Sein Geheimnis - Viola Maybach - E-Book

Sein Geheimnis E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. »Lassen Sie es etwas langsamer angehen, Herr Färber«, sagte Hanja Schüle zu ihrem Patienten. »Sie sind sechzig Jahre alt, Sie müssen keine Bäume mehr ausreißen. Dass Sie regelmäßig Sport treiben, ist sehr gut, aber Sie wissen, dass Sie auf Ihr Herz aufpassen müssen. Walken wäre besser für Sie als joggen – für Ihr Herz, aber auch für Ihre Gelenke. Belastung ist gut, Überlastung ist schlecht.« Sie sagte ihm das nicht zum ersten Mal, aber es konnte nicht schaden, es bei jedem seiner Besuche zu wiederholen. Er war ein hartnäckiger Fall, seine nächsten Worte bewiesen es einmal mehr. »Walken macht mir aber keinen Spaß«, murrte Reinhard Färber. »Und ich merke mein Herz überhaupt nicht, wenn ich jogge, ehrlich nicht. Ich fühle mich super, sonst würde ich es doch gar nicht machen, Frau Doktor!« Hanja Schüle war fast zwanzig Jahre jünger als ihr Patient, aber sie hatte, seit sie an der Kayser-Klinik im Münchner Südwesten arbeitete, schon sehr viel gelernt, und so wusste sie, dass Reinhard Färber keine Ausnahme darstellte: Viele Männer in seinem Alter wollten 'es noch einmal wissen', sich beweisen, dass sie noch leistungsfähig waren und mit Jüngeren durchaus mithalten konnten. Ja, Reinhard Färber war gut in Form insgesamt, aber sein Herz hielt mit dem Rest nicht ganz so gut mit. Er wusste das, und sie, die schon länger seine Kardiologin war, wusste es erst recht. Er sollte Sport treiben, ja, aber er sollte sich dabei nicht überanstrengen. Er behauptete zwar, das täte er auch nicht, aber sie kannte ihn gut genug, um seinen Angaben zu misstrauen. Außerdem war er noch schlanker und sehniger geworden seit seinem letzten Besuch, auch das war ihr nicht entgangen. »Ich würde gern noch ein EKG machen«, sagte sie.

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Seitenzahl: 117

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der neue Dr. Laurin – 60 –Sein Geheimnis

Sandra weiß fast nichts über ihren Vater!

Viola Maybach

»Lassen Sie es etwas langsamer angehen, Herr Färber«, sagte Hanja Schüle zu ihrem Patienten. »Sie sind sechzig Jahre alt, Sie müssen keine Bäume mehr ausreißen. Dass Sie regelmäßig Sport treiben, ist sehr gut, aber Sie wissen, dass Sie auf Ihr Herz aufpassen müssen. Walken wäre besser für Sie als joggen – für Ihr Herz, aber auch für Ihre Gelenke. Belastung ist gut, Überlastung ist schlecht.«

Sie sagte ihm das nicht zum ersten Mal, aber es konnte nicht schaden, es bei jedem seiner Besuche zu wiederholen. Er war ein hartnäckiger Fall, seine nächsten Worte bewiesen es einmal mehr.

»Walken macht mir aber keinen Spaß«, murrte Reinhard Färber. »Und ich merke mein Herz überhaupt nicht, wenn ich jogge, ehrlich nicht. Ich fühle mich super, sonst würde ich es doch gar nicht machen, Frau Doktor!«

Hanja Schüle war fast zwanzig Jahre jünger als ihr Patient, aber sie hatte, seit sie an der Kayser-Klinik im Münchner Südwesten arbeitete, schon sehr viel gelernt, und so wusste sie, dass Reinhard Färber keine Ausnahme darstellte: Viele Männer in seinem Alter wollten ‚es noch einmal wissen‘, sich beweisen, dass sie noch leistungsfähig waren und mit Jüngeren durchaus mithalten konnten. Ja, Reinhard Färber war gut in Form insgesamt, aber sein Herz hielt mit dem Rest nicht ganz so gut mit. Er wusste das, und sie, die schon länger seine Kardiologin war, wusste es erst recht. Er sollte Sport treiben, ja, aber er sollte sich dabei nicht überanstrengen. Er behauptete zwar, das täte er auch nicht, aber sie kannte ihn gut genug, um seinen Angaben zu misstrauen. Außerdem war er noch schlanker und sehniger geworden seit seinem letzten Besuch, auch das war ihr nicht entgangen.

»Ich würde gern noch ein EKG machen«, sagte sie. »Das letzte liegt schon eine Weile zurück, und wie Sie wissen, war es nicht zufriedenstellend.«

»Jetzt?« Er klang entsetzt. »Das geht nicht, auf keinen Fall, Frau Doktor, ich kann echt nicht. Beim nächsten Mal, ja?«

Sie zögerte. »Aber nur, wenn Sie mir versprechen, ein paar Gänge zurückzuschalten.«

»Ich überfordere mich nicht, das verspreche ich Ihnen.«

»Trainieren Sie eigentlich auf ein bestimmtes Ziel hin?«, fragte sie in beiläufigem Ton.

»Nein, wie kommen Sie denn auf die Idee? Ich laufe nur zu meinem Vergnügen.«

»Jeden Tag.« Sie fragte nicht, sie stellte es fest.

»Beinahe, ja. Sie wissen, dass ich einen Beruf habe, in dem ich nur am Computer sitze, ich brauche den Ausgleich.«

»Herr Färber.« Sie setzte sich ihm gegenüber, sah ihn an, so lange, bis er ihren Blick endlich erwiderte. »Ich sage es Ihnen noch einmal: Sie müssen auf Ihr Herz achten, Sie dürfen sich nicht überanstrengen. Und Stress sollten Sie möglichst auch vermeiden. Ich meine es ernst.«

»Das weiß ich ja. Aber Stress zu vermeiden ist im Augenblick leider nicht so einfach«, gestand er. »Wir haben viel zu tun im Büro, und einigen Ärger mit Kunden, die nicht bezahlen, haben wir auch.«

Er war, wie Hanja wusste, Ingenieur. Er hatte sich mit einer Kollegin und zwei Kollegen selbstständig gemacht, mittlerweile hatten sie Dutzende Angestellte. Die Firma war auf Großprojekte wie Autobahnbrücken und Staudämme spezialisiert. ‚Färber und Co.‘ war über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

»Ich brauche das Laufen auch als Ausgleich, verstehen Sie? Wenn ich nicht mehr laufe …« Sein Blick wurde leer.

»Sie sollen ja laufen«, erwiderte Hanja sanft. »Nur nicht bis zur Erschöpfung.«

Er war geschieden, viel mehr wusste sie nicht über ihn, aber einmal hatte er durchblicken lassen, dass seine Scheidung ihm Wunden geschlagen hatte, die nicht mehr verheilen würden. Ob er eine Beziehung hatte, wusste sie nicht. Er war ein attraktiver Mann mit silbergrauen, kurzgeschnittenen Haaren, mittelgroß, schlank. Sein Gesicht mit erstaunlich wenig Falten und schönen braunen Augen hatte sie von Anfang an interessant gefunden.

»Mache ich nicht«, beteuerte er erneut, »sind wir dann fertig für heute?«

Sie nickte. »Aber ich möchte Sie in drei Wochen noch einmal sehen und ein EKG machen. Am besten ein Langzeit- EKG. Sie hatten ja damals diese Herzrhythmusstörungen, und …«

Er machte eine wegwerfende Handbewegung, während er aufstand. »Das ist doch schon lange her und seitdem nie wieder aufgetreten. Mir geht’s gut, ehrlich, Frau Doktor.«

»Wir machen trotzdem einen Termin, bitte!«

Er gab nach, aber nur widerwillig. Sein Händedruck zum Abschied war fest, sein Gang war der eines viel jüngeren Mannes. Aber sein Herz, dachte sie, ist eher älter als der ganze Rest des Mannes. Er hatte als Kind eine Herzmuskelentzündung gehabt, die erst spät erkannt worden war. Sie nahm an, dass der Schaden damals entstanden war.

Sie machte sich noch Notizen über Reinhard Färber, als es kurz an die halb offenstehende Tür klopfe und Leon Laurin erschien, der Klinikchef.

»Störe ich oder hast du ein paar Minuten Zeit?«, fragte er.

»Komm rein, ich schreibe nur noch zwei Sätze zu einem meiner Patienten auf, der mir Kummer macht.«

»Herr Färber?«, fragte er.

Sie sah ihn erstaunt an. »Du kennst ihn?«

»Ich habe ihm vor einigen Jahren den Blinddarm entfernt, außerdem wohnt er in unserer Nähe. Wir sind keine Nachbarn, aber wir laufen uns gelegentlich über den Weg und wechseln dann ein paar Worte miteinander. Ein sehr sportlicher Mann, er läuft.«

»Ich weiß, und meiner Meinung nach übertreibt er es mit dem Laufen. Mir wäre wohler, wenn er weniger ehrgeizig wäre und es langsamer angehen ließe. Er behauptet zwar, er würde sich nicht überfordern, aber ich glaube ihm nicht.«

»Er hat also Herzprobleme?«

»Er hatte als Kind eine Endokarditis und als ich noch ziemlich neu hier war, kam er wegen Herzrhythmusstörungen, die ihm richtig Angst gemacht haben. Seitdem ist er bei mir in Behandlung. Eine Weile hatte ich den Eindruck, dass es ihm wieder gut ging, aber ich glaube, er sagt mir nicht die ganze Wahrheit. Ich brauche ein Langzeit-EKG von ihm, in drei Wochen hat er den Termin, ich hoffe, er nimmt ihn wahr. Ich wollte es eigentlich schon heute machen, aber er hat behauptet, das sei unmöglich. Weißt du, was ich denke? Er will sein Alter nicht wahrhaben, vor allem deshalb kommt er so ungern her: Sein Herz erinnert ihn immer wieder daran, dass er nicht mehr jung ist. Na ja, vielleicht irre ich mich auch, mal sehen, wie es in drei Wochen aussieht. Und jetzt sag mir, warum du mich sprechen wolltest.«

»Es geht um die Anschaffung neuer Geräte für die Kardiologie«, sagte Leon und überreichte ihr ein paar Papiere. »Würdest du dir das bitte mal ansehen und auch mit deinen Kolleginnen und Kollegen besprechen? Es sind drei Angebote verschiedener Hersteller. Ich habe mir eine Meinung gebildet, aber ich muss wissen, was ihr denkt. Und da du Diejenige warst, die am lautesten gesagt hat, dass die Kardiologie technischen Nachholbedarf hat, überreiche ich dir die Unterlagen.«

»Die gucke ich mir gerne an«, versicherte Hanja.

»Ehrlich?«, fragte er verwundert. »Da bist du aber eine große Ausnahme.«

»Mich hat das schon immer interessiert«, sagte sie. »Wäre ich nicht Ärztin geworden, hätte ich einen technischen Beruf gewählt. Also, ich sehe mir das an, spreche mit den anderen, und dann reden wir beide noch einmal.«

»Ja, bitte.« Leon warf einen Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk. »Ich habe noch eine OP heute«, sagte er. »Die sollte eigentlich heute Morgen schon stattfinden, musste aber verschoben werden, weil die Patientin nicht stabil war.«

»Was für eine OP?«

»Ein Mammakarzinom«, antwortete er. »Es eilt, deshalb hoffe ich, dass der Eingriff heute noch stattfinden kann. Die Frau ist erst fünfunddreißig und wird eine Brust verlieren. Es ist eine Tragödie, weil sie vor lauter Angst, dass so etwas passieren könnte, viel zu lange gewartet hat, bis sie endlich zu mir in die Sprechstunde gekommen ist. Wäre sie vorher gekommen …« Er stand auf.

»Das ist eine schwere Aufgabe«, sagte Hanja.

»Ja, mit ungewissem Ausgang. Wünsch mir Glück.«

»Das tue ich. Ich weiß nicht, wie du das machst, Leon. Du leitest diese Klinik, du arbeitest weiter als Chirurg und als Gynäkologie – wie schaffst du das? Ich bin mit meinem einen Fachgebiet völlig ausgelastet, du hast zwei – und dazu bist du noch der Chef hier. Du müsstest eigentlich jeden Abend halbtot sein. Ganz davon abgesehen, dass du ja auch noch Dienste auf den verschiedenen Stationen übernimmst, damit du weißt, was dort läuft. Das ist irgendwie … übermenschlich.«

Er sah sie nachdenklich an. »Nein, ist es nicht«, erwiderte er. »Es ist auch kein Geheimnis, sondern wirklich ganz einfach: Alles, was ich mache, mache ich gern. Ich will auf keine meiner Aufgaben verzichten, weil mir dann etwas fehlen würde. Aber um das zu schaffen, musste ich meine Aufgaben natürlich eingrenzen, und das habe ich getan. Ich leite ja die Klinik, wenn du so willst, nicht allein. Ich habe viel Verantwortung abgegeben, und das funktioniert wunderbar. Ich operiere nicht mehr täglich, und ich habe nur an zwei Tagen meine gynäkologische Sprechstunde. So kann ich das gut bewältigen.«

»Trotzdem«, sagte Hanja. »Du musst immer drei sehr verschiedene Aufgabengebiete im Blick behalten und dich in ihnen weiterbilden. Ich bin mit einem schon ausgelastet.«

»Du würdest auch mehr schaffen, wenn du die Möglichkeit hättest und es unbedingt wolltest, glaub mir.« Leon wies, während er zur Tür ging, auf die Unterlagen, die er ihr gegeben hatte. »Viel Spaß damit! Ich bin gespannt auf dein Urteil.«

Als er gegangen war, las sie noch einmal die Notizen durch, die sie sich über Reinhard Färber gemacht hatte, dann griff sie zu der schmalen Akte, die Leon ihr überreicht hatte und begann, voller Interesse das erste Angebot zu lesen.

*

Louis Orthofer joggte durch den Park zur Würm. Er würde eine Zeitlang am Ufer laufen und irgendwann umkehren. Das war seine Lieblingsstrecke. Manchmal blieb er auch im Park, der war groß genug für seine Bedürfnisse, und er hatte ein paar sehr schöne Laufwege. Heute jedoch war das Wetter zwar kühl, aber die Sonne schien, und es war trocken, da konnte er mal wieder zur Würm laufen. Außerdem war er später mit seiner Mutter verabredet, zum Essen, da konnte es nicht schaden, wenn er sich vorher ein bisschen verausgabte.

Normalerweise strengte er sich beim Laufen nicht besonders an, er lief eher, weil es ihm Spaß machte. Er hatte Freude an der Bewegung, so war es schon immer gewesen. Und da er sich bei der Arbeit kaum noch bewegen musste – er war Bauzeichner – holte er das Versäumte in der Freizeit nach.

Er hielt Ausschau nach dem fitten Silberhaarigen, den er in letzter Zeit oft sowohl im Park als auch an der Würm gesehen hatte, doch der ließ sich nicht blicken. Louis, der sich gerne beim Joggen unterhielt, hatte sich vorgenommen, den Mann gelegentlich anzusprechen. Vielleicht konnten sie zumindest streckenweise gemeinsam laufen. Der Silberhaarige hätte leicht sein Vater sein können, und er lief langsamer als Louis, aber das brauchte ja kein Hindernis zu sein. Louis war bereit, seine Geschwindigkeit anzupassen, wenn er sich dafür angeregt unterhalten konnte. Aber schade, der Mann war nirgends zu sehen.

Er lief, bis er feststellte, dass er sich nun schon beeilen musste, wenn er rechtzeitig bei seiner Mutter sein wollte. Also legte er auf dem Rückweg an Tempo zu, duschte zuhause in aller Eile und machte sich auf den Weg zu ihr.

Als sie ihn in die Wohnung ließ, schnupperte er entzückt. »Lammrücken?«, fragte er.

Sybille Orthofer kniff ihren einzigen Sohn zärtlich in die Wange. »Ich wollte uns beiden eine Freude machen«, sagte sie.

Er umarmte sie und drückte ihr Küsse auf beide Wangen. »Das ist dir gelungen, Mama.«

»Warte doch erst einmal ab, du weißt ja noch gar nicht, ob das Essen gelungen ist.«

»Wenn nicht, wäre es das erste Mal«, erwiderte er.

»Ein Bier vorweg?«, fragte sie.

Er nickte. »Sehr gern, ich war noch joggen und hätte beinahe die Zeit vergessen.«

»Du und deine Lauferei«, sagte sie.

»Dir würde das auch guttun. Du klagst doch immer, dass du nicht mehr alles essen kannst, was dir schmeckt, ohne zuzunehmen.«

»Das ist zwar richtig, aber das bedeutet noch längst nicht, dass ich mir so etwas Schreckliches wie Joggen antäte. Ehrlich, wenn mir etwas keinen Spaß machen würde, dann wäre es das. Schwimmen – das lasse ich mir ja noch gefallen, aber Laufen?« Sybille schüttelte sich. »Nie im Leben.«

»Du übertreibst, Mama.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Jeder Mensch hat halt andere Vorlieben. Du läufst gern, ich nicht. So einfach ist das.«

Sie stießen mit ihren Bierflaschen an. Dass Bier auch direkt aus der Flasche schmeckte, dachte Louis zufrieden, hatte er seiner Mutter beigebracht, wobei sie erst einmal beträchtlichen Widerstand geleistet hatte. In der Öffentlichkeit würde sie das auch weiterhin niemals tun, aber immerhin, mit ihm zusammen, in ihrer Wohnung …

Seine Mutter, fand er, war eine sehr attraktive Frau. Sie war jetzt fünfundfünfzig, die dunklen Haare waren zu einem Pagenkopf geschnitten, der an einigen Stellen erstes Grau zeigte. Das dunkle Haare und die dunklen Augen hatte er von ihr. Sein Vater war blond gewesen. Sein Vater, der so früh gestorben war …

Sein Tod lag schon einige Jahre zurück, aber seine Mutter schien noch immer nicht darüber hinwegzukommen, dass sie jetzt allein war. Einmal hatte sie ihm gestanden, sie fühle sich einsam, alt und ungeliebt. Er hatte sie ausgelacht, bis ihm klar geworden war, dass sie es bitter ernst meinte. Sogar geweint hatte sie. Er dachte nicht gern an diesen Abend zurück, als er erst ganz allmählich begriffen hatte, wie tief ihrer Verzweiflung war und dass er sie ernstnehmen musste, statt mit ein paar lockeren Bemerkungen über ihre Worte hinwegzugehen. Sie hatte sich gefangen seitdem, das schon, aber die fröhliche Frau von früher war sie nicht wieder geworden. Und noch immer gab es die Situationen, in denen sich ihr Blick plötzlich verschleierte und in die Ferne wanderte. Dann war sie für ihn unerreichbar. Er selbst trauerte ebenfalls um seinen Vater, aber es war nicht so, dass diese Trauer sein ganzes Leben beherrschte, wie es bei seiner Mutter der Fall war. Er hoffte, dass der Tag kommen würde, an dem auch sie bereit sein würde, sich ein neues, ein eigenes Leben aufzubauen.

Bis dahin würde er ihre einzige Stütze sein. Sie sagte das nicht so direkt, aber er wusste es, und es belastete ihn.