Vielleicht nur CHEMIE - Susi Ischli - E-Book

Vielleicht nur CHEMIE E-Book

Susi Ischli

0,0
5,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Vielleicht nur Chemie? Ein vermögender Industrieller führt ein flottes Junggesellenleben, das er widerwillig gegen eine traditionelle Lebensweise eintauschen soll. Er hat wenig Lust auf das Gründen einer Familie und auf eine ernsthaftere Lebensführung. Dies, obwohl es bereits die augenscheinlich passende Frau gibt, die ihm eine adäquate Partnerin sein könnte. Aber dann kommt alles ganz anders, als es von seiner Familie und seinem gesamten Umfeld für ihn und auch von ihm selbst gedacht war. Er lernt durch kuriose Zufälle ein blutjunges Mädchen kennen, das eigentlich in keiner Weise zu ihm oder in sein Leben passt. Dieses eigenwillige, bezaubernde Wesen lehrt ihn, den zynischen Lebemann, wie selbstlose Liebe sich anfühlt und dass man, jeder Vernunft beraubt, zu Gefühlen fähig ist, die man bis dato eher verlacht oder oft genug belächelt hat. Kann eine solche Allianz überhaupt funktionieren? Ist es der Altersunterschied, der dieser hoffnungsvollen Liebe entgegensteht? Oder sind es die unterschiedlichen Lebensumstände, die ein harmonisches Miteinander verhindern? Das Schicksal schreibt seine eigenen Geschichten. Und die unterscheiden sich oftmals sehr von den Hoffnungen und Plänen der Liebenden. Auch in diesem Fall gehen die Beiden letztendlich ganz andere Wege, als sie es sich erträumt hatten und finden dennoch auf Umwegen zu ihrer ureigenen Bestimmung.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die Autorin

Susi Ischli nutzt für ihre anrührenden Liebesromane ein Pseudonym. Als Neuling in dem Genre Liebesromane ist sie darauf bedacht, in ihrer liebenswürdig leichten Schreibweise spannend zu unterhalten und ihr Publikum teilhaben zu lassen an tiefen Gefühlen und an glücklichen Momenten.

Aber auch Seelenschmerz, wie ihn jeder von uns kennt, und sicher auch schon zig-Male selbst durchlitten hat, kann in ihren Texten nachempfunden werden.

Die Autorin schildert einfühlsam, wie die Protagonistinnen und Protagonisten ihrer Geschichten auch dunkle Lebensphasen tiefster Hoffnungslosigkeit überwinden und nicht selten dennoch den Zauber hinter dem Leid für sich entdecken können. Dann nämlich, wenn das Schicksal angenommen werden kann und der Sinn des Geschehens erkennbar wird.

Und genau darum geht es Susi Ischli. Oft genug passiert es ja auch, dass im allergrößten Schmerz schon der Same für neues Glück angelegt sein kann.

Diese Geschichte handelt von zwei Liebenden, die fest daran glauben, dass sie zusammengehören und alle Hürden, die sich ihnen entgegenstellen, überwinden können.

Roman

Vielleicht nur Chemie

„Langsam werde ich alt!“ so konstatiere ich etwas wehleidig. Ich, Constantin Fehringer, habe mich tatsächlich schon frischer gefühlt und eine durchfeierte Nacht ohne Schlaf leichter weggesteckt, als mir das heute gelingen will. Ich bin wohl mit meinen erst 36 Jahren nicht mehr ganz so jungendfrisch, wie ich mich eigentlich eingeschätzt hatte.

Klar, die Nacht war feuchtfröhlich gewesen und zugegebenermaßen ein Riesenspaß. Aber danach nun bin ich doch reichlich groggy. Vielleicht hätte ich das Angebot meines Freundes Julius annehmen und eines seiner Gästezimmer frequentieren sollen, bevor ich meinen Heimweg von Stuttgart nach München antreten würde.

Aber irgendwie hatte ich das Bedürfnis, das mit allen den gut gelaunten Freunden und Freundinnen übermütig verursachte

„Schlachtfeld“ eilig räumen zu müssen, denn ich hatte jetzt stark das Gefühl, leer gefeiert zu sein. Ich wollte einfach nur weg. Wäre ich geblieben, hätten mich die Freunde nach wenigen Stunden Schlaf doch wieder eingesammelt und die Party hätte auch für mich ihre feuchtfröhliche Fortsetzung gefunden. Damit wäre ich in eine Endlosschleife eingestiegen, wie ich nach unzähligen Erfahrungen aus der Vergangenheit mit Sicherheit befürchten musste.

Alleinsein hingegen würde mir jetzt guttun. Frische Luft und das ohne Menschengetümmel, genau danach sehnte sich mein vernebeltes Hirn. Dafür wollte ich mich in mein Automobilchen setzen und gemütlich heim schaukeln. Es würde diesem, meinem flotten Sportflitzer zwar wenig behagen in derart gemächlichem Tempo gen Heimat zuckeln zu müssen, aber genau das dürfte dringlich erforderlich sein. Wenn ich nämlich ehrlich zu mir selbst sein wollte, musste ich eingestehen, dass Körper und Verstand wohl noch eine tüchtige Portion Restalkohol zu verarbeiten hatten, bevor meine Fahrtüchtigkeit wieder vollständig hergestellt sein würde. Also sollte ich es wohl oder übel gemächlich angehen lassen, wenn ich heil nach Hause kommen wollte. Erst aber musste der dösige Kopf einer Klärung unterzogen werden. Vernünftigerweise war ich in der vergangenen Partynacht nur bei Champagner geblieben, und hatte den Verlockkungen widerstanden, mich an den Coctailrunden gütlich zu tun, die derzeit die großen Partyverführer waren und den Folgetag, wie ich schon öfter schmerzlich erfahren musste, zur Hölle geraten ließen.

Jetzt wollte ich also ohne Aufsehen zu erregen, einfach verschwinden, bevor ich mich den Überredungskünsten von Julius oder seinen Gästen aussetzte, die, wie ich nur zu gut wusste, alles daran setzten würden, mich zum Bleiben zu überreden.

Ich kannte fast jeden der Anwesenden schon seit vielen Jahren. Einige von Julius´s Gästen hatte ich auch in München ziemlich oft bei unterschiedlichen sportlichen oder festlichen Anlässen getroffen. Einige von ihnen nannte ich sogar meine Freunde. Wohl auch, weil man schon so oft zusammen gefeiert hatte, oder weil sie Freunde von Freunden waren oder schon seit Internatszeiten oft genug meine Wege gekreuzt hatten.

Das galt übrigens auch für die Damen dieser Gesellschaft, denen ich ebenfalls regelmäßig bei den unterschiedlichen Events begegnet war. Einigen von Ihnen war ich in der Vergangenheit näher gekommen, oder sogar sehr nahe, aber es hatten sich daraus nie tragfähige Beziehungen ergeben. Meistens war ich es gewesen, der die Reißleine gezogen hat, bevor nette Flirts mir zu verbindlich zu werden drohten.

Aber genau über solche Themen sollte, wollte, ja musste ich aktuell dringend nachdenken, denn meine Eltern lagen mir schon lange in den Ohren und wollten mich dazu nötigen, eine Familie zu gründen und nicht so viel in der Weltgeschichte herumzusausen, wie es derzeit noch meine Passion war.

Ich hatte mir dementsprechend fest vorgenommen, dass mein Ausflug nach Stuttgart, also die Autofahrten dorthin und wieder zurück nach München, mir die Muße einräumen sollten, ohne Störung darüber nachzudenken, wie es mit mir und meinen Zukunftsplanungen weitergehen sollte.

Die meisten meiner Freunde waren schon längst verheiratet, hatten Kinder oder waren zumindest fest verbandelt. Weniger erfreulich war, dass auch Scheidungen oder unschöne Trennungen den Weg säumten, den wir über die Jahre gemeinsam gegangen waren.

Ich war so ziemlich der Letzte, der sich noch ungebunden auf der Single-Wildbahn herumtrieb. Mir war durchaus klar, dass ich nicht bis in alle Ewigkeit als einsamer Wolf, praktisch als Partyhopper, national oder auch international unterwegs sein konnte.

Meine Familie und mein Freundeskreis hatten dann auch bisher nichts unversucht gelassen, um mich mit der einen oder anderen Schönheit des Landes zu liieren, aber bisher war es mir immer gelungen, mich mehr oder weniger höflich herauszuhalten aus den bedrohlich ernsthaften Zukunftsplänen, die für mich geschmiedet wurden.

Aber ich sah durchaus ein, dass ich mich in Bälde würde einreihen müssen in die Garde der künftigen Familienväter. Schließlich hatte ich eine Verantwortung meiner Familie und unseren Firmen gegenüber, deren Fortbestand auch durch meine Nachkommenschaft gesichert werden sollte, so wie meine Geschwister diesbezüglich bereits fleißig dabei waren, ihre Pflicht zu erfüllen.

Ich wollte und musste also ernsthaft nachdenken. Das hatte ich vor allem mir selber versprochen. Aber mein heute so malträtierter Schädel fühlte sich überhaupt nicht in der Lage, wichtige Schicksalsfragen mit mir selbst zu erörtern.

Klar war mir lediglich, dass ich direkt nach einer solchen champagnerseligen Nacht, wie jetzt am Morgen danach, keine allzu komplizierten Gedanken denken und mir womöglich kluge Entscheidungen abverlangen konnte.

Was ich jetzt erst einmal wusste, war, dass ich mich herauswinden wollte aus der Schar des noch immer feiernden Völkchens, das sich noch mehr oder weniger munter in Julius nobler Villa tummelte. Ich achtete also nicht auf die launigen Zurufe der alkoholisierten Restgesellschaft, die noch überall herumsaß oder herumlag, und pilgerte zielstrebig in die Küche, um mir dort einen großen Becher mit starkem, frisch gebrühten Kaffee von Brigitta, der freundlichen Haushälterin von Julius. einschenken zu lassen. Die nämlich war in der Küche schwer beschäftigt und kämpfte sich durch die Berge von schmutzigem Geschirr und Essensresten.

Ich sagte Brigitta, dass ich mich gleich auf den Heimweg machen wollte. Ich musste wohl einen wenig fitten Eindruck auf sie gemacht haben, denn besorgt riet sie mir, vorher noch eine Alka Seltzer in Wasser aufsprudeln zu lassen und in kleinen Schlucken zu trinken. Das würde den Kopf freimachen. Dankbar griff ich zu dem Glas, das sie für mich vorbereitete, und beschwichtigte ihre Sorge, die sie offensichtlich hegte, weil ich mich mit dem zweifellos noch vorhandenem Alkohol im Blut ins Auto setzen wollte. Ich versprach, nicht über die Autobahn zu fegen, sondern geruhsam über Landstraßen nach Hause zu tuckern.

Nachdem ich mir noch einige Hände voll eisekalten Wassers ins Gesicht geworfen hatte, beschloss ich, hinreichend munter zu sein, um mich auf die Heimfahrt begeben zu können.

Ein Quäntchen Vernunft und Verantwortungsgefühl für meine Sicherheit bewog mich tatsächlich, die Autobahn zu meiden und kleine Umwege durch die Wallachei zu nehmen, um in gemäßigtem Tempo gen Heimat zu reisen. Durch die Umwege die ich plante rechnete ich damit, dafür kaum mehr als vier Stunden zu benötigen.Ich bedankte mich noch einmal bei Brigitta, die mir so mitfühlend bei meinen Wiederauferstehungsmaßnahmen nach der Alkoholsession behilflich gewesen war und freute mich nun doch, dass ich wieder meinem normalen Alltag entgegenfahren konnte.

Das Wetter meinte es gut mit mir und ich war froh, dass ich mich dazu entschlossen hatte, durch die schöne bergige Landschaft zu fahren, statt mich der Autobahnraserei auszusetzen. Es tat mir gut, langsam durch malerische Dörfer zu gondeln und meine übermüdeten Augen durch den Anblick der grünen Wiesen, Büsche und Bäume etwas zu erfrischen. Nachdem ich ein Stündchen unterwegs gewesen war, meldete sich bei mir Hunger und ich beschloss, eine kleine Rast einzulegen, in einen kleinen Dorfgasthof einzukehren und ein deftiges Frühstück, also ein richtiges Bauerfrühstück, einzunehmen. Das würde mich wieder auf die Beine bringen, so konstatierte ich.

Ich brauchte gar nicht lange zu suchen, um ein Landgasthaus, direkt neben einem Bauernhof zu entdecken. Einladend standen einfache Stühle vor Tischen, die rotkariert gedeckt waren. Das machte mir Lust, mein Auto zu parken und mich vor das urige Bauernhaus zu setzen. Wie ich es erwartet hatte, wurde mir eine üppige Frühstücksplatte serviert. Ich genoss die freundliche Bedienung und die beruhigende Sicht auf eine weidende Schafherde, direkt auf einem Wiesenhang gegenüber meinem Gasthaus. Tief atmete ich ganz bewusst die würzige Landluft ein, die unverkennbar auch mit einer typischen Note von Kuhstall und Pferdemist beduftet war.

Dankbar spürte ich, wie meine Lebensgeister zurückkehrten. So gestärkt, genoss ich das Gefühl, wieder „unter den Lebenden“ zu sein und die strapaziöse Partynacht tatsächlich nahezu verkraftet zu haben.

Ich bestieg wieder mein Gefährt, versenkte das Verdeck meines Sportwagens und freute mich schon auf die restliche Wegstrecke, auf der ich mir den Wind um die Nase würde wehen lassen und auf der ich nun endlich auch meinem Vorsatz getreu, meine Familienplanungen überdenken könnte. Eine Rolle darin sollte auch meine Quasi-Freundin Leonie Gerithofer spielen. Leonie war eine auffallende Schönheit der münchner Gesellschaft, mit der ich bereits seit zwei Jahren mehr oder weniger lose verbandelt war und von der ich sehr wohl wusste, dass sie auf einen Antrag von mir wartete. Ich mochte sie eigentlich recht gerne und auch meine Eltern waren von ihr und ihrer Familie angetan. Leonie war 28 Jahre alt, hatte Medizin studiert und arbeitete in der Klinik ihres Vaters, eines bekannten Schönheitschirurgen. Leonie war klug, charmant und gesellschaftlich gewandt. Mit ihr ließe sich ein Familienleben, wie es mir vage vorschwebte, sicher problemlos realisieren. So jedenfalls argumentierten auch meine Eltern, wenn die Rede davon war, dass es für mich Zeit wurde, "Nägel mit Köpfen" zu machen. Dieses Thema wurde in letzter Zeit öfter erörtert, als mir lieb war. Zugegeben, Leonie war durchaus eine passende Kandidatin und ich fühlte mich in ihrer Gesellschaft eigentlich recht wohl. Auch ihren Eltern wäre eine Verbindung zwischen mir und ihrer Tochter willkommen. Dies auch, weil meine Familie und ihre Familie und auch jeder Außenstehende fanden, dass sich eine Schönheitsklinik und eine Firma, wie meine Familie sie betrieb, hervorragend miteinander vermählen ließen.

Meine Eltern und wir drei Geschwister stehen einem sehr erfolgreichen Unternehmen vor, in dem Produkte für Schönheit und Gesundheit hergestellt werden. Meine Schwester als Anwältin ist mit einem Chemiker verheiratet und mein Bruder, der Chemie studiert hat, nimmt in diesem Unternehmen, der BIO-LINE-Fehringer AG, geschäftsführende Funktionen ein. Auch ich habe eine Schlüsselposition inne. Ich selbst trage dabei Verantwortung für Werbung und Organisation und leite die Auslandsniederlassungen. Dafür habe ich BWL studiert und mich in Sprachen profiliert.

Alles war also aufs Beste geplant, außer, dass ich als Dauersingle den Missmut meiner Leute erregte und ihre Planungen durch meine zögerliche Haltung immer wieder listig unterwanderte.

Ich wurde von meiner Familie, aber auch von meinen engen Freunden und Freundinnen oft genug gefragt, weshalb für mich und Leonie noch nicht die Hochzeitsglocken läuten würden. Die Sticheleien dazu wurden in letzter Zeit immer penetranter fand ich, denn man wollte mich offensichtlich zu einer Entscheidung drängen, zu der mir ehrlicherweise noch die nötige Begeisterung fehlte.

Liebte ich Leonie eigentlich? Es war unbestreitbar, dass sie mir gefiel. Mit ihren schwarzen glatten Haaren, die sie halblang trug und ihrer schlanken, biegsamen Figur entsprach sie durchaus, auch optisch, meinem sogenannten Beuteschema. Wir hatten sogar schon in mehreren Kurzurlauben sowas wie Zusammenleben geprobt. Nie aber hatten wir eine gemeinsame Zukunft eindeutig und unmissverständlich thematisiert.

Wenn ich mir überlegte, wie ich mich fühlen würde, wenn es Leonie in meinem Leben nicht mehr gäbe, dann musste ich ehrlich gestehen, sie würde mir fehlen. Ich kenne sie bereits seit fünf oder sechs Jahren, aber erst vor knapp zwei Jahren hatte es sich ergeben, dass wir uns näherkamen. Seitdem waren wir für unsere Umgebung ein Paar und für unsere Eltern eigentlich auch. Leonie wäre tatsächlich die perfekte Besetzung als Ehefrau an meiner Seite und sie würde sicherlich auch eine großartige Mut- ter für meine zukünftigen Kinder abgeben. Und sie war mir ausgesprochen angenehm.

Dennoch …!

Weshalb zögerte ich? Wieso stimmte ich dem Gedanken an Ehe und Familie nicht vorbehaltlos zu? Ich schalt mich selber entschlusslos und auch feige. Ja, ich war auch feige und der Gedanke, mich als Ehemann so unwiderruflich zu binden, schien mir wenig erstrebenswert.

„Egal!" so rief ich mich zur Ordnung, „es gibt ein schlimmeres Schicksal, als eine der attraktivsten und klügsten Frauen des Landes zur Ehefrau zu bekommen.“ „Es sollte mir“, so gestand ich mir etwas ärgerlich auf mich selbst ein, „vielmehr eine Ehre sein, dass eine so besondere Frau mir zugetan ist und geduldig auf meine unerklärlich zögerlichen Entscheidungen wartet.“

Ich sprach mir selber Mut zu und war nun doch entschlossen, gleich in den nächsten Tagen klare Verhältnisse zu schaffen.

Mittags würde ich schon daheim sein und könnte noch einen halben Bürotag einlegen und mich dann, vielleicht am Abend, mit Leonie verabreden.

Aber das Schicksal schien andere Pläne mit mir zu haben und forderte mir unliebsame Umwege ab. So wurde ich während meiner Fahrt über die Landstraßen, plötzlich auf unerwartete Seitenwege geleitet. Diese sollten Baustellen umfahren und wieder auf den eingeschlagenen Weg zurückführen. Umleitungen verwiesen über weitere unbekannte kleine Straßen, über die die Autofahrer ausweichen sollten.

Irgendwie verlor ich durch den Wirrwarr von Pfeilen und Hinweisen dann komplett die Orientierung. Mein Navi schien ebenfalls irritiert zu sein und ich hatte plötzlich das Gefühl, im Kreise geleitet zu werden.

Ich fuhr deshalb in einen Feldweg hinein, um dort anzuhalten und mich auf der Karte zu vergewissern, wo genau ich mich überhaupt befand.

Nachdem ich mir annähernd ein Bild gemacht hatte, wie ich aus dem Wegeslabyrinth wieder herausfinden könnte, verweigerte mir mein Auto doch tatsächlich den Dienst und ließ sich nicht wieder starten. Ich versuchte sämtliche Tricks, aber nach jeweils kurzem Aufstöhnen des Motors passierte absolut nichts.

Ich überlegte angestrengt was zu tun sei. Sollte ich mich abschleppen lassen? Wie aber könnte ich genau erklären, wo im Nirgendwo ich mich befand und ob ich nun den ADAC oder besser meine gewohnte Werkstatt in München benachrichtigen sollte! Und wie lange würde es dauern, bis ich hier abgeholt wer-Den könnte? Denn weit und breit war weder ein Dorf, ein Haus oder gar ein Cafe' auszumachen, in dem ich entspannt hätte warten können.

Meine unmutigen Denkvorgänge wurden plötzlich durch ein Geräusch unterbrochen, das nicht zur Landschaft und auch nicht zum Straßenbau passte. Ich vernahm unverkennbar Pferdegetrappel, das näherkam und sah nun auch mehrere Reiter auf mich zureiten.

Kurz vor meinem Auto hielt der Tross und eine der Reiterinnen zügelte ihr Pferd neben meinem Sportwagen. „Haben Sie sich verirrt?“ fragte sie freundlich.

„Ja, aber noch viel schlimmer, mein Auto springt nicht mehr an!“

Die junge Dame, oder vielmehr das Mädchen auf dem Pferd, das sicher nicht älter war als 18 oder 19 Jahre war, grinste kess mit einem maliziösen Blick auf meine Luxuskarosse, die in der Tat nicht so recht auf den Feldweg passen wollte, auf den es mich verschlagen hatte.

„Soll ich meinen Cousin anrufen, er betreibt, nur 2 Kilometer von hier, eine Autowerkstatt und kann sicherlich helfen.“

Ich überlegte: "sollte ich mein kostbares Gefährt einer Dorf-Autowerkstatt anvertrauen?" In München war dafür eine Spezialwerkstatt zuständig und ich war sogar so pingelig, immer nur einen bestimmten Techniker zu beauftragen, weil ich Angst um die komplizierte und kostbare Elektronik meines Wagens hatte. Meine Gesprächspartnerin hatte wohl meine Gedanken erraten. Sie lachte fröhlich und zerstreute meine Bedenken, indem sie mir versicherte, dass die Werkstatt ihres Cousins auf Mercedes spezialisiert sei. „Allerdings eher auf deren Landmaschinen“, wie sie etwas spöttisch anfügte.

Ich überdachte kurz meine Situation und nahm das Angebot an in der Hoffnung, dass vielleicht nur eine Kleinigkeit den Start meines Wagens blockierte.

Ich bat also die junge Reiterin, ihren Verwandten anzurufen, der vielleicht gleich hier vor Ort entscheiden könnte, wie es mit meinem Weiterkommen aussehen könnte.

Nachdem sie ihn auf ihrem Handy erreicht hatte, sagte dieser auch zu, sich gleich auf den Weg zu machen. In der Zwischenzeit hatten die Reiter, augenscheinlich junge Dorfleute, vielleicht auch Touristen, ihre Pferde an Bäume gebunden und sich für eine Rast auf den Wegesrand gesetzt. Meine junge „Retterin“, die inzwischen auch abgestiegen war, stellte sich mit „Florentine“ vor und zeigte mir auf der Straßenkarte, dass ihr Dorf tatsächlich kaum mehr als einen Steinwurf entfernt gelegen war. Dazu erklärte sie mir unseren genauen Standort. „Urmenau“, so hieß das Kaff, von dem ich noch nie gehört hatte. "Sicher besteht es aus nur drei Häusern“, bemerkte ich unhöflich.

„Wir sind ein Bauerndorf mit über 300 Einwohnern“, erwiderte sie, offensichtlich etwas angesäuert, „die meisten von uns sind Bauern. Aber es gibt auch einen Tante-Emmaladen und besagte Autowerkstatt“, fügte sie stirnrunzelnd hinzu. „Genau das also, was man in Notzeiten durchaus nützlich finden kann.“

„Entschuldigung", warf ich hastig ein, "es ist eigentlich nicht meine Art, so taktlos zu sein.“

Die junge Dame setzte zu einer Antwort an, die sie sich aber schenkte, weil über den Hügel des Weges schon der Tieflader einer Werkstatt auftauchte. Cousin Albert, wie sich mir der Fahrer vorstellte, erklärte, dass er gleich seinen Abschleppwagen mitgebracht hätte, falls dieser nötig sei. Dazu wolle er sich den Motor meines Wagens ansehen um mir einen Rat geben zu können, wie man weiter verfahren könnte. Es müsse geprüft werden, ob die Starterbatterie leer sei, der Regler defekt, oder gar die Lichtmaschine im Eimer. Der junge Mann versuchte nun selbst, meinen Motor zu starten und warf auch einen Blick in den Motorraum. Daraus schloss er, dass es auf jeden Fall die Lichtmaschine sei, die den Geist aufgegeben hatte. Genaueres aber könne er erst feststellen, wenn er das Auto mit in die Werkstatt nähme. Wenn ich also zustimmen würde, könnte er mit mir sogleich dort hinfahren, das wäre eine Sache von nur wenigen Minuten, denn diese wäre tatsächlich nur zwei Kilometer weit entfernt.

Ich ließ mir rasch durch den Kopf gehen, was die Alternativen wären und entschied mich dazu, das Angebot anzunehmen. Es könnte ja nicht schaden, wenn der junge Mann einen Blick ins Wageninnere werfen würde und vielleicht ginge es ja nur um eine Kleinigkeit und ich könnte dann gleich weiterfahren.

Ich schwang mich also auf seine Aufforderung hin auf den Beifahrersitzt des Abschleppwagens, auf den ruckzuck mein kostbares Auto unter meinen misstrauischen Blicken aufgeladen worden war. Der Mechaniker schien genau zu wissen was er tat, so beschwichtigte ich die Sorge um mein wertvolles Automobil und sah mir dann die Felder, auf dem Weg in das Dorf Urmenau die kurze Wegstrecke lang von oben an.

Die Reitergruppe hatte sich derweil auch wieder gesammelt und galoppierte uns voran über die Feldwege, nicht ohne ordentlich Staub aufzuwirbeln, der meinen LKW-Fahrer veranlasste, sein Tempo auf Schrittgeschwindigkeit zu drosseln.

Am Dorfanfang, holperten wir über die gepflasterte Dorfstraße gleich hinein in die Einfahrt zu der Werkstatt von diesem Albert, der seine kostbare Last vorsichtig ablud und den Wagen geschickt über eine Werkstattgrube lenkte, um das Auto auch von unten zu sichten.

Misstrauisch beobachtete ich jeden seiner Handgriffe, stellte aber einigermaßen beruhigt fest, dass dieser ganz offensichtlich kompetent, durchaus wusste, wie mit einem so exquisiten Fahrzeug wie meinem Sportwagen, umzugehen war.

Ich sah mich derweil in seiner Dorfwerkstatt um und staunte nicht schlecht darüber, wie professionell diese ausgestattet war. Die unerwartet große Werkstatthalle lag neben einer komplett verglasten Verkaufshalle, in der zu meinem Erstaunen auch hochpreisige PKWs ausgestellt waren. Dabei handelte es sich allerdings zumeist um Kombifahrzeuge. Bevorzugt aber konnte man landwirtschaftliche Fahrzeuge und beeindruckende, riesige Gerätschaften besichtigen.

Irgendwie fand ich eine solche, hochtechnisierte Welt inmitten eines Dorfes und praktisch neben dem nächsten Misthaufen, irritierend, auf jeden Fall völlig unerwartet.

Meine Skepsis bezüglich der Fachkompetenz von Albert und seinem Team, das an verschiedenen Fahrzeugen geschäftig herumwuselte, wurde dann doch einigermaßen gemäßigt.

Gespannt wartete ich nun auf das Ergebnis der Untersuchung und hoffte, dass es vielleicht tatsächlich nur eine Kleinigkeit war, die meine Weiterreise behinderte.

Und tatsächlich, Albert konnte mich beruhigen und erklärte mir, dass lediglich der Lichtmaschinenregler ausgetauscht werden müsse. Das wäre eine Arbeit von etwa einer Stunde, aber leider müsse er ein solches Teil erst bestellen und das könne frühestens am Folgetag geliefert werden.

Ich zögerte mit meiner Zusage und wollte mich vorher noch mit der Werkstatt meines Vertrauens in München beraten. Meinem angestammten Techniker Toni, mit dem ich dann am Telefon verbunden war, erklärte ich mein Dilemma und bat um seinen Rat. Nachdem ich ihm gesagt hatte, wo ich wäre und dass ich Zweifel hätte, die hiesige Dorfwerkstatt, in der ich gelandet war, mit der Reparatur meines Autos zu betrauen, lachte der schallend und zerstreute meine Bedenken. Er erklärte, dass er Albert Ebeling, den Betreiber der Werkstatt, von Ausstellungen und Seminaren her gut kenne und sicher wäre, dass er meinem Autoproblem gewachsen sei. Außerdem ginge es tatsächlich nur um einen relativ harmlosen „Eingriff“, wie er der Chirurgensprache entlehnte, und es lohne sich nicht, dafür den Wagen abzuschleppen. Das hieße ja, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.

Na gut, ich wollte mich auf seinen Rat verlassen und teilte Albert mit, dass ich mich auf die kleine Zwangspause einlassen würde und abwarten wolle, bis das bestellte Teil geliefert sei. Ich hatte mich innerlich bereits damit abgefunden, dass ein weiterer Urlaubstag in dörflicher Umgebung mal eine neue Erfahrung sein könnte und erkundigte mich nach einem Hotel.

„Hotel?" Fragte mich Albert belustigt, "hier gibt es weit und breit nicht einmal eine Pension. Aber fragen Sie doch mal auf dem Reiterhof nach, vielleicht ist dort ein Ferienzimmer frei.

Er wies mir den Weg zu einem Bauernhof, der nur zwei Gehminuten entfernt die Dorfstraße entlang, nicht zu verfehlen wäre.

Ich schnappte mir meine Reisetasche und pilgerte zu der angegebenen Adresse. Dort erwartete mich ein großer, alter, beeindruckender Drei-Seitenhof. An der Hausfassade konnte ich auf einem großen Schild lesen „Reiterhof Gestüt Ebeling“. Neugierig betrat ich durch die weit offene Einfahrt das alte, schöne, malerische und sehr gepflegte Anwesen. Zwei junge Männer auf dem Hof waren gerade dabei, einen hochbestapelten Heuwagen zu entladen und die würzig duftende Fracht in eine Scheune zu transportieren, deren hohe Holztore weit geöffnet waren und einen Blick auf mächtige Heuberge in ihrem Inneren zuließen.

Ich zögerte und überlegte, ob ich die seitliche Treppe hinauf ins Haus gehen sollte, entschied mich jedoch dazu, mich direkt bei den beiden fleißigen Burschen nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu erkundigen. Sie hielten beide in ihrer Arbeit inne als ich näherkam und musterten mich abwartend. Als ich nach einem Zimmer für eine Nacht fragte, strahlte mich der eine der beiden an und sagte, dass er schon von mir gehört habe, seine Schwester hatte bereits berichtet, dass ein Luxusauto hier in der Nähe gestrandet sei und sich nun bei Albert in der Werkstatt befände.

Der junge Mann stellte sich mit Florentin vor, genannt Flo. Ich betrachtete ihn nun eingehender und suchte nach einer Ähnlichkeit zu der vorlauten Reiterin, die mich vor einem Stündchen noch in die Werkstatt des Cousins geleitet hatte. War sie denn auch rothaarig und sommersprossig, wie ihr Bruder? Der hatte meine abschätzenden Blicke zur Kenntnis genommen und lachte. „Meine Zwillingsschwester und ich sind einander ziemlich ähnlich“, erklärte er, „auch wenn ich weniger kämpferisch bin, als mein resolutes Schwesterchen.“

Wie genau diese ausgesehen hatte, war mir leider überhaupt nicht erinnerlich. Ich war so mit meinem unfreiwilligen Autostop beschäftigt gewesen, dass ich nur einen Reitertrupp wahrgenommen hatte und ein vorlautes Mädel, das mit Schirmmütze, Uraltjeans und kariertem Hemd bekleidet war, das mir einen etwas abgerissenen Eindruck gemacht hatte und das ich nicht näher in Augenschein genommen hatte. Jedenfalls hatte sie sich deutlich von den eleganten Reiterinnen, mit denen ich gewohnt war, in München Ausritte zu unternehmen, unterschieden.

Beschämt musste ich mir gestehen, dass ich meine Retterin wohl nicht einmal wiedererkennen würde.

Florentin bot mir an, mich ins Haus zu begleiten. Wir könnten uns bei seiner Mutter nach einem Zimmer erkundigen. Allerdings meinte er, dass zur Zeit Feriengäste und Reitschüler das Haus bevölkerten. Aber eine Notlösung ließe sich sicherlich finden.

Florentin rief seinem Mitarbeiter zu, dass er ihm eine Pause einräume und mich derweil ins Haus begleiten wolle. Dafür gingen wir die wenigen Stufen hoch und standen, nachdem Flo die schwere, üppig geschnitzte alte Eichentür des Hauses aufschwang, gleich in einer riesigen Küche. Staunend bewunderte ich darin alte Gerätschaften, die an der Wand hingen und einen großen, antiken Herd, der, wie mir versicherte wurde, durchaus noch funktionstüchtig sei. In der Mitte des Raumes stand ein überraschend langer Tisch mit einer blank polierten Holzplatte. Alte Holzstühle drumherum boten einer Schar von Hungrigen Platz. An der Wand standen zwei riesige uralte Küchenbuffets, die zeigten, dass hier Traditionen gepflegt wurden. Dass aber die Moderne durchaus auch einen wichtigen Platz innehatte, bewies die Edelstahl-Küchenzeile, die eine ganze Wand einnahm und ahnen ließ, dass hier viele Gäste versorgt werden konnten.

In dieser mächtigen Küche werkelten gerade zwei Frauen, von denen Florentin mir die eine als seine Mutter Elsa, die andere als seine ältere Schwester Pauline vorstellte.

Auf die Frage nach einem Zimmer, schüttelten beide den Kopf und bestätigten, was Flo bereits geäußert hatte. „Wir haben volles Haus", sagte Pauline, eine aparte junge Frau von etwa 30 Jahren, die ihre dunklen Haare wie die Mutter, zu einem Knoten im Nacken geschlungen hatte.

„Aber es geht um einen Notfall", wandte Flo ein, „dieser Überraschungsgast hat eine Autopanne und muss bis morgen im Dorf bleiben, bis Albert sein Auto wieder flottgemacht hat.“

Mutter Elsa, eine aparte, etwas rundliche Dame mittleren Alters, hantierte weiter mit ihren Töpfen, schlug aber vor, dem Fremden als Notbehelf das Zimmer des älteren Bruders Sebastian zu überlassen, der zurzeit in Frankreich sei, wo er auf einem Landgut spezielle Anbauweisen studieren würde, erklärte sie an mich gewandt. Flo und die beiden Bäuerinnen sahen mich abwartend an. Wollte ich das private Zimmer beziehen? Sicherlich waren dort noch die persönlichen Sachen des Bewohners zu finden. Irgendwie war mir der Gedanke unangenehm in eines fremden Menschen Privatsphäre einzudringen. Aber was soll´s, eine Nacht in derart ungewohnter Umgebung würde sich schon noch überstehen lassen.

Ich hatte auch gar keine Zeit zum Überlegen, sondern folgte dem eifrigen Bauernsohn durch einen breiten, etwas düsteren Flur, an dessen Seiten uralte dunkle Truhen standen, um das Zimmer von Sebastian zu sichten. Das erwies sich als geräumig und derart aufgeräumt, sodass es sogar nahezu unbewohnt wirkte. Flo entnahm einem Schrank frisches Bettzeug und wies mich an, das Bett zu beziehen, das nämlich müssten ihre Hausgäste immer selbst erledigen. Jetzt wolle er aber schnell noch den Heuwagen entladen. In zwei Stunden wäre Essenszeit, dann träfen sich alle Mitarbeiter und die Familie in der Küche. Ich selbst sei selbstverständlich ebenfalls willkommen. Leider hätte im Moment niemand Zeit mich herumzuführen, aber gegen Abend, in der Feierabendzeit, könnte man mir gerne Einblick in das Bauernleben hier auf dem Hof geben, falls ich daran interessiert sei.

Sicherlich hätte ich ansonsten wenig Gelegenheit zu solchen

Exkursionen, fügte er lachend hinzu. Was blieb mir also übrig.

Ich stellte meine Tasche ab, verschob das Bettbeziehen auf

später und begleitete Flo erst einmal auf den Hof, wo ich mich auf den Rand eines gemauerten alten Brunnens setzte und mir die Mittagssonne ins Gesicht scheinen ließ.

Wider Erwarten fühlte ich mich recht entspannt und dümpelte etwas dösig vor mich hin, während ich genussvoll den Duft des Heu´s mit tiefen Atemzüge einsog. „Vielleicht sollte man öfter mal eine solche Pause einlegen, und sich an trödeligen Nichtigkeiten erfreuen, ohne sich von Nahtlos-Terminen jagen zu lassen“, dachte ich faul.

Ich bemerkte kaum, als Paula lächelnd einen großen Kaffee neben mich auf die Mauer stellte. Erst als mir der Kaffeeduft in die Nase stieg, schreckte ich fast ein wenig auf und bedankte mich rasch für die nette Geste. Der Kaffee war wunderbar und ich trank ihn mit der frischen Milch, die mir Paula daneben gestellt hatte.

Aufmerksamer beobachtete ich nun die heimkommenden sechs Reiter, in denen ich den Tross erkannte, der mich auf dem Feldweg aufgestöbert hatte. Die jungen Reiterinnen und Reiter gehörten offensichtlich nicht zur Dorfjugend, wie ich angenommen hatte, sondern waren fünf Feriengästen, die in Begleitung von Flo´s Schwester Florentine von einem ausgiebigen Ausritt zurückkamen.

Von weitem winkte mir diese Florentine zu, und rief lachend, dass man sich in einem so kleinen Dorf ja nur schwerlich aus dem Wege gehen könne. Sie nahm mich dann weiter nicht zur Kenntnis, sondern führte ihr Pferd am Zügel in die Stallungen. Lachend und schwatzend folgte ihr die lustige Truppe, jeder mit seinem Pferd im Schlepptau.

Belustigt registrierte ich, dass tatsächlich nur diese Florentine nicht im üblichen Reiterdress unterwegs gewesen war. Sie sah aus der Ferne eher aus, als käme sie gerade vom Feld oder aus dem Stall. Ihre Gefolgschaft hingegen war zünftiger ausstaffiert mit obligatorischen Reitstiefeln, Reithose und dem vorgeschriebenen Helm, der für Reitschüler obligat sein sollte.

„Das Bauernkind ist sicherlich auf dem Pferderücken aufgewachsen“, dachte ich, "da bedarf es der Statussymbole nicht.“ „Aber ein besseres Beispiel für ihre Gäste könnte sie schon abgeben“, tadelte ich sie innerlich, "denn beim Reiten sollte ja auch mit Hilfe der passenden Kleidung auf Sicherheit geachtet werden."

Meinen Kaffeebecher in der Hand, folgte ich dann dem Wink von Flo, der zu Tisch bat. Auch ich nahm dort Platz. Nun trudelten auch die Reiter und noch einige andere Pensionsgäste ein.

Es duftete in der Küche verführerisch. Zwei der Gäste, die sich offensichtlich in dieser Küche auskannten, deckten den Tisch mit dem hübschen Steingutgeschirr aus den Küchenschränken. Mutter Elsa und ihre zwei Töchter stellen die Schüsseln mit den Speisen auf den Tisch. Es gab eine klare Gemüsesuppe, Semmelknödel und Schweinsbraten mit Karottengemüse. Für die Vegetarier hatte Paula Tofu-Geschnetzeltes mit Champignons bereitet. Ein großer, frischer Blattsalat mit Kräuterdressing rundete das Angebot ab. Ein Griespudding mit Kirschen sei vegan gekocht worden, damit alle ihn essen können, erklärte man mir. Dazu berichtete der neben mir sitzende Florentin, dass seine beiden Geschwister Paula und Sebastian die komplett vegan lebenden Familienmitglieder seien. Die Gäste hingegen könnten jeden Tag selbst bestimmen, welches Gericht sie wählen wollten und ob es fleischig oder vegetarisch bereitet sein soll. Lediglich Vater Ludwig, der Chef des Hofes, würde grundsätzlich auf seinen Fleischportionen bestehen, seufzte Mutter Elsa, die unserer Unterhaltung mit halbem Ohr zugehört hatte, "und die soll er dann eben auch haben", fügte sie lächelnd weiter an.

Ich war erstaunt, wie gut mir das einfache Mahl in Gesellschaft der lachenden, schwatzenden Tischrunde mundete. Auf meine Fragen wurde mir gesagt, dass alle Zutaten aus dem heimischen Garten stammten, auch die Kräuter und dass lediglich Sojaprodukte von einem Bioversand gekauft würden.

Das Fleisch für die "ewigen Kannibalen" bezog man von einem Biohof in der Nachbarschaft. Denn, so erklärte Mutter Elsa lachend, hier auf dem Hof hätte ihre vegetarische und vegane Nachkommenschaft schon dafür gesorgt, dass nichts geschlachtet würde. Ziegen und Schafe seien für Milch und Wolle, sonst „eher zur Zierde“ auf der Weide, und die beiden Kühe im Stall erhielten, wenn sie keine Milch mehr produzieren würden, das Gnadenbrot.

„Kühe die das Gnadenbrot erhielten?“ Das hatte ich tatsächlich noch nie gehört. Aber der Ebeling-Hof hatte noch andere Besonderheiten in petto. Bäuerin Elsa, die sich zu mir gesetzt hatte als die Tischrunde aufgehoben wurde, erklärte auf meine neugierigen Fragen bereitwillig die Prinzipien ihres Hofes und die Ziele des Familienbetriebes. Stolz erzählte sie mir, dass sich ihre vier Kinder gut verstehen würden und jedes von ihnen ein Studium gewählt habe, das dem Hof und dessen Zukunft dienlich wäre. Lediglich Pauline hätte kein Unistudium, sondern nach dem Schulabschluss eine Lehre als Steuerberatungsfachgehilfin absolviert und sei für die Buchhaltung des Hofes zuständig. Florentine studiere Tiermedizin um gemeinsam mit dem Vater die Pferdezucht zu betreiben. Und Flo würde sich nach seinem BWL-Studium, das jetzt nach dem Sommer wieder begänne, auf Marketing spezialisieren, damit alle Produkte und Angebote des Hofes entsprechend vermarktet werden könnten.

Sebastian schließlich kümmere sich um den Anbau von Gemüse und Obst und folgt dabei einer besonderen Anbauweise. „Er hat Landwirtschaft studiert und für den Hof ein Biosiegel erworben“, führte Mutter Elsa stolz weiter aus.

Ihr Mann Ludwig hatte kurz vor dem Essen die Küche betreten und wurde mir kurz vorgestellt. Er präsentierte im akkuraten Reitdress und seiner stolzen Haltung den Patron des Hauses. Florian hatte mir beinahe ehrfürchtig erklärt, dass sein Vater ein mehrfach prämierter Reiter wäre. Nur er könne hier auf dem Hof die Hengste reiten. Dies würde er genauso wortkarg praktizieren, wie er sich seinen Mitbürgern und Familienmitgliedern gegenüber auch gäbe, witzelte Flo.

Den Nachmittag vertrieb ich mir damit, das Dorf zu umwandern und mich für das geschäftige Treiben auf den Höfen, an denen ich vorbeikam, zu interessieren. Als Fremder vorsichtig beäugt, kam ich mit einigen der Anwohner, die mir offen meine naiven Fragen beantworteten, dennoch ins Gespräch. Ich wunderte mich zunehmend, dass es offenbar einigen dieser Bauern gelun- gen war, ihre Landwirtschaft zu modernisieren und sie konse- quent auf nachhaltige und der Natur zuträgliche Weise umzu- stellen. Dies sei auch deshalb gelungen, weil die Landwirte ihre Produkte auf Wochenmärkten und Hofläden selbst verkauften. Mir wurde in diesem Zusammenhang immer wieder gesagt, dass dafür Ludwig, der Ebelingbauer, insbesondere aber sein Sohn Sebastian und Tochter Paula als überzeugte Vegetarier die Vorreiter für diese neue Bewegung gewesen waren. Fast jeder der Bauern in ihrem Dorf hatte nach und nach Anbau und Viehhaltung auf BIO umgestellt und konnte sich, wenn die Landwirtschaft in unseren Landen schwierige Durststrecken zu verkraften hätte, über mangelnde Umsätze nicht beklagen.

Der Grund dafür war augenscheinlich, dass man es nicht nur bei der BIO-Zertifizierung beließ, sondern sich darüber hinaus weiterbildete, was den Anbau anbetraf. Besonders die jüngere Generation beschäftige sich hier zunehmend mit der sogenannten Permakultur, einer nachhaltigen Anbauweise, die im Laufe der Zeit vielfache Erträge verspricht und unabhängiger von der Witterung sei, als der konventionelle Anbau.

Sebastian, der älteste Ebelingsohn hatte sein eigenes Wissen darüber höchst engagiert nach Urmenau getragen und davon auch besonders die jüngeren Landwirte überzeugt.

Ich selbst hatte übrigens auch noch nie etwas von solchem wundersamen Landbau gehört, der die Leute hier beschäftigte.