Das sieht man an der Ischiaskerbe und der Beckenform, den ersten Veränderungen für eine spätere Geburt. Trotzdem war das Mädchen blutjung, vielleicht zwölf oder dreizehn.«

Roy lehnt sich vor, sodass sein Atem über die Härchen in meinem Nacken streicht. Ich ringe um Fassung. Es fühlt sich an, als hätte sich die Tragödie erst vor Kurzem abgespielt.

Ich richte mich auf, um ihn zu mustern. Das Erste, was man bei der Zeugenbefragung lernt, ist: Die Körpersprache lügt nicht. Obwohl seine Züge im düsteren Schein jenseits des Lichtkegels der Taschenlampe schwer auszumachen sind, ist nicht zu übersehen, dass er mir etwas verschweigt. »Gibt es einen konkreten Grund, weshalb du von weiblichen Opfern ausgehst?«

»Hm?«

»Du hast von Mädchen gesprochen.«

»Ja … weiß ich auch nicht.«

Ein Rumpeln ertönt. Hier in der Gegend ziehen Gewitter sehr schnell auf und entladen sich in sintflutartigen Regenfällen, Hagel und manchmal sogar Tornados. Das weiß ich vom Besitzer des Hüttendorfs, in dem ich vorübergehend untergekommen bin.

Roy tritt einen Schritt nach hinten. »Wir sollten zurück zum Wagen.«

Wieder grollt der Donner, diesmal noch unheilvoller, und der Wind dringt mit klagendem Heulen durch eine Ritze zwischen den Felsen am Eingang.

Roy hat die Höhle verlassen, ohne sich zu vergewissern, dass ich ihm folge. Erst als er durch den Ausgang gekrochen ist, fällt mir die Kamera in meiner Tasche wieder ein – ein billiges Teil, das ich zum Wandern mitnehme, aber zumindest hat sie einen Blitz. Besser als nichts. Ich sollte Ranger Ferrells Akten übernehmen, wenn er in zwei Wochen ins Krankenhaus geht, um sich ein neues Kniegelenk verpassen zu lassen, doch wenn ich sehe, wie schlampig er bisher gearbeitet hat, ist schwer zu sagen, wie sorgfältig bei der ersten Erfassung des Tatorts vorgegangen wurde. Für den Moment begnüge ich mich damit, einem befreundeten Archäologen ein paar Fotos zu schicken, um zu erfahren, ob er so etwas schon einmal gesehen hat.

»Bin direkt hinter dir.« Ich mache ein paar Fotos und folge ihm nach draußen.

Roy beäugt die Kamera nervös, doch er ist viel zu jung und steht in der Hierarchie zu weit unten, um mein Vorgehen infrage zu stellen.

»Hat jemand bei der Regionalverwaltung einen Spezialisten angefordert, der sich das mal ansieht?«, frage ich, während wir die Barrikade vor dem Höhleneingang wieder behelfsmäßig errichten.

»Äh … Sie sollten vielleicht besser mit Chief Ranger Arrington reden. Er sollte das wissen.« Entweder das Gewitter oder die Kamera machen Roy richtig Angst. »Ich glaube, nach dem Memorial-Day-Wochenende ist er wieder da.«

Ich bin fassungslos. Welcher Chief Ranger würde Gott weiß welche privaten Termine wahrnehmen, wenn menschliche Überreste in seinem Park gefunden wurden? Der Horsethief Trail mag noch neu sein, doch Arrington war auch schon früher Chief Ranger. Er müsste doch wissen, wie man sich korrekt verhält.

Der Wind rauscht durch den Baldachin aus Eichen, Ulmen und Fichtenkiefern über uns. In der Nähe fällt ein loser Ast krachend herab. Man nennt die Teile Witwenmacher. Roy macht sich an den Abstieg, hält sich an Schösslingen fest, als seine Stiefel über Moos und feuchte Blätter schlittern. Er erreicht den Pick-up in beachtlichem Tempo für einen groß gewachsenen Jungen mit dem Kreuz eines Linebackers. Noch bevor ich die Beifahrertür öffnen kann, hat er bereits den Motor angelassen. Ein Fichtenzweig klatscht gegen die Windschutzscheibe und lässt uns beide auf unseren Sitzen hochfahren.

»Verdammt.« Roy lehnt sich zur Seite, um zum Himmel zu blicken. »Wir sollten uns sputen, bevor ein Tornado uns erfasst und ins nächste County schleudert.«

»Das wäre ein echt unrühmliches Ende einer zweiten Woche im neuen Job, was?«

»Stimmt, Ma’am.«

Wir reden kein Wort, während Roy den Wagen über die holprige Straße lenkt. Blätter, Zapfen und Äste landen auf dem Dach. Ich beuge mich vor und spähe nach oben. Die Gefahr von Tornados ist nicht neu für mich. In Missouri kommen sie ebenfalls vor, nur nicht so heftig wie hier.

»Das sind bloß normale Wolken«, beruhigt Roy mich mit einem entschiedenen Nicken. »Sie können mich beim Wort nehmen. Ich habe den Meteorologiekurs letztes Semester mit einer Zwei abgeschlossen.«

»Alles klar. Ich kenne mich aus mit Tornados.«

»Sind Sie viel herumgekommen?«

»Ja. Vier Länder, sieben Bundesstaaten. Acht, wenn man diesen mitzählt.«

»Meine Güte, das ist eine Menge.«

»Hauptsächlich früher.« Den Halbsatz bevor mein Mann gestorben ist, unterschlage ich, trotzdem spüre ich, wie mir die vertrauten Gefühle kurz die Luft abschnüren. »Der Arches-Nationalpark in St. Louis war eine Zeitlang mein Zuhause.«

Roys Brauen ziehen sich zusammen. »Aha … ich dachte, ich hätte gehört, Sie seien aus DC gekommen.«

»Aus DC?«

»Ja, hohes Tier, Sie wissen schon.«

»Was?«

»Die meinten, deshalb haben Sie den Job als Parkpolizistin bekommen.«

»Die?« Obwohl ich die ganze Zeit gespürt habe, dass es in der Gerüchteküche brodelt, ärgert es mich, Thema am Wasserspender zu sein. »Und wieso ausgerechnet DC?«

»Ihr Nachname. Sie sind verwandt mit Senator Boren, oder? Deshalb … na ja … Chief Ranger Arrington durfte quasi alle anderen Mitarbeiter aussuchen, aber ich habe gehört, Sie wären vom Regionalbüro geschickt worden. Ferrell meinte, weshalb sonst sollte eine Frau einen Doppelnamen tragen, wenn nicht, um Beziehungen …« Roy unterbricht sich abrupt. »Na ja, alles Geschwätz.«

»Um Beziehungen spielen zu lassen?« Das denken sie also? Wie können sie es wagen? Ich habe meinen Mädchennamen behalten und Joels Nachnamen mit einem Bindestrich angefügt, als Hommage an meinen Vater, der kurz vor unserer Hochzeit gestorben war. Unsere Borens hatten jedenfalls keine Verbindungen in die Politik. Es gab keinen Sportwagen zum sechzehnten Geburtstag, deshalb habe ich gelernt, wie man Schrottkarren repariert. Und weil kein Geld fürs College da war, bin ich zum Militär gegangen, das mir eine gute Ausbildung ermöglichte.

»Alles, was ich besitze, habe ich mir selbst erarbeitet«, sage ich, trotzdem erklären die falschen Mutmaßungen über mich eine ganze Menge: Politische Verbindungen sind gewissermaßen das Ticket für eine gute Karriere.

»Mist«, wiederholt Roy und schlägt mit der Hand aufs Lenkrad. »Mist, Mist, alles Mist.« Erschrocken hält er inne. »Entschuldigung. Mein Stiefvater sagt auch immer, ich quatsche zu viel.«

»Schon gut.« Ich kann es ihm nachfühlen. Meine Mutter hat auch wieder geheiratet, als ich Teenager war, und bis zum heutigen Tag können mein Stiefvater und ich die Natur unserer Beziehung zueinander nicht genau benennen.

»Ich wollte nichts damit andeuten. Ich meine … also, ich finde nicht, dass Frauen nicht arbeiten sollten und all so was. Meine Mutter arbeitet für die Stammesbehörde und meine Großmutter ist schon eine halbe Ewigkeit beim Gericht in Antlers. Ich habe eine moderne Ansicht zu alldem, und …«

»Alles in Ordnung, Roy. Ehrlich. Mir ist es lieber, wenn ich weiß, was die Leute über mich reden.«

Er konzentriert sich darauf, den Wagen über einen unter Wasser stehenden Weg zu lenken. »Aber bitte erzählen Sie niemandem, dass Sie das von mir haben, okay?«

»Das werde ich nicht.«

»Oder dass ich mit Ihnen hier heraufgefahren bin. Vielleicht hätte ich das nicht gedurft.«

»Alles klar.«

»Es ist bloß … Ich darf nicht riskieren, dass die mich rauswerfen. Plätze wie dieser sind schwer zu kriegen, außerdem gibt es nicht viele Sommerjobs hier in der Gegend und meine Mama kann ich nicht um Geld fürs College bitten. Sie hat schon genug am Hals mit meinen kleinen Schwestern und ihren Cheerleaderuniformen und was sie sonst noch so brauchen. Wenn ich nach dem College einen Vollzeitjob als Ranger finde, kann ich sie unterstützen. Aber erst mal muss ich meinen Abschluss schaffen, im Sommer als Aushilfe jobben und dann eine gute Stelle mit Aufstiegschancen finden.«

Ein hoffnungsvoller Blick schweift in meine Richtung. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm nicht sage, dass ich in Wahrheit keine Verbindungen zur Politik habe, aber gerade brauche ich jede Unterstützung, die ich kriegen kann. Sollen die Leute doch über meinen Nachnamen denken, was sie wollen. »Alles, was du mir erzählst, bleibt unter uns, Roy, versprochen.«

»Puh«, seufzt er. »Ich und meine große Klappe. Mein Stiefvater hat recht.«

Die Mutter in mir würde ihm am liebsten beruhigend die Schulter tätscheln. »Lass dir nichts einreden. Selbst wenn er sich Mühe gibt, kann es echt schwierig sein, einen Stiefvater zu haben«, kann ich mir nicht verkneifen zu sagen.

»Meiner gibt sich jedenfalls keine Mühe, so viel ist klar.«

»Ein Grund mehr, nicht auf ihn zu hören.«

»Das sage ich meinen Schwestern auch immer.«

»Manchmal ist es gut, die Ratschläge selbst anzunehmen, die man anderen gibt.«

Roy setzt sich aufrecht hin. »Stimmt. Da ist was dran.«