Seine letzte Chance - Viola Maybach - E-Book

Seine letzte Chance E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. Stella Zurmühlen fuhr schnell, hielt sich aber an die Geschwin­digkeitsbegrenzung. Sie wollte so schnell wie möglich nach München zurück, wo ihre zehnjährige Nichte Mila am nächsten Tag operiert werden sollte: In einer Herzklappe war ein Loch entdeckt worden, das geschlossen werden musste. Der Klinikchef persönlich, Dr. Leon Laurin, würde die Operation vornehmen. Stella war beruflich unterwegs gewesen, hatte ihrer Nichte aber versprochen, am Nachmittag oder frühen Abend vor der Operation zurück zu sein, und dieses Versprechen würde sie halten können. Wenn sie weiter so gut vorankam, würde sie spätestens um sechs in der Klinik sein – Zeit genug also, noch mit Mila zu reden und ihr zu sagen, dass sie während der Operation an sie denken würde. Milas Eltern waren geschieden, sie wuchs bei ihrem Vater Adrian auf, Stellas Bruder. Seit der Scheidung war Stella eine Art Ersatzmutter für ihre Nichte geworden, denn Milas Mutter Aurelia hatte die Freuden der Selbstverwirklichung entdeckt, sie war seit der Trennung von Adrian nicht mehr in München gewesen. Sie lebte auf einer griechischen Insel, wo sie malte und töpferte und sich ›endlich frei fühlte‹, wie sie Stella bei ihrem letzten Anruf gesagt hatte. Den Kontakt zu Adrian hatte sie vollständig abgebrochen, und Mila hatte kürzlich gesagt, sie wolle mit ihrer Mama nicht mehr telefonieren. »Ich kann mich nicht mehr richtig an sie erinnern, und sie erzählt Sachen, die mich nicht interessieren.« Stella war immer gut mit Aurelia ausgekommen, trotz der Versponnenheit ihrer Schwägerin, aber sie hatte geahnt, dass die Ehe ihres Bruders über kurz oder lang scheitern würde. Die beiden waren zu unterschiedlich, und sie hatten im Rausch der ersten Verliebtheit zu schnell geheiratet. Hätten sie etwas länger gewartet, wäre zumindest ihrem Bruder, glaubte Stella, aufgegangen, dass die Verbindung auf Dauer nicht halten konnte. Adrian hatte sich ganz gut mit der Situation arrangiert, aber für Mila tat es ihr leid. Aurelia wäre ihr sicherlich eine gute Mutter gewesen, hätte Verständnis für sie gehabt, wenn es um ›Mädchen-Sachen‹ ging, wie Mila das nannte. Da war Adrian ganz Mann: Er hasste Rosa, war für Prinzessinnenkleider, Glitzerschuhe und Nagellack auf zehnjährigen Fingern nicht zu haben und wollte Mila weder ein Pferd kaufen, noch sie auch nur Reitstunden nehmen lassen – was zurzeit ihr sehnlichster Wunsch war. Es stimmte, ein Pferd war viel zu teuer, Adrian war schließlich kein Großverdiener als Rundfunktechniker, und sie hatten auch keinen Reitstall in der Nähe, in dem er Mila hätte anmelden können, aber Stella fand trotzdem, dass er mehr auf Milas Wünsche hätte eingehen müssen. Sie würde noch einmal mit ihm darüber reden. Adrian liebte seine Tochter über alles, aber für manche Dinge fehlte ihm schlicht das Verständnis.

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Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Der neue Dr. Laurin – 24 –Seine letzte Chance

Du solltest sie nutzen, Charly!

Viola Maybach

Stella Zurmühlen fuhr schnell, hielt sich aber an die Geschwin­digkeitsbegrenzung. Sie wollte so schnell wie möglich nach München zurück, wo ihre zehnjährige Nichte Mila am nächsten Tag operiert werden sollte: In einer Herzklappe war ein Loch entdeckt worden, das geschlossen werden musste. Der Klinikchef persönlich, Dr. Leon Laurin, würde die Operation vornehmen.

Stella war beruflich unterwegs gewesen, hatte ihrer Nichte aber versprochen, am Nachmittag oder frühen Abend vor der Operation zurück zu sein, und dieses Versprechen würde sie halten können. Wenn sie weiter so gut vorankam, würde sie spätestens um sechs in der Klinik sein – Zeit genug also, noch mit Mila zu reden und ihr zu sagen, dass sie während der Operation an sie denken würde.

Milas Eltern waren geschieden, sie wuchs bei ihrem Vater Adrian auf, Stellas Bruder. Seit der Scheidung war Stella eine Art Ersatzmutter für ihre Nichte geworden, denn Milas Mutter Aurelia hatte die Freuden der Selbstverwirklichung entdeckt, sie war seit der Trennung von Adrian nicht mehr in München gewesen. Sie lebte auf einer griechischen Insel, wo sie malte und töpferte und sich ›endlich frei fühlte‹, wie sie Stella bei ihrem letzten Anruf gesagt hatte. Den Kontakt zu Adrian hatte sie vollständig abgebrochen, und Mila hatte kürzlich gesagt, sie wolle mit ihrer Mama nicht mehr telefonieren. »Ich kann mich nicht mehr richtig an sie erinnern, und sie erzählt Sachen, die mich nicht interessieren.«

Stella war immer gut mit Aurelia ausgekommen, trotz der Versponnenheit ihrer Schwägerin, aber sie hatte geahnt, dass die Ehe ihres Bruders über kurz oder lang scheitern würde. Die beiden waren zu unterschiedlich, und sie hatten im Rausch der ersten Verliebtheit zu schnell geheiratet.

Hätten sie etwas länger gewartet, wäre zumindest ihrem Bruder, glaubte Stella, aufgegangen, dass die Verbindung auf Dauer nicht halten konnte.

Adrian hatte sich ganz gut mit der Situation arrangiert, aber für Mila tat es ihr leid. Aurelia wäre ihr sicherlich eine gute Mutter gewesen, hätte Verständnis für sie gehabt, wenn es um ›Mädchen-Sachen‹ ging, wie Mila das nannte. Da war Adrian ganz Mann: Er hasste Rosa, war für Prinzessinnenkleider, Glitzerschuhe und Nagellack auf zehnjährigen Fingern nicht zu haben und wollte Mila weder ein Pferd kaufen, noch sie auch nur Reitstunden nehmen lassen – was zurzeit ihr sehnlichster Wunsch war.

Es stimmte, ein Pferd war viel zu teuer, Adrian war schließlich kein Großverdiener als Rundfunktechniker, und sie hatten auch keinen Reitstall in der Nähe, in dem er Mila hätte anmelden können, aber Stella fand trotzdem, dass er mehr auf Milas Wünsche hätte eingehen müssen. Sie würde noch einmal mit ihm darüber reden. Adrian liebte seine Tochter über alles, aber für manche Dinge fehlte ihm schlicht das Verständnis.

Was den Umgang mit Pferden betraf, hatte er freilich vor allem Angst, denn er war stets in Sorge um Mila, wollte sie vor Gefahren beschützen. »Sie ist so zart und zerbrechlich, und dann soll ich zulassen, dass sie in einem Pferdestall in Gefahr gerät? Man hört doch immer wieder, was beim Reiten alles passieren kann. Also, meine Erlaubnis bekommt sie nicht! Es reicht mir, dass ich wegen dieser Opera­tion seit Wochen nicht schlafen kann.«

»Du kannst sie doch aber nicht in Watte packen! Sie muss selbst lernen, Gefahren richtig einzuschätzen.«

Aber es war zwecklos gewesen, er hatte nichts mehr davon hören wollen.

Stella verließ die Autobahn. Sie würde noch einen Abstecher zu einem Gasthof machen, um dort etwas zu essen und dann die restliche Strecke in einem Rutsch durchfahren.

Sie war in Italien gewesen, in der Lederwerkstatt, in der die Taschen für das Modehaus gefertigt wurden, bei dem sie seit zwei Jahren angestellt war. Die Produktion musste ständig überwacht werden, das war unter anderem ihre Aufgabe. Sie hatte zuvor auch das Leder ausgewählt und die Proben der Designerin vorgelegt. Ihr hatte gefallen, was man ihr in Italien gezeigt hatte.

Sie war glücklich in diesem Job, denn sie kam viel herum, wurde gut bezahlt und hatte ständig mit anderen Menschen zu tun, was ihr wichtig war. Sie diskutierte vor allem gern mit Handwerkern, ließ sich einzelne Arbeitsschritte erklären, versuchte nachzuvollziehen, warum es an einigen Stellen Probleme gab. Kurz bevor sie die Stelle angetreten hatte, war ihre Vorgängerin entlassen worden: Sie hatte sich über Bedenken der Handwerker bei der Verarbeitung eines sehr dicken Rindsleders hinweggesetzt, die Tasche war danach einer der größten Flops der Firmengeschichte geworden.

Ihr Telefon meldete sich, sie hatte eine Freisprechanlage, weil sie während ihrer langen Autofahrten oft telefonierte. Das Bild ihres lachenden, blonden, blauäugigen Bruders Adrian erschien. Er sah aus wie ihre Mutter, während sie selbst ein dunkler Typ war wie ihr Vater.

»Hallo, Adrian.«

»Wo bist du gerade?«, fragte er.

Sie sagte es ihm. »Ich mache jetzt eine Pause und laufe ein bisschen herum, danach fahre ich direkt in die Klinik. Ich denke, ich bin vor sechs da. Wie geht es Mila?«

»Du kennst sie doch, frech wie immer. Man käme nicht auf die Idee, dass sie morgen operiert wird. Sie lässt sich von Schwester Marie verwöhnen …«

»Ach, Schwester Marie!«, sagte Stella. »Die gute Seele der Kayser-Klinik.«

»Du müsstest die beiden mal zusammen erleben – als wären sie schon seit Jahren die besten Freundinnen.«

»Ich habe sie schon zusammen erlebt, Adrian!«

»Ja, stimmt. Na ja, und Semmel hat auch einen Narren an Mila gefressen, er guckt immer mal wieder rein und bringt sie zum Lachen. Sie ist da wirklich sehr gut aufgehoben.«

Stella lächelte in sich hinein, als sie sich von ihrem Bruder verabschiedet hatte. Semmel hieß eigentlich Robert Semmler und war einer der beliebtesten Pfleger in der Kayser-Klinik: lang, dünn und immer gut gelaunt. Er heiterte selbst die traurigsten Patienten auf, für jeden hatte er ein freundliches Wort, und er ließ sich auch durch zunächst ablehnende Reaktionen nicht entmutigen.

Sie fuhr wieder schneller, sie freute sich jetzt aufs Essen. Eine Viertelstunde noch, dann würde sie den Gasthof erreichen.

Bislang hatte sie Glück gehabt mit dem Verkehr, jetzt merkte sie, dass er allmählich zunahm und zwar eher auf der Gegenfahrbahn. Die Leute wollten offenbar das gute Wetter für einen Ausflug in die Berge nutzen.

Plötzlich schoss auf ihrer Fahrbahn ein Sportwagen auf sie zu, wild blinkend, als sei sie Diejenige, die ihm auszuweichen hatte – er überholte mit völlig überhöhter Geschwindigkeit eine ganze Reihe von Fahrzeugen, von denen er sich offenbar ausgebremst gefühlt hatte.

»Spinnst du?«, schrie Stella, die sofort vom Gas gegangen war, doch sie sah, dass es nicht reichen würde für den Sportwagen, der sogar noch beschleunigt zu haben schien, während der Fahrer immer weiter die Lichthupe betätigte, als gehörte die Straße ihm und alle anderen hätten ihm Platz zu machen.

Aber wohin sollte sie ausweichen? Rechts und links der Straße standen Bäume, aber sie hatte keine Wahl, wenn sie keinen frontalen Zusammenstoß riskieren wollte, also riss sie das Steuer nach rechts. Doch der Sportwagen war schneller. Er bedrängte einen rechts fahrenden Kleinwagen, der ebenfalls auszuweichen versuchte, schleuderte zurück auf die linke Fahrbahn und erwischte Stellas Auto links hinten. Der Schlag war ungeheuerlich, ihr Wagen drehte sich, schoss dann wundersamerweise durch eine Lücke zwischen zwei Bäumen hindurch und wurde gleich darauf mit einem weiteren Schlag von der ansteigenden Böschung gebremst. Dann neigte er sich wie in Zeitlupe zur Seite und fiel um. Mit dem Dach nach unten kam er zum Stehen.

Stella fühlte erst einmal nichts, sie wusste nur eins: Noch lebte sie.

*

»Ein Notfall?«, fragte Leon Laurin, als Timo Felsenstein, der die Notaufnahme der Kayser-Klinik leitete, die Tür zum Chefbüro öffnete. Ein Blick in sein Gesicht hatte Leon genügt, um zu ahnen, dass er gebraucht wurde.

Timo nickte. »Sieht so aus, als müsstest du einspringen, alle anderen operieren. Ein Unfall im Umland, der Patient wird mit dem Hubschrauber zu uns gebracht.«

Leon hatte sich erhoben und folgte Timo zur Notaufnahme. »Wieso zu uns?«, fragte er. »Wären andere Krankenhäuser nicht näher gewesen?«

Timo stieß einen Seufzer aus. »Es ist ein ziemlich exklusiver Patient«, sagte er dann. »Der Erbe des Randstetten-Imperiums, Carl von Randstetten. Seine Eltern haben verfügt, dass er zu uns gebracht wird. Er hat seinen Sportwagen zu Schrott gefahren, nachdem er ein wahnsinniges Überholmanöver auf einer Landstraße gestartet hat, wo er viel zu schnell unterwegs war. Ein entgegenkommendes Fahrzeug hat versucht auszuweichen, die Fahrerin ist offenbar einigermaßen glimpflich davongekommen, aber er hat auch noch einen Kleinwagen angefahren, der rechts unterwegs war, darin saß eine junge Familie, mit einem Kleinkind und einem Baby im Auto. Die sind auf den Seitenstreifen geschleudert worden, die Frau und das Baby sind schwer verletzt worden. Die werden aber nicht zu uns gebracht. Wir dürfen uns exklusiv um Herrn Randstetten kümmern.«

»Wie schlimm sind die Verletzungen?«

»Sie haben ihn schon einmal wiederbeleben müssen, er kann von Glück sagen, dass er in einer Art gepanzertem Wagen unterwegs war. Hätte er in einem Kleinwagen gesessen, wäre von ihm jetzt nicht mehr viel übrig.«

»Solchen Leuten sollte man den Führerschein abnehmen«, sagte Leon.

»Ich bin ganz deiner Meinung, aber leider haben das nicht so kluge Leute wie wir zu entscheiden.«

Sie verließen Leons Büro. In der Notaufnahme wurde bereits alles für den angekündigten Patienten vorbereitet, von der noch unerfahrenen, aber sehr engagierten jungen Schwester Laura Saal und dem Pfleger Hannes Baumgarten, der leicht ihr Vater hätte sein können. Während Schwester Laura ein wenig hektisch wirkte, ließ sich Hannes wie üblich nicht aus der Ruhe bringen.

»Alles bereit?«, fragte Timo Felsenstein.

»Ich muss noch …«, begann Laura, die vor Aufregung rote Flecken auf den Wangen hatte, doch weiter kam sie nicht, denn in diesem Moment rief jemand: »Sie kommen!«

In weiser Voraussicht hatte Leon, als er die Leitung der Klinik von seinem Schwiegervater übernommen hatte, bei den notwendig gewordenen Erweiterungsbauten einen Hubschrauberlandeplatz auf dem Klinik-Dach eingeplant, der sich schon oft als segensreich erwiesen hatte.

Timo und er schnappten sich eine fahrbare Liege und fuhren mit dem Aufzug nach oben. Der Hubschrauber stand bereits direkt über dem Dach in der Luft, nun senkte er sich langsam ab. Der Lärm war ohrenbetäubend, sie wandten sich halb ab, um sich gegen die aufgewirbelte Luft zu schützen. Dann ging alles sehr schnell. Die Tür wurde geöffnet, sie rannten los. Keine zwei Minuten später lag Carl Randstetten auf der fahrbaren Liege, Leon und Timo eilten mit ihm zurück zum Aufzug, während sich der Hubschrauber wieder in die Luft erhob. Zwischen den beiden Ärzten der Kayser-Klinik und den Kollegen im Hubschrauber waren keine fünf Sätze gewechselt worden.

Zurück in der Notaufnahme verschafften sich Leon und Timo zuerst einen Überblick über den derzeitigen Zustand ihres Patienten, und sehr schnell wurde klar: Carl Randstetten musste so schnell wie möglich operiert werden. Er hatte vielfache innere Verletzungen erlitten, deren ganzes Ausmaß sich erst auf dem Operationstisch zeigen würde. Wenn er überhaupt eine Chance zum Überleben haben sollte, war sofortiges Handeln erforderlich.

»Also los«, sagte Leon, »packen wir’s an, bevor er uns hier verblutet. Laura, Sie benachrichtigen bitte die Eltern, und Sie, Hannes, werden uns in den OP begleiten.«

Ohne weiteres Wort schoben sie die Liege mit dem schwerverletzten jungen Mann zum Aufzug.

*

»Sie hatte einen Unfall, Bärchen«, sagte Adrian Zurmühlen, nachdem er seine Tochter Mila begrüßt hatte.

Er sah bleich und zerzaust aus, die Nachricht, dass Stella bei einem schweren Verkehrsunfall verletzt worden war, hatte ihn unvorbereitet getroffen. Er hatte ja unmittelbar vorher noch mit ihr telefoniert! Aber die Auskünfte des Arztes, der ihn angerufen hatte, waren dann eher beruhigend gewesen. Stella hatte beide Arme und zwei Rippen gebrochen, ein Schädel-Hirn-Trauma und zahlreiche Prellungen erlitten, doch mehr war ihr nicht passiert. Sie hatte nicht einmal das Bewusstsein verloren.

»Ein Wunder«, hatte der Arzt gesagt. »Da stehen ja Bäume an der Straße, wäre ihr Wagen vor einen Baum geschleudert worden … sie hätte wahrscheinlich nicht überlebt.«

»Aber wie ist das denn passiert? Meine Schwester ist eine vorsichtige und sehr erfahrene Fahrerin, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie besinnungslos durch die Gegend rast.«

»Sie nicht, aber der Unfallverursacher.«

Was Adrian dann zu hören bekommen hatte, war empörend gewesen, aber darum würde er sich später kümmern. Jetzt musste er erst einmal bei Mila sein, abends würde er Stella anrufen. Zum Zeitpunkt seines Gesprächs mit dem Arzt war sie noch im OP gewesen, beide Arme hatten offene Brüche aufgewiesen und deshalb operiert werden müssen. »Aber es geht ihr soweit gut«, hatte der Arzt versichert. »Warten Sie ein paar Stunden, dann können Sie mit ihr sprechen. Ich werde ihr sagen, dass ich mit Ihnen gesprochen habe, es war ihr nämlich sehr wichtig, dass wir Sie anrufen. Sie und Ihre Tochter.«

Mila, die eine sehr kluge Zehnjährige war, betrachtete ihren Vater prüfend. Sie hatte seine blonden Haare, aber die dunklen, ausdrucksvollen Augen ihrer Mutter geerbt. »Aber sie stirbt nicht?«, fragte sie.

Er nahm sie in die Arme. Sie gab sich große Mühe, ruhig und gefasst zu bleiben, aber er kannte sie gut genug, um zu wissen, wie groß ihre Angst war.

»Nein, sie hat zum Glück nur beide Arme und ein paar Rippen gebrochen, nichts Gefährliches. Sie war nicht einmal bewusstlos, als die Feuerwehr sie aus ihrem Wagen geholt hat.«

»Wieso denn die Feuerwehr?«

»Der Wagen war völlig eingedrückt, sie mussten ihn aufschneiden, bevor sie deine Tante Stella herausholen konnten.«

Mila biss sich auf die Lippen, er sah, dass sie mit den Tränen kämpfte.