Seele auf Zeit - Nika Hemoger - E-Book

Seele auf Zeit E-Book

Nika Hemoger

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Beschreibung

Zeit ist ein seltsames Phänomen! In guten Zeiten eilt sie dahin, in schlechten weilt sie unendlich lange. Jedenfalls erscheint es uns so. Dabei steht zwischen gestern und morgen für die Dauer eines Wimpernschlages nur ein Augenblick. Er währt immer gleich lang und schon im nächsten Augenblick ist er verflossen und vollendete Vergangenheit. Gibt es Wanderer zwischen den Welten? Gibt es Seelen, die Wissen aus der Vergangenheit und Wissen um die Zukunft in sich tragen? Wir können diese Fragen weder bejahen noch können wir den Gegenbeweis dafür erbringen. Wenn jedoch, wie Platon lehrte, die Seele unsterblich ist, dann wären solche Phänomene durchaus denkbar. Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, in die Vergangenheit zu reisen? Der große Wunsch der Menschheit, mit einer Zeitmaschine aufzubrechen, wird allerdings Fiktion bleiben. Doch es gab schon immer Menschen mit magischen Geheimnissen. Sie hüten diese in den unscheinbarsten Äußerlichkeiten. Natürlich ist keiner dieser Vorgänge real wiederholbar und überprüfbar, geschweige denn messbar. Franka steht an einem Wendepunkt im Leben. Der Mann, dem sie blind vertraute, hat sie verlassen. Sie ist am Boden zerstört. Wie konnte das geschehen? Und warum ihr? Nur eins weiß sie bestimmt: Sie wird die Gegenwart nur meistern und an eine neue Zukunft denken können, wenn sie die karmischen Spuren verstanden hat.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 565

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Nika Hemoger ist Jahrgang 1965. Sie lebt mit ihren Kindern und ihren Tieren in einem kleinen Häuschen im Süden des Habichtswälder Berglandes. Sie ist nicht nur glückliches Landkind, sondern auch eine große Pferdenärrin mit dem Gespür für Übersinnliches. Ihre Unabhängigkeit und die Natur sind ihre Kraftquellen.

Für meine Kinder! Ihr seid das Beste, was mir passieren konnte. Verliert niemals eure Träume. Ich liebe euch.

Nika Hemoger

Seele auf Zeit

Karmische Spuren

© 2020 Nika Hemoger

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Covergestaltung: Heger

Coverbild: lis.nigrumluna

Korrektorat: Liane Lunken

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-16925-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind nicht beabsichtigt.

„Schon oft hat das Lesen eines Buches jemandes Zukunft beeinflusst“

Ralph Waldo Emerson (1803 - 1882)

Prolog

Ich bin da, wo ich schon immer war. Tief im Verborgenen warte ich geduldig auf mein Wiederentdecken. Für den, der mich findet ist alles möglich: sowohl das Zurückfallen in Vergangenes, als auch das Ausschreiten in die Zukunft.

Ich bin sagenumwoben und trotz Kriegswahn der Menschen nicht zerstört worden. Meine Kraft und meine Größe sind ungebrochen.

Ich weiß, für jeden kommen nachdenkliche Zeiten im Leben, Zeiten, in denen sich unerbittlich die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt und man ihr nicht mehr ausweichen kann. Alles erscheint sinnlos, alles wird geprüft. Angst vor dem Kommenden schleicht sich ein, man erstarrt und findet keinen Schlüssel zur Lösung. Erst dann macht man sich auf die Suche nach mir. Mein Wissen ist unendlich und tiefgründig, mein Speicher ist voll, schon immer. Uraltes Wissen, Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges. Und vieles wurde noch nicht aufgeschrieben.

Ich warte und öffne meine Tore weit für die, die unentschlossen davor ausharren.

Ich weiß, gute Zeiten wechseln sich mit schlechten ab. Die Zeit und das Schicksal sind ständig in Bewegung. Es geht um die eigene Bestimmung, die Einstellung zum persönlichen Schicksal und die Sinnfrage. Jeder Gedanke wird ein sichtbarer Schriftzug. Und jede Geschichte erinnert uns daran, dass es immer eine Chance und Lösungen gibt, die wir selbst gar nicht beeinflussen können und müssen. Nicht das, was wir erleben, sondern wie wir das Erlebte empfinden, macht unser Schicksal aus.

Ich halte Ausschau nach denjenigen, die kommen.

Ich beobachte, und einige der alten Seelen spüren, dass ich anwesend bin. Wie gerne würde ich manches Mal ihr Tun und Lassen nicht nur aufzeichnen, sondern auch mit ihnen lachen oder weinen. Doch das ist nicht meine Bestimmung.

Ich weiß, dass die Zerstörung der alten Bibliotheken der Vergangenheit als Verlust empfunden wurde.

Die Menschheit hat diese Verluste mehrere tausend Jahre immer wieder betrauert. Das Ziel war seit Menschengedenken die Sammlung von Erkenntnissen jeder lebenden Seele auf Erden. Die Menschen meinen, das Wissen sei für immer verloren. Manche halten mich für ein Märchen. Doch das Wissen ist noch da! Leider suchen viele an der falschen Stelle.

Ich warte auf die Menschen, die sich auf die Suche machen. Die aus ihrem Tiefschlaf erwacht sind und von meinem Schatz an unendlicher Weisheit und Liebe angezogen werden.

Ich bin der Ort, an dem man auf jede Frage eine Antwort bekommt. Inzwischen erinnere ich mich täglich an das ein oder andere Buch. Ereignisse, die niedergeschrieben wurden und die nach und nach verstaubten. Die in Vergessenheit gerieten. Sie wurden mit Worten zu einer Geschichte geformt, doch selten gelesen. Die Vergangenheit ist uralt und wurde von Schriftgelehrten mit großer Hingabe aufgeschrieben. Mein Gedächtnis lässt Raum für einige Verzerrungen und manchmal sind die Gefühle der Schreiberlinge zu stark, doch ich strebe stets danach, die Ereignisse zuverlässig aufzuzeichnen.

Ich hüte und hege manches Geheimnis in den unscheinbarsten Äußerlichkeiten. Mancher Einband besteht aus feinstem Leder, verziert mit goldenen Buchstaben. Manches wurde noch auf Tontafeln verewigt, sogar einige Papyrusrollen liegen in meinen Regalen. Die Gegenwart findet ihr in Romanen, Kinderbüchern, Gedichtbänden und gesammelten Zitaten, ebenso in Liederbüchern, Sachbüchern, Fachbüchern, Schulbüchern, Wörterbüchern, Biographien, Tagebüchern und in vielen Manuskripten.

Ich teile jede der mich findet, mit: die Zukunft steht nur zum Teil geschrieben, viele Bücherseiten sind noch leer. Bücher sind Geschichten der Seelen. Es liegt an euch, welches Buch ihr braucht, welches ihr herauszieht aus dem großen Fundus meines Wissens. Das Rätsel des Lebens stellt dich vor Herausforderungen. Stelle dich ihm, denn alles Leben ist ein Kreislauf. Das Rad dreht sich, ganz gleich ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, ob wir es wollen oder nicht. Alles ist ständig in Bewegung und verändert sich.

Ich bin weder vollständig noch fehlerfrei. Ich bin bemüht, Lügen zu erkennen und als solche zu kennzeichnen. Vieles von dem, was man vorher schon wusste, tritt hervor und scheint unglaublich wichtig, einfach so… Allerdings sind viele Teile in Zeiten des Krieges, der Not und verheerender Naturkatastrophen in Vergessenheit geraten oder zerstört worden, so dass ich nicht in allen Fällen herausfinden konnte, wie es wirklich war. Außerdem weisen auch heute noch viele Seiten Lücken auf. Ich werde mich weiter darum bemühen, Fehler herauszufinden, sie zu korrigieren und zu vervollständigen.

Ich betrachte, zeichne auf und warte geduldig.

Ich kenne sehr viele Seelen, die mein Wissen für ihre weitere Entwicklung nutzen. Es gäbe so viele Dinge die man anders machen könnte. Man würde eine völlig neue Inspiration für sein Leben erhalten. Man hätte die Möglichkeit, aus vergangenen Geschehnissen zu lernen und zu wachsen. Man würde mit Sicherheit Vergangenes, das man bisher nicht verstanden hat, aus einem anderen Blickwinkel sehen und beurteilen. Doch der Zugang zu meinen Geheimnissen hat eine Eigenart: man muss viele Fallen überwinden, um an die Fülle meines Wissens zu gelangen. Dieses Wissen bleibt für die meisten Augen allerdings unsichtbar. Wer also seinen Geist auf der Suche nach mir nicht zur Ruhe bringen kann, gerät dort ziemlich schnell in Panik und ist bald von der Verkörperung seiner persönlichen Albträume umgeben.

Ich erkenne diejenigen von euch, die vor ihrer Prüfung stehen.

Ich rate euch, ganz gleich welche Geheimnisse ihr mir entlockt, daran zu denken, dass die Natur immer nach der Wahrung des Gleichgewichtes strebt. Das ist ein einfaches Naturgesetz.

Ich halte Ausschau nach denjenigen, die meinen unvorstellbaren Reichtum entdecken wollen.

Ich warte geduldig.

Ich warte auf dich!

Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele.

Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.)

Das kam wieder plötzlich und unerwartet, doch dieses Mal wusste ich, warum ich vor dem alten Tor stand. Kein Zweifel! Müde rieb ich mir über das Gesicht und massierte meine Stirn. Seit meinem letzten Besuch hatte sich mein Leben so radikal geändert, dass ich unsicher war, ob ich im Moment offen war für Neues. Ich hatte mich gerade an dieses Leben gewöhnt. Hier zu stehen, zeigte mir unmissverständlich, dass nun ein neuer Lebensabschnitt bevorstand, ob ich das wollte oder nicht.

Das Tor war weit geöffnet und lud mich ein, näherzutreten. Nach langer Pause befand ich mich nun wieder vor dieser Bibliothek, diesmal so unerwartet, dass ich es kaum fassen konnte. Mein Leben war anders verlaufen, als ich es erwartet hatte: einiges war gut gewesen, auf andere Erfahrungen hätte ich verzichten können.

Tatsächlich hatte sich schon nach meinen ersten rätselhaften Besuchen in dieser wunderbaren Bibliothek einiges in meinem Leben wie auf Knopfdruck verändert. Es gibt ihn wirklich, diesen Schalter, der sich umlegt, wenn man etwas begriffen hat! Was gestern war, muss uns heute nicht definieren. Wir haben jeden Tag, ja jeden Augenblick die Möglichkeit, uns und unser Leben zu verändern, zu wachsen und mutiger zu werden. Nur weiß ich gerade nicht, ob ich jetzt schon etwas verändern will. Ich war bis eben noch ganz zufrieden mit meinem zurückgezogenen Leben.

Ja, ich weiß, wie man sich gefühlsmäßig von seiner Umwelt abschottet. Mein wahres Wesen zeige ich niemandem, einfach deshalb, weil ich mich dann sicherer fühle. Unangreifbar. Ich weiß nicht, ob ich diesen Schutz aufgeben will. Doch diese Bibliothek umfasste alle Weisheitsliteratur der Welt. Ich sollte etwas Neues lernen, da war ich mir sicher.

„Du glaubst diesen Büchern, als ob sie etwas empfinden würden…“, flüsterte ich mir selbst zu. Finster starrte ich auf die gefüllten Regale und Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen aus. Natürlich glaubte ich, dass etwas von ihren Erschaffern an ihnen haften geblieben war ebenso wie ein Teil der Seelen, die darin wandelten.

Jetzt führte ich schon wieder Selbstgespräche! Mir kribbelten die Fingerspitzen, erneut ein Sprung ins Unbekannte.

War ich stark genug für dieses neue Abenteuer? Mein Vertrauen war so oft missbraucht worden, dass ich nicht mehr gewillt war, tiefere Freundschaften einzugehen. Innerlich fröstelte es mich. Doch die Vergangenheit war vergangen! Nun hieß es, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Zu lange nachdenken wollte ich nicht. Es war etwas Besonderes, wieder hier zu stehen. Also würde ich den Stier bei den Hörnern packen und mich meinem Schicksal stellen.

Mit vorsichtigen, zögerlichen Schritten ging ich hinein. Es war als beträte man eine andere Welt, so unfassbar fremd und doch irgendwie die eigene. Still stand ich da und dachte an all die Menschen, denen ich von dieser Bibliothek erzählen wollte. Sie würden mich für verrückt erklären! Ich wusste, nicht jeder würde diese Bibliothek finden, doch ich hoffte, dass diejenigen, die sie finden, ebenfalls von ihr durchdrungen würden. Ich besah die bis zur Decke reichenden Regale. Sie waren mit tausenden von Büchern gefüllt. Ich überflog die Buchrücken und in mir keimte ein tiefer Wunsch auf: mein Buch sollte eines Tages auch hier in den Regalen stehen und anderen helfen, ihren Weg zu gehen.

Ich lachte laut auf und meine Hand fuhr erschrocken zu meinem Mund. Verstohlen schaute ich mich um, aber es war niemand hier, den es hätte stören können. War ich jetzt größenwahnsinnig geworden? Ich und ein Buch schreiben? Wie kam ich nur auf so eine irrwitzige Idee?

Zwischen den Regalen standen gepolsterte Sessel, die zum gemütlichen Lesen einluden und der ganze Raum schien von einem wärmenden Licht erfüllt zu sein. Nein, ich wollte jetzt nicht schreiben, ich wollte lesen. Ich wollte mehr! Ich brauchte mehr! In mir gärte abermals die Sehnsucht nach einem Sinn, nach wahrer Offenbarung der Geheimnisse des Lebens. Tausend Fragen trieben mich um: Wer bin ich? Was soll ich auf dieser Welt? Was ist Wahrheit und was Phantasie?

Was ist Erkenntnis, was ist Wahn? Sollte ich mich wirklich auf das Abenteuer einlassen, ein Buch zu schreiben?

Konnte ich das überhaupt? Worüber sollte ich schreiben? Ich schüttelte den Kopf, das war jetzt nicht wichtig.

Ich konzentrierte mich auf die Bücher, die in den Regalen standen. Es roch nach Papier, Staub und Leder und nach Geheimnisvollem… Manche Bücher waren sehr alt, das Papier war vergilbt und bröckelte schon. Gänsehaut kroch mir über die Wirbelsäule. Langsam schritt ich durch die Reihen der Regale. War es vermessen, davon zu träumen, sie alle lesen zu wollen? Das würde wahrscheinlich keinem menschlichen Wesen je gelingen. Doch ich durfte schon zum dritten Male hier entlang schreiten. Nein, eigentlich hatte ich das Gefühl zu schweben und ich genoss es. Trotzdem konnte ich mich des eigenartigen Gefühls nicht erwehren, dass ich beobachtet wurde. Doch jedes Mal wenn ich mich umdrehte, konnte ich niemanden entdecken.

Welches Buch würde es diesmal sein? Es ist wichtig, auf die innere Stimme zu hören. Manchmal ist sie ganz leise und wird vom Kopf übertönt. Oft ist die erste Eingebung die richtige. Überwältigt schloss ich kurz die Augen und atmete tief ein. Und dann sah ich es: plötzlich stand es da. Ich wusste, dass dieses Buch genau das richtige war. Es war wunderschön und schien zu leuchten. Vorsichtig nahm ich es in die Hand und mein Herz klopfte bis zum Hals. War es Einbildung oder wurde der Raum tatsächlich wärmer? Ich wischte den unheimlichen Gedanken beiseite. Ich betrachtete das Buch mit gemischten Gefühlen. Ich empfand Liebe und Respekt und gleichzeitig Neugierde, aber auch Angst vor der Macht, die dieses Buch enthielt und auf seinen Leser zu übertragen schien.

Das letzte Buch aus dieser Bibliothek hatte mich gelehrt, nicht zeigen zu dürfen, was ich wirklich wollte und konnte. Dadurch musste ich lernen, neue Fähigkeiten zu entwickeln, um anderen den Rücken zu stärken. Ich verhalf ihnen zu einem besseren Selbstausdruck und unterstützte sie, mit Ablehnung zurechtzukommen.

Meine Hand zitterte. Ich traute mich nicht, es aufzuschlagen.

Da flog der Buchdeckel auf, als ob das Buch beleidigt wäre, dass ich ihm nicht vertraute.

Die Seiten blätterten sich so schnell um, dass ich ihnen mit dem bloßen Auge nicht folgen konnte. Das Blättern dauerte bis zu einer bestimmten Stelle am Ende des Buches, dann hörte es abrupt auf.

„Die Aufgabe ist vielleicht einfach die, deine Angst vor dem Unfassbaren abzubauen.“

Ich hielt den Atem an und nickte mehr zu mir selbst. Ohne den Blick von der Buchseite abzuwenden zu können, näherte ich mich einem der gepolsterten Sessel, um weiterzulesen. Schon die ersten drei Zeilen zogen mich in eine andere Welt. Ich möchte jede Geschichte, jeden gelesenen Buchstaben für immer in meinem Wesen verankern, niemals vergessen und mich trotzdem auf neue Wege machen können.

1

Ruhelos lief Franka im Zimmer herum. Sie schämte sich fast dafür, dass sie Karin wieder abgesagt hatte. Viel zu lange hatte sie alles in sich hineingefressen und jetzt spürte sie den Schmerz nicht nur in ihrer Seele, sondern auch am ganzen Körper. Sie hatte abgenommen und Ringe unter den Augen zeigten deutlich, dass sie schlecht schlief. Doch ihre Freundin hatte Recht, nur sie selbst konnte etwas dagegen tun. Sie sollte sich nicht so gehen lassen! Auch gegen ihre düsteren Gedanken sollte sie etwas tun. Vielleicht war Arbeit wirklich ein Heilmittel. Seufzend setzte sie sich mit gekreuzten Beinen mitten in ihren Berg von Papieren: Reiseziele, Hotels, Bars und Sehenswürdigkeiten.

Einen Moment lang starrte sie auf das graue Bild einer Burg, die sie schon vor einer ganzen Weile besichtigen wollte. Sie liebte alte Burgen und ihre Geschichten. Doch zunächst mussten alle Papiere sortiert werden, dann erst würde sie anständig arbeiten können. Sie seufzte und legte das Bild der Burg zur Seite. Ein wenig mehr Disziplin würde ihr guttun, sagte sie sich. Sorgfältig arbeitete sie sich nun weiter durch den Papierstapel. Sie schaffte es genau eineinhalb Stunden lang und füllte dabei vier Ablagekörbe.

Dann bog sie ihren steifen Rücken durch und bewegte die Schultern im Kreis. Sie hatte sich auf Reiseberichte spezialisiert, schrieb aber auch allerlei Kurzgeschichten aus dem täglichen Leben, während Karin lieber aus dem Leben der Stars und Sternchen berichtete. Doch zurzeit konnte sie sich nicht aufs Schreiben konzentrieren. Es kam ihr vor, als ob sich ihre kreative Tür geschlossen hätte und sie den Schlüssel dazu nicht mehr fände. Sie seufzte erneut und stand schließlich auf. Ihr Magen knurrte und sie ging in die Küche, um sich etwas zu essen zu machen. Sie hatte angefangen regelmäßig zu essen, damit ihr Körper zu Kräften kam. Zwei Mal war sie zusammengebrochen. Zum Glück war das immer bei ihr zu Hause geschehen und Karin hatte ihr wieder aufgeholfen. Beim letzten Mal aber hatte Karin ihr angekündigt, dass sie sie nächstes Mal ins Krankenhaus bringen würde. So könnte es nicht weitergehen. Karin war ihr wirklich eine Stütze und Hilfe. Sie war immer da, wenn es ihr mies ging. Sie hielt sie vom Grübeln ab, wenn sie erneut in ein Gefühlstief zu stürzen drohte, und verbrachte viel Zeit mit ihr. Karin sendete wie selbstverständlich eine energiegeladene, unbekümmerte Lebendigkeit aus und hatte einen tiefen Glauben an ihre eigene Kraft. Bei ihr ging es immer nur vorwärts. Sie hatte nie das Ende im Auge, sondern nur den neuen Anfang.

In Gedanken versunken bestrich sich Franka automatisch ein paar Brote mit Butter, belegte sie mit Wurst und Käse, fischte einige Gurken aus dem Glas und halbierte eine Tomate. Ja, Karin hatte so ihre eigenen Lebensansichten.

„So übel ist das Single-Leben gar nicht…“, sinnierte Franka laut vor sich hin. Man musste es sich nur oft genug einreden, dann würde man es auch eines Tages so empfinden. Nein, so schlecht war es nicht! Keiner, der einem sagte, wann man nach Hause zu kommen hat. Keiner, der motzte, weil das Toilettenpapier im Bad nicht aufgefüllt war und der das Bad blockierte. Keiner, auf den man Rücksicht nehmen musste. Trotzdem: ihr fehlte etwas! Entschlossen zündete sie den Kamin an, obwohl es heute nicht wirklich kalt war.

Das offene Feuer und die darin tanzenden Flammen beruhigten jedoch ihre Nerven und wärmten ihr Gemüt. Ein Glas Rotwein würde ihr zum Schlafen verhelfen. Karin gab ihr das Gefühl, nicht alleine zu sein und ließ sie die gemeinsamen Momente genießen. Sie war einfach ein wundervoller Mensch. So voller Lebensfreude, voller Energie und Tatendrang. Und es gab keinen Tag, an dem Franka ihre Freundin einmal niedergeschlagen erlebt hätte. Karins Spontaneität und Leidenschaft waren bewundernswert. Im Gegensatz dazu musste sie sich immer wieder zusammenreißen und ihr Leben in die eigene Hand nehmen. Erneut überrollte sie eine Welle der Scham, dass sie auf Karins Anrufe nicht reagierte. Zugegeben, es war manchmal sehr anstrengend, mit Karin befreundet zu sein und mit ihrer überbordenden Energie und ihrem unermesslichen Tatendrang Schritt zu halten, doch das hatte sie definitiv nicht verdient. Franka musste zugeben: bei Karin wusste man immer, woran man war und einige ihrer Kommentare in der letzten Zeit hatten ziemlich genau ins Schwarze getroffen, so sehr, dass es wehtat. Nein, sagte sich Franka, sie würde jetzt erst einmal in Deckung bleiben und sich ehrlich damit beschäftigen.

Ganz gleich wie unterschiedlich sie beide waren: diese Freundschaft hielt und war viel zu wertvoll, um sie aufs Spiel zu setzen. Morgen, nahm sie sich fest vor, morgen würde sie das ändern.

Franka nahm eines der Bücher zur Hand, die sie in der Bücherei entdeckt hatte. Sie kuschelte sich aufs Sofa und biss herzhaft in eines ihrer Brote. Kauend blätterte sie die ersten Seiten auf. Wie jeden Abend versuchte sie von ihrem Gefühlschaos abzuschalten: der Eifersucht auf ihren Ex, auf die neue Frau an seiner Seite, der Verzweiflung, der Einsamkeit und der tief sitzenden Trauer. Sieben Monate waren vergangen und doch konnte sie all diese Gedanken und Gefühle nicht abstellen. Wenn sie doch wenigstens die Kraft gehabt hätte, wütend zu sein! Doch alles wozu sie noch in der Lage war, war Resignation und ihr Schicksal mit demütigem Haupt zu ertragen. Franka trank einen Schluck Wein. Die Einsamkeit verband sich mit ihrer inneren Leere und alles schien plötzlich über ihr zusammenzubrechen. Sie trank noch einen Schluck Wein, schüttelte den Kopf, um wieder klar zu sehen, und blätterte in ihrem Buch.

Liebe ist ein Grundbedürfnis unserer Seele.

Sie seufzte und dachte an Rafe, seine Augen, sein Lächeln, und ein wohliger Schauer lief über ihre Haut. Seufzend kuschelte sie sich tiefer in ihre Decke. Noch immer war sie nicht müde, stattdessen starrte sie ins Feuer. Nicht daran denken, ermahnte sie sich - und doch stellte sie sich vor, wie seine Hände über ihren Körper streichelten. Das Kribbeln auf ihrer Haut wurde stärker. Dieses Gefühl der Schwäche, das sich in ihr breitmachte, wenn sie an ihn dachte. Sie musste sich endlich zur Ruhe zwingen, musste Rafe aus ihren Gedanken streichen. Jedes Mal wenn sein Gesicht vor ihrem inneren Auge auftauchte, schob sie es konsequent beiseite. Sie wollte, verdammt nochmal, nicht an ihn denken! Wie sehr hatte er sie betrogen, Tag für Tag!

Erneut schüttelte sie den Kopf und las weiter:

Doch Liebe ohne Vertrauen ist wertlos. Wir alle kennen aus eigener Erfahrung die Angst vor Liebesverlust oder vor zurückgewiesener Liebe.

Sie seufzte abgrundtief und schloss für einen Moment die Augen. Wie wahr! Doch sie wusste noch immer nicht, was sie falsch gemacht hatte. Er hatte Angst gehabt, ihr zu erzählen, dass er noch mehr vom Leben wollte als das, was sie gemeinsam hatten. Und sie? Sie hatte ihm bedingungslos vertraut und nun herrschte das absolute Chaos in ihrem Leben.

„Mit dir hat das alles nichts zu tun“, hatte er ihr versichert. Aber mit wem denn sonst? Wie hatte es nur so weit kommen können? Wie war es möglich, dass ein Mensch die Fähigkeit besaß, das Leben eines anderen komplett wertlos und kaputt zu machen? Würde sie jemals wieder lieben können? Würde sie je wieder fähig sein, einem anderen Menschen zu vertrauen? Sie wusste es nicht. Das Leben an Rafes Seite war himmlisch gewesen. Er hatte sie auf Händen getragen, hatte ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen und sie hatte ihm blind vertraut. Sie hatte ihn geliebt. Ja, sie liebte ihn noch immer und ärgerte sich darüber, weil es so wehtat. Kein Zweifel: ihre Gefühlswelt lief aus dem Ruder. Und nun, nachdem sie von Wolke sieben herunter gestoßen worden war, musste sie zusehen, sich in der Realität zurechtzufinden. Dennoch wollte sie ihm nicht die ganze Schuld geben, denn sie hatte das Geschehen ja auch zugelassen. Es hatte sich für sie richtig angefühlt, wenn sie zusammen waren. Jedenfalls am Anfang. Sie blinzelte die Tränen weg, die sich in ihren Augen sammeln wollten. Es gelang ihr, einige Male tief durchzuatmen. Mühsam unterdrückte sie ein Schluchzen. Womöglich hatte Karin ja Recht und sie sollte sich von jemandem helfen lassen. Doch schnell schob sie diesen Gedanken von sich: nein, morgen würde sie ihr Leben ändern!

Sie würde es ganz alleine schaffen. Krampfhaft hielt sie das Buch fest, dass sie in der Hand hatte, fast so, als wollte sie sich daran festhalten. Sie wollte nicht mehr an ihn denken!

Sie wollte vergessen, ihn, was er getan hatte und wie sehr er sie verletzt hatte. „Verflixt und zugenäht!“, murmelte sie laut vor sich hin und wischte sich mit der Hand über das Gesicht, bevor sie weiter las.

Wer wahre Liebe erfahren will, kann nur eines tun: lernen, sich selbst zu lieben …

Das Telefon klingelte und Franka schreckte hoch. Das konnte nur Karin sein. Freundschaft hin oder her, aber jetzt hatte sie keine Lust, sich anzuhören, dass sie sich von einem Profi helfen lassen oder wieder unter die Leute gehen sollte. Das Genörgel ging ihr auf die Nerven und die hingen gerade an einem sehr dünnen Faden. Morgen! Morgen würde sie ihr Leben ändern. Aber jetzt wollte sie ihre Ruhe haben und ließ es klingeln. Sie legte das Buch zur Seite, es war nicht gerade das, was sie lesen wollte. Ja, Liebe tat weh! Sie wollte nichts mehr von Liebe hören und im Moment auch nicht spüren, geschweige denn davon lesen oder sich in irgendeiner anderen Form damit beschäftigen. Sie musste ihr Herz schützen. Es war nicht leicht, ein so tiefes Gefühl wie Liebe aufzubauen und genauso schwierig war es auch, dieses Gefühl zu löschen. Sie wusste, dass nur die Zeit ihre Wunden heilen konnte. Nur die Zeit würde ihr dabei helfen, ihrer gebrochenen Seele irgendwann wieder einen kleinen Schimmer Hoffnung zu schenken. Bis dahin, das spürte sie, würde sie wohl noch einige Tode sterben müssen.

Was auch immer sie auf die Idee gebracht hatte, dieses kleine grüne Buch mitzunehmen, es war im Augenblick nicht das richtige zum Entspannen. Glücklicherweise hatte sie noch mehrere andere Bücher zur Auswahl. Doch auch in diesen stand nur so esoterischer Kram drin. Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, woher sie diese Bücher hatte.

Aus der Bücherei jedenfalls nicht. Hatte Karin sie mitgebracht? Es wäre ihr zuzutrauen, denn Karin las gern solche Bücher. Wahllos blätterte sie durch das zweite Buch und las einen Absatz, der ihr ins Auge sprang: Alles was uns im Leben begegnet, ist die Folge unserer eigenen Gedanken, Worte und Handlungen in der Vergangenheit. Diese verdeckten Schätze, ob nun positiv oder negativ, welche wir im Laufe von vielen Leben ansammeln, wird Karma genannt. Es ist das Gesetz von Ursache und Wirkung.

Karma bedeutet, dass unser Verhalten anderen Menschen gegenüber zu uns zurückkehrt. Gedanken, die wir lange Jahre gehegt haben, kommen ständig aufs Neue zu uns zurück. Auch das Gute, das von uns ausgegangen ist, kehrt zu uns zurück. Das geschieht so lange, bis wir verstanden haben.

Vertraue dem Leben! Nichts was du tust, ist ohne Bedeutung!

Franka ließ das Buch vor sich sinken und blickte ins Leere. Was, fragte sie sich, was habe ich denn in der Vergangenheit angestellt, dass ich für meine Liebe bestraft werde? Oder verstand sie das einfach nur nicht?

Unendlich viele Probleme, die noch nicht gelöst sind, die aus vielen Inkarnationen mitgebracht wurden, sollte man nach und nach auflösen. Beginne mit einem einzigen Problem und arbeite daran bis zur Auflösung. Dann erst nehme das nächste in Angriff. So wirst du immer klarer und bewusster werden.

Franka sah erneut auf und seufzte tief. Was für ein Hokuspokus war das denn! „Beginne mit einem einzigen Problem“, hallten die Worte in ihr wider. „Ja, rein theoretisch habe ich das verstanden…“, sprach sie vor sich hin. „Aber mit welchem meiner Probleme fange ich an? Woher soll ich denn wissen, woher meine Probleme kommen?“ Ärgerlich warf sie das Buch auf den Tisch und starrte an die gegenüberliegende Wand. Sie gab sich doch alle Mühe, versuchte ja, aus dem Rad ihrer Gedanken herauszukommen. Doch im Moment wusste sie gar nichts. Sie wusste nicht einmal, wie sie überhaupt weiterleben wollte. Sie wusste überhaupt nicht, was sie noch von diesem Leben erwarten sollte.

Sie musste eingenickt sein, denn plötzlich kroch Gänsehaut über ihren Nacken, die Luft verdichtete sich und sie bekam keine Luft mehr. Eine Hitzewelle schlug über ihr zusammen und ein heller Lichtpunkt explodierte vor ihren Augen. Keuchend und um Atem ringend saß sie wie erstarrt auf dem Sofa und konnte sich nicht bewegen. Panik kroch in ihr hoch. Alles um sie herum begann sich zu drehen.

Eine neue Hitzewelle schoss durch ihren Körper und sie spürte ihr Herz rasen. Ihr Magen fing an zu rebellieren und sie schloss die Augen. Von einem Moment zum anderen war alles vorbei, es wurde still. Dann drangen Stimmen in ihr Unterbewusstsein, laute Stimmen. Oder träumte sie? Ja, sie musste träumen! Was war geschehen? Woher kamen die Stimmen? Es roch nach Fleisch und Alkohol, nach Rauch und Schweiß. War womöglich mit ihrem Kamin etwas nicht in Ordnung?

Erschrocken riss sie die Augen auf und sah zum Kamin. Doch da war kein Kamin mehr! Sie saß an der Wand eines großen Holzhauses. Das Haus war brechend voll, doch niemand beachtete sie. Schnell schloss sie die Augen wieder, doch die Stimmen blieben. Panik erfasste sie. Hatte sie jetzt den Verstand verloren und halluzinierte? Vorsichtig öffnete sie erneut die Augen und sah sich um, stumm und mit rasendem Herzschlag. Dabei bewegte sie sich nicht und hielt sogar die Luft an, um keinesfalls Aufmerksamkeit zu erregen.

Doch niemand schien sie wahrzunehmen. Tausend Fragen schossen durch ihren Kopf, als ihr bewusst wurde, was sie sah: ein großer U-förmiger, grob gehobelter Tisch stand oberhalb einer Art Empore. Er war beladen mit Speisen und Krügen. Frauen liefen hin und her und bedienten die Anwesenden. Es gab kaum Fenster, nur zahllose Kerzen erhellten den Raum. In der Mitte brannte ein Feuer und viele unterschiedliche Gerüche hingen in der Luft. Ein großer rotblonder Mann, dessen Erscheinung sie erzittern ließ und völlig gefangen nahm, sprach lautstark mit seinen Nachbarn. Männer, die einem wirklich Angst einflößen konnten. Die Sprache kannte sie nicht, dem Klang nach musste es eine nordische sein. Völlig merkwürdig jedoch war, dass sie den Sinn dieser Worte verstand, als ob ein Übersetzer in ihrem wirren Hirn säße. Sie überlegte krampfhaft, ob sie vielleicht einen Termin in einer Fernsehshow hatte oder über einen Kinofilm berichten sollte, aber ihr fiel nichts ein.

Die Männer sahen genauso aus, wie man sich Wikinger in ihren Langhäusern vorstellt. Viele von ihnen saßen unterhalb der Empore, sie machten den Eindruck von einfachen, arbeitenden Bauern und Handwerkern.

Das Gefühl der Irrealität in Franka verstärkte sich zusätzlich, als sie an sich herabschaute: sie war barfuß und saß auf einem festgestampften Lehmboden. Wer war sie? Und wo war sie? Sie musste träumen! Sie kniff sich in den Arm, dass es wehtat, doch sie wachte nicht auf. Nicht ein Wort des Gesprochenen war ihr geläufig, aber sie spürte, dass hier etwas Besonderes vorging. Die Atmosphäre war spannungsgeladen, als ob alle auf etwas warteten. Gebannt beobachtete auch Franka den gut gebauten, rotblonden Mann am Kopfende des Tisches. Wikinger, dachte sie. Was wusste sie aus dieser Zeit? Raubzüge, Heiden, der Glaube an Götter wie Odin und Runen, das fiel ihr spontan ein. In Gedanken ging sie die Bücher durch, die sie aus dieser Geschichtsepoche gelesen hatte. Viele waren es nicht, so dass ihr Wissen ziemlich oberflächlich war. Sie durchsuchte ihr Gehirn und wünschte, es würde besser funktionieren. Schließlich musste sie sich eingestehen, wie wenig sie von den Geschehnissen dieser Zeit wusste. Sie nahm sich vor, das zu ändern, doch das half ihr gerade auch nicht.

Dann sah der wortführende Wikinger, der eine Art Anführer zu sein schien, zu ihr herüber und zwinkerte ihr mit seinen blauen Augen zu. Ein Schwindelgefühl erfasste Franka und ein plötzliches Gefühl tiefer Liebe breitete sich in ihr aus. Sie erschrak. Nicht nur über dieses Gefühl, sondern auch darüber, dass es nicht ihr Gefühl war. Damit konnte sie nicht umgehen. Sie hätte dieses Buch nicht lesen sollen! Erneut sah sie zu dem Rotblonden hin, wandte den Blick aber rasch wieder ab. O Gott! Was war hier los? Als sie aufgeregte Stimmen hinter sich hörte, sprang sie auf und lief los. Instinktiv wusste sie, dass sie nicht hier sein durfte. Sie rannte so schnell ihre Beine sie trugen und schlüpfte durch irgendeine der Holztüren. Doch schon nach wenigen Metern fühlte sie ihre weichen Knie. Nur nicht in den Spiegel schauen, dachte sie. Es ist verboten! Sie wusste nicht, woher sie überhaupt wusste, dass hier ein Spiegel hing.

Ein Spiegel bei den Wikingern? Doch beim Laufen erhaschte sie einen Blick darauf und blieb wie elektrisiert stehen. Sie war zutiefst verwirrt. Wer bin ich? Was sie im Spiegel sah, begriff sie nicht. Sie hatte ein graues Kleid an, das in Fetzen an ihr herunterhing, und sie hatte langes schwarzes, verfilztes Haar. Unter ihren blauen Augen waren dunkle Ringe zu sehen, die ihr junges Gesicht wie das eines Gespenstes erscheinen ließen.

Atemlos schluckte sie den Kloß in ihrem Hals herunter. Das musste ein Traum sein!

„Du kleines Miststück, geh sofort da weg!“, rief eine große rothaarige Schönheit in Frankas Richtung. Sie hatte ihre Arme in die Hüften gestemmt und pure Wut flackerte in ihren Augen. Franka zögerte keinen Augenblick, drehte sich herum und lief in die entgegengesetzte Richtung davon auf eine Tür zu. Dann stand sie im strömenden Regen. Wer auch immer das gewesen war, diese Frau war mehr als wütend auf sie.

„Almina! Almina, komm sofort hierher! Was ist heute bloß in dich gefahren?“, rief es hinter ihr. Doch sie rannte weiter durch kalte Pfützen bis zur nächsten Tür und zurück in das überfüllte Gemeinschaftshaus. Voller Panik ließ sie sich auf die Knie fallen und kroch unter den Tischen entlang, bis sie bei den Füßen des großen Wikingers angekommen war. Dort rollte sie sich erschöpft zusammen. Hier war sie erst einmal sicher.

Dieser Mann, zu dessen Füßen sie Zuflucht gesucht hatte, sprach mit einem festen und bestimmenden Tonfall. Er war offensichtlich daran gewöhnt, Befehle zu erteilen. Sie zwang sich zum Nachdenken: wer war dieser Mann, mit dem sie sich unsichtbar verbunden fühlte? Warum wurde ihr so warm ums Herz, wenn sie an ihn dachte? Und wer war die Frau, die nach ihr gerufen hatte? Seine Frau? Sie war so müde! Was gaukelte ihr ihr Gehirn da vor? Warum verstand sie jedes Wort, obwohl sie diese Sprache nicht kannte?

Sie konnte fast körperlich den Kampf spüren, der in ihrem Kopf tobte: Wahrheit kämpfte gegen Traum. Oder war es die Wirklichkeit gegen die Illusion? Die Kraft, die sie hierher gebracht hatte, weigerte sich, sie wieder nach Hause zu bringen. Sie saß hier fest und ihr blieb nichts weiter übrig als abzuwarten, wie es weitergehen würde. Dies hier war Vergangenheit und gehörte nicht zu ihr.

Es war nicht real. Es war ein Traum - wenn auch ein sehr echt wirkender. Wahrscheinlich war sie völlig verrückt. Sie hätte doch auf Karin hören und sich einen Termin beim Psychologen geben lassen sollen. Aber nein, sie wollte sich lieber verstecken und nicht den Tatsachen stellen!

Lieber die Realität verleugnen und sich der Illusion hingeben, alles sei in Ordnung, warf sie sich selbst vor. Irgendwann wurde sie schläfrig und fiel in einen unruhigen Halbschlaf. Sie hatte wohl schon mehrere Stunden so unter dem Tisch gelegen, als ihr bewusst wurde, dass sie ganz erbärmlich fror. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr, sie fühlte sich fiebrig und zitterte. Der Wikinger, bei dem sie Schutz gesucht hatte, warf ihr hin und wieder unbemerkt kleine Essensportionen unter den Tisch. Automatisch steckte sie sich die Bissen in den Mund, denn ihr Magen knurrte. Aber sie hätte genauso gut auch Papier essen können. Sie aß rein mechanisch. Sie war eindeutig krank. Und wie sollte sie jemals wieder nach Hause kommen? Vielleicht träumte sie auch nur. Irgendwann schlief sie endgültig und völlig erschöpft ein.

2

Die kleine Sklavin verfolgte ihn eine ganze Weile wie ein unsichtbarer Schatten. Olav wusste, dass sie unter dem Tisch lag und nahm sich vor, den angsterfüllten Blick aus ihren Augen zu vertreiben. Diese wunderschönen großen Augen fesselten ihn, denn sie erinnerten ihn an jemanden. Eine innere Wut wallte in ihm hoch und das ihm selbst unerklärliche Bedürfnis, das Mädchen vor der Menge zu schützen, war übermächtig. Er würde denjenigen umbringen, der für ihren gehetzten Blick verantwortlich war. Doch vorerst musste er den Drang, sie hier herauszubringen, mit aller Macht unterdrücken. Ärgerlich ließ er seine Faust auf den Eichentisch donnern. Was war bloß mit ihm los? Er hatte wirklich andere Sorgen. Die heutige Versammlung würde noch länger dauern als gestern. Und es regnete immer noch. Es regnete schon seit einer Woche und seine Laune war inzwischen auf dem Tiefpunkt angekommen. Ginge es nach ihm, wäre er jetzt draußen und würde frische Luft atmen.

Alle hatten sich versammelt, um das Land wieder sicherer zu machen: viele mächtige Landesmänner, Könige und Fürsten ihres noch jungen Norwegens, dazu der Ältestenrat und das Volk. Die politischen Beratungen hatten gerade erst begonnen und die Verhandlungen der Ältesten über die künftige Rechtsprechung waren noch in vollem Gange. Nach dem letzten Bauernaufstand bedurfte es jetzt einer neuen Führung. Jarl Håkon, einer der Fürsten, hatte viel Zwist hinterlassen. Wenn die Menschen hungerten, wurden sie zu Bestien. Håkon hatte es herausgefordert und – er hatte verloren! Nun lag es an ihm, den Menschen neue Hoffnung auf ein besseres Leben zu geben. Und er würde seine Mission erfüllen. Heute sollte eine Entscheidung fallen. Der neue König würde Ordnung und Gerechtigkeit für die Familien schaffen, denn das Volk war kriegsmüde und hungrig.

„Das ganze Land ist im Chaos. Das muss im Sinne der Familien endlich ein Ende haben!“, ließ Olav die Versammlung mit autoritärer Stimme wissen. Es war eindeutig eine Provokation an die anderen Männer, als wolle er sie herausfordern. Ja, er hatte Pläne und die wollte er durchsetzen, komme was wolle. Ein unruhiges Gemurmel folgte seinen Worten und das Stimmengewirr an den Tischen schwoll an. Olav sah in die Runde und wartete.

„Olav soll unser König werden!“, rief jemand aus der Menge.

Einer der Wikingerfürsten fluchte und wandte sich ab.

„Ja, Olav soll uns führen!“, wiederholte ein anderer und weitere Anwesende erhoben sich zustimmend. Daraufhin erhoben sich alle, Älteste, Edle und Bauern.

„Olav soll unser König werden!“, riefen sie immer wieder im Chor, dabei klatschten sie in die Hände und stampften mit den Füßen auf. Olav neigte den Kopf, stand auf und ging zum Feuer. Mit einer triumphierenden Geste hob er seinen Becher und prostete seinem Volk mit einem lauten „Skål!“ zu. Dorrell, sein Berater, hatte es ihm vorhergesagt. Doch dass es so schnell gehen würde, hatte Olav nicht erwartet und nickte ihm, seinem engsten Freund und Vertrauten, anerkennend zu. Endlich hatte er sein Ziel erreicht und seinen Platz eingenommen. Eine gute Wahl für sein Volk. Seine Anhänger jubelten und die Hochrufe wollten nicht enden.

Olav war weit in der Welt herumgekommen. Er hatte viel gesehen und gelernt. Er hatte viel gekämpft und war ein wohlhabender, mächtiger Mann. Und er hatte große Veränderungen von seinen Reisen und Raubzügen mitgebracht. Mit Dorrell und den neuen Priestern plante er das Christentum in Norwegen einzuführen, um auch auf diesem Wege das Land seiner Väter zu einen und auf politisch sichere Beine zu stellen.

*

Dann war es endlich ruhig geworden. Die meisten hatten sich zurückgezogen oder schliefen ihren Rausch aus. Olav sah unter den Tisch: wie alt sie wohl sein mochte? Ihren dünnen Armen nach zu urteilen war die Kleine höchstens zwölf Jahre alt. Doch als er sie vorhin angesehen hatte, hatte er in ihren Augen eine tiefe Weisheit wahrgenommen, die er nicht deuten konnte. Ein unermesslicher Schmerz spiegelte sich darin, der ihn in seinem Innersten berührte. Nie zuvor hatte er solche Augen gesehen und ihn überkam das Gefühl, dass er dieses Mädchen vor Unheil beschützen müsse. Wer war sie? Als er sie auf den Arm nahm, musste er sein Entsetzen verbergen. Unter dem formlosen grauen Kleid konnte er fast jeden einzelnen Knochen spüren.

Als Franka erwachte, hatte sich die fremde Welt noch immer nicht aufgelöst. Im Gegenteil: der Mann war echt, echt von Kopf bis Fuß, und er trug sie auf dem Arm. Sie spürte deutlich seine Wärme. Aus seinen leisen Worten, die jedoch ihren Verstand nicht erreichten, sprach Besorgnis. Franka regte sich nicht. Woher sollte sie wissen, wie sie mit den Menschen in dieser Zeit umgehen musste, wenn sie noch nicht einmal ihre Sprache sprechen konnte? Dass sie sie verstand, war schon verwirrend genug. Man würde sie für verrückt erklären. Vielleicht war sie das ja auch und saß schon längst in einer Irrenanstalt.

„Olav!“, rief eine Frau. Olav blieb stehen und drehte sich um. „Hej, Astrid“, antwortete er langsam. Astrid war voller Groll und gereizt. Franka erkannte die Stimme. Sie war sofort auf Flucht eingestellt, doch Olav drückte sie fest an sich. Sie war in seinen Armen gefangen.

„Du bist jetzt König“, stellte die Frau fest und blieb zwei Schritte vor ihm stehen.

„Ja, und? Was willst du damit sagen?“, fragte er ruhig.

Astrid fixierte ihn mit kalten Augen.

„Was willst du mit ihr?“, fragte sie, ohne das Mädchen anzusehen.

„Ich bringe sie in mein Haus und werde…“

„Nein, auf keinen Fall“, schrie Astrid empört auf. „Olav, ich verbiete es dir! Sie war ungehorsam und muss bestraft werden.“

Olav fixierte Astrid mit zusammengekniffenen Augen. Franka stöhnte leise auf.

„Das Mädchen gehört mir. Was willst du mit einer unbedeutenden kleinen Sklavin?“ Er zögerte eine Sekunde und runzelte nachdenklich die Stirn. Noch bevor er etwas erwidern konnte, fuhr Astrid fort, änderte jedoch ihre Tonlage.

„Vergebt mir, mein König… Ich habe mich drei Jahre lang um das Kind gekümmert. Ich mache mir nur Sorgen.“ Olav spürte wie das Mädchen in seinen Armen steif wurde.

Sie atmete schwer und hatte eindeutig Furcht. Er wollte nicht, dass sie Angst hatte.

„Ich glaube nicht, dass du diejenige bist, die sie bestrafen wird“, sagte Olav mit leiser Stimme. Franka entspannte sich ein wenig. Er würde nicht zulassen, dass diese Frau ihr wehtat. „Ich möchte wissen…“, er stockte. Er konnte es selbst nicht einordnen, was ihn dazu bewog, sich Sorgen um eine Sklavin zu machen. Doch warum sollte er das seiner Schwester erklären? Er war jetzt König, er brauchte gar nichts mehr zu erklären.

„Ich bringe sie in mein Haus“, wiederholte er und warf seiner Schwester einen warnenden Blick zu. Einen Moment lang schien sie ihm zum zweiten Mal widersprechen zu wollen, doch sie schwieg. Dann überlegte sie es sich anders und nickte ergeben.

„Wenn du etwas über sie weißt“, er betonte diese Worte, „etwas das ich wissen sollte, dann berichte es mir nachher in meinem Haus. Und jetzt suche nach dem Heiler. Wir brauchen Medizin und saubere Kleidung. Und zwei Frauen, die mir zur Hand gehen. Und heißes Wasser.“

Sie nickte, sah jedoch nicht gerade erfreut aus.

Olav wollte weitergehen, stockte noch einmal kurz und atmete tief ein: „Und noch etwas, Astrid. Es wird keine Sklaven mehr geben. Auch nicht für dich.“ Mit diesen Worten ließ er sie stehen und ging festen Schrittes hinaus.

*

Wind und Regen ließen Franka frösteln, als er aus der großen zweiflügeligen Tür trat. Aus dem Augenwinkel heraus sah sie erstaunt, dass das Langhaus, in dem sie sich aufgehalten hatten, überhaupt nicht als Haus zu erkennen war. Es sah mehr aus wie ein Grashügel. Unwillkürlich suchte sie nach den laufenden Kameras, doch es waren keine zu entdecken. Olav schritt zügig und geradewegs auf eines der großen Holzhäuser zu. Franka schloss die Augen und betete, dass dies alles nur ein Traum sei oder die Kulisse eines guten Films.

„Alles wird gut, kleines Mädchen. Ich verspreche dir, alles wird gut“, beruhigte sie Olav, als er sie vor das wärmende Feuer in seinem Haus legte. Lächelnd streichelte er ihre Wange. Franka zuckte zusammen, als erwarte sie Schläge. Wer hatte diesem Kind etwas angetan?, ging es Olav durch den Kopf. Sanft strich er über ihre verfilzten Haare und murmelte etwas. Er berührte die Haut am Arm des Mädchens. Sie war noch immer eiskalt. Wie leicht ihr zarter Körper gewesen war! Und ihr Gesicht totenblass. Sein Zorn, den er in der Öffentlichkeit sorgsam überspielt hatte, kehrte zurück, als er ihre Angst spürte. Irgendjemand war wirklich nicht gut zu ihr gewesen.

„Ich werde dir nicht wehtun, darauf gebe ich dir mein Wort“, versprach er. Franka sah ihn verkrampft und mit großen Augen an. Er goss etwas Wein in einen Becher, den er ihr reichte. Sie nahm gierig einen großen Schluck daraus, und als Astrid hereinkam, hustete sie, weil sie sich vor Schreck verschluckt hatte. Halt einfach deinen Mund, dachte Franka müde.

„Sie versteht dich nicht“, stellte Astrid fest und tippte sich mit ihrem Zeigefinger an die Stirn. „Sie ist nicht ganz richtig im Kopf und stumm wie ein Fisch“, sagte sie unheilvoll.

So ist das also: ich bin stumm, dachte Franka, und kniff den Mund zu. Die Frauen, die Astrid begleiteten, trugen Eimer mit heißem Wasser und hatten saubere Tücher bei sich. Franka zitterte, diesmal nicht vor Kälte, sondern vor Angst. Was war nur mit dieser Frau?

„Du hast doch wohl nicht vor, das Kind selbst zu baden?“, fragte sie ihren Bruder. Der sah ihr tief in die Augen, bis sie den Kopf senkte.

„Bereitet das Bad vor“, befahl er den Frauen, die unsicher stehengeblieben waren, als sie die Spannung zwischen den beiden spürten. Die Frauen nickten und verschwanden schnell mit wehenden Röcken aus Frankas Sichtfeld. Als er sich zu dem Mädchen hinabbeugte, zuckte sie zusammen.

„Ruhig Kleine“, beschwichtigte er sie. „Sei ganz ruhig, ich passe jetzt auf dich auf.“

Er hob sie hoch, betrat die Badekammer und heißer Dampf schlug ihnen entgegen. Die Wärme würde dem Mädchen guttun, war er sich sicher. Er legte sie auf ein Fell, wo sie sich jedoch sofort ängstlich zusammenrollte.

Das schwarze Haar klebte wirr an ihrem Gesicht. Er seufzte, als ihm klar wurde, dass er hier nicht viel tun konnte. Sein Blick wanderte über den mageren Körper und ihm wurde bewusst, dass sie schon länger an Entbehrungen litt. Er klang kurz angebunden, als er den beiden Frauen befahl: „Badet sie, zieht sie an und gebt ihr etwas zu essen. Danach geht. Niemand darf zu ihr, außer dem Heiler. Ist das klar?“ Die Frauen nickten und sahen verunsichert zu Astrid, doch die wurde von Olav am Arm gepackt und aus dem Baderaum gezogen.

„Was weißt du über sie, Schwester? Ich habe das Gefühl, ich kenne diese Augen“, befragte Olav sie energisch, ohne auf ihre gereizte Tonlage einzugehen. Astrid schwieg einen Moment, als überlege sie, was sie antworten sollte.

„Sie ist meine Sklavin“, spie sie ihm verachtend ins Gesicht. Olav stutzte angesichts des Hasses in ihrer Stimme und trat einen Schritt zurück.

„Was hat sie verbrochen, dass du sie verhungern lässt?“, fragte er grollend. Astrid antwortete nicht, sondern drehte sich um und wollte gehen, doch er hielt sie fest. Er wusste selbst nicht, warum er so wütend war.

„Ich verlange eine Antwort von dir. Und wage es nicht noch einmal dich umzudrehen, wenn ich mit dir rede!“

Einen Moment lang sagte Astrid nichts. Olav sah an ihrem Gesichtsausdruck, wie sehr sie versuchte, sich unter Kontrolle zu halten. Doch dann fauchte sie ihn an:

„Was willst du von ihr? Du kannst sie nicht in dein Bett holen! Wir haben genug andere junge Sklavinnen…“

Sie unterbrach ihren Wortschwall, als sie in Olavs versteinertes Gesicht blickte. Was war nur in den vergangenen Jahren mit seiner Schwester geschehen? Er erkannte sie nicht mehr wieder.

„Und wenn dies mein Wunsch wäre, ginge es dich gar nichts an“, knurrte er zurück. Astrid knetete nervös ihre Hände, die sie vorher zu Fäusten geballt hatte, und starrte auf den Boden.

Sie wusste, dass sie eine unsichtbare Grenze überschritten hatte. „Du kannst sie nicht in dein Bett holen, weil…, weil das Inzucht wäre.“ Astrid schaute ihm trotzig ins Gesicht.

„Was soll das heißen?“ Er hielt die Arme vor der breiten Brust gekreuzt und wartete ungeduldig.

„Mutter hat sie von ihrer letzten Reise mitgebracht. Sie lebt seit drei Jahren bei mir. Mutter hat sie mitgebracht und hiergelassen. Ich soll mich um sie kümmern, bis…“, sie sprach nicht weiter. Olav war erstaunt. Er hatte nicht gewusst, dass seine Mutter vor ihrem Tod noch einmal hier gewesen war. Aber nun wusste er auch, an wen ihn die Augen des Mädchens erinnerten.

„Das nennst du, sich um sie kümmern? Sie könnte unsere Schwester sein und wird wie eine Sklavin behandelt. Wer ist der Vater?“

„Dieses Geheimnis hat Mutter mir nicht offenbart“, fluchte Astrid und in ihren Augen loderte etwas, das Olav nicht ergründen wollte.

„Sie ist ein Bastard und deiner nicht würdig!“, Astrid schrie es fast und in ihrer Stimme lag pure Verachtung.

„Wie kommst du darauf?“

Doch Astrid antwortete ihm nicht mehr, sondern sah ihn nur trotzend und schweigend an. Da wusste Olav, dass er sich bald etwas einfallen lassen und Astrid einem starken Mann zur Frau geben musste.

„Sie ist verrückt, das solltest du wissen. Und sie ist zu nichts nütze“, warf ihm Astrid ihr abschließendes Urteil hin. Als Olav nichts erwiderte, setzte sie erneut zum Sprechen an, doch er kam ihr zuvor und stellte fest: „Das ist ab sofort nicht mehr dein Problem. Ich werde mich jetzt um sie kümmern. Und du solltest besser gehen.“

Wilde Wut sprach aus Astrids Augen, doch sie beherrschte sich und nickte nur kurz.

„Wie ist ihr Name?“ fragte Olav.

„Almina.“

„Sie steht ab sofort unter meinem persönlichen Schutz“, ließ er sie wissen. „Und ich werde es nicht noch einmal sagen: es wird keine Sklaven mehr geben! Auch du wirst dich daran halten.“ Eine unausgesprochene Warnung stand im Raum.

„In den nächsten Tagen werden Dorrell und der Priester die ersten Taufen vorbereiten.

Und du, als meine Schwester, wirst eine der Ersten sein.“ Damit ließ er sie stehen und ging zornig zur Tür. Er fragte sich, wer hier verrückt war.

*

Franka hielt die Augen geschlossen und lauschte dem Geplapper der beiden Frauen. Sie saß in einem runden Holzzuber, der mit angenehm warmem Wasser gefüllt war. Ihr Kopf wurde von dicken Dampfschwaden eingehüllt, die von heißen, regelmäßig mit Wasser besprengten Steinen aufstiegen. Dass es in dieser Zeit schon Badezimmer gab, die einer Sauna ähnlich waren, davon hatte sie noch nie etwas gelesen. Eher davon, dass Wikinger dreckig und ungepflegt waren, mit langen verfilzten Haaren. Das Wasser hatte den gröbsten Schmutz von ihrer Haut abgewaschen und die Frauen schäumten sie mit einer Seifenlauge ein. Dunkelblaue Prellungen und hässliche Verfärbungen verbargen sich unter dem Schmutz und sie hörte beide zwischendurch immer wieder aufkeuchen. Franka zitterte, während sie ihre blauen Flecke betrachtete. Sie wusste nicht, warum sie so überreagierte, doch ihr Körper, dieser ihr völlig unbekannte Körper, erinnerte sich an Misshandlungen und an jemanden, der sie anschrie, während ihr alles wehtat.

Gänsehaut überlief sie bei diesen Erinnerungen, sie war todmüde. Dann wurde ihr ein dickes, gewebtes Hemd übergezogen, das ihr bis zum Boden reichte. Sie schloss Augen, doch anstatt zu schlafen, war sie jetzt hellwach. Ihre Zähne klapperten aufeinander, ohne dass sie etwas hätte dagegen tun können. Schnell wurde sie in mehrere Decken eingehüllt, um sie aufzuwärmen. Dann hoben sie plötzlich zwei starke Arme hoch und brachten sie in eine Kammer, wo sie sorgfältig auf ein Lager gebettet wurde.

Als sie allein war und alles um sie herum still wurde, spürte sie wie die Anspannung, die sie den ganzen Tag über beherrscht hatte, von ihr abfiel. Sie öffnete die Augen und schaute sich um: sie lag auf einem Bett mit wunderschönen Fellen und Pelzen.

Sanft strich sie darüber. Sie dachte an ihre Zeit und all die Tierschutzorganisationen und deren Kampagnen gegen den Erwerb und Besitz von Pelzen. Die hätten hier ihre reine Freude, dachte sie spöttisch. Doch was dachte sie da? Solche Gedanken waren im Moment völlig unwichtig. Mit einem Mal spürte sie eine durchdringende Kälte und bleierne Müdigkeit überkam sie. Und irgendwann schlief sie ein.

Sie erwachte, als die Tür zu ihrer Kammer kurz geöffnet wurde und sich wieder schloss. Leise Stimmen unterhielten sich auf der anderen Seite der Tür. Zu gerne hätte sie gewusst, was da geredet wurde. Dann wurde die Tür erneut geöffnet, doch sie regte sich nicht. Erst als sich Schritte näherten und eine Hand leicht ihre Stirn berührte, öffnete sie die Augen. Sie fror und schwitzte gleichzeitig und es kostete sie einige Kraft, die Augen offen zu halten. Ein hochgewachsener, hagerer Mann kniete neben ihrem Bett und sah ihr in die Augen. Er war schon etwas älter, doch wie alt genau, konnte sie nicht schätzen. Er sah sie freundlich an und sie entspannte sich. Er trug ein braunes, schmuckloses Obergewand und sie erinnerte sich daran, ihn zuvor in der Halle gesehen zu haben. Ein Mönch oder Arzt, dachte sie. Dann lächelte er, und seine Augen leuchteten. Eine Weile schauten sie sich stumm an. Er murmelte etwas, das sie nicht verstand, doch ihr Wikinger antwortete leise. Dann verschwand der Mann aus ihrem Sichtfeld und sie schloss die Augen.

Olav verschränkte die Arme vor der Brust und blickte zu ihr hinunter, als Dorrell wieder eintrat.

Ihre Haut schien makellos weiß und ihr Haar so schwarz wie das Gefieder eines Raben. Das faszinierte ihn.

„Glaubst du, sie wird überleben?“, fragte er den Heiler.

Franka schreckte aus ihrem Dämmerschlaf auf und blickte verwirrt zu Olav, während der unwillig einen Schritt zurücktrat, um Dorrell Platz zu machen.

„Wir werden sehen“, war die kurze Antwort des Heilers, als er ihr eine Holzschale mit einer dampfenden Flüssigkeit an den Mund hielt. Er nickte ihr aufmunternd zu und sie trank gierig.

„Na, ich wusste doch, dass das hilft”, stellte er zufrieden fest. Franka schloss einfach die Augen und hoffte, morgen wieder zu Hause aufzuwachen. Sie fühlte sich so hilflos und dieses Gefühl hasste sie. Irgendwann musste dieser Traum ja mal zu Ende sein! Es stimmte: sie war müde. Sie war sogar sehr müde. Und sie war verstört. Noch immer begriff sie nicht, was hier vorging. Es war ihr unmöglich, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Sie zog sich die Decke, die nach Lavendel roch, über den Kopf und murmelte: „Ich bin nicht wirklich hier…“ Diese Worte wiederholte sie wie ein Mantra in ihrem Kopf. „Alles ist nur ein Traum, alles ist nur ein Traum, alles nur ein…“, bis sie schließlich erschöpft einschlief.

*

Olav lag noch lange wach. Die Geschehnisse des Abends liefen noch einmal vor seinem inneren Auge ab. Er hatte nicht damit gerechnet, so kurz nach seiner Heimkehr zum König von Norwegen ernannt zu werden. Er wusste nicht recht, ob er enttäuscht oder erfreut darüber sein sollte. Doch nachdem sein Schiff nach über zwei Jahren auf Reisen an der hölzernen Rampe angelegt und er sich einen Überblick über die aktuelle Situation vor Ort verschafft hatte, war er sich sicher, dass seine Zeit gekommen war. Das Land lag im Chaos. Ständig gab es Aufstände und Kämpfe um das wenige, das es noch gab. Die Menschen gierten nach Sicherheit und Ordnung. Missernten und viele räuberische Überfälle ließen sie hungern. Und hungernde Menschen konnten zu Bestien werden. Håkon hatte viel Zwietracht gesät…

Lange hatte er auf diesen Moment gewartet. Früher waren Überfälle selten gewesen und noch seltener hatten sie sich ausgezahlt. Viel zu oft hatten sie kleine, wehrlose Handelsschiffe gekapert und viel zu oft hatten diese außer Rum nichts geladen, das sich zu rauben lohnte. Seine Gedanken schweiften ab. Er dachte über Astrid und ihre Gefühlsausbrüche nach. Warum nur ließ sie das Mädchen verhungern? Und warum dieser Hass in ihren Augen?

Als älteste Tochter hatte Astrid die Führung des Haushaltes übernommen, nachdem seine Mutter mal wieder auf der Flucht war. Sie war nach dem Tod des Vaters nie richtig zur Ruhe gekommen, er kannte sie nur als Getriebene. Doch was war wirklich geschehen? Wo war seine Mutter jetzt? Tausend Gedanken kamen und gingen. Er wusste noch nicht mal, ob seine Mutter noch lebte. Doch so sehr er sich auch bemühte, er wurde aus der ganzen Sache nicht schlau. Wer war dieses Mädchen? Woher kam sie? Und was war mit ihr geschehen? Fragen über Fragen. Er schimpfte leise vor sich hin. Dieses verfluchte Ehrgefühl brachte ihn in eine Zwickmühle. Seine Mutter hatte ihm dieses Ehrgefühl anerzogen und es machte sich ständig dann bemerkbar, wenn es höchst unpassend war. Für ihn waren es vor allem die Augen des Mädchens, die eine beinahe magische Wirkung auf ihn hatten. Sie war ungewöhnlich und doch konnte er nicht wirklich sagen, warum das so war. Sie erschien ihm seltsam fremd und doch so nah. Etwas Rätselhaftes und zugleich Anziehendes umgab sie. Er begann sie mit Astrid zu vergleichen. Nein, die beiden waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Er kam zu dem Schluss, dass es nicht viel Sinn machte, über das Mädchen nachzudenken. Morgen würde er mit Dorrell über sie sprechen und sie in seine Obhut geben. Er musste sich vor allem auf jetzt, seine Pflichten und Aufgaben als König konzentrieren.

3

Franka wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, sie hatte überwiegend geschlafen. Sie erinnerte sich nur daran, dass ihr der alte Mann regelmäßig eine Flüssigkeit eingeflößt hatte. Alminas Körper war sehr dünn und knochig, aber Franka fühlte sich längst nicht mehr so erschöpft. In ihrem Körper, dem Körper, der jetzt zu ihr gehörte, wütete kein Fieber mehr. Sie hoffte nur, dass dieser Körper nicht an Mangelernährung erkranken und Almina sterben würde, bevor es ihr gelang, in ihren eigenen Körper zurückzukehren. Die Schlafkammer, in der sie lag, war klein aber solide. In Frankas Kopf arbeitete es unermüdlich: was konnte sie tun, um nach Hause, in ihre Zeit zu kommen? Und warum war sie hier? Lange blickte sie in das Licht einer Kerze. Sie musste, sagte sie sich, nur logisch überlegen, wie sie wieder nach Hause kommen könnte.

Die Holztür stand offen. Der große Wikinger saß mit gesenktem Kopf an einem groben Holztisch. Seit geraumer Zeit schrieb er etwas auf einem Pergament und hin und wieder kratzte die Feder darauf. Bei ihm fühlte sie sich sicher. In ihrer banalen Vorstellung war sie der Meinung gewesen, dass Wikinger nicht schreiben konnten, und wenn überhaupt, dann nur auf Steine. Sie beobachtete ihn aufmerksam. Als er aufsah und ihren Blick auffing, erhellte sich seine konzentrierte Miene. Sie setzte sich auf und schwang ihre Füße aus dem Bett.

„Du bist wach“, stellte er überrascht fest und sein Gesicht strahlte sie an. „Bist du heute wach genug, um dich anzuziehen? Du könntest mit mir am Tisch sitzen und wir essen gemeinsam. Hast du Hunger?“ Sie nickte und Olav deutete auf eine Truhe, als er ihr Zögern bemerkte.

„Dort liegt Kleidung für dich. Und ich gehe und frage nach einem guten Mahl.“

Als sie aus der Badekammer heraustrat, war der Tisch schon gedeckt und Olav begutachtete sie ohne Scheu. Sie blieb unsicher stehen und strich nervös über das Kleid. Olavs Augen glitten über ihren Körper. Das Kleid war viel zu groß für sie, stellte er fest. Doch sobald sie wieder richtig essen würde, würde sie eine kleine Schönheit werden.

Franka empfand die Situation als sehr verwirrend. Sie versuchte sich die Tränen von den Wangen zu wischen, aber es war sinnlos. Etwas an dieser Situation berührte ihre Seele. Er sah sie an, wie ihr Vater sie immer angesehen hatte. Franka dachte an ihren Vater, den sie sehr geliebt hatte. Bis zu dem Tag, als er sie aus der neuen Familie verstoßen hatte, weil sie ihrer Mutter zu ähnlich war. Jetzt war ihr Vater schon seit vier Jahren tot und noch immer litt sie unter seiner Ablehnung. Doch, ging es ihr zeitgleich durch den Sinn, zu der Zeit, in der sie sich befand, war er ja noch gar nicht geboren! Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, alles drehte sich wie in einem Laufrad. Warum musste sie gerade jetzt an ihren Vater denken?

Olav trat zu ihr und legte seine großen Hände auf ihre schmalen Schultern, um sie zu beruhigen. Das konnte doch alles nicht echt sein, sagte sich Franka. Das hier war Vergangenheit und der Mann vor ihr war schon lange tot. Angst kroch in ihren Nacken und nistete sich dort ein. Sie begann zu zittern.

„Ich werde verrückt, lieber Gott! Bitte schick mich nach Hause“, flüsterte sie ohne nachzudenken, „ sonst verliere ich den Verstand. Oder bin ich vielleicht tot?“

Franka bemerkte ihren Fehler nicht, erst als Olav sie in seiner Sprache fragte: „Du kannst sprechen?“

Sie machte große Augen und schluckte, während er sie verwundert ansah. Sie zuckte nur verlegen mit den Schultern, da sie seine Sprache nicht sprechen konnte. Wie sollte sie ihm erklären, dass sie ihn verstand, seine Sprache aber nicht sprechen konnte? Das musste ihr Geheimnis bleiben.

„Ich verstehe dich nicht“, nuschelte sie leise. Er zeigte auf seinen Mund. Franka schüttelte den Kopf. Sie kramte in ihrem Hirn nach geschichtlichem Wissen, doch etwas wirklich Hilfreiches fiel ihr nicht ein. Es mochte zwar sein, dass sich die germanische Sprache und die nordischen Sprachen ähnelten, aber sie konnte sie nun einmal nicht sprechen. „Du sprichst unsere Sprache nicht?“, fragte er. Sie nickte, noch ganz in Gedanken versunken.

Doch dann stutzte sie. Sie achtete gar nicht darauf, was er sagte, sie starrte nur auf seinen Mund und lauschte der angenehm tiefen Stimme dieses Mannes. Er sprach Englisch, doch nicht das Englisch, das sie kannte, sondern mit einem Akzent, den sie noch nie gehört hatte. Doch darauf konnte sie zurückgreifen.

„Woher, wieso …“, stotterte Franka an ihrer Frage herum.

„Ich bin viel herumgekommen. Und da ist es gut, die Sprachen von Freund und Feind zu verstehen“, beantwortete er ihre unvollendete Frage. „Da hast du Astrid ganz schön an der Nase herumgeführt“, meinte er lächelnd und zwinkerte ihr zu. „Nein nein“, das war nicht meine Absicht“, gestand sie verlegen. „Sie hält mich für verrückt“, fiel ihr dann noch ein, um sich zu rechtfertigen.

„Ich denke, es ist gut, wenn das fürs Erste unser Geheimnis bleibt.“ Franka nickte. „Astrid ist so schon ungenießbar. Doch erzähle mir mehr von dir. Und von Mutter“, forderte er sie auf.

„Ich…, ich kann nichts erzählen“, antwortete sie zögerlich und seufzte.

„Wer war dein Vater? War er Engländer?“ Olav bestürmte sie mit Fragen. Franka wischte sich mit der Hand über die Augen. Was sollte sie antworten? Sie wusste ja noch nicht einmal, wo sie im Augenblick war. Nervös trat sie zwei Schritte zurück und rieb ihre Hände.

„Mein Vater ist tot. Ich kann mich kaum an ihn erinnern“, gab sie zur Antwort. Das war nicht gelogen, dachte sie erleichtert, doch was sollte sie ihm weiter sagen? Ihr Herz schlug wild gegen ihren Brustkorb.

„Welches Jahr haben wir jetzt?“, fragte sie zögerlich.

Olav sah sie mit gerunzelter Stirn fragend an.

„Wir schreiben das Jahr des Herrn 995. Warum fragst du das?“

„Ich…, ich kann mich nicht erinnern.“ Das war eine gute Ausrede, dachte sie insgeheim. Olav fuhr sich durchs Haar und drehte sich um.

„Erzähl mir, woher kommst du?“, fragte er trotzdem. Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. Was sollte sie denn erzählen?

„Das kann nicht wahr sein! An irgendetwas musst du dich doch erinnern“, rief er aufgebracht.

Er packte und schüttelte sie leicht, während er unnachgiebig in diese seltsamen Augen schaute.

„Wer bist du?“, fragte er erneut und blickte sie dabei forschend an. Doch er sah nur, wie sich ihre Augen vor Furcht weiteten und verfluchte sich. Sie sollte keine Angst vor ihm haben. Es reichte völlig, wenn sie vor Astrid weglief. Er wandte sich ab und begann hin und her zu laufen.

Er musste jetzt nachdenken.