Sei einfach der, der Du bist - Michael Mehnert - E-Book

Sei einfach der, der Du bist E-Book

Michael Mehnert

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Beschreibung

Ich hatte mal eine schwere Situation zu bewältigen. Da konfrontierte mich eine Freundin und machte mir mit folgenden Worten Mut: "Sei einfach der, der Du bist!"

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Seitenzahl: 749

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sei einfach der, der Du bist

Vorwort

Mein Buchtitel kommt von einer guten Freundin, Ann. Sie gab mir leise einen inneren Halt, ohne starr auf den Rollstuhl zu blicken. Ich durfte mich als Mensch, der sich manchmal zu schwere Gedanken macht, fühlen. „Sei einfach der, der Du bist.“ Diese Worte, die sie oft an mich richtete, verhallen nie und stärken mich für den Rest meines Lebens ungemein.

KAPITEL

1. Umzug mit der Familie

2. Anfänge im Hof

3. Ziel Lichtorgel

4. Viele Freundschaften direkt vor der Haustür

5. Winterzeit

6. Eigene Wege und Kommunikation

7. Reise nach Lourdes – Wer bin ich?

8. Schwimmbad – Wünsche äußern

9. Wichtiger Ansprechpartner für Andere

10. Schachwelle und Erste Liebe

11. Der Bolzplatz

12. Lustiges Erlebnis mit meiner Mutter

13. Italien Urlaub

14. Die Brücke

15. Abschlussfeiern

16. Elektrischer Rollstuhl

17. Wie ich zum Ringen kam

18. Erweiterter Radius mit E-Stuhl

ANHANG

Brief an meine Mutter

Buchempfehlung

Schreibmaschinenbilder

Zeitsprung – 30 Jahre später

1. Kapitel

Umzug mit der Familie

Es kam ganz schnell auf uns zu. Ich war gerade bei Familie Seiler, als es hieß: „Wir ziehen um“.

Meine Mutter war zu dieser Zeit wegen ihrer Depressionen im Krankenhaus. Da meine Schule freitags nur bis 12.10 Uhr ging, konnte ich zu Familie Seiler gehen. Dort aß ich zu Mittag und Frau Seiler verwöhnte mich nicht schlecht mit ihrem Mittagessen. Ich blieb den Mittag über, der sehr unterhaltsam war, dort, bis mein Vater mich am Abend abholte.

An den übrigen Wochentagen war es so: Da meine Schwester Bärbel Praktikantin in meiner Schule war, konnte sie natürlich mit der Erlaubnis unseres Schulrektors, mit mir im Schulbus heimfahren. Um vier Uhr kam dann Papa vom Geschäft und meistens gingen wir dann gleich ins Krankenhaus zu Mama. Es sah am Anfang ziemlich schlimm mit meiner Mutter aus.

Im Krankenhaus kam sie uns mit schwermütigem Blick entgegen und ihre Augen waren matt und rot. Mama war völlig hoffnungslos. Sie sagte: „Ihr werdet sehen. Es wird nie wieder gut. Mit dieser Krankheit muss ich jetzt ewig leben“.

Eines Abends waren mein Vater und ich mit Herrn und Frau Seiler bei Familie Ockel eingeladen. Dort kam plötzlich ins Gespräch, dass ein Wohnungswechsel für meine Mutter und schließlich für uns alle notwendig sei. Wir wohnten in der Stuttgarter Straße in einer ziemlich engen Wohnung. Meine jüngere Schwester und ich mussten uns das Zimmer teilen und unsere Küche war so eng, dass gerade ein Tisch reinpasste. Das einzig größere Zimmer war das Wohnzimmer, in dem ich mich die meiste Zeit aufhielt, aber da mussten entweder meine Eltern auf mich oder ich auf sie Rücksicht nehmen, denn jeder wollte etwas anderes. Besonders mein Vater wollte meistens fernsehen, ich dagegen lieber Musik hören. Wir saßen uns also ziemlich auf der Pelle. Jeder konnte dem anderen nicht so richtig ausweichen. Hinzu kam noch die hohe Treppe von 15 Stufen. Da ich durch meine spastisch-athetotische Behinderung nicht laufen kann, wurde es für meine Eltern zunehmend schwieriger, mich immer wieder rauf und runterzuschleppen. Es wurden gleich sämtliche Schritte in die Wege geleitet, um für uns eine passende 4-Zimmer Wohnung zu finden. Auch Schwester Augustina vom Pfarrhaus schaltete sich energisch ein. Meine Eltern waren eigentlich schon lange auf der Wohnungssuche. Es wollte aber nie so richtig klappen. Doch die Hilfe, die man uns bot, machte sich rasch bemerkbar.

Es war an einem Freitag, Mitte Januar, ich war, wie schon erwähnt, bei Familie Seiler. Als mich mein Vater am Abend abholen wollte, meinten sie, wir sollten doch noch mit ihnen Abendbrot essen. Kaum saßen wir am Tisch, da klingelte das Telefon. Frau Seiler eilte an den Apparat.

Als das Gespräch beendet war, kam sie freudig und aufgeregt ins Zimmer zurück, umarmte meinen Vater und rief: „Schwester Augustina hat eine Wohnung für euch mit 4 Zimmern und einem Aufzug“

Ich fragte ganz überrascht, wo denn die Wohnung sei.

Sie gab mir zur Antwort: „In der sanierten Altstadt, Markgrafenstraße 25.“

Als wir daheim waren, berichteten wir die gute Nachricht gleich Andrea. Sie freute sich riesig, endlich ein eigenes Zimmer zu bekommen. Dann telefonierte mein Vater ins Krankenhaus, um auch Mama diese Neuigkeit mitzuteilen. Sie reagierte zunächst ein wenig zurückhaltend, denn für sie und eigentlich auch für uns kam der mögliche Umzug zu plötzlich. Man musste sich erst an den Gedanken gewöhnen. Aber dann, als meine Mutter für ein Wochenende nach Hause durfte, konnte die ganze Familie die Wohnung besichtigen.

Von Frau Brand, die noch in der Wohnung wohnte, ließen wir uns alle Zimmer zeigen. Uns gefiel die Wohnung und wir sagten zu. Das Wohnzimmer war fast doppelt so groß wie unser eigentlich schon großes Wohnzimmer und der Flur, oje! Auch in die Küche konnte man ungefähr viermal unsere alte Küche stellen. Hinzu kamen noch die zwei Jugendzimmer. Meine Schwester und ich, wir waren uns gleich einig. Ich nahm das etwas kleinere Zimmer. Es reichte für mich völlig aus. Wir freuten uns alle auf die neue Wohnung. Auch meine Mutter freute sich jetzt sehr. Ihr war es nur arg, weil sie Papa den Umzug alleine überlassen musste. Mama hatte es selber gesagt, selbst wenn sie vom Krankenhaus die Erlaubnis bekommen hätte mitzuhelfen, hätte sie es nervlich wahrscheinlich noch nicht verkraftet.

Die Zeit rannte. Plötzlich war die Faschingszeit da. Am Rosenmontag gingen wir nochmals in die neue Wohnung, um die Zimmer auszumessen. Frau Brand war auch schon in Aufbruchstimmung. Möbel, Kisten, Plastiktüten, all dies stand in der Wohnung durcheinander herum, Ich ließ mich gleich in mein zukünftiges Zimmer schieben. So konnte ich mir überlegen, wie ich meine Möbel am günstigsten stellte. Da meine Eltern ein neues Wohnzimmer kauften, bekam ich unseren bisherigen Wohnzimmerschrank, der für mich eine große Bedeutung hat. Jetzt kam die eigentliche hektischste Zeit auf uns zu. Wir mussten damit rechnen, dass wir schon Ende Februar in die neue Wohnung einziehen können. Jeden Mittag kam mein Vater mit Kisten heim.

Dann ging es los. Bücher, Geschirr, Vasen und Sonstiges wurden von den Regalen und Schränken geräumt und in die Kisten gepackt. Unsere Wohnung wirkte immer fremder und kahler. Von Tag zu Tag fehlten Bilder an der Wand und Beispiel Kerzenständer, Stehlampe, Bodenvase, einem bestimmten Platz gewöhnt war. Ich hatte schon ein eigenartiges Gefühl, obgleich ich mich auf die neue Wohnung und mein eigenes Zimmer freute.

Plötzlich rannte die Zeit nicht mehr so schnell, ja sie dehnte sich wahnsinnig aus. Ich konnte es nun kaum mehr abwarten, da sich der Umzugstermin immer mehr verschob. Dann wurde es auch noch fraglich wegen Streitigkeiten zwischen Brands, die noch in unserer Wohnung wohnten, und dem Volkswohnungsamt, ob sie überhaupt in die kleinere Wohnung im selben Treppenhaus, gerade nebenan, hinüber wechseln konnten. Herr Brand, ein etwas mürrisch aussehender Mensch, versicherte uns, er werde so lange in der Wohnung bleiben, bis die andere Wohnung zugänglich sei. Das war natürlich schlecht für uns. Aber nachdem Schwester Augustina mit dem Bürgermeisteramt gesprochen hatte, klappte es nach vielem hin und her doch. Die Brands durften also die kleinere Wohnung nebenan beziehen.

Für den Familienkreis, der sich gegenseitig schon bei vielen Umzügen geholfen hat, war es selbstverständlich auch bei unserem Umzug und Vorbereitungen mitzuhelfen. Gleich als wir endlich unsere Schlüssel für die neue Wohnung bekamen, ging die große Arbeit los. Die Wochentage wurden genau eingeteilt. Die Zimmer zuerst mit den noch weißen Raufasertapeten angestrichen. In Zimmer waren zwei, drei Männer beschäftigt. Mit großem Interesse war ich voll dabei und konnte miterleben, wie so unsere neue Wohnung entstand. Von Herrn Heidel und Herrn Ockel wurde mein Zimmer angestrichen. Ich hatte zwei Farben gewählt. Ein dunkles und ein helles braun. Anfangs war ich etwas enttäuscht, denn mein Zimmer schien mir viel zu grell, ich hatte mir das braun matter vorgestellt. Aber am nächsten Tag, als die Farbe trocken war, war ich dann doch zufrieden.

Auch Thomas bedeutete für uns eine große Hilfe. Er übernahm die Elektroarbeiten. Da der Lichtschalter in meinem Zimmer zu hoch für mich war, hat mir Thomas direkt unterhalb vom eigentlichen Lichtschalter einen Taster angebracht. Ebenfalls kam da, wo ich das Bett geplant hatte, ein gleicher Lichtschalter hin, damit ich auch vom Bett aus das Licht ein- und ausschalten konnte. Thomas war der Freund meiner älteren Schwester Bärbel.

Meine Eltern hatten für die Wohnung neue Lampen gekauft. Frau Seiler hatte diesbezüglich eine gute Idee: Sie bastelte für mein und Andreas Zimmer aus Kordel Schnur eine Lampe.

Schnell stand nun unser Umzugstermin fest. Am 23. März war es endgültig so weit. Ich konnte es kaum glauben, dass es uns auf einmal von da ab räumlich so gut gehen sollte. Zuvor wurden aber erst noch die neu gekauften Teppichböden gelegt. Das war ein lustiger Anblick. In fast allen Zimmern und auf dem Flur krochen die Männer auf allen Vieren umher und schnitten an den Ecken die Teppichböden passend.

Unterdessen gab es auch in der alten Wohnung viel zu tun. Eines Abends räumten wir das Wohnzimmer aus, zum Glück war gerade Sperrmüll. Plötzlich hallte es in der Wohnung wie im Treppenhaus. Es war ganz komisch. Als schließlich die Arbeit getan war, saßen wir noch – es war schon spät – inmitten voller Kisten und Gerümpel auf dem blanken Fußboden und tranken gemütlich Bier, ich trank etwas anderes. Wir unterhielten uns noch ein wenig.

Am nächsten Abend wurde das Schlafzimmer abgeschlagen. Als ich heimkam, sah ich völlig überrascht, dass nicht nur das Schlafzimmer abgeschlagen, sondern auch mein Wohnzimmerschrank schon weg war. Wo im Wohnzimmer der Schrank gestanden hatte, standen nur noch Bretter an die Wand gelehnt. Für mich sah der Anblick ein wenig traurig aus, weil ich so den Wohnzimmerschrank kaum mehr erkennen konnte. Überhaupt, die ganze Wohnung wirkte etwas traurig. Die kahlen Wände, die nur mit verschiedenen Möbelteilen bedeckt waren, schauten einem ungewohnt entgegen.

Am letzten Tag vor dem Umzug, es war an einem Freitag, kam ich ausnahmsweise nicht zu Familie Seiler, da mein Vater sowieso zu Hause war und die letzten Vorbereitungen für den Umzug machte. Als ich von der Schule kam, gingen wir im Alpenhorn bei Tante Anna essen.

Da die alte Wohnung keine Möglichkeit mehr bot, sich für längere Zeit darin aufzuhalten, brachte mich mein Vater nach dem Mittagessen in unsere zukünftige Wohnung. Wie schaute ich, als ich in mein Zimmer kam! Auf dem Fensterbrett stand schon mein Zitronenbaum und die Buntnessel, auch mein Radiorecorder war schon da. Er lag schon angeschlossen auf dem Boden. Mein Vater legte mich auf den frisch gelegten Teppichboden und ließ mich allein, denn er hatte in der alten Wohnung noch etwas zu tun. Das war ein Gefühl, das erste Mal eine längere Zeit allein in der neuen Wohnung in meinem Zimmer zu liegen. Ich schaltete gleich mein Radiogerät ein. Aber zu meinem Schrecken konnte ich es nicht einmal auf die normale Lautstärke einstellen. In der ganzen Wohnung hallte es furchtbar. Ein enttäuschtes Gefühl überkam mich, weil ich so gerne laute Musik höre. Mir fiel aber ein, dass es jetzt in der alten Wohnung auch schrecklich hallte. Meine einzige Hoffnung bestand darin, wenn erstmal Möbel in meinem Zimmer stehen, dass es dann bestimmt besser sein würde. Dann kroch ich alle Ecken meines Zimmers ab und versuchte, mir das Zimmer mit Möbeln vorzustellen. Ich wusste schon genau, wie ich meine Möbel stellen wollte. Ich konnte jetzt gar nicht mehr den morgigen Tag abwarten.

Schon um halb sieben in der Frühe kamen die Männer. Herr Nagel fuhr den Umzugstransportwagen, den wir geliehen hatten. Jetzt ging es rund. Brett für Brett, dazwischen auch ein paar ganze Möbel, wurden die Treppe hinunter in den Möbelwagen geschleppt. Der ganze Vorgang ging schneller als ich gedacht hatte. Anfangs meinte ich, ich könne bei diesem Vorgang, wie unsere Wohnung ausgeräumt wird, nur unter Schwermut dabei sein. Dann gings doch.

Mit der zweiten Fuhre nahm mich mein Vater schließlich mit. Wir fuhren dem Möbelwagen hinterher in unsere neue Heimat, in die Markgrafenstraße Nummer 25. Auf dem Gehweg, vor dem Hauseingang standen noch von der ersten Fuhre ein paar Möbel. Das war zunächst einmal ein vertrauter Anblick. Herr Homann holte mir sofort meinen Zimmerstuhl aus dem Möbelwagen heraus. Da saß ich nun auf dem Gehweg und sah zu, wie die Männer unsere Möbel aus dem Möbelwagen ins Haus schleppten. Als ich so den Häuserblock betrachtete, kam in mir eine Frage auf, ob ich hier vielleicht ein paar Freunde bekommen würde?

Da es draußen noch sehr kalt war, nahm mich Herr Heidel mit nach oben. Der Aufzug war voll mit Brettern, Kissen und sonstigem Kleinkram. Herr Heide und ich, wir konnten uns gerade noch reinpressen. Schon vor der Haustür sah ich, dass unsere Wohnung Fortschritte machte. Im Flur stand schon das Schuhschränkchen an seinem Platz. Die Küche war auch schon bald fertig. Während der Möbelwagen die letzte Fuhre holte, sah ich beim Aufbau des Schlafzimmers zu. Dann fuhr ich in mein Zimmer. Wild standen Teile vom alten Wohnzimmerschrank und dem Bettrost mit der Matratze an der Wand gelehnt.

Beim Einrichten meines Zimmers wollte ich unbedingt dabei sein, denn ich musste den Männern ja zeigen, wie sie die Möbel stellen sollten. Vorher kam noch Thomas, der in der Küche als Erstes den Elektroherd anschloss, damit wir zum Mittagessen heiße Würstchen machen konnten. Anschließend kam er leise pfeifend in mein Zimmer und montierte die Lampe von Frau Seiler an die Decke. Dabei konnte ich genau bestimmen, wie tief ich sie von der Decke herunterhängen lassen wollte. Als meine übrigen Möbel endlich alle da waren und am richtigen Platz standen, gingen gleich drei Leute ans Werk, um meinen Wohnzimmerschrank aufzubauen. Unterdessen war Thomas gerade dabei, mit einer Eisensäge die Füße meines Bettes ein Stück kürzer zu sägen, damit ich vom Boden aus selbstständig ins Bett konnte. Ich wusste gar nicht mehr, wem ich zuschauen sollte. Die Männer hatten sehr viel Mühe mit dem Wohnzimmerschrank, um ihn zusammenzubringen. Während der Arbeit meinten sie sogar, dass dies der schwerste Schrank wäre, zusammenzubauen.

Im Hintergrund versuchte mich Thomas etwas zu ärgern. Er meinte spaßig: „Was hast du eigentlich mit dem alten Schrank, der macht es sowieso nicht mehr lange, und du lässt die Leute sich so abmühen? Nein, nein, das halte ich nicht mehr aus“, rief er kopfschüttelnd und lachte sich einen ab, bevor er bald mein Zimmer verließ.

Schließlich stand der Schrank doch. Ich war stolz auf mein jetzt endlich mit Möbeln eingerichtetes Zimmer.

Nachdem wir alle in der Küche zu Mittag gegessen hatten – das wäre in der alten Küche gar nicht möglich gewesen – ging die etwas weniger hektische Arbeit los, zum Beispiel die Garderobe im Flur anbringen. Dazwischen stand Thomas auf der Leiter und montierte die Flurbeleuchtung. Da die Möbel im großen Wohnzimmer erst einige Wochen später kamen, war das Zimmer ein großer Abstellraum. Kisten an Kisten türmten sich darin auf. Auf jeder Kiste war gekennzeichnet, was drinnen war. Darunter standen auch drei Kisten mit meinem Namen, die ich selbst gepackt hatte. Mein Zimmer war ja fertig, ich konnte eigentlich sofort beginnen, die Sachen aus den Kisten zu packen. Auf diesen Augenblick hatte ich mich schon lange gefreut. Ähnlich wie zuvor baute ich meinen Kassettenkoffer mit der Datumsuhr davor unter den alten Wohnzimmerschrank. Das war ein tolles Gefühl, zum ersten Mal ein eigenes Zimmer aufzuräumen. Besonders erleichtert war ich darüber, dass das Hallen im Zimmer weg war. Ja, jetzt hatten wir es geschafft, der Umzug lag hinter uns.

Um vier Uhr kam dann Mama mit Tante Friedel, Onkel Wilhelm und Tante Käthe, bei denen sie den ganzen Tag verbracht hatte, in die frisch eingerichtete Wohnung. Nachdem ich noch ein wenig meine Bücher und Puzzlespiele nur einmal provisorisch in das Schränkchen verstaut hatte, kroch ich das erste Mal, es war schon spät am Abend, nachdem man mich ausgezogen hatte, ins Bett. Ich war selig, als es mir schon beim ersten Versuch gelang. Zufrieden deckte ich mich zu und schaltete das Licht aus. Es dauerte einige Zeit, bis ich endlich eingeschlafen war, denn ich freute mich so, eigentlich über alles.

Die darauffolgende Woche, das war zum großen Glück die letzte vor den Osterferien, saß ich oftmals ziemlich ungeduldig in der Schule. Ich konnte es kaum erwarten, bis der Schulbus mittags um 14,45 Uhr in die Markgrafenstraße bog und ich in mein eigenes Zimmer konnte. Lange kam mir diese Wohnverbesserung wie ein Traum vor, oder als ob ich nur für kurze Zeit im Urlaub wäre.

Solange unsere Mutter im Krankenhaus sein musste, brachte mich Bärbel nach der Schule nach oben in die Wohnung. So langsam musste ich mir dann überlegen, wie ich mein Zimmer gestalten wollte. Die Wände schauten mir kahl entgegen. Ich war das zuvor nicht gewöhnt, gleich über ein ganzes Zimmer verfügen zu können. Eines wusste ich schon, dass ich meine schönsten Bilder, die ich mit der Schreibmaschine getippt hatte, aufhängen lassen wollte.

In den Osterferien kam mir eine Idee. Ich tippte ein großes Musterbild mit verschiedenen Formen. Bärbel, die mich in dieser Zeit versorgte, kaufte mir extra großes Zeichenpapier dafür. Das war toll, die ersten Ferien in der neuen Wohnung bzw. in meinem eigenen Zimmer verbringen zu können. Wenn ich am Morgen erwachte, brauchte ich keine Rücksicht mehr auf meine Schwester Andrea zu nehmen, sondern ich hatte gleich die Möglichkeit, mir das Licht einzuschalten. Dann rutschte ich vom Bett auf den Boden und hörte Radio, bis Bärbel um neun Uhr kam. Während Bärbel mich anzog, richtete Andrea in der Küche meistens das Frühstück. Wir drei allein, das war manchmal eine Gaudi. Beim Frühstück war große Diskussion, was wir zum Mittagessen kochen sollten. Nach dem Frühstück tippte ich oft mit Radiomusik an meinem Musterbild herum, denn es sollte bald an der Wand hängen. Als wir zu Mittag gegessen hatten, ging Bärbel fort, sie musste nämlich schwer lernen. Es stand ihr nach den Osterferien eine wichtige Prüfung bevor. Spät am Nachmittag kam dann mein Vater von der Arbeit zurück. Oft bot er mir an, mit ihm ein bisschen spazieren zu gehen. Aber nur selten hatte ich so richtige Lust dazu, denn ich fühlte mich in meinem Zimmer so wohl, und ich hatte immer etwas zu tun. (Bis heute hat sich da eigentlich nichts geändert.)

In der Hoffnung, ich käme ohne Hilfe in mein kleines Wägelchen, nahm ich eines Tages zwei Sitzpolsterkissen von der alten Möbelgarnitur in mein Zimmer. Ich legte die beiden Kissen aufeinandergelegt vor mein Wägelchen. Es könnte stimmen, dachte ich. Die Höhe der Kissen war ungefähr gleich mit der Sitzfläche meines Wägelchens. Dann kroch ich auf die Polsterkissen drauf und meinte, ich könne so leicht in mein Wägelchen nach hinten rutschen, aber, o weh, die Polsterkissen waren zu knatschig und weich, so dass ich durch mein Gewicht ein ganzes Stück hinuntersank. Da die Polsterkissen diesen Zweck nicht erfüllten, machte ich vorübergehend einen Bodensitz daraus. Unter dem Wohnzimmerschrank stand noch vom Umzug her eine Kiste aus starkem Pappkarton.

Ich dachte mir: „Warum probierst du es nicht mal, mit dieser Kiste ins Wägelchen zu kommen.“ Also schob ich die Kiste hervor bis dicht an das Wägelchen heran. Mit einigen Schmerzen am Rücken, die Kanten waren sehr hart, saß ich endlich auf der Kiste. Dann drückte ich mich mit den Füßen vom Boden ab und rutschte ins Wägelchen hinein. Der Versuch war also erfolgreich gelungen. Aber nachdem ich den Versuch ein paar Mal wiederholt hatte und sich die Kiste immer mehr zusammenquetschte, war es plötzlich ganz aus. Wie Butter sank die Kiste zusammen, bis ich schließlich fast auf dem Boden saß.

Als mein Vater am Gründonnerstag etwas später vom Krankenhaus nach Hause kam, teilte er uns freudig mit, der Arzt habe gesagt, dass Mama ab Montag für immer nach Hause dürfe. Ihr ging es in letzter Zeit zunehmend besser. Sie redete wieder mehr und vor allem konnte sie zwischenrein wieder lachen. Wir freuten uns riesig, dass sie ihre tiefste Zeit überstanden hatte.

Leider gibt es immer noch sehr viele Leute, denen fällt bei dem Wort Psychiatrie gleich die Klapsmühle ein, wie man bei uns so schön sagt. Dies möchte ich aber als einen absurden Blödsinn bezeichnen. Gerade heutzutage leiden viele Menschen an psychischen Erkrankungen, viel mehr als einige vielleicht vermuten. Leute sind darunter, denen man es im Alltag auf den Straßen überhaupt nicht anmerkt. Tja, uns wurde es halt immer besser gelernt, uns auf übertriebene Weise zu beherrschen. Was bleibt vielen also übrig, als untereinander vor falscher Höflichkeit Theater zu spielen.

Aus einem Brett und vier Metallfüßen schraubte mir mein Vater ein kleines Tischchen zusammen. Es ist deshalb so niedrig, damit ich vom Boden aus im Langsitz am Tisch entweder mit der Schreibmaschine arbeiten oder lesen kann. Erst lange später baute mir Herr Ockel einen etwas höheren, etwas aufwendigeren Tisch zusammen. Es machte Spaß, meine zum Teil etwas komplizierten Ideen zusammen mit ihm zu verwirklichen.

Herr Ockel ist ein sehr lieber Mensch, der sehr gut zuhören kann. So brachte er es fertig, einen sehr tollen Tisch mit einigen Raffinessen zu bauen. Da ich mich eigentlich immer auf dem Boden aufhalte und ich mich allein nicht auf meinen Stuhl setzen kann, ist für mich der Tisch wegen der Selbständigkeit wahnsinnig wichtig. So habe ich jetzt vom Boden aus ein großes Angebot, etwas ohne Hilfe zu tun.

Einmal sagte mein Vater, hinterm Haus sei eine ziemlich große und schöne Hofanlage. Meine Mutter und ich konnten es kaum glauben, denn vom Fenster und von der Haustüre aus sah man keine Spur einer Hofanlage. Voller Spannung machten wir uns also auf den Weg, unsere neue Umgebung einmal näher kennenzulernen. Mein Vater führte uns durch ein mir noch fremdes Tor. Von innen sah ich geradeaus eine ziemlich große Baustelle. Kurz davor ging es auf einem schmalen geplättelten Weg linksherum. Und wirklich, wir standen vor einer schönen, großen Grünanlage mit Wiesen und einem Spielplatz. Viele junge Bäume und Sträucher waren dort gepflanzt worden. Dazwischen standen auch ein paar Rosenstöcke. Kleine verspielte Wege führten uns an alle Stellen und Winkel der Grünanlage.

Ich war für den Anfang sehr zufrieden. Die Hofanlage war nicht so eintönig wie der Hof in der Stuttgarter-Straße, und ich nahm mir vor, hier bald mit meinem Wägelchen herumzufahren. Auch außerhalb der Hofanlage hatte ich, wie ich gleich sah, eine Riesenmöglichkeit, selbstständig spazieren zu fahren. Vor allem war der Hof nicht in sich geschlossen, wie es vorher der Fall war. Gegenüber von unserem Hauseingang fingen Arbeiter gerade an, ein Haus zu bauen. Unsere neue Heimat war noch tüchtig beim Aufbau. Die Kräne und das Geklopfe der Arbeiter verursachten einen ziemlich großen Lärm. Auch in der Wohnung war man nicht verschont davon. Meinen Eltern ging das manchmal ganz schön auf den Wecker. Mir dagegen machte es gar nichts aus, ja für mich war der Baulärm sogar beruhigend. Besonders merkte ich es, wenn ich von der Schule kam. Der Baulärm brachte mich immer auf den Gedanken: jetzt bin ich endlich zu Hause. Als das gegenüberliegende Haus noch ziemlich am Anfang der Bauzeit war, es standen gerade die Mauern vom Grundriss, konnten wir vom Küchenfenster aus wunderbar die Altstadt überblicken. Der Blick war herrlich, die vielen kleinen alten Häuser mit den immer etwas verschiedenen Dächern zu sehen. Darüber waren wir etwas traurig, denn wir wussten, dass uns leider bald der schöne Ausblick genommen wird.

Oft bot sich Andrea an, mir Bilder an die Wand zu hängen. Sie konnte mich nicht verstehen, dass ich damit so lange warten konnte. Sie hatte ihr Zimmer schon voll mit Bildern und Postern. Einmal nutzte ich die Gelegenheit aus. Gudrun, die mit meiner Mutter im Krankenhaus war und seither zwischen uns eine nette, freundschaftliche Beziehung entwickelt hatte, schenkte mir aus Holz drei Sternchen und zwei Tannenbäumchen dazu. Ich malte sie mit dem Kopfschreiber in der Schule bei Cornelia nur noch bunt an. Coni war eine sehr nette Beschäftigungstherapeutin. Zu Hause bat ich Andrea schließlich stolz, mir die Tannenbäumchen und die Sternchen an die Wand zu hängen.

In der Küche von Frau Seiler hing ein Kalender. Auf dem gefiel mir das Bild vom Monat März besonders gut. Auf diesem Bild war eine wunderschöne hügelige Wiese mit vielen gelben Frühlingsblumen zu sehen. Im Hintergrund der Wiese steht eine kleine Kapelle, dicht daneben breitet ein ziemlich großer Baum die Äste aus. Als mein Vater zufälligerweise zu Familie Seiler wollte, ließ ich ausrichten, ob ich dieses Bild haben könnte. Wie erstaunt war ich, als mein Vater wieder kam und mir gleich den ganzen Kalender brachte. Da ich ein großer Naturfreund bin, ließ ich mir jeweils die schönsten Bilder von den vier Jahreszeiten herausschneiden. Also hatte ich zunächst einmal meinen Stil gefunden. Die Platzeinteilung von meinen ausgesuchten Naturbildern hat für mich nämlich einen tieferen Sinn. Unter dem Bücherregal oberhalb von meinem Bett hängt das Kommunionkreuz mit meinem Rosenkranz umschlossen. Darum herum hängen noch ein paar Heiligenbilder und ein Bild von meinem verstorbenen Klassenkamerad Klaus. Die Heiligenbilder werden als Dank von mir umrahmt von all den Naturwundern, die nur von Gott kommen. So ließ ich die Bilder aufhängen.

In der Osternacht hörte ich mir im Radio die Auferstehungsmesse an. Das war herrlich. Es war mir so richtig festlich in meinem Zimmer zumute. Am Ostermontag gingen wir dann zum Mittagessen in die Gaststätte zu Tante Anna. Der Weg dorthin löste in mir eine ziemlich große Freude aus. Die Bäume am Straßenrand schauten mir mit ihren jungen, noch ganz hellgrünen, zarten Blättern entgegen, und was mich besonders fröhlich stimmte, waren die Vogelstimmen. Vor lauter Umzug hatte ich in diesem Jahr kaum etwas vom Frühling gehabt. Nachdem wir reichlich gegessen hatten, spazierten wir ganz gemütlich wieder heimwärts. Für mich war es noch lange ein eigenartiges, beglückendes Gefühl, nach einiger Zeit wieder nach Hause zu kommen.

Woran ich mich auch noch gern erinnere: Es war an einem Samstag im April, im Fernsehen kam an diesem Tag gerade die Grandprix-Entscheidung 1980. An diesem Abend hütete ich zum ersten Mal allein die Wohnung. Meine Eltern waren zusammen ausgegangen. Da saß ich nun in dem mir noch ziemlich fremden aber irgendwo doch vertrauten Wohnzimmer und sah mir die Grandprix-Entscheidung an. Die internationalen Liederhits aus 18, nein ich glaube aus 20 Ländern, waren sehr interessant. Katja Epstein mit ihrem Lied „Theater“ gewann den zweiten Platz. Nicht nur das Fernsehen machte den Abend so schön und eindrucksvoll, sondern dass ich zum ersten Mal allein auf mich gestellt war. Die für mich noch neuen Geräusche der Wohnung, die Geräusche, die manchmal von den Nachbarn zu hören waren, der Wind, der sich pfeifend an unserem Balkon verfing, belauschte ich voller Behaglichkeit.

Nach der Fernsehsendung brauchte ich niemanden, der mich ins Bett schleifen musste. Da wir eine Fernbedienung haben, kann ich den Fernsehapparat vom Wohnzimmertisch aus selbst ausschalten. Die Nase ist mir dabei am nützlichsten, weil ich für solche Dinge den Kopf am besten kontrollieren kann. Nun ja, dann fahre ich mit meinem Wägelchen in mein Zimmer, gebe mit meinem Fuß der Tür einen Schups, so dass sie zugeht, und rutsche vom Wägelchen auf den Boden. Ein Glück, dass es wenigstens runter ohne Hilfe geht. Entweder schaffe ich mich dann gleich ins Bett hinein, oder wenn ich noch nicht müde hin, höre ich noch ein bisschen Radio oder Kassetten. Manchmal lese ich auch noch ein Weilchen. Kurz gesagt, in dieser Wohnung fühle ich mich so richtig frei und ja, das kann ich sagen, nur halb so behindert, wie ich es eigentlich bin.

Eines Abends, wir saßen gerade in der Küche beim Abendessen, hatte mein Vater plötzlich eine Idee. Er fragte uns, was wir davon halten würden, noch einen Spaziergang zu machen, um einmal auszukundschaften, wo wir hier künftig in der Nähe am günstigsten unsere Lebensmittel kaufen könnten. Meine Mutter und ich, wir waren sofort mit diesem Vorschlag einverstanden. Mich erfreute es besonders, dass Mami dazu Lust hatte, noch kurzfristig etwas zu unternehmen. Als sie noch mit ihrer Depression kämpfen musste, hätte meine Mutter so einen Vorschlag weinend und ängstlich abgelehnt. Weil wir ihre Reaktionen meist ahnten, fragten wir sie nur noch äußerst selten, ob sie noch ein bisschen raus an die frische Luft wolle. Oft blieben wir dann auch zu Hause.

Draußen war ein typisches Aprilwetter. Manchmal wurde es ganz dunkel, so dass man meinen könnte, jeden Augenblick müsse ein gewaltiger Regenguss herunterprasseln. Aber dem war nicht so. Es fielen nur ein paar Regentropfen zur Erde. Im nächsten Augenblick schien wieder hell und strahlend die Sonne. Man konnte schon, ohne zu frieren, mit offenem Mantel ins Freie gehen. Am Ende von unserem Häuserblock gab es einen Lebensmittelladen. Gegenüber war ein Platz mit Sandhäufen, der mit Brettern umzäunt war. Mein Vater wusste darüber schon von der Zeitung Bescheid.

„Da entsteht ein Platz mit einem Springbrunnen. Junge Bäumchen werden da auch noch eingepflanzt“, erklärte er uns.

Das wird toll, dachte ich. Dann könne ich mit meinem Wägelchen auch an einen belebenden Springbrunnen fahren. Ehrlich gesagt, konnte ich es mir noch schlecht vorstellen, denn hier sah alles noch wie ein riesiges Baufeld aus. Schließlich verließen wir die Markgrafenstraße. Ganz in der Nähe kam ein Metzger laden. Wir schlenderten ein Stück die Fußgängerzone entlang bis zum Berliner Platz. Dort war gerade Wochenmarkt, auf dem wir uns ein wenig umschauten. Als wir genug gesehen hatten, waren wir im Begriff, wieder heimwärts zu gehen. Wir hatten es ja nicht weit. Am Rand des Marktes verkaufte ein Mann frisch gemachte Crêpes. Meine Mutter kaufte sich einen, den sie mit großem Appetit aufaß. Wir saßen lange auf der Bank, die unmittelbar neben dem Stand war. Das war herrlich, die vielen Vogelstimmen zu hören und die Luft roch stark nach Frühling. Es war auch toll, die vielen bunten Blumen wie Osterglocken, Tulpen, Narzissen und Stiefmütterchen in den großen Blumenkübeln zu sehen. Als Mami dann ihren Crêpes gegessen hatte, gingen wir über die Fritz-Erler-Straße wieder heimwärts.

Nach ein paar Tagen kam ich ganz unverhofft zu zwei Wellensittichen. Beim Einkaufen hörte mein Vater ganz zufällig einen Mann, der mit zwei Kindern sprach und ihnen seine Wellensittiche anbot. Aber die Kinder verneinten. Da schaltete sich mein Vater in das Gespräch ein. Er sagte zu diesem Mann, er hätte einen Sohn, der vielleicht Interesse für seine Wellensittiche hätte, er müsse gerade noch fragen. Wie erfreut war der Mann, denn er musste die Vögel nur wegen seiner Katze losbringen. Schon lange suchte er ein neues Heim für seine zwei Wellensittiche und hätte sie, was er äußerst ungern getan hätte, in den Zoo bringen müssen. Nur meine Mutter stand der Sache ein wenig misstrauisch gegenüber. Sie meinte, ich solle mir zu meinem Geburtstag in der Tierhandlung lieber selbst einen jungen Wellensittich kaufen. Doch so eine große Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Jetzt, jeden Augenblick musste der Mann mit den zwei Vögeln kommen. Ich wurde ganz ungeduldig. Plötzlich stand ein Herr Müller mit einem riesigen Vogelkäfig in meinem Zimmer. Ich war sichtlich überrascht, denn es waren schöne und gepflegte Wellensittiche. Herr Müller teilte mir mit, dass es ein Pärchen sei. Ich fragte gleich nach ihrem Namen. Er antwortete mir, der grüne Vogel hieße Hansi, der blaue Vogel dagegen habe überhaupt noch keinen Namen. Das Weibchen habe er sich erst vor wenigen Wochen dazugekauft. Die beiden Wellensittiche saßen ganz verschüchtert eng beisammen auf einem Stängelchen. Sehr interessiert und prüfend schauten sie umher.

Erst am folgenden Tag fingen meine neuen Zimmergenossen im Käfig an, lebendig zu werden. Für das Weibchen hatte ich auch schon bald einen Namen: Betty. Ich dachte, der Name würde gut zu Hansi passen. Als sich die Vögel einigermaßen an das Zimmer und an mich gewöhnt hatten, nahm ich mir vor, sie in zwei, drei Wochen zum ersten Mal fliegen zu lassen. Ich wollte das regelmäßig tun, denn unser letzter Wellensittich war mir eine Lehre. Der wollte nie so richtig aus dem Käfig, aber als er dann schließlich draußen war, machte ihm das Fliegen doch ziemlichen Spaß.

Es folgte eine ziemlich lange Regenzeit. Es regnete über zwei Monate fast ununterbrochen. Mir machte die recht trübe Zeit weniger aus. Ich war so in meinem Zimmer beschäftig. Ich kümmerte mich um meine neuen Vögel, ich las viel, dann legte ich schon alte vergessene Puzzle-Spiele zusammen und schließlich hörte ich viel Musik. Ich nahm vom Radio eine Kassette mit lauter Frühlingsliedern auf. Auch eine Kassette mit den neuesten Hits konnte ich bespielen.

Bald bekam ich zum ersten Mal in dieser Wohnung Besuch von Irene und Angelika. Ich war stolz, sie endlich in meinem Bereich begrüßen zu können, denn in der alten Wohnung mussten wir uns ständig im Wohnzimmer verweilen.

Am letzten Tag des Aprils tippte ich mit der Schreibmaschine selbst ein Landschaftsbild. Im Mai, die Regenzeit war vorbei, machten wir sonntagmittags fast regelmäßig einen Spaziergang in den Schlossgarten. Das war schön, die warme Luft, die so nach Frühling roch. Man fühlte sich jetzt in dieser Jahreszeit frei. Nur mit Pullover musste man sich noch draußen im Freien aufhalten. Herrlich war das viele frische Grün der Wiesen, Sträucher und Bäume! Manche Baumsorten, zum Beispiel die Kastanie, zeigten sich von ihren schönsten Seiten. Ein prächtiges und volles Blütenkleid wurde ihnen geschenkt. Ganz leicht brachte der Wind die Zweige der Bäume in Bewegung. Als meine Eltern nach einiger Zeit müde vom Laufen waren, gingen wir zum Abschluss ein italienisches Eis im Eiscafé Cortina essen.

Drei Wochen waren vergangen, seit ich die zwei Wellensittiche geschenkt bekam. Die Vögel hatten sich schon recht gut bei mir eingelebt. Da bat ich meine Mutter, sie solle den Käfig öffnen. Drei Tage wartete ich erfolglos ab, bis die Vögel sich aus dem Käfig wagten. Sie taten aber so, als ob sie nicht das Verlangen hätten, sich einmal ordentlich auszufliegen. Als auch mein Vater eine Weile zugeschaut hatte, verhalf er ihnen dazu. Mein Vater hob einfach den Oberteil des Käfigs ab, sodass nur noch das Unterteil, wo sich die beiden Vögel befanden, auf dem Schränkchen stand. Hansi und Betty schauten ein bisschen verwirrt umher, aber dann flatterten sie los. Anfangs flogen sie ein wenig unkontrolliert an die Wände, gegen das Glasfenster vom Wohnzimmerschrank usw. Was mich nicht besonders freute, Betty neigte immer dazu, sich an den Rand von meinen Schreibmaschinenbildern zu klammern und ordentlich dran herumzupicken. Die Folgen kann man heute noch sehen. Mit der Zeit kannten meine Wellensittiche jeden Winkel meines Zimmers und konnten ganz toll fliegen. Das einzige komische war, Hansi und Betty kapierten einfach nicht, wie sie allein aus dem Käfig und schließlich in den Käfig kommen sollten. Wir mussten ihnen ständig dazu nachhelfen.

2. Kapitel

Anfänge im Hof

So langsam kam in mir das Verlangen auf, von der neuen Wohngegend ein paar Leute, Jugendliche und Kinder kennenzulernen. Auch nur mit meinem Wägelchen draußen herumzufahren, denn die Regenzeit war vorbei, und die Sonne lachte warm vom Himmel herunter. Ich hatte es lange genug hinausgeschoben. Es kostete anfangs für mich schon einige Überwindung, allein mit meinem Wägelchen draußen spazieren zu fahren. Ich als Fremder und dann noch im Rollstuhl. Doch Carmela, die früher in meiner Klasse war und Erika, eine Betreuerin meiner Schule, wohnten auch hier.

Eines Tages, es war im Juni kurz vor den Sommerferien, das Wetter war sonnig und warm, packte ich es doch. Mein Vater fuhr mit mir den Aufzug hinunter und öffnete mir unten die Tür. Dann fuhr ich einfach mal drauf los. Auf dem großen Platz, von dort konnte ich mein Zimmerfenster sehen, fuhren kleinere Kinder mit Rädern oder Rollschuhen und die Kleinsten fuhren stolz mit ihren Kettcars umher. Manche von ihnen fuhren auf mich zu und betrachteten mich interessiert von allen Seiten.

Dabei fragten sie mich: Bist du krank, gell, du hast einen Unfall gehabt, tut dir der Fuß weh, warum musst du dich immer so bewegen, musst du die ganze Nacht in diesem Stuhl sitzen bleiben usw.

Ich stand den Fragen offen gegenüber und versuchte, sie so gut wie möglich zu beantworten. Die Kinder interessierten sich brennend dafür.

Patrizia, Carmelas Schwester, kam mit noch einem gleichaltrigen Mädchen aus dem Tor der Hofanlage auf mich zu und stellte mir zunächst einmal ihre Freundin vor.

Schließlich rief Patrizia: „Komm mit, ich zeig dir alles.“ Sie und ihre Freundin spazierten voraus, ich fuhr ihnen hinterher. Zunächst einmal durch das Tor hindurch, dann ging es links in die Hofanlage, wo sich die Wege verzweigten. Patrizia führte mich an ihren Balkon, wo ihre Familie wohnte.

Mir lief in der Mittagshitze der Schweiß herunter. Plötzlich fragte mich Patrizia, ob sie Carmela rufen sollte. Ich nickte freudig. Schon nach wenigen Rufen schaute Carmela vom Balkon herunter. Wir plauderten eine ganze Weile über unseren Wohnungswechsel, über die Schule usw. Anschließend schaute ich Patrizia mit ihrer Freundin und mit noch ein paar Kindern zu, wie sie im Sand spielten. Sie zeigten mir voller Stolz die Burg, die sie bauten.

Ich war richtig froh, dass mir Patrizia diesen Schritt erleichtert hatte, denn nun war der Anfang gemacht, und ich fühlte mich schon nicht mehr so furchtbar fremd. Als es Abend wurde, fuhr ich durch die Hofanlage auf der anderen Seite wieder heim.

Bei meinem zweiten Ausflug fuhr ich schon selbstsicherer in der neuen Umgebung umher. Dieses Mal fuhr ich die Markgrafenstraße entlang bis zum Springbrunnen, der inzwischen schon fertig geworden war. Das Geplätscher, das auch von meinem Zimmer zu hören ist, wirkt auf mich irgendwie beruhigend. Vier, fünf Kinder standen mit nackten Füßen im Wasser und bespritzten sich gegenseitig. Auf einer Bank saß eine ältere Frau. Sie schaute, wie ich, den lachenden Kindern zu. Manchmal streifte mein Blick den Primaladen, der unmittelbar vor dem Brunnenplatz ist. Dort herrschte reger Betrieb. Leute eilten ein und aus. Manche, es waren auch Jugendliche darunter, waren mit Fahrrädern gekommen, die sie hastig in die Fahrradständer vor dem Laden stellten. Zuletzt fuhr ich noch etwas um den Häuserblock. Ich kam an vielen Schaufenstern vorbei. An einigen klebte noch ein großes Plakat: „LADEN ZU VERMIETEN“.

Der Gehweg war nur provisorisch geteert. Einige Stellen waren so schräg und uneben, dass ich beim Fahren ganz schön Kraft brauchte.

Bei meiner dritten Entdeckungsfahrt erging es mir so: Ich fuhr wieder einmal vor an den Zwischenplatz, um in die Hofanlage ins Grüne zu gelangen. Als ich auf die Auffahrt auffuhr, die extra für die behinderten Anwohner als auch für Kinderwägen gemacht worden ist, sah ich auf einer Bank fünf Jugendliche sitzen. Zwei Jungs, die auf ihren Mopeds saßen, standen davor. Ich bemerkte, wie das Gespräch von ihnen ein bisschen ins Stocken geriet, während ich an ihnen hinten vorbeifuhr. Wir waren nur durch eine niedrige Betonmauer getrennt. Alle waren so im Alter zwischen 15 und 19 Jahren. Zwei Mädchen waren auch dabei. Eine mit rötlich blonden Haaren und einer Brille lächelte mir freundlich entgegen, als ich etwas unsicher hinter ihnen weiter durch das Tor in die Hofanlage eilte. Wie ich schließlich die Hofanlage erreichte und einige kleine Kinder, die ich zum Teil schon kannte, sah, dachte ich so bei mir: Es genügt dir nicht, nur die kleinen Kinder zu kennen. Du musst jetzt wieder vor das Haus zu den anderen fahren. Mit einiger Überwindung folgte ich meiner inneren Stimme. Schon vom Tor aus sah und hörte ich, dass noch mehr Jugendliche gekommen waren.

Als ich an die Stelle kam, wo es abwärts geht und mein Wägelchen sich fast selbständig machte, wandte sich mir ein ziemlich großer, blondhaariger, etwas stark gebauter Junge zu. Er fragte mich nach meinem Namen. Das Kopfsteinpflaster half mir ein wenig, mein Wägelchen zu stoppen.

Ich antwortete ihm: „Michael“.

Der Junge lachte und sagte mir, dass er auch Michael heiße. Anschließend fragte er mich, ob ich hier irgendwo frisch eingezogen sei und wo ich denn wohne.

Nachdem ich ihm geantwortet hatte, rief er;

„Komm, setz dich doch ein wenig zu uns!“

Also ließ ich mein Wägelchen rollen, kratzte die Kurve und setzte mich zu den Jugendlichen an die Bank.

Michael erzählte mir gleich, dass es hier schon drei Michaels gäbe. Dabei klopfte er einem, der vor mir saß, auf den Rücken und meinte spaßig: „Der heißt auch Michael!“

Nachdem ich den Gesprächen ein wenig zugehört hatte, fragte mich plötzlich ein anderer, ob ich einen Unfall gehabt hätte. Viele schienen sich dafür zu interessieren, denn es war ziemlich ruhig geworden, als ich ihm antwortete.

Es dauerte nicht lange, da fragte mich wieder ein anderer, ob ich auch in die Schule ginge und wie ich dorthin käme.

Ich erwiderte: „Ja, ich besuche eine Schule.“

„In welche Schule gehst du?“ wurde ich von der anderen Seite gefragt.

„In die Körperbehindertenschule. Sie ist in Rintheim und von einem Stadtbus, der alle behinderten Schüler fährt, werde ich jeden Morgen zur Schule gebracht und mittags um viertel vor drei komme ich schließlich wieder mit dem Bus heim.“

Nach einer Pause wurde ich über mein Hobby befragt.

Ich gab ihnen zur Antwort: „Viel Musik vom Radio oder von der Kassette hören. Außerdem lese ich sehr viel. Pflanzen machen mir auch sehr viel Spaß.“ Das Gespräch wurde immer lockerer. Es entwickelte sich später mit viel Spaß und Bekanntmachungen ein ganz schöner Mittag. Dabei stellte ich fest, dass auch Carmelas Brüder, Gino und Marijano, anwesend waren. Ich musste mir gleich beim ersten Mal viele Namen merken, die ich entweder nachgefragt oder rausgehört hatte.

Begeistert erzählte ich zu Hause meine Erlebnisse. Danach fügte ich hinzu: Ich glaube, mein ewiger Wunsch, hier in Karlsruhe ein paar Kumpels zu finden, ist in Erfüllung gegangen.

Nach diesem Tag fuhr ich immer öfters runter in den Hof. Zum Glück hatten schon die Sommerferien begonnen. So machte ich mich, wenn es nicht all zu heiß war, schon nach dem Mittagessen selbständig. Nur zu dieser Zeit waren meist die Jugendlichen noch nicht da. Öfters schaute ich dann in der Hofanlage zu, mit welcher Freude, drei, vier Jungs und ein Mädchen am Gerüstbau herumkletterten. Sie waren im Alter zwischen acht und fünfzehn Jahren. Manchmal sah es ein wenig gefährlich aus, doch je mehr es wackelte, knarrte und quietschte, desto mehr konnte man ihnen den Spaß aus den Augen quellen sehen. Auch beobachtete ich, mit welch einer riesigen Begeisterung die Kinder auf dem großen Baugelände herumtollten. Sie kämpften, balgten und sprangen von den hohen Sandbergen in die Tiefe hinunter. Dieses freie Gelände sollte später mit der Hofanlage eingeschlossen werden. Arbeiter fuhren mit Lastwägen Erde und Sand herbei, um den Betonboden der Tiefgarage zu verdecken.

Wenn es mir in der Sonne doch zu heiß wurde, fuhr ich wieder an die Straße vor, die gekennzeichnet war durch die Motorgeräusche der Kräne und dem Geklopfe der Arbeiter. Manchmal, kam auch ein schrilles Geräusch auf. Es hörte sich an, als wenn Arbeiter etwas geschliffen hätten. Das Haus gegenüber war schon gewaltig gewachsen.

Als ich wieder mal in die Hofanlage fuhr, erblickte ich vor dem Clubraum, wo auch Tische und Sitzgelegenheiten vorhanden sind, ein paar Jugendliche. Nur zwei davon, die Birgit und den Jasmingo, kannte ich. Ein blonder Junge saß am Boden an die Hauswand gelehnt und unterhielt sich mit Jasmingo. Die andern saßen an den Tischen und tuschelten miteinander. Noch einmal überkam mich ein seltsames Gefühl. Ob ich mich hier einfach dazusetzen kann.

Aber eine andere Stimme sagte mir: „Ach Quatsch, warum denn nicht.“ Also fuhr ich einfach hinein in die Runde und hörte zunächst einmal nur den Gesprächen zu. Ich wollte mich ja nicht irgendwie aufdrängen. Nach kurzer Zeit kamen auch Gino, Marijano und Michael, ihn nannten wir alle nur Liede, dazu, die ein wenig Leben hereinbrachten. Sie machten einigen Blödsinn, diskutierten über Kinofilme und tauschten gegenseitig Erlebnisse aus, wo ich ab und zu auch mitreden konnte. Auf einmal merkte ich, dass mich Liede eine längere Zeit beobachtet hatte.

Plötzlich fragte er mich ganz ungezwungen: „Du! Warum legst du deine Hände so krumm hin?“ Dabei versuchte er meine Lage nachzumachen. Er lachte und sagte zu den anderen: „Das bekomm ich nicht fertig.“

Ich antwortete: „Wenn ich ehrlich bin, mache ich es nur aus Bequemlichkeitsgründen, weil ich so nicht so verkrampft bin.“

„Das heißt also, du kannst deine Hände auch grad machen?“

Ich antwortete: „Ja.“

„Zeig es uns doch mal“, bat mich Liede.

Nachdem ich ihnen das gezeigt hatte, sagte er: "Gell, du verzeihst mir, dass ich dich so furchtbar blöd und neugierig ausgefragt habe."

Ich entgegnete: „Aber nein, ich finde das schon in Ordnung, wenn du dich für meine Behinderung interessierst, warum sollst du nicht mit mir darüber sprechen können. Wenn ich keine Behinderung hätte, wüsste ich nicht genau, ob ich mich einem behinderten Menschen gegenüber nicht noch viel blöder verhalten würde wie du.“

Gino erzählte ihm, von Carmela wisse er, dass ich mit dem Kopf schreiben würde. Etwas verdutzt schauten er und auch die anderen umher.

„Ja, wie denn das?“ fragten mich die Leute ganz erstaunt.

„Mit dem Kopf Schreiber“, erwiderte ich, „den ich einfach, wie einen Hut auf den Kopf gesetzt bekomme. Nur, dass vorne an der Stirn ein Stab befestigt ist, der ein wenig abgebogen bis auf die Tastatur reicht. So arbeite ich in der Schule. Allerdings zu Hause schreibe ich mit dem Mund. Mein Zahnarzt hat mir ein Mundstück angefertigt, an dem ebenfalls vorne ein Stab befestigt ist.“

Liede fügte ganz fasziniert hinzu: „Dann kannst du in der Schule bei richtigen Aufsätzen und Diktaten mitschreiben?“

Ich antwortete: „Ja, es geht, nur etwas langsamer, aber es geht. Zu Hause male ich auch Bilder mit der Schreibmaschine.“

Daraufhin platzte dem Liede fast die Geduld. „Au, können wir die Bilder einmal sehen?“

„Ja, kommt mit“, sagte ich kurz entschlossen und drehte mein Wägelchen schon in Fahrtrichtung.

Als wir klingelten, fragte meine Mutter: „Soll ich runterkommen?“

„Nein, nein, das brauchst du nicht.“

Meine Eltern waren schon etwas erstaunt, als ich mit noch vier Jungs aus dem Aufzug kam. Gleich führte ich sie durch den Flur um die Ecke in mein Zimmer. Sofort entdeckten sie meine Schreibmaschinenbilder an der Wand. Sie standen etwas verblüfft davor und fragten mich, ob ich die Bilder wirklich allein gemacht hätte.

Liede versuchte, die verschiedenen Zeichen und Buchstaben der Basilika von Lourdes zu entziffern.

Schließlich wollten alle wissen, wie lange ich an einem Bild arbeiten muss.

Ich erklärte ihnen: „Bei der Basilika von Lourdes, die ich erst kürzlich getippt habe, habe ich volle sechs Tage gebraucht. Bei den anderen Bildern brauche ich so zwei bis drei Tage.“

Als meine neuen Kameraden sich die Bilder genügend betrachtet hatten, wandten sie sich um und sahen interessiert auf das Tischchen, auf dem meine Schreibmaschine stand.

Nachdem sich mein Besuch noch ein wenig in meinem Zimmer umgesehen hatte, fragte mich Gino: „Was ist nun, Micha, gehst du mit uns wieder runter in den Hof?“

Ich war sofort dabei, und wir zogen noch einmal los.

„Du bist ja fast nur noch unterwegs“, rief mir mein Vater spaßig nach.

Inzwischen war es draußen schon dunkel geworden. Doch auch ohne Sonne mussten wir sehr schwitzen. Es war unheimlich schwül, und die Hitze saß in den Häuserwänden fest. Auf der Mauer unter den Hoflaternen war eine große Versammlung junger Leute. Darunter waren wieder Leute, die ich noch nicht gesehen hatte. Da saß zunächst einmal ein blondhaariger Junge, daneben saß ein Mädchen mit hellblondem, schulterlangem Haar. Sie hießen Hansi und Silvia. Dicht vor dem Ende der Mauer saß ein Junge, der etwas jünger war als die anderen. Ich schätzte ihn so vierzehn Jahre.

Habe ich den nicht schon irgendwann gesehen? überlegte ich. Ja richtig, da fiel es mir ein. Er kletterte heute Mittag mit noch ein paar anderen seines Alters auf dem Gerüstbau herum. Auch seinen Namen wusste ich bald. Thorsten hieß er.

Gino und die drei anderen, die bei mir oben waren, erzählten ihnen sofort von den Schreibmaschinenbildern. Dadurch kam ich auch mit Hansi sehr schnell ins Gespräch. Es war einfach herrlich. Thorsten und Silvia waren mir gegenüber noch etwas zurückhaltend. Ich hatte das Gefühl, sie wussten noch nicht recht, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollten. Später kam auch noch Carmela dazu.

Lästig waren die Schnaken, die fast schwarmartig durch die Hoflaternen angezogen wurden. Wir hatten es schwer, sie von unseren Körperteilen fernzuhalten. Carmela rieb mich extra mit einem Essiglumpen ein, den sie von oben geholt hatte. Da es aber kaum besser wurde, fuhr ich bald heim. Gino brachte mich in den Aufzug, drückte mir das dritte Stockwerk und ließ mich allein hochfahren. Oben war die Wohnungstüre schon offen. Freudig begrüßte ich meine Eltern und fuhr in mein Zimmer.

Nachdem man mich ausgezogen und gewaschen hatte, konnte ich aber noch nicht ins Bett. Um mich von dem schönen Tag abreagieren zu können, musste ich erst noch ein wenig Musik hören. Selbst als ich mich nach einiger Zeit schlafenlegte, konnte ich vor Glückseligkeiten und Hitze kaum einschlafen.

Am nächsten Tag, beim Mittagessen, sah ich immer wieder aus dem weit geöffneten Küchenfenster hinaus. Über dem neu gebauten Haus, wo tief gebräunte Arbeiter das letzte Stockwerk errichteten, zog sich ein blauer, wolkenloser Himmel. Trotz geöffnetem Fenster rannte besonders meiner Mutter der Schweiß herunter, überhaupt keinen Windhauch vom Fenster her verspürte man. So entsetzlich heiß stand die Luft in der Wohnung.

An diesem Mittag nahm sich mein Vater vom Geschäft frei. Er kam, als ich gerade in meinem Zimmer vor dem Fenster stand und meine Pflanzen betrachtete. Beim Pflegen der Zimmerpflanzen ersetzt meine Mutter praktisch meinen Arm. Sie begießt meine Pflanzen genau nach meinen Anweisungen. Somit kann ich trotzdem das Gefühl genießen, ich würde für meine Pflanzen eigenhändig sorgen.

Mein Vater fragte mich: „Würde es dir Spaß machen, kurz bevor sich das Rüppurrer Freibad leert, abends noch ein wenig im Schwimmbecken herumzupaddeln?“

Zunächst wusste ich gar nicht, wie er das meinte, doch ich nickte trotzdem erfreut den Kopf.

Wenige Minuten später hörte ich meinen Vater am Telefon reden: „Gut, dann komm ich heute Abend um achtzehn Uhr mit meinem Sohn. Danke schön, dass sie das möglich machen, mein Sohn wird sich bestimmt freuen.“

Ich fragte, mit wem er denn gesprochen habe.

Er gab mir zur Antwort: „Mit dem Badeamt“. Dabei öffnete er stolz den Schrank, um meine Badehose herauszuholen. Weiter sagte er: „Heute Abend gehen wir noch ins Freibad. Kurz bevor die Tore geschlossen werden und die Leute gerade in Aufbruchstimmung sind, können wir noch eine halbe bis dreiviertel Stunde ins Wasser.“

Als wir am Abend das Auto in der Nähe vom Rüppurer Bad geparkt hatten, kamen uns schon ganz viele Leute, die aus dem Bad strömten, entgegen. Es gab welche, die schön gleichmäßig gebräunt waren. Darunter gab es aber auch Leute, die sich einen großen Sonnenbrand am ganzen Körper geholt hatten. Wir kamen direkt in die Gegenströmung, als wir durch die Eingangspforte gingen.

Die Lautsprecher ertönten im ganzen Badegelände, dass es jetzt langsam Zeit wäre, die Schwimmbecken und das gesamte Badegelände zu verlassen. Ganz vereinzelt lagen noch Leute auf ihren Teppichen, die gerade den Anschein machten, ihre Sachen einzuräumen. Ab und zu kam jetzt ein Wind auf, der die Blätter der großen Eichenbäume zum Rascheln brachte. Es roch nach frischem Grün der Wiese, und manchmal stieg mir der Chlorduft von den Badebecken in die Nase.

In der Nähe der Dusche legte mein Vater ein großes Handtuch aus. Jetzt war ich wirklich ganz ungeduldig, ins Wasser zu kommen. Nachdem wir das Wenige an unseren Körperteilen ausgezogen hatten, duschten wir uns kalt ab. Schließlich hob mich mein Vater mit dem Autoreifen ins Wasser hinein. Ach, war das ein herrliches nasses Gefühl! Im Gegensatz zur Dusche kam mir das Wasser richtig warm vor.

Nur noch ganz wenige Menschen waren mit mir im Schwimmbecken. So konnte ich nach Herzenslust mit den Füßen strampeln. Ja, ich paddelte und strampelte so lange ununterbrochen, bis mir die Puste ausblieb. Mein Vater verweilte sich unterdessen am Beckenrand und schaute mir beim Schwimmen zu. Als ich das Schwimmbecken der Breite nach drei bis vier Mal durchschwommen hatte, kam auf einmal eine ziemlich tiefhängende schwarze Wolkendecke auf, die bedrohlich den blauen Himmel verdrängte. Auch der Wind, der schon einem Sturm glich, wurde immer stärker. Noch lauter als vorher raschelten die Blätter an den Bäumen.

„Es sieht aus, als ob ein gewaltiges Gewitter im Anzug sei“, stellte mein Vater fest. „Komm jetzt lieber raus, wir wollen uns schleunigst anziehen und heimfahren, bevor es zum Regnen kommt“, meinte er weiter. Und es war gut so. Wir erreichten gerade noch unser Auto, als das Gewitter ausbrach. Es donnerte und blitzte. Ein gewaltiger Regenguss folgte sogleich. Dicke Regentropfen trommelten aufs Autodach. Mein Vater musste den Scheibenwischer auf die höchste Geschwindigkeit stellen. Die Bäume wurden von dem Sturm heftig durchgeschüttelt. Viele vergilbte Blätter flogen in der Luft umher. Mein Vater äußerte schwere Bedenken, dass es uns die Blumenkästen von dem Balkon herunterreißen könnte. Aber die Abkühlung war einerseits notwendig, denn die letzten Tage waren einfach zu heiß.

Als wir schließlich in der Markgrafenstraße geparkt hatten und mich mein Vater vom Auto in den Rollstuhl gesetzt hatte, war es mir schon etwas frisch. Doch ich fühlte mich pudelwohl. Das Baden hat mir gutgetan.

Einmal, das kam auch mal vor, kam ich mit einem fremden Mädchen aneinander. Sie saß mit den anderen am Rande der Markgrafenstraße. Sie hielt mich richtig für blöd, und zwar nicht aus Unsicherheit, sondern aus Überheblichkeit. Sie redete mit mir fast noch schlimmer, wie man mit einem Kleinkind spricht: Ei, ei, ei, usw.

Ich wehrte mich dagegen und fragte sie, für wen sie mich eigentlich hielte und ob sie mit allen so dämlich redete. Als sie gerade weiter machte, wandte ich mich einfach den anderen zu und sagte laut: „Na ja. Blöde muss man eben lassen.“

Harry und auch die anderen konnten das nur bestätigen. Und als mir Harry sagte, dass sie bereits 22 sei, meinte ich, mich träfe der Schlag.

Anschließend führte uns Wolfgang voller Stolz sein gerade gekauftes Auto, einen Gebrauchtwagen, vor. Nach einer kurzen Zeit riefen mich Gino und Birgit, die Silvia war auch noch dabei, ich solle mit ihnen in die Hofanlage kommen. Freudig nahm ich diese Aufforderung an und fuhr ihnen die leichte Steigung hinauf durch das Tor nach. Unter den Balkons saßen Ralf Hempel und noch ein Mädchen, das, wie ich mit der Zeit erfuhr, Doris hieß. Wir gesellten uns zu ihnen. Später kamen Marijano, Jasmingo, Wolfgang und Michael auch noch nach.

Wieder verging die Zeit so rasch. Im Nu war es 22:00Uhr. Die Gespräche kann ich gar nicht alle niederschreiben. Es wäre einfach zu viel Stoff.

Wenn ich hoch gehen möchte, ist immer jemand bereit, mich in den Aufzug zu bringen. (Bis heute hat sich in dieser Hinsicht wenig geändert.) So kam ich im Sommer meist sehr spät nach Hause.

Die Hitze hielt einige Zeit an. Für mich war es schon Selbstverständlichkeit geworden, dass ich meinen Oberkörper morgens nicht bekleiden musste. Trotzdem war meine Mutter so fit, dass sie häufig nach dem Frühstück in die Bibliothek ging, um sich in aller Ruhe ein paar Bücher auszuleihen.

Sie wurde plötzlich so lesebegierig. In fünf Tagen hatte meine Mutter ein Buch ausgelesen. Manchmal nahm sie mich auch mit in die Bibliothek. Jetzt war es ja auch für mit dem Aufzug unbeschwerlich, mit mir fortzugehen.

Einmal spazierten wir zusätzlich in der Altstadt umher und betrachteten die alten, noch übriggebliebenen Häuserreihen. Einige Häuser davon sind noch bewohnt. Das sahen wir an den Vorhängen, die noch hinter den Fenstern hingen.

Um 12:30 Uhr kamen wir dann in Schweiß gebadet nach Hause. Da wir in dieser Hitze überhaupt keinen Hunger verspürten, richtete uns meine Mutter gerade zwei Marmeladenbrote. Das reichte uns vollkommen aus.

Meine Mutter hat so die Gewohnheit, kurz nach dem Mittagessen noch in aller Ruhe einen Kaffee zu trinken. Das ist auch für mich sehr gemütlich. Dabei plaudern wir noch ein wenig miteinander, bevor ich mich meist wieder runter in den Hof verzog. Zuerst drehte ich meine Runden. Ich fuhr trotz der heißen Sonne durch die Hofanlage. Als es mir schließlich doch zu heiß wurde, fuhr ich oft zum Brunnen, bei dem ich manchmal schon beim geringsten Windhauch eine leichte, kühle und erfrischende Wasserbrise abbekam. Anschließend nutzte ich immer wieder den Schatten und fuhr noch durch die Fritz-Erler-Straße an den erst frisch eröffneten Laden entlang. Darunter hatten auch die Eltern von Carmela Boiano eine Kleiderboutique eröffnet. Oft half auch Carmela darin aus. Wenn sie gerade keinen Kunden zu bedienen hatte, kam sie heraus zu mir, und wir hielten zusammen ein kleines Schwätzchen.

Einmal kam mir zufällig Gino entgegen. Er rief „Hey, Michael! Kommst du mit zur Bank?“

Ich folgte ihm, und wir quatschten dabei auch über belanglose Dinge. Schließlich, an der Bank angekommen, erzählte mir Gino auch ein wenig von Italien, sollte. Auch, dass es dort 99 Fernsehprogramme geben sollte.

Dem stehe ich eigentlich sehr kritisch gegenüber, weil die Menschheit so der Gefahr ausgesetzt ist, das Fern-sehen als wichtigstes Hobby zu betrachten. Somit sehen sich Menschen nur aus Distanz. Dies finde ich sehr bedenklich! Man braucht also keine Leute mehr unbedingt zu sich ins Wohnzimmer einzuladen, um sich bei einer netten Unterhaltung vom Alltagstrott abzulenken, sondern man lässt sich ganz einfach unterhalten. Somit ist man immer seltener gewillt, sich mit Leuten auseinanderzusetzen. So ist aus dem Nahsehen ein Fern-sehen geworden.

Bei meiner Betrachtung sah mich Gino mit einem nachdenklichen Blick von der Seite an. Doch wie immer, saßen wir nicht mehr lange allein da.

Eines Tages, es war ebenfalls sehr heiß, lud ich meinen früheren Klassenkameraden, Andreas, ein. Nachdem wir in meinem Zimmer ein wenig Musik gehört hatten, wollte ich Andreas draußen den Hof zeigen. Während ich ihn durch meine neue Umgebung führte, machten wir einigen Blödsinn miteinander. Wir spazierten durch einige Baustellen. Auch vor der neuen Tiefgarage an der Fritz-Erler-Straße, die noch im Bau war, machten wir nicht halt. Wir quetschten uns einfach durch die Spalte und vorsichtig pirschten wir uns ein Stück weiter. Es wurde immer dunkler. Plötzlich ging es nur noch abwärts.

Ich schaute Andreas an, er schaute mich an. „Komm, wir gehen mal runter, um einmal zu sehen, wie es unten ist.“ Andreas war mit meinem Vorschlag sofort einverstanden.

Damit ich meine Kontrolle über mein Wägelchen nicht verlor, denn es war ziemlich steil, fuhr ich lieber vorwärts die geteerte Straße hinunter. Als wir ungefähr die Hälfte geschafft hatten, überlegten wir es uns doch anders. Rasch eilten wir wieder hoch, dem Tageslicht entgegen, weil wir plötzlich befürchteten, dass die große Schiebetür ganz zufallen würde und wir nicht mehr hinaus kämen. Wir malten uns das schon aus, die ganze Nacht, und vielleicht noch in der noch nicht in Betrieb gesetzten dunklen Tiefgarage festzusitzen.

Also, obwohl es da unten angenehm kühl war, traten wir lieber wieder ins Freie.

Zunächst blendete uns das Tageslicht in den Augen. Später gingen wir in den Hof. Da kam auch Liede dazu. Andreas gefiel es auch, einmal mit anderen Leuten zu plaudern. Der Nachmittag verlief ganz normal bis auf den Abend.

Das war so: Als die Ersten vor dem verschlossenen Tor standen, ich war noch nicht so weit, wollte irgendjemand von den Jungs hastig das Tor aufschließen, das bei Dunkelheit immer abgeschlossen wird. Aber zum Schrecken aller brach der Schlüssel im Schloss ab. Recht ratlos standen wir vor dem Tor und sahen durch die Gitterstäbe.

„Na, das ist doch kein Problem. Wir müssen eben durch die Baustelle und außen herum gehen“, meinte Liede und wollte sich schon auf den Weg machen.

„Ihr seid gut, und was machen wir mit Michael?“ fragte Gino besorgt.

„Ja, das ist wahr, Michael können wir hier nicht übernachten lassen. Einer von uns muss ihn eben über die Baustelle tragen“, meinte Birgit.

Liede stellte sich dafür bereit und Gino trug mein Wägelchen hinterher. Andreas lachte nur und humpelte über die Unebenheiten recht vorsichtig neben Gino her. Auf der Baustelle gab es natürlich keinen Weg. Wir mussten über so manchen Sandhügel stolpern. Dadurch rutschte ich Liede fast durch die Arme. Birgit konnte mich gerade noch auffangen. Da erklärte ich ihnen, dass, wenn man mich hält, ich auch ein wenig laufen könne. Also stellte mich Liede nach einem großen Stück auf den Boden und hielt mich rechts unter dem Arm fest.

Auf der anderen Seite hakte sich Birgit bei mir ein, und so setzten wir unsere Wanderung fort. „Das ginge ja ganz gut", meinten sie etwas überrascht.

Hinterher riefen mir Gino und Andreas spaßig zu: „Das ist ein guter Sport für dich, dies müsstest du öfters machen.“

Schließlich erreichten wir das andere Tor zur Kapellenstraße recht schnell. Somit konnten mich Liede und Birgit wieder in mein gewohntes Gefährt setzen und ich konnte mich auf dem geteerten Gehweg wieder selbst fortbewegen. Die Jungs und Birgit begleiteten uns noch bis zu meiner Haustür. Unterwegs versicherte mir Andreas mehrmals, wie sehr es ihm heute gefallen habe.

Als wir schließlich die Hausnummer 25 erreicht hatten, schaute Andreas auf seine Armbanduhr. "Oh, es ist ja schon 21:00 Uhr vorbei. Dann mach ich mich jetzt auf den Heimweg", meinte er.

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, brachte mich Gino noch in den Aufzug und ließ mich nach oben fahren.