Sehnsucht nach Rausch - Maja Malu - E-Book

Sehnsucht nach Rausch E-Book

Maja Malu

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Beschreibung

»An manchen Tagen glich ich einem lavaspeienden Vulkan, an anderen fühlte ich mich grundlos traurig. Und immer wieder fraß sich diese Gier nach Betäubung in mir fest. Gerade in Augenblicken, in denen ich am wenigsten mit ihr rechnete, näherte sie sich auf schleichenden Pfoten von hinten und fiel mich an, wie ein wildes Tier. Dann kämpfte ich mit aller Kraft ums Überleben ...« »Sehnsucht nach Rausch« von Maja Malu schließt sich nahtlos an den ersten Teil »Süchtig nach Rausch« an. Nachdem sich Hannah Berger von ihrem heroinabhängigen Freund Jascha getrennt hat, konzentriert sie sich auf ihre Ausbildung zur Erzieherin. Jascha bringt eine Langzeittherapie erfolgreich hinter sich. Beide werden erneut ein Paar und bauen sich ein gemeinsames Leben ohne Alkohol und Drogen auf. Doch wird es ihnen gelingen, die Sehnsucht nach Rausch dauerhaft zu bekämpfen oder holt sie die Vergangenheit wieder ein? Eine bewegende Lebensgeschichte über Sucht und Sehnsucht, Trauer und Verlust, aber auch über Liebe und Freundschaft.

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Seitenzahl: 252

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Projekt wurde gefördert durch ein Stipendium des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg

Sehnsucht nach Rausch

1. Neubeginn

2. Und ich fühle, dass ich lebe

3. Glücklich zum Zerspringen

4. Seine Geliebte

5. Mauern mit Stacheldraht

6. Schockstarre

7. Die Trennung

8. Wer sich in Gefahr begibt ...

9. ...kommt darin um

10. Der Besuch meines Ex

11. Eine ältere reiche Dame

12. Schutzengel

13. Das rubinrote Tagebuch

14. Panikattacke rückwärts

15. Die Umarmung

16. Sehnsucht nach Rausch

17. Einige Gedanken zu legalen und illegalen Drogen

17.1 König Alkohol17.2 Mother‘s Little Helper17.3 Krieg den Drogen?

Dankeschön

Über das Buch »Sehnsucht nach Rausch«

Über die Autorin

Maja Malu »Süchtig nach Rausch« (1. Teil)

Dieses Buch ist all denen gewidmet, die es geschafft haben, sich aus einer Sucht zu befreien

1. Neubeginn

Nach Schulschluss saß ich häufig auf dem einzigen Stuhl in meiner Mansarde mein Blick an die weiße Wand gerichtet, verharrend in meinen Tagträumen. Verzweifelt versuchte ich, die Zeit mit meinem Exfreund Jacko aufleben zu lassen. Stunde um Stunde erzählte ich mir die gleichen Geschichten, bis ich sie selbst nicht mehr hören konnte. Langsam, wie in Zeitlupe, lief dieser Film unserer Beziehung vor meinem inneren Auge ab. Unentwegt spielte ich dieses Spiel und berauschte mich an dem einzigen Gift, das mir noch geblieben war: unsere gemeinsame Vergangenheit. Ich wühlte in ihr, zerlegte sie und drücke erneut auf Play, um die Aufzeichnung wieder und wieder abzuspielen. War meine Liebe zu Jacko auch eine Sucht? Hatte ich die Sucht nach Betäubung durch die Sehnsucht nach Jacko eingetauscht? Fast schien es mir so. Ich war süchtig nach dem Sehnen nach Jacko. Ich badete in diesem Schmerz der Sehnsucht. Sie war grenzenlos, auch viele Wochen nach unserer Trennung.

Immer wieder sah ich ihn vor mir. Er hielt eine selbst gedrehte Zigarette zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand und inhalierte den Rauch gierig bis tief in seine Lunge. Mit der rechten ausgestreckten Hand strich er seine störrischen pechschwarzen Haare flach nach hinten. Überall sah ich ihn, hörte den Klang seiner Stimme, roch ihn. Auf meinen Lippen schmeckte ich seinen würzigen Tabak. Ich fühlte, wie wir uns leidenschaftlich liebten. Und ich wurde fast verrückt.

Ich ging durch die Stadt. Da! Ein Mann, der mit großen, ausladenden Schritten auf der anderen Straßenseite lief.

Das musste Jacko sein! Der Mann neben mir in der Straßenbahn hatte die gleiche Haarfarbe und Haarlänge. Jacko! Aber er war es nicht. Es waren immer nur meine Fantasie und diese mich ins Fleisch schneidende Sehnsucht.

Die Liebe zu Jacko war Gift für mich, sie vergiftete mir die Gegenwart, aber diese Liebe war auch ein Schutz, sie schützte mich vor mir selbst. Denn Jacko war es, durch den ich aufgehört hatte zu trinken. Ich dachte damals, wenn ich die Sucht nach Alkohol bezwinge, dann kommt mein Freund vielleicht auch vom Heroin los. Aber Jacko fing immer wieder mit harten Drogen an und von Mal zu Mal wurde es schlimmer. Er geriet immer tiefer in diesen Strudel der Sucht und es war, als würde er mit dem Heroin, welches er immer häufiger in immer höheren Dosen in einem Löffel mit Wasser und Zitronensäure auflöste, bevor er es sich in die Venen jagte, auch unsere Beziehung zersetzen. Immer seltener hatte er Vereinbarungen eingehalten, vor unserer Trennung hatte ich ihn manchmal wochenlang nicht gesehen. Dann war ich mir nicht sicher, ob er überhaupt noch lebte. Irgendwann hielt ich das nicht mehr aus, denn Jacko wollte nichts an seinem Leben ändern. Ich beendete unsere Beziehung, aber ich versicherte ihm, dass ich jederzeit bereit sei, eine neue Beziehung mit ihm einzugehen, wenn er wirklich mit den Drogen aufhören wolle oder nach einer Langzeittherapie. Ein Leben dauerhaft ohne ihn konnte ich mir nicht vorstellen.

Schon einmal hatte ich drei Jahre auf diesen Mann gewartet. Mit fünfzehn Jahren hatte ich mich unsterblich in Jacko verliebt, aber ich wusste, ich war zu jung und zu unerfahren für ihn, er war acht Jahre älter als ich. Also beschloss ich, drei Jahre zu warten. Und tatsächlich, nach dieser Zeit traf ich ihn in einem Club und wir wurden ein Paar. Wie lange würde ich diesmal auf ihn warten müssen?

Seit drei Monaten wohnte ich in einer kleinen Mansarde in Mainz. Vor einem halben Jahr hatte ich in dieser Stadt eine Ausbildung zur Erzieherin an der Fachschule für Sozialpädagogik begonnen. Zu Beginn hatte ich zu Hause gewohnt, täglich war ich mehrere Stunden mit der Bahn unterwegs gewesen. Nach meinem Umzug konnte ich mich endlich ganz auf die Schule konzentrieren.

Mich in diesem neuen Leben einzurichten, bereitete mir Schwierigkeiten. Ich fühlte mich unsicher in dieser mir unbekannten Umgebung. Nur langsam erkundete ich die Stadt. Und noch verhaltener lernte ich hier Leute kennen. Meine alte Angst vor fremden Menschen und neuen Situationen klopfte wieder bei mir an. Aber diesmal konnte ich diese Angst nicht ertränken oder betäuben. Ich musste sie aushalten, nüchtern, ohne Alkohol und ohne Drogen.

Seit neun Monaten trank ich weder Alkohol, noch nahm ich Tabletten oder irgendwelche Drogen. Jeder nüchterne Tag war nach wie vor eine Kraftanstrengung für mich.

Das Wochenende verbrachte ich in meinem Elternhaus. Meine Eltern waren zu Verwandten gefahren. Ich war allein im Bungalow. Ich war mitten in der Nacht aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. Plötzlich schmeckte ich Wodka auf meiner Zunge. In diesem Augenblick wusste ich: Ich musste etwas trinken. Jetzt! Sonst würde ich erfrieren. Hektisch suchte ich nach dem Lichtschalter. Als ich im Wohnzimmer Richtung Schrankbar ging, stieß ich mit meinem Kopf an die Hängelampe über dem Wohnzimmertisch. Die Lichtschatten der Lampe huschten ruhelos durch den Raum. Sie schwankten an der Decke und den Wänden, nicht weniger als ich am Boden. Dann hielt ich den Schlüssel in meiner Hand. Ich war mir sicher, wenn ich jetzt diese Bar öffnete, dann würde ich einen Rückfall bauen. Hiermit würde ich mein gesamtes Leben, welches ich mir in den letzten Monaten mühsam aufgebaut hatte, zerstören, vollständig zerstören. Es würde kein Zurück mehr geben. Obwohl ich das alles wusste, drehte ich den Schlüssel um und klappte die Tür der Schrankbar nach unten auf. Mit zittrigen, schwitzigen Fingern entnahm ich die Wodkaflasche und setzte sie an. Ätzend floss der Schnaps in meine Kehle. Ich setzte die Flasche erst wieder ab, nachdem ich ein Drittel leergetrunken hatte. Jetzt füllte ich mir noch ein großes Glas Orangenlikör ab und ging damit zurück in mein Zimmer. Dort steckte ich mir eine Zigarette an, rauchte und trank das Glas gemächlich aus. Ich fühlte das bekannte Kribbeln und die Wärme in meinem Körper. Langsam bemerkte ich, wie der Alkohol mir zu Kopf stieg. Endlich war es da, dieses Gefühl, nach dem ich mich schon seit Monaten gesehnt hatte. Da war er, dieser Rausch, dieser wunderbare Rausch. Und ich wusste, dass ich diesen Kampf verloren hatte. Denn ich würde diesen Rausch wieder haben wollen. Immer wieder. Und immer wieder.

Schweißgebadet erwachte ich. Seit Monaten hatte ich diesen Traum, manchmal jede Nacht. Und niemals schaffte ich es, in meinem Traum den Wodka nicht zu trinken.

Im wahren Leben hingegen gelang es mir, seit Monaten trocken zu bleiben. Selbst im Haus meiner Eltern, obwohl dort überall angefangene Schnaps- und Weinflaschen herumstanden.

Jedoch, keinen Alkohol zu trinken, das war verdammt schwer, in einer Gesellschaft, in der Alkohol ein ständiger Begleiter ist. Selbst gute Freunde und Verwandte, die es wussten, vergaßen in vielen Situationen, dass ich trockene Alkoholikerin war. Ins Essen wurde schnell ein Schuss Rotwein gegeben: »Der verfliegt doch sowieso.« Auf der Party wurde ich mit Sekt begossen und in der angebotenen Praline oder im Eis waren Alkohol. Überall lauerte die Gefahr und ständig musste ich auf der Hut sein. Und immer war ich die Spielverderberin, die keinen Alkohol trank. Als Einzige.

Jedes zweite Wochenende verbrachte ich bei meinen Eltern. Seit ich in Mainz lebte, hatte sich das Verhältnis zu ihnen etwas entspannt. Aber noch immer war es unmöglich, ein Gespräch über Drogen oder Alkohol mit ihnen zu führen. Ich wusste: Wir hatten uns gegenseitig derart viele blutige Wunden zugefügt, dass wohl noch einige Zeit vonnöten sein würde, bis wir zu einem gemeinsamen Gespräch fähig wären.

An einem Wochenende, an dem ich mich bei meinen Eltern aufhielt, war ich samstags zum Einkaufen in Ludwigshafen unterwegs. In der Fußgängerzone traf ich Harry. Harry, den Stockfisch. Wir hatten uns seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Er gab mir seine Adresse und ich schrieb ihm einen Brief, in dem ich ihm erzählte, wie ich mit Jackos Hilfe trocken geworden und aus dem ganzen Sumpf ausgestiegen war.

Als ich zwei Wochen später bei meinen Eltern ankam, lag dort schon ein Brief von Harry. Stockfisch fand es toll, dass ich mich gefangen hatte. Und das alles, obwohl mir dieser Junkie und Drogendealer Jacko begegnet sei, den er schon seit so vielen Jahren kenne.

Ich hatte eine Mordswut auf Stockfisch Harry. Wie sollte er auch ahnen, dass ich diesen Junkie und Drogendealer Jacko, den er schon seit so vielen Jahren kannte, immer noch liebte? Ich würde mich mit ihm verabreden, aber nur um etwas über Jacko zu erfahren. Schon mehrmals hatte ich in den letzten Wochen versucht, meinen Exfreund zu sehen. Bei meinem letzten Besuch war der Schuppen im Garten seines Bruders, den er bewohnte, leer, davor lag seine Matratze im Regen. Weder seine Schwägerin, noch seinen Bruder traf ich an, um sie nach dem neuen Aufenthaltsort Jackos zu fragen. Ich wollte wissen, wie es ihm ging. Ich musste es wissen. Daher rief ich Harry an und verabredete mich mit ihm für den nächsten Tag.

Harrys Wohnung war eine andere als früher, aber auch diese war so steril und ungemütlich wie eine Bahnhofsvorhalle. Er saß mir wieder kerzengerade, wie ein Stockfisch, gegenüber. Jedoch war er diesmal ein Stockfisch mit verliebten Augen, er himmelte mich dümmlich an. Wir tranken Tee. Beim letzten Mal hatte es mit uns beiden nicht geklappt. Harry wollte keine arbeitslose Alkoholikerin zur Freundin, die in einem Haus für wohnsitzlose Drogenabhängige wohnte und mit Junkies schlief. Ich glaube, ich war ihm irgendwie peinlich. Und alles war aus, bevor es begonnen hatte.

»Ich würde jetzt gerne in eine Kneipe gehen. Wo trifft sich denn zurzeit die Szene?«, fragte ich scheinheilig. In diesem Augenblick war ich ein Biest und ich wusste es. Ja, es machte mir sogar Spaß.

Harry sah überrascht aus, er presste seine schmalen Lippen aufeinander, auf seinem Gesicht spiegelte sich ein riesiges Fragezeichen. »Willst du jetzt wirklich in eine Kneipe gehen?«

Wahrscheinlich dachte er, wir würden gleich ins Bett hüpfen.

Ich bestand auf den Besuch einer Kneipe und Harry führte mich schmollend in das Szene-Lokal Staffage.

Wir setzten uns an einen freien runden Tisch. Es waren nur wenige Leute anwesend. Ich blickte mich um und war unendlich enttäuscht. Wen hatte ich erwartet, hier zu finden? Jacko? Ja, ich hatte es so sehr gehofft.

»Hallo Hannah?«

Tina stand vor mir. Wir kannten uns aus dem Home, der Übernachtungseinrichtung für obdachlose Drogenabhängige, in der ich bis vor einem Jahr mehrere Monate inoffiziell gelebt hatte. Jetzt erzählten wir uns Geschichten aus der guten alten Home-Zeit.

Dann ging die Tür auf und Theo, ein Kleindealer der Drogenwiese, meine frühere Connection, kam herein. Wir hatten uns seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. Großes Hallo! Theo warf immer noch so viele Trips wie früher und packte gleich eine seiner Tripstorys aus. Er berichtete ausführlich, wie er auf Trip verzweifelt versucht hatte, die vielen kleinen Männchen aus dem Fernsehgerät herauszuholen und dabei den neuen, sauteuren Apparat seines Stiefvaters in tausend Einzelteile zerlegt hatte. Wir krümmten uns bei seiner Erzählung vor Lachen.

Plötzlich ging die Tür wieder auf und herein kamen Eddy und Vera. Ich kannte die beiden aus dem Home und hatte sie seit vielen Monaten nicht mehr gesehen, hatte aber immer wieder von ihnen gehört. In der niedrigschwelligen Einrichtung war Eddy, der Junkieveteran, selbst seit vielen Jahren alkohol- und heroinabhängig, mein Schutzengel gewesen. Er hatte mir die Drogen abgenommen und mir immer wieder ins Gewissen geredet, dass ich niemals mit harten Drogen anfangen dürfe. Er war dort für mich wie ein großer Bruder gewesen.

Jetzt umarmte er mich sehr lange und setzte sich dann neben mich. »Na, wie gehts dir denn so ohne Jacko?«

»Ich erreiche ihn nicht. In dem Schuppen wohnt er nicht mehr. Eddy, weißt du was? Siehst du ihn öfter? Ich halte das nicht mehr aus. Ich muss wissen, wie es ihm geht.«

»Du weißt es noch gar nicht?« Eddy strahlte mich an.

»Was? Was weiß ich nicht?«

»Jacko ist seit Kurzem in Süddeutschland in einem Therapiezentrum.«

»Er macht eine Therapie? Eine Langzeittherapie?«, fragte ich erstaunt. »Das ist ja großartig!«

Die Skepsis in Eddys Stimme war unüberhörbar, als er nachschob: »Hoffentlich hält er durch.«

»Er wird bestimmt durchhalten. Jacko schafft es, ich weiß es«, sagte ich überglücklich und voller Zuversicht.

»Hannah, du liebst Jacko ja immer noch«, stellte Eddy ungläubig und kopfschüttelnd fest.

»Natürlich liebe ich ihn. Ach, Eddy, ich werde niemals aufhören, Jacko zu lieben. Ich habe ihm gesagt, dass ich jederzeit bereit bin, eine neue Beziehung mit ihm zu beginnen, unter der Bedingung, dass er vom Heroin tatsächlich lassen würde oder nach einer Langzeittherapie. Eddy, ich bin so froh, dass Jacko diese Therapie macht. Ich weiß, wenn er die Therapie beendet hat, dann wird er sich melden und dann werden wir noch einmal von vorn beginnen. Ich bin mir ganz sicher.«

Eddy umarmte mich noch einmal und hielt mich ganz fest. »Ich wünsche mir so sehr für dich, dass Jacko es schafft.«

»Er wird es schaffen. Ich bin mir ganz sicher. Allerdings werden während seiner Therapie weder er noch ich Kontakt miteinander aufnehmen. Die Gefahr, dass er die Therapie aufgrund seiner krankhaften Eifersucht abbrechen würde, wäre zu groß. Wenn er die Therapie abgeschlossen hat, wird er sich melden. So haben wir es vereinbart. Dann werden wir wieder zusammen sein, ohne Drogen. Ich weiß es.«

Sanft streichelte Eddy meine linke Wange und sagte: »Mensch, Hannah, ich drück dir beide Daumen, dass alles so kommen wird.«

Bis vor wenigen Wochen wohnten Eddy und Vera neun Monate in einem besetzten Haus in Amsterdam. Jetzt gab Eddy eine Geschichte nach der anderen aus dieser Zeit zum Besten. Wir erzählten und erzählten.

Harry hatte ich völlig vergessen. Er saß neben mir und schmollte.

Durch das große Fenster konnte ich sehen, dass die Straßenlaternen die Fußgängerzone inzwischen mit ihrem grellen Licht überfluteten, die Schaufenster strahlten hell erleuchtet.

Vera und Eddy kündigten an, mit der nächsten Straßenbahn nach Hause fahren zu wollen.

»Da komme ich mit euch. Von Oggersheim aus kann ich gut zu meinen Eltern trampen.«

Stockfisch Harry hatte schon wieder ein riesengroßes Fragezeichen im Gesicht. »Ich dachte, du schläfst bei mir.« Er sah aus wie ein begossener Pudel.

»Tja, ich muss nach Hause. Tschüss, mach’s gut Harry!«

Ich nahm meine Tasche und verließ mit Eddy und Vera das Lokal. Harry sah uns hilflos hinterher.

Jacko absolvierte eine Therapie. Eine Langzeittherapie. Er würde es schaffen. Ich fühlte es. Und wenn er die Therapie erfolgreich hinter sich gebracht hätte, dann würde er sich melden. Ich wusste jetzt, wir würden uns wiedersehen. Ich war mir sicher, genau wie damals mit fünfzehn Jahren. Und ich wusste, dass es für uns eine gemeinsame Zeit ohne Drogen und ohne Alkohol geben würde. Folgenschwer war, dass ich noch fast ein Jahr warten musste, bis ich ihn wiedersehen konnte. Wieder einmal blieb mir nur diese Hoffnung auf unsere gemeinsame Zukunft.

Doch diese Sicherheit Jacko wiederzusehen, gab mir eine ungeahnte Kraft. Jetzt stürzte ich mich Hals über Kopf in meine Ausbildung zur Erzieherin. Die Fächer Psychologie, Heilpädagogik, Deutsch, Jugendliteratur und Kunst interessierten mich am meisten. Alles Wissen saugte ich gierig in mich hinein, ich war unersättlich wie ein trockener Schwamm. Fast wurde ich zu einer Streberin. In meinen letzten Schuljahren gehörte ich immer zu den schlechtesten Schülerinnen in der Klasse. Jetzt hingegen waren meine Zensuren gut bis sehr gut. Ich konnte das selbst am wenigsten glauben.

Etwas ganz Besonderes war der Deutschunterricht. Als erste Klausur schrieben wir eine Interpretation. Ich musste an damals denken, als ich eine brillante Geschichte geschrieben hatte und meine Klassenlehrerin nicht glaubte, dass der Text von mir stammte. Daher hatte ich bei der Rückgabe der ersten Arbeit in Deutsch ein sehr ungutes Gefühl. Ich lehnte mich zurück und dachte: Garantiert bin ich wieder die Letzte mit der schlechtesten Note, das kannte ich nur zu gut. Der Lehrer teilte die Arbeiten aus und tatsächlich hielten fast alle Klassenkameradinnen ihre Klausur in der Hand. Erst als meine Platznachbarin ihre Interpretation ausgehändigt bekam, begriff ich, dass der Lehrer die Arbeiten in umgekehrter Reihenfolge verteilte als meine frühere Klassenlehrerin. Und sofort dachte ich: Bestimmt ging meine Klausur verloren, sonst würde ich sie ja schon längst in den Händen halten.

Ich bekam sie als Allerletzte überreicht mit den Worten: »Das war mit großem Abstand die beste Arbeit. Leider kann ich nur eine glatte Eins geben, mehr geht nicht. Aber ich möchte Sie bitten, Frau Berger, uns diese hervorragende Interpretation vorzulesen.«

Verwundert und irritiert starrte ich den Lehrer an. Zunächst reagierte ich gar nicht. Ich dachte, ich müsse mich bestimmt verhört haben. Er wollte wissen, weshalb ich so erstaunt sei, ich hätte doch sicherlich damit gerechnet, eine sehr gute Klausur geschrieben zu haben.

»Nein, äh, nicht wirklich«, stotterte ich.

»Das erstaunt mich.« Er bat mich erneut, die Interpretation vorzulesen.

Danach erläuterte er, warum meine Arbeit so genial sei.

Als ich auch in der dritten Deutscharbeit eine glatte Eins hatte, teilte uns der Lehrer mit, dass ab jetzt immer die zwei besten Klausuren vorgelesen werden sollten, damit auch jemand anders – außer mir – die Chance erhalte, seine Arbeit allen präsentieren zu können. Aber meine Deutscharbeit durfte ich fast jedes Mal vorlesen. Das war ein völlig neues, aber wunderbares Gefühl.

Mit mehreren Schülerinnen aus meiner Klasse freundete ich mich an. Uli und ich schwänzten manchmal eine Stunde Unterricht. Wir gingen dann in eine Bäckerei in der Nähe der Schule, tranken Kaffee und aßen Käsebrötchen; das hatte etwas Konspiratives. Caro, die mir das Zimmer vermittelt hatte und in der Mansarde nebenan wohnte, wurde meine beste Freundin. Wir gluckten ständig zusammen. Obwohl sie das krasse Gegenteil von mir war: brav, wohlbehütet und konservativ, verstanden wir uns prächtig.

Seit ich sicher war, dass ich Jacko wiedersehen würde, war ich aus meinem Dornröschenschlaf erwacht. Immer seltener spielte ich dieses berauschende Spiel mit der Vergangenheit. Die Gegenwart begann mich zu interessieren und die Zukunft unseres Planeten. Ich hielt es für uneingeschränkt notwendig, gesellschafts- und umweltpolitischen Zusammenhängen auf den Grund zu gehen, eingefahrene Denkschemata zu überprüfen, eigenes Tun zu reflektieren und umzudenken. Denn nur, wenn ich selbst zu einer reifen und kritischen Persönlichkeit heranwachsen würde, wäre ich in der Lage, Kinder zu verantwortungsbewussten, kritischen Menschen mit sozialer Kompetenz zu erziehen. Und das wollte ich: Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg in die Welt begleiten und ihnen Hilfestellung und Orientierung geben, die ich nie bekommen hatte.

Unsere Klassenlehrerin war eine ganz tolle Powerfrau. Sie stellte mit ihren moralischen Vorstellungen ein großes Vorbild für mich dar.

Ich interessierte mich für immer mehr Themen. Ich las Bücher über die Friedens-, Frauen- und Alternativbewegung, Ökologie, Atomkraft, Ausländer, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Gefängnisse.

Und ich begann, Fragen zu stellen:

Wie können wir in den Industriestaaten im Luxus leben, wenn in anderen Ländern so viele Kinder verhungern?

Was können wir gegen den atomaren Wahnsinn tun?

Was tragen wir selbst zur Zerstörung unserer Umwelt bei und was kann jeder Einzelne gegen die Umweltverschmutzung tun?

Warum werden Minderheiten ausgegrenzt? Welche Funktion erfüllen diese Minderheiten in unserer Gesellschaft?

Schon als Kind hatte ich so viele Fragen, aber niemand war da, um mir meine Fragen zu beantworten. Jacko war der Erste gewesen, der zahlreiche meiner Fragen beantwortete, bevor ich auch nur eine einzige Frage an ihn gerichtet hatte. Jetzt machte ich mich selbst auf den Weg, um Antworten auf all meine Fragen zu finden.

Wenn ich beim Einkaufen an den Regalen mit Alkoholika vorbeiging, dann lag der Geschmack des Wodkas oder Whiskys schwer auf meiner Zunge. Und in meinen nächtlichen Albträumen wurde ich weiterhin regelmäßig rückfällig. An manchen Tagen glich ich einem lavaspeienden Vulkan, an anderen fühlte ich mich grundlos traurig. Und immer wieder fraß sich diese Gier nach Betäubung in mir fest. In Augenblicken, in denen ich am wenigsten mit ihr rechnete, näherte sie sich auf schleichenden Pfoten von hinten und fiel mich an, wie ein wildes Tier. Dann kämpfte ich mit aller Kraft ums Überleben. Es war immer noch sehr schwer für mich, das Leben mit dieser brutalen Nüchternheit zu ertragen. Aber ich wollte nie wieder abhängig von Alkohol oder Tabletten werden, niemals mehr, denn es gab viel zu vieles in meinem neuen Leben, das ich inzwischen zu verlieren hätte.

Mit der Zeit wurde ich selbstsicherer und traute mir mehr zu. Ich war nicht mehr nur eine Träumerin, mit meinen beiden Füßen stand ich fest auf der Erde.

Ich saß in Mainz am Rheinufer und beobachtete die Lastkähne, die gemächlich auf dem Strom dahintuckerten. Zum zweiten Mal in meinem nüchternen Leben sah ich das Gras grüner und saftiger werden, die Blumenknospen sprießen und die Bäume blühen. Und ich sah, roch, hörte, fühlte und schmeckte den Frühling. Die Sonne schien, aber ich fror nicht mehr. Die ersten Sonnenstrahlen in diesem Jahr wärmten mich. Denn in mir selbst war eine Wärme, die ganz tief aus meinem Inneren kam.

Und zum ersten Mal wusste ich, ich würde meinen Weg durch dieses Labyrinth des Lebens finden.

2. Und ich fühle, dass ich lebe

Dieses Wochenende verbrachte ich – wie jedes zweite – bei meinen Eltern. Ich wusch Berge von Wäsche, stopfte eine Unmenge von Essen in mich hinein und ließ mich vom Fernsehprogramm berieseln. Mit meinen Eltern saß ich am Sonntagabend vor dem Tatort, als das Telefon läutete. Normalerweise ging ich bei meinen Eltern nicht dran, aber diesmal beeilte ich mich, den Hörer abzunehmen. Es war, als hätte ich geahnt, dass dieser Anruf mein Leben gründlich durcheinanderwirbeln würde.

»Hallo Hannah! Hier ist Jacko.«

Mein Herz begann, wie wild zu rasen. Jacko!

Ich hatte gewusst, dass er sich nach der Therapie melden würde.

»Jacko, wie geht es dir? Wo bist du?«

»Ich habe meine Langzeittherapie vor einigen Wochen beendet. Ich bin clean. Völlig clean. Und du kannst mir glauben, ich habe nicht vor, mir mein Leben noch einmal durch das Heroin zerstören zu lassen. Zurzeit wohne ich allerdings im Home, nur zum Übergang, bis ich etwas anderes gefunden habe.«

»Jacko, ich bin so froh, dass du diese lange Zeit der Therapie durchgehalten hast. Du kannst sehr stolz auf dich sein. Ich bin auch sehr, sehr stolz auf dich. Wahnsinn, dass du clean bist.«

»Hannah, ich muss dich etwas fragen. Bei unserer Trennung hast du gesagt, du ... du wärst jederzeit bereit, eine neue Beziehung mit mir einzugehen, unter der Bedingung, dass ich keine Drogen mehr nehme. Trifft das ... das noch zu?« Er sagte die letzten Worte unsicher, als würde er sich ganz langsam auf Glatteis vortasten.

»Ja, Jacko, selbstverständlich trifft das zu. Ich liebe dich immer noch. Ich würde sehr gerne mit dir eine neue Beziehung beginnen.«

»Das würde ich auch gerne. Ich empfinde immer noch sehr viel für dich. Ach, Hannah, so oft habe ich an dich gedacht während der Therapie.«

»Ich habe auch sehr oft an dich gedacht. Ich war mir sicher, dass du dich melden wirst, wenn du deine Therapie beendet hast. Ich habe so fest daran geglaubt.«

»Eddy hat mir erzählt, dass du auf meinen Anruf wartest. Jedes Mal, wenn er mich sah, war seine erste Frage: ›Hast du Hannah angerufen?‹ Heute ist Eddy richtiggehend ausgerastet, als ich ihm vorhin sagte, dass ich noch nicht mit dir telefoniert hätte. So habe ich Eddy noch nie erlebt. Er hat getobt wie ein Wahnsinniger und mich aufs aller Übelste beschimpft. Dann sagte er, dass du mich so sehr lieben würdest und er nicht wüsste, ob ich deine Liebe überhaupt verdient hätte. Aber eines wisse er ganz genau, dass ich der größte Idiot sei, der auf der Welt herumlaufe, weil ich mich noch immer nicht bei dir gemeldet hätte. Ich soll meinen Arsch endlich in Bewegung setzen und dich anrufen, bevor ich wieder auf H bin und mein neues drogenfreies Leben der Vergangenheit angehört. Und ich wusste, dass er recht hat.«

Danke, Eddy! Danke mein Schutzengel!, sagte ich in Gedanken.

»Schön, dass du endlich auf Eddy gehört hast. Wenn du ihn siehst, richte ihm ganz liebe Grüße aus und gib ihm bitte einen dicken Kuss von mir. Ja?«

»Igitt, reicht auch ein Handkuss? ... Hannah, können wir uns sehen?«

»Ja, natürlich. Ich freue mich so sehr, dich zu sehen.«

Wir verabredeten uns für nächsten Samstag, um vierzehn Uhr, im Nachbardorf an der Straßenbahnhaltestelle.

Ich war überglücklich. Fast fünfzehn Monate war unsere Trennung jetzt her. Endlich würde unser gemeinsames Leben ohne Alkohol und ohne Drogen beginnen. Ich liebte Jacko so sehr. Und ich war stolz auf ihn, dass er die Therapie geschafft hatte. Allerdings konnte ich nicht nachvollziehen, warum er nach seiner Langzeittherapie in eine Einrichtung für obdachlose Drogenabhängige gezogen war. Ich fragte mich, wie er dort clean bleiben wollte.

Mit Bauchschmerzen fuhr ich am nächsten Morgen zurück nach Mainz. Bevor ich mit Jacko neu starten konnte, musste ich zunächst meine Freundschaft mit Arnold beenden. Ich nannte es Freundschaft, denn eine richtige Beziehung war es nicht, das, was sich zwischen uns abspielte. Ich hatte Arnold im letzten Jahr in einem Club kennengelernt. Er schien mir ziemlich verklemmt, aber irgendwie unterschied ihn gerade das von den anderen Männern dort. Wir kamen ins Gespräch und er bot mir an, mich bis zu meiner Haustür zu begleiten. Wir verabredeten uns zu einem gemeinsamen Abendessen und dabei blieb es nicht. Eigentlich wollte ich diese Verbindung schon mehrmals beenden, schreckte allerdings im letzten Augenblick immer wieder davor zurück.

Als ich Arnold nach einigen Tagen sah, schlief ich mit ihm, zum letzten Mal, aber das wusste nur ich. Ich wollte ihm eine Art Abschiedsgeschenk machen. Noch immer war ich mir darüber im Unklaren, wie ich diese Freundschaft beenden sollte. Ich wusste, es würde etwas passieren.

Meine Eltern fuhren am nächsten Samstag in die Stadt zum Einkaufen. Sie nahmen mich im Auto mit ins Nachbardorf zur Straßenbahnhaltestelle. Jacko stand schon lässig an der Rückseite des Wartehäuschens gelehnt.

Mein Vater sagte entsetzt, wie zu sich selbst: »Rote Hosen, der hat rote Hosen an. Rote Hosen!«

Sofort drehte meine Mutter ihren Kopf zu mir um und sah mich mit bösem Blick strafend an, als wäre Jacko mein Kind, für das ich die volle Verantwortung trüge, als hätte ich ihm die roten Hosen angezogen. In diesem Augenblick war Jacko mir peinlich und ich dachte: Warum hat er keine Jeans an? Und gleichzeitig ärgerte ich mich über mich selbst, darüber, dass er mir peinlich war, schließlich konnte er doch anziehen, was er wollte.

Ich stieg aus dem Auto aus und meine Eltern hoben die Hand, um Jacko aus der Ferne zu begrüßen. Sie grüßten ihn, wie sich Nachbarn Guten Tag sagen, die sich morgens auf der Fahrt zur Arbeit in ihren Autos begegnen. Jacko erwiderte ihren Gruß aus der Ferne. Dann fuhren meine Eltern weg und ich sah nur noch Jacko. Jetzt war er mir nicht mehr peinlich; mir war egal, was er anhatte. In diesem Moment existierten nur noch wir beide auf der Welt.

Ich war so unendlich froh, ihn zu sehen. Sein Haarschnitt war kürzer. Er sah viel jünger und gesünder aus. Die Therapie hatte ihm offensichtlich sehr gutgetan. Aber ich sah auch die vielen Pickel in seinem Gesicht, seine Augen. Er drückte. Entgegen seinen Beteuerungen war er alles andere als clean. Ich hatte es so sehr gehofft. Wahrscheinlich hatte er sich gleich nach seiner Ankunft hier den ersten Schuss gesetzt, dann konsumierte er seit über zwei Monaten wieder Heroin. Zunächst war ich maßlos enttäuscht, dann dachte ich: Jascha wird es wieder schaffen, mit den Drogen aufzuhören, schließlich hat er ein Jahr Langzeittherapie durchgehalten. Ich beschloss, nichts zu sagen, ich wollte, dass er es selbst zugab, dass er nicht clean war.

Wie ein Bruder gab er mir nur einen flüchtigen Kuss auf meinen Mund. Mein ganzer Körper reagierte sofort und schrie nach mehr, viel mehr.

Jacko wollte das Grab seines Freundes Gregor besuchen, das sich in diesem Dorf befand. Wir liefen die Hauptstraße entlang bis zum Friedhof.

Dann standen wir vor Gregors Grab. Ich musste daran denken, als ich kurz vor seinem Tod mit ihm am Grab seiner Freundin Sonja stand, welches sich ein paar Gräber weiter befand. Damals sah ich mich in Gedanken an Jackos Grab stehen. Aber er lebte. Und er wollte ein Leben ohne Drogen führen.

Jackos Augen füllten sich mit Tränen, als er sagte: »Gregor war neben Tom mein bester Freund gewesen. Mit ihm zusammen hatte ich mein erstes Ding gedreht, gemeinsam fuhren wir in den Knast ein. Scheiß Heroin! Es zerstört so viele Leben.«

Als Nächstes fuhren wir in sein früheres Heimatdorf und besuchten dort das Grab seines Vaters. Er war gestorben, als Jacko elf Jahre alt war. Wir liefen danach an seinem früheren Elternhaus und dem Schuppen vorbei, an den Orten, an denen Jacko gewohnt hatte, als wir neun Monate befreundet waren. Danach fuhren wir mit der Straßenbahn nach Ludwigshafen.

Jacko erzählte mir von der Zeit in der Therapie. Und dass er sehr oft an mich gedacht habe. Er behauptete, dass er niemals mehr harte Drogen nehmen würde. Immer wieder beteuerte er, dass er clean sei. Ich wusste es besser, erwiderte jedoch nichts.

Später saßen wir allein unten im Gruppenraum des Home.

Vor über zwei Jahren hatte ich vier Monate hier in dieser Einrichtung gewohnt. Ich musste an die Weihnachtsfeier denken, die Iris, die Psychologin der Einrichtung, ausgerichtet hatte und an das Weihnachtsessen am ersten Feiertag, das mein damaliger Freund Carlos mit einer Armada an Helfern zubereitet hatte.

Jacko setzte sich ans Klavier und klimperte sehr gekonnt Alle meine Entchen. Ich sah ihm von der Seite dabei zu und in meinem Bauch flogen wieder diese tausenden Schmetterlinge, sie trudelten hoch und runter. Tausende. Abertausende. Ich sah ihn an und wusste: Ich liebe ihn. Ich liebte ihn so sehr, wie ich noch nie einen Menschen geliebt hatte. Ich wollte mit ihm zusammen sein. Ich brauchte ihn. Jacko sah mich mit genau dem gleichen Blick an wie ich ihn. Und dann küssten wir uns, lange und leidenschaftlich.

»Hast du eigentlich einen Freund?«, wollte Jacko nach dem Kuss wissen.