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Sehnsuchtsfaden Gibt es ein Rezept für gelungene Partnerschaften? Liebende sind ja grundsätzlich der Auffassung, dass ein intensives Gefühl ausreicht, um charakterliche und soziale Unterschiede auszugleichen. Oft will es dennoch nicht gelingen, die tiefen Gräben zu überbrücken, die sich unversehens auftun. Aber manche Menschen scheinen das Geheimnis zu kennen, wie man liebevoll zueinander findet, auch wenn die Voraussetzungen für eine harmonische Beziehung von außen betrachtet, absolut unmöglich scheinen. Diese Geschichte erzählt, wie man es lernen kann, den Partner, die Partnerin zu verstehen und die Verschiedenartigkeit als Geschenk zu betrachten, die bereichert, statt zu entzweien. Dafür gibt es wohl tatsächlich so eine Art Code, der wie ein Schlüssel den Zugang zu dem Wesen ermöglicht, das in einer anderen Welt zu leben scheint und soeben noch ein einziges Rätsel war. Und dann können sich, wie durch Zauberhand, die verschlossenen Wege zu der Seele des Anderen öffnen und alles ist plötzlich ganz einfach.
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Seitenzahl: 411
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Susi Ischli nutzt für ihre anrührenden Liebesromane ein Pseudonym. Als Neuling in dem Genre Liebesromane ist sie darauf bedacht, in ihrer liebenswürdig leichten Schreibweise spannend zu unterhalten und ihr Publikum teilhaben zu lassen an tiefen Gefühlen und an glücklichen Momenten. Aber auch Seelenschmerz, wie ihn jeder von uns kennt, und sicher auch schon zig-Male selbst durchlitten hat, kann in ihren Texten nachempfunden werden. Die Autorin schildert einfühlsam, wie die Protagonistinnen und Protaganisten ihrer Geschichten auch dunkle Lebensphasen tiefster Hoffnungslosigkeit überwinden und nicht selten sogar den Zauber hinter dem Leid für sich entdecken können. Dann nämlich, wenn das Schicksal angenommen werden kann und der Sinn des Geschehens erkennbar wird. Und genau darum geht es Susi Ischli. Und nicht selten auch darum, dass im allergrößten Schmerz schon der Same für neues Glück angelegt sein kann.
Gibt es ein Rezept für gelungene Partnerschaften? Liebende sind ja grundsätzlich der Auffassung, dass ein intensives Gefühl ausreicht, um charakterliche und soziale Unterschiede auszugleichen. Oft will es dennoch nicht gelingen, die tiefen Gräben zu überbrücken, die sich unversehens auftun. Aber manche Menschen scheinen das Geheimnis zu kennen, wie man liebevoll zueinander findet, auch wenn die Voraussetzungen für eine harmonische Beziehung von außen betrachtet, absolut unmöglich scheinen. Diese Geschichte erzählt, wie man es lernen kann, den Partner, die Partnerin zu verstehen und die Verschiedenartigkeit als Geschenk zu betrachten, die bereichert, statt zu entzweien. Dafür gibt es wohl tatsächlich so eine Art Code, der wie ein Schlüssel den Zugang zu dem Wesen ermöglicht, das in einer anderen Welt zu leben scheint und soeben noch ein einziges Rätsel war. Und dann öffnen sich wie durch Zauberhand die verschlossenen Wege zu der Seele des anderen und alles ist plötzlich ganz einfach ...
Prolog
Mailand
Unerwartete Begegnung
Karriere-Sprünge
Valentin-Enno
Und dann kam Mailand.
Befreiende Therapie
Auf dem Weg zum Verstehen
Vergangenheit und Zukunft
Erläuterungen zu Meridian-Energie-Therapien
Weitere Romane von Susi Ischli
Ganz sicher hat jeder Mensch seine eigenen Lebensträume. Für viele von ihnen bleiben sie Schäume, aber manche von uns erleben das ihnen zugedachte Glück ganz bewusst und sind dankbar dafür, dass sie vom Schicksal ein Stück Himmel ergattern und wenigstens für eine Weile festhalten können. Die gelebten und erlebten Träume bezeichnet man dann wohl als „Glück“ und wir wünschen uns, dass es ewig anhielte.
Die Chance, Glück zu erleben, befindet sich auf jedem Lebensweg. Traurig ist nur, wenn die glücklichen Phasen, die es auf jeder dieser Wegstrecken gibt, nicht wahrgenommen werden können oder diese von negativ empfundenem Erleben überdeckt werden.
Schmerzhaft müssen wir so oder so erkennen, dass es das dauerhafte, das ungetrübte Glück für uns Menschenkinder nicht gibt, jedenfalls nicht hier auf Erden.
Dabei haben wir oftmals den Eindruck, dass manche Mitbürger geradezu überschüttet werden vom Füllhorn des schönen Lebens, andere wiederum scheinen vom Pech verfolgt zu sein und es trifft sie ein Schicksalsschlag nach dem anderen. Schauen wir jedoch genau hin und ziehen Bilanz, errechnen den Schnitt zwischen Schmerz und Freude, stellen wir allermeistens fest, dass die Summen einander auffallend ähnlich sind.
Menschen nämlich, die das Geschenk von extrem empfundenem Glück erhalten, fallen dann nicht selten zum Ausgleich oft ganz schrecklich tief, so als müssten sie abbüßen, dass sie eben noch so glücklich waren. Aber auch darin scheint eine gewisse Gerechtigkeit zu liegen. Ich möchte an dieser Stelle Goethe zitieren:
Alles geben die Götter, die unendlichen ihren Lieblingen ganz, alle Freuden die unendlichen, alle Schmerzen die Unendlichen, ganz.
(1777 Gedichte, Nachlese aus einem Brief an Auguste zu Stolberg) Nur zu schnell sind Außenstehende geneigt, die vom Schicksal bevorzugten Glückskinder des Lebens, die man persönlich kennt, oder von denen man hört oder liest, brennend zu beneiden. Dabei geht es um ihre privilegierte Stellung beispielsweise, um das Übermaß an Liebe das diese offensichtlich erfahren, um die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird, ihre Prominenz, die sie genießen, oder die Schönheit, mit der sie ungerechterweise gesegnet sind.
Aber auch Reichtum, den sie möglicherweise ererbt haben und auch berufliche Erfolge oder eine strahlende Gesundheit oder Beliebtheit haben sie augenscheinlich vielen Mitmenschen voraus. Solche sichtbare Bevorzugung wird dann oft als ein günstiges Geschick neiderfüllt von der Umwelt registriert.
Blickt man jedoch ein wenig hinter den Vorhang, ist leicht feststellbar, dass jeder, wirklich jeder, sein Päckchen zu tragen und sein Maß an „Abgaben“ zu leisten hat, damit das Leben ihm gewogen bleibt. Denn in diesem Leben gibt es keine wirklichen Geschenke, alles hat seinen Preis.
Früher oder später sieht der Nutznießer des Glücks sich genötigt, auch Entscheidungen zu treffen, die ihm abverlangt werden, soll das Glück errungen werden oder anhalten, denn es gibt selten ein
„Sowohl als Auch“, sondern meistens nur ein „Entweder, Oder“.
Sogar anscheinend Auserwählte, die gerade auf der Wolke des Glücks segeln, müssen danach trachten, nicht herunterzupurzeln von der Plattform, auf der sie soeben noch geglaubt haben, das Glückserleben würde ewig währen.
Aber die Rechnung kommt unweigerlich. Ein dauerhaftes Glück gibt es eben nicht und der Preis muss entrichtet werden. Und der fällt unterschiedlich hoch aus, je nachdem, wie viel die Götter bereit waren, auszuschütten über ihrem Liebling. Und wenn die Gaben besonders üppig ausfallen, kann es leicht passieren, dass das Glückskind buchstäblich aus allen Wolken fällt und dann höchst unsanft in den tiefsten Tiefen landet.
Auch ich war ein solches Glückskind. Ein Glückskind der Liebe. Ich durfte den ungetrübten Liebeshimmel erleben. In dieser Zeit ahnte ich nicht, dass dieses bezaubernde Liebesglück, das mich über eine lange Strecke hinweg begleitete, nur geliehen war. Aber ich selber habe es zerstört, konnte mein Glück nicht festhalten, hatte es wohl in seiner Großartigkeit gar nicht richtig erkannt und zu würdigen gewusst, es als ganz selbstverständlich hingenommen. Der Grund dafür war wohl, dass der Mensch sich nur ungern mit dem begnügt, was er hat. Da soll das Glück dann unbedingt durch das ergänzt werden, was augenscheinlich noch fehlt.
Meine Sehnsucht richtete ich also auf das, was es in meinem siebenten Himmel nicht gab. Ich sehnte mich nach der Normalität. Ich wollte nicht verstehen, dass man Himmel nicht mit Normalität kombinieren kann und musste meine ganz persönlichen Entscheidungen treffen, um nicht zu zerbrechen an diesem zwiespältigen Sehnen.
Ich war jung und glaubte ganz fest an die Macht der Liebe. Diese Macht hielt ich für groß genug, dass sie mich und meinen Liebsten über die Gräben hinwegtragen könnte, die uns und unsere grundverschiedenen Persönlichkeiten und Vorstellungen vom Leben trennte. Und dann geschah das Unweigerliche, dass wir uns nämlich unserem Schicksal fügen mussten.
Gibt es Schicksal? Gibt es Fügung? Nicht umsonst aber gehört zu dem Wort „Fügung“ das „Sich fügen“.
Meine Rettung aus dieser schmerzlichen Zerrissenheit war dann die Entscheidung für die Normalität. Und ich war sicher, darin endlich mein wahres Glück finden zu können. Und irgendwie war es wohl auch so. Erst einmal. Wenngleich es nur ein kleines Glück war, das ich habe für mich eintauschen können. Normalität eben.
Aber tief verborgen in meinem Herzen blieb nun die Sehnsucht nach dem Himmel, den ich hinter mir zugesperrt hatte.
Hätte es den Schlüssel denn gegeben, der es ermöglichte, dass mein Liebster und ich das eine mit dem anderen hätten vereinbaren können? Hatten wir vorzeitig aufgegeben?
Oft habe ich mich das gefragt. Hatte ich dieses wunderbare, dieses besondere gemeinsame Erleben selber zertrümmert und meinen profanen Wünschen geopfert? In mir spüre ich noch immer ein Quäntchen Schuld daran, dass alles gekommen ist, wie es ist. Hätte ich ausdauernder um meine, um unsere Liebe kämpfen müssen?
Übrig geblieben von solch einer, von meiner Schicksalserfahrung ist diese restliche kleine Traurigkeit, die ganz heimlich um das Verlorene weint, auch weil meine Entscheidung, die ich getroffen habe, die ich meinte treffen zu müssen, so endgültig ist.
Ich weiß heute, dass etwas passen muss, soll es aneinandergefügt werden und haltbar bleiben. Und dass es nicht mit Gewalt passend gemacht werden kann, wenn die Materialien grundverschieden sind.
Auch dann nicht, wenn man es noch so gerne möchte.
Erst, als ich verstanden habe, was uns trennte, und was unsere wirkliche Bestimmung ist, meine und auch seine, konnte ich meinen Frieden finden und mein alltägliches Glück annehmen. Dies mit allen Höhen und Tiefen, die ich gelernt habe, als Geschenke des Lebens zu sehen.
Und der Sehnsuchtsfaden, der meinen Schicksalsweg so lange begleitet hat? Ich will ihn nicht abschneiden, sondern weiter (ganz heimlich) in meinem Herzen wohnen lassen als wunderschöne Erinnerung an zauberhafte, an „himmlische Zeiten“, auch wenn dieses Erinnern immer mit einem ganz kleinen Schmerz, einem süßen Schmerz, gesegnet sein wird.
Es ist längst mittags, aber ich, Lily, liege noch immer im Bett. Die Idee, dass ich gleich aufstehen muss, erfüllt mich mit Panik. Ich muss mir eingestehen, ich habe Angst vor dem Tag. Jeden Tag habe ich jetzt diese Angst. Dabei weiß ich eigentlich genau, dass nichts Schlimmes passieren wird. Aber ich habe Angst vor der Angst, vor den Gefühlen, die mich oft unversehens überkommen, die mich ohne Grund überfallen und die mich gefangen halten. Das kommt regelrecht angeflogen, ohne dass etwas passierte, was rechtfertigen könnte, dass ich nun immer wieder in einen solchen Zustand gerate. Freilich, diese Anwandlungen vergehen auch wieder. Aber seit einiger Zeit bleiben sie immer länger in meinem Gemüt und lehren mich das Fürchten.
Fürchten? Ja, es ist Furcht, die mich immer öfter überkommt und die meine Sinne vernebelt und die meinen Blick trübt. Ich vermag dann Situationen oder Dinge, die mich zu anderen Zeiten freundlich beschäftigt hätten, kaum wahrzunehmen, geschweige denn zu genießen.
Stattdessen erfüllt mich alles, was ich derzeit fühle, sehe, erlebe, mit tiefer Traurigkeit. Dabei habe ich absolut keinen Grund für eine solche Trauer in meiner Seele.
Mein Verstand hat genügend Argumente, die mich davon überzeugen wollen, dass es mir doch eigentlich gut geht, dass meine unguten Gefühle völlig irrational sind und nichts zu tun haben mit der Weltuntergangsstimmung, die mich jetzt öfter und immer öfter überfällt und die immer länger bei mir bleiben will.
Ich habe alles, was ich mir immer gewünscht habe. Ich liebe und ich werde geliebt. Ich habe eine wunderbare Familie, einen intelligenten, lebhaften und witzigen Sohn, und eine entzückende Tochter. Sie alle bringen Sonnenschein in mein Leben, genauso, wie mein fürsorglicher Ehemann. Ich kann mich über ein schönes Heim freuen, meinen guten und von mir geschätzten Beruf und finanzielle Sicherheit.
Auch meine Herkunftsfamilie ist intakt, mitsamt der angeheirateten, einschließlich der Opas und Omas, liebevollen Tanten und Onkels, sowie Cousinen und Cousins. Dieser ganze Familienclan bereichert mein soziales Umfeld, auf das ich immer zählen kann.
Meine Freundinnen und Freunde sind ebenfalls ein solides Netzwerk, auf das ich bauen kann. Aber gerade diese Familienbande und die Freundschaften wurden in den letzten Monaten von mir arg strapaziert und mussten einiges aushalten. Dennoch wurde ich nicht alleine gelassen, wenn ich mich wieder einmal, für alle unerklärlich, zurückzog oder auch genervt reagierte, wenn mir doch einfach nur Fürsorge und Interesse entgegengebracht werden sollte.
Heute beispielsweise wollte meine Freundin Jana, mit der mich schon seit der Kindergartenzeit Liebe und grenzenloses Vertrauen verbindet, mich unbedingt treffen, obwohl ich sie wieder einmal versuchte, mit Ausreden abzuspeisen. Sie hat sich von mir einfach nicht abwimmeln lassen, quälte mich unentwegt, wollte mich sehen und mich zu irgendwelchen Aktivitäten überreden. Wenigstens einem Spaziergang und einem Treff in unserem Lieblingscafé sollte ich zustimmen. Widerstrebend sagte ich also zu, warnte sie aber, dass ich wirklich nur für ein Stündchen käme, denn es ginge mir einfach nicht gut. Ich käme sowieso nur, weil sie keine Ruhe gebe. Jana ist wie ich, 37 Jahre alt und war immer schon meine Vertraute, meine Trösterin und einfach eine wichtige Person in meinem Leben. Wir wissen beide um tiefe Geheimnisse voneinander, von dunklen Flecken auf der Seele, von emotionalen Einbrüchen, um verborgene Sehnsüchte und auch von glücklichen Momenten in unserem Leben, die wir einander ohne Vorbehalte immer anvertrauen konnten.
In den letzten Wochen aber bin ich allen Menschen meiner Umgebung aus dem Weg gegangen. Besonders vor Jana habe ich mich seit einiger Zeit regelrecht versteckt. Ich wusste genau, ihr hätte ich nichts vormachen können. Sie konnte in meiner Seele lesen und dort vielleicht Abgründe entdecken, vor denen ich mich selber fürchtete und die ich gar nicht ansehen wollte.
Seufzend zwinge ich mich jetzt dazu, mein Bett zu verlassen, das mir Schutz geboten hatte vor Angstträumen und dunklen Gedanken. Von meinem Hausarzt Dr. Werner hatte ich mich krankschreiben lassen. Er hat bei mir Burnout diagnostiziert und bot mir an, eine Kur zu verschreiben, damit ich mich wieder ganz erholen könne. Aber die Idee, inmitten von anderen Kurgästen irgendwelche Anwendungen absolvieren zu müssen, oder gar meine Seele offen zu legen, erfüllte mich mit noch größeren Ängsten. So lehnte ich seinen fürsorglichen Vorschlag ab und war dankbar, dass ich erst einmal für 2 Wochen daheimbleiben durfte und nicht gleich meinem quirligen und stressigen Berufsalltag ausgesetzt wäre.
Mein Ehemann Eric wusste in solchen Phasen nicht recht, wie er mit mir umgehen sollte. Er war es ja eigentlich gewöhnt, seine Frau rührig und taff zu sehen, eine Frau, die den Alltag mit Links erledigt und allen Problemen gewachsen zu sein scheint. Nun lag diese gleiche Frau im Bett und jede kleinste Anforderung war ihr offenbar zu viel. Ich war ihm dankbar dafür, dass er mich nicht mit Fragen bedrängte, sondern einfach nur versuchte, mir Ruhe zu ermöglichen, wie mein Arzt ihm das geraten hatte.
Eric versuchte, so rücksichtsvoll wie möglich zu sein. Er kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder, brachte den 7-jährigen Lenhart in die Vorschule und die kleine Almut, die gerade 3 Jahre alt geworden war, zur Tagesmutter. Dann erledigt er rasch die Einkäufe für uns. Sein liebevoller Einsatz wurde von mir kaum honoriert, obwohl mir klar sein musste, dass mein tüchtiger Gatte sich beruflich eigentlich nur schwer ausklinken kann, denn er ist als Abteilungsleiter in seiner Firma eigentlich unentbehrlich. Alles das wusste ich sehr wohl, aber irgendwie hatte ich ausgeblendet, wie die Befindlichkeit der Leute in meiner Umgebung war und was ich ihnen in dieser Zeit zumutete.
Jetzt also musste ich mich dem Tag ja wohl stellen. Ich setzte mich auf meinen Bettrand und betrachtete angeekelt mein zerknülltes Bettzeug. Es sah so aus, wie ich mich fühlte; zerknittert und wenig einladend.
Mühevoll quälte ich mich ins Badezimmer, um meinen schlaffen Körper unter der Dusche wenigstens mit einem Minimum an Energie zu versorgen. Wider Erwarten fühlte ich mich unter dem heißen Strahl besser und hatte das Gefühl, dass wieder etwas Leben durch meinen Körper floss. Ich wechselte mutig in das andere Extrem und schockierte meine lahmen Glieder mit einem eiskalten Guss und dann nochmal heiß und wieder heftig kalt.
Nicht mehr ganz so matt, begann ich meine übliche Pflegeroutine mit einem Peeling, um die Gesichtshaut etwas zu durchbluten, damit man mir nicht gleich auf den ersten Blick ansah, dass ich mich nur grau in grau fühlte. Als die Feuchtigkeitscreme aufgetragen war, sah ich tatsächlich fast wieder wie ein Mensch aus, der zu den Lebenden zählt. Das fand ich jedenfalls und zog meinem Spiegelbild eine resignierte Grimasse.
Widerwillig bürstete ich meine langen Haare und band sie zu einem Pferdeschwanz hoch. Eigentlich gehörten sie gewaschen, konstatierte ich, aber zu solchem Aufwand konnte ich mich nun doch nicht durchringen. Außerdem reichte die Zeit bis zu meiner Verabredung auch gar nicht für noch mehr Pflegeaktionen aus. Wohl aber widmete ich einem kleinen Makeup etwas Sorgfalt, wusste ich doch, dass ein wenig Farbe innere Trostlosigkeit wenigstens optisch etwas zu kaschieren vermag. Dafür bemühte ich einige Tupfer Rouge und fand mich nahezu frisch aussehend.
Die Wahl eines passenden Kleidungsstückes machte mir unerwartet viel Mühe. Normalerweise wäre ich für einen Treff mit einer Freundin in einfache Jeans geschlüpft, hätte ein weißes T-Shirt gewählt und eine Sportjacke übergeworfen. Ein solches Outfit schien mir heute unpassend. Auch Sneakers, die ansonsten zu meinem Alltags-Gerenne gehörten, kamen irgendwie nicht in Betracht. Ich wollte mit meinem Äußeren gleich klarstellen, dass ich auf Distanz gehen wollte, dass ich auf freundliche und lässige Nähe nicht eingerichtet war. Schließlich wusste ich genau, dass Jana in mich dringen würde und den Grund dafür herausbekommen wollte, weshalb ich mich so zurückgezogen hatte und was genau los sei mit mir.
„Nichts ist mit mir los, liebe Jana. Es geht mir einfach nicht gut. Das kann doch mal vorkommen, nicht wahr?“ dachte ich kämp- ferisch. Allerdings konnte ich verstehen, dass sie verunsichert war. Unser ganzes Leben lang waren wir ein „Kiek und ein Ei“ gewesen und hatten alles voneinander gewusst. Nun aber war ich eine ganze Weile schon nicht ansprechbar gewesen und hatte mich, alle Annäherungen ablehnend, für mich selber behalten.
Ich war meiner Freundin jedoch schuldig, dass wenigstens mein Anblick für sie erfreulich ausfiel und ich sie nicht auch noch herunterziehen musste in die Abgründe meiner derzeit so düsteren Gedanken.
Ich blätterte also in meinem Kleiderschrank auf der Suche nach einem netten Kleid, das dennoch nicht so auffallend anders war, als es der Anlass gebot. „Bloß ein kleines Treffen, dachte ich, „mach nicht so ein Aufheben davon.“ Jana musste ja befremdet sein, wenn sie sehen konnte, wie viel Mühe ich auf mein Outfit für ein Date mit ihr aufwendete. Also wählte ich endlich einen Jeansrock, eine seidige Bomberjacke mit blaugelben Blumen und flache blaue Leinenschuhe, die bis zum Knöchel geschnürt werden. Ich musterte mich unsicher im Spiegel und fand, ich sähe einigermaßen frisch und adrett aus, nicht wie ein Pflegefall, der ich ja auf keinen Fall sein wollte.
Ich hatte schließlich nicht die Absicht, ihren Sorgetrieb zu wecken und erst recht nicht, mir tief in die Seele schauen zu lassen. Letzteres auch deshalb nicht, weil ich mich selber fürchtete vor dem Durcheinander, was mich dort erwartete und das mir einfach nur bedrohlich erschien, weil ich es im Moment nicht zu entwirren vermochte.
Meine Umhängetasche umgeworfen, verließ ich dann das Haus und machte mich mit etwas zittrigen Beinen auf, um meiner lieben Freundin unter die forschenden Augen zu treten. Meine Wackelbeine erklärten sich daraus, dass ich ja tagelang kaum einen Schritt aus meinem Bett getan hatte.
Da stand sie dann, meine Freundin Jana, vor unserem „Café Wolken-Nest“ und wartete schon ungeduldig auf mich. Als ich sie sah, wusste ich, dass ich ihr nichts vormachen konnte. Ich rannte auf sie zu und warf mich gleich schluchzend in ihre Arme. Jana umarmte mich ganz fest und tröstend und nahm mich dann gleich bei der Hand. Wir schlugen den Weg ein, den wir am Ufer des kleinen Sees entlang schon so oft gelaufen waren. Im Anschluss an unseren Spaziergang schlug Jana dann vor, dass wir im Café einkehren, um uns mit der besten Trinkschokolade zu trösten, die es in der Stadt gab. Jana meinte, wir wüssten doch sicherlich noch, das böte zuverlässige Hilfe gegen jedweden Seelenschmerz.
„Ja und mit dem Schmerz ist das so eine Sache“, meinte sie, „wo tut es denn weh, was ist denn geschehen, dass Du so urplötzlich wegtauchen musstest und einfach nicht mehr zu sprechen warst?“
Meine Freundin sah mir besorgt in mein verquollenes Gesicht, das ich auch mit Hilfe meiner sorgfältigen Camouflage nicht vermocht hatte, gänzlich zu tarnen: „Wusste ich es doch, sagte sie, „es ist
Holland in Not!“. „Warum versteckst Du Dich denn vor mir. Du weißt doch, zusammen werden wir mit jedem Problem fertig. Wer also hat dich verletzt? Ist dein Mann nicht gut zu dir? Hat dein Chef dich entlassen oder was sonst ist dir passiert, dass du dich so urplötzlich unsichtbar machen musstest?“ „Ach Jana, wenn ich das wüsste. Es geht mir einfach nicht gut. Ich glaube, ich habe eine schlimme Depression und finde da nicht mehr raus.“
„Erzähl mal von Anfang an. Wann hat das denn begonnen? Für mich bist du seit Wochen nicht zu sprechen, hast dich nicht erreichen lassen. Davor war doch alles in Ordnung, oder?“ Jana umschlang meine Schultern und gab mir einen Kuss auf die Stirn und sagte:
„Ich erinnere an unser Mädelstreffen vor zwei Monaten. du warst so ausgelassen, so glücklich. Als dein Mann dich abholte, hattest du einen kleinen Schwips und bist kichernd ins Auto gehüpft. Ist irgendwas mit deinem Mann? Hat dich jemand verletzt? Sag doch, was ist seither passiert, was dich derart aus der Bahn geworfen hat?“ Ich schaute meine Freundin unglücklich an. „Wenn ich nur wüsste, was ich dir antworten kann. Alles scheint mir plötzlich so leer, so belanglos, so uninteressant. Mein Leben plätschert so dahin, nichts Aufregendes passiert. Ein Tag reiht sich an den anderen und es ist abzusehen, wie er morgen aussieht und nächste Woche und in aller Zukunft. Höhepunkte in unserem Leben sind Grillpartys, zu denen wir in unseren Garten einladen und zu denen wir eingeladen werden. Wir sehen immer die gleichen Leute und führen immer ähnliche Gespräche. Alles ist so absehbar, derart penibel durchgetaktet, so, als würde ich nicht Leben erleben sondern immer nur den Alltag erledigen.“
„Weiß Eric von deinen düsteren Gedanken?“
„Ach nee, der doch nicht. Derzeit behandelt er mich wie ein rohes Ei, als hätte ich eine Sommergrippe, die schon wieder vorübergeht. Er ist sehr rücksichtsvoll und im Moment peinlichst darauf bedacht, mir alle Pflichten abzunehmen. Er räumt mir Zeit ein, bis ich mich wieder einkriege, wie er das nennt. Ich habe das Gefühl, dass er meint, ich kranke vorübergehend an einem Spleen, der aus dem Nichts gekommen ist und der auch wieder verschwindet, wenn man nur ein wenig Geduld hat und einfach totschweigt, dass die Frau des Hauses ein wenig indisponiert ist. Auch mein Sohn wird dazu angehalten, auf leisen Sohlen zu gehen, um ja die Mamma nicht zu stören. Und die Kleine wird bei dem kleinsten Schrei beschwichtigt, damit jede Aufregung von mir ferngehalten wird. Ach Jana, ich liebe doch meine Drei und habe das Gefühl, dass ich ihnen derzeit nur eine Last bin. Und ich weiß ja auch nicht, wann das aufhört und ob es überhaupt aufhört, dass ich alles nur in hellschwarz und dunkelschwarz sehen kann. Und wenn ich ehrlich sein soll, dann kann ich die Gesellschaft meiner Lieben derzeit kaum ertragen und möchte immer nur alleine sein. Alleine aber fühle ich mich zu Tode einsam und weiß nicht wohin mit mir und wohin meine Befindlichkeit bloß noch führen soll. Und diese verdammte Rücksichtnahme, die macht mich sogar noch aggressiv. Ich weiß, dass ich ungerecht bin, und ich weiß noch nicht einmal, wie ich es denn gerne hätte.“
Jana musterte mich ratlos und drang weiter in mich: „Es muss doch etwas passiert sein, was dich so aus dem Takt gebracht hat. Noch vor kurzer Zeit warst du doch so fröhlich und es schien mir, dass du mit deinem Leben total einverstanden bist. Jedenfalls hast du dich nie beklagt und schienst den Alltag prima zu meistern. Alle haben dich dafür immer bewundert. Du hast den Eindruck vermittelt, gänzlich ausgeglichen zu sein, alles erreicht zu haben, was du dir immer gewünscht hast und du wärst mit dir und deinem Leben rundum einverstanden.“
„Ja, das ist wohl irgendwie der Schlüssel. Plötzlich kommt mir der Alltag so alltäglich vor. Ich habe das Gefühl, es gibt kein Entrinnen und ich hätte mein Leben eigentlich schon gelebt. Wenn ich daran denke, dass es so weitergehen soll, könnte ich mich in Tränen auflösen, weil alles so haargenau vorgeplant ist und so wenig Überraschendes bietet. Ja, ich bin wohl gerade dabei, immer noch tiefer in Trübsal zu versinken und keinen Fluchtweg für mich zu erkennen.“
„Lass uns gemeinsam überlegen, es muss doch etwas passiert sein, dass dir alles plötzlich so gering erscheint, was dir allem Anschein nach immer so wertvoll gewesen ist. Lass uns doch mal nachsehen, was innerhalb der letzten Wochen in deinem Leben vorgefallen ist, vielleicht kommen wir gemeinsam dahinter, was dir so plötzlich die Petersilie verhagelt haben könnte, sodass du heute die Welt mit derart anderen Augen siehst, als noch vorgestern. Das muss doch irgendwo einen erkennbaren Anfang genommen haben. Vielleicht ist dir nur nicht bewusst, dass ein Geschehnis einen Triggerpunkt in deiner Seele berührt hat, der dein Weltbild so ins Wanken brachte.“
„Das ist es ja gerade“, antwortete ich tonlos. „Es ist nichts passiert, partout gar nichts. Aber vielleicht ist genau das mir plötzlich bewusst geworden: Es geschieht nichts Überraschendes mehr. Mein Leben plätschert einfach so dahin, ich fühle mich nicht mehr tatkräftig, einfach nicht mehr jung.“
„Ach Quatsch, da muss es etwas gegeben haben. Ein Gespräch vielleicht? Oder hat dich ein Film aufgewühlt, dich nachdenklich gemacht, oder ein Buch? Oder eine Begegnung? War da was, als du vor 2 Monaten mit Chef und Kollegen in Mailand warst? Gab es dort eine geschäftliche Krise?“
„Nein, die Geschäftsreise war gut und erfolgreich.“
„Fangen wir doch mal an zu recherchieren, wie du dich damals gefühlt hast. Bis zu dieser Zeit war ja noch alles in Ordnung mit dir gewesen. Du hattest dich auf die Modewoche so sehr gefreut, ich erinnere noch genau. Auch der Abstand vom Alltag schien dir verlockend wie eine Urlaubsreise, obwohl du genau wusstest, welcher Stress dich immer auf so einer Messe erwartet.
War es das? Hast du dich dort übernommen? Gab es dort Erlebnisse, die dich völlig aus der Spur gehoben haben?“
Erschrocken schaute ich Jana an. Ich hatte es ja nicht wahrhaben wollen, hatte es verdrängt, wie tief mich dort die unverhoffte Begegnung mit meiner Ex-Liebe Valentin getroffen hatte. Ich habe mir seither jeden Gedanken daran verboten, habe versucht zu übergehen, wie sehr mich die plötzliche Konfrontation mit meiner ehemaligen großen Liebe, so heftig aufgewühlt hatte. Schließlich lag die Beziehung schon über 9 Jahre zurück und ich war es gewesen, die damals so nicht weiterleben wollte, die unsere, zunächst so überglückliche, dann nur noch beklagenswerte Zweisamkeit beendet hatte, weil ich erkannt hatte, dass unsere Beziehung in Wahrheit keine war und an eine gemeinsame Zukunft für uns beide überhaupt nicht zu denken war.
Ja, diese Zeit der Trennung damals war für mich überlebensnotwendig gewesen, denn er und ich hatten einfach zu unterschiedliche Vorstellungen von einer gemeinsamen Lebensführung. Das heißt, dass Valentin sich total verweigerte, wenn ich den leisesten Versuch unternahm, mit ihm eine Zukunft planen zu wollen. Ich aber, von Natur aus ehrgeizig und vorausplanend, konnte es einfach nicht mehr aushalten, so in den Tag hineinzuleben und meinen Träumen von einer Familie und einem passenden Drumherum einfach Lebewohl zu sagen. Also war die Trennung unvermeidlich gewesen. Und das, obwohl ich sehr wohl wusste, dass mir ein solches Liebesglück, wie ich es mit Valentin erlebt hatte, sicherlich nie mehr begegnen würde. Die Trennung von meinem Liebsten hatte ich damals mehr tot als lebendig überstanden. Überstanden ist geprahlt. Ich war außerhalb meiner selbst vor Traurigkeit und Schmerz gewesen, obwohl ich wusste, dass ich gehen musste und dass wir auseinander bleiben mussten, weil ich mich in der Beziehung mit Valentin immer weiter selbst verloren hätte und eigene Zukunftsträume hätte ad acta legen müssen.
Jana hatte die ganze jammervolle Zeit hautnah miterlebt, als ich von einer glücklich verliebten Frau, die glaubte, das große Los mit diesem Traummann gezogen zu haben, im Laufe der Zeit zu einem Elendsbündel geschrumpft war, das von rauschhaften Glückszeiten ins Bodenlose abgestürzt war.
Kleinlaut gestand ich meiner Freundin nun meine Begegnung mit Valentin-Enno. „Aber“, beeilte ich mich zu versichern, „das ist ja tatsächlich endgültig vorbei. Er ist ein verheirateter Familienvater mit drei netten Kindern und um nichts in der Welt wünschte ich ihn mir zurück. Und das ist die reine Wahrheit. Ich ahne es, du willst in das Treffen hineingeheimnissen, dass ich dieser Beziehung noch immer nachhänge, dass ich die damalige Trennung nicht überwunden habe, dass hier die Wurzel meiner derzeitigen Trübsal zu suchen sei.“
„Habe ich es doch geahnt. Hat der Mistkerl es doch wieder geschafft, dir Flausen in den Kopf zu setzen. Ich habe diesem Glücksritter nie recht getraut. Der Typ war einfach zu glatt, zu schön, zu wenig realistisch. Der wollte durchs Leben tanzen und keine Verantwortung übernehmen. Der war nix für eine so patente und konkrete Person, wie du sie bist. Bitte vergiss nicht, wie unglücklich du am Schluss mit ihm warst und wie wenig er in Wahrheit in dein Weltbild passte.“
Freilich, ich musste zugeben, dass Jana in jedem Punkt Recht hatte. Valentin-Enno von Herbenstein war in meinem Leben ein Fremdkörper gewesen. Genau so musste ich mir das eingestehen. Er war hineingeschwebt, hatte über mir ein Füllhorn von Glückserleben ausgeschüttet und konnte dennoch, vielleicht sogar deshalb, meinen eigenen, sehr realistischen Vorstellungen von einer gemeinsamen Zukunft überhaupt nicht entsprechen. Mit einem Mini-Rest von Verstand hatte ich mich damals gerettet und die Reißleine gezogen, bevor ich allen den schillernden Versuchungen, die dieser hinreißende Mann tagtäglich für mich bereit hatte, gänzlich erlegen war und ich dabei immer kleiner wurde. Ich hatte ihm in dieser Zeit vorgeworfen, er wolle nicht erwachsen sein, betrachtete das Leben vielmehr wie eine immerwährende Amüsiermeile, auf der man seinen Spieltrieb ungehemmt ausleben könne. Seine Argumente auf meine Klagen waren, ich würde die zauberleichten Freuden des Lebens mit Hilfe von bleischweren Gewichten, wie Befürchtungen und Sicherheitsmaßnahmen rigoros ausbremsen.
Vielleicht stimmte es ja, wenigstens ein bisschen, dass für mich am Ende Fakten wichtiger waren als Träume. Nachdem es mir dann endlich gelungen war, Reste meines Verstandes zusammenzuklauben, und wieder klarer zu sehen, wusste ich, dass ich mich von meiner Liebe trennen musste, so weh das auch tat. Aber das lag nun schon so lange zurück und war längst überwunden, oder doch nicht? „Was war da in Mailand also los?“, bohrte Jana weiter, „willst du diesen Knaben vielleicht doch zurückhaben? Was ist dort zwischen euch passiert?“
„Nichts ist passiert. Ich bin einem glücklichen Ehemann und seiner charmanten Frau begegnet, die sich augenscheinlich beide freuten, mich zu sehen und mich, meinen Mann und meine Kinder nach Rom eingeladen haben.“
„Und stell dir vor, seine eineinhalb-jährige Tochter heißt wie ich.
Lily, eigentlich Liliane, aber genannt Lily. Was soll ich davon halten? Das ist doch irre. Wer macht denn sowas, sein Kind nach der Ex zu benennen und die Mutter stimmt dem auch noch zu.“
„Jawohl, in Mailand ist was passiert. Aber nicht was du denkst. Mit mir ist was passiert. Ich denke seither unablässig über mich nach. Nur kann ich keinen der Gedanken zu Ende denken. Eines aber weiß ich sicher – mit keinem Gedanken wünsche ich mir Valentin zurück. Das habe ich in den ganzen Jahren nicht getan, seit ich mit Eric zusammen bin. Aber da ist offenbar noch ein kleiner Sehnsuchtsfaden, den ich wohl zusammengeknäult in einer dunklen Ecke meines Herzens versteckt gehalten hatte und der mich wieder an unwiederbringliche, traumhaft schöne, aber zunehmend schmerzvolle Zeiten erinnern will. Nun ist wohl ein Ende dieses Fadens an die Oberfläche gekommen und eine unnachsichtige Hand zieht Stück für Stück an diesem Faden und führt mir vor Augen, was ich die ganzen Jahre nicht wahrhaben wollte, was mir fehlt und was ich tatsächlich brauche zu meinem persönlichen Glück. Dabei habe ich nicht die geringste Ahnung, was genau das sein könnte. Ehrlich! Ich habe doch alles, was ich mir je gewünscht habe. Auch einen Mann, den ich liebe. Ja, den ich von ganzem Herzen liebe und den ich um nichts in der Welt eintauschen würde. Auch nicht, und erst recht nicht, gegen Valentin-Enno.“
Alles das sagte ich Jana. Und auch, dass ich unbedingt herausfinden will, was genau es sein könnte, was mir diesen Schmerz bereitet, was mich so niederzieht und mir dieses Gefühl der Ohnmacht bereitet, dem ich derzeit nichts entgegen zu setzen habe. „Wonach sehne ich mich also? Was hat es auf sich mit diesem Sehnsuchtsfaden, der in meinem Unterbewusstsein sein Unwesen treibt.“
Jana schlang beide Arme um mich, und drückte mich fest an sich.
„Lily, ich ahnte ja nicht …“
„Ja, ich stimme dir zu. du musst herausfinden, was da gerade so schief läuft in deiner Seele. Du warst ja immer schon eine Meisterin im Verdrängen. Sicherlich sind es auch deine verborgenen, deine uneingestandenen Wünsche, denen du keinen Raum gibst und die du einfach wegargumentierst, wie du es ja gerne tust, wenn etwas nicht in deine eigene Logik passen will. Ich denke, dass es bei dir um Grundsätzliches geht, das geklärt werden will.“
„Ja“, sagte ich kläglich, „aber was ist es dann? Ich habe mich noch und noch gefragt, wie es sein kann, dass mich die Begegnung mit Valentin-Enno so verstören konnte. Ich habe versucht, ehrlich zu mir selbst zu sein und mich gefragt, ob ich ihm im Geheimen vielleicht doch noch nachtrauere, schließlich habe ich mit ihm die schönste Zeit meines Lebens erlebt. Auch das muss ich doch ehrlich zugeben, auch wenn die Beziehung mich letztendlich nicht glücklich machen konnte und dann so kläglich endete. Die zwei Jahre mit ihm aber waren einfach zauberhaft, so voller schöner Geschichten, abenteuerlich und spannend. Und ich war so verliebt in ihn und in das Leben mit ihm. Aber ich habe auch nicht vergessen, wie abgrundtief unglücklich ich damals, besonders in der letzten Zeit mit ihm war. Mir fehlte Wesentliches. Ich bin für ein Leben, wie er es führte, einfach nicht geschaffen. Das will ich auch im Rückblick keineswegs schönreden, indem ich den unbestritten wunderschönen Zeiten über Gebühr nachhänge. Nein, ich weiß nur zu genau, das hätte auf die Dauer einfach nicht gepasst. Aber was ist es sonst, das mich jetzt so unendlich traurig sein lässt?“ Jana sah mich nachdenklich an: „Ich weiß da auch keinen Rat. Fakt ist, dass was passieren muss. Du kannst in dieser elenden Verfassung auf keinen Fall verbleiben. Das geht nicht von alleine weg. Dabei nimmst du Schaden und dein Familienleben geht auch den Bach runter.
Lass uns also das Übel bei der Wurzel packen. Ich habe da so eine Idee. Du weißt doch, dass ich Mitglied einer Gruppe von Unternehmerinnen bin. Jede von uns betreibt eine eigene Firma, ist in selbständiger Position tätig, oder hat sich eine Firma oder eine Praxis aufgebaut. Wir unterstützen uns gegenseitig und kommen alle aus ganz verschiedenen Berufsrichtungen.
Eine meiner nettesten Mitstreiterinnen in der Gruppe ist Verena Klöckner. Sie ist Diplompsychologin und scheint mir sehr verständnisvoll, einfühlsam und dabei dennoch lebensnah zu sein. Ich habe bei ihr den Eindruck, dass ihr Beruf auch ihre Passion ist und dass ihre Patienten ihr sehr am Herzen liegen. Soll ich mal mit ihr sprechen? Vielleicht ist es angebracht, dass dir professionelle Hilfe zur Seite steht, wenn du versuchst, deine seelische Befindlichkeit nachhaltig zu analysieren. Nachhaltig – damit meine ich, dass nichts Düsteres mehr in deiner Seele herumspukt und verhindert, dass du glücklich bist. “
Zweifelnd sah ich meine Freundin an. „Ich fühle mich einfach nicht wohl, wenn ich vor einer fremden Person mein derzeitiges Gedankenpuzzle ausschütten und im besten Fall wieder zusammensetzen soll.“
Jana lachte und erwiderte, dass ich solche psychologischen Sitzungen sicherlich ganz anders einschätzen würde, als sie tatsächlich ablaufen. In der Regel ist es so, dass man einfach nur erzählt. Dabei sagt man alles, was einem in den Sinn kommt und derzeitig bewegt. Der Therapeut oder die Therapeutin lenken das, was berichtet wird, in die Richtung, die direkt hinführt zum eigenen Verstehen für die Situation oder die Geschehnisse, die auf der Seele liegen. Dann aber ist es bis zu den nötigen Erkenntnissen nicht mehr weit und die inneren Wunden können heilen. Ich schlage vor, dass ich einen Termin vereinbare, damit du herausfinden kannst, ob meine Bekannte die Person ist, der du Dich anvertrauen kannst, oder möchtest. Und sie wiederum kann sich ein Bild von dir und deiner Situation machen, damit sie sieht, ob sie mit dir gemeinsam den gordischen Knoten, in dem du offensichtlich gerade verstrickt bist, lösen kann.“
In unsere Gespräche vertieft, hatten wir unseren kleinen See mehrmals umrundet. Es waren dabei schon mehr als drei Stunden vergangen. Jana sah mich prüfend an und fragte, ob es mir ein ganz kleines bisschen besserginge, als heute Vormittag noch. „Doch, ja, ich bin nicht mehr ganz so verzagt.“ Janas direkte und zugewandte Art gab mir etwas Halt und bot mir ein wenig Trost. Ich war ihr dankbar, dass sie einfach das Heft in die Hand genommen hatte und mir die Wege weisen wollte, die ich gehen könnte.
Es war ja das Vage, das Unausgesprochene, das nicht klar Erkennbare, das mir so zu schaffen machte. Ich wusste, dass ich derzeit einfach durcheinander gerüttelt war, verwirrt, ziellos, hilflos. Ich hatte das Gefühl, dass mein Lebensschiffchen dahintrieb und seine Zielroute verloren hatte.
Ganz wohl war mir bei der Idee nicht, dass meine Freundin mir einfach eine Therapeutin verordnet hatte. Ich war doch nicht krank, oder doch? Dankbar aber wollte ich brav die Hand nehmen, die sie mir reichte und auch die, an die sie mich nun weiterreichen wollte.
„Schlimmer als alles jetzt war, konnte es nicht kommen“, dachte ich, „und vielleicht gelingt es mir ja tatsächlich, seelisch wieder Land zu gewinnen“.
Also stimmte ich zu und empfand beinahe so etwas wie eine kleine Freude, weil ich nicht mehr gezwungen war, immer auf der Stelle herumzudümpeln, weil meine Gedanken sich immer nur im Kreise gedreht hatten, ohne eine Richtung zu finden.
Jana zog mich nun noch in unser „Cafè Wolkennest“ und bestellte für jede von uns einen großen Kakao, der parfümiert war mit einem Hauch von Amaretto und gekrönt wurde von je einem Berg frisch geschlagener Zimtsahne, wie wir uns eine solche Kaloriensünde schon seit Jahr und Tag gelegentlich genussvoll gegönnt hatten.
Mir kamen die Tränen, weil es mir heute einfach nicht gelingen wollte, mich an dieser Schokoladenköstlichkeit zu erfreuen, von der alle unsere Freundinnen immer wieder schwärmten und der wir trotz unseres Kaloriengewissens nicht widerstehen konnten.
An diesem Tag, an dem ich das Gefühl hatte, meine Jana war bei mir ans „Eingemachte“ vorgedrungen, war ich nun total erschöpft und konnte es kaum erwarten, in mein Bett zurück zu schlüpfen und mich wieder in diesen, meinen Kokon zurückziehen zu dürfen. So nippte ich auch nur an unserem Lieblingsgetränk und überließ es Jana, auch meine schöne Porzellantasse, in der traditionsgemäß der elegante Schokoladentrunk serviert wurde, zu leeren.
Jana bestand dann darauf, mich heim zu bringen und versprach, mich in der nächsten Zeit nicht aus den Augen zu lassen. Das aber empfand ich fast wie eine Drohung, hatte ich derzeit doch nur Sehnsucht danach, mit mir ganz alleine zu sein.
Jana brachte mich bis zur Gartentür und ließ sich nur mühsam davon abbringen, mich bis ins Haus zu begleiten. Lediglich meinen Einwand, dass Eric und unsere Kinder ja gleich heimkommen würden, hielt sie davon ab, mich weiterhin zu „verwalten“.
Erschöpft entledigte ich mich meiner Kleidung und stellte mich erneut unter die Dusche. Ich wunderte mich darüber, dass ich den prasselnden Wasserstrahl wieder als wohltuend empfand. Dies war in der letzten Zeit nicht so gewesen. Ich hatte eher das Gefühl gehabt, dass meine Haut mir weh tat und dass der Wasserregen mir unangenehm war. Nur meine Gewohnheit und ein Rest von Disziplin hatten mich in diesen Wochen dazu veranlasst, mich regelmäßig so zu pflegen, wie es meinen Gepflogenheiten entsprach. Ein Wannenbad, sonst für mich immer ein Sinnbild von Luxus, erschien mir im Moment als unzumutbare Quälerei. Wie hatte ich früher immer eine Bade-Session zelebriert, insbesondere wenn ich sie gemeinsam mit Valentin genossen hatte, der mich dabei mit einem Luxusambiente verwöhnt hatte. Ach, die Gedanken an damals hatte ich mir eigentlich erfolgreich verboten. Das war eine andere Lebensphase gewesen, die eigentlich als unangebrachter Sidestep gar nicht zu mir gehören sollte. Hatte ich damals vielleicht insgeheim sogar das Gefühl gehabt, den Luxus, mit dem Valentin mich in jeder Hinsicht überschüttete, nicht verdient zu haben? Wer weiß schon, welchen unergründlichen Gedanken das Unterbewusstsein nachhängt und was ungewollt weiter in der Seele herumgeistert. Und wieder schoss es mir durch den Sinn, dass Valentin-Enno von Herbenstein sehr wohl etwas mit meinem jetzigen, bejammernswerten Zustand zu tun haben könnte. Aber was genau? Was war bloß los mit mir?
Ich hatte, das war mir durchaus klar, eine handfeste Depression. Mir fehlten dafür zwar einschlägige Erfahrungen, aber schließlich hört und liest man immer wieder von der Befindlichkeit der Betroffenen.
Man sitzt dann wohl ohne ersichtlichen Grund in einem undefinierbaren Jammertal fest und findet einfach nicht mehr hinaus. Alle guten Ratschläge, die einem von wohlmeinenden Mitmenschen gegeben werden, scheinen nutzlos und völlig an den wirklichen Gefühlen vorbei zu driften. Aber was galt denn jetzt nun für mich? Klar, immer mal in meinem Leben hatte ich seelische Krisenzeiten zu bewältigen gehabt, war auch mal abgrundtief traurig gewesen, oder wütend oder enttäuscht oder einfach nur down. Aber immer hatte mein Optimismus mir dabei geholfen, mich auszutarieren und mit Hilfe meines gesunden Menschenverstandes zu emotionaler und gesunder Normalität zurückzufinden.
Ich konnte mich eigentlich immer auf die mir zur Verfügung stehenden Resilienzen, also meine, mir angeborenen psychischen und physischen Widerstandsfähigkeiten, verlassen.
Aber jetzt? Wie sollte ich herausfinden aus dem derzeitigen Dilemma? Ich weiß es ja eigentlich, es wird vorbeigehen. Ich muss mir nur ein wenig Zeit lassen. Ich hoffe nur, dass mein Eric ebenfalls die nötige Geduld aufbringt und meine Kinder keinen Schaden davontragen, weil ihre Mutter in ihrem derzeitigen Alltag nicht wirklich vorkommt.
Sicher hatte Jana recht, wenn sie mir eine professionelle Hilfe verschreibt.
Eine Depression lässt sich überwinden und vielleicht ist eine Expertin dabei wirklich hilfreich. Vor allem, wenn man so machtvoll wie ich das gewohnte Leben zurückhaben will. Bange aber frage ich mich, ob ich mein bisheriges Leben wirklich wie gewohnt weiterleben möchte.
Ich muss zugeben, dass ich nun doch froh war, dass Jana sich darum kümmert, dass ich genau das vielleicht mit psychologischer Hilfe leichter herausfinden kann.
Es ging mir am Folgetag ein wenig besser und ich entschloss mich, nicht wieder mein Trostbett zu besteigen, sondern mir ein nettes Kleidchen anzuziehen und auf meine drei Schätze zu warten. Ich wollte ihnen, wenn sie das wünschten, eine Kleinigkeit zum Abendessen bereiten. Die aber waren dann ganz erstaunt, fast erschrocken, als ich sie empfing, statt mich wieder auszuklinken, wie ich es in der letzten Zeit leider täglich getan hatte. Lachend und ein wenig lärmend hatten sie das Haus betreten und packten hungrig ihre Mitbringsel aus. Sie hatten ein komplettes Abendmenü beim nahegelegenen Inder erstanden, den wir, weil alles dort so lecker war, öfter frequentierten, wenn wir keine Lust hatten, am eigenen Herd zu stehen.
Etwas enttäuscht, überließ ich meine Leute ihrem Appetit und zog mich leicht gekränkt zurück. „Die brauchen mich nicht, die kommen bestens ohne mich aus“, so dachte ich grimmig, weil es offensichtlich war, dass sie sich lieber mit ihrem leckeren Essen beschäftigen wollten, statt zu honorieren, dass ich mich überwunden hatte, ihnen Gesellschaft zu leisten und mich nicht in meinem Bett zu verschanzen.
Mir war wieder einmal bewusst, dass es schleunigst Zeit wurde, mein Verhalten zu ändern. Vor kurzer Zeit noch konnte ich mich als wohlgelittenes Teammitglied meiner kleinen Familie fühlen, das begeistert teilgenommen hätte an dem indischen Schmaus in unserer gemütlichen Küche. Genauso hatte ich Familienleben bis vor wenigen Wochen noch von Herzen genossen. Genossen? Ein Empfinden wie „Genuss“ schien mir derzeit in endlose Fernen gerückt zu sein. Was aber hatte sich bloß geändert?
Einige wenige Wochen können doch nicht alles auf dem Kopf gestellt haben. Hatte ich soeben nicht noch fest daran geglaubt, dass diese momentanen Missempfindungen ganz schnell vorbeigehen? Und nun? Jetzt habe ich eher das Gefühl absolut fest zu sitzen. Dabei will ich doch daran glauben, dass diese unerklärliche Düsternis sich auflöst, wie Nebel im Sonnenschein. Dabei will ich unbedingt wieder so denken, so fühlen, alles so sehen und erleben, wie noch vor so kurzer Zeit. In diese Richtung wollte ich meine Gedanken zwingen. Oder doch nicht?
Es war meine vage Vermutung, dass jetzt alles anders, längst zur Gewissheit geworden war. Hatten sich meine Gefühle in Wahrheit anders angefühlt, hatte ich sie vielleicht erfolgreich verdrängt? Hatte ich in einer glatten, feinen, einer schillernden Seifenblase gelebt, die von mir selbst aufgeblasen war und musste nun erleben, wie sie zu einem Nichts zersprang? Habe ich nicht sehen wollen, was mir fehlte und fehlte mir überhaupt etwas??
In meinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander und ließen sich in keine Ordnung zwingen, keine Struktur war erkennbar und ich wusste nicht, was sie mir sagen wollten.
Ich schlüpfte also wieder in mein Bett, das ich vormittags so widerstrebend verlassen hatte. Nicht einmal aufgeschüttelt war es, sondern zeigte sich mir wenig einladend, so zerwühlt und zerdrückt, wie es auch in meinem Gemüt aussah. Ich hielt die Bettdecke umklammert und fühlte mich so trostlos, so verlassen, so jämmerlich, dass die zurückgehaltenen Tränen nun endlich reichlich flossen, mir jedoch keine Erleichterung verschafften. Aber ich war wenigstens in meinem Bett, hier war ich in Sicherheit, hier konnte mir nichts passieren. Voll Trauer über mich selbst schlief ich ein und schlief erstmals wieder tief und traumlos. Als ich aufwachte, war mein erster Gedanke dann auch tatsächlich, dass irgendwie alles wieder gut würde.
Ich sah zur Uhr. Uiiii, schon nach 8 Uhr. Im Hause war es mucksmäuschenstill. Mein Mann und meine Kinder hatten sich wieder mal auf leisen Sohlen, um Mama nicht zu wecken, auf den Weg in die Schule und zur Tagesmutter gemacht.
Eric war in sein Büro gegangen. Mein Mann schlief seit einiger Zeit im Gästezimmer, nachdem er verstanden hatte, dass ich für Zweisamkeit derzeit keinen Sinn hatte. Rücksichtsvoll, wie er grundsätzlich ist, wollte er mir die Zeit einräumen, die ich so offensichtlich nur mit mir alleine verbringen wollte. Dies sicherlich in der Hoffnung, dass ich bald zur „Normalität“ zurückfinden würde. Ich versuchte mich zu überwinden und beschloss aufzustehen und damit zu beginnen, mich dem Tag zu stellen. Ich wollte wieder am Leben teilhaben und ich wollte mir, vor allem mir, beweisen, dass ich es alleine schaffen kann, mich aus dem düsteren Loch, in das ich unversehens gefallen war, wieder herauszuklettern.
Wenn Jana meint, ich würde an Seelenschmerz leiden, weil ich Valentin nachweinte und mich womöglich nach ihm sehnte, so wollte ich ihr und auch mir beweisen, dass mein derzeitiger, unerklärlich schlapper Zustand damit wenig zu tun hatte. Ich war doch schließlich hochzufrieden gewesen mit meinem Schicksalsweg, den ich mir genauso ausgesucht hatte, oder? Zumindest war das kürzlich noch meine felsenfeste Überzeugung gewesen, bis, ja bis …
Ich wollte, nein ich musste unbedingt herausfinden, was da im Moment bei mir so ungeheuer schief lief, dass ich derart am Rad drehte.
Da passte es ganz gut, dass ich von Jana eine WhatsApp-Botschaft mit der Adresse ihrer Bekannten, der Psychotherapeutin erhielt mit der Nachricht, dass diese auf meinen Anruf wartete.
Beherzt wählte ich also ihre Telefonnummer. Wenn ich nämlich lange zögern würde, das war mir klar, verließe mich womöglich wieder der Mut. Nach wenigen Klingeltönen wurde am anderen Ende abgehoben und eine freundliche Stimme meldete sich mit „Praxis Klöckner“. Als ich meinen Namen nannte, sagte die nette Stimme, dass sie schon auf meinen Anruf gewartet hätte und mich gerne zu einem kleinen Kennenlerngespräch einladen würde.
Aber gleich heute?
Ich fühlte mich von der zielstrebigen Art dieser Frau Klöckner ein wenig überrumpelt. Sie ließ mir gar keine Zeit um eine Entscheidung zu treffen. Aber keinesfalls gleich heute. Schließlich sollte ich vor einer wildfremden Frau mein Seelenleben auspacken. So weit war ich doch noch nicht. Wir einigten uns dann auf einen Termin am Folgetag. Bis morgen konnte viel passieren und vielleicht blieb es ja bei diesem einen Kennenlerntreffen.
Ich nahm mir jedenfalls vor, mich nicht überfahren zu lassen, sondern mich auf eine therapeutische Reise nur dann einzulassen, wenn ich bei der Begegnung mit dieser Psychologin wirklich Vertrauen fassen könnte und sie mir im Vorfeld überzeugend klarmachen würde, dass unsere Arbeit Sinn machen könnte.
Etwas besorgt über meine eigene Courage wollte ich dann doch lieber erst meinen Hausarzt Dr. Werner anrufen und ihn fragen, ob er mir zu solchen „Ausgrabungen“ in meinem offensichtlich verschütteten Seelengerümpel überhaupt raten würde.
Als ich ihn endlich nach mehreren Versuchen persönlich am Telefon hatte, zeigte er sich erfreut über meine angedachten Aktionen. Er meinte, dass es grundsätzlich heilend für Körper und Seele sei, wenn der Weg frei von Seelengeröll sei, damit auch der Körper, ungestört von versteckten Blockaden, seine Regenerations- und Reparaturmechanismen zum Einsatz bringen kann. Ich solle ihn auf jeden Fall darüber informieren, in welchem Umfang die therapeutischen Maßnahmen geplant seien und ihn auf dem Laufenden darüber halten, wie es mir unterdessen ginge.
Noch immer unentschlossen, wollte ich mich aber unbedingt noch mit meinem Mann beraten, bevor ich mich zu einer, möglicherweise zeitaufwändigen Gesprächstherapie endgültig entschlösse. Und würden sich mögliche Psychoanalysen vielleicht negativ auf unsere Partnerschaft, auf unser Familienleben auswirken?
Also, ich kann nicht verhehlen, dass ich ängstlich der Zukunft entgegensah und mich so unsicher fühlte wie selten zuvor. Irgendwie war ich mir immer treu geblieben, bin meinen geraden Weg konsequent gegangen. Ein Beweis dafür war ja auch, dass ich mich damals von meiner vermeintlich großen Liebe, Valentin-Enno konsequent getrennt hatte, weil mein Verstand mir dazu geraten hatte, obwohl meine Gefühle lange genug mit aller Raffinesse versucht hatten, mir einen Strich durch die Rechnung zu machen. Immer wieder musste ich mir damals vor Augen führen, dass ein Leben mit ihm in keiner Weise dem entsprach, was ich mir wünschte und was ich immer für mich geplant hatte. So hatte ich, nachdem ich in der Beziehung nur noch unglücklich gewesen war, rigoros einen Schlussstrich gezogen, obwohl ich nach der Trennung gelitten hatte wie ein Hund. Aber es entspricht einfach meinem Charakter, dass ich einen einmal gefassten Entschluss dann auch ohne Wenn und Aber durchziehe.
Zu meinem Glück habe ich in dieser, für mich zugegebenermaßen schlimmen Zeit, Eric kennengelernt. Er hatte genau die Eigenschaften, die ich bei Valentin so bitter vermisst hatte und er bemühte sich so nachdrücklich und so liebevoll um mich, dass ich das wie Balsam auf meinen inneren Wunden empfand und wir, für alle Bekannten und Freunde überraschend, schnell ein Paar wurden.
Das alles sollte ich dieser Frau Klöckner erzählen? Ich war nicht sicher, ob ich das wollte. Und ich wusste auch nicht, ob und auf welche Weise meine Vergangenheit für mein heutiges Dilemma wirklich eine ersichtliche Ursache sein könnte.
