Stürmische Seele - Nika Hemoger - E-Book

Stürmische Seele E-Book

Nika Hemoger

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Beschreibung

Wir leben in einer Zeit, in der es den Menschen hierzulande so gut geht wie selten zuvor: Frieden und Sicherheit, technischer Fortschritt und Überfluss. Vieles erscheint uns selbstverständlich und ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen zu sein und wir wollen nicht wahrhaben, dass sich daran einmal etwas ändern könnte. Das macht uns blind für die Wetterzeichen der Zeit, die wir, wenn sie doch einmal aufblitzen, geflissentlich ignorieren. Doch das wird uns wenig nützen, denn wer sämtliche Anzeichen und Warnungen einer nahenden Brise in den Wind schlägt, darf sich nicht wundern, wenn daraus ein Sturm entsteht. Die siebzehnjährige Terry hat ein zerstörerisches Inferno erlebt, das in der nahen Zukunft stattfinden wird. Sie weiß, was der Menschheit bevorsteht, wenn der Verursacher des Unheils nicht erkannt und ausgeschaltet wird. Doch alleine kann sie es nicht schaffen, diese Aufgabe zu lösen. Sie braucht Verbündete und sucht die guten Geister der Feuerwehr. Wird es ihr gelingen, mit ihrem Wissen und ihren besonderen Gaben das Schlimmste zu verhindern?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 576

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Nika Hemoger ist Jahrgang 1965. Sie lebt mit ihren drei jüngsten Kindern und ihren Tieren in einem kleinen Häuschen im Süden des Habichtswälder Berglandes. Sie ist nicht nur glückliches Landkind, sondern auch eine große Pferdenärrin mit dem Gespür für Übersinnliches. Ihre Unabhängigkeit und die Natur sind ihre Kraftquellen.

© 2018 Nika Hemoger

Covergestaltung: Heger/Probst

Korrektorat: Liane Lunken

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN Paperback: 978-3-7469-4373-2

ISBN E-Book: 978-3-7482-0950-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Nika Hemoger

StürmischeSeele

Wer zu lesen versteht,besitzt den Schlüssel zu großen Taten,zu unerträumten Möglichkeiten

(Aldous Huxley 1894-1963)

Prolog

Ich bin da, wo ich schon immer war, im Verborgenen warte ich geduldig auf mein Wiederentdecken. Für den, der mich findet, ist alles möglich, sowohl das Zurückfallen in Vergangenes, als auch das Ausschreiten in die Zukunft.

Ich bin sagenumwoben und bin trotz Kriegswahn nicht zerstört worden. Der Kriegswahnsinn erstreckt sich über Jahrtausende. Noch immer müssen wir lernen: Man kann den Krieg nicht gewinnen. Frieden heißt Gleichgewicht halten! Für jeden kommen nachdenkliche Zeiten im Leben, Zeiten, in denen sich unerbittlich die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt und man ihr nicht mehr ausweichen kann. Alles scheint sinnlos, alles wird geprüft, Angst vor dem Kommenden schleicht sich ein, man erstarrt, findet keinen Schlüssel zur Lösung. Erst dann macht man sich auf die Suche nach mir. Mein Wissen ist unendlich und tiefgründig, mein Speicher ist voll, schon immer. Uraltes Wissen, Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges und vieles ist noch nicht geschrieben.

Ich weiß, gute Zeiten wechseln sich mit schlechten ab, die Zeit und das Schicksal sind ständig in Bewegung. Es geht um die eigene Bestimmung, die Einstellung zum persönlichen Schicksal und die Sinnfrage. Jede Geschichte erinnert uns auch daran, dass es immer eine Chance und Lösungen gibt, die wir selbst gar nicht beeinflussen können und müssen. Nicht, was wir erleben, sondern wie wir das Erlebte empfinden, macht unser Schicksal aus.

Ich beobachte und einige der alten Seelen spüren, dass ich anwesend bin. Wie gerne würde ich manches Mal ihr Tun und Lassen nicht nur aufzeichnen, sondern auch mit ihnen lachen oder weinen. Doch das ist nicht meine Bestimmung.

Ich weiß, dass die Zerstörung der alten Bibliotheken der Vergangenheit als Verlust empfunden wurde. Die Menschheit hat diese Verluste mehrere tausend Jahre immer wieder betrauert. Das Ziel war seit Menschengedenken die Sammlung von Erkenntnissen jeder gelebten Seele auf Erden. Die Menschen meinen, das Wissen sei für immer verloren. Manche halten mich für ein Märchen. Doch das Wissen ist noch da! Leider suchen viele an der falschen Stelle.

Ich bin der Ort, an dem man auf jede Frage eine Antwort bekommt. Inzwischen erinnere ich mich täglich an das ein oder andere Buch. Ereignisse, die niedergeschrieben wurden und die nach und nach verstaubten. Die in Vergessenheit gerieten. Sie wurden mit Worten zu einer Geschichte geformt, doch selten gelesen. Die Vergangenheit ist uralt und wurde von Schriftgelehrten mit großer Hingabe aufgeschrieben. Mein Gedächtnis lässt Raum für einige Verzerrungen und manchmal sind die Gefühle der Schreiberlinge zu stark, doch ich versuche immer, die Ereignisse zuverlässig aufzuzeichnen.

Ich hüte manches Geheimnis in den unscheinbarsten Äußerlichkeiten. Mancher Einband besteht aus feinstem Leder, verziert mit goldenen Buchstaben. Manches wurde noch auf Tontafeln verewigt und auch einige Papyrusrollen liegen in meinen Regalen. Die Gegenwart findet ihr in Romanen, Kinderbüchern, Gedichtbänden und gesammelten Zitaten, Liederbüchern, Sachbüchern, Fachbüchern, Schulbüchern, Wörterbüchern, Bibliografien, Tagebüchern, Manuskripten, Drehbüchern und Künstlerbüchern. Die Zukunft steht nur zum Teil geschrieben, viele Bücherseiten sind noch leer. Bücher sind Geschichten der Seelen. Es liegt an euch, welches Buch ihr braucht, welches ihr herauszieht aus dem großen Fundus meines Wissens. Das Rätsel des Lebens stellt dich vor Herausforderungen. Stelle dich ihm, es läuft immer alles rund. Das Rad dreht sich, ganz gleich ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Ob wir es wollen oder nicht. Alles ist ständig in Bewegung und verändert sich.

Ich persönlich kenne sehr viele Seelen, die mein Wissen für ihre weitere Entwicklung nutzen. Es gäbe so viele Dinge, die man anders machen könnte. Man würde eine völlig neue Inspiration für sein Leben erhalten. Man hätte die Möglichkeit, aus vergangenen Geschehnissen zu lernen und zu wachsen. Man würde mit Sicherheit Vergangenes aus einem anderen Blickwinkel beurteilen können, was man bisher vielleicht nie verstanden hat. Der Zugang zu meinen Geheimnissen hat nur eine Eigenart: man muss viele Fallen überwinden, um an die Fülle meines Wissens zu gelangen. Sie ist für die meisten Augen unsichtbar. Wer also seinen Geist auf der Suche nach mir nicht zur Ruhe bringen kann, gerät dort ziemlich schnell in Panik und ist bald von der Verkörperung seiner persönlichen Albträume umgeben.

Ich bin weder vollständig noch fehlerfrei. Ich bin bemüht, Lügen zu erkennen und als solche zu kennzeichnen. Vieles, was man vorher schon wusste, tritt hervor und scheint unglaublich wichtig, einfach so…

Allerdings sind viele Teile in Zeiten des Krieges, der Not und verheerender Naturkatastrophen in Vergessenheit geraten oder zerstört worden, so dass ich nicht in allen Fällen herausfinden konnte, wie es wirklich war. Außerdem weisen auch heute noch viele Seiten Lücken auf. Ich werde mich weiterhin bemühen, Fehler herauszufinden, sie zu korrigieren und zu vervollständigen.

Ich rate Euch, ganz gleich welche Geheimnisse ihr mir entlockt, daran zu denken, dass die Natur immer nach der Wahrung des Gleichgewichtes strebt. Das ist ein einfaches Naturgesetz.

 

 

Bibliotheken sind allein das sichereund bleibende Gedächtnisdes menschlichen Geschlechts.

(Arthur Schopenhauer 1788-1860)

 

Für meine Kinder! Ihr seid das Beste, was mir passieren konnte. Verliert niemals eure Träume. Ich liebe euch.

 

 

 

 

 

 

 

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind nicht beabsichtigt.

 

Wieder stand ich vor diesem alten Tor. Verblüfft schüttelte ich mit dem Kopf. Ich wusste gar nicht, wie ich hierhergekommen war. In dem einen Moment putzte ich mir noch die Zähne vor dem großen Badezimmerspiegel und im anderen Moment stand ich hier.

Das Tor war weit geöffnet und lud mich ein, näherzutreten. Nach langer Pause befand ich mich nun wieder in dieser Bibliothek, so unerwartet, dass ich es kaum fassen konnte. Ich musste wieder an Silvia denken, eine meiner damaligen Freundinnen. Sie wollte sie unbedingt finden, diese Bibliothek. Ob sie es geschafft hatte, wusste nicht. Ich war jedoch dankbar, ein zweites Mal hier zu stehen. Verklärt stand ich auf der Stelle und dachte an die letzten zehn wundersamen Jahre.

Zehn Jahre, die anders liefen, wie von mir erwartet. Tatsächlich hat sich nach meinem ersten rätselhaften Besuch in dieser wunderbaren Bibliothek einiges in meinem Leben, wie auf Knopfdruck, verändert. Ich bin immer noch fassungslos. Es gibt ihn wirklich, diesen Schalter, der sich umlegt, wenn man etwas begriffen hat. Was gestern war, muss uns heute nicht definieren. Wir haben jeden Tag, ja jeden Augenblick die Möglichkeit, uns und unser Leben zu verändern, zu wachsen und mutiger zu werden.

Diese Bibliothek umfasste alle Weisheitsliteratur der Welt. Ich sollte wieder etwas lernen, da war ich mir sicher. Mir kribbelten die Fingerspitzen, wieder ein Sprung ins Unbekannte. Doch ich will dieses Abenteuer, also ging ich mit vorsichtigen, zögerlichen Schritten hinein. Es war als beträte man eine andere Welt, so unfassbar fremd und doch irgendwie die eigene. Still stand ich da und dachte an Silvia und an all die Menschen, denen ich von dieser Bibliothek erzählen wollte. Ich wusste, nicht jeder würde sie finden, doch ich hoffte, dass diejenigen, die sie finden würden, von ihr durchdrungen würden. Deckenhohe Regale waren mit Tausenden von Büchern gefüllt. Ich überflog die Buchrücken und hätte sie gerne alle einfach nur einmal berührt, aber etwas hielt mich zurück.

Zwischen den Regalen standen gepolsterte Sessel, die zum gemütlichen Lesen einluden und der ganze Raum schien von einem wärmenden Licht erfüllt. Ich wollte mehr! Ich brauchte mehr! In mir gärte wieder die Sehnsucht nach einem Sinn, nach wahrer Offenbarung der Geheimnisse des Lebens.

Tausend Fragen, die mich umtrieben: Wer bin ich? Was soll ich auf dieser Welt? Was ist Wahrheit und was Phantasie? Was ist Erkenntnis, was ist Wahn? Es roch nach Papier, Staub und Leder und nach Geheimnisvollem… Manche Bücher waren sehr alt, das Papier war vergilbt und bröckelte schon. Gänsehaut kroch mir über die Wirbelsäule. Langsam schritt ich durch die Reihen der Regale. War es vermessen, davon zu träumen, sie alle lesen zu wollen? Das würde wahrscheinlich keinem menschlichen Wesen je gelingen.

Doch ich durfte schon zum zweiten Mal hier entlangschreiten, nein, eigentlich hatte ich das Gefühl zu schweben und ich genoss es. Trotzdem konnte ich mich des eigenartigen Gefühls nicht erwehren, dass ich beobachtet wurde. Doch jedes Mal wenn ich mich umdrehte, konnte ich niemanden entdecken.

Mit welchem Buch sollte ich anfangen? Es ist wichtig, auf die innere Stimme zu hören. Manchmal ist sie ganz leise und wird vom Kopf übertönt. Oft ist die erste Eingebung die richtige. Überwältigt schloss ich kurz die Augen und atmete tief ein.

Und dann sah ich es, plötzlich stand es da. Ich hätte schwören können, dass es vor ein paar Minuten, als ich zum ersten Mal auf die alten Bücher aufmerksam geworden war, noch nicht dort gestanden hatte. Es war wunderschön und schien zu leuchten. Vorsichtig nahm ich es in die Hand und mein Herz klopfte bis zum Hals. War es Einbildung oder wurde der Raum tatsächlich wärmer? Ich wischte den unheimlichen Gedanken beiseite.

Dieses Buch betrachtete ich mit gemischten Gefühlen. Ich empfand Liebe und Respekt, gleichzeitig auch Neugierde und Angst vor der Macht, die dieses Buch enthielt und auf seinen Leser zu übertragen schien.

Mit zitternder Hand schlug ich es auf. Fast zärtlich strich ich über die erste Seite.

Schon die ersten drei Zeilen zogen mich in eine andere Welt. Einmal möchte ich jedes Wort in mich aufnehmen können, ein einziges Mal möchte ich ein Buch sein. Ich möchte jede Geschichte, jeden gelesenen Buchstaben für immer in meinem Wesen verankern, niemals vergessen und mich trotzdem auf neue Wege machen können.

1

Sie schien in der Dunkelheit zu schweben, ohne Körper und nur ihre Seele wusste noch, wer und was sie einst gewesen war. Und sie bekam das Gefühl, schon immer hier in der Dunkelheit zu schweben. Hin und wieder kam sie an einem Wegweiser vorbei, konnte sich jedoch nicht entscheiden, ihm zu folgen. Sie schwebte dahin, erst langsam, dann schneller werdend, hin zum Licht, das in der Ferne schimmerte. Plötzlich formte das Licht ein Tor, rund und schön, wie ein Ausgang aus der sie umgebenden Dunkelheit. Der Drang war seltsam, doch er kam aus ihrem Innersten. Er war wie ein Feuer, das nur sie löschen konnte, indem sie den weit entfernten Punkt ansteuerte.

Sie hörte ihren Wecker ticken. Ganz langsam wurde Terry wach. Es war noch dunkel. Sie hob erschöpft den Kopf und öffnete mühsam die Augen. Der Blick auf den Wecker sagte ihr, dass es kurz nach Mitternacht war. Schlagartig öffnete sie die Augen. Sie hatte geträumt. Was nur? Sie erinnerte sich nicht. Irgendwie lag sie unbequem und als sie sich zur Seite drehen wollte, in ihre gewohnte Schlafposition, blitzten Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Doch sie konnte sie nicht festhalten. Müde kuschelte sie sich in ihre Decke und schlief wieder ein.

Als sie erneut erwachte, dämmerte es schon. Ihr Herz raste. Sie wagte kaum sich zu rühren, wollte nicht denken müssen, nicht überlegen, nur aufwachen aus diesem Albtraum! Dann setzte sie sich auf und versuchte, sich zu sammeln. Sie starrte mit vor Schreck geweiteten Augen ins Leere. Ihr Atem war unregelmäßig. Sie führte die Hand zu ihrem Herzen und wartete darauf, dass es langsamer wurde. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr, aber sie kam nicht dahinter, was es war. Sie begann plötzlich zu zittern und der Schweiß brach ihr aus. Sie hörte, wie ihr Blut in den Ohren rauschte und hatte das Gefühl zu ersticken.

Terry Du kannst es schaffen! Vergiss nicht, was Du Dir vorgenommen hast… hallte es in ihrem Kopf nach. Von einer tiefen Angst überwältigt, wurde sie mit einem Mal starr und unfähig sich zu rühren. Im nächsten Moment von Panik geschüttelt schlang sie die Arme um den Körper und wiegte sich hin und her. Dann hielt sie inne und konzentrierte sich auf das Klopfen ihres Herzens. Es schien ihr wie eine Ewigkeit, bis sie wieder wagte zu denken. Als sie aufgehört hatte nach Luft zu schnappen und auch ihr Herzschlag sich zu normalisieren schien, strich sie sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht. Da bemerkte sie, dass heiße Tränen aus ihren Augen quollen. Sie überlegte, was geschehen war. Konnte es wirklich möglich sein? Waren diese schrecklichen Dinge alle geschehen und war sie in der Zeit gereist? Was konnte sie tun? Doch wenn alles der Wahrheit entsprach, dann lebte ihre Familie noch und dann musste sie ihnen sagen, wie sehr sie sie liebte. Aufgeregt holte sie ihre Kleidung aus dem Schrank und ging unter die Dusche. Als sie sich angekleidet hatte und nach unten in die Küche gehen wollte, überrollte sie ein beklemmendes Gefühl. War sie vielleicht verrückt? Terry blieb überwältigt in der Küchentür stehen. Fröstelnd ließ sie den Blick schweifen. Durch das Fenster fluteten die ersten Sonnenstrahlen und lautes Vogelgezwitscher drang an ihr Ohr. Zurückhaltend betrachtete sie den blankgeputzten Herd, die rote Kaffeemaschine, die blubbernd mit ihrem aufsteigenden Duft den Morgen perfekt zu machen schien. Sie wusste noch nicht einmal, welcher Tag heute war.

„Nun komm rein und setz dich hin“, sagte ihre Tante und kramte im Kühlschrank nach der Marmelade. Sie zuckte zusammen, als sie die Stimme ihrer Tante hörte und musste sich zusammenreißen, nicht in Tränen auszubrechen.

„Guten Morgen“, nuschelte sie ergriffen und setzte sich an den Tisch. Schweigend saß sie da und aß eher automatisch, weil es von ihr erwartet wurde – nicht, weil sie Hunger hatte. So viele Emotionen überwältigten Terry, dass sie einen Kloß im Hals spürte. „Geht’s dir nicht gut?“, fragte ihre Tante. Sie hätte nie gedacht, Tante Eva und Onkel Helmut wiederzusehen. Ihr Magen rebellierte.

„Du bist ganz blass“, stellte Tante Eva fest und legte ihre Hand auf Terrys Stirn. „Fieber scheinst du nicht zu haben.“

„Mir geht’s gut… Ich habe nur schlecht geschlafen“, antwortete sie hastig. Sam lag unter dem Tisch, immer in der Hoffnung, ein gutes Stückchen würde für ihn abfallen. Sie bückte sich und graulte ihren Hund liebevoll hinter den Ohren. Onkel Helmut kam die Treppe herunter und ließ sich wortlos am gedeckten Frühstückstisch nieder. Er entfaltete die Morgenzeitung und griff nach der Kaffeetasse, so wie er es jeden Morgen tat.

„Du denkst an den Arzttermin? Um elf?“, fragte ihre Tante im Plauderton.

„Ja, ja“, antwortete er, „aber ich frage mich, was ich dort soll.“ „Du bist fast sechzig, das ist Grund genug. Und vergiss nicht, dem Doktor von deinen Schwindelproblemen zu erzählen. Sonst muss ich mit ihm reden.“ Er nippte am Kaffee, dann legte er die Zeitung beiseite.

„Ich bin dreiundfünfzig und noch nicht mal Rentner. Schwindelprobleme…“, er schüttelte mit dem Kopf und schnaufte. „Mach dir keine Sorgen deswegen! Wir sind gut versichert. Du erbst das Haus und das alles hier.“

„Quatschkopf“, sagte sie lachend und warf einen Topflappen nach ihm.

„Ich hab keinen Hunger, mir ist flau“, murmelte Terry und rückte Teller und Besteck beiseite. Ihr zitterten die Hände während sie das liebevolle Geplänkel der beiden verfolgte. Tante Eva streichelte ihr zart über die Wange. Terry musste die Augen schließen, um nicht in Tränen auszubrechen.

„Du siehst blass aus. Geht’s dir nicht gut, Mädchen?“

„Soll ich dich zum Arzt mitnehmen?“, fragte Onkel Helmut. Terry wackelte mit dem Kopf.

„Nein, ich leg mich nochmal ins Bett. Ist bestimmt nur eine Magenverstimmung.“ Aber da war er schon an der Tür, ergriff die Aktentasche und winkte ihr flüchtig zu.

„Bis heute Abend!“

„Bis heute Abend“, erwiderte sie, ohne ihm nachzuschauen. „Ich mache dir noch einen Tee, bevor ich gehe und bring ihn dir hoch. Marsch, leg dich noch ein wenig hin“, wies sie Tante Eva an. Terry nickte dankbar und ging wieder nach oben. Sie legte sich tatsächlich ins Bett und zog die Bettdecke über den Kopf. Sie war zurück! Ihr altes Leben würde sie nicht mehr leben können, zumindest so lange nicht, wie Bormann eine Bedrohung für ihr Leben war. Was sollte sie nun als erstes tun? Sie schlief noch einmal ein.

Die Landschaft hatte sich verändert. Die großen Ruinen waren gewichen und machten den eingestürzten Überresten der Vorstadt Platz. Terry ging weiter, ignorierte den Schmerz ihres Körpers und träumte von anderen Menschen, von anderen Überlebenden. Kein Baum säumte den Weg und kein Vogel war zu hören. Nur der Wind, der den Staub der Zerstörung umherwirbelte. Große blaue Augen beobachteten sie. Ihr Leben und die menschliche Kultur hatte er schon vernichtet und doch war er nicht zufrieden. Alle ihre Bewegungen schienen ihn zu interessieren und ein Lächeln spiegelte sich in seinen Augen. Warum? Sie kämpfte gegen den Wahnsinn an, der sie zu überkommen drohte. Sie versuchte mit aller Anstrengung, das Ausmaß der Vernichtung zu verstehen. Es war dieser letzte schwache Hoffnungsschimmer, der sie auf Rettung hoffen ließ und der sie vorwärts trieb…

Gegen Mittag schüttelte sie die lähmende Müdigkeit und apathische Gleichgültigkeit ab. Irgendwie schien sie sich nicht konzentrieren zu können. Sie hatte das Gefühl, ihr Gehirn konnte so einiges noch nicht erfassen, was ja nicht verwunderlich war. Sie seufzte.

Als sie Sams Leine am Halsband befestigte, waren ihre Hände ruhig, doch ihr Herz schlug heftig und sie hatte Tränen in den Augen. Sie ging in die Hocke, streichelte seinen Kopf und schaute in die schönen dunklen Augen. Begeistert leckte er ihr über das Gesicht und Terry lachte laut auf.

„Komm, wir gehen spazieren. Frische Luft wird uns guttun“, sprach Terry leise zu Sam. Sie verspürte eine unerklärliche Unruhe in sich. Mit großen Schritten lief sie den direkten Weg zum Haus ihrer Oma. Sam tobte um sie herum. Sie spüre die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht und nahm jedes Vogelzwitschern wahr.

Schneller als gedacht stand sie vor dem Haus ihrer Großmutter. Dort empfing sie wohltuende Ruhe. Keine Autos, keine Menschen, die man grüßen müsste. Als wäre das Haus verwunschen. Terry atmete tief durch. Einsam und verlassen lag das Grundstück. Sie lehnte sich gegen die Tür, die mit Schwung aufging und gegen die Wand schlug. Ihre Großmutter stand an der Spüle und zuckte erschrocken zusammen. Wie angewurzelt schaute Terry sie nur an. Tränen stiegen ihr in die Augen.

„Oma?“, flüsterte sie. Für die meisten im Ort war ihre Großmutter eine exzentrische Frau, die nicht ganz normal im Oberstübchen war. Die Leute sagten vieles, wenn es nichts anderes zu reden gab. Doch Terry wusste, dass ihre Oma die normalste und weichherzigste Frau auf der Welt war. Sie würde ihr letztes Hemd geben, sogar für einen Fremden in Not. Die Augenbrauen ihrer Großmutter zogen sich fragend nach oben. Terry lief zu ihr hin und umarmte sie: „Du hast mir so gefehlt!“

„Nana, Mädchen, du hast mich doch letzte Woche erst gesehen“, erwiderte sie.

„Lass dich anschauen“, sagte Theresa ruhelos. Sie musterte ihre Großmutter ausgiebig, als wollte sich jede Falte einprägen. Ihre Großmutter runzelte fragend die Stirn. Sie stand in ihrem Bademantel in der Küche und schaute Terry durchdringend an.

„Was ist denn, Mädchen? Habe ich neue Falten? Was machst du hier, Theresa?“, fragte sie alarmiert.

„Ich freue mich ja sehr, dass du da bist, ich habe dich allerdings erst nächste Woche erwartet. Müsstest du nicht in der Schule sein?“ Terry zuckte mit den Schultern.

„Manchmal ändern sich Pläne“, antwortete Terry leise. Sie war so aufgewühlt, dass sie hin und her ging. „Ich muss mit dir reden. Und zwar jetzt… bitte!“ Ihre Großmutter nickte.

„Ich ziehe mir nur schnell etwas an und mache uns einen Tee. Setz dich, Kind. Du machst mich sonst nervös.“ Sie klapperte mit den Tassen und hantierte mit dem alten Wasserkessel. Terry beobachtete sie und dachte daran, dass sie sich weigerte, einen Wasserkocher zu benutzen. Dieser neumodische Kram verbrauche viel zu viel Strom, so ihre Überzeugung. Sie sagte kein Wort, als sie sich schließlich Terry gegenüber hinsetzte und ihre Hand auf die Terrys legte. Sie würdigte Terrys Handschuhe nicht eines Blickes.

„Ich habe da ein Problem…“, fing Terry an. Sie stutzte und wusste nicht weiter. „Ich glaube es ist ein psychisches Problem. Ich bin nicht normal…“

„Aha“, erwiderte ihre Großmutter nur und wartete. Terry meinte jedoch, eine kleine Anspannung in ihrem Gesicht registriert zu haben.

„Terry, was ist passiert?“

„Ich bin nicht normal. Ich habe Angst zum Arzt zu gehen, weil der mich einweisen würde.“ Jetzt musste ihre Großmutter doch lächeln.

„Nun, Mädchen, erzähl erst einmal, was passiert ist und dann schauen wir, wie ich dir helfen kann.“

Jetzt überschlugen sich ihre Worte. Sie sprudelten nur so aus Terry heraus. Ihre Großmutter sagte keinen Ton, als Terry eine Pause machte. Sie nickte wissend mit dem Kopf.

„Not ist ein harter, aber gründlicher Lehrmeister.“

Terry starrte sie an.

„Manche Menschen brauchen eine extreme Situation, um sich für ihre Gaben zu öffnen. Du bist noch jung…“

„Was willst du damit sagen?“, fragte Terry verwirrt.

„Natürlich werden Menschen mit unterschiedlichen Gaben geboren. Geschichtlich gab es in allen Kulturen immer Gruppen mit den vielfältigsten Heilungsritualen. Geistiges Heilen wird auch heute noch praktiziert, leider wird es nicht für ernst genommen.“

„Wieso denn ausgerechnet ich? Ich habe nichts an mir, was besonders sein könnte!“, sagte Terry bestimmt.

„Theresa, mein Liebling, höre mir zu. Du warst schon immer ein hochbegabtes Kind. Menschen wie du haben die Fähigkeit, die Körpersprache und die Energie von anderen sofort zu lesen.

Du konntest schon als kleines Kind Lügen und Täuschungen aufdecken. Du warst ein kleiner Rebell und sehr introvertiert.“ Sie lachte auf. „Du hast Eva so manches Mal an den Rand der Verzweiflung gebracht und wirktest immer ein wenig unnahbar wie deine Mutter.“ Sie trank einen Schluck Tee und starrte dabei auf eines ihrer Bilder an der Wand, als verweile sie in der Vergangenheit.

„Jeder Mensch hat eine besondere Begabung – ein Talent, das ihn von anderen Menschen unterscheidet. Auch Eva hat diese. Manche Menschen können zum Beispiel besonders gut malen, oder zeichnen. Andere können wunderschöne Geschichten erzählen. Es gibt unzählige verschiedene Gaben. Begreifst du das?“ Terry nickte langsam. Was wollte ihre Oma ihr damit sagen.

„Gut.“ Sie wirkte zufrieden. „Du bist etwas ganz Besonderes! Die Gabe des Heilens ist was sehr, sehr seltenes. Ingrid, deine Mutter, war auch eine Frau mit besonderen Begabungen, doch physisches heilen konnte sie nicht. Ich würde dich nicht anlügen, bitte glaub es mir“, sagte ihre Großmutter mit einer ziemlich aufgewühlten Stimme.

„Und du?“

Ihre Großmutter schwieg einen Moment, bevor sie weitersprach: „Ja, ich habe auch einige Begabungen. Man könnte sagen, ich heile auf emotionaler Ebene. Wir…deine Mutter und ich sind Empathen und…sie liebte die Kräuterkunde so sehr wie ich.“ Eva mag diese Gaben übrigens gar nicht. Das heißt nicht, dass sie keine Begabungen hätte, doch sie weigert sich, diese anzunehmen.“

Terry schwieg und dachte über ihre Tante nach, die sie wie eine Mutter liebte. Die Großmutter ergriff ihre Hand, legte sie in die eigene. Sie strich mit dem Daumen über das feine Leder und schaute sie fragend an. Terry plapperte ein wenig hektisch los: „Ich trage diese Handschuhe zum Eigenschutz. Doch manchmal reicht ein einfaches Anrempeln und ich kann Bilder sehen.“

„Was siehst du genau?“, hakte ihre Oma nach.

„Alles…alles was die Person im Kopf hat. Es ist meistens nicht angenehm“, erklärte ihr Terry.

„Das Heilen funktioniert auch über die Hände, nur anders. Ich kann es nicht wirklich kontrollieren.“ Sie ließ den Kopf hängen. „Vermutlich existiert das Handauflegen genauso lange wie der Mensch selbst. Es gab wohl immer schon Menschen, die heilende Hände besaßen. Wir müssen einen Lehrer für dich finden, der dir helfen kann“, fasste ihre Großmutter das Gehörte zusammen. Terry kaute auf der Unterlippe.

„Ich weiß, dass Du jetzt noch nicht alles, was ich dir erzähle, begreifen wirst…doch im Laufe der Zeit wirst du es verstehen; das verspreche ich dir.“ Nach einer ganzen Weile antwortete sie leise: „Du weißt aber schon, dass sich das im 21. Jahrhundert ein wenig abgefahren anhört.“

„Ich weiß, Kindchen. Es tut mir so schrecklich leid, ich hätte dich irgendwie darauf vorbereiten müssen, das habe ich leider nicht. Deine Mutter hätte dich angeleitet, wenn…“

„Du kannst ja nichts dafür…“, unterbrach sie ihre Großmutter schnell.

„Okay. Ich bin dann wohl doch eine Hexe.“ Sie seufzte verzweifelt. „Robin hat Recht!“

Ihre Großmutter schaute sie interessiert an, doch Terry reagierte nicht auf ihre unausgesprochene Frage.

„Wenn du es so nennen willst, aber früher hatten sie andere Namen, wie „Heilerin“ oder „Priesterin“. Vor allem waren es Hebammen. Seine Gaben kann man nicht frei wählen. Damit wird man geboren…ob man will oder nicht. Es gibt nur ein paar wichtige Dinge, die du nie vergessen darfst: Zum einen darfst du deine Gabe nie missbrauchen, um anderen Menschen zu schaden, doch besonders wichtig ist, dass du niemandem davon erzählst. Das ist das Allerwichtigste!“ Fragend blickte Terry ihre Großmutter an.

„Um in anderen Menschen lesen zu können, musst du dein eigenes Herz öffnen und…“ Terry unterbrach sie heftig.

„Ich will aber nicht in anderen Menschen lesen können. Ich will nicht wissen, ob sie traurig oder glücklich sind oder was sie Dunkles in ihrem Herzen haben! Es ist zu schwer zu tragen.“

„Ich weiß, Kleines.“ Ihre Großmutter tätschelte ihre Schulter. Einen Moment schwiegen Beide.

„Was ich auch immer jetzt tun kann, wird große Auswirkung auf die Zukunft haben“, sagte Terry mehr zu sich selbst und atmete tief ein und aus.

„Wie kannst du dir da so sicher sein? Niemand weiß, was die Zukunft bringt.“

„Ich weiß es. Ich habe sie gesehen“, antwortete Terry verzweifelt. Terry fing wieder an zu erzählen und teilte mit ihrer Großmutter die Gedanken, die ihr durch den Kopf schwirrten. Ihre Großmutter schwieg, hörte zu und nippte zwischendurch an ihrem Tee. Sie war innerlich entsetzt, wollte ihrer Enkelin jedoch nicht die Hoffnung nehmen. Sie wusste nur zu gut, aus eigenen Erfahrungen, dass man noch so viele Dinge wissen konnte, aber dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen sehr schwer war. Manche Dinge konnte man einfach nicht ändern.

„Ich frag mich nur, wie ich das schaffen soll, wenn mir keiner glaubt“, warf Terry ein und Tränen schossen in ihre Augen. „Das überlegen wir ja gerade. Angst bringt dich nicht weiter. Nun komm, mein Mädchen, jetzt frühstücken wir erst einmal.“

Resolut stand sie auf und öffnete ihren Kühlschrank. Terry erhob sich und deckte nachdenklich den Tisch. Zehn Minuten später knurrte ihr Magen nicht mehr so laut und sie kaute am dritten warmen Toast.

„Er hat mit mir experimentiert, Bormann hat…“ Ihre Großmutter schnappte hörbar nach Luft. „Bormann?“, flüsterte sie.

„Nun überraschst du mich. Du kennst Bormann?“, fragte Terry erstaunt.

„Nein, nicht persönlich, aber ich habe viel von ihm gelesen.“

„Was hast du denn gelesen?“, fragte Terry neugierig.

„Naja, er ist einer der Wissenschaftler, der in der Genmedizin große Erfolge vorweisen kann. Er hat angeblich einige mysteriöse Experimente gemacht, um Menschen zu helfen. Doch davon kam nie wirklich etwas in die Medien, außer Gerüchten.“

„Ja, um Menschen zu helfen, so kann man das auch nennen“, antwortete Terry sarkastisch. Ihre Großmutter hob ihre Tasse, nippte kurz, schaute Terry an, lächelte ein wenig verlegen, räusperte sich vorher, als wollte sie sich von einer inneren Spannung befreien und sagte dann leise: „Wusstest du nicht, dass dein Vater dort gearbeitet hat? Deine Eltern haben sich in seinem Unternehmen kennengelernt… Ich…“, ihre Großmutter schüttelte den Kopf und sprach nicht weiter.

„Warum hast du mir das nie erzählt?“, fragte Terry betroffen.

„Du hast nie gefragt, wo dein Vater gearbeitet hat. Nun, ich wusste ja nicht, dass…“ Sie stand auf, stellte sich hinter Terry und massierte ihr die Schultern. Terry sagte eine Weile gar nichts, so als ob sie sich nur auf die Massage konzentrierte.

„Bormann weiß nichts von einer Tochter…Er geht davon aus, dass mit dem Tod deiner Eltern sein Geheimnis gewahrt ist und niemand erfährt, dass er mit Menschen Experimente macht. Ich glaube, wir sollten darüber nachdenken, dass der Tod deiner Eltern vielleicht kein Unfall war.“

Terry drehte sich um und sah ihre Großmutter mit großen Augen an.

„Dein Vater hat früher bei Bormann gearbeitet, zusammen mit einem genialen Wissenschaftler. Er hieß…“, sie überlegte einen Moment und schüttelte dann den Kopf, „…ach, ich weiß es nicht mehr…Doch er starb zwei Jahre später an Herzversagen.“ In Terrys Kopf überschlugen sich die Gedanken.

„Habe ich deswegen diesen Nachnamen? Bin ich deswegen adoptiert?“ Ihre Großmutter nickte.

„Eva ist… sie ist nie wie ich oder deine Mutter gewesen. Als sie erfahren hatte, dass sie niemals Kinder bekommen würde, hat der Schmerz sie fast zerrissen.“ Terry nickte. Sie liebte ihre Tante, doch sie hatte nie bemerkt, dass irgendetwas nicht normal an ihr war.

„Erzähle mir von meinen Eltern“, bat Terry nach einer Weile. „Deine Eltern haben sich bei Bormann kennengelernt. Dein Vater war ein hochdotierter Wissenschaftler und deine Mutter hatte sich als Freiwillige gemeldet.“

„Warum?“, fragte Terry entsetzt.

„Ich weiß es nicht, Kindchen. Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht weil sie als Krankenschwester so viel Leid mitansehen musste und nicht helfen konnte. Sie hatte nicht diese wunderbare Gabe, die du hast. Vielleicht wollte sie nur auf ihre Art helfen.“

„Meinst du, dass seine Versuche an meiner Mutter Auswirkungen auf mich hatten?“

Ihre Großmutter schaute sie nachdenklich an und stand nach einem Moment schweigend auf. Sie setzte frischen Tee auf und wandte sich dann wieder Terry zu.

„Dein Vater wusste, dass sie bei den Genversuchen mit vielen Komplikationen zu kämpfen hatten. Und als er sich in deine Mutter verliebte, wollte er nicht, dass sie weiter an den Experimenten teilnahm. Ob diese Versuche Nebenwirkungen hatten, kann ich dir nicht sagen, dafür habe ich zu wenig Kenntnis davon. Du warst ein munteres Kind. Alle deine Kinderarztbesuche verliefen problemlos. Das einzige was mir jetzt einfällt, ist, dass deine Mutter sich weigerte, dich impfen zu lassen.“

Terry seufzte traurig.

„Ich weiß gar nicht, wie ich jetzt anfangen soll. Ich habe Angst zu versagen und dass Bormann seine Bomben trotzdem zündet“, sagte Terry leise.

„Ach Theresa, natürlich weißt du das nicht. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, wüsste ich auch nicht genau, was ich anders machen würde und ob ich nicht letztendlich immer wieder an dem Punkt ankommen würde, an dem ich mich jetzt befinde. Du kannst nur dein Bestes geben, ohne Angst. Angst blockiert dich. Wir sind keinem Zufall oder Schicksal ausgeliefert, sondern kreieren unser Leben durch unsere Gedanken. Der Augenblick ist der Kraftpunkt unseres Lebens. Im Augenblick bestimmen wir unsere Zukunft. Hol mal einen Zettel aus dem Schrank und dann schreiben wir auf, welche Möglichkeiten du hast. Und dann arbeitest du den Zettel einfach ab.“

Terry nickte erleichtert, stand auf und holte Block und Stift.

2

Eine Woche später verließ Terry gegen vier Uhr das Gymnasium. Sie hatte das Schuljahr mit guten Noten abgeschlossen. Bevor sie sich jedoch auf das neue Schuljahr konzentrieren konnte, hatte sie noch einiges zu erledigen. Gut gelaunt stieg sie auf ihr Fahrrad und fuhr summend die weite Allee entlang. Es war ein so wunderbarer Sommer. Viel zu wunderbar, wenn sie sich vorstellte, was im Winter geschehen sollte. Sie dachte an ihre Liste, die sie in den Sommerferien abarbeiten wollte. Gänsehaut kroch ihr den Rücken entlang. Als sie zu Hause ankam, pochte Tante Eva von innen an das Küchenfenster. Terry wusste sofort weshalb. Ihr Helm klemmte wie immer auf dem Gepäckträger. Sie mochte es nun einmal, den Wind in ihren Haaren zu spüren, das gab ihr ein Gefühl von unbegrenzter Freiheit. Sie schob ihr Rad in den Schuppen und sprang die Stufen zur Haustür herauf. Terry liebte dieses Haus. Sie hatten es letztes Jahr in einem hellen Gelb streichen lassen, alte Sandsteine deuteten auf ein hohes Alter. An der Seite wuchs wilder Wein empor. Es war von einem Holzzaun umgeben, den Onkel Helmut mit inniger Liebe in Weiß lackierte. Das alles ließ das Haus beinahe malerisch aussehen. Ihre Tante öffnete ihr die Tür. Als sie zu einer Predigt ansetzen wollte, kam Terry ihr zuvor. Sie nahm sie in den Arm und drückte sie glücklich.

„Ich weiß, der Helm… nächstes Mal denke ich dran…“ „Komm rein“, lächelte Tante Eva, „der Apfelkuchen ist noch frisch.“

„Endlich Ferien“, freute sich Terry und setzte sich an den Küchentisch. Tante Eva zeigte auf die Handschuhe.

„Das mag ja modisch sein, aber willst du nicht wenigstens am Tisch die Handschuhe ausziehen?“ Terry zögerte, zog sie dann gehorsam aus.

„Und wann willst du mit Sandra losziehen?“, fragte ihre Tante. Terry stockte, als sie daran dachte, dass sie eigentlich mit ihrer Freundin und deren Eltern nach Dänemark fahren wollte… nicht ahnend, dass es ihr letzter Urlaub sein sollte. Genüsslich steckte sie ein Stück Apfelkuchen in den Mund und schloss die Augen. „Ich werde nicht fahren. Ich habe abgesagt. Ich möchte ein Praktikum machen, wenn es klappt, sogar zwei“, teilte sie ihrer Tante mit.

„Praktikum?“, fragte ihr Onkel, der gerade an der offenen Tür vorbeiging, um sich die Hände zu waschen.

„In der Feuerwehr…außerdem in einem Labor eines Pharma-Unternehmens. Die haben sich auf neuartige Therapien und Impfstoffe spezialisiert.“

„Da hast du aber in diesem Jahr viel vor“, kommentierte ihr Onkel, als er die Küche betrat und sich ebenfalls an den Tisch setzte. Terry nickte.

„Wie bist du denn darauf gekommen?“, fragte ihre Tante sichtlich verwirrt.

„Großmutter hat mir erzählt, dass meine Eltern sich dafür interessiert haben. Also, dachte ich schnuppere einfach mal rein.“ Ihre Tante schaute sie einen Moment entgeistert an, sagte jedoch kein Wort.

„Ich hoffe nur, dass ich überhaupt so kurzfristig einen Praktikumsplatz bekomme. Ich werde aber gleich am Montag anrufen.“ Ihr Onkel runzelte nachdenklich die Stirn.

„An welche Feuerwehr hattest du denn gedacht?“

„Die Feuerwache eins. Sie soll in vielen Gebieten eine super Ausbildung anbieten. Ich könnte dort überall mal reinschnuppern. Ich weiß zwar nicht, ob ich höhensicher bin, aber anschauen würde ich mir die Arbeit schon mal gerne. Die Rettungshundegruppe scheint auch interessant zu sein, oder der Rettungsdienst…“

Er nickte und stand auf.

„Wo willst du hin?“, fragte Tante Eva.

„Telefonieren“, nuschelte er und verschwand in sein Arbeitszimmer. Terry und Eva schauten sich an.

„Jetzt hat er wieder eine seiner Ideen! Hoffentlich eine Gute.“ Sie hatten schon in der Küche aufgeräumt und saßen auf der Terrasse, als sich ihr Onkel mit einer Flasche Bier in der Hand und einem zufriedenen Grinsen zu ihnen gesellte.

„Du hast morgen ein Vorstellungsgespräch“, sagte ihr Onkel und hatte sein verschmitztes Grinsen auf den Lippen.

„Morgen? Wo?“, fragte Terry erstaunt.

„Morgen ist Samstag!“

„Na, das hättest du dir früher überlegen müssen, die arbeiten immer. Du hast eine Privataudienz bei Jack.“ Tante Eva lachte. „Das macht er doch immer wieder gerne, seine Beziehungen spielen lassen!“ Sie zwinkerte Terry zu.

„Jack?“, fragte Terry neugierig. Konnte es sein, dass er Jack kannte?

„Jochen Hansen ist Chef der Feuerwache eins. Als ich in der Freiwilligen war, hat er noch als Brandermittler gearbeitet. Vielleicht tut er das ja noch, ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Wir sind manchmal auch um die Häuser gezogen… Jack, Jay und ich.“

Er trank einen Schluck aus seiner Flasche und dachte an die alten Zeiten. „Ein ehemaliger Klassenkamerad!“ Terry sprang auf und küsste ihn auf die Wange.

„Danke.“

Sie tanzte durch die Küche und drehte ein paar Pirouetten. „Danke mir nicht zu früh.“ Er deutete auf die Tageszeitung, die auf dem Tisch lag. „Im Augenblick scheint viel los zu sein. Das ist schon die dritte Bombendrohung in diesem Monat.“

Terry setzte sich wieder an den Tisch und las den unauffälligen Bericht: Bombendrohung im Einkaufszentrum. Das Nordwestzentrum wurde am Donnerstag mitten im Einkaufstrubel evakuiert. Mehrere Tausende Menschen mussten das Einkaufszentrum verlassen. Nachdem ein Drohbrief eingegangen war, verständigte man sofort die Polizei. In diesem Brief wurde gedroht, dass am Nachmittag im Nordwestzentrum eine Bombe hochgehen werde. Ein Motiv wurde nicht genannt. Daraufhin wurde der Verkehr gestoppt, mehrere Buslinien umgeleitet und das Einkaufszentrum evakuiert, in dem auch ein Schwimmbad, das Kinderzentrum, ein Fitnessstudio sowie Arztpraxen, Büros, Wohnungen und eine Tiefgarage untergebracht sind. Die Menschen wurden mit Lautsprechern und Megafonen aufgefordert, dasZentrum zu verlassen. Es wurde allerdings kein verdächtiger Gegenstand gefunden, der auf eine platzierte Bombe schließen ließ. Nach zwei Stunden konnte Entwarnung gegeben werden. Nach Polizeiangaben liegen derzeit keine Hinweise auf einen politischen, fremdenfeindlichen oder religiösen Hintergrund vor.

Terry schloss einen Moment die Augen. Sie konnte sich noch sehr genau an die Fahrstuhltür im Einkaufszentrum erinnern. Wenn sie je wieder in ihrem Leben mit Sandra dort bummeln gehen würde, dann würde sie das Treppenhaus nehmen.

3

Ihr Onkel hatte tatsächlich seine Beziehungen spielen lassen. Alles war schneller gegangen, als sie erwartet hatte. Nun stand sie hier an der Straße und beobachtete, wie die Rolltore sich nach oben öffneten und die Fahrzeuge der Feuerwehr und des Rettungsdienstes aus den Hallen in den Einsatz fuhren. Sie hatte Gänsehaut und ihre Gefühlswelt spielte gerade verrückt. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr jedoch, dass sie sich zur Verwaltung aufmachen musste. Dort erwartete man sie in einer Viertelstunde.

Vor der Glastür stockte sie kurz. Es würde hart werden, Robin gegenüberzutreten. Am besten würde sein, ihm einfach so gut es ging aus dem Weg gehen. Er durfte nicht merken, wie sie zu ihm stand, doch sie hatte nicht wirklich eine Ahnung, wie sie es verbergen sollte. Bei aller Vernunft, die sie sich einredete, setzte ihr Herz doch kurz aus, als sie aus dem Fenster in den Hof schaute und Robin entdeckte, der mit Tommi in der Sonne ein Löschfahrzeug abspritzte. Sein nackter Rücken glänzte vor Schweiß und Wasser. Sie fand ihn so sexy. Sie liebte ihn. Doch darum ging es jetzt nicht, mahnte sie sich. Terry schaute zur Tür und ging zielstrebig darauf zu. Sie klopfte an und öffnete sie.

„Hallo, ich bin Teresa Engler und habe einen Termin beim…“ Sie schaute auf den Zettel in ihrer Hand, „Amtsleiter?“

„Ach ja, sie müssen die junge Frau sein, die bei uns ein Praktikum machen will.“ Er schaute auf seinen Computer. „Einen Moment bitte, der Chef will sich selbst um Sie kümmern“, sagte der Mann an der Pforte erstaunt. Sie bedankte sich und schluckte nervös.

Terry musste nicht lange warten und Jack kam ihr entgegen. Er war ein recht großer, älterer Mann mit braunen, leicht angegrauten Haaren. Sie war völlig fasziniert davon, dass Robin und sein Vater sich so ähnlich waren, bis hin zu einigen unbewussten Bewegungen der Hände, die ihr an Robin schon aufgefallen waren. „Guten Tag, Frau Engler. Schön, dass sie da sind. Pünktlich auf die Minute“, sagte er und schüttelte ihre Hand.

„Mein Name ist Jochen Hansen. Gehen wir doch in mein Büro.“ Terry nickte. So würde sie Robins Vater doch noch kennenlernen. Sie gingen ein paar Meter durch die Halle und danach durch einen langen Gang mit mehreren Türen an jeder Seite. Gleich an der ersten Tür hielten sie an und gingen hinein. Es war ein helles Büro, in dem ein großer Schreibtisch und einige Pflanzen standen. Auf dem Tisch befand sich eine größere Anzahl von Unterlagen. Ein Computer stand auf der rechten Seite, ebenso ein Aquarium, in dem sich kleine Fische tummelten.

„Setzen Sie sich doch“, sagte Jack und ging um den Schreibtisch zu seinem Lederstuhl.

„An welche Tätigkeiten denken Sie denn bei einem Praktikum in der Feuerwehr?“ Terry versuchte locker zu bleiben und sah ihm in die Augen.

„Ich würde gerne überall mal reinschnuppern, auch in den Rettungsdienst. Ich weiß allerdings nicht, ob ich fit genug bin und den ganzen Anforderungen gerecht werden kann, von denen ich gelesen habe.“ Er nickte.

„Eine gute Idee, sich schon im Vorfeld Gedanken zu machen. Ihr Onkel meinte, Sie wären hochmotoviert und hätten ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein. Er hat Sie in den höchsten Tönen gelobt.“ Terry wurde rot.

„Na, auch wenn er es ein wenig übertrieben hat, aber hochmotiviert stimmt und Verantwortung kann ich auch übernehmen.“ Sie lachte. „Mein Onkel übertreibt manchmal ein wenig.“

Jetzt lachte Jack auf.

„Ja, das stimmt. Daran kann ich mich gut erinnern.“ Er stand auf. „Na, dann will ich Sie mal einem der Ausbilder vorstellen, der sich während Ihrer Zeit hier um sie kümmern wird.“

„Das heißt, ich darf ein Praktikum absolvieren? Einfach so?“, fragte sie ungläubig und gleichzeitig innerlich jubelnd. Dann führte sie Jack durch das Gebäude. Es war groß und ständig begegneten ihnen Feuerwehrmänner, die sie neugierig anschauten. Sie kannte keinen von ihnen. Terry wurde nervös bei den ganzen Blicken.

„Sie haben nicht viele Frauen hier?“, fragte sie vorsichtig.

Er lachte. „Merkt man das?“ Sie antwortete nicht und grinste nur verlegen.

„Frauen haben es schwerer, die körperlichen Anforderungen zu erfüllen. Eine Frau muss häufiger Sport treiben, um ihre Kondition und Kraft zu halten. Allein die Ausrüstung, die im Einsatz benötigt wird, wiegt schon 20kg. Und gerade im Rettungsdienst braucht man viel Kraft. Man ist auf dem Rettungswagen nur zu zweit, und die Patienten werden immer schwerer. Das scheint viele Frauen abzuschrecken.“

Ted kam ihnen entgegen. Terry zögerte einen Moment. Es irritierte sie, dass er sie nicht erkannte.

„Ted, führst du Frau Engler durch unsere Feuerwache? Ich verabschiede mich dann, wir sehen uns Montag um sieben Uhr.“

Sie nickte, erstaunt darüber, dass sie Montag schon anfangen sollte, doch sie würde sich darüber ganz gewiss nicht beschweren. Ted schien nicht begeistert zu sein, blieb aber höflich. Unsicher lächelte sie ihn an und streckte ihre Hand aus.

„Terry Engler.“ Er schaute auf ihre Hand und wunderte sich über die Handschuhe, die sie trug.

„Ich bin Ted Hofmann.“ Er schüttelte ihr die Hand. „Allergie?“, fragte er und deutete auf ihre Hände. Sie zog die Handschuhe schnell aus.

„Ähm, nein…“, stotterte sie. „Nur eine Macke von mir…“

Er fing an, ihr Fragen zu stellen. Innerlich atmete sie erleichtert auf und beantwortete seine Fragen so ehrlich wie möglich. Er zeigte ihr die Rettungswache, die Feuerwache, die großzügig eingerichtete Leitstelle, die Sonderfahrzeughalle, den Ruhebereich, die Kleiderkammer und die Atemschutzwerkstatt. Sie hatte längst den Überblick verloren und nahm sich vor, bis Montag unbedingt noch einiges im Internet nachzulesen und ihren Onkel zu befragen. Als er ihr die vielen Fahrzeuge zeigte und sie mit Abkürzungen wie HLF, DLK, RW und ELW bombardierte, wurde sie immer unsicherer. Sie versuchte schlau auszusehen und ihm nicht zu zeigen, dass sie keine Ahnung hatte. Natürlich musste er davon ausgehen, dass sie wusste, wovon er sprach, da sie hier ein Praktikum machen wollte. Terry war froh, als Ted zum Ende kam. Er hielt ihr die Tür auf. Auf dem Gang bremste Manuel ab und grinste wie ein Honigkuchenpferd.

„Hoppla, da ist ja unsere zukünftige weibliche Praktikantin. Und hübsch ist sie auch noch. Wie wäre es mit einem Date mit mir?“, fragte er. Ted schaute Manuel wütend an und wollte schon zu einer Antwort ansetzen, als er Terry laut lachen hörte.

„Nein, heute nicht Manuel. Aber irgendwann kannst du mich gerne mal zu einer deiner Schickimicki-Tanzbuden einladen.“ Manuel hatte den Anstand rot zu werden.

„Schickimicki?“ Manuel riss gespielt die Augen auf. „Ich habe nur hohe Ansprüche.“ Er starrte sie mit offenem Mund an, reichte ihr dann die Hand. „Kennen wir uns irgendwoher?“ Terry schüttelte sie und lachte.

„Ja, aber das ist eine lange Geschichte. Die erzähle ich später einmal.“ Sie zwinkerte ihm zu und sah ihm an, wie es in seinem Kopf arbeitete. Dann ging sie mit Ted weiter. Manuel sah jung aus, doch er strahlte eine Überheblichkeit aus, die sie eher amüsierte. Und sein edler Geschmack in Äußerlichkeiten übertönte, dass er wirklich anpacken konnte. Er ließ liebend gerne seine Muskeln spielen. Er meinte, das ziehe Frauen magisch an. Humor hatte er ja. Sie musste wirklich vorsichtig sein und durfte nicht vergessen, dass keiner der Männer etwas von ihrer gemeinsamen Vergangenheit wusste.

Kurz darauf verabschiedete Terry sich und lief los. Sie musste erst zur Ruhe kommen. Sie hatte noch eine Menge Zeit und beschloss, noch einen Einkaufsbummel zu machen. Sie liebte ihre Stadt und das pulsierende Leben darin. Einige Zeit später fand sie sich in einem Café am oberen Ende der Zeil-Galerie wieder. Ihr Cappuccino begann langsam kalt zu werden.

Eine Taube saß vor dem Fenster und unten auf der Zeil stand regungslos ein Pantomime. Erst als ein Passant ihr eine Münze in den Koffer warf, verbeugte sie sich und reichte dem Geber die Hand. Terry schüttelte den Kopf, sie konnte sich nicht konzentrieren. Verträumt beobachtete sie, wie eine Verkäuferin T-Shirts sortierte. Ein Pärchen küsste sich innig und Kinder rannten die Straße hinunter.

Sie wollte Bormann und seine Bomben und diese ganzen Geheimnisse vergessen. Sie würde viel lieber mit Sandra am Strand liegen.

Terry hatte das Gefühl, zu viel Verantwortung zu tragen. Sie nippte an ihrer Tasse und schaute auf das karierte Blatt vor sich. Hier wollte sie alle möglichen oder auch unmöglichen Ideen aufschreiben, die ihr einen machbaren Weg aus ihrer ausweglosen Situation aufzeigen sollten. Doch es fiel ihr nichts ein, so sehr sie ihr Gehirn auch anstrengte. Das Blatt lag leer vor ihr und sie fragte sich mittlerweile, ob sie überhaupt mental in der Lage war, einen einzigen brauchbaren Gedanken zu finden, um aus dieser unglaublichen Situation heraus zu kommen. Hatte es überhaupt einen Sinn? Ihr kamen Zweifel. Was wollte sie eigentlich in diesem Café? Sie hatte keine Ahnung, wie sie den Männern erklären sollte, warum sie wirklich in der Feuerwache war, denn Feuerwehrfrau wollte sie eigentlich nicht werden. Sie fühlte sich unendlich müde und ausgelaugt und stieß einen tiefen Seufzer aus.

4

Ted Hofmann stand ziemlich unter Zeitdruck. Neben seinen beruflichen Verpflichtungen belegte er gerade mehrere Kurse, nicht nur als Rettungsassistent, sondern auch als Ausbilder der FIRN. Eine Praktikantin passte gerade gar nicht in seinen Zeitplan. Anderseits konnte es ihm auch Erfahrungen als Ausbilder bringen. Er seufzte, suchte Mullbinden und Klebeband aus dem Schrank zusammen und legte alles als Anschauungsmaterial auf einen kleinen Tisch. Für die theoretische und praktische Ausbildung würden sie den nachgebauten Rettungswagen nutzen. Er würde das Mädchen schon beschäftigen, wenn sie Dienst hatte. In seinem Beruf musste man immer wachsam und flexibel sein und sich der Lage schnell anpassen. Jeder Versuch, sich an einen festen Zeitplan zu halten, war letztlich zum Scheitern verurteilt. Deswegen war er mit achtunddreißig auch wieder Single. Keine Frau hielt das auf Dauer aus. Das Mädchen hatte keine Miene verzogen, als Jack ihr mitgeteilt hatte, dass sie um sieben Uhr da sein sollte und sie war pünktlich.

„Guten Morgen, superpünktlich!“, stellte Ted überrascht fest. „Die Diensteinteilung steht am Anfang jeder Schicht. Lass uns in der Kleiderkammer nach Dienstkleidung für dich fragen und dann geht’s los“, begrüßte er Terry mit einem freundlichen Handschlag. Seine blonden Haare trug er ein wenig kürzer und heute Morgen standen sie ein wenig wirr ab. Ihn schien es jedoch nicht zu stören, denn er hatte ein dunkelblaues Cappy auf.

„Guten Morgen Eckhart. Hast du was für unsere neue Praktikantin?“

Der Kollege in der Kleiderkammer fixierte Terry und nickte.

„Welche Schuhgröße?“

„Achtunddreißig“, antwortete Terry ein wenig nervös. Keine fünf Minuten später reichte ihr Eckhart einen Stapel Einsatzkleidung und Ted zeigte ihr einen leeren Spint, worin sie ihre eigene Kleidung verstaute.

„Kommst Du? Wir sind spät dran“, rief er Terry zu. Mit leichtem Bauchgrummeln ging sie dann neben ihm her.

Jay, der eigentlich Jörg hieß, stand mit Jack, vor den Dienstplänen, als Terry und Ted sich zu den anderen Kollegen stellten. Terry lehnte sich an die Wand und versuchte sich auf das zu konzentrieren, was Jay erzählte. Einige der Männer, die um sie standen, kannte sie nicht. Gänsehaut breitete sich langsam über ihren Rücken aus. Es war verwirrend, dass sie niemanden erkannte oder sich auf gemeinsame Erlebnisse besinnen konnte.

Jay hatte ihr selbst erzählt, wie die beiden zu ihren Spitznamen gekommen sind. Ihre Kameraden meinten, sie benähmen sich wie Jay und Jack in der Kultserie. Terry kannte die Serie nicht, sie konnte da nicht mitreden, sie wusste nur von dem inneren Drachen, den Jay ritt. Mike und Robin gesellten sich zu ihnen. Terry stand rein äußerlich ruhig neben Ted und hoffte, man würde ihr nicht ansehen, wie ihre Knie zitterten. Tommi hielt ein Buch in der Hand und unterhielt sich leise mit einem Kollegen. Er hatte kürzlich geheiratet und sie dachte daran, dass er bald Vater werden würde, auch wenn es noch niemand wusste. Jannik kochte fast so gut wie Mike, doch sie hatte ihn immer nur als sehr ernsten Menschen erlebt. Marco stand genauso schweigsam wie Julian an der Wand und beobachtete die Lage.

„Nachdem nun alle da sind, können wir jetzt anfangen?“, brummte Jack.

„Das ist Theresa Engler. Sie wird bei uns ein Praktikum absolvieren“, stellte sie Jay vor. Alle Augen ruhten jetzt auf ihr und Terry nickte zum Gruß. Sie schaffte es gerade, ein Hallo herauszubekommen. „Sie wird Ted zugeteilt!“, fuhr Jay fort.

Ted schob Terry an den anderen vorbei in den nächsten Gang.

„Das war’s schon?“, fragte Terry erstaunt. Ted nickte nur.

„Vor Dienstbeginn müssen wir die Einsatzbereitschaft der Fahrzeuge kontrollieren. Wir überprüfen die Geräte und bei Bedarf wird Material nachgefüllt. Das machen heute wir beide.“

Ted war sehr geduldig. Er zeigte ihr die Geräte und überprüfte jede Schublade. Terry beobachtete alles, während sie aufgeregt auf ihrer Unterlippe herumkaute. Sie zitterte vor Nervosität. Wie sollte sie nur mit der Situation umgehen, in die sie sich begeben hatte? Ted war ihr so vertraut und trotzdem musste sie die Unbekannte spielen.

„Was ist?“, fragte er grinsend, „mache ich Dich nervös?“

„Nein…, naja, alles ist neu, das macht mich kribbelig“, stotterte sie verlegen. „Ich hoffe, ich vergesse nicht gleich wieder die Hälfte.“

„Dann werde ich es dir eben noch einmal erklären. Wenn du etwas nicht verstehst, brauchst du es mir nur zu sagen.“

Terry atmete tief durch. „Danke.“

„Ich will doch nicht, dass du weiterhin mit diesem niedergeschlagenen Gesichtsausdruck durch die Gegend läufst. Was soll denn Jack sagen, wenn wir in sein Büro gehen? Du hast so ein hübsches Lächeln…“ Sie spürte, dass sie errötete.

„Entschuldige… ich glaube, ich bin doch ein wenig nervöser als gedacht.“ Ted grinste.

„Kein Problem. Ist vielleicht ganz gut so, wenn du Dein Lächeln nicht zeigst. Sonst verfallen dir die jungen Männer gleich in Scharen.“ Er zwinkerte ihr zu.

Kurze Zeit später saß sie mit Jack im Büro.

„Wir arbeiten in drei Schichten. Sie dauern üblicherweise zehn bis vierzehn Stunden und am Wochenende arbeiten wir im Vierundzwanzigstundendienst. Während der Anwesenheit auf der Feuerwache hast du eine reguläre Arbeitszeit, in der du arbeiten musst. Daneben gibt es die Bereitschaftszeit, in der die Feuerwehrleute Zeit zur freien Verfügung haben, bis ein Alarm einläuft. Während der Bereitschaftszeit darf der Feuerwehrmann die Feuerwache allerdings nicht verlassen. Danach hat er vierundzwanzig Stunden frei, bevor der nächste Dienst beginnt. Das wiederholt sich viermal, dann hat man achtundvierzig Stunden Pause“, erklärte ihr Jack. Terry nickte.

„Ich brauche dann noch die Unterschrift deiner Erziehungsberechtigten, weil du noch nicht volljährig bist.“ Er reichte ihr ein Blatt Papier, das sie einpackte und dann begann auch schon ihr erster Arbeitstag. Seit acht Uhr war sie mit Ted unterwegs gewesen. Müde ließ sie sich um kurz nach eins auf einen Stuhl im Aufenthaltsraum fallen. Ted setzte sich neben sie und schob ihr eine Cola hin.

„Danke.“ Drei Einsätze seit Dienstbeginn, gleich zweimal waren sie auf der Autobahn und mussten danach einen Brand in einer Gartenanlage löschen. Sie hatte jedoch nur die Aufgabe, im Auto zu bleiben und zuzuschauen. Ted hatte sie damit betraut, alles zu dokumentieren.

„Nach jedem Einsatz müssen wir einen Bericht schreiben. Das kannst du heute übernehmen.“

„Ich fass es nicht, Ted hat neuerdings eine eigene Sekretärin“, frotzelte Jannik. „Unglaublich“. Terry wurde rot.

„Neidisch?“, konterte Ted.

Mike stand in der Küche und hatte für alle gekocht. Terry hatte nichts anderes erwartet. Mike liebte es, für die ganze Mannschaft zu kochen. Gegessen wurde in einer Geschwindigkeit, mit der sie nicht mithalten konnte. Als der nächste Alarm einging, hätte sie fast aufgestöhnt. Ted blieb jedoch sitzen.

„Betrifft uns nicht, iss erst mal in Ruhe zu Ende.“

Sie schaute sich im Raum um. Einige Kollegen unterhielten sich, andere schauten fern, bis sich langsam aber stetig der Raum leerte und eine angenehme Ruhe einkehrte. Julian und Jannik saßen einträchtig an einem Tisch und lösten Kreuzworträtsel. Terry saß neben Ted und Manuel und hörte den Männern zu.

„Was bei uns Feuerwehrleuten eher zu kurz kommt, ist das Privatleben. Man verbringt mehr Zeit mit seinen Kollegen als mit der Familie“, meinte Manuel.

„Haha, du meinst eher deine Frauen…“, fiel Thomas ihm ins Wort.

„Ich habe wenigstens Frauen“, konterte Manuel mit blitzenden Augen. Terry mochte Thomas auf Anhieb. Sein Blick strahlte eine Unschuld aus, die ihn sehr jung wirken ließ. Sie wusste aber, dass er um einiges älter war als sie. Terry reagierte nicht auf dieses Stänkern, ihr war klar, dass Manuel auf seine Homosexualität anspielte. Thomas wirkte ein wenig unbeholfen und hatte eher die Hände eines Künstlers, die nicht erkennen ließen, dass er als Feuerwehrmann arbeitete.

„Das Schöne am Beruf des Feuerwehrmanns ist die Abwechslung“, betonte Ted, was er an seinem Beruf so liebte. „Man steht morgens auf und weiß nicht was kommt“, führte er aus. Zum Alltag gehören Unfälle und brennende Autos genauso wie das Beseitigen von Ölspuren, die Sicherung von Gefahrgut, wenn zum Beispiel die Verpackung beschädigt wurde, oder das Einfangen entflohener Tiere, bis hin zur Rettung einer Katze vom Baum.“ Terry schaute ihn an und er fuhr fort: „Die Feuerwehr wird gerufen, wenn ein Zug stehengeblieben ist, ein Zaun gesichert werden muss oder sich jemand einen Finger in einer Maschine geklemmt hat. Wir werden auf die Autobahn gerufen, in die U-Bahn-Tunnel oder müssen in großen Höhen arbeiten“, erklärte er weiter. „Deshalb bilden wir Höhenretter, Rettungssanitäter und auch Hundeführer aus.“

„Ja, stimmt. Man vergisst den Geruch nie, wenn man zu einem Unfall kommt. Diese Mischung aus Blut, Kühlerflüssigkeit und Benzin“, fiel Robin ein, als er sich neben Thomas auf einen Stuhl fallen ließ. Terry zuckte zusammen.

„Trotzdem machen auch diese Einsätze für mich Sinn, denn man kann helfen - und ich habe ein ausgeprägtes Helfersyndrom. Schrecklich sind nur die Momente, in denen man zu einem Unfall kommt und nichts mehr ausrichten kann“, warf Julian schnell ein.

„Wie verarbeitet ihr das alles?“, fragte Terry.

„Wir setzen uns zusammen, um das Geschehene aufzuarbeiten. Manchmal holen wir auch einen Seelsorger.“

„Vergessen kann man nie, aber man lernt, damit umzugehen. Ich würde auch nicht sagen, dass man sich daran gewöhnt. Das geht nicht.“

„So Leute, wir haben noch was zu tun“, sagte Ted und stand auf. Terry packte ihre Sachen zusammen und folgte ihm.

„Ich kann sie nicht ausstehen. Wie sie schon hier rumläuft…“, ätzte Robin und trank an seiner Cola. „Sie ist ziemlich eingebildet“, setzte er noch einen obendrauf. Jannik hob fragend die Augenbrauen.

„Ich mag sie. Ein bisschen schüchtern vielleicht, aber die lässt sich nicht unterkriegen. Nein, eingebildet ist sie auf keinen Fall!“ „Warum haben wir nicht einen der Jungs als Praktikanten genommen. Es haben sich doch jede Menge gemeldet. Mädchen sind viel zu schwach für so einen Job. Auf die muss man doppelt aufpassen“, maulte Robin.

„Ganz einfach, weil Jack sie ausgewählt hat“, antwortete Jay von hinten. „Und es ist mir egal, ob du sie magst oder nicht. Du wirst mit ihr die paar Wochen auskommen müssen.“

Finster runzelte Robin die Stirn: „Klar doch, du bist der Boss.“

„Ich frage mich manchmal, von welchem Stern du kommst. Frauen sind gar nicht mal so selten in der Feuerwehr, auch wenn wir nicht viele davon haben“, konterte Manuel.

„Da magst du Recht haben. Das hat doch nicht nur mit Kraft oder der Qualifikation zu tun, sondern eher mit der Familiengründung.“

„Dann sollen die mal Familien gründen und uns unsere Arbeit machen lassen“, ärgerte sich Robin.

„Boah, wie bist du denn drauf?“ Mike schüttelte den Kopf.

„Ich finde sie sympathisch und kümmere mich gerne um sie“, meinte Manuel. „Vielleicht hat Robin ja ein schlechtes Karma mit ihr?“, sagte er grinsend.

„Egal wie der Junge drauf ist, nun ist sie hier und er muss mit ihr leben. Und was noch viel wichtiger ist, sie wird mit Ted arbeiten.“ Jay grinste Manuel an.

5

Die Calmes & Partner AG lag in der Nähe vom Rothschild-Park und der Westendsynagoge. Ab der Alten Oper ging sie zu Fuß. Sie war furchtbar nervös, doch sie musste die Sache vorantreiben. Ein Praktikumsplatz war das einzige was ihr einfiel. Sie kam direkt von der Feuerwache und war pünktlich. Das Gebäude war abweisend, doch sie schluckte ihre aufkommende Angst hinunter und ging mit festen Schritten weiter. Die meisten Bürotüren waren geschlossen. Würde sie Bormann von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen? Oder hatte hier Doktor Calmes das Sagen? Der Gedanke verursachte ihr eine Gänsehaut. Ihre Aufregung wuchs mit jedem Schritt. Schließlich atmete sie tief durch und klopfte an die Tür des Sekretariats.

„Herein“, antwortete eine weibliche Stimme.

„Hallo, ich habe einen Termin wegen eines Praktikums. Mein Name ist Theresa Engler.“ Terry blieb zögernd stehen.

„Bitte kommen sie herein und nehmen sie Platz.“ Die Frau deutete mit einer Handbewegung auf die Mappe, die Terry in der Hand hielt. Sie reichte der Frau die Mappe und setzte sich. Sie hatte ihre Mappe so zusammengestellt, dass Bormann vielleicht auf sie aufmerksam werden würde. In ihrem Lebenslauf hatte sie viele Stichpunkte gesetzt, von denen sie überzeugt war, dass diese in Bormanns Fokus fallen würden. Terry wusste nicht, ob sie enttäuscht oder froh sein sollte, nicht mit Bormann zusammenzutreffen. Die Sekretärin blätterte ihre Mappe oberflächlich durch.

„Wie sind Sie auf unser Unternehmen gekommen?“, fragte sie freundlich.

„Ich habe im Internet nachgeschaut, ob es hier im Vorort wohl ein Unternehmen gibt, das sich mit neugierigen Praktikantinnen abgeben würde. Es war reiner Zufall, dass ich Sie sofort erreicht habe.“ Sie druckste ein wenig herum, als wüsste sie nicht genau, was sie noch sagen sollte. „Ich muss mich entscheiden, welchen Leistungskurs ich nächstes Schuljahr belegen soll und dachte, ein vorheriges Praktikum könnte mir die Entscheidung erleichtern, ob ich Biologie oder Chemie wählen sollte.“ Die Frau nickte verständnisvoll.

„In diesem Flyer, den ich mir ausgedruckt habe…“, sie hielt ihn der Sekretärin vors Gesicht, „steht drin, man könnte mit ins Labor und auch praktische Erfahrungen unter fachlicher Anleitung machen. Und etwas über Gentechniken lernen und mit verschiedenen DNA-Proben arbeiten…“

Bevor Terry weiterreden konnte, unterbrach sie die Frau lächelnd und hob die Hände.

„Sie meinen es ja wirklich ernst. Ich kann Ihnen leider nun gar nichts Festes zusagen. In diesen Sommerferien wird das nicht mehr zu machen sein. Unsere Praktikumsplätze sind inzwischen alle belegt.“ Terry musste sehr enttäuscht ausgesehen haben.

„Aber wenn Sie mir ihre Mappe hierlassen, werde ich versuchen, Ihnen einen Praktikumsplatz im Herbst zu ermöglichen.“ Terry nickte und strahlte.

„Das wäre wirklich nett!“, antwortete sie höflich. Innerlich seufzte sie. Hoffentlich reichte ihr die Zeit. Sie stand auf und verabschiedete sich.

Eine Woche war vergangen. Sie hatte nicht das Gefühl, wirklich vorwärtsgekommen zu sein, nur dass jeder Muskel ihres Körpers wehtat. So viel Sport hatte sie noch nie gemacht. Sie nahm an, dass die Männer sie besonders hart rannahmen, um sie zu testen. Auf dem Dienstplan standen drei Stunden Sport, doch Terry hatte das Gefühl, jeder der Männer meinte, sie sei nicht sportlich genug. Immer wieder schleppten sie sie in den Fitnessraum. Heute hatte sie den Raum allein zur Verfügung und entschied sich, zu tanzen. Sie stellte die Musik an und begann zu tanzten. Sie drehte sich im Kreis und ließ die Füße fliegen. Es war wie ein Rausch. Gebe Dich Deinen Gefühlen hin! Freudentränen liefen ihr die Wangen herunter und die Anspannung der letzten Tage fiel von ihr ab. Sie sah ihre Tante, wie früher als Kind, am Rand stehen und mit einem stolzen Strahlen auf dem Gesicht. Dann verschwand das Gesicht. Terry konzentrierte sich ganz auf ihr Tun. Sie fühlte sich, als würde sie schweben, als gäbe es für sie keine Erdenschwere.

Robin stand an den Türrahmen gelehnt und nutzte die Gelegenheit, Terrys trainierten Körper intensiv abzuscannen. Eine gute Figur hatte sie ja. Sie hatte ihn noch nicht bemerkt. Jemand klatschte, als die Musik zu Ende war. Terry zuckte zusammen und wurde rot.

„Wie wär’s mit Hanteltraining?“, schlug Robin ohne weiteren Kommentar vor. Terry schüttelte den Kopf.

„Nein, heute nicht mehr. Ich gehe noch ein paar Minuten aufs Laufband.“ Robin ging zu den Hanteln, nahm sich zwei Teile und fing konzentriert mit dem Training an. Terry konnte ihren Blick kaum abwenden.

„So, ich denke das reicht für heute“, entschied Robin nach zehn Minuten und setzte die Hanteln ab.

„Wie wäre es mit Sit-ups? Die sind gut für die Bauchmuskeln“, schlug Robin vor. Er warf das Shirt auf den Boden und streckte sich.