Seelensplitterkind - Bouxsein Stefan - E-Book

Seelensplitterkind E-Book

Bouxsein Stefan

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Beschreibung

Ein toter Rechtsanwalt. Auf seiner Brust ein Foto. Darauf abgebildet eine kokette junge Frau. Nackt im Wohnzimmer des Opfers. Wer ist diese Frau? Und in welcher Beziehung stand sie zu dem Anwalt? Siebels und Till ermitteln wieder vereint bei der Frankfurter Mordkommission. Je näher sie den Antworten kommen, desto rätselhafter wird der Fall. Die Kommissare dringen allmählich zu dem geheimnisvollen Wesen der jungen Frau vor. Dabei stoßen sie auf eine Welt, in der sie nur noch mit außergewöhnlichen Ermittlungsmethoden der Wahrheit auf die Spur kommen können.

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Im roten Salon
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Im roten Salon
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Tag 7, Sonntag
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4 Tage zuvor; 1 Tag nach Jürgen Hellmanns Tod
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Tag 8, Montag

Stefan Bouxsein

Seelensplitterkind

Kriminalroman

Der Autor

Stefan Bouxsein wurde 1969 in Frankfurt/Main geboren. Studium der Verfahrenstechnik und des Wirtschaftsingenieurwesens an der FH Frankfurt. Seit 2006 verlegt er seine Bücher im eigenen Traumwelt Verlag.

Bisher erschienen von Stefan Bouxsein:

Krimi-Reihe mit Siebels und Till:

Das falsche Paradies, 2006

Die verlorene Vergangenheit, 2007

Die böse Begierde, 2008

Die kalte Braut, 2010

Das tödliche Spiel, 2011

Die vergessene Schuld, 2013

Die tödlichen Gedanken, 2014

Die Kronzeugin, 2015

Projekt GALILEI, 2018

Seelensplitterkind, 2021

Der böse Clown (Kurzkrimi), 2014

Außerdem:

Kurz & Blutig (Vier Kurzkrimis), 2015

Humor: Idioten-Reihe mit Hans Bremer:

Der nackte Idiot, 2014

Hotel subKult und die BDSM-Idioten, 2016

Erotischer Roman von Suann Bonnard:

Die schamlose Studentin, 2017

Mein perfekter Liebhaber, 2019

Erfahren Sie mehr über meine Bücher auf:

www.stefan-bouxsein.de

© 2021 by Traumwelt Verlag

Stefan Bouxsein

Johanna-Kirchner-Str. 20 · 60488 Frankfurt/Main

www.traumwelt-verlag.de · [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung:

Nuilani – Design und Kommunikation, Ralf Heller

www.nuilani.de · [email protected]

Lektorat:

Stefanie Reimann

Titelbild: Adobe Stock

ISBN 978-3-939362-51-7

1. Auflage, 2021

1

Tag 1, Montag

Mit bedächtigen Schritten lief Hauptkommissar Steffen Siebels durch die Flure des Frankfurter Polizeipräsidiums. Es war ein wolkenverhangener Montagmorgen. Vereinzelt kamen ihm Kollegen entgegen, die ihn flüchtig mit einem Kopfnicken begrüßten. Bekannte Gesichter waren nicht darunter. Schon seit Tagen hatte er sich ausgemalt, wie es sein würde, wieder an die ehemalige Wirkungsstätte zurückzukehren. Nachts hatte er sogar davon geträumt. Hatte geträumt, wie er seinen ersten Gang ins alte Büro absolvieren würde: Durch ein Spalier von applaudierenden Kollegen schritt er über einen roten Teppich zu seinem Arbeitsplatz, der mit Girlanden und Luftschlangen geschmückt war. Als er die Schwelle zu seinem Büro übertrat, zündeten die Konfetti-Kanonen, eine Live-Band spielte Blasmusik und eine Truppe Cheerleader tanzte ausgelassen um ihn herum. Der Polizeipräsident persönlich überreichte ihm Dienstausweis und Dienstwaffe und hielt bei einem Sektempfang vor versammelter Mannschaft eine flammende Rede über die Wiederkehr des verlorenen Sohnes.

Es war nur ein Traum, den sich Siebels selbst nicht erklären konnte. Aber als er nun sein Büro betrat, verspürte er doch eine gewisse Enttäuschung. In dem kahlen Raum roch es muffig, niemand erwartete ihn und auf den Schreibtischen lagen mehrere Stapel Akten, die klaglos darauf warteten, bearbeitet zu werden. Till war auch noch nicht da, stellte er fest und ließ sich seufzend auf seinem Stuhl nieder.

Fünf Jahre war es nun schon wieder her, dass er sein erfolgreiches Dasein bei der Mordkommission beendet hatte. Er hatte es sattgehabt, ständig Überstunden zu schieben. Er hatte keine Lust mehr darauf, seine geplanten Urlaube kurzfristig abzublasen, weil er nicht loslassen konnte, wenn er kurz vor der Klärung eines Falles stand. Wenn er einen Fall bearbeitete, befand er sich in einem Tunnel. Dann rannte er wie ein Besessener mit diesem Tunnelblick durch sein Leben. Am Ende des Tunnels stand die Aufklärung eines Mordfalls. Aber kaum hatte er einen Tunnel hinter sich gelassen, betrat er schon wieder den nächsten. Und so ging es in einem fort. Seine Familie, seine Freunde, seine Hobbys, all das befand sich außerhalb der Röhren, in denen er sich bewegte. Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem er sich weigerte, den nächsten Tunnel zu betreten. Er wollte frei sein. Wollte mehr Zeit mit seiner Familie verbringen, mit seiner Frau Sabine und Sohn Dennis, der kurz vor der Einschulung stand. Kurzentschlossen quittierte er seinen Dienst. Zu seiner Überraschung vollzog sein langjähriger Partner und Freund den gleichen Schritt. Till Krüger verließ die Frankfurter Mordkommission und folgte dem verlockenden Ruf zum LKA nach Wiesbaden. Eine Ära war damit zunächst beendet.

Siebels stürzte sich voller Elan in einen neuen Lebensabschnitt. Als Hausmann und Papa. Außerdem eröffnete er eine Detektei. Das wollte er nebenbei laufen lassen. Kleine, unbedeutende Fälle, mehr hatte er nicht angestrebt. Aber das ging gründlich schief. Sein Ruf als unermüdlicher Ermittler war ihm vorausgeeilt. Anstatt untreue Ehemänner oder diebische Angestellte zu überführen, bekam er es als Privatdetektiv mit Mafiakillern, Waffenhändlern und den Geheimdiensten fremder Mächte zu tun. Seltsamerweise war bei diesen Geschichten oft auch das LKA involviert und er durchquerte weiterhin gemeinsam mit Till Krüger die dunklen Tunnel der Unterwelt.

Weil das völlig konträr zu seiner angedachten Rolle als sorgender Familienvater verlief, zog seine Frau die Notbremse. Ein erneuter familiärer Rollentausch war die Folge und katapultierte Siebels wieder zurück in sein altes Büro bei der Frankfurter Mordkommission. Und weil es das Schicksal so vorgesehen hatte, kam er nicht allein zurück. Till Krüger war beim LKA zuletzt nicht mehr glücklich gewesen und gelangte zu dem Entschluss, dass er bei der Frankfurter Mordkommission doch viel besser aufgehoben war. Das grandiose Comeback des Duos Siebels und Till war damit besiegelt.

Siebels saß vor seinem Monitor. Er sollte sein Passwort eingeben, hatte aber keins. Langsam fragte er sich, ob hier überhaupt jemand wusste, dass er heute seinen Dienst wieder antrat. Sicherheitshalber schaute er noch einmal auf den Wandkalender. Nicht, dass er sich im Tag geirrt hatte und zu früh angetreten war. An dem Kalender musste er aber erst mal die zurückliegenden drei abgelaufenen Monatsblätter abreißen. Er fing schon an zu zweifeln, ob die Mordkommission in Frankfurt überhaupt noch existierte, als die Tür geöffnet wurde. In freudiger Erwartung auf Till formten sich seine Lippen zu einem Lächeln, aber durch die Tür trat eine junge Frau.

»Hey, Sie sind Steffen Siebels, oder?«

»Ja, der bin ich, zurück an alter Wirkungsstätte.«

»Super, dann können Sie ja gleich loslegen.«

Siebels bekam einen handgeschriebenen Zettel mit einer Adresse in die Hand gedrückt.

»Und wer sind Sie?«, erkundigte sich Siebels zaghaft, nachdem er einen Blick auf den Zettel geworfen hatte.

»Ach, Entschuldigung, ich bin Jasmin, Ihre Assistentin. Also ich kümmere mich hier um alles und unterstütze Sie und Ihren Kollegen bei Ihren Ermittlungen. Wo ist er eigentlich, der Herr Krüger?«

Siebels sah auf die Uhr. Kurz nach neun. Um diese Zeit war Till früher normalerweise im Büro aufgetaucht. »Ich nehme an, der kommt gleich.«

»Die Spurensicherung ist jedenfalls schon vor Ort, ein Mann wurde tot in seinem Haus aufgefunden.«

»Der läuft ja dann wohl nicht mehr weg«, kommentierte Siebels süffisant.

»Aber die Pietät trägt ihn weg, wenn Sie nicht in die Gänge kommen. Der Einsatz hat heute Morgen schon um sieben begonnen.«

»Ich brauche aber noch das Passwort für meinen Computer, den Schlüssel für meinen Dienstwagen, meine Dienstwaffe und einen Dienstausweis.« Siebels kam sich fast ein bisschen hilflos vor am ersten Arbeitstag in seinem dritten Arbeitsleben.

»Das erledigen wir heute Mittag, ich kümmere mich um alles. Am besten fahren Sie jetzt erst mal mit Ihrem Privatwagen, das rechne ich dann ab.«

»Haben Sie auch einen Nachnamen, Jasmin?«

»Jasmin Müller, aber nennen Sie mich ruhig Jasmin, das ist schon in Ordnung.«

Siebels reichte Jasmin die Hand. »Hallo, Jasmin, auf eine gute Zusammenarbeit. Sie können mich Steffen nennen. Oder Siebels und Du – das machen alle.«

»Alles klar, Siebels. Ich habe übrigens schon viel von dir gehört und freu mich voll auf die Zusammenarbeit. Aber jetzt mach hin, die haben schon dreimal angerufen, ob da heute noch mal jemand vorbeikommt.«

Siebels erhob sich seufzend von seinem Stuhl, als Till gemütlich mit zwei Papiertüten von der Bäckerei ins Büro geschlendert kam.

»Guten Morgen, Herr Kollege«, begrüßte Siebels seinen alten, neuen Partner und freute sich, ihn endlich wiederzusehen.

»Hey super, jetzt seid ihr ja komplett«, mischte sich Jasmin ein. »Ihr könnt mich jederzeit anrufen, wenn ihr Unterstützung bei den Ermittlungen benötigt. Bis später, tschau.«

»Ich habe Croissants besorgt«, sagte Till und schaute ihr verdutzt hinterher. »Nach frischem Kaffee riecht es hier aber noch nicht.«

»Die Kaffeefrage klären wir später mit Jasmin.«

»Wer ist Jasmin?«

»Na die Kleine von eben. Sie ist unsere Assistentin.«

»Wir haben eine Assistentin? Wow.«

»Ich befürchte, die ist noch schlimmer, als es Jensen früher war«, murrte Siebels.

»Eine Assistentin, die schlimmer als ein Staatsanwalt ist? Hm, die Zeiten haben sich wohl geändert.«

»Wo müssen wir denn hin?«, wollte Till wissen, als sie im Wagen von Siebels saßen.

»Auf den Riedberg. Martin Schlosser wurde in seinem Haus heute früh tot aufgefunden. 49 Jahre alt, Rechtsanwalt von Beruf. Mehr weiß ich auch nicht.«

»Wahrscheinlich ist Anna auch dort«, überlegte Till. »Die war heute Morgen jedenfalls schon weg, als ich aufgestanden bin.«

»Sehr gut. Ich freue mich über jedes bekannte Gesicht. Als ich heute Morgen ins Präsidium kam und ins Büro gegangen bin, kam ich mir vor wie ein Besucher.«

»Was hast du erwartet? Den Polizeichor, der vor dem Eingang auf dich wartet und ein Willkommensliedchen trällert?«

Siebels behielt seinen merkwürdigen Traum für sich. »Irgendjemand, der mich begrüßt und sich erfreut zeigt, dass ich wieder da bin.«

»Ja, ich wollte ja auch eine halbe Stunde eher da sein und das erledigen. Aber ich bin noch mal eingeschlafen, nachdem der Wecker geklingelt hat. Und Anna war ja schon unterwegs.«

»Ich hatte da eigentlich an jemanden Höherrangiges gedacht«, entgegnete Siebels mit einem Schmunzeln.

»Hey, ich bin nicht mehr der kleine Oberkommissar von damals, sondern ein ehemaliger hochdekorierter LKA-Kommissar. Nicht vergessen, gelle.«

»Ich erinnere mich da an einen vom Dienst suspendierten Kommissar. Aber egal, bin froh, dass du jetzt wieder jeden Tag neben mir sitzt.«

»Ja, kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, als wir zuletzt für die Mordkommission unterwegs waren.«

»Das war der Fall mit der ermordeten Lehrerin und dem schizophrenen Schüler. Ganz schön heftig war das. Was aus dem wohl geworden ist?«

»Keine Ahnung. Schauen wir lieber nach vorne und nicht zurück. Ein ganz simpler Mordfall für den Wiedereinstieg, das wäre doch mal schön.«

»Einen ganz simplen Mordfall, hatten wir so was überhaupt schon mal?«

»Jedenfalls war keiner dabei, den wir nicht aufgeklärt hätten. Beim LKA war ich nicht immer so erfolgreich.«

»Wir sind schon da«, kam Siebels in die Gegenwart zurück. Die Straße auf dem Riedberg, einer Neubausiedlung mit Ein- und Mehrfamilienhäusern, die den Anschein erweckte, als wäre sie aus einem Lego-Baukasten entstanden, hieß Skylineblick. Von hier aus konnte man auf die Frankfurter Innenstadt und weit darüber hinaus blicken. Mehrere Doppelhaushälften mit unterschiedlichen Farbanstrichen lagen am Rande des Stadtteils, eine davon war mit rotweißem Absperrband weiträumig abgesperrt. Zwei Streifenwagen sowie drei Zivilfahrzeuge standen vor dem Haus.

Siebels stellte seinen Wagen dahinter ab. Als die beiden über das Flatterband steigen wollten, wurden sie von einem uniformierten Polizisten zurückgepfiffen.

»Hey, Sie«, rief er mit empörter Stimme. »Machen Sie sich mal ganz schnell vom Acker, das ist ein abgesperrter Bereich. Oder glauben Sie vielleicht, wir veranstalten hier einen Hindernislauf?«

Siebels machte kehrt, hob beschwichtigend die Hände und ging auf den Mann zu. »Wir sind von der Mordkommission, ich bin Steffen Siebels und das ist mein Kollege Till Krüger.«

»Ach so. Na da müsste ich aber trotzdem erst mal einen Blick auf Ihre Dienstausweise werfen.«

»Die liegen noch bei Jasmin«, seufzte Siebels.

»Aha. Veräppeln kann ich mich auch selbst. Wenn Sie nicht gleich verschwinden, bekommen Sie Probleme, haben wir uns verstanden?«

Siebels stand ratlos vor dem Polizisten, er wusste nicht einmal die Durchwahl von Jasmin. Till hatte aber schon das Handy am Ohr und sprach mit seiner Frau Anna, die als zuständige Gerichtsmedizinerin tatsächlich im Haus war. Sie erschien gleich darauf an der Haustür, rief den Polizisten zu sich und redete kurz mit ihm. Der kam dann kopfschüttelnd zu Siebels und Till zurück.

»Dann gehen Sie mal rein. Aber beim nächsten Mal bitte mit Dienstausweisen. Oder bringen Sie meinetwegen Jasmin mit, wenn die sie hat.«

»Mein Kollege war eigentlich der Meinung, dass ihn jeder Polizist in Frankfurt und dem Rest der Welt auf Anhieb erkennt«, flachste Till und ging zum Hauseingang, wo Anna ihn und Siebels erwartete.

»Das geht ja schon wieder gut los mit euch beiden«, zeigte Anna sich amüsiert. »Na, dann kommt mal rein und verschafft euch einen Überblick. Der Tote hieß Martin Schlosser und wohnte seit seiner Scheidung allein hier im Haus. Das habe ich von den Beamten erfahren, die die Nachbarn schon befragt haben. Er wurde erschlagen, wahrscheinlich mit einer Skulptur, die zur Wohnungseinrichtung gehört.«

Siebels und Till streiften sich Überzieher über die Schuhe und standen kurz später vor dem Toten, der mit Anzug, Hemd und Krawatte bekleidet auf dem Rücken lag, um den Kopf eine Blutlache.

»Die Herren von der Mordkommission sind also auch endlich eingetroffen«, seufzte eine Frau mittleren Alters in Uniform und reichte den beiden Kommissaren die Hand. »Ich bin Petra Schlesinger vom 14. Revier. Wir wurden um 6:30 Uhr verständigt, nachdem ein Notruf eingetroffen ist.«

Siebels stellte zunächst sich und Till vor. »Dann lassen Sie mal hören«, forderte er die Beamtin auf.

»Der Notruf kam von einem Kollegen des Opfers.« Petra Schlesinger zog einen kleinen Notizblock aus der Jackentasche und warf einen Blick darauf. »Dieser Kollege ist wie das Opfer von Beruf Rechtsanwalt. Er heißt Nils Brenner. Das Opfer heißt Martin Schlosser. Die beiden wollten mit dem Auto gemeinsam zu einem Seminar nach Stuttgart fahren und waren hier um 6:15 Uhr verabredet. Die Haustür stand zu dieser Zeit einen Spalt weit offen. Als sich auf das Klingeln und Klopfen von Herrn Brenner nichts rührte, ist er durch die geöffnete Haustür ins Haus gekommen und dort auf den Toten getroffen. Er hat dann unverzüglich den Notruf gewählt. Es gibt keine Einbruchspuren, von den unmittelbaren Nachbarn hat niemand etwas Auffälliges bemerkt.«

»Der Todeszeitpunkt muss gegen Mitternacht gelegen haben«, ergänzte Anna Lehmkuhl. »Es war ein einzelner heftiger Schlag gegen den Hinterkopf. Das Opfer war aber nicht sofort tot. Vorläufig schätze ich, dass er mit der schweren Kopfverletzung noch ungefähr eine Stunde mit dem Tod gerungen hat.«

»Also wurde er gegen 23:00 Uhr niedergeschlagen«, resümierte Siebels. »Und hat zu dieser Zeit noch Anzug, Hemd und Krawatte getragen.«

»Sieht ganz so aus«, bestätigte Petra Schlesinger. »Es gibt allerdings einen interessanten Hinweis auf das Mordmotiv.«

Siebels sah seine Gesprächspartnerin abwartend an. Die schaute sich suchend im Raum um, wo noch zwei Kollegen von der Spurensicherung bei der Arbeit waren. »Verraten Sie mir auch, um welchen interessanten Hinweis es sich dabei handelt?«, fragte Siebels schließlich etwas genervt.

»Ein Foto. Auf der Brust des Toten lag ein Foto. Das hat die Spurensicherung bereits eingetütet.« Petra Schlesinger rief nach einem der Männer, die noch akribisch auf Spurensuche waren, sich nun aber auf die hinteren Teile der Räumlichkeit beschränkten.

Siebels erkannte den Mann, der jetzt auf sie zukam. Peter Lich arbeitete schon seit über zehn Jahren bei der Spurensicherung.

»Es stimmt also tatsächlich«, sagte Peter Lich erfreut. »Siebels und Till sind wieder vereint im Dienst zurück. Herzlich willkommen.«

»Hallo, Peter. Schön, dass es doch noch jemanden gibt, der sich an uns erinnern kann.«

»Ihr seid doch Legenden, schon seit Tagen werden überall eure alten Geschichten wieder aufgewärmt.«

»Ach ja? Gerade haben wir erst einen Anschiss bekommen, weil wir uns dem Tatort nähern wollten. Aber egal, wie geht es dir?«

»Mir geht es gut. Aber ich arbeite lieber, wenn kein Toter mehr im Raum rumliegt.« Er warf einen kurzen Blick auf den Leichnam, der in unmittelbarer Nähe von ihnen auf dem Boden lag.

»Ja, das kann ich verstehen. Ich denke, er kann jetzt auch in die Gerichtsmedizin überführt werden. Fotos habt ihr ja bestimmt gemacht.«

»Natürlich, aber nicht nur gemacht, sondern auch gefunden. Auf der Brust des Mannes wurde ein Foto hinterlassen. Warte, ich habe es schon eingetütet.«

Peter Lich griff in einen geöffneten Aluminiumkoffer, in dem er Utensilien für seine Arbeit aufbewahrte. Er reichte Siebels ein Plastiktütchen, in dem er das Foto verwahrt hatte.

Siebels pfiff leise durch die Zähne. »Und das lag auf seiner Brust?«

»Ja, da wollte wohl jemand eine Botschaft hinterlassen.«

»Das wurde hier im Haus aufgenommen«, stellte Siebels fest. »Sie liegt auf der Couch da.« Siebels deutete auf das schwarze Ledersofa hinter dem Leichnam.

»Wer liegt auf der Couch?«, fragte Till, der sich bisher herausgehalten hatte, weil er die Gelegenheit nutzte, mit Anna noch ein paar Dinge zu besprechen.

Siebels reichte ihm das Foto. Darauf war eine junge Frau abgebildet, die seitlich auf der schwarzen Ledercouch lag, die nur zwei Schritte vom Fundort der Leiche entfernt stand. Sie war Anfang bis Mitte zwanzig und hatte kurzes braunes Haar mit einem frech geschnittenen Pony. Mit abgewinkeltem Arm stützte sie ihr Kinn auf der Hand ab. Lasziv blickte sie in die Kamera - nackt.

»Wow«, entfuhr es Till, bevor er Siebels das Foto zurückgab.

»Das muss ich aber behalten«, sagte Siebels zu Peter Lich.

»Klar, dachte ich mir schon. Die Kleine ist wahrscheinlich des Rätsels Lösung. Fingerabdrücke waren keine drauf. Die wurden abgewischt. Gleiches gilt für die mutmaßliche Tatwaffe, einer Skulptur aus Eisen. Ich brauche nur eine Unterschrift von dir, Entnahme von Beweismitteln, du weißt ja Bescheid.« Lich reichte Siebels auch gleich das entsprechende Formular, das er bereits ausgefüllt hatte.

»Wo ist das Handy des Opfers?«, wollte Siebels wissen.

»Das liegt auf dem Wohnzimmertisch. Da lag es schon, als wir eingetroffen sind. Das hat niemand angerührt.«

Zwei Männer von der Pietät kamen mit einem Sarg herein. Siebels gab ihnen zu verstehen, dass sie noch einen Moment warten sollten. Er legte das Foto mit der jungen Frau auf die Brust des Opfers und versuchte alles andere um sich herum auszublenden. Die Männer von der Pietät, Peter Lich, Anna Lehmkuhl, Petra Schlesinger. Er konzentrierte sich ganz auf das Opfer. Wollte sich einen Eindruck von dem Mann verschaffen, aus dem alles Leben gewichen war. Till stand seinem Kollegen gegenüber und tat es ihm gleich. Sie schwiegen, ließen sich von nichts ablenken und wanderten mit ihren Gedanken in den Fall, der sie nun eine Weile beschäftigen würde. Schließlich gab Siebels den Sargträgern ein Zeichen und begab sich zu der angrenzenden Küchenzeile, wo sich Petra Schlesinger noch aufhielt.

»Wo ist denn der Mann, der seinen toten Kollegen gefunden hat?«, wollte Siebels wissen.

»Den habe ich wieder nach Hause geschickt, nachdem mir niemand sagen konnte, wann die Mordkommission eintreffen würde.« Sie zückte wieder ihren Notizblock und gab Siebels die Adresse und die Telefonnummer von Nils Brenner. Im gleichen Moment meldete sich ihr Kollege, der vor dem Haus stand, über Funk und machte eine Meldung.

»Draußen steht eine Frau Markowitz«, gab Petra Schlesinger an Siebels weiter. »Sie ist die Putzfrau von Martin Schlosser.«

»Gut, mit der möchte ich mich gerne unterhalten.«

*

Frau Markowitz saß mit Siebels in der Küchenzeile. Sie wirkte geschockt. Als sie das Haus betreten durfte, wurde der Blechsarg gerade rausgetragen. Siebels gab ihr einen Moment, um sich zu sammeln, und reichte ihr ein Glas Leitungswasser.

»Wie oft putzen Sie denn bei Herrn Schlosser?«, begann Siebels behutsam mit seiner Befragung.

»In der Regel zweimal pro Woche. Herr Schlosser mag es ordentlich und sauber.«

»Ja, das sieht man«, bestätigte Siebels und ließ seine Augen durch die Küchenzeile wandern. Kein Krümel war zu sehen. »Wie lange arbeiten Sie schon für Herrn Schlosser?«

»Seit ungefähr einem halben Jahr. Seine Frau ist kurz zuvor ausgezogen. Sie haben sich scheiden lassen.«

»Hatte Herr Schlosser wieder eine Beziehung zu einer anderen Frau?«

Frau Markowitz zuckte mit den Schultern. »Nicht, dass ich wüsste. Im Haus gab es dafür nie Anzeichen. Ich sehe ihn aber nicht oft. Ich weiß nicht viel über sein Leben. Nur, dass er Rechtsanwalt ist und viel arbeitet.«

»Sie haben also einen Schlüssel und putzen immer, wenn er außer Haus ist?«

»Ja. Als ich angefangen habe, war er die ersten Male noch anwesend. Aber da konnte ich nur abends putzen oder samstags.«

»Wie sind Sie zu dieser Anstellung bei Herrn Schlosser gekommen?«

»Ich wurde ihm empfohlen. Von Herrn Brenner. Die beiden arbeiten für die gleiche Kanzlei. Bei Familie Brenner putze ich schon seit vier Jahren. Sie haben drei Kinder. Frau Brenner ist auch berufstätig, halbtags.«

»Ist Ihnen im Haus in der letzten Zeit etwas aufgefallen? Hat sich etwas verändert?«

Frau Markowitz überlegte und sah Siebels fragend an. »Nein, es war alles wie immer. Er wurde ermordet? Stimmt das wirklich?«

»Ja, das stimmt. Mehr kann ich Ihnen dazu aber nicht sagen.«

Frau Markowitz nickte. »Das ist schrecklich. Hoffentlich finden Sie schnell heraus, wer das getan hat.«

Siebels zeigte der Putzfrau das Foto der nackten jungen Frau. »Wissen Sie, wer diese Frau ist?«

Sie schaute es eine Weile an und schüttelte den Kopf. »Nein, das weiß ich nicht. Aber es ist hier aufgenommen worden. Auf der Couch drüben. Sie ist noch so jung. Viel zu jung für Herrn Schlosser.«

Siebels nickte, sagte aber nichts dazu. »Gut, Sie können dann wieder gehen. Aber Ihre Telefonnummer möchte ich mir noch notieren, falls es doch noch Fragen geben sollte.«

2

90 Tage zuvor

Christian Schlosser war 24 Jahre alt, studierte Jura und lebte in einer WG. Er war zufrieden mit seinem Leben. Jedenfalls nachdem er aus seinem Elternhaus ausgezogen war, in dem ein erbitterter Ehestreit zu einem unerbittlichen Scheidungskrieg ausgeartet war. Mit seinen Mitbewohnern Joshua und Daniel verstand er sich gut, sie feierten gemeinsam Partys oder chillten bei angesagten Netflix-Serien vor dem Fernseher.

An einem heißen Sommertag im August ging er allerdings allein ins Freibad. Seine Mitbewohner hatten anderes vor und manchmal genoss Christian es auch, mal wieder ganz für sich zu sein.

Er hatte sein Handtuch auf der großen Liegewiese ausgebreitet und war in Gedanken versunken, nahm das Treiben um sich herum nicht wirklich wahr.

Sein Vater war Rechtsanwalt und teilhabender Partner bei der Kanzlei Lang und Partner. Christian hatte sein Jurastudium begonnen, weil ihm nichts Besseres eingefallen war. Er bezweifelte aber, dass er es durchziehen würde, und dachte darüber nach, etwas anderes zu studieren. Vielleicht sogar Geisteswissenschaften. Germanistik oder Philosophie.

Auch in Sachen Familienplanung wollte er dem Vorbild seines Vaters keinesfalls folgen. Sein Vater hatte damals noch nicht einmal das Studium beendet, als Christian auf die Welt kam. Kurz darauf heiratete er Eva, die seinerzeit Ärztin werden wollte. Aber aus dem Plan war nichts geworden. Sie zog den Sohn groß und hielt ihrem Mann den Rücken frei, damit der sich mit vielen Überstunden in der Kanzlei hocharbeiten konnte. Christian wollte sein Leben lieber so lange wie möglich genießen und sich nicht zu früh an eine Frau binden.

Zwei Meter neben ihm saß schon seit einer Weile eine junge Frau und sonnte sich gedankenverloren. Christians Blicke schweiften immer wieder zu ihr. Um ihn herum lagen und saßen viele Frauen. Manche allein, andere mit Freundinnen oder einem Partner. Nicht wenige davon waren attraktiv. Aber Christian hatte nur Augen für die Eine. Ständig musste er zu ihr rüber schauen, er beobachtete sie regelrecht. Sie war trotz des zurückliegenden heißen Sommers noch recht blass. Ihre makellose Haut schimmerte elfenbeinartig in der tiefstehenden Sonne. Sie wirkte völlig entspannt, ruhte in sich, schien glücklich zu sein. Christian ließ seinen Blick nicht von ihr ab, als sie sich erhob und zum Wasserbecken lief. Sie kühlte sich kurz ab und stieg wenige Minuten später wieder aus dem Becken. Mit anmutigen Bewegungen duschte sie sich ab und ging zurück zu ihrem Handtuch. Sie trug einen cremefarbenen Bikini, das braune Haar kurz geschnitten mit einem frechen Pony. Als sie ihr Badetuch erreichte, erwiderte sie Christians Blick und lächelte ihn dabei etwas verlegen an. Jedenfalls interpretierte er es so.

Er beobachtete sie nun mehr oder weniger unverhohlen und sie warf auch ihm zwischendurch Blicke zu. Christian wollte diese Frau unbedingt näher kennen lernen. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, ging auf sie zu und fragte sie, ob sie nicht Lust auf ein Eis hätte. Er deutete auf die kleine Eisdiele, die neben den Umkleidekabinen lag.

Sie sah ihn neugierig an, ihre graublauen Augen funkelten regelrecht. »Ich hatte schon fast aufgegeben und gedacht, ich würde die Wette verlieren«, erwiderte sie und klang dabei leicht verträumt.

»Welche Wette denn?« Mit ihrer Antwort hatte sie ihn gleich aus dem Konzept gebracht, an dem er so lange gefeilt hatte, während er seine Augen nicht von ihr lassen konnte.

»Ob du mich ansprichst oder nicht.«

»Aha. Und mit wem hast du gewettet?«

Sie zuckte mit den Schultern und sah sich um, so, als ob da jemand sein könnte, mit dem sie eine Wette abgeschlossen haben könnte. »Mit mir selbst«, teilte sie ihm zögerlich mit. »Mit wem denn sonst?«

»Das ist ziemlich clever, die Wette hättest du also auf jeden Fall gewonnen«, lachte Christian.

Sie lächelte ihn verträumt an.

»Und, hast du nun Lust auf ein Eis?«

»Ja, sehr gerne«, sagte sie und begleitete Christian leichtfüßig zur Eisdiele. Sie hieß Lena und entschied sich für ein Erdbeereis.

Mit den Eiswaffeln in den Händen setzten sie sich auf eine Bank. Christian fing an, über sich zu erzählen. Dabei klebte sie förmlich an seinen Lippen. Von sich selbst gab sie aber kaum etwas preis. Sie erzählte ihm, dass sie erst seit einigen Monaten in der Stadt sei und ein Zimmer im Studentenwohnheim bewohnen würde. Als Christian wissen wollte, von wo es sie nach Frankfurt gezogen hatte, druckste sie herum. Von ziemlich weit weg, mehr sagte sie nicht dazu. Über ihre Eltern wollte sie auch nicht sprechen. Jedenfalls wich sie aus, als Christian sich erkundigte, ob sie noch guten Kontakt zu ihnen hätte. Eigentlich war das beim ersten Date auch kein gutes Thema, da kam das gebrannte Scheidungskind in ihm durch, ermahnte er sich selbst. Schließlich gestand er ihr, dass er sie sehr süß und attraktiv fand und gerne näher kennen lernen würde. Er fragte sie, ob sie mit ihm später in der Stadt noch etwas trinken gehen wolle. Sie sah ihn versonnen an und schüttelte den Kopf.

»Wir können noch zu mir gehen«, schlug sie stattdessen vor. Sie würde in dem Studentenwohnheim gleich um die Ecke wohnen.

Christians Herz klopfte schneller. Kurz darauf verließen sie händchenhaltend das Schwimmbad. Christian konnte sein Glück kaum fassen.

In ihrer kleinen Bude sprachen sie nicht mehr viel. Sie küssten sich, kuschelten sich in dem engen Bett aneinander, zogen sich gegenseitig aus und liebten sich. Alles, was sie taten, machten sie voller Zärtlichkeit und Hingabe. Als hätten sie sich schon lange gesucht und nun endlich gefunden. Sie liebten sich noch die halbe Nacht und schliefen schließlich eng umschlungen in ihrem viel zu kleinen Bett ein.

Als Christian am nächsten Morgen aufwachte, saß sie mit angezogenen Knien auf dem kleinen Holztisch gegenüber vom Bett und beobachtete ihn mit ausdrucksloser Miene. Sie rauchte eine Zigarette und schnippte die Asche achtlos auf den Boden. Gestern hatte sie nicht eine Zigarette geraucht. Christian rieb sich den Schlaf aus den Augen und murmelte ihr so etwas wie einen guten Morgen entgegen. Sie trug nur ein weites weißes Hemd, das ihr bis knapp über die Knie reichte. Ihre gestern noch so fröhlich funkelnden Augen wirkten heute kalt und abweisend.

»Du kannst dich jetzt verpissen«, sagte sie und auch ihre Stimme klang ganz anders. Nicht mehr lieblich, sondern verächtlich.

Christian erschrak und hatte das Gefühl, im falschen Film aufgewacht zu sein. »Was ist denn los?«, fragte er verdattert.

»Mach dich einfach vom Acker, ich will jetzt allein sein.« Sie drückte ihre Zigarette auf der Fensterbank aus.

Völlig perplex zog Christian seine Klamotten an und versuchte zu begreifen, was hier los war.

»Wie heißt du noch mal?«, fragte sie ihn, als er sich ratlos aus dem Zimmer stehlen wollte.

»Christian. Hast du das schon wieder vergessen?«

»Hast du mich eigentlich gefragt, ob ich die Pille nehme, Christian?«

Christian dachte, nicht richtig zu hören. Das wurde ja immer skurriler. Sein Magen zog sich zusammen. »Du hast gesagt, dass du sie nimmst«, stammelte er.

»Kann ich mich gar nicht dran erinnern. Jetzt aber raus hier, ich muss noch einiges erledigen.«

Christian ging und konnte sich die Wandlung von Lena nicht im Geringsten erklären. Zu seiner Verwunderung fühlte er sich aber auch von dieser derben und dominanten Art, mit der sie ihn völlig unvorbereitet überrumpelt hatte, auf unerklärliche Weise angezogen.

*

Siebels begab sich ins obere Stockwerk, wo Till im Arbeitszimmer zugange war. Die beiden befanden sich mittlerweile allein im Haus.

»Die Scheidung war ziemlich schmutzig«, berichtete Till. »Jede Menge Aktenordner voller Gehässigkeiten, die penibel vor Gericht ausgebreitet wurden. Sie unterstellte ihm Affären zu jungen Frauen und behauptete, von ihm geschlagen worden zu sein. Er stritt alles ab und versuchte sie als psychisch labil und paranoid hinzustellen. Er wollte sie sogar in die Psychiatrie einweisen lassen.«

»Dann haben wir schon mal eine Verdächtige«, seufzte Siebels. »Das Foto auf seiner Brust könnte ja durchaus ein dezenter Hinweis von ihr sein, dass ihre Anschuldigungen nicht aus der Luft gegriffen waren. Hast du ihre Adresse gefunden?«

»Ja, Eva Schlosser wohnt jetzt in der Falkstraße in Bockenheim. Und der gemeinsame Sohn Christian ist Mitglied einer Wohngemeinschaft im Nordend. Er studiert Jura.«

»Tja, besuchen wir erst seine Ex oder erst den Sohn?«

»Erst die Ex. Vielleicht haben wir den Fall dann schon gelöst.«

»Das wäre ja schön. Aber vorher machen wir einen Abstecher ins Büro. Ohne Dienstausweise können wir schlecht in der Gegend herumermitteln.«

»Handschellen können auch nicht schaden, bei einer bösartigen Ex.«

»Richtig. Und Dienstwaffen. Und ein Dienstwagen wäre auch nicht schlecht.«

»Da seid ihr ja wieder«, wurden die beiden von Jasmin begrüßt. Sie saß im Büro nebenan, die Tür stand offen.

»Wir mussten unten wieder eine Viertelstunde warten, bis wir reindurften«, brummte Siebels. »Was machen denn unsere Dienstausweise?«

»Die liegen auf euren Schreibtischen. Sorry, die sollten eigentlich schon letzte Woche fertig sein.«

»Gibt es auch Kaffee?«, fragte Till.

»Ich mache euch ausnahmsweise einen. Einen Willkommenskaffee. Ab morgen könnt ihr euren Kaffee aber selber kochen.«

»Du bekommst dafür auch ein Croissant«, erwiderte Till großherzig. »Schoko-Croissant, habe ich heute Morgen beim Bäcker besorgt.«

»Ich komme gerade aus der Mittagspause und bin satt«, wiegelte sie ab. »Wie läuft es mit eurem Fall? Kann ich was tun?« Jasmin befüllte ihre Kaffeemaschine mit Wasser.

»Unsere Dienstwaffen?«, fragte Siebels knapp.

»Die könnt ihr bei Frau Holderlein abholen, Raum 105.«

»Es geht voran«, frohlockte Siebels. »Und die Schlüssel für den Dienstwagen?«

»Auf deinem Schreibtisch, Siebels. Mit Papieren. Milch und Zucker?«

»Ja bitte. Du wirst mir von Minute zu Minute sympathischer, Jasmin.«

»War ich dir heute Morgen etwa unsympathisch?«

»Na ja, ich habe mir die Begrüßung an meinem ersten Arbeitstag irgendwie anders vorgestellt.«

»Für mich bitte nur mit Milch«, bat Till. »Er ist ein bisschen beleidigt«, klärte er Jasmin über Siebels auf. »Er hatte eigentlich damit gerechnet, einen roten Teppich ausgerollt zu bekommen.«

»Und ein von langer Hand einstudiertes Liedchen vom Polizeichor vorgetragen zu bekommen«, ergänzte Siebels.

Jasmin lachte und trällerte belustigt los.

La la laaaa la.

Der Siebels ist wieder da.

Mörder, Mörder, nimm dich in Acht.

Er hat nämlich auch den Till mitgebracht.

La la laaaa la.

Endlich ist er wieder da.

Alle Polizisten schreien laut: Huurraaaa.

La la laaaa la.

»So, das muss genügen.« Jasmin zwinkerte Siebels zu und reichte ihm die Kaffeetasse.

»Danke, jetzt habe ich endlich das Gefühl, wieder angekommen zu sein.« Siebels wischte sich eine imaginäre Träne aus dem Auge.

»Na super, dann macht euch an die Arbeit. Ich habe euch noch ein paar Akten mit kalten Fällen auf den Tisch gelegt. Nicht, dass euch hier noch langweilig wird.«

»Ach, eine Sache kannst du doch noch für uns erledigen«, fiel Siebels ein und reichte Jasmin das Foto, das auf der Brust des Opfers gefunden wurde. »Bitte scanne das ein und druck zwei Kopien für uns aus.«

Jasmin warf einen Blick auf die junge nackte Frau und runzelte die Stirn. »Ist das dienstlich?«

Till grinste und Siebels verdrehte die Augen. »Und anschließend bitte bei den Beweismitteln zum Fall Martin Schlosser ablegen.«

»Na, wenn das so ist, mache ich das doch.« Sie zwinkerte Siebels zu und nahm das Foto entgegen.

Bei einem späten Frühstück mit Croissants und frischem Kaffee sichtete die glücklich vereinte Mordkommission die kalten Fälle.

»Hier scheint schon länger niemand mehr so richtig gearbeitet zu haben«, seufzte Till und nahm sich eine neue Akte vor.

»Das Gefühl habe ich auch«, brummte Siebels. Er klappte seine Akte wieder zu und schmiss sie auf den Tisch. »Ich schlage vor, dass wir uns erst mal um den frischen Fall kümmern. Am besten teilen wir uns auf, damit es vorangeht. Ich besuche die Ex von Martin Schlosser und du seinen Sohn. Einverstanden?«

Till schaute Siebels nachdenklich an. »Nö, ich will die Ex befragen.«

»Knobeln wir es mit Schnick-Schnack-Schnuck aus«, schlug Siebels vor.

Till gewann mit drei zu zwei. Im Gegenzug durfte Siebels den neuen Dienstwagen nutzen, während Till sich von Jasmin ein Poolfahrzeug besorgen ließ.

*

Eva Schlosser war 48 und damit ein Jahr jünger als ihr Ex-Mann. Sie hatte langes, gewelltes, blondes Haar, war schlank und 1,74 m groß. Seitdem sie ihren Mann verlassen hatte, bewohnte sie eine Zweizimmerwohnung in der Bockenheimer Falkstraße. Es war bereits früher Nachmittag, als Till vor ihrer Tür stand. Mit Jeans und einem engen Top bekleidet schien sie über den unangemeldeten Besuch eines Kriminalbeamten verwundert zu sein und erkundigte sich zunächst besorgt, ob etwas mit ihrem Sohn sei.

»Es geht um Ihren Ex-Mann« beruhigte Till sie. »Darf ich kurz reinkommen?«

Eva Schlosser machte keine Anstalten, Till in ihre Wohnung zu lassen. »Was ist mit ihm?«

»Er ist tot.« Till schaute ihr in die Augen, konnte aber keine Reaktion darin lesen. Sie starrte ihn einfach nur an. »Er ist tot?«

»Er wurde in seinem Haus ermordet aufgefunden«, klärte Till sie auf.

»Es ist unser Haus. Oder mein Haus. Das wird das Gericht noch klären. Aber wenn er tot ist, ist es jetzt wohl mein Haus. Oder?«

»Sorry, aber ich bin von der Mordkommission, nicht von der Hausgerichtsbarkeit«, zeigte Till sich von seiner ironischen Seite. »Ich hätte ein paar Fragen an Sie. Wollen wir das hier oder lieber drinnen klären?«

»Ich bin nicht allein«, druckste Eva Schlosser herum.

»Dann fahren wir jetzt halt gemeinsam aufs Präsidium, das geht auch.«

»Nein, schon gut. Kommen Sie rein. Es ist aber nicht aufgeräumt.«

»Das stört mich nicht.« Kaum hatte Till die Wohnung betreten, kam ihm aus der Küche ein junger Mann mit schulterlangen Haaren und tätowierten Armen entgegen.

»Gibt es ein Problem?«, fragte er, nachdem er Till in Augenschein genommen hatte.

»Geh du mal Fernsehgucken und mach die Tür hinter dir zu. Ich habe mit dem Mann was zu besprechen«, sagte Eva Schlosser und führte Till in die Küche. »Mein Freund«, murmelte sie kaum hörbar und schloss die Küchentür von innen. Till nickte nur. Der Kerl dürfte im Alter ihres Sohnes gewesen sein. Als neuen Mann an der Seite von Eva Schlosser im Haus des toten Anwalts konnte er ihn sich nur schwerlich vorstellen.

»Er ist also ermordet worden«, sagte sie und versuchte, diese Information und den damit verbundenen Besuch des Kriminalbeamten einzuordnen.

»Ja, letzte Nacht. In dem Haus, das sie beide bis vor einem halben Jahr noch gemeinsam bewohnt haben«, drückte Till sich diplomatisch aus. »Es gab keine Einbruchspuren. Wir gehen also davon aus, dass er seinen Mörder ins Haus gelassen hat. Da es mitten in der Nacht war, hat er ihn wahrscheinlich gekannt. Oder sie.«

»Ach, daher weht der Wind. Sie verdächtigen mich?«

»Nein, ich befrage Sie nur als seine Ex-Frau. Aber ein Alibi könnte natürlich nicht schaden.«

»Mein Alibi sitzt drüben vor dem Fernseher. Wir haben die Nacht zusammen verbracht.«

»Wohnen Sie mit ihm zusammen?«

Eva Schlosser zuckte mit den Schultern. »Mehr oder weniger. Er hat keine eigene Wohnung. Wenn er nicht hier schläft, schläft er in seinem Zimmer bei seiner Mutter. Das ist hier nur eine Zweizimmerwohnung. Ganz lasse ich ihn nicht einziehen, das wird mir sonst zu eng.«

»Verstehe«, sagte Till. »Wissen Sie, ob Ihr Ex-Mann mit jemandem Probleme hatte? Streitigkeiten? Beruflich oder privat. Abgesehen von der Scheidung mit Ihnen.«

»Nein, keine Ahnung. Wir sahen uns schon länger nicht mehr und kommunizierten nur über unsere Anwälte miteinander. Aber es würde mich nicht wundern. Er ist ein verlogenes, intrigantes Schwein gewesen.« Eva Schlosser schien auch nach dem Tod ihres Ex-Mannes keine versöhnlichen Gedanken an ihn verschwenden zu wollen.

»Ich habe mich heute Vormittag im Arbeitszimmer Ihres Ex-Mannes umgesehen und mir in seinen Unterlagen einen Überblick über Ihre Trennung verschafft«, klärte Till sie auf.

»Ich habe ihm 25 Jahre lang den Rücken freigehalten, damit er seine Karriere vorantreiben konnte. Zum Dank dafür hat er mich belogen und betrogen. Ich weine ihm keine Träne nach.«

»Sie haben ihm Affären mit anderen Frauen vorgeworfen«, ging Till auf sie ein. »Er hat das aber abgestritten. Haben Sie ihn mit einer anderen Frau gesehen?«

Eva Schlosser sah Till verletzt an. »Eine Frau spürt so etwas. Er zeigte keinerlei Interesse mehr an mir, außer wenn er Streit suchte. Und den suchte er oft. Unser Sohn hat es bei uns im Haus nicht mehr ausgehalten.« Eva Schlosser sah Till plötzlich erschrocken an. »Weiß Christian es schon? Unser Sohn? Er wohnt in einer WG.«

»Mein Kollege Steffen Siebels ist zu ihm gefahren. Wenn er ihn dort antrifft, klärt er ihn auf. Sie sollten mir aber auf alle Fälle seine Handynummer geben.«

Eva Schlosser nickte geistesabwesend. »Ja, da muss ich nachschauen, ich habe sie nicht im Kopf. Eine Sekunde bitte.«

Sie kam mit ihrem Handy zurück und suchte nach der Nummer ihres Sohnes. Es dauerte einen Moment, bis sie sie gefunden hatte. Till speicherte sie in seinem Gerät.

»Er kam mit seinem Vater gut aus«, sagte sie leise vor sich hin.

»Mit Ihnen auch?« Till hoffte, jetzt nicht in ein Fettnäpfchen getreten zu sein.

»Früher kamen wir sehr gut miteinander aus. Aber ich glaube, er hat hauptsächlich mir die Schuld an dem Krieg mit seinem Vater gegeben. Als er mitbekommen hat, dass ich mit Paul zusammen bin, hat er den Kontakt zu mir abgebrochen. Die beiden sind etwa im gleichen Alter. Dass sein Vater sich mit jungen Frauen rumgetrieben hat, interessierte ihn allerdings weniger.«

Till zog nun das Foto hervor und legte es vor ihr auf den Tisch. »Kennen Sie diese Frau?«

Eva Schlosser atmete schwer aus. »Dieses Schwein. Das Flittchen räkelt sich auf unserer Couch in unserem Haus.«

»Haben Sie sie schon einmal gesehen? Wissen Sie, wer das ist?«

Sie konnte ihren Blick nicht von dem Foto lassen. »Die ist doch noch keine zwanzig. Wann wurde das aufgenommen? Woher haben Sie das?«

»Es lag auf seiner Brust, als sein Leichnam gefunden wurde. Ich weiß nicht, wann es aufgenommen wurde.« Till nahm das Bild und steckte es wieder weg.

»Vielleicht glaubt mir ja jetzt jemand, dass er es ständig mit jungen Dingern getrieben hat«, spie sie aus.

»Sie wissen aber nicht, wer die Frau ist?«

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich eine Aushilfsstudentin aus der Kanzlei. Sie können das Foto ja dort mal vorzeigen. Dann erfahren seine Kollegen auch, was für ein verlogener, schwanzgesteuerter Mistkerl er in Wirklichkeit war.«

»Ich denke, für heute belassen wir es dabei. Ich müsste mich aber noch einmal kurz mit Ihrem Freund unterhalten.«

»Wegen meinem Alibi? Verdächtigen Sie wirklich mich?«

»Wegen Ihrem Alibi, richtig. Noch verdächtigen wir niemanden. Wir machen nur unsere Arbeit.«

»Verstehe. Wer kümmert sich denn nun um die Beerdigung? Muss ich das machen?«

»Vielleicht macht das Ihr Sohn?« Till sah sie etwas hilflos an, dann ging er ins Wohnzimmer zu ihrem Freund Paul.

Paul lag auf dem Sofa und guckte Fernsehen. Till zeigte ihm seinen Ausweis. »Wo waren Sie letzte Nacht?«, fragte er ihn ohne weitere Erläuterungen.

Paul stellte den Fernseher leiser und schaute zur Tür raus. Eva Schlosser war aber in der Küche geblieben, was ihn scheinbar etwas verunsicherte. »Warum wollen Sie das wissen?«

»Das ist nur eine Routinefrage bei unseren laufenden Ermittlungen«, beschwichtigte Till ihn.

»Bei was für Ermittlungen?«

»Der Ex-Mann von Frau Schlosser ist ums Leben gekommen.«

»Echt jetzt? Ich habe mit dem aber nix zu tun. Ich kenne den nicht.«

»Aber Sie kennen seine Ex-Frau. Wir müssen leider mit allen Personen reden, die zu seinem Umfeld gehören. Auch wenn es gar keinen persönlichen Kontakt zu Herrn Schlosser gab. Ich müsste jetzt nur wissen, wo Sie letzte Nacht waren, und dann können Sie wieder ganz ungestört Fernsehgucken.«

»Na ja, hier war ich. Ich habe letzte Nacht hier geschlafen. Mit Eva. Wir sind so gegen zehn zusammen ins Bett und morgens bin ich um neun wieder gegangen.«

»Danke, das war es auch schon. Der Form halber muss ich Sie noch darauf hinweisen, dass Sie sich mit einer Falschaussage strafbar machen.«

»Wieso Falschaussage?«

»Der Form halber. Manchmal sagen die Leute halt nicht die Wahrheit, wenn die Polizei ganz höflich nachfragt.«

»Ich habe hier gepennt. Das kann Eva bestätigen.«

»Ja, das hat sie schon. Einen schönen Abend noch. Tschüss.«

3

87 Tage zuvor

In den drei Tagen nach seinem denkwürdigen Date mit Lena hatte Christian mehrmals den Entschluss gefasst, sie anzurufen. Und es dann doch nicht getan. Die Vernunft sagte ihm, dass er dieses noch kurze Kapitel seines Lebens nicht weiterschreiben sollte. Aber sein Herz sprach eine andere Sprache. Oder war es nur sein Jagdinstinkt, der ihn antrieb, den Kontakt zu dieser merkwürdigen Frau aufrecht zu erhalten? Er dachte an die zurückhaltende, liebliche Lena, die ihn angehimmelt hatte. Mit der er eine unvergessliche Nacht verbracht hatte. Eine Nacht, von der er zu gerne noch viele weitere erlebt hätte. Und er dachte an die Lena, die ihn am nächsten Morgen auf äußerst unfreundliche Weise aus ihrem Zimmer verwiesen hatte. Nur aus ihrem Zimmer oder auch aus ihrem Leben? Auch diese Lena hatte es ihm angetan, weil sie eine Herausforderung darstellte, die er gerne annehmen würde. Aber welche von beiden würde sich melden, wenn er die Nummer anrief, die die scheue, liebevolle Lena ihm gegeben hatte? Wie sollte er sich verhalten, wenn sie sich meldete? Wie sollte er sich verhalten, wenn das Spiel sich wiederholen würde? Hatte sie ihn einfach nur veräppelt? Er dachte ständig darüber nach, konnte sich aber keinen Reim auf die ganze Geschichte machen. Schließlich wählte er mit einem mulmigen Gefühl im Magen ihre Nummer und war gespannt, was passieren würde. Als er die liebliche Stimme von Lena am Telefon vernahm, schlug sein Herz höher.

»Hallo, Lena. Ich bin es. Christian.«

»Hallo, Christian. Ich dachte schon, du würdest dich nicht mehr melden. Was war denn los? Habe ich was falsch gemacht?«

Christian bekam einen Kloß im Hals. Sie tat so, als hätte es den Morgen danach nie gegeben. »Ich war mir nicht sicher, ob du mich wiedersehen möchtest«, stammelte er.

»Warum? Als ich am nächsten Tag aufgewacht bin, warst du verschwunden und hast auch keine Nachricht hinterlassen.«

»Du hast mich rausgeschmissen, erinnerst du dich?« Christian versuchte sich vorzustellen, was für ein Gesicht sie jetzt machte. Er stellte sie sich mit einem verdatterten Gesichtsausdruck vor.

»Oh. Tatsächlich? Entschuldige, das war dann nicht wirklich ich.«

»Das Gefühl hatte ich irgendwie auch.«

»Habe ich dir denn gefallen? Vorher, meine ich? Fandest du es schön mit mir?«

»Ja, sehr sogar. Du gefällst mir sehr gut, Lena. Ich muss ständig an dich denken.«

»Mir hat es auch gut gefallen. Ich musste auch oft an dich denken.«

Einen Moment lang blieb es still zwischen den beiden. Christian wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Lena überlegte, wie sie es sagen sollte.

»Es ist manchmal nicht ganz einfach mit mir«, verriet sie ihm schließlich mit leiser Stimme.

»Hast du einen Freund? Einen anderen Mann?« Christian wollte die Frage eigentlich nicht stellen, aber er suchte nach einer Erklärung für Lenas merkwürdiges Verhalten.

»Wie kommst du darauf?«

»Weiß nicht. Ist nur so eine Frage.«

»Möchtest du herkommen? Zu mir? Jetzt? Ich würde mich freuen.«

Christian war es nicht verborgen geblieben, dass sie ihm seine Frage nicht wirklich beantwortet hatte. Aber die Aussicht darauf, gleich wieder mit ihr zusammen zu sein, blendete all seine Bedenken und Fragen aus. Er wollte sie einfach nur wiedersehen. Einfach nur in ihrer Nähe sein. So nah wie möglich. Und die Nacht mit ihr in ihrem Bett verbringen.

»Ja. Ich bin in einer halben Stunde bei dir. Ist das in Ordnung?«

»Sehr schön. Beeil dich. Bis gleich.«

*

Siebels stand vor der Wohnungstür einer Altbauwohnung in der Holzhausenstraße im Frankfurter Nordend. Drei Namensschilder waren an der Tür angebracht. Zizkowitz, Schlosser, Krampmann. Ein junger Mann mit schwarzen Locken öffnete und schaute Siebels fragend an.

»Ich möchte zu Christian Schlosser«, erklärte Siebels und sein Instinkt sagte ihm, dass der Mann an der Tür es nicht war.

»Einen Moment«, bekam er zur Antwort. Der junge Kerl rief lauthals nach Christian und entfernte sich dann kommentarlos. Siebels blieb allein vor der geöffneten Tür stehen und wartete geduldig, bis ein gleichaltriger Mann mit kurzgeschnittener Frisur erschien.

»Was gibt es?«, fragte er mit einer Spur Misstrauen in der Stimme.

»Christian Schlosser?«

»Ja, und Sie?«

Siebels zeigte ihm seinen Dienstausweis und stellte sich vor. »Können wir uns drinnen ungestört unterhalten?«

Christian Schlosser machte zunächst keine Anstalten, Siebels in die Wohnung hereinzubitten. »Worüber denn?«

»Über Ihren Vater«, hielt Siebels sich noch bedeckt.

Christian Schlosser machte einen unschlüssigen Gesichtsausdruck. Schließlich nickte er und ließ Siebels herein. Sie gingen durch den Flur auf sein Zimmer. Dort gab es außer dem Bett nur einen Stuhl als Sitzgelegenheit. Die beiden blieben zunächst stehen, Siebels schloss die Tür hinter sich.

»Was ist mit meinem Vater?«, fragte Christian Schlosser und in seiner Stimme klang die Sorge mit.

»Es tut mir leid, Ihnen diese Nachricht jetzt übermitteln zu müssen. Ihr Vater ist tot.«

Christian Schlosser sah Siebels mit großen, ungläubigen Augen an. Er sagte nichts, schüttelte nur den Kopf. Erst langsam, dann schneller.

»Vielleicht setzten wir uns besser«, schlug Siebels vor.

Wie in Trance ließ Christian sich auf die Bettkante sinken. Siebels nahm auf dem Stuhl Platz.

»Ihr Vater wurde heute früh in seinem Haus von einem seiner Kollegen tot aufgefunden«, fuhr Siebels fort. »Es handelt sich um einen Todesfall mit Fremdeinwirkung. Ihr Vater wurde erschlagen.«

»Erschlagen? In seinem Haus?« Christian sah Siebels immer noch ungläubig an. »Ein Einbruch?«

»Nein, das können wir ausschließen. Es gibt keine Einbruchsspuren. Soweit wir das beurteilen können, wurde auch nichts gestohlen. Das müssten Sie bei Gelegenheit aber noch prüfen.«

»Aber Sie wissen auch nicht, wer es war?«

»Nein, bisher haben wir noch keine Spur zum Täter. Wissen Sie, ob Ihr Vater mit jemandem Probleme hatte? Streit?«

»Mit meiner Mutter«, flüsterte Christian. »Aber die beiden sind geschieden und leben getrennt«, schob er schnell hinterher. »Weiß meine Mutter es schon?«

Siebels nickte. »Ein Kollege von mir ist gerade bei ihr.«

»Ich habe schon seit einiger Zeit keinen Kontakt mehr zu ihr. Jetzt sollte ich mich bei ihr melden«, grübelte er vor sich hin.

»Ja, das sollten Sie wohl tun«, pflichtete Siebels ihm bei. »Wissen Sie, ob Ihr Vater nach der Trennung wieder eine Beziehung zu einer Frau hatte?«

»Nein, hatte er nicht. Warum?«

»Weil wir uns ansonsten gerne auch mit dieser Frau unterhalten hätten.«

»Meine Mutter hat ihm ständig vorgeworfen Affären mit jüngeren Frauen zu haben. Aber da ist nichts dran. Stattdessen hält meine Mutter sich jetzt einen jungen Liebhaber. Der ist in meinem Alter. Das ist doch alles verrückt.«

»Wann hatten Sie zuletzt Kontakt zu Ihrem Vater?«

Christian überlegte kurz. »Das ist jetzt bestimmt schon über drei Monate her. Wir haben telefoniert. Er wollte Karten für das nächste Spiel der Eintracht besorgen und mich ins Stadion einladen. Ich sagte ihm, dass ich schon anderweitig verplant sei.«

Siebels schaute den jungen Mann mitfühlend an. »Ich muss Sie das jetzt fragen, fürs Protokoll. Wo waren Sie gestern am späten Abend und in der letzten Nacht?«

»Ich bin gestern Abend gegen neun Uhr hier eingetroffen und seitdem nicht mehr aus dem Haus gewesen.«

»Kann das jemand bezeugen?«

»Ja, meine Mitbewohner. Joshua und Daniel. Wir haben bis nach Mitternacht zusammengesessen.«

»Gut. Eine letzte Frage habe ich noch.« Siebels zeigte ihm das Foto, das auf der Brust von Christians Vaters hinterlassen wurde. »Kennen Sie diese Frau?«

Christian warf zunächst nur einen flüchtigen Blick auf das Bild. Dann nahm er das Foto in die Hand und starrte drauf. Plötzlich sprang er auf und rannte aus dem Zimmer. Siebels schaute ihm hinterher, wie er schräg gegenüber im Bad verschwand. Dort übergab er sich. Das Foto hatte er im Flur fallengelassen. Siebels hob es auf und steckte es ein.

»Geht es wieder besser?«, erkundigte er sich, als Christian mit einem Glas Wasser zurückkam.

»Ja, Entschuldigung. Dass mein Vater wirklich tot ist, muss ich erst noch verarbeiten. Ich fühle mich gerade ziemlich elend.«

»Ich will Sie heute auch nicht weiter belästigen. Soll ich einen Arzt rufen, der nach Ihnen schaut?«

»Nein danke, es geht schon wieder. Kann ich meinen Vater noch mal sehen? Muss ich ihn denn noch identifizieren?«

»Das wird nicht nötig sein. Wir melden uns bei Ihnen, wenn Sie ihn sehen können. Im Moment geht es leider noch nicht.«

»Okay, ich bringe Sie noch zur Tür.«

»Die Frau auf dem Foto, kennen Sie sie?«

Christian schüttelte den Kopf. »Ach so, nein. Die habe ich noch nie gesehen. Wer soll das sein?«

»Das hätte ich ja gerne von Ihnen gewusst. Sie liegt nackt auf der Couch im Haus Ihres Vaters.«

»Ja, das habe ich gesehen. Aber ich habe dafür keine Erklärung. Woher haben Sie das Foto?«

»Wir gehen davon aus, dass es der Mörder Ihres Vaters absichtlich am Tatort hinterlassen hat. Können Sie sich vorstellen, warum?«

Christian wurde leichenblass, krümmte sich leicht und schien sich gleich wieder übergeben zu müssen. »Nein, das kann ich mir beim besten Willen nicht erklären«, presste er hervor.

»Brauchen Sie wirklich keinen Arzt?«

»Nein, ich muss mich aber hinlegen, mir ist schlecht.«

Siebels legte seine Karte auf den Stuhl. »Rufen Sie mich an, falls Ihnen noch etwas einfällt.«

Bevor Siebels losfuhr, rief er Till an. »Hast du Eva Schlosser angetroffen?«

»Ja, ich bin gerade wieder auf dem Weg zurück zum Präsidium.«

»Ich dachte, wir treffen uns noch bei Nils Brenner, dem Kollegen von Martin Schlosser, der ihn gefunden hat.«

»Na gut«, seufzte Till. »Wo wohnt der?«

»In Eschborn.« Siebels gab Till die genaue Adresse durch.

*

Eine halbe Stunde später traf Siebels vor dem Haus von Nils Brenner ein, wo Till noch im Auto sitzend auf ihn wartete. Familie Brenner bewohnte ein schmuckes freistehendes Einfamilienhaus. Im Vorgarten waren ein Sandkasten, eine Schaukel und eine Spielhütte aufgebaut.

»Hier scheint das Familienglück noch in Ordnung zu sein«, bemerkte Siebels.

»Wäre nicht die erste herausgeputzte Fassade, hinter der es bröckelt«, gab Till launisch zurück und betätigte den Klingelknopf.

Die Tür wurde von Frau Brenner geöffnet, zwei kleine Kinder tobten um sie herum. »Kommen Sie rein, mein Mann erwartet Sie schon.« Die Kinder wurden zur Ruhe ermahnt und die Polizisten ins Arbeitszimmer begleitet.

»Ich warte schon den ganzen Tag auf jemanden von der Kripo«, sagte Nils Brenner und deutete seinen Besuchern an, sich auf bereitgestellten Stühlen niederzulassen.

»Es ging leider nicht früher«, entschuldigte Siebels sich halbherzig.

»Ist ja auch egal, ich versuche mich halt seit Stunden irgendwie abzulenken, aber das gelingt mir nicht.«

»Das kann ich verstehen. Wie lange kannten Sie Herrn Schlosser?«

»Schon lange, wir haben uns während des Studiums kennen gelernt.«

»Sie waren also nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde?«

»Ja, wir waren gut miteinander befreundet. Früher haben wir auch öfter gemeinsam mit unseren Familien was unternommen. Aber Martins Familie hat sich leider aufgelöst. Er bewohnte das Haus zum Schluss allein.«

»Erzählen Sie doch bitte mal ganz genau, wie Sie heute Morgen Ihren Freund aufgefunden haben«, bat Siebels.

Nils Brenner zuckte mit den Schultern. »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich wollte ihn abholen, zusammen wollten wir zu einem Seminar nach Stuttgart fahren. Wir hatten uns für Viertel nach sechs heute Morgen verabredet. Ich war um zehn nach sechs da und habe noch zehn Minuten im Auto auf ihn gewartet. Als er nicht kam, bin ich zum Haus, habe geklingelt und geklopft. Aber es hat sich nichts gerührt. Die Haustür stand einen spaltweit offen. Ich habe sie aufgedrückt und ihn gerufen. Als keine Antwort kam, bin ich reingegangen. Da habe ich ihn liegen sehen. Mit seinem Kopf in einer Blutlache. Ich habe ihn angesprochen, habe ihn leicht gerüttelt und seinen Puls gefühlt. Aber es war offensichtlich, dass er tot war. Also habe ich den Notruf gewählt und die Polizei verständigt.«

»Sonst ist Ihnen nichts aufgefallen? Jemand, der sich in der Nähe des Hauses aufgehalten hat? Ein geparktes Auto vor dem Haus?«

»Nein, da war niemand. Auch kein Auto.«

Till stellte sich vor, wie der Mann seinen langjährigen Freund und Kollegen aufgefunden hatte. Warum hatte er das Foto nicht erwähnt, das auf dem Opfer abgelegt worden war? Till fragte ihn direkt und zeigte ihm seine Kopie des Fotos.

Nils Brenner nickte bedächtig. »Ja, das hat auf seiner Brust gelegen. Ehrlich gesagt, war ich schon drauf und dran gewesen, es einzustecken und verschwinden zu lassen. Aber ich habe es nicht angerührt.«

»Kennen Sie die Frau auf dem Foto?«, wollte Siebels wissen.

»Nein, ich habe sie noch nie gesehen.«

»Hat Martin Schlosser vielleicht mal eine Bemerkung gemacht, dass er eine Affäre mit einer jüngeren Frau hat? Unter guten Freunden spricht man doch über solche Dinge. Jedenfalls wenn man geschieden ist und sich keine Sorgen mehr um die Treue machen muss.«

»Nichts dergleichen. Eva hat ihm vorgeworfen, Affären mit jungen Frauen gehabt zu haben. Martin hat sich aber immer nur ganz der Arbeit in der Kanzlei gewidmet. Er war einer von zwei Partnern. Deswegen ging auch seine Ehe in die Brüche. Er war mehr mit der Kanzlei als mit Eva verheiratet und hat sich letzten Endes auch für die Kanzlei entschieden.«

»Das Foto spricht aber eine andere Sprache«, bemerkte Siebels trocken.

Nils Brenner druckste ein wenig herum. »Es gab wohl hin und wieder ausgelassene Herrenabende in der Führungsriege um Tobias Lang und seinen Partnern. Da wurden auch mal leichte Mädchen einbestellt. Jedenfalls ging das in der Kanzlei mal durch die Gerüchteküche. Vielleicht stammte das Foto ja von solch einer Gelegenheit.«

Till dachte wieder an das Gespräch, das er zuvor mit Eva Schlosser geführt hatte. Dass ihr niemand geglaubt hatte, dass an ihren Vorwürfen gegenüber ihrem Mann etwas dran sein könnte, war ihr übel aufgestoßen. Dass sie sich jetzt selbst einen jungen Liebhaber hielt, schätzte Till als Trotzreaktion einer verletzten Frau ein. »Ich würde mich gern kurz mit Ihrer Frau unterhalten«, kam es Till bei seinen Überlegungen spontan in den Sinn.