Süchtig nach Rausch - Maja Malu - E-Book

Süchtig nach Rausch E-Book

Maja Malu

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Beschreibung

»Er war ein Teufel, der Alkohol. Beständig lockte er mich tiefer in seine Hölle. Mittags wusste ich nicht mehr, was ich am Morgen getan hatte. Schon am Abend formte sich der zu Ende gehende Tag zu einem undefinierbaren Klumpen banger Vergangenheit ...« Mit Hilfe ihrer großen Liebe, dem heroinabhängigen Jascha, gelang Hannah Berger als junge Frau der Ausstieg aus der Sucht. Inzwischen ist sie fest in Job und Leben verankert. Infolge einer Narkose wird tief in ihr eine unstillbare Gier nach Rausch geweckt. Sie weiß, sie muss sich erneut ihrer Vergangenheit stellen. Der Roman erzählt auf zwei Ebenen Erlebnisse aus Hannah Bergers Vergangenheit und Gegenwart. Authentisch und schonungslos zeigt Maja Malu den Teufelskreis der Alkohol- und Drogensucht auf.

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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Hans, Egonund Peggy

Süchtig nach Rausch

uferlos – Gedicht

1. Sonntag-Mittags-Rausch

2. Der Aufsatz

3.

Karzinom in situ – Februar

4. Lautlose Schreie

5. Verliebt in Jacko

6. Wir spielten Mann und Frau

7.

Was wäre, wenn? – März

8. Verspätete Kostenzusage

9. Küchengespräche im Home

10. Weihnachtsfeier im Home

11.

Flashback – April

12. Süchtig nach Rausch

13. Der Tanz der Schmetterlinge

14. Dieses neue Leben

15.

Im Roman-Helden-Himmel – August

16. Cold Turkey

17. Margeriten waren ihre Lieblingsblumen

18. Der Abschiedsbrief

19.

Das Buch meines Lebens – Oktober

Dankeschön

Über das Buch »Süchtig nach Rausch«

Über die Autorin

Maja Malu »Sehnsucht nach Rausch« (2. Teil)

uferlos

den kreis ausgeschritten

an grenzen gestoßen

im wasser getrieben

versucht auf den fischen zu reiten

herunter gefallen

auf den grund gesunken

und doch wieder aufgetaucht

Kurt Thöt

(unter der sohle – Gedichte, 2011, Wiesenburg Verlag)

1. Sonntag-Mittags-Rausch

Warum ich gerade an diesem Montag mit dem Trinken begann, weiß ich nicht. Es war ein Tag, wie jeder andere auch, Anfang März, kurz nach meinem vierzehnten Geburtstag.

Seit über einer Stunde saß ich regungslos in meinem roten Clubsessel aus Lederersatz, gefangen in dieser Starre. Todesstarre. Mein festgefrorener Blick klebte am Poster an der gegenüberliegenden Wand, aber ich sah ihn nicht, den Baum, mit den kahlen schwarzen Ästen im Sonnenuntergang. Ich sah nichts, gar nichts. Ich starrte nur regungslos vor mich hin, unfähig mich zu bewegen, außerstande, etwas zu denken. In meinem Kopf nichts als Leere. Unendliche Leere.

Mit Lichtgeschwindigkeit schoss mir urplötzlich ein Gedankenfetzen durch den Kopf: der Sonntag-Mittags-Rausch! An diesen Tagen nahmen meine Eltern zum Aperitif einen Pastis zu sich, ich nippte an einem Martini. Zum Essen trank auch ich ein Glas französischen Wein, und wenn sich meine Eltern nach dem üppigen Mahl zur Verdauung einen Cognac genehmigten, bekam ich einen Orangenlikör eingeschenkt. Danach hielten alle ihren wohlverdienten Mittagsschlaf. Die Deckenlampe über meinem Bett zog sanft ihre Kreise, während sich in mir eine wohlige Wärme ausbreitete.

Nach diesem schönen Sonntag-Mittags-Gefühl sehnte ich mich jetzt. Was hielt mich davon ab, aufzustehen, an die Bar im Wohnzimmerschrank zu gehen und mir ein Glas Likör einzuschenken? Wie ferngesteuert erhob ich mich aus dem Clubsessel und ging ins Wohnzimmer. Ich war eine Marionette, deren Fäden gelenkt wurden durch eine unbekannte Macht. Es fühlte sich an, als würde ich eine Entscheidung ausführen, die schon vor langer Zeit, jedoch nicht von mir, getroffen worden war.

Den kalten Schlüssel der Hausbar einige Sekunden unschlüssig in der Hand haltend, war ich mir der Sprengkraft meiner Handlung bewusst. Zum ersten Mal trank ich alleine Alkohol, und ahnte, dass ich damit den ersten Dominostein einer langen Reihe in Bewegung setzen würde.

Nach der Umdrehung des Schlüssels klappte ich die Schranktür nach unten auf. Der abgestandene Geruch harter Alkoholika schlug mir zur Warnung wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Vor mir breitete sich eine Batterie von Flaschen aus: Whisky, Wodka, Calvados, Sherry und mindestens zehn verschiedene Liköre.

Mit zittrigen, schwitzigen Fingern griff ich nach einer Likörflasche, öffnete sie und nahm einen großen Schluck. Der Orangenlikör brannte zunächst in meinem Hals, danach ätzte er diese Leere in meinem Kopf weg. Zum zweiten Mal setzte ich die Flasche an und trank, dann füllte ich mir ein Saftglas mit Sherry. In meinem Zimmer rauchte ich eine Zigarette und leerte das Glas Likörwein gierig in großen Zügen.

Der Alkohol durchflutete meinen Körper mit einer wohligen Wärme, diese klirrende Kälte, auch diese unendliche Leere waren wie weggespült. Jetzt fühlte ich mich frei, hatte das Gefühl, fliegen zu können. Ich legte eine Schallplatte auf, aus den Lautsprechern dröhnte die bluesige Stimme von Janis Joplin mit Me and Bobby McGee. Manchmal weinte ich, weil Janis tot war und ich sie niemals live bei einem Konzert erleben konnte. Ich war zu spät geboren worden. Heute weinte ich nicht. Im wilden Rhythmus der Musik bewegte ich mich. Ich tanzte. Ich schwebte. Alles um mich herum versank. Ich fühlte mich selig.

Als ich am nächsten Tag die Haustür ins Schloss fallen ließ, zog es mich in dieses tiefe Loch, wie so oft, ganz nach unten. Das Haus schien alt und verlassen, als lebte außer mir schon jahrelang niemand mehr hier. Die Einsamkeit dieses Hauses war eine hoch ansteckende, schwere Krankheit, die zuerst den Bungalow und dann mich befallen hatte. Möglicherweise würden wir beide elendig daran zugrunde gehen.

Gestern fühlte ich mich anders, nicht so einsam. Aber? Nein, kein Aber! Ich wollte dieses Gefühl erneut spüren, aber gleichzeitig streifte mich eine diffuse Angst. Widerstrebend begab ich mich ins Wohnzimmer, Schritt für Schritt, als würde ich mich gegen die schon längst getroffene Entscheidung wehren. Dort angekommen, gab ich jeglichen Widerstand auf. Aus der Schrankbar füllte ich mir ein großes Saftglas mit Orangenlikör. Ich trank das Glas in einem Zug aus. Nach dem zweiten Glas Likör fiel diese Schwermut wieder von mir ab und ich fühlte mich derart leicht, als schlüpfte ich im Frühjahr zum ersten Mal in ein kurzärmeliges, luftiges Sommerkleid.

Die Zeit mit meinem neuen Freund, dem Alkohol, verging schnell. Ehe ich mich versah, war es schon wieder Abend. Meine Eltern kamen nach Hause, eilig kämmte ich mir die Haare, lutschte ein Pfefferminzbonbon, um den Alkoholgeruch zu vertreiben, bevor ich den Tisch fürs Abendbrot deckte.

Meiner Mutter schmerzten vom vielen Stehen als Verkäuferin die Beine, sie stöhnte, während sie die Einkaufstüten abstellte. Mein Vater sah abgespannt aus, er steuerte erst einmal die Bar an, und genehmigte sich einen Schnaps. Mit der Tagesschau aßen wir zu Abend. Bei dem Anblick der vielen Kriege, der unzähligen Leichen, der schrecklichen Katastrophen und Unfälle, die regelmäßig während unseres Abendessens serviert wurden, verging mir der Appetit. Danach saßen wir zu dritt vor der Flimmerkiste, dabei verschafften sich meine Eltern mit diversen Alkoholika ihre nötige Bettschwere; irgendwann schliefen beide schnarchend vor dem Fernsehgerät ein und ich ging zu Bett.

Nachmittags traf ich mich manchmal mit meiner Schulfreundin Sabine. Bei einem Besuch bei ihr lernte ich die Nachbarstochter Brigitte kennen. Gitti war erst zwölf, sie sah aus wie ein schönes unschuldiges Püppchen. Um ihr Kindergesicht wehte schulterlanges, lockiges Engelshaar, jedoch ihre wasserblauen Augen mit dem Schlafzimmerblick sowie ihr Schmollmund verrieten, dass sie kein kleines Engelchen war, sondern eher ein frühreifes Bengelchen. Ich mochte sie sofort.

Gittis Eltern arbeiteten ebenso wie meine bis spät am Abend, auch sie vertrieb sich die Zeit gerne mit Alkohol. Jetzt kam Gitti öfter bei mir vorbei und wir betranken uns gemeinsam, das war viel schöner, als allein zu trinken. Aus den Beständen ihres Vaters brachte meine Freundin eine Flasche Wein mit, oder wir bedienten uns im Vorratskeller meiner Eltern, manchmal legten wir unser Geld zusammen und kauften im Lebensmittelgeschäft um die Ecke etwas Härteres. An der Kasse setzte Gitti ihr kindlich honigsüßes Lächeln auf, während sie die Verkäuferin bat: »Können Sie die Flasche bitte in Papier einschlagen? Das ist ein Geburtstagsgeschenk für meinen Vater.«

Als Gitti wieder mal bei mir aufkreuzte, brachte sie Schlaftabletten mit.

»Tabletten und Alkohol, das musst du unbedingt mal probieren; das ist so geil.«

Ich war begeistert. Die Wirkung des Alkohols und der Tabletten verstärkten sich gegenseitig, hierdurch bekam ich schneller meinen ersehnten Rausch.

Nach drei Monaten trank ich täglich Alkohol in immer größeren Mengen. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, stellte ich mir als Erstes meine Tagesration zusammen: ein Saftglas Likör aus der Hausbar, eine halbe Flasche Wein, kurze Zeit später kam Hochprozentiges hinzu. Aus dem Nachttisch meiner Mutter versorgte ich mich mit diversen Tabletten, die ich immer öfter mit Alkohol einnahm.

Manchmal kombinierte ich zu viele Alkoholika miteinander, dann wurde mir speiübel. Mitunter schaffte ich es nicht mehr zur Toilette und kotzte in meinem Zimmer im hohen Bogen auf den roten Teppichboden. In panischer Verzweiflung versuchte ich, das Erbrochene auszuwaschen, und den Teppichboden mit dem Föhn zu trocknen, damit meine Eltern nichts mitbekamen.

In der Schule konnte ich in der ersten großen Pause gerade noch die Zigarette halten, die ich heimlich rauchte. In der zweiten großen Pause hingegen zitterten meine Hände derart stark, dass ich Schwierigkeiten hatte, die Zigarette zum Mund zu führen. Das Zittern fiel auch meinen Mitschülerinnen auf, sie begannen Fragen zu stellen. Deshalb füllte ich mir ab jetzt immer einen Flachmann mit Korn, Whisky oder Cognac für die Schule ab. In der ersten Pause verschwand ich mit meinem Flachmann zur Toilette und nahm einen großen Schluck. In der zweiten Pause trank ich die Flasche aus, schlagartig hatte ich meine Hände wieder unter Kontrolle, dann noch ein Pfefferminzbonbon, schon war ich eine unauffällige Schülerin.

Tief in mir schlummerte eine unbändige Sehnsucht, die mich fast in Stücke riss, eine Sehnsucht nach Liebe, Zärtlichkeit, Abenteuer. Wann war ich endlich alt genug, um all das, nach dem ich mich so sehr sehnte, zu erleben? Wie lange musste ich noch auf das richtige Leben warten? Mit meinen Tagträumen von der großen Liebe fütterte ich meine Sehnsucht und versuchte, dieses wilde Tier im Zaum zu halten. Sobald die erste Frühlingssonne schien, machte ich mich in meinen Tagträumen auf zu neuen Abenteuern. Ich kaufte mir eine kleine rote Reisetasche, in die ich das Nötigste hineinpackte. Die Tasche deponierte ich unter der Winterdecke, tief in meinem Bettkasten. Jetzt fühlte ich mich besser, mit der Sicherheit, jederzeit in ein anderes Leben fliehen zu können.

Mit meinen vierzehn Jahren fühlte ich mich oft viel erwachsener, als mein Alter es erahnen ließ, aber meist war ich unsicher, ängstlich.

Ich verstand so vieles nicht in dieser Welt.

Warum führten Menschen gegeneinander Krieg?

Wieso konnte es zu der Ermordung von Millionen Menschen während der NS-Zeit kommen?

Wie kamen Erdenbewohner dazu, Atombomben zu bauen und diese auf andere abzuwerfen?

Aus welchem Grund sind Menschen zu all den Gräueltaten während all der vielen Kriege fähig?

Sind wir Menschen nicht schlimmer als Tiere, viel schlimmer?

In den Industriestaaten leben wir im Überfluss, während die Menschen in Afrika an Hunger sterben.

Ich konnte nicht verstehen, wieso die Menschen die Erde ausplünderten und zerstörten. Warum fügten sich Lebewesen untereinander derart viel Leid zu? Wieso war diese Welt kalt und unmenschlich? Weshalb gab es überall so viel Ungerechtigkeit? Warum? Ich verstand dies alles nicht.

Und da war noch viel mehr, das sich meinem Verstand entzog. Dieses ganze Leben blieb mir fremd, als gehörte ich nicht dazu, als wäre ich nur für eine kurze Stippvisite hier auf der Erde.

Ich fragte mich: Was kommt nach unserem Sonnensystem? Gibt es einen Gott oder ein höheres Wesen? Was kommt nach dem Tod? Worin besteht der Sinn unseres Lebens?

Ich hatte viele, so unendlich viele Fragen. Aber da war niemand, der mir eine Antwort auf diese Fragen geben konnte.

Und ich ertränkte all meine Fragen im Alkohol.

Warum konnte ich nicht sein wie meine Klassenkameradinnen? Sie waren unkompliziert und fröhlich. Warum fühlte ich mich immer leer und einsam? Nur mit Alkohol konnte ich diese negativen Gefühle verscheuchen. Wenn ich nicht trank, fühlte ich mich hilflos und unsicher.

Immer tiefer glitt ich in meine Parallelwelt ab. Nichts interessierte mich mehr, außer dem nächsten Rausch.

Die Faszination, die Drogen auf mich ausübten, verstärkte sich mit den Jahren immer mehr. Schon mit elf Jahren hatte ich keinen Drogenfilm im Fernsehen ausgelassen. Ich war wie besessen davon gewesen und dann mit dreizehn diese Drogengeschichte, die ich schrieb.

Die Erzählung handelte von einer Rockgruppe, die Sängerin der Gruppe liebte den Gitarristen, der Christian hieß und drogenabhängig war.

Doch es blieb nicht bei der Geschichte. Plötzlich wurde das Geschriebene Wirklichkeit. Ich erweckte Christian aus meiner Geschichte zum Leben. Irgendwann erzählte ich einer Klassenkameradin von ihm. Doch das war keine Lüge. Ich glaubte alles, was ich ihr erzählte, selbst. Die gleichaltrigen Jungs interessierten mich nicht, ich hatte ja Christian. Sogar die Einsamkeit in dem großen, leeren Haus verflog durch ein Gespräch mit ihm. Ich steigerte mich immer mehr in diese Geschichte hinein. Die Realität glitt mir durch die Finger, ich lebte nur noch in meinen Tagträumen. Eines Tages hatte ich das Gefühl, dass ich wieder zurückmuss, zurück in die Gegenwart, zurück ins reale Leben, zurück zu meinen Freundinnen. Ich bereitete Christians Tod vor und ließ ihn kurzerhand an einer Überdosis Heroin sterben. Jetzt weinte ich bitterlich um ihn. Ich weinte tatsächlich um ihn, denn durch Christian hatte ich diese kalte Realität um vieles leichter ertragen können.

Nach einigen Tagen nahm ich die Schulhefte, die ich mit der Geschichte beschrieben hatte. Jedes einzelne Blatt riss ich in Hunderte kleiner Papierschnipsel. Ich schämte mich, dass ich meinen Schulfreundinnen etwas vorgespielt hatte. Ich wollte nie wieder etwas davon hören. Und es dauerte nicht lange, da vergaß ich Christian und die ganze Geschichte einfach.

Inzwischen reichte mir die Fantasie nicht mehr. Täglich trank ich Alkohol und warf verschiedene Tabletten ein. Aber noch immer war ich wild entschlossen richtige Drogen zu nehmen. Ich wollte den Stich der Nadel in meinem Arm spüren. Mein Körper sollte von den Glückswallungen harter Drogen durchströmt werden. Ich wollte den Kick. Diese undefinierbare Sehnsucht tief in mir war derart stark, ich war mir sicher, nur Heroin könnte sie und diesen Heißhunger nach Betäubung stillen. Ich wollte in die Welt der Drogenabhängigen. Diese Welt faszinierte mich mehr als alles andere, ja, sie zog mich magisch an. Ich hatte mich zu einer wahren Suchtmittelexpertin entwickelt. Ich wusste die Namen der verschiedenen Drogen, kannte ihre spezielle Wirkung, die Art ihres Rausches, ebenso die psychischen und physischen Schäden, die sie anrichten konnten. Aber nichts vermochte mich abzuschrecken. Gar nichts. Es gab niemand, der mich zu irgendetwas überredete; ich allein wollte die Drogen. Vor ihnen hatte ich keinerlei Angst. Die aufgehende Sonne hingegen ließ mich frieren, sie ängstigte mich, mit ihr brach ein neuer Tag an, von dem ich nicht wusste, was er mir brächte. Die untergehende Sonne jedoch liebte ich. Sie strahlte noch einmal mit letzter Kraft, bevor sie begann, das Ende des Tages einzuleiten, sie gab mir ein klein wenig Sicherheit.

Vielleicht hatte ich mehr Angst vor dem Leben als vor dem Tod.

2. Der Aufsatz

Die Schule! Ich hasste sie, die Schule! Meist hatte ich das Gefühl, als lebten die Lehrer auf einem anderen Planeten, so weit schienen sie von uns Schülern entfernt zu sein. Die meisten Dinge, die ich in dieser Institution lernen sollte, interessierten mich nicht.

Aber einmal, da hing ich mich richtig rein in eine Aufgabe.

Wir sollten einen Aufsatz zum Thema »Die Welt im Jahr 2050« schreiben. Das gefiel mir. Zu Hause saß ich am Esstisch, ich schrieb und schrieb. Ich dachte mich in die Technik der Zukunft hinein. Ich beschrieb einen Schulbus, ohne Fahrer, der alle Schüler zu Hause abholte, bevor er sie in die Ganztagsschule brachte. Alle Kinder lernten gemeinsam in einer Schule, es gab keine Trennungen mehr, kein Gymnasium, keine Hauptschule, keine Schule für behinderte Kinder. Schule machte allen Kindern Spaß, und sogar den Lehrern. Die Kinder lernten das, was sie fürs Leben brauchten, dabei durften sie ihren eigenen Interessen und Neigungen nachgehen. Am Nachmittag gab es vielseitige Angebote und Kurse: Kochen, Kunst-AG, Theater-AG, Gärtnern oder die Möglichkeit, eines von zahlreichen Instrumenten zu erlernen. Diese Schule war ein bisschen wie eine Waldorfschule. Kriege gab es seit Ende des letzten Jahrhunderts nicht mehr. Politische Entscheidungen von großer Tragweite traf die Weltregierung, die Regierung aller Menschen. Denn die gesamte Menschheit hatte ein Ziel, die Lebensverhältnisse aller weiter auf dem inzwischen hohen Niveau zu halten. Die Menschen verfügten über ein erhebliches Kontingent an Freizeit, die Technik hatte ihnen eine Menge an Arbeit abgenommen, da die Gewinne der verstaatlichten Konzerne jetzt allen Menschen zugutekamen, musste jeder weniger arbeiten. Viele engagierten sich in ihrer Freizeit für andere. Ich konnte gar nicht so schnell schreiben, wie meine Ideen sprudelten. Ich beschrieb, wie die Einkaufszentren aussahen: Kassen, an denen die Menschen selbst ihre Eingaben vornahmen; Rollbänder, auf denen man durch die Kaufhäuser rollen konnte, die aber auch neben den Straßen in den Städten entlangliefen. Kleine Entfernungen bewältigte man mit den Rollbändern problemlos, daher waren die Städte autofrei. Mir fielen immer weitere Neuerungen für die Zukunft ein. Der Aufsatz sollte drei Seiten lang sein, ich hatte sechs Seiten geschrieben und hätte problemlos noch weiterschreiben können. Als ich fertig war, las ich den Aufsatz noch einmal durch. Ich war stolz auf mich. Sehr stolz. Diesmal hatte ich mir richtig Mühe gegeben. Ich war mir sicher, für diesen Aufsatz garantiert eine gute Note zu bekommen, vielleicht sogar eine Eins. Ich fand, ich hätte eine verdient. Am nächsten Tag gab ich meine Klassenarbeit ab. Es fiel mir unendlich schwer, bis zur Rückgabe des Aufsatzes zu warten.

Dann endlich war es soweit.

Die Klassenlehrerin, Frau Stecher, verteilte die Arbeiten, sie begann – wie immer – mit den besten Klausuren.

Mein Herz klopfte laut, so laut, dass ich es hören konnte. Ich war mir sicher: Diesmal würde ich bei den Ersten sein. Die Lehrerin teilte eine Arbeit nach der anderen aus. Ich dachte: Vielleicht ist mein Aufsatz verloren gegangen oder er ist heruntergefallen und die Lehrerin hat ihn nicht mehr vorne einsortiert. Immer noch kam ich nicht an die Reihe. Und dann als Letzte, als Allerletzte, bekam ich meinen Aufsatz in die Hand gedrückt. Eine glatte Sechs. Ich konnte es nicht fassen. Nicht ausgeschlossen, dass das Telefon der Lehrerin klingelte, danach hat sie meine Arbeit mit einer anderen verwechselt. Zwei Einser-Aufsätze wurden vorgelesen; beide konnten nicht im Geringsten mit meiner Geschichte mithalten. Der Lehrerin musste ein Fehler unterlaufen sein. Kann ja mal passieren, dachte ich großzügig. Meinen gesamten Mut nahm ich zusammen, als ich von der Klassenlehrerin wissen wollte, warum ich derart schlecht abgeschnitten hatte.

»DU traust dich auch noch DIESE Frage zu stellen? Das ist wirklich die Höhe.« Ihre großen grünen Augen funkelten mich böse an.

Ich verstand nicht, was sie meinte, fragend sah ich sie an.

»Ich weiß nicht, aus welchem Buch du das abgeschrieben hast, oder wer diesen Aufsatz geschrieben hat, aber eines weiß ich mit hundertprozentiger Sicherheit: Von DIR ist diese Arbeit nicht.«

»Das ist mein Aufsatz. Ich habe ihn geschrieben«, versuchte ich verzweifelt, mich zu verteidigen.

»Das ist ungeheuerlich. Nicht genug, dass du einfach etwas aus einem Buch abschreibst, nein, jetzt beharrst du auch noch auf deiner Lüge. Ich bin enttäuscht von dir, maßlos enttäuscht.«

»Ich habe den Aufsatz geschrieben«, über meine Wangen liefen heiße Tränen, Tränen der Wut und Tränen der Enttäuschung.

»Du bist eine Lügnerin. Geh jetzt! Ich möchte dich nicht mehr sehen, bevor du dich entschuldigst. Das ist das Mindeste, was ich von dir erwarte.«

Ich fühlte mich, als hätte mir die Stecher vor der ganzen Klasse ins Gesicht geschlagen. Sie hatte mich vor allen eine Lügnerin genannt. Ich fühlte mich verletzt, als hätte ich eine offene Wunde, die blutete. Ich raffte meine Habseligkeiten zusammen und verließ eilig den Klassenraum. Die Augen der anderen Mitschüler stachen mir in den Rücken.

Eine Lügnerin hatte sie mich genannt.

Wie sollte ich jemals wieder in die Schule gehen? Wie der Stecher unter die Augen treten? Kritik hätte ich ertragen, aber nicht diese Ungerechtigkeit. Diese schreiende Ungerechtigkeit. Diese Gemeinheit. Niemals wollte ich wieder in diesem Klassenzimmer sitzen. Niemals mehr diese dumme Kuh von Lehrerin ertragen müssen. Zusammengesunken wie eine alte Frau schlurfte ich nach Hause. Entschuldigen? Ich würde mich auf keinen Fall entschuldigen. Für was sollte ich mich entschuldigen? Dafür, dass ich einen sehr guten Aufsatz geschrieben hatte?

Abends versuchte ich, mit meiner Mutter zu sprechen. Während ich ihr mein Problem schilderte, räumte sie weiter die Einkäufe in die Schränke. Nur mit halbem Ohr hörte sie mir zu.

»Deine Lehrerin wird schon wissen, warum sie dir eine schlechte Note gibt.«

Die gesamte Nacht über brodelte die Wut auf die Lehrerin in mir. In diesen Stunden starb die Stecher unzählige Tode. Und wie so oft in meinen Träumen stand ich mit der Reisetasche an der Autobahnauffahrt. Ich werde abhauen, dachte ich, einfach abhauen.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Fahrrad statt in die Schule ins Lebensmittelgeschäft. Dort kaufte ich mir zwei Flaschen Bier. Danach radelte ich in den Wald. Mein Fahrrad lehnte ich an eine Bank. Es war noch kühl. Ich fröstelte. Über dem Boden schwebte der Morgennebel. Als Erstes trank ich meinen Flachmann mit Whisky, den ich mir für die Schule abgefüllt hatte, dazu drei Schlaftabletten und zwei Zigaretten. Jetzt spürte ich die Kälte weniger, auch die Wut auf meine Lehrerin löste sich langsam auf, wie der Bodennebel um mich herum. Dann bemerkte ich, dass ich keinen Flaschenöffner dabeihatte. Erst nach unzähligen Versuchen gelang es mir, die Bierflaschen zu öffnen, indem ich die Deckel am Abfalleimer abschlug. Nach über zwei Stunden fuhr ich nach Hause, meine Eltern waren inzwischen zur Arbeit unterwegs. Jetzt konnte ich in Ruhe weitertrinken.

Ab diesem Tag beachtete mich die Klassenlehrerin nicht mehr; wenn ich mich meldete, übersah mich die Stecher bewusst. Ich war Luft für sie. Da beschloss ich, mich nie wieder in der Schule anzustrengen, stattdessen schwänzte ich immer öfter den Unterricht.

Morgens fuhr ich, statt in die Schule, mit meinem Fahrrad in die Felder oder in den Wald. Dort leerte ich den Flachmann, den ich mir für die Schule abgefüllt hatte. Rauchend wartete ich, bis ich sicher sein konnte, dass meine Eltern das Haus verlassen hatten. Dann fuhr ich nach Hause zurück, mein Fahrrad ließ ich schnell in der Garage verschwinden, damit die Nachbarn meine viel zu frühe Anwesenheit nicht bemerkten. Ich trank bis zur Bewusstlosigkeit.

Inzwischen bevorzugte ich harte Alkoholika. Mein derzeitiges Lieblingsgetränk hieß Cognac. Das mit uns beiden war eine Hassliebe. Ich hasste seinen Geschmack, bei jedem Schluck musste ich mich angeekelt schütteln, aber der Rausch kam schnell und intensiv.

Morgens nach dem Aufstehen hatte ich regelmäßig einen Kater, ich fühlte mich hundeelend, meine Hände zitterten dermaßen stark, dass ich die Teetasse nicht mehr ruhig halten konnte. Ich gewöhnte mir an, wenn ich einen Augenblick im Wohnzimmer allein blieb, meine Tasse voll Schnaps zu gießen, das half gegen den Kater und gegen den Flattermann am Morgen.

Nach einigen Wochen füllte ich mir als Schulration nicht mehr nur einen Flachmann ab, sondern zwei oder drei. Für jede große Pause einen Flachmann und noch einen für zwischendurch. Während des Unterrichts schluckte ich Tabletten, damit sich die Wirkung des Alkohols verstärkte. Ich trank eine halbe Flasche Cognac am Tag, dazu kamen noch einige Flaschen Bier oder eine Flasche Wein. Zum Glück hatte ich noch gespartes Taschengeld, somit war wenigstens das Geldproblem für die nächste Zeit gelöst. Aber wo sollte ich den Alkohol kaufen? Im Lebensmittelgeschäft, im Kiosk, überall sahen mich die Leute so komisch an. Wo sollte ich die angebrochenen Flaschen verstecken, damit meine Mutter sie nicht fand? Wo sollte ich die vielen leeren Flaschen entsorgen? Nachts bekam ich Albträume: Die Verkäuferin im Lebensmittelgeschäft weigerte sich, mir weiterhin Cognac zu verkaufen. Meine Mutter fand die angebrochenen Flaschen im Kleiderschrank. In der Schule fiel mir mitten im Klassenzimmer ein Flachmann aus der Tasche.

In einer Zeitschrift las ich einen Artikel über das Schnüffeln. Dort stand, dass viele Jugendliche die Dämpfe von Klebstoff, Pinselreiniger und anderen Lösungsmitteln einatmen, um sich einen Rausch zu verschaffen. Die Sache interessierte mich.

Im Keller entdeckte ich verschiedene Klebstoffe, überdies Fleckenentferner. Ich drückte etwas Klebstoff in eine Plastiktüte und stülpte sie mir über den Kopf. Jetzt wartete ich. Es passierte nichts. Kein Rausch. Nichts! Dann holte ich mir eine Flasche Wein aus dem Keller, da wusste ich wenigstens, was ich hatte. Aber nach zwei Tagen probierte ich das mit dem Schnüffeln erneut aus. Es musste doch irgendetwas dran sein. Wieder passierte nichts. Aber so schnell gab ich nicht auf.

Am nächsten Tag versuchte ich es mit dem Fleckenentferner. Ich legte das Album The Dark Side Of The Moon von Pink Floyd auf. Mit der Plastiktüte über dem Kopf saß ich auf dem Boden, in einer Ecke meines Zimmers. Die Musik dröhnte in meinen Ohren.

Und tatsächlich! Da war eine Art Rausch, aber ich fühlte mich anders, als wenn ich betrunken war. Auf einmal befand ich mich weit, ganz weit weg, auf einem fremden Planeten. Aus großer Entfernung hörte ich Musik und blickte auf eine mir unbekannte Welt hinab. Diese Erde da unten war so klein und unwichtig. Ich sah eine Jugendliche mit einer Plastiktüte über dem Kopf, die Person hatte nichts mit mir zu tun. Und es erschien mir unbegreiflich, dass sich dieser Mensch an Dämpfen berauschte. Ich hatte das Gefühl, ich sah den kleinen Ausschnitt einer unbedeutenden, lächerlichen Welt.

Nach dem Schnüffeln fiel mir das Atmen schwer, die Luft roch fremd, nach nichts. Von Mal zu Mal dauerte es länger, bis ich wieder auf der Erde landete. Ich hatte noch nach Stunden das Gefühl, aus zwei verschiedenen Personen zu bestehen.

Wenn ich von der Schule nach Hause kam, trank ich zunächst eine Flasche Wein oder zwei große Gläser Cognac, dann schluckte ich einige Tabletten, um die Wirkung des Alkohols zu verstärken, sobald der Rausch intensiver wurde, stülpte ich mir eine Plastiktüte über den Kopf und schnüffelte die Dämpfe eines Lösungsmittels.

Ich begann, mir einen Vorrat für den nächsten Tag anzulegen. Besonders an den Wochenenden musste ich mich schon rechtzeitig mit den notwendigen Suchtmitteln eindecken.

Kein Rausch fühlte sich jemals groß genug an; ich war unersättlich. Am liebsten wollte ich überhaupt nichts mehr von dieser kalten Realität spüren.

Immer öfter griff ich jetzt zu den Lösungsmitteln. Das häufige Schnüffeln spaltete meinen Geist immer stärker von meinem Körper ab. Ich zerfiel in zwei Teile. Direkt nach dem Einatmen der Dämpfe machte sich das Gefühl der Gespaltenheit am stärksten bemerkbar. Ich sah in den Spiegel, aber ich wusste nicht, wer diese Fremde war. Das Spiegelbild kam mir bekannt vor, ich kannte diese junge Frau mit den langen braunen Haaren, aber ich konnte sie nicht mit mir selbst in Verbindung bringen. Es war, als bemächtigte sich eine Fremde immer stärker meiner Psyche und meines Körpers. Diese Unbekannte war in meinen Körper eingezogen. Nun wollte sie mich daraus vertreiben, indem sie sich benahm, als habe sie schon immer in meinem Körper und in meiner Seele gewohnt. Mein eigenes Ich wurde zu meinem Feind.

Kurz vor dem Sommerurlaub sollte ich ein Rezept für meine Mutter beim Hausarzt ausstellen lassen. Sie schrieb die Namen der Medikamente auf, die sie brauchte. Dies war meine Stunde! Ich warf den Zettel meiner Mutter in den Müll und schrieb einen neuen, statt drei Medikamente notierte ich sechs.

»Das ist diesmal aber viel«, meinte die Arzthelferin mit fragendem Blick.

»Ja, wir fahren nächsten Montag für vier Wochen in den Urlaub nach Südfrankreich«, sagte ich mit dem scheinheiligsten, süßesten Lächeln, das ich aufzubieten hatte.

Ich erhielt mein Rezept anstandslos. Natürlich fuhr ich sofort zur Apotheke, um die Medikamente für meine Mutter abzuholen.

Während der Fahrt zu unseren Verwandten nach Südfrankreich hatte ich diese Medikamente und zahlreiche andere in meiner Tasche. Jetzt saß ich hinten im Auto und schluckte die verschiedenen Pillen wie Bonbons. Manchmal schaute ich nicht mehr auf die Packung. Einfach rein damit! Nach fünf Stunden Fahrt war mir speiübel. Meine Mutter gab mir eine Tablette gegen Reisekrankheiten, aber ich bezweifelte, dass dieses Medikament überhaupt noch seinen Zweck kannte, bei dem Tablettencocktail, der sich schon in meinem Körper angereichert hatte. Als wir eine Rast einlegten, trank ich zwei Flaschen Bier. Wenigstens reduzierte sich das Zittern meiner Hände. Aber nach einer Stunde bekam ich Herzflattern, also schluckte ich einige Beruhigungspillen. Ich fühlte mich wie eine wandelnde Pharmafabrik.

Bei unseren Verwandten in Menton hatte ich zuerst Nachschubprobleme mit dem Alkohol. Vor dem Essen trank ich so viel Pastis, beim Essen so viel Wein und nach dem Essen so viel Likör wie möglich. Aber das alles reichte nicht aus. Mein Körper schrie nach mehr Alkohol und meiner Mutter fiel mein morgendliches Zittern auf. Ich ging mit einer großen Umhängetasche spazieren und kaufte mir guten französischen Cognac und Wein. Aber das Geld war schnell ausgegeben. Zum Glück fuhren meine Eltern immer in der ersten Urlaubswoche nach Italien, um sich mit diversen Alkoholika einzudecken, die dort billiger waren. Die Gallonen mit dem kostbaren Saft standen in der Küche unter der Spüle. Wenn am Nachmittag alle ihre Siesta hielten, schlich ich mit einer leeren Flasche in die Küche und zapfte die Gallonen an. Danach huschte ich in mein Zimmer zurück und besorgte mir einen anständigen Rausch.

Den gesamten Urlaub über war ich ausschließlich damit beschäftigt, meinen Alkvorrat zu organisieren.

Inzwischen kreisten meine gesamten Gedanken nur noch um die einzige Frage: Wie konnte ich meinen Nachschub an Alkohol, Pillen und Schnüffelstoffen sichern?

3. Karzinom in situ – Februar

In der Projektbesprechung geht alles drunter und drüber. Zehn Leute reden gleichzeitig. Noch vier Wochen bis zum großen Kongress zum Thema Prävention, die Nerven von uns allen liegen blank. Das ist regelmäßig bei großen Kongressen der Fall. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen und nach der Besprechung gibt der Chef des Krankenkassenverbandes Sekt aus. Die Sekretärin hat schon die Gläser auf einem Tablett in der richtigen Anzahl vorbereitet. Sie holt den kühlgestellten Sekt aus dem Kühlschrank und erntet »Ohs« und »Ahs« der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Sekt wird eingeschenkt und ausgeteilt.

Ich hasse Sektempfänge, weil ich weiß, was passiert.

Als alle ihr Glas in der Hand halten, stellt der Chef fest: »O, Frau Berger!« Er weiß, dass ich keinen Alkohol trinke, zu seiner Assistentin gewandt, bellt er: »Orangensaft für Frau Berger!«

Sie flitzt geschäftig in den Vorratsraum, um einen Apfelsaft zu holen, denn Orangensaft haben wir nicht vorrätig. Nach kurzer Zeit kommt sie mit einem Wasserglas und einem Apfelsaft zurück. »Sorry, Hannah, ich habe dich ganz vergessen.«

»Macht doch nichts«, sage ich großzügig.

Jetzt muss nur noch ein Flaschenöffner her. Alle Augen sind auf mich gerichtet. Sie müssen warten, alle. Wegen mir. Sie müssen warten, weil ich als Einzige keinen Sekt trinke. Endlich halte auch ich ein gefülltes Glas in der Hand. Nach einer klitzekleinen Ansprache des Chefs stoßen alle miteinander an, bevor die Gläser in lockerer Runde geleert werden. Die blöden Bemerkungen bezüglich meines Apfelsaftes und des Wasserglases blende ich aus, meine Ohren schalten auf Durchzug.

Neben mir steht ein älterer Referent, mit dem ich schon seit vier Jahren sehr gut zusammenarbeite. Wir schätzen uns, dachte ich zumindest bis heute, aber jetzt sagt er: »Wissen Sie, Frau Berger, ich mag Sie wirklich, aber dass Sie keinen Alkohol trinken, macht Sie irgendwie – unsympathisch.«

Konsterniert schweige ich. Was soll ich darauf auch antworten? Vielleicht: Ich konnte Sie bislang auch ganz gut leiden, ab jetzt jedoch halte ich Sie für ein Arschloch. Einen kurzen Augenblick bin ich in Versuchung zu sagen: Tut mir leid, aber ich bin eine unsympathische Alkoholikerin. Dann denke ich, wie so oft in den letzten Jahrzehnten: Das geht keinen etwas an. Es ist Vergangenheit. Meine Vergangenheit.

Beim letzten Sektempfang stellte sich ein neuer Kollege neben mich und meinte süffisant: »Glauben Sie mir, der Sekt beißt nicht, und wenn doch, dann beißen Sie ihn doch einfach zurück. Wirklich, Sie brauchen keine Angst haben, von einem Glas Sekt wird niemand betrunken.« Ich ließ ihn einfach stehen und gesellte mich zu anderen Kollegen. Nach drei Minuten stand der neue Kollege erneut neben mir und streckte ein volles Sektglas in meine Richtung, mit den Worten: »Jetzt versuchen Sie endlich mal ein Gläschen, Frau Berger. Ich wette mit Ihnen, es wird Ihnen schmecken. Sie werden mir dankbar sein.« Natürlich ließ ich ihn erneut stehen, nicht ohne ihn mit einem vernichtenden Blick zu bewerfen.

Dies alles habe ich schon so oft erlebt, dass ich immer wieder denke, es macht mir nichts mehr aus. Dessen ungeachtet erlebe ich immer wieder Vorfälle wie heute, die mich dann doch in Rage bringen. Manchmal möchte ich diesen Mitmenschen dann am liebsten die Wahrheit ins Gesicht schreien. Und es fällt mir sehr, sehr schwer, mich dann zurückzuhalten.

Im ICE auf dem Weg nach Hause muss ich zunächst an diese schrecklichen Sektempfänge denken. Der heute war noch verhältnismäßig harmlos, da habe ich schon viel Schlimmeres erlebt. Einmal wurde ein neuer Kollege aggressiv, als ich zum dritten Mal das Glas Sekt von ihm ablehnte. Zunächst bot er mir ganz freundlich ein Gläschen an, als ich um puren Orangensaft bat, ignorierte er dies einfach und wollte mir stattdessen wieder ein Glas Sekt in die Hand drücken. Nachdem ich erneut ablehnte, meinte er: »Jetzt stellen Sie sich doch nicht so an und trinken Sie endlich.« Mein wiederholtes freundliches »Danke nein« quittierte er mit einem: »Sind Sie immer so eine zickige Spaßbremse?« Und als ich nur sagte: »Ja, immer!«, da wurde er richtig laut. Er brüllte: »Jetzt nehmen Sie endlich dieses verdammte Glas und trinken es aus, sonst vergesse ich mich.« Manche Menschen können es nicht ertragen, wenn man nicht mit ihnen trinken will, sie empfinden das als eine Missachtung ihrer eigenen Person. Oft sind das diejenigen, die ein heimliches Alkoholproblem haben. Sie wissen, dass ihr Trinken nicht normal ist, aber sie versuchen, es mit aller Macht zu kaschieren.

An einem früheren Arbeitsplatz hatte ich zu Beginn erwähnt, dass ich keinen Alkohol trinke, da ich Alkoholikerin sei. Danach erlebte ich ein regelrechtes Spießrutenlaufen. Alle tuschelten hinter meinem Rücken und viele wussten nicht, wie sie sich mir gegenüber – zum Beispiel bei einem Arbeitsessen – verhalten sollten. Etliche stellten sich anscheinend die Frage: »Darf ich jetzt beim Essen auch keinen Alkohol trinken?« Vielleicht dachten sie auch, dass ich vom Zuschauen rückfällig werde. Keine Ahnung. Es war auf jeden Fall eine sehr unangenehme Zeit. Und ich schwor mir: An meinem nächsten Arbeitsplatz werde ich die Klappe halten. In meiner jetzigen Stelle, in der ich seit fünfzehn Jahren als Referentin im Bereich Prävention tätig bin, kennen lediglich zwei Kollegen und eine Kollegin den wahren Grund für meine Abstinenz.

Als ich auf mein Smartphone blicke, sehe ich, dass eine Nachricht auf der Sprachbox eingegangen ist. Ich höre die Nachricht ab. Meine Gynäkologin bittet mich um einen Rückruf.

Vor zwei Wochen habe ich die jährliche Kontrolluntersuchung bei ihr durchführen lassen. Was kann das bedeuten? Tief in mir wird eine Panik geweckt, die mich sogleich in einen Ausnahmezustand versetzt.

Als ich am nächsten Morgen nach einer fast durchwachten Nacht mit zittrigen Fingern die Nummer meiner Frauenärztin wähle, ist sie sofort am Telefon. Behutsam versucht sie, mich zu beruhigen, aber es gelingt ihr nicht. Bei meiner jährlichen Kontrolluntersuchung sei eine Krebsvorstufe festgestellt worden, sie rät mir zu einer Abklärung in der Uniklinik. Dort werde eine Biopsie entnommen. Es liege ein Verdacht auf ein Karzinom in situ vor, eine Vorstufe von Gebärmutterhalskrebs. Sofort nach der Beendigung des Gespräches google ich. Konisation, das Wort hat die Ärztin benutzt, so heißt die Operation, die erforderlich ist, falls sich der Verdacht bestätigt. Bei einer Konisation wird der Rand des Gebärmutterhalses kegelförmig abgetragen, lese ich. Mir wird schwindlig.

Die Untersuchung in der Uniklinik findet drei Tage später statt.

Nach einigen Tagen meldet sich die junge Ärztin, die die Biopsie durchgeführt hat, auf meinem Handy. Sie teilt mir mit, dass sich der Verdacht bestätigt hat, sie will sofort einen OP-Termin in der nächsten Woche mit mir vereinbaren. Ich jedoch möchte erst den stressigen Kongress hinter mich bringen. Den Termin für die Operation lege ich daher auf Mitte April.

Dieses Ausgeliefertsein bei der bevorstehenden Operation macht mir Angst. Ich bin ein Kontrollfreak, muss immer alles im Auge und die Übersicht behalten können. Man weiß ja nie bei einer Operation. Außerdem kann das Karzinom schon viel weiter fortgeschritten sein. Genau will sich da – vor der Operation – niemand festlegen. Vielleicht werde ich daran sterben; ich steigere mich da voll rein. Darin bin ich gut. Diese Konisation! Keine angenehme Vorstellung, dass mir der Gebärmutterhals kegelförmig herausgeschnitten wird. Ich will nicht, dass da irgendetwas schiefgeht. Auf keinen Fall will ich in Zukunft auf gute Orgasmen verzichten. Aber was soll ich machen, da muss ich durch, sterben will ich schließlich auch nicht.

4. Lautlose Schreie

Den Ausgang suchend, geriet ich immer tiefer in dieses Labyrinth. Keiner der Wege, auf denen ich mich bewegte, führte mich auch nur ansatzweise in die Freiheit. Warum nahm mich niemand an die Hand und zeigte mir einen Weg heraus aus diesem Irrgarten?

Vor acht Monaten hatte ich mit dem Trinken begonnen. Seit dieser Zeit war kein einziger Tag vergangen, an dem ich nicht betrunken war. Seit einem halben Jahr nahm ich die verschiedensten Tabletten, um die Wirkung des Alkohols zu verstärken, und seit fünf Monaten schnüffelte ich fast täglich die Dämpfe von Lösungsmitteln, Klebstoffen oder Fleckenentfernern.

Inzwischen besuchte ich in der nahegelegenen Kleinstadt die Berufsfachschule mit dem Schwerpunkt Hauswirtschaft und Sozialpflege.

Immer seltener schaffte ich es, gleich nach der Schule mit der Bahn in unser Dorf zu fahren. Ich brauchte zuerst etwas zu trinken. Und ich brauchte es schnell.

Gegenüber dem Bahnhof gab es eine dunkle Spelunke, in die ich mich immer öfter verirrte. Keiner besuchte diesen Ort freiwillig, alle, die sich dort trafen, waren Alkoholiker. Nachdem ich die schwere Holztür aufgedrückt hatte, schlug mir die abgestandene, alkoholgeschwängerte Luft entgegen. Der Wirt wusste Bescheid, sobald er mich sah, zapfte er mir ein großes Bier.

Manchmal spendierten mir alte schmierige Männer Bier und Schnaps, weil sie dachten, sie könnten mich betrunken