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Austen staunt nicht schlecht, als sich Alexander, der aus Schriftwechseln so garstige Sohn ihres literarischen Mentors, als Eye-candy herausstellt. Alexander fühlt sich ebenfalls zu der 14 Jahre jüngeren Austen hingezogen, der jene väterliche Aufmerksamkeit zuteilwird, nach der er sich als Kind sehnte. Die schwarze Autorin und der blonde Anwalt sollen gemeinsam ein Buch schreiben, doch ist keine Begegnung möglich, ohne dass die Fetzen fliegen. Dass ihre Anwesenheit Qual und Glück zugleich für den Anzugträger sind, ahnt Austen nicht und reagiert auf seine Ausbrüche kaum minder heftig. Seine Rollenvorstellungen machen es Alexander schwer, auf die Bedürfnisse der 3rd-Wave-Feministin einzugehen. Aber unweigerlich entdeckt er eine sensible Seite an sich, die er in den harten Jahren seiner Karriere verloren glaubte ...
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Seitenzahl: 522
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Amalia Frey
Seine Sensible Seite
Luxus Edition
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Seine sensible Seite
Erstens
Zweitens
Drittens
Viertens
Fünftens
Sechstens
Siebtens
Achtens
Neuntens
Zehntens
Elftens
Zwölftens
Dreizehntens
Vierzehntens
Fünfzehntens
Sechzehntens
Siebzehntens
Achtzehntens
Neunzehntens
Zwanzigstens
Einundzwanzigstens
Zweiundzwanzigstens
Dreiundzwanzigstens
Vierundzwanzigstens
Letztens
Danksagungen
Hinweise zu sensiblen Inhalten und Trigger Warnungen (Content Notes)
Impressum neobooks
Amalia Frey
©2018 Amalia Frey
kakaobuttermandel.de, [email protected]
c/o Amalia Frey
Rogue Books Impressum Service
Franz-Mehring-Straße 70
08058 Zwickau
2. überarbeitete Auflage 2020
Korrektorat: Amalia Frey
Sensitivity Reader: Melisa Naomi Harnisch
Buchsatz: Amalia Frey
Coverfoto: Depositphoto
Coverdesign: Mika M. Krüger
ISBN: 9783962320409
Hinweise zu sensiblen Inhalten (Content Notes) befinden sich auf der letzten Seite des Buches und in ständig aktualisierter Form unter https://www.kakaobuttermandel.de/.Das Buch:
Austen staunt nicht schlecht, als sich Alexander, der aus Schriftwechseln so garstige Sohn ihres literarischen Mentors, als Eye-candy herausstellt. Alexander fühlt sich ebenfalls zu der 14 Jahre jüngeren Austen hingezogen, der jene väterliche Aufmerksamkeit zuteilwird, nach der er sich als Kind sehnte.
Die schwarze Autorin und der blonde Anwalt sollen gemeinsam ein Buch schreiben, doch ist keine Begegnung möglich, ohne dass die Fetzen fliegen. Dass ihre Anwesenheit Qual und Glück zugleich für den Anzugträger sind, ahnt Austen nicht und reagiert auf seine Ausbrüche kaum minder heftig. Seine Rollenvorstellungen machen es Alexander schwer, auf die Bedürfnisse der 3rd-Wave-Feministin einzugehen.
Aber unweigerlich entdeckt er eine sensible Seite an sich, die er in den harten Jahren seiner Karriere verloren glaubte ...
Die Autorin:
Amalia Frey wurde oft gefragt, ob ihr erster Liebesroman 'Seine sensible Seite' autobiografisch ist: Eine durchtrainierte, selbstbewusste Bestsellerautorin, die in einer romantischen Beziehung mit einem smarten Staranwalt in Berlin lebt ... Natürlich! Ganz genau so und nicht anders sieht ihr Leben aus.
Entweder nehmen Sie das oder dass Amalia Frey feministische Romance und historische Romane schreibt. Vielleicht veröffentlicht sie unter ihrem Pseudonym Claudi Feldhaus auch zeitgenössische Berlinromane und Fantasy. Sie ist aber auf jeden Fall Mitglied der Autorinnenvereinigung Deutschland e.V. und große Schwester im Nornennetz, dem größten Verband deutschschreibender Phantastik-Autor:innen.
Gewidmet allen sensiblen Männern.
Wie sehr ich euch liebe.
Amalia Frey
Seine sensible Seite
Ein feministischer Liebesroman
Eine Anleitung für dieses Buch
Hier spricht Austen.
Und hier Alexander.
April 2012
__________________________________
Von: Ivan Schneid
An: Dr. Alexander Schneid; Ivan Schneid Team
Betreff: Meine Memoiren
Hallo Alexander,
das Fräulein ist angetan von der Idee und wird sich, nach Beendigung ihres aktuellen Manuskripts, meiner Biografie widmen. Richter & ich haben es gerade gefixt. Halte dich bereit, falls wir etwas aufsetzen müssen bzw. falls Fräulein Lux auch an dich Fragen hat.
LG
Vater
________________________________
Von. Dr. Alexander Schneid
An: Ivan Schneid; Team
Betreff: Re. Meine Memoiren
Warum sie, wo du doch aus einem reichen Pool an erfahreneren Autoren schöpfen kannst? Was immer du auch an dieser Person findest, ich bitte dich, einen qualifizierten Autor zu beauftragen.
Beste Grüße
A
________________________________
Von: Austen Lux
An: Dr. Alexander Schneid
cc. Ivan Schneid; Team
Betreff: Aw. Re. Meine Memoiren
Sehr geehrter Herr Dr. Schneid,
vielen Dank, dass Sie die Funktion 'allen antworten' genutzt haben und das gesamte Team nun über Ihren ach so geringschätzigen Eindruck über meine Person Bescheid weiß. Ich finde es interessant, dass Sie dieses Urteil fällen können, wenngleich mich Ihr Vater davon in Kenntnis setzte, dass Sie sich seit jeher weigern, meine Werke zu lesen. Vielleicht mögen Sie bei Gelegenheit die Bestsellerlisten checken: »WEITER WEG«, veröffentlicht Anfang dieses Jahres - ja, das ist von mir!
Sascha ließ mich ebenso wissen, dass es ihm besonders wichtig wäre, mich mit dieser Arbeit zu betrauen und nicht nur aus Freundschaft, sondern weil mich das Projekt überaus interessiert, werde ich seinen Wunsch erfüllen.
VG Austen Lux
August 2012
Schnauze an Schnauze parkte ich meinen Sportage vor einem Porsche Cayenne. An der Fahrertür lehnte ein weißer Hüne und telefonierte, einen Arm vor der Brust verschränkt, die Hand auf dem Oberarm. Durch das künstliche Netz aus Efeu, das die Südseite des Parkhauses bedeckte, fielen heiße Sonnenstrahlen auf sein strohblondes Haar. Ein Mann von Statur und Charakter, ein hübsches, markantes Gesicht, kurz: geile Sau. Ich zog die Handbremse an und befreite mich aus dem Gurt.
Das Klappern der Autotür des Kia Geländewagens riss mich flüchtig aus dem Gespräch. Ich sah mich nach dem Geräusch um, und unterhalb der offenen Tür fielen ein paar Flipflops auf den Boden. Ungelenk folgten zwei schlanke Füße, schlüpften fix in die Riemchen, schließlich rauschte ihr langes Kleid über ihre Beine. Dann erst hob sie ihre hochgewachsene, athletische Gestalt aus dem Auto und schlug die Tür zu. Durch ihre goldbraune Haut strahlte der pastellgelbe Stoff. Sichtlich spannten sich die Muskeln ihrer nackten Oberarme. Kohleschwarze kurze Locken umgaben ihr ovales Gesicht mit den hohen Wangenknochen. Volle dunkelrote Lippen zeichneten schemenhaft ein spöttisches Lächeln. Was für eine Amazone! Unsere Blicke trafen sich.
Ganz dunkelgrün.
Hellbraun. Das ist selten.
Ich schloss das Auto ab und lief an meinem Wagen vorbei.
»Alexander, слушайте? Hören Sie zu?«, erklang es gereizt aus dem Telefon.
Erst dann konnte ich den Blick von ihrem Gesicht abwenden. Irgendwoher kannte ich sie. Selten sah ich Frauen, die sich in Flipflops und Maxikleidern anmutig bewegen konnten.
Er telefonierte weiter, sein Russisch klang durch seine unglaublich tiefe Stimme gefährlich und er musterte mich dabei. Tief seine Stimme, tief seine Augen. Ich hätte darin ertrinken können. Und so schön groß war er, fast zwei Meter. Doch Maßanzugträger ... und von denen hatte ich die Nase voll. Gut sah er ja aus, aber zehn Jahre zu alt für mich. Ich blickte nach vorn, lief an ihm vorbei und verließ das Parkhaus. Draußen erwischte mich die volle Wucht der Sonnenstrahlen. Schnell schob ich meine riesige Sonnenbrille auf die Nase. An der Bäckerei genehmigte ich mir noch einen Kaffee to go und ging dann direkt hinüber zur Charité. Sascha hatte mir mitgeteilt, auf welcher Station er lag. Seit meiner Feier zur Veröffentlichung meines vierten Romans hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Das war inzwischen sechs Monate her. Schon da hatte er übel ausgesehen; ich wappnete mich innerlich.
»Austen Lux für Herrn Schneid«, stellte ich mich vor.
Der Pfleger überlegte nicht lange. »Er hat Sie angekündigt. – Wenn Sie mir folgen wollen?«
War das die Art von Service, die nur Privatpatient:innen erfuhren? Während wir nebeneinander hergingen, sah er mich immer mal von der Seite an.
Na, was würde jetzt kommen? Nachfrage in Bezug auf den Vornamen Austen oder kannte er etwa meine Bücher? Seit ich Anfang des Jahres in den Bestsellerlisten zu finden war, wurde ich schon mehrfach wegen meines Namens erkannt.
»Erlauben Sie … Lux. Sind Sie mit Rex Lux verwandt?«
Oi, damit hätte ich rechnen müssen. Richard Lux, von allen Rex genannt, war vermutlich zu wohlklingend, als dass Menschen diesen Namen bald vergessen würden. Und was er als US-amerikanischer Investor Anfang der Neunziger in Berlin geschaffen hatte, war ohnehin für die Ewigkeit. Nachdem Dad aber nach der Lehmann-Brothers-Pleite und dem was folgte, fast sechzig Prozent seines Vermögens verloren und am selben Tag einen Herzanfall erlitten hatte, machte er sich rar. Dennoch wurden mein jüngerer Bruder Woolf und ich öfter seinetwegen auf unseren Familiennamen angesprochen.
»Wir sind sehr verwandt, wenn Sie so möchten.«
Ich lächelte den Pfleger schief an. Zum Glück kamen wir da gerade am Zimmer meines Mentors an, und mir blieb ein weiterführendes Verhör erspart.
Ich war 25 an jenem Nachmittag, als ich Sascha das erste Mal getroffen hatte. Damals besuchte ich Dad nach seinem Herzanfall im Kurheim. Meine Mutter Fiona, genannt Fio, war natürlich dabei, und anstatt mich zur Begrüßung zu umarmen, fasste sie mir in mein Haar und fragte, warum ich sie mir denn heute nicht so schön wie sonst geglättet hätte. Um nicht den nächsten Anfall zu provozieren, war ich sofort vor einem Streit mit Ma und Dad in den Innenhof der Kuranlage geflohen. Wie blöde kritzelte ich auf meinem Block, fasste die Wut in Worte. Sascha kam vorbei und sprach mich schließlich an. Trotzdem ihn eine schwere Depression und zusätzlich ein Schlaganfall ins Kurheim gebracht hatten, sah man ihm sein Alter nicht an. Ich schätzte ihn damals auf etwa fünfzig. Die guten Gene täuschten: Er war in seinen Siebzigern. Und als ich ihn heute, fünf Jahre später, am Krankenbett besuchte, konnte ich das auch erkennen.
»Fräulein Lux«, ertönte seine erstickte Stimme. Obwohl wir uns so lange kannten, siezten wir uns. Er war von so alter Schule, dass er mich als unverheiratete Frau immer noch auf diese Weise ansprach. Er würde vermutlich nie auf die Idee kommen, mir das Du anzubieten. Jedoch fand ich das Fräulein von ihm ganz hübsch und betrachtete es als einen Kosenamen.
»Fräulein Lux, so kurzes Haar ... das steht Ihnen, macht Sie frecher.«
»Vielen Dank.« Ich strich mir durch den Pixie-Cut. Zu meiner Lesereise, von der ich erst gestern nach Berlin nach Hause gekommen war, hatte ich meine Schwarzen Haare kurzschneiden lassen. Daran gewöhnt hatte ich mich jedoch noch nicht.
Sascha deutete mir, dass ich mich setzen sollte. Vielleicht hätte ich die Distanz wahren sollen, doch ich zog seine Bettkante vor, anstatt mir umständlich einen Sessel herbeizuziehen. Ihn schien diese Vertrautheit zu freuen. Er fragte mich nach meinem Vorankommen im Allgemeinen, nach meiner Schreibproduktivität im Speziellen und nach meiner Lesereise.
Von alledem berichtete ich ihm nur zu gerne. Ohne ihn wäre mein Leben niemals so, wie es heute ist. Sascha und ich trafen uns während Dads Aufenthaltes öfter in der Kuranstalt, und nach und nach las ich ihm einige Dinge vor, die ich so schrieb. Wieder zu Hause hielten wir Kontakt per E-Mail, und irgendwann fragte er mich, ob ich auch ein größeres Schreibprojekt ins Auge gefasst hätte. Das hatte ich. Es lag sogar schon seit Monaten in meiner Schublade.
»Worum geht es?«, wollte er wissen.
»Eine junge Frau zieht mit zwanzig aus dem Haus ihrer reichen, reichen Eltern aus und nimmt ihr Leben selbst in die Hand.«
»Klingt autobiografisch«, meinte er.
»Nur, dass ich achtzehn war«, gab ich zurück.
Er hatte mich darum gebeten, es lesen zu dürfen. Kurz darauf teilte er mir mit, dass er da jemanden kannte, der meinen Traum, Autorin zu sein, verwirklichen könnte.
Und er kannte nicht irgendjemanden. Er kannte Doktor Wolfgang Richter, den Chef des Buche Verlags. Wie ich dann herausbekam, gehörte Sascha sogar zu den Gründungsmitgliedern dieses inzwischen riesigen Verlagshauses.
Es gab Tausende andere Schreibende allein in Deutschland – ich wollte gar nicht wissen, wie viele von ihnen besser als ich waren – die wegen des übervollen Buchmarktes niemals ein Stück vom Kuchen abbekommen würden. In dieser Welt zu bestehen, scheint unmöglich. Neben dem Mainstream, neben all den populären Werken aus USA, Skandinavien und England, die unsereins verdrängen. Im eigenen Land ist kaum Platz für deutsche Autor:innen. Meine Wenigkeit war ein verdammtes Glücksschwein. Dank Sascha startete mein kometenhafter Aufstieg. Wie ein beschützender Großvater schirmte er mich vor dem Kuddelmuddel des Verlagswesens ab, reichte mir seine leitende Hand, half mir, an meinem Stil zu feilen und dennoch meine eigenen Geschichten zu erzählen.
Mein erster Roman »Flucht aus dem goldenen Käfig« ging bereits in die Tiefenpsychologie. Ich arbeitete den frühen Bruch mit meinen Eltern Rex und Fio auf. Kaum volljährig war ich nach Ostberlin in eine Wohngemeinschaft gezogen, verdiente Knall auf Fall mein eigenes Brot. 'Eine reiche Tochter rechnet ab', nannten es die Illustrierten. Ich fand mit der Geschichte, trotzdem sie von meiner Lebensgeschichte verfremdet war, rasch einen willigen Fankreis. Reißerisch und intensiv verarbeitete ich in meinem zweiten Werk speziell die Beziehung zu meiner Ma: »Mutterchroniken«. So viele Töchter fühlten sich verstanden: die Mutter als erste Vertraute und gleichzeitig letzte Gegenspielerin. In meinem Fall ein blondes Gift, das mit rassistischem Sexismus zu triezen verstand, aber das selber nicht einmal merkte. Das Buch verkaufte sich mehr als fünfzigtausendmal. Ma hatte nie etwas von meinem Getippsel gehalten, natürlich auch, weil sie ihre toxischen Verhaltensmuster nicht sehen wollte. Davon, dass ich ohne ihr Geld Berühmtheit erreicht hatte, war sie ebenso wenig begeistert und so las sie keinen meiner Romane.
Ma und mein Bruder Woolf vertrugen sich auch nicht mehr, wir hatten uns so gesehen nie richtig miteinander vertragen. Als ich mit 24 meine erste eigene Wohnung in Pankow bezog, holte ich den damals Zehnjährigen zu mir. Das hatte ich ihm schon Jahre zuvor versprechen müssen. Der dritte Roman »Bruder und Sohn« behandelte das Ringen mit den werten Heranwachsenden. In meinem vierten Buch und ersten Bestseller »WEITER WEG« setzte ich mich mit der schleichenden Trennung von meiner langjährigen Liebesbeziehung zu David auseinander. Als wir uns kennenlernten, war ich das Mädchen von Kasse 4, er der Erstgeborene eines Finanzhais. Als wir uns trennten, war ich die aufstrebende Autorin und er BWL-Student im achten Semester.
Sascha hustete stark, ich reichte ihm ein Glas mit Wasser, von dem er in kleinen Schlucken nippte.
»Fräulein Lux«, krächzte er dann, »ich muss Ihnen ein Geständnis machen.«
Ich stellte das Wasserglas zurück und sah ihn gespannt an.
»Erinnern Sie sich an meinen Sohn?«
Sofort rauschte es in meinen Ohren. Natürlich erinnerte ich mich, auch wenn ich ihn nie persönlich getroffen hatte. Saschas Sohn, den fast alle im Verlag nur Doktor A nannten. Vor einem halben Jahr hatte ich das bisher erste und letzte Mal mit ihm zu tun gehabt. Per E-Mail, die er versehentlich an Saschas komplettes Team geschickt hatte und somit lasen alle, wie unqualifiziert er mich doch fand. Keine Ahnung, warum das immer noch so an mir nagte. Als Sascha mich seinerzeit darum bat, sein aufregendes Leben zu Papier zu bringen, hatte ich mich riesig gefreut. Dass sein Sohn nicht viel von mir hielt, wenngleich er mich niemals richtig kennen gelernt hatte, das hatte Sascha mehr als einmal durchblicken lassen und er hatte darüber ziemlich geknickt gewirkt.
Ich schnaufte.
Daraufhin gluckste Sascha müde. »Verzeihen Sie diese Zudringlichkeit«, begann er dann, »aber es wäre mir sehr wichtig, wenn Sie beide sich miteinander vertragen.«
»Äh«, machte ich.
»Wissen Sie, er ist mein einziges Kind, und wir unterhalten kein intensives Verhältnis. Meine Leidenschaft für fiktive Texte teilte er nie, dabei ist ihm Wortgewandtheit vergönnt. Ähnlich wie auch Ihnen, liebe Freundin. Doch er vertut sein Talent in den Gerichtshöfen. Nutzt seine Eloquenz in der falschen Sprache.«
Ich schluckte. Soweit ich wusste, war Doktor A als ziemlich wichtiger Jurist vornehmlich in puncto Energiepolitik in Russland unterwegs. Niemand verstand so recht, warum Sascha nicht auf den Erfolg seines Sohnes stolz war.
Sie erarbeiteten Geschäftliches zusammen, pflegten aber kein unbedingt herzliches Verhältnis. Je älter mein Mentor wurde, und vor allem nach seinem Schlaganfall vor einigen Jahren, desto mehr regelte sein Sohn für ihn – wenn auch aus der Ferne.
»Fräulein Lux, ich weiß, Sie und Alexander hatten einen schlechten Start. Aber ich bitte Sie aufrichtig, ihm noch eine Chance zu geben. Er ist kein übler Mensch, wenngleich das auf viele den Eindruck machen kann. Er hat Einiges erlebt, wissen Sie? Genau wie Sie. Ich denke, Sie beide sind sich auf gewissen Ebenen sehr ähnlich. Deswegen habe ich ihn hergebeten, er müsste in einer halben Stunde hier sein.«
»Er ist wirklich in Berlin?«
»Ja, heute Vormittag gelandet. Er wird seinen Aufenthalt mit deutschen Fällen verbinden und nebenher ein paar Angelegenheiten für mich regeln.«
Das überraschte mich dann sehr. Sascha war schon länger krank, seit Wochen bettlägerig. Ich hatte ihn zu Hause nicht besuchen dürfen. Das und die Tatsache, dass sich Doktor A bisher gefühlt fünfhundert Mal angemeldet, jedoch immer im letzten Moment abgesagt hatte, ließen mich erschaudern. Es konnte doch nur bedeuten, dass es meinem lieben alten Freund so schlecht ging, dass selbst dessen verlorener Sohn in seiner Nähe bleiben wollte. Ich schüttelte den Gedanken ab.
»Nun«, gestand ich ihm zu, »wenn Sie mich darum bitten, werde ich Doktor Schneid die Möglichkeit geben, seine gute Seite zu zeigen. Ich wüsste allerdings nicht, in welchem Zusammenhang wir uns treffen sollten.«
»Das bringt mich zu meinem eigentlichen Anliegen. Ich weiß, es ist viel verlangt, aber könnten Sie sich in Anbetracht der Umstände vorstellen …«
Plötzlich versagte seine Stimme. Instinktiv griff ich nach seiner Hand und sagte bestimmt: »Herr Schneid, lieber, lieber Sascha, Ihnen verdanke ich meinen Durchbruch. Was kann ich also für Sie tun?«
»Schreiben Sie mein Buch – jetzt!«
Ich schreckte zurück.
Mein fünftes Werk »SCHWARZE ZAHLEN« sollte das Leben meiner Großmutter behandeln. In den Fünfzigern unterhielt sie eine Liebschaft mit einem weißen Industriemogul. Er half ihr finanziell und unterstützte sie, als sie ihre eigene Wäscherei in Miami eröffnete. Aus dieser verbotenen Liebe ging auch mein Vater hervor. Nana gelang damals, was leider heute noch zu wenigen alleinerziehenden Schwarzen gelingt: ein so großer finanzieller Erfolg, dass sie ihrem Sohn höhere Bildung zugänglich machen und ihn zum Studieren sogar nach Deutschland schicken konnte. Als er sein eigenes Geld verdiente, verkaufte sie die Wäscherei und verbrachte ihren Lebensabend damit, sich für die gesellschaftliche Anerkennung von Mischehen starkzumachen. Sie war schon drei Jahre tot, als ich Anfang der Achtziger geboren wurde. Dad sagte oft, dass ihre Kämpferinnatur in mir weiterlebte.
Sascha fuhr fort: »Ich weiß, Sie haben gerade das andere Projekt. Ich weiß, wie viel Freude es Ihnen bereitet, Ihrer Großmutter zu gedenken. Ich weiß, dass unsere Übereinkunft eine andere war. Aber sehen Sie mich an – wer weiß, wie viel Zeit noch bleibt?«
»Sagen Sie so etwas nicht.«
»Ich weiß, es ist viel verlangt …«
»Gar nicht, Herr Schneid«, unterbrach ich ihn und drücke diesmal mit beiden Händen seine Hand, »Es ist das Mindeste. Wir können sofort beginnen.«
»Liebes Fräulein Lux, Sie goldiges Wesen. Heute muss es nicht sein. Kommen Sie morgen und bringen Sie ihren Klappcomputer mit. Dann erzähle ich Ihnen alles.«
»Gut, so machen wir es.«
»Mit Richter ist das auch schon abgeklärt. Ich werde ihm Bescheid geben, dass der Vorschuss, den sie bereits erhalten haben, für meine Biografie gedacht ist. Wenn Sie mit dem Schreiben fertig sind, so werde ich es verfügen, bekommen Sie noch einen Bonus.«
»Das muss nicht sein, mir geht es gut. Lassen Sie mich das Buch so schreiben. Aus alter Freundschaft und Dankbarkeit.«
Da drückte er meine Hand fester und hauchte: »Sie wären mir eine gute Tochter gewesen …«
Will der mich verarschen?
Ein starker Geruch nach Rasierwasser stieg in meine Nase, so dass ich instinktiv aufsah. In der Tür stand der schnieke Anzugträger von vorhin und das offenbar schon seit einer Weile. War ich im falschen Film? Eine krasse Ader pochte an seiner Stirn, sein Hals färbte sich dunkelrot. Jeden Moment würde er explodieren. Stattdessen brummte er kalt: »Guten Tag, Frau Lux nehme ich an …«
Die Erkenntnis, wer er war, verschlug mir den Atem.
Sie nickte. Das konnte doch nicht wahr sein!
Mit den kurzen Haaren und den zusätzlichen Muskeln hatte ich sie nicht erkannt.
»Doktor Schneid«, gab ich mit einem Nicken zurück und lockerte langsam den Griff um Saschas Hand.
Im sonnendurchfluteten Krankenzimmer wirkte Doktor A in seiner Wut zwar furchterregend, doch er hielt lange genug still, so dass ich sein Gesicht genauer betrachten konnte. Maskulin und rosé war es, blass wohl vom Stress. Er hatte einen markanten Kiefer mit einem graden Mund, den zwei tiefe Falten umrundeten. Wegen der schlechten Rasur sah ich, dass sein Bart ebenso blond wie sein Haupthaar war. Er mochte Mitte vierzig sein. Und endlich erkannte ich die Ähnlichkeit: Er hatte die großen, dunkelgrünen Augen Saschas.
»Junge! Steh da nicht so wie ein Zinnsoldat«, rief dieser ungewohnt schroff.
Als Doktor A daraufhin auf uns zusteuerte, ließ ich endgültig die Hand seines Vaters los und rutschte vom Krankenbett.
Ich wollte höflichen Abstand wahren, so dass die beiden sich begrüßen konnten. Aber Doktor A blieb noch weiter entfernt vom Bett stehen als ich, stemmte die Hände in die Seiten und nickte seinem Vater zu.
»Das Fräulein hat eingewilligt«, stöhnte Sascha müde. Seine Stimme wirkte in Gegenwart seines Sohnes plötzlich viel brüchiger und schwächer. Hatte er vor mir stark sein wollen oder wollte er vor Doktor A kränker wirken? Oder machte er es gar nicht mit Absicht?
»Ich möchte, dass du sie bei allem unterstützt.«
Daraufhin drehte Doktor A sich zu mir herum und starrte mich noch böser an.
»Hmm«, knurrte er nach einer Weile, »soweit ich weiß, wird sie meine laienhafte Hilfe nicht brauchen. Sie ist doch wohl qualifiziert genug.«
Ich zog eine Augenbraue hoch und wollte erwidern, dass er recht hatte, Sascha kam mir jedoch zuvor: »Hornochse, nun reicht es. Sie macht sich damit genug Umstände. Ich will, dass du ihr zur Seite stehst. Du wirst an unseren Treffen teilnehmen und evaluieren.« Dann wandte er sich an mich, seine Stimme klang deutlich sanfter: »Mein Gedächtnis ist in letzter Zeit etwas schlecht, es kann sein, dass er mich verbessern muss, wenn ich von früher spreche.«
»Sicher, ich werde einen guten Anstandswauwau abgeben«, rief Doktor A und ließ den Blick über meine Figur schweifen. »Wer weiß, wozu so ein junges Ding sonst …«
Ich ließ ihn nicht ausreden. »Ich darf doch wohl sehr bitten!«, donnerte ich. Und das so laut, dass der Pfleger seinen Kopf durch die Tür steckte und »Psst« machte.
Daraufhin drehte ich mich nur um, erklärte noch: »Herr Schneid, ich werde die Hilfe Ihres Sohnes nicht brauchen. Ich wünsche ihn nicht morgen, nicht übermorgen und zu keiner Zeit hier vorzufinden, wenn wir an Ihrem Buch arbeiten.« Und damit wetzte von dannen.
Dieser Hintern …
°°°
Der nächste Morgen kündigte bereits einen sauheißen Tag an. Die Sonnenstrahlen kitzelten meine Nase und ließen mich lächelnd aus meinen bewegten Träumen erwachen. Um mich auf Touren zu bringen, rutschte meine Hand noch einmal ins Höschen und katapultierte mich kurz ins Engelsreich. Ich erstickte mein Stöhnen. Hier war niemand, den ich damit anfeuern könnte. Dann streckte ich alle Glieder und erhob mich. Entgegen meiner Gewohnheit schlief ich nicht bis 12:00 Uhr, sondern musste um 8:00 Uhr aus dem Bett und ins Bad. Zähneputzend und mit verquollenen Augen starrte ich in den Spiegel. Mein Gesicht war wohl das Einzige an mir, dem man die Dreißig ansah. Spitz war es geworden, meine Züge ergaben ein fast perfektes Herz. Ich mochte die vollen Lippen meines Vaters und die hellbraunen Augen meiner Mutter. Meine Haut war eine vollendete Symbiose dieser Mischehe: ein kühles Mittelbraun. Mit 27 fielen mir die zarten Furchen auf, die meine Stirn waagerecht schmückten, und schließlich folgte die tiefe Denkfalte, die sie oberhalb meiner flachen Nase genau teilte. Als sich mir mein Schwarzes naturkrauses Haar noch chemisch glätten ließ, trug ich einen Pony, der die Falte auf meiner Stirn passabel verdeckt hatte.
Ich spuckte aus und sah wieder in den Spiegel. Den Stirnfalten hatte ich anfangs versucht, mit Cremes und Peelings entgegenzuwirken. Doch jeder kleine Erfolg wurde durch den nächsten nächtewährenden Schreibmarathon zerstört. Ich entschied mich fürs Mit-Würde-Tragen. Eine Gesellschaft, die Denk- und Lachfalten mit Nervengift wegspritzte, musste ohnehin ihre Werte überdenken, so ging ich mit gutem Beispiel voran. Dazu kam die Entscheidung, meine schwarzafrikanischen Wurzeln nicht mehr mit Tonnen von Chemie zu zerstören und meine Haare ganz einfach schneiden zu lassen, wenn mir die Mähne zu voluminös wurde. Als Ma meinen Kurzhaarschnitt sah, erklärte sie mir, dass ich ihr ein Brief mit sieben Siegeln sei. Ich verkniff mir schon länger Bemerkungen in die Richtung, wie verletzend ihr Verhalten war.
Sie merkte nicht einmal, wie sexistisch und rassistisch sie sein konnte. Mit Sprüchen wie diesen konnte ich Bücher füllen - was ich dann ja auch getan hatte. Sowohl sie als mein Dad waren noch nie mit meinem eigenen Kopf klargekommen und hatten ihre liebe Not mit mir, wie sie es nannten. Ich denke, sie folgten vor über dreißig Jahren nur einem hippen Trend, mich nach einer Autorin zu benennen, die ihrer Zeit voraus gewesen war. Und wunderten sich dann, dass aus mir tatsächlich ein Freigeist wurde. Immerhin sorgten sie, kaum dass ich lesen konnte, dafür, dass ich mich vor der realen Welt in Büchern verkroch. Sie hörten auch nicht auf, sich zu wundern, als ich mit 18 auszog. Meine Erziehung und Ausbildung hatten ursprünglich darauf abgezielt, dass ich in das Unternehmen einstieg. Während sie sich zwar nie mit meiner linksliberalen Grundeinstellung identifizieren konnten, hatten sie mir doch nie Bildung verwehrt und mich lesen lassen, was ich wollte. All das hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Aber für sie war es ebenfalls verwunderlich, dass sie das Ganze bei meinem Bruder Woolf wiederholten, sodass aus ihm politisch eine jüngere, männliche Version von mir wurde und er lieber bei mir leben wollte.
Sie hatten uns gelassen. Uns freigelassen. Wir hätten es elterntechnisch schlechter treffen können. Obwohl wir gebrochen hatten, unterhielten wir einen lockeren Kontakt. Sie hätten uns auch gerne von vorne bis hinten finanziell gepusht. Doch dank der lieben Literatur war das nicht nötig. Meine letzten beiden Romane hatten sich ziemlich gut verkauft und ich hatte für das nächste Buch einen saftigen Vorschuss erhalten. Auch verdiente ich mir nebenher mit dem Schreiben einer Kolumne in der Berliner Zeitung und mit meinen geliebten Lesereisen etwas hinzu. So hielt mich mein Stolz guten Gewissens von weiteren Subventionen meiner Eltern ab.
Woolf stolperte nun ebenso verpennt wie ich ins Badezimmer. Mehr als offensichtlich hatte er mich nicht erwartet, das zeigten mir sein schockierter Gesichtsausdruck und seine riesige Morgenlatte – wie sie wohl bei fünfzehnjährigen Jungs normal war.
Rückwärts entfernte er sich aus der Tür und verschwand in seinem Zimmer. Ich lächelte amüsiert, putzte zu Ende, und als ich das Bad verließ, rief ich: »Ich bin in der Küche und mache uns Frühstück.« Was ihm so viel bedeuten sollte, wie: »Keine Sorge, wir werden niemals darüber reden.«
Ich hatte keine Ahnung, ob er schon mit jemandem schlief, oder ob er sich für die erste Liebe aufsparen wollte. Und ich hatte wenig Talent dafür, mit ihm über Sex zu reden.
Als ich in seinem Alter war – eigentlich viel früher – und gerne etwas über die menschliche Fortpflanzung gewusst hätte, war Dad mit den Fingern in den Ohren aus dem Zimmer gerannt und hatte gesungen: »Lalalala – meine süße kleine brave Tochter, lalalala!« Es sollte wohl witzig sein, wirkte aber eher traumatisierend auf mich. Und es verfehlte seine Konsequenz nicht: Ich sprach mit meinen Eltern, besser gesagt mit meiner Mutter nur noch einmal über Sex und das nicht freiwillig.
Da war ich 22 und schleppte David, nachdem er mich etwa 25.000-mal darum gebeten hatte, zum Vorstellungsbesuch bei ihnen an. Ma war von Haus aus schlank und sportlich. Dazu ein Augenaufschlag, der besungen wurde. Sie wusste schon immer die Männer für sich zu gewinnen. Als meine Eltern sich kennenlernten, war Fio 21 und Kellnerin im Domhotel. Rex war da schon 34 und verknallte sich auf den ersten Blick in sie. Nach der ersten Liebesnacht war er rettungslos verliebt und leitete alles in die Wege, sie zu sich nach Westberlin zu holen.
»Austen, du beherrschst das Element Mann genauso gut wie ich«, hatte sie mir gesagt, als die Männer etwas ferner von uns durch unseren großen Garten in Grunewald schritten.
»Oh, Ma sei bloß still!«
»Nutz das, binde ihn an dich. Was glaubst du, wie ich einen so reichen Mann bekommen habe?«
»Ma bitte ...«
»Ganz genau, ich BIN so gut! Und das bist du auch, ich sehe es, wie er dich ansieht ...«
Ich ließ sie stehen. Und die Erinnerung an dieses Gespräch hätte ich zu gerne verdrängt.
Während ich die Kaffeemaschine befüllte, riss mich das Schrillen meines Telefons aus meinen Erinnerungen. Meine beste Freundin Danni: »Austen Schätzchen, es ist furchtbar!«
»Bianca oder Benjamin?«
»Beide! Bianca nervt mich schon wieder wegen des Schrankes, und außerdem will sie mir die Reparatur von der Waschmaschine berechnen. Sie sagt, das war Nini. Natürlich kommt sowas exakt einen Tag, nachdem Ben sie mal wieder betrunken angerufen und ihr erzählt hat, wir wären wieder zusammen. Da hat sie ihm gesagt, dass sie sich vor einen Zug wirft, wenn das passiert.«
Es war gar nicht so leicht, ihr zu folgen bei all dem Leid, das ihre Psycho-Exen ihr bereiteten. Danni war in den letzten fünfzehn Jahren immer mal mit Bianca und dann wieder mit Benjamin zusammen gewesen. Von Letzterem hatte sie zwei Kinder, Nini und Charlie.
Nachdem sie sich über die beiden ausgeheult hatte, gelang es mir, sie zu beruhigen: »Danni, schließ die Augen. Atme ein und atme aus. So und nun ganz ruhig. Woran denkst du jetzt?«
»Dass ich Bianca den Hals umdrehe, wenn sie Nini das nächste Mal anschreit.«
»Okay, wir wiederholen das.« Ich brachte sie dazu, endlich ruhig zu atmen, und schon flossen die Tränen. »Warum such ich mir immer solche Arschkrampen, Austen? Sogar unter den Lesben finde ich die Flachwichser.«
Ich kannte Danni nun seit vier Jahren, seitdem sie von Marzahn hier ins Nachbarhaus in die Borkumstraße gezogen war. Und es war keine Woche vergangen, in der sie nicht mindestens mit einem von den beiden Streit hatte. Mal weigerte sich Benjamin Unterhalt zu zahlen oder holte die Kinder nicht wie versprochen von der Schule ab, dann drohte Bianca wieder mit Selbstmord, wenn Danni nicht zu ihr zurückkäme, oder hatte irgendeine Krankheit, neuerdings sehr beliebt: Brustkrebs.
»Du weißt, was ich darüber denke«, sagte ich ihr.
»Ja ... dass ich es mal mit jemand anderem versuchen sollte, als mit denen, von denen ich weiß, dass sie scheiße sind.«
»Nein, ich meine den Schritt davor.«
»Sich selber lieben ist schwer. Und Single sein eh. Bei dir sieht das so einfach aus.«
Ich lachte kalt. »Das lernst du auch noch.«
Meine beste Freundin hatte erst vor ein paar Monaten aufgehört, mit ihren Exen zu schlafen und übte sich in einem Selbstfindungsprozess. Den Sex hatte sie aufgegeben, doch das Drama behalten. So ist es, sobald starke Gefühle im Spiel sind. Aber sie hielt ihren Job nun schon seit fast einem Jahr – ein Rekord. Und durch das regelmäßige Einkommen wurde sie von Spielsucht-Benjamin und Tankstellen-Besitzerin Bianca freier, denn früher hatten diese ihr immer für die Kinder aushelfen müssen. Und an all diesen Vernunftentscheidungen ihres Lebens hatte ich mit meinem Rat und meinen freundschaftlichen Taten einen großen Anteil gehabt.
Danni trocknete die Tränen, gestand mir, dass sie sich auf dem Klo versteckt hatte und ihre Chefin sich sicher schon fragte, wo sie steckte. »Danke fürs Gespräch.«
»Nicht dafür, wir reden später, wenn ich bei Sascha war, ja?«
»Frau Bestsellerautorin. Ich freu mich drauf.«
Mit diesen Worten legte sie auf, und ich schnaufte. So viel Aufregung vor meinem dritten Kaffee!
Im nächsten Moment kam Woolf in die Küche und blickte auf den gedeckten Frühstückstisch, den ich während des Telefonats vorbereitet hatte.
»Hi, hast du wohl geruht?« Ich lächelte möglichst unschuldig, um ihm noch einmal klarzumachen, dass wir über die Szene vorhin nicht zu reden brauchten.
»Hi, thanks. Und du wohl nicht, dass du schon auf den Beinen bist?«
»Doch, doch. Sascha erwartet mich um 10:00 Uhr in der Charité, dann gehen wir erstmal die wichtigsten Punkte durch.«
»Und Nanas Buch ruht jetzt echt?«, fragte er und schäumte sich Milch auf.
Ich wartete, bis der Krach zu Ende war, und entgegnete dann: »Ja, ich will mich auf eine Sache konzentrieren, damit alles richtig gut wird.«
»Hört, hört! Wir werden erwachsen.« Woolf grinste und goss sich den Milchschaum in die hohe Tasse, um etwas von meinem extrastarken Filterkaffee nachzuschütten. Ich soff das Zeug an arbeitsreichen Tagen wie Leitungswasser.
Wir setzten uns an den Tisch und bestrichen unsere Brotscheiben mit all den feinen Sachen, die ich im Kühlschrank gefunden hatte.
»Ich treffe mich morgen Nachmittag mit David«, erklärte ich irgendwann.
»Ich weiß«, entgegnete Woolf.
Die beiden telefonierten seit der Trennung regelmäßig, und ab und zu trafen sie sich auch. Dass ich Schluss gemacht hatte, lag anderthalb Jahre zurück, und offenbar war meine Wut auf David inzwischen verflogen. Es war diese ganz erwachsene Art gewesen, sich von jemandem loszusagen: Beide liebten einander noch sehr, wussten aber, dass die Unterschiede zu groß waren und sich eine gemeinsame glückliche Zukunft ausschloss. Es hatte sich gut angefühlt, diese Entscheidung zu treffen, dennoch litt ich wie ein Hund. Meinen Schmerz in ein Buch zu packen, das ich vor einem halben Jahr rausgebracht und wofür ich einen fetten Bonus kassiert hatte, half recht gut über mein Leid hinweg. Wie David mit der Trennung umgegangen war, wusste ich nicht. Wir trafen uns erst auf der Buchpremiere. Die Freigabe über die an ihn angelehnte Romanfigur hatte ich über seine Anwältin eingeholt. Ich sag ja: Alles ging sehr erwachsen über die Bühne. Auch unser Wiedersehen. Lasse ich meine anhaltende Appetitlosigkeit, nachdem ich ihn gesehen und immer noch heiß gefunden hatte, unter den Tisch fallen, würde ich sagen: Perfekt gemeistert, Lux! Danach hatten wir uns alle paar Wochen auf einen Kaffee getroffen, gequatscht und jedes Mal erneut festgestellt, dass die Entscheidung richtig gewesen war. Dann hatte mein Exfreund sich verlobt.
'Doch genug davon', schalt ich meine Gedankengänge. Ich hatte mir vorgenommen, mich völlig auf Saschas Buch zu konzentrieren, und daran wollte ich mich halten. Pünktlich verließ ich die Wohnung und lief zur S-Bahn. Es war kurz nach 9:00 Uhr und die Sonne knallte bereits auf meine kurzbehosten Beine, dass es eine Freude war. Hätte ich aus Gründen heute nicht eine Slipeinlage nötig, wäre ich im Kleid und ohne Höschen gegangen …
°°°
Mein Wecker schellte heute erst um 6:00 Uhr. Da hatte ich schon wach gelegen. Wie lange war es her, dass ich dergleichen Lüsternes geträumt hatte? Herrgott war ich nicht allmählich zu alt dafür? Ich quälte mich endlich hoch und besah, dass meine morgendliche Erektion noch immer nicht abgeklungen war. Was zum Teufel war los mit mir? Dass das überhaupt passierte, lag doch Jahre zurück ... Irgendwann, kurz nachdem Madelena mir mitgeteilt hatte, dass sie die Scheidung wünschte ... Reiß dich zusammen, Junge!
Meine seit dem Studium morgendliche Routine von zwanzig Liegestützen, zwanzig Rumpfhebern und zwanzig Kniebeugern, ließ das Symptom abschwellen. Unter der Dusche perlte hartes, eiskaltes Nass auf meine betagte Haut und beruhigte mich. Immer wenn ich eine Wohnung bezog, hatte ich die Mischbatterie verstellen lassen, so dass das Wasser so weit wie möglich heruntergekühlt wurde. Nur das weckte mich auf. Ich schloss die Augen und steckte meinen hitzigen Schädel unter den Strahl. Doch wieder schob sich ihr Anblick vor meine Sicht. In dem Traum trug sie knappe Hosen und ein Baseballtrikot. Warum ein Trikot? Berücksichtigen deine Fantasien ihre US-amerikanischen Wurzeln?
Sie kaute Kaugummi, machte eine Blase, ließ sie knallen, leckte sich über die Lippen und sah mich dann über ihre Schulter an. »Was glotzen Sie so?«
Unter anderen Umständen hätte ich gelacht. Aber mir war spätestens in diesem Moment klar, dass die nächste Zeit alles andere als lustig werden würde.
Ich hatte in der Berliner Wohnung noch etwas für Belajew nachgearbeitet, Saddei das Protokoll geschrieben und auf meine Putzfrau gewartet, die mich wie immer herzlich begrüßte. War ich nicht in dieser Stadt, kam sie nur einmal im Monat her, um eine Grundreinigung vorzunehmen. Da ich aber wohl einige Tage bleiben würde, bot es sich an, dass sie öfter kam. Wie so oft redeten wir auf Russisch miteinander. Obwohl sie bald dreißig Jahre in Berlin lebte, wollte sie sich in ihrer Muttersprache üben.
Ich fragte sie: »Können Sie meine Anzüge und die Hemden zur Reinigung bringen?«
»Die Anzüge ja, die Hemden mach ich selbst,
wenn Sie gestatten.«
Mir war klar, dass sie das Geld gut brauchen konnte.
»Wie Sie möchten, Frau Nuske.«
Ich lächelte betreten und griff nach meinem Autoschlüssel.
Vater erwartete mich um 9:00 Uhr. Er hatte betont, dass wir nicht viel Zeit hätten, weil sein Fräulein Lux um 10:00 Uhr käme und sie mich ja nicht sehen wollte. Bei dem Gedanken trat ich härter aufs Gas. Diese Person! Und was glaubte mein alter Herr, für wen ich all das tat? Ich hatte weiß Gott Besseres zu tun. Doch verzichtete ich auf meinen direkten Umgang mit meinen Moskauer Kollegen, bereitete die Konferenzen via Fernleitung vor, nahm an den Besprechungen per Videokonferenz teil und flog nur zu den ganz wichtigen Terminen rüber. Und nebenbei erledigte ich seinen Kram im Verlag. Undank ist der Weltenlohn, hatte er mir immer gepredigt. Sauer stieß mir auf, dass er, sobald es um diese ansehnliche Göre ging, gar nicht mit Lob und Dank hinterherkam. Zum Glück musste ich nun wenigstens nicht mehr ertragen, das mit anzusehen. Als ob ich einem Verbot dieser altklugen Dilettantin Folge leisten würde – nein, ich war froh, dass Vater ihr recht gab und meinte, wir könnten nicht zusammenarbeiten. War besser so. Gewiss.
Die verdammten Straßen waren voll, meine abschweifenden Gedanken hatten mich daran gehindert, eine gescheite Alternativroute zu finden, und so kam ich tatsächlich zu spät. Das war mir ewig nicht passiert. Vater war erbost und noch müder als am Vortag. Er ließ es sich jedoch nicht nehmen, mich auf meinen Fehler hinzuweisen, mich für meine Eitelkeit zu schelten, weil ich das Navi nicht benutzt hatte, und zudem zu sagen: »Nun bleibt kaum noch Zeit, was, wenn das Fräulein früher herkommt?«
»Geht es dir nur um sie? Dann hätte ich wohl nicht extra herzukommen brauchen.«
»Wenn du sowieso in Berlin bist …«
»Das meine ich. Meinst du nicht, ich hätte in Moskau Besseres zu tun gehabt?«
Vater lachte kehlig und rau. »Willst du mir erklären, du hättest all diese Aufträge hier nur angenommen und deine Aufgaben im Russenreich verschoben, um bei mir zu sein?«
Ich ballte meine Hand zu Faust. Meine Fingernägel schnitten ins Fleisch, als ich sagte: »Wenn es so wäre?«
»Halte mich nicht für einen Narren, Alexander! Mir ist durchaus bewusst, wie wichtig du bist. Denen. Der Welt. Was schert dich das Schicksal dieses alten Mannes?«
Dröhnender Schmerz durchzog meinen Schädel. Vater wusste doch sicher genau, welchen Punkt er damit bei mir traf.
Nein, ich bin nicht wichtig. Aber ich bin so nahe an den sogenannten Wichtigen, dass sie mich mit der Droge der scheinbaren Wichtigkeit infiziert haben. Mit dieser versuche ich meine größte Krankheit, die Sucht nach Existenzberechtigung, zu lindern. Experte ja, wertvoller Berater ja. Gewichtiger Entscheidungsträger nein. Irgendwann einmal wichtig sein zu dürfen, etwas darzustellen, wesentliche Entscheidungen zu treffen, danach giere ich. Doch ich trete seit Jahren auf der Stelle. Alles, was das mühevoll errichtete Gebäude, das diese Wichtigkeit zu stützen vermag, zum Einsturz bringen könnte, dem stehe ich spätestens seit meiner Scheidung feindlich, ja aggressiv gegenüber.
Dann kam die Kunde, dass es Vater schlecht geht, er ins Krankenhaus umgezogen ist, seine Wohnung in Berlin aufgelöst hat. Dass, sollte es ihm wieder besser gehen, er in unser Haus im Kellerwald zurückziehen wird. Aber es sah nicht danach aus. Ich hatte begonnen abzuwägen. Hatte erkannt, dass er zu dem winzigen Kreis von Menschen gehörte, die mir wirklich etwas bedeuteten. Ich war bereit gewesen, bereit unsere Beziehung in Ordnung zu bringen. Doch nun sah ich, wohin mich das gebracht hatte.
Ich wurde wieder der eifersüchtige Knabe, der um seine Anerkennung bettelte.
Diesmal nicht!, entschied ich kurzerhand.
»Sag mir doch einfach, was du willst, dann sind wir schneller fertig«, entgegne ich ihm müde.
»Ich wollte mit dir heute mein Testament durchgehen.«
»Hast du das noch nicht mit einem Notar gemacht?«
»Natürlich, aber wozu nutzt mir ein Sohn im Jurahandwerk, wenn ich mit ihm nicht darüber sprechen kann?«
»Na danke. Also wo ist es?«
»Bei meinem Notar«, sagte er nach einer Weile.
Ich schnaubte. »Und was willst du besprechen? Sag bloß noch, du willst durchboxen, dass Austen Lux deinen Sitz im Aufsichtsrat bekommt.«
»Natürlich nicht, du Narr. Dazu ist sie zu jung und würde es ohnehin verabscheuen. Ich möchte, dass du darüber mit meinen Partnern sprichst. Du weißt, wie der Hase läuft.«
»Schönen Dank auch. Ich habe keine Zeit für so etwas. Mach du das doch, wenn du wieder auf den Beinen bist.«
Vater schwieg einen Moment und sah mir das erste Mal seit langem direkt in die Augen. Das hatte er so zuletzt getan, als ich ihm gesagt hatte, dass ich mit Madelena nach Moskau ziehen würde. Ich lehnte mit dem Arm am Fenster, von draußen knallte die Sonne auf mein dunkles Jackett.
Es war jetzt schon viel zu heiß, ich sehnte mich nach meinem klimatisierten Büro in der Kanzlei.
»Du irrst ...«, flüsterte Vater, »ich gedenke, bald zu sterben.«
Eines musste man dem Flügel der Privatpatient:innen lassen: Er war auch bei dieser Affenhitze draußen schön gekühlt. Pünktlich bog ich um die Ecke ins Zimmer und fand den armen Sascha im Bett liegend und seinen verkorksten Sohn am Fenster stehend vor. Wie sie einander ansahen – als hätten sie nach Jahren ihren ersten intimen Moment. Dabei störte mein Auftauchen sie offenbar, sie blickten zu mir. Saschas Miene hellte sich sichtlich auf, Doktor A starrte mit einem Mal ungläubig auf meine nackten Beine. Ja, Herrgott, ich weiß, die Hose ist kurz, aber warst du heute mal draußen, Keule?
Er schüttelte sich und griff im nächsten Augenblick nach seiner Tasche. Kurz nickte er seinem Vater zu, dann lief er an mir vorbei. Ich spürte seinen Blick auf meinem Körper und warf ihm über die Schulter einen Todesblick zu: »Was glotzen Sie so?«
Daraufhin lief er rot an und verdünnisierte sich.
Woolf traf mich am Abend wie fast immer an meinem Schreibtisch an. Ich hatte mir eine Dokumentation rausgesucht, die im Zuge des 40. Jubiläums des Buche Verlags produziert worden war. Darüber fand ich tatsächlich ein paar frühere Interviews von Sascha, die ich mir ebenfalls reinzog. Seine Eloquenz, mit denen er den Reporter:innen begegnete, war nicht von der Hand zu weisen. Und wie gut er als junger Mann ausgesehen hatte, eine richtige Schnitte! Ich stellte fest, dass er abgesehen von seinem dunklen Haar und den fürchterlichen, aber damals modernen Anzügen, Doktor A brutal ähnlich gesehen hatte. Natürlich kannte ich Abbilder von ihm als Enddreißiger, aber nun, da ich seinem Sohn getroffen hatte, rückte sich all das in ein anderes Licht. Mir wurde klar, dass Doktor A viel besser aussehen würde, zöge er sich den Stock aus dem Arsch und blickte nicht immer drein, als wären alle um ihn herum seine Todfeind:innen.
Endlich fiel mir auf, dass Woolf meinen Schreibtisch umschlich.
»Hungry Wolf?« Ich grinste.
Er war ein guter Junge und er traute sich selten, mich tatsächlich anzusprechen, solange ich arbeitete. Und dass ich hier saß, mir Interviews aus den Siebzigern gab und Notizen machte, musste schwer nach Recherche aussehen. Störe ein tapferes Schreiberlein niemals bei der konzentrierten Recherche und schon gar nicht im Schreibfluss. Mein Bruder wusste all das, auch wann ich mich in der ZONE befand, und ich gar nichts mitbekam oder die Phase, in denen jegliche Störfaktoren tödlich geahndet wurden.
»Worauf hast du Lust?«, fragte Woolf lächelnd.
»Ach, lass' was bestellen. Ich will grünes Curry und Reis.«
Brav lief er zum Telefon und rief bei unserem Asia-Fusion
Restaurant des Vertrauens an, um sich und mir jede Menge scharfes Essen zu ordern. Wir setzten uns grünen Tee auf und platzierten uns mit all den Pappschachteln am Küchentisch. »Hast du schon deinen roten Faden gemacht?«, wollte Woolf erfahren.
Es war immerhin das fünfte Projekt, das er miterlebte, natürlich wusste er, an welcher Schwelle ich stand. Dass, nachdem ich das Gerüst erstellt hatte, es ein paar Wochen dauern würde und ich mich dann mitten im Fluss befände, in dem ich vergessen würde zu essen, zu schlafen, zu reden. Ich würde nur labil grinsend am Computer hocken, tippen, vermutlich sabbern und dankbar das Wasser bechern, das mein braver Bruder mir brachte. Alle drei Tage würde er mich davon überzeugen, etwas zu essen, doch um Gottes willen zu duschen und mich schlafen zu legen. Und ich würde ihn erst beschimpfen und schließlich gehorchen. Mir war bewusst, dass ich einem nicht mal Sechzehnjährigen damit viel zumutete. Aber immer wenn ich das (im wachen Zustand versteht sich) Woolf gegenüber ansprechen wollte, erklärte er mir: »Ich liebe es, zu erleben, wie deine Bücher wachsen und dass ich immer der Erste bin, der etwas davon hören wird. Bitte lass mich ewig an diesem Rohdiamanten teilhaben. Dafür nehm ich deine creepy Phasen gerne in Kauf.«
Und ich war beruhigt bis zu meinem nächsten Anfall eines schlechten Gewissens.
»Nein, ich habe noch kein Gerüst geschrieben. Sascha war vorhin sehr aufgebracht und hat mich gebeten, ihn übermorgen wieder zu besuchen. Solange werde ich mich intensiv mit der Verlagsgeschichte auseinandersetzen, dachte ich.«
»Du bist ja so professionell.«
»Haha!«
»Weißt du, was ihn so fertig gemacht hat?«
»Vermutlich sein doofer Sohn, der stand doch tatsächlich in dem Zimmer rum, als ich ankam.«
»Warum auch nicht? Ist doch sein Paps.«
»Du bist ja so erwachsen!«
Natürlich wusste ich, dass es eigentlich ziemlich kindisch von mir war, zu verlangen, Doktor A solle sich von Sascha fernhalten, wenn ich angemeldet war.
»Du hast ja keine Ahnung, was für ein Stinkstiefel das ist!«
»Hast du es denn? Du kennst ihn gar nicht. Mir sagst du immer, ich solle mir selbst ein Urteil bilden und nicht zu schnell abwerten.«
»Haha!«
»Mal ehrlich, Jane! Du hast ihn erst zweimal erlebt, oder? Und vorher hast du dich vom Tratsch aus dem Verlag mitreißen lassen. Wo bleibt die Autorin, die alles hinterfragt und von allen Seiten beleuchtet?«
Scheiße, der Junge kannte mich echt zu gut. »Du hast ja recht. Aber du hast Doktor A auch noch nie gesehen. Gleich, als ich ihn das erste Mal sah ...«
»Was war da?«, hakte Woolf nach, als ich nicht weiterredete.
Ja, was war da in dem Parkhaus? Beeindruckt hatte er mich, hübsch hatte ich ihn gefunden. Ich war von jeher der Meinung, dass solche Männer nicht SO aussehen dürften. Nicht SO gut.
»Na ja, wie auch immer. Im Krankenhaus ist er mir jedenfalls ziemlich doof gekommen.«
»Darüber hab ich auch nachgedacht«, erklärte der Junge und schob sich einen großen Löffel Reis zwischen die Lippen, »das sollte bestimmt nicht gegen dich gehen. Sagtest du nicht, er und sein Vater hätten ein schwieriges Verhältnis?«
»Mit Doktor A hat jede:r ein schweres Verhältnis«, nuschelte ich mit halbvollem Mund.
»Kein Wunder, dass er immer so angespannt ist.«
»Ja, gut okay, ich geb ihm noch ne Chance, bist du nun zufrieden, Wölfchen?«
»Jupp«, grinste er und trank darauf einen Schluck Tee.
°°°
Keusche Unruhe lag in mir. Ich erkannte meinen Ex von Weitem. Seine Körperhaltung, Statur, die Art, wie er eine Hand in die Seite stemmte, und mit der Anderen auf seinem Schlaufon herum wischte. Davids Haar war ganz kurz geschnitten. Ich hatte Jahre gebraucht, ihn davon zu überzeugen, es wachsen zu lassen, damit ich in dieser weichen, braunen Pracht herumwuscheln konnte. Er sah dünner aus, als würde er weniger trainieren. Sein graues Jackett wehte offen im Wind, er trug passende Anzughosen und ein hellblau-weiß gestreiftes Hemd. Die oberen Knöpfe hatte er für seine Verhältnisse salopp geöffnet, und je näher ich kam, desto mehr erinnerte mich das Stück nackte hellbraune Haut daran, was unter dem Stoff verborgen lag. Schließlich sah er auf und sein Gesicht strahlte. Nicht weil wir furchtbar verliebt waren wie einst – sondern weil es nach fast acht Jahren in Knochen und Mark übergegangen war, wie wir aufeinander reagierten. Wir umarmten einander locker, verzichteten auf das obligatorische Küsschen. Als mir sein persönlicher Duft vermischt mit dem Geruch seines Rasierwassers in die Nase stieg, wurden schlagartig Erinnerungen wach. Damals, wenn er sich nach dem Rasieren damit die Wangen vollgeklatscht hatte und ein paar Tropfen seinen Hals hinab auf seine Schlüsselbeine gerollt waren. Dann hatte er sich immer erst die Hände gewaschen und sein Gesicht hinterher. Der Duft auf seiner Brust blieb, und wenn ich ihm abends das Hemd öffnete, schwoll er mir entgegen, so dass ich erleichtert einatmete und wusste: Feierabend!
Von jeher war ich der Meinung, Sex sollte der kleinste gemeinsame Nenner in einer Liebesbeziehung sein. Bei David und mir war es am Ende der Klebstoff, der uns voneinander nicht loskommen ließ. Wir machten den Fehler, miteinander zu schlafen, obwohl wir uns zuvor gestritten hatten. Es als Versöhnungssex zu verbuchen, uns aus Hassliebe heraus in Ekstase zu versetzen. So blieben die Konflikte unausdiskutiert, verhasste Angewohnheiten des anderen bestehen. Töricht dachten wir, so viel gemeinsam durchgestanden zu haben, dass sich unsere Unterschiede miteinander ergänzten und wir sowieso niemals harmonisch zusammenleben würden, woraufhin wir gar nicht mehr versuchten, an uns zu arbeiten oder etwas zu retten. Immer öfter kratzte ich ihm den Rücken wund, weil ich meine Wut irgendwo auslassen musste. Mehr und mehr wurden seine Berührungen ruppig, seine Schläge auf meinen Arsch zu hart. Wir wollten einander verletzten, ehe wir unsere Körper teilten. Außerhalb des Schlafzimmers konnte ich ihm gar nichts mehr recht machen. Er maulte nur noch, ich meckerte zurück. Der Groll wurde stärker. All das verdrängte die Liebe, und auf unheimliche Weise verstärkte es die Lust. Wir verwechselten das zärtliche Kuscheln unserer verschwitzten Leiber, die süßen Nichtigkeiten, die wir einander ins Ohr flüsterten, das Lächeln in den intimsten Momenten ... Wir dachten, es war Nähe.
»Lass uns hierhergehen«, sagte David und riss mich aus meinen Gedanken. Er deutete auf ein Straßencafé zu unserer Linken. Mit Schwung setzte er sich mir gegenüber, zog sein Jackett aus und legte es über die Lehne. War er auch dünner geworden, so blieb er doch ein verdammtes Eye-Candy.
Dann ließ er mich reden. Über Woolf, über Projekte, über Dannis Dramen, über mein Training für den Berlin-Marathon, an dem ich nächstes Jahr teilnehmen wollte. Er stellte Folgefragen, reichte mir ungefragt seinen Keks vom Kaffeetassenrand. Sogar nach meinen Eltern und meinen Großeltern mütterlicherseits, die ganz in der Nähe von Dad und Ma in einem Luxus-Pflegeheim wohnten, erkundigte er sich.
Meine Eltern hatten sich zur Ruhe gesetzt. Ihr Bauunternehmen wurde inzwischen durch eine Gesellschaft verwaltet, sie selbst waren seit Jahren weg von der Bildfläche in ein hübsches großes Haus am Bodensee verschwunden. David wusste all das und wirkte nach wie vor interessiert am Schicksal seiner Ex-Schwiegereltern in spe. Er schien immer noch der süße, liebe Typ zu sein, in den ich mich vor so vielen Jahren volle Granate verknallt hatte. Doch er war nun der süße liebe Verlobte einer anderen.
Ich kannte sie nur von Fotos. Jasmin. Sie war etwas kleiner als ich und weiß, aber in unserer Körperfigur ähneln wir einander. Ich wusste auch, dass sie rotblonde Naturlocken hatte, die sie glättete und aufhellte. Sie war Anfang zwanzig. All das hatte mir David erzählt, nachdem er ein halbes Jahr mit ihr ausgegangen war. Damals tat es noch weh, so dass ich ihn unterbrach und bat, mir frühstens mehr zu erzählen, wenn es ernst zwischen ihnen würde. Nur drei Monate später verlobten sie sich. Jasmin wollte Kinder, Halbtagsstelle, für ihn backen, Häuschen im Speckgürtel, einen Hund, Rotarymitgliedschaften – all diese Dinge, die Davids Traumfrau wollen sollte. Nun hatte er sie. Ich traute mich nicht zu fragen, ob er glücklich war. Zum einen, weil es mich so oder so nichts mehr anging, zum anderen, weil ich nicht sicher sein konnte, ob er ehrlich zu mir wäre. Er sah mich noch immer so an wie früher. Als wir eingespielt waren, die erste Verliebtheit abgeklungen war. Als ich als Kassiererin gejobbt hatte und er den Wochenendeinkauf bezahlen musste. Da hatte Woolf auch noch nicht bei mir gewohnt.
Wir saßen voreinander, plauderten und spürten wohl gleichzeitig, dass der Groll aufeinander vorüber war. Es hatte ein Ende, einander zu begehren. Wir lächelten uns schüchtern an, dann trank David sein Glas Wasser mit einem Zug aus, um mir fest in die Augen zu sehen.
»Austen … ich muss dir etwas sagen.«
Was kam jetzt? Seinem Blick nach zu urteilen, das klischeehafte Verbot seiner Verlobten, mich wiederzusehen. Ich gluckste stumm in mich hinein. Doch leider kam exakt das. Er verwendete sogar die Wortkonstellation »Meine Verlobte möchte«, anstatt sie Jasmin zu nennen, »dass wir den Kontakt einschlafen lassen. Es ist ihre Bedingung, ansonsten wird sie die Verbindung lösen.«
Diesmal gluckste ich laut, und es klang genauso panisch, wie ich mich fühlte.
»Und wie denkst du darüber?«, fragte ich zaghaft.
»Natürlich macht es mich traurig, anderseits hat sie recht. Wir beide sollten uns nicht wiedersehen, wir haben kein gemeinsames Leben mehr.« Er klang dabei so verdammt sachlich wie eh und je, wenn er argumentierte. Selten hatte er sich in Streitgesprächen zu Gefühlsausbrüchen hinreißen lassen. »Du und Woolf ward mein Ein und Alles. Aber nun habe ich Jasmin und werde mit ihr meine Zukunft aufbauen.«
»Du willst auch Woolf nicht mehr sehen?«
»Nicht gar nicht. Aber ich denke, für meine Rolle als Vater ...«
»Ihr werdet schon Eltern?«
»Die Hochzeit ist in ein paar Wochen. Wir haben die Verhütung bereits abgesetzt.«
Gott, wieso blieb er so verdammt gefühlskalt?
»Sag es Woolf bitte selbst«, entgegnete ich so gefasst wie möglich.
»Das habe ich bereits.«
Diese Männer und ihre Heimlichtuerei! Vielleicht war es gut, dass David sich endgültig aus unserem Leben verabschiedete. So hatte Woolf ihn nicht unmittelbar als männliches Vorbild vor der Nase und ich hätte eine Chance noch Einfluss zu nehmen, ehe er auch so ein Eisklotz würde.
Dann bezahlten wir sehr schnell und umarmten uns zum Abschied. Seltsam, ihn zu drücken. Gewohnt reagierte mein Körper mit dem Gefühl der Heimeligkeit, doch dieser Mann gehörte mir schon lange nicht mehr. Bald würde er unwiderruflich durch ein gemeinsames Kind an eine andere Frau gebunden sein. Eine, die ihm all das gab, wozu ich nicht bereit gewesen war. Immer noch nicht war und niemals sein würde. Es war gut, ja es war gut.
Aber warum spielten sie im Radio ausgerechnet jetzt „Someone Like You“?
Als ich heimkam, lief Woolf mir aus seinem Zimmer entgegen, als habe er auf mein Schlüsselklappern gelauert.
»Du bist ja zu Hause«, stellte ich überflüssigerweise fest.
»Hi«, hauchte er liebevoll und musterte mich, ehe er genauso unnötig nachfragte, »du hast dich also mit David getroffen?«
»Ja, du Verräter, habe ich.«
»Wir dachten beide, es sei besser, wenn er es dir sagt.«
»Ach, ihr Schweinehunde, dachtet ihr das?«
»Brauchst du eine Umarmung?«
»Ja, du dumme Socke, brauche ich.«
Woolf lächelte endlich und nahm mich in den Arm. Er war mittlerweile fast so groß wie ich, seine sehnige Brust und seine festen Arme fühlten sich natürlich bei weitem nicht mehr so kuschelig und niedlich an wie einst. Als er noch mein kleines Wölfchen gewesen war. Er drückte mich fester an sich, es beruhigte mich ungemein. Dann säuselte er: »David will von seiner Frau gebraucht werden, und du brauchst niemanden. Du willst einfach nur Menschen in deinem Leben, aber du brauchst sie nicht, und das ist auch gut so.«
»Woher du das nur wieder hast, Klugschwätzer. Als ob ich dich nicht bräuchte.«
Er sah mich an. »Und ich dich. Aber du brauchst keinen, der gebraucht werden will.«
»Was brauche ich dann?«, fragte ich. Wenn er mich schon analysierte, dann richtig.
»Zu dir passt jemand, der dich reizt. Nicht auf die Art, wie David und du euch immer gestritten habt. Sondern einer, mit dem du wachsen kannst.«
»Also echt, Wölfchen. Du hast dich wohl in zu vielen Foren rumgetrieben, um dir diese Weisheit anzufuttern.«
»Wann wirst du mich endlich nicht mehr so nennen?«
»Keine Ahnung.« Ich zog meine Schuhe aus und tappte ins Wohnzimmer. »Wenn du erwachsen bist?«
»Falls du es genau wissen willst«, sagte er daraufhin beleidigt, »das hab ich nicht aus dem Internet. Ich hab viel über unsere Eltern nachgedacht in letzter Zeit.«
Ich fiel mit dem Arsch aufs Sofa und blickte ihn erstaunt an.
Er fuhr fort: »Die streiten sich auch andauernd und landen dann immer zusammen im Bett, ohne etwas zu schlichten.«
»Hör auf, Ma und Dad lieben einander.«
Dass ich der Meinung war, Dad hätte aufgrund dieser Streitereien nach der Pleite schließlich den krassen Herzinfarkt bekommen, verschwieg ich.
»Sehr lieben tun sie sich, ja. Genau wie du und David früher«, entgegnete Woolf mit einer Weisheit jenseits seiner Fünfzehn, drehte sich um und ging in sein Zimmer.
Am späten Nachmittag dieses Mittwochs traf ich mich entgegen unserer Dienstags- und Donnerstagsroutine mit meiner Trainingspartnerin Valeria. Sie und ich hatten uns erst vor kurzem zufällig beim Laufen kennengelernt und peilten an, zusammen am 40. Berlin-Marathon teilzunehmen, der im Folgejahr stattfinden würde. Gerne hätte sie schon an dem wenige Wochen später teilgenommen, aber eine Fußverletzung hatte sie lange ausgeknockt. »Mensch, heute doch mal? Wie kommt es?«, begrüßte sie mich in ihrer langsamen Sprechweise, in der sie vor allem die letzten Silben betonte. Valeria, der brasilianische Strich in der Landschaft, arbeitete für BASF als Laborantin. Die einzigen Gemeinsamkeiten, die unsere Leben wohl hatten, waren die bevorzugten Laufstrecken und das Ziel, es beim Marathon unter die schnellsten zehn Frauen zu schaffen. Trotzdem erzählte ich ihr von meinem Plan, dass ich am nächsten morgen früh ins Krankenhaus wollte, um, wie Woolf versprochen, mir ein neues Bild von Doktor A zu machen, und sie deswegen nicht, wie gewöhnlich um 10:00 Uhr treffen konnte. Dazu musste ich ihr im Folgenden erklären, wer Sascha und natürlich wer Doktor A war. Valeria war lieb, hatte jedoch kaum Ahnung davon, was in meinem alltäglichen Leben als Autorin so abging. Wenig involviert lauschte sie mir, während wir durch den Bürgerpark Pankow joggten, und war dankbar, als wir endlich auf Lauftechniken und neue Erkenntnisse bezüglich Muskelkomprimierung zu sprechen kamen. Am Ende konnte ich ihr einen Sportratgeber empfehlen. Sport-Ratgeber und Fachliteratur zu Chemie waren die einzigen Bücher, die sie freiwillig las. Eine Zweckfreundschaft – wenn auch eine, die, solange unsere Gespräche oberflächlich blieben, sehr lustig war. Für die wichtigen Themen des Lebens – Literatur, Sex und Weltfrieden – hatte ich Danni.
°°°
Tags drauf brauste ich wie geplant um 9:30 Uhr zur Charité, wo ich wie erwartet auf den Doktor nebst Vater stieß. Leider erwischte ich die beiden wohl gerade bei einem Streit. Schon von weitem hörte ich den Sohn in seiner unnachahmlich durchdringenden Stimme schimpfen. Als eine Schwester ins Zimmer eilte und um Ruhe bat, wurde sie von ihm auch noch zusammengefaltet. Ich kam in den Raum, als er Sascha die Worte entgegenspie: »Wenn ich wirklich so ein Nichtsnutz wäre, wie du mir seit Mutters Tod glauben machen willst, dann interessiert mich, warum ausgerechnet ich deine Angelegenheiten ordnen soll.«
Sascha saß im Lehnsessel, trug einen Pyjama und einen Morgenmantel darüber – es schien ihm also besser zu gehen. Er sah gleichmütig aus dem Fenster, entgegnete ruhig: »Du hast doch angerufen und gesagt, du wolltest mir helfen. Deswegen lasse ich dich.«
Jene Selbstgefälligkeit, zu der wohl nur Väter in der Lage sind. Ich kannte sie zu gut von meinem Dad und auch von Opa Mierl, wenn er Fio mal wieder vor den Kopf stieß.
Doktor A schien diese Manier genauso anzufixen wie jedes Kind und fuhr dann erst recht aus der Haut: »Wenn deine Dankbarkeit dafür so aussieht, kann ich darauf verzichten ...«
»Dankbarkeit?« Sascha lachte und sah ihn endlich an. »Du solltest dankbar sein, dass ich dich nicht enterbe, dass ich dich überhaupt noch als meinen Sohn bezeichne, dass ich dir all mein Vertrauen gebe. Letzteres wäre bei jedem anderen Anwalt genauso gut aufgehoben.«
Doktor A starrte seinen Vater ungläubig an. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, aber ich wusste, dass es ein »Das hast du jetzt nicht gesagt« schrie. Im nächsten Moment wirbelte er herum, und dann bemerkten sie mich. Bei beiden hellte sich der Gesichtsausdruck sichtlich auf – auch bei Doktor A, weil er vermutlich gerade jede:n lieber mochte als seinen Vater, selbst mich. Während Sascha freundlich lächelte, verdunkelten sich die Augen von Doktor A jedoch schlagartig wieder, und die Wutader auf seiner Stirn pulsierte beängstigender als sonst.
»Doktor Schneid«, nickte ich zur Begrüßung und das so herzlich wie möglich, bedachte man, dass er auf mich zukam und ich die Hosen voll hatte vor Angst.
Er schien davon mehr als irritiert. Vermutlich wollte er nur an mir vorbeirauschen, fort aus diesem Raum, weg von seinem Vater und mir. Aber mein Gruß zwang seinen Anstand, innezuhalten und mir zum ersten Mal die Hand zu geben.
»Hallo, Frau Lux.«
Verwirrt schüttelten wir die Hände, und plötzlich erschauderte ich. Dafür, dass er gerade so wütend wirkte, hatte er wirklich zärtlich gesprochen. Und er fühlte sich weich und warm an. Meine Finger kribbelten komisch. Dann war der Moment vorbei, er nickte und schritt von dannen. Ich blickte zu Sascha, entschuldigte mich und eilte Doktor A nach. Mir war durch die vergangenen Minuten so vieles über ihn klar geworden und der schlimme Streit zwischen den Männern brachte mich dazu, wenigstens ein paar nette Worte zu ihm sagen zu wollen. »Augenblick bitte, Doktor Schneid?«
Sie rief nach mir. Warum?
Ich drehte mich um und sah auffordernd zu ihr herab. Was war das in ihrem Blick? Das war mir schon aufgefallen, als sie im Raum aufgetaucht war. Hatte sie Angst vor mir?
»Ja?«, sagte ich.
Sie zuckte zusammen – das war wohl etwas laut gewesen.
Verdammt, eben wusste ich doch noch, was ich sagen wollte.
Da stand sie und schwieg mich an. Was sollte das, was beabsichtigte sie damit? Erst Vater und nun strapazierte auch sie meine Nerven? Sie war wohl kaum gekommen, um mich zu trösten. Ich atmete tief ein, das schien sie noch mehr zu verunsichern.
»Frau Lux, bitte sagen Sie mir einfach, was Sie wollen. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.«
