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Ein schmächtiger, einsamer Junge, ein sehnsüchtiger Traum, ein geheimnisvolles Buch - und nichts ist mehr, wie es einmal war. Vincent, ein frustrierter Teenager, lebt schon lange mehr in einer aufregenden Traumwelt als in der Realität. Doch dann geschieht es! Ganz plötzlich findet er sich in seinem selbsterschaffenen Universum wieder und muss feststellen, dass das Heldsein seine Schattenseiten hat. Eine spannende Reise beginnt, die ihm neue Freunde an die Seite stellt, ihn aber auch mit großen Strapazen und tödlichen Gefahren konfrontiert. Mehr als einmal will er verzweifeln, doch es gibt kein Entkommen. Am Ende bleibt ihm nur eine Wahl: sich der Herausforderung stellen oder untergehen. Eine packende Erzählung vom Erwachsenwerden wider Willen...
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Seitenzahl: 796
Veröffentlichungsjahr: 2017
Gudrun Brylka
Fantasyroman
© 2017 Gudrun Brylka
Umschlag, Illustration: Jürgen Lade, Berlin
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7345-9913-2
Hardcover:
978-3-7345-9914-9
e-Book:
978-3-7345-9915-6
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Für Alex-
usque ad mortem et ultra
Es war 6.30h. Ein kalter, grauer Montagmorgen.
Vincent, der sich müde ins Badezimmer geschleppt hatte, zog eine gequälte Grimasse. Der Spiegel zeigte ihm im grellen Licht einer Neonröhre deutlich sein schmales Gesicht mit den melancholischen, grauen Augen, sein zerzaustes, dunkelblondes Haar. Ein Allerweltsgesicht, dachte er traurig, und fuhr sich seufzend mit der Hand über die Stirn. Eine weitere Schulwoche lag vor ihm, und wenn nicht ein Wunder geschah, würde sie genauso eintönig und frustrierend sein wie alle anderen Wochen zuvor.
Es war nicht einmal so, dass ihm die Schule keinen Spaß gemacht hätte. Die meisten Fächer fielen ihm leicht, doch unter seinen Mitschülern schien er immer ein Fremdkörper zu sein. Er hatte sich daran gewöhnt, dass man ihn ignorierte, es war besser als der offene Spott, der ihn so oft verletzt hatte.
Dennoch… es war ein einsames und deprimierendes Leben, denn natürlich sehnte er sich wie jeder Mensch im tiefsten Innern nach Freundschaft und Anerkennung. Was war es nur, dass ihn von den anderen zu trennen schien? Er war keine Sportskanone, soviel war klar. Untrainiert und etwas unbeholfen wie er leider war, konnte er hier einfach nicht punkten. Und offenbar war es genau das, was ihn in den Augen der anderen zu einer Lachnummer degradierte. Im besten Falle erntete er mitleidige Blicke, meistens jedoch ließen ihn seine Kameraden deutlich ihre Verachtung spüren. Seine guten Leistungen in den anderen Fächern schienen sie eher noch mehr gegen ihn aufzubringen.
Und zu guter Letzt war da noch seine Begeisterung für alles, was mit dem Mittelalter zu tun hatte. Es gab kaum etwas, das er nicht darüber wusste. Bücher, Zeitschriften, Internetartikel, Filme… was auch immer er zu diesem Thema finden konnte, verschlang er mit Hingabe. Doch dies schien ihn für seine Altersgenossen vollends zu einem Außenseiter zu stempeln. Auch sein unscheinbares Äußeres machte es nicht besser. Hatte er früher noch versucht, sich in die eine oder andere Gruppe zu integrieren, so hatte er das nun längst hinter sich gelassen.
Es war zu anstrengend, ewig um Aufmerksamkeit betteln zu müssen, ständig zu verleugnen, wer man wirklich war. Er hatte den aussichtslos erscheinenden Kampf aufgegeben und sich zur Flucht gewandt. Und so war es still um ihn her geworden, totenstill. Die Tränen, bitter und ätzend, hatte er in seiner Seele eingeschlossen. Vincents Gedanken kreisten nun beständig um sein Lieblingsthema, doch immer mehr nahm diese Welt in seinem Inneren phantastische Züge an. Sie war bevölkert von Rittern und Abenteurern, die idealisierte Vorstellung eines mittelalterlichen Kosmos, in dem es nicht nur um Äußerlichkeiten ging. Hier war der Rückzugsort, an dem die graue Realität nichts verloren hatte, ein Platz, an dem alles mühelos möglich schien, was er im Alltag nicht einmal versucht hätte. Mit dem, was er tatsächlich über das Mittelalter wusste, hatte diese Welt zwar schon lange nur noch oberflächlich zu tun, dennoch hätte er viel dafür gegeben, einen Sprung in dieses Universum tun zu können. Je mehr er sich ausmalte, wie anders sein Leben an diesem Ort der Phantasie verlaufen würde, desto mehr verlor er den Bezug zu den Menschen, die ihn umgaben. Vincent, der Träumer, Vincent, der Außenseiter, Vincent, der Loser.
Eine Erinnerung an seinen achtzehnten Geburtstag kehrte ungebeten zurück. Es war nun schon zwei Monate her. Der achtzehnte Geburtstag! Viele seiner Mitschüler hatten diesen Tag mit rauschenden Partys und verrückten Unternehmungen gefeiert. Doch mit wem hätte er schon feiern sollen? Es gab keine Freunde, die er hätte einladen können. Alleine hatte er diesen Tag verbracht, ganz allein. Nur seine Mum hatte ihm eine Torte gebacken und ihm ein neues Buch geschenkt, bevor sie wieder losgehetzt war zur Arbeit, wie jeden Tag, seit er denken konnte. Seine Großeltern, die er über alles liebte, hatten angerufen und ihm auf ihre herzliche Art alles Gute gewünscht, sein Vater hatte ebenfalls einen Geburtstagswunsch gemurmelt, bevor er wieder mit einer Flasche Bier auf seinem Sofa verschwunden war. Und das war alles gewesen, trotz der guten Wünsche ein ganz und gar erbärmlicher Tag, an dem die Einsamkeit sich noch schmerzlicher fühlbar machte als sonst.
Vincent schüttelte krampfhaft den Kopf, um die trübsinnigen Erinnerungen zu verscheuchen und beschwor innerlich wieder ein anderes Bild herauf: stampfende Pferdehufe, glänzende Rüstungen, scharfe Schwerter. Im Flur hörte er Schritte. Seine Mutter war wohl aufgestanden, um ihm ein schnelles Frühstück zuzubereiten.
Die gute, alte Mum…!
Ein zärtliches Lächeln erschien kurz auf seinem Gesicht, bevor er sich seiner Katzenwäsche widmete und dann in die Küche eilte. Seine Mutter stand am Herd und machte Rührei. Sie sah müde aus. Kein Wunder, hatte sie doch gestern bis spät in die Nacht eine Zahnarztpraxis in der Innenstadt putzen müssen. So war es von jeher gewesen. Mum schleppte die Familie durch mit Gelegenheitsjobs. Hier eine Tätigkeit an der Kasse, da eine Stelle als Reinigungskraft. Das Geld war immer verzweifelt knapp, während Vincents Vater die Tage auf dem Sofa vor dem Fernseher verbrachte. Beständig eine Flasche Bier in der Hand, wurde er immer träger und aufgedunsener, seltsam uninteressiert am Leben seiner Angehörigen, nur noch eine Art Platzhalter für ein Wesen, das früher wohl einmal ein agiler, junger Mann gewesen sein musste. Für diesen ewig nach billigem Fusel stinkenden Mann hatte Vincent nur Verachtung übrig, den meisten Teil der Zeit versuchte er, ihn einfach ganz zu ignorieren. Wirklich Sorgen bereitete ihm seine Mutter. So schmal war sie geworden in all den Jahren, immer müde, immer traurig, und dennoch so sehr bemüht, ihm ihre Liebe und Zuwendung zu zeigen, ihm aus ihrem mageren Haushaltsbudget doch hier und da einmal etwas Besonderes zu gönnen. Wenn er sie ansah, regte sich heiße Liebe in seinem Herzen, und manchmal hätte er am liebsten geweint, wenn er an die stille, enttäuschte Gestalt dachte, die immer da war, wenn er sie brauchte.
Sorgsam stellte sie ihm nun seinen Frühstücksteller hin, dazu einen großen Becher Milchkaffee. Er lächelte sie dankbar an, begann zu essen, wechselte noch ein paar Worte mit ihr. Dann schnappte er sich seine Schulsachen und machte sich auf den Weg.
Am Himmel türmten sich dunkle Wolken, und ein plötzlich aufspringender Wind ließ einen ungemütlichen Tag erwarten. Vincent zog sich die Kapuze über den Kopf und ließ fröstelnd seine kalten Hände in den Jackenärmeln verschwinden. Während er weitertrottete, ging er in Gedanken noch einmal seine Facharbeit durch, die er heute würde abgeben müssen. Aber eigentlich bereitete ihm das keine übermäßigen Sorgen.
Sein Seminarfachlehrer Herr Schneider hatte viel Verständnis für ihn gezeigt und ihm als Thema die Analyse des mittelalterlichen Feudalsystems vorgeschlagen. Das war eine hochwillkommene Chance gewesen, und Vincent hatte sich mit Feuereifer der Recherche gewidmet. Obwohl er viel über das Mittelalter wusste, gab es doch immer noch Neues zu lernen, und diese Arbeit hatte ihn ein gutes Stück weitergebracht. Gedanken um seine Note brauchte er sich also auf keinen Fall zu machen. Die Ausarbeitung war ihm perfekt gelungen, und er war eigentlich ziemlich stolz darauf. Wenn es auch sonst niemanden gab, den das interessieren würde, so war ihm doch viel daran gelegen, seine Mutter nicht zu enttäuschen. Vincent hatte realistische Chancen, die volle Punktzahl zu erreichen, und so malte er sich aus, wie seine Mum sich darüber freuen würde, während er es gleichzeitig hartnäckig vermied, an den Sportunterricht zu denken, der heute ebenfalls stattfinden würde.
Diese allwöchentliche Demütigung war schon lange ein Teil seines Lebens, an den er sich gewöhnt hatte, doch eine schöne Aussicht war es in keinem Falle. Er hätte sicherlich mehr Zeit investieren können, um seine Fähigkeiten auf diesem Gebiet zu verbessern, aber er hatte sehr wenig Lust dazu. Was würde es schon ändern? In den Augen der anderen war er der Sonderling, mit dem sich niemand so recht abgeben wollte, und bessere Zeiten im Dauerlauf würden das nun auch nicht mehr anders machen. Wozu also Zeit verschwenden für etwas, dass ihn so wenig interessierte? Da ging er am Nachmittag schon lieber in die Bibliothek.
Die alte Bücherei war ein Ort, an dem er sich von jeher wohl gefühlt hatte. Der Geruch der alten und neuen Bücher, die aufgereiht in den hohen Regalen standen, hatte etwas Heimeliges. Tagelang konnte er sich dort aufhalten, sich in seiner Lieblingsecke in einen der behaglichen Ledersessel zurückziehen und dort in unzählige Welten abtauchen. Jedes Buch nahm ihn mit auf eine Reise, fort von seinem unscheinbaren Ich und weg aus seinem kläglichen Dasein, hinein in Abenteuer, Heldentum und vergangene Zeiten. Besonders gerne las er all die Publikationen, die sich mit den vielen Facetten des mittelalterlichen Lebens befassten. Hier gab es kaum ein Buch, das er noch nicht kannte, aber es waren alte Freunde für ihn, die er immer wieder gerne besuchte. Heute Nachmittag, dachte er. Heute Nachmittag würde er wieder dort sein. Es würde eine Belohnung werden für den harten Schultag, seine ganz persönliche Oase der Ruhe. Doch zunächst musste er sich durch das alltägliche Einerlei hindurchkämpfen, das jeden Tag der Schulzeit zu dominieren schien. Grau, langweilig, enttäuschend…
Als es nach einem endlos erscheinenden ersten Unterrichtsblock endlich zur Pause klingelte, kramte Vincent sein Pausenbrot heraus und trottete hinaus auf den Schulhof. Dort, in der hintersten Ecke inmitten von dichtem Buschwerk, stand eine alte Bank. Die Balken der Sitzfläche waren brüchig und überzogen von Flechten und Moos. Außer Vincent setzte sich kaum jemals jemand auf das wackelige Ding, und so war sie ein willkommener Rückzugsort für den stillen Träumer geworden. Gott sei Dank ein Platz, um den er nicht kämpfen musste. Doch heute schien sich das schlagartig geändert zu haben. Als er um die Hecke herumblickte, sah er auf der Bank zwei Mädchen sitzen. Sie hatten die Köpfe zusammengesteckt und tuschelten miteinander. Sein Herz machte einen kleinen, nervösen Satz, als er erkannte, wen er da vor sich hatte.
Josefine Halterer, das umschwärmteste Mädchen der ganzen Schule. Ihr langes, schwarzes Haar fiel wie ein glänzender, dunkler Wasserfall weit über ihren Rücken hinunter, und in dem feinen Gesicht mit den zarten Augenbrauen nahmen sich die blauen Augen fast unnatürlich groß aus.
Wenn Vincent auch ein Außenseiter war, der sich längst mit dieser Rolle abgefunden hatte, so konnte er sich dennoch der Anmut dieses Mädchens nicht entziehen. Wie oft hatte er träumend dagesessen und sich vorgestellt, wie es wäre, mit Josefine zu reden. Nur zu hören, wie sie mit ihm sprach, wäre die Erfüllung seiner Träume gewesen, hätte es doch bedeutet, dass sie Notiz genommen hätte von seiner unscheinbaren Existenz. Weiter gingen seine Träume nicht, nur ein paar Worte von ihr! Was hätte er nicht dafür gegeben! Und nun saß sie da auf seiner Bank. Er schluckte hart. So nah sie eben auch war, für ihn war sie unerreichbar fern. Gerade wollte er sich umdrehen, um sie nicht zu stören und sich selbst womöglich einer weiteren Demütigung auszusetzen, da wendete sie den Kopf und sah ihn an. Offenbar hatte sie das Rascheln der Zweige gehört.
„Oh, hallo Vincent. Das hier ist ja deine Bank, nicht wahr? Wir wollten dir nicht den Platz streitig machen. Komm, setz dich, wir gehen einfach woanders hin!“
Sie lächelte ihn freundlich an und sprang auf, die Freundin an der Hand hinter sich herziehend.
„Nicht nötig, die Bank ist doch für alle da“, stammelte Vincent, der in Sekundenschnelle knallrot angelaufen war wie eine überreife Tomate. Doch Josefine wollte davon nichts wissen.
„Ist in Ordnung, wir wollten eh noch ins Lehrerzimmer. Setz dich nur und genieß deine Pause.“
Mit diesen Worten verschwand sie um die Ecke und Vincent starrte ihr nach. Das war es gewesen. Sie hatte mit ihm geredet! Dass es nur wenige belanglose Worte gewesen waren, machte ihm nicht das Geringste aus. Sie hatte ihn wahrgenommen, mit ihm gesprochen! Der Rest des Schultages ging in einer Art Nebel an ihm vorüber. Nur die Erinnerung an ihre schönen Augen und ihre sanfte Stimme schienen real zu sein, alles andere trat dahinter zurück und wurde schemenhaft und unwirklich.
Als es endlich zum Schulschluss klingelte, sprang Vincent erleichtert auf. Unkonzentriert, wie er den ganzen Tag über gewesen war, hatte er sich einige erboste Rüffel von seinen Lehrern eingehandelt. Doch nun war es ja glücklicherweise überstanden. Während er seine Sachen in die Tasche stopfte und sich seine Jacke vom Haken schnappte, strömten seine Mitschüler durch die Gänge und aus dem Gebäude. Wie immer war es ein komisches Gefühl für ihn. Die Menge umspülte ihn und ließ ihn trotz der drangvollen Enge seine eigene Isolation nur umso stärker wahrnehmen. Wie ein Fluss eine scharfe Felsklippe umfließt, so umgab sie ihn von allen Seiten und schien doch nichts mit ihm gemeinsam zu haben. Er war froh, als sich die plappernde, johlende Schar endlich verlaufen hatte.
Der Himmel war noch immer mit schweren Wolken verhangen, ein unangenehm kalter Wind blies um die Häuserecken, und immer wieder setzte feiner Sprühregen ein, der sein Gesicht netzte und ihn zusammenschauern ließ. Er beschleunigte seine Schritte und erreichte nach kurzem Fußmarsch ein mehrstöckiges, rot angestrichenes Haus, das in einer kleinen Nebenstraße recht ruhig gelegen war. Die Tür war überdacht, und Vincent streifte schnell die nasse Kapuze vom Kopf, klingelte dann im dritten Stock bei Familie Lauber.
„Endlich bei Oma“, dachte er, und ein warmes Gefühl der Entspannung stieg in ihm auf. Hier war sein eigentliches Zuhause. Schon seit seiner frühesten Jugend kam er fast jeden Tag hierher. Ein warmes Essen, ein aufmunterndes Wort, eine liebevolle Umarmung… das alles wurde ihm hier mit großer Selbstverständlichkeit angeboten. Wenn es einen Platz auf der Welt gab, an dem er seine verletzte Seele öffnen konnte, dann war es dieser hier. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte er die Treppe empor, betrat dann etwas atemlos die kleine, gemütlich eingerichtete Wohnung. Oma hatte die Tür für ihn offengelassen. Er konnte sie in der Küche rumoren hören, das Klappern der Teller und ein verheißungsvoller Duft ließen seinen Magen plötzlich vernehmlich knurren. Opa rief ihm aus dem Wohnzimmer einen Willkommensgruß entgegen.
Schon wenig später saßen sie gemeinsam um einen runden Holztisch und aßen mit Appetit, während sich Opa nach den letzten Neuigkeiten aus der Schule erkundigte. Er fragte ihn nach seiner Mum, Vincent wollte etwas über Opas neuestes Modellbahnprojekt wissen, und so unterhielten sie sich angeregt über dieses und jenes. Vincents Vater hingegen erwähnte niemand auch nur mit einer Silbe. Es war besser so. Nach einem leckeren Dessert, bestehend aus Mousse au Chocolat und viel zu viel Sahne, erhob sich Vincent widerstrebend und streckte sich wohlig wie ein Kater.
„Dank dir, Oma, das war wieder köstlich. Du bist die beste Köchin, der ich je begegnet bin. Jetzt muss ich aber leider los. Ich habe noch etwas für die Schule zu erledigen, und ich will heute unbedingt noch zur Bibliothek. Bei diesem Wetter gibt es keinen besseren Platz, um die Zeit zu verbringen, finde ich.“
Oma begleitete ihn in den Flur, wo er sich seine klamme Jacke überwarf. In ihrem Gesicht malte sich eine Mischung aus Liebe und Sorge. Sie machte sich natürlich ihre Gedanken über ihn, wenn sie sie auch niemals aussprach. Es konnte ja auch gar nicht anders sein. Ein achtzehnjähriger Junge, der am liebsten allein in der Bibliothek herumsaß, war vermutlich tatsächlich etwas, das Anlass zur Sorge geben sollte. Vincent konnte diesen Gesichtsausdruck nicht ertragen und lächelte ihr zu.
„Mach dir keine Gedanken um mich, Oma. Es geht mir gut. Wirklich. Ich bin ganz zufrieden.“
Sie nickte, zögernd und nicht ganz überzeugt. Dann nahm sie ihn in einer plötzlichen, ungestümen Aufwallung in den Arm, hielt ihn fest, viel zu fest. Nach einer kleinen Weile machte Vincent sich vorsichtig los und nahm ihr Gesicht in beide Hände.
„Hey, Oma. Es ist alles gut. Ich komme morgen wieder. Dann erzähle ich dir ausführlicher von meiner Facharbeit. Versprochen! Ich… ich hab dich lieb.“
Sie ließ ihn los und sah ihm in die Augen, dann nahm sie sich zusammen.
„Das weiß ich, und es ist mein schönstes Geschenk. Ich bin stolz auf dich, mein Junge.“
Auf dem Treppenabsatz wandte sich Vincent noch einmal um und winkte, dann verschwand sie aus seinem Blickfeld. Unten empfing ihn derselbe durchdringende Nieselregen, der ihn schon auf dem Herweg begleitet hatte. Vincent zog ein angewidertes Gesicht, als er sich die ohnehin schon nasse Kapuze wieder über den Kopf stülpte. Noch ein langer Blick zum grauen Himmel, dann gab er sich einen Ruck und machte sich eilig auf den Weg nach Hause. Er wollte nur seine Sachen dort abladen, dann würde er ohne Verzögerung zur Bücherei aufbrechen. Etwas wie ein drängendes Verlangen war in ihm erwacht, das ihn vorwärtstrieb. Innerlich wunderte er sich über sich selbst. Wie gerne auch immer er an diesem Ort verweilen mochte - so extrem wichtig war sein Besuch in der Bibliothek nun auch wieder nicht! Dennoch gelang es ihm nicht, sich den Stimmen seines Inneren zu entziehen, und er hastete vorwärts durch den stärker werdenden Regen.
Als er endlich atemlos und völlig durchgefroren zu Hause ankam, riss er sich die durchweichte Jacke herunter und ging direkt ins Bad. Nur schnell eine heiße Dusche, die würde ihm sicherlich guttun.
Kurze Zeit später, nachdem er sich frische, trockene Sachen übergeworfen hatte, schloss er die Tür zu seinem etwas unaufgeräumten Zimmer hinter sich. Für einen kurzen Moment durchfuhr ihn ein komisches Gefühl. Abschied! Verwirrt schüttelte er den Kopf. Er würde doch nur zu bald wieder hier sein, umgeben von seinem üblichen Chaos, seinen üblichen Träumen und Sorgen. Was war nur heute mit ihm los? Noch einen angelegentlichen Blick warf er ins Wohnzimmer, wo sein Vater auf dem abgewetzten Sofa schnarchte. Auch hier… alles wie üblich. Auf dem Tisch stand bereits eine Batterie leerer Flaschen. Vincents Blick wurde hart, und er biss sich heftig auf die Lippen, um ein aufkommendes Gefühl der Wut zu unterdrücken. Es half nichts, wenn er sich aufregte. Das hatte er bereits oft genug getan, und außer Schlägen und wüsten Beschimpfungen hatte es ihm nichts eingetragen. Wie er diesen Mann verachtete, der sich seinen Vater nannte.
„Vater!“
Er flüsterte es nur, doch es klang, als habe er eine giftige Frucht ausgespuckt. Im Flur zog er trockene Schuhe an und warf sich seine Regenjacke über. Sie würde den schlimmsten Regen abhalten und ihn hoffentlich einigermaßen trocken bis zur Bücherei kommen lassen. Der Gedanke an diesen Ort gab ihm neuen Antrieb und ließ die trüben Gedanken verfliegen. Für einen kurzen Moment tauchte ein Bild vor seinem geistigen Auge auf. Ledereinbände in satten Farben, goldbedruckte Buchrücken, schöne Illustrationen… Bücher, seine Freunde. Ihm war, als riefen sie ihn, luden ihn ein, ihre Welten, Ideen, ihren Frieden zu teilen. Eilig zog er die Tür hinter sich ins Schloss und war Sekunden später auf der Straße.
Der scharfe Wind, der schon den ganzen Tag über geweht hatte, hatte sich zum Sturm gesteigert. Wolkenfetzen jagten über den düsteren Himmel, und der Regen peitschte dem Jungen eisig ins Gesicht. Doch er ließ sich nicht aufhalten. Sich gegen die heftigen Böen stemmend, hetzte er von Hausecke zu Hausecke. Nachdem er an unzähligen Ampeln gewartet und einen großen, viel zu lauten Platz umrundet hatte, tauchte zu seiner Erleichterung endlich der Eingang zur Bibliothek vor ihm auf.
Es war ein altes Gebäude, fast monumental in seinen Ausmaßen und inmitten moderner Betonbauten und hektischen Straßenverkehrs von einer ganz eigenen Anmut und Ruhe. Eine Treppe, flankiert von zwei bronzenen Löwen, führte hinauf zu einem hohen Portal. Schlanke Säulen begrenzten den Eingang, die Türen waren aus altem, dunklem Holz gefertigt und mit Schnitzereien und verschlungenen Beschlägen bedeckt. Vincent fuhr nachdenklich mit dem Finger über eine metallene Ranke, die sich nahe dem Türknauf über das lebhaft gemaserte Holz wand. Eine wehmütige Erinnerung stieg auf. Wie oft hatte er als Kind hier gestanden und sich in der Betrachtung der vielen Einzelheiten verloren.
Krampfhaft schüttelte er den Kopf, um dieser merkwürdigen Stimmung Herr zu werden. Dann stieß er den Torflügel auf und betrat die marmorne Eingangshalle. Dankbar empfand er die Wärme des Raumes und lauschte dem Heulen des Windes, der noch einmal laut aufbegehrte und dann langsam verklang, als die Tür wieder ins Schloss fiel. Vincents Blick glitt zur Decke empor, die mit ihren Stuckornamenten und riesigen Leuchtern fast kathedralenähnlich wirkte. Eine Stimme riss ihn plötzlich aus dem andächtigen Schauen, und verwirrt blickte er in das freundliche Gesicht des Pförtners.
„Hey, Vincent. Man könnte meinen, du seist noch nie hier gewesen! Was gibt es denn heute so Erstaunliches zu sehen? Ich dachte, hier existiert kein Quadratzentimeter mehr, den du nicht auswendig beschreiben könntest. So oft, wie du hier bist, meine ich.“
Der Mann grinste und klopfte Vincent gutmütig auf die Schulter.
„Es sind neue Bücher hereingekommen. Sie werden dir gefallen. In der Mittelaltersektion gibt es zwei neue Veröffentlichungen, und bei den Romanen hat sich auch einiges getan. Ist zwar nur Fantasy, aber ein Bücherfresser wie du darf nicht zu wählerisch sein. So schnell kann keiner schreiben, wie du die Seiten wieder verschlingst.“
Er lachte erneut. Offenbar mochte er Vincent sehr gerne, denn er nahm dem triefenden Jungen eigenhändig die klitschnassen Sachen ab und legte sie über einen Heizkörper, bevor er ihn vor sich her zu den Leseräumen schob, um ihm selbst die Neuheiten zu präsentieren. Nur wenige Besucher der Bibliothek kamen in den Genuss einer so persönlichen Betreuung, doch für den etwas verschrobenen Jungen, der hier fast täglich ein und aus ging, machte er schon hin und wieder eine Ausnahme.
So kam es, dass Vincent schon wenig später umgeben von Büchern in glänzenden, neuen Einbänden in seinem Lieblingssessel saß und interessiert die Seiten eines wissenschaftlichen Wälzers umblätterte. Das Papier roch gut, druckfrisch. Einige Seiten waren nur unvollständig geschnitten und Vincent bemühte sich, sie vorsichtig zu trennen, ohne Risse zu produzieren. Neugierig überflog er zunächst die Überschriften, dann vertiefte er sich in das Vorwort. Doch ganz im Gegensatz zu sonst konnte er sich nicht recht auf das Gelesene konzentrieren. Immer wieder musste er Sätze von vorne beginnen, weil er ihren Sinn nicht erfasst hatte. Eine seltsame Unruhe hatte von ihm Besitz ergriffen, und er rutschte unruhig auf den weichen Polstern hin und her.
„Komm zu mir…“
Wie ein leises Flüstern gingen diese Worte ihm plötzlich durch den Sinn.
„Komm…“
Was war das gewesen? Vincent hob den Kopf und sah sich suchend um. Doch es war weit und breit niemand zu sehen, leer und verlassen waren die Räume. So rappelte er sich auf und ging aufs Geratewohl einen der Gänge hinunter. Doch es geschah weiter nichts. Schon wollte er sich abwenden und zu seinem Sessel zurückkehren, da erklang das Raunen erneut.
„Komm! Suche…“
Wie ein Windhauch streiften ihn die Worte, und eine unbestimmte Kälte breitete sich um ihn aus. Vincent spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann, und er schluckte nervös. Was ging hier vor?
„Ist da jemand?“
Seine Stimme klang seltsam klein und zittrig, und es kam keine Antwort. Die büchergefüllten Regale schienen den Klang seiner Worte verschluckt zu haben. Sich mühsam beherrschend, ging er weiter den Gang hinunter. Dort hinten, so meinte er sich zu erinnern, musste er auf einen Quergang stoßen, der ihn zurück zur Rezeption bringen würde. Doch er ging weiter und weiter, ohne dass dieser Quergang auftauchte.
Allmählich kamen ihm auch die Bücher, an denen er vorüberschritt, immer weniger bekannt vor. Alt sahen sie aus und verstaubt. Voluminöse Bände stapelten sich, nicht nur in den Regalen, sondern auch auf dem Boden. Sie bildeten riesige Stapel, die den Weg verengten, und Vincent musste sich stellenweise regelrecht hindurchwinden. Die Einbände waren aus echtem Leder, und die Zeit hatte das Material spröde und rissig werden lassen. Neugierig trat er näher und bewunderte unwillkürlich die geschwungenen, goldenen Buchstaben der Titelzeilen, die sich deutlich geprägt vom stark nachgedunkelten Leder eines besonders dicken Wälzers abhoben. Er fuhr mit der Hand darüber und stieß einen überraschten Ruf aus, als er sah, wieviel Staub sich auf dem Buchrücken gesammelt hatte. Hier war mit Sicherheit schon lange niemand mehr gewesen. Erneut wurde seine Kehle trocken vor Aufregung, zu merkwürdig war das Ganze, zu unwirklich.
Er ging hierhin und dorthin, doch musste er schnell feststellen, dass er völlig die Orientierung verloren hatte. Während seine Nervosität allmählich in echte Angst umschlug, wurde es nach und nach immer dunkler in den Gängen, bis nur noch vereinzelt altersschwache Deckenlampen den Weg erhellten.
Vincents Atem ging keuchend und sein Magen krampfte sich panisch zusammen. Er konnte nun nicht mehr klar unterscheiden, ob er das Flüstern tatsächlich hörte oder ob er sich das alles nur einbildete. Die Stimme war in seinem Kopf und füllte sein Denken, trieb ihn fast gegen seinen Willen an, die Realität verlor ihre Form. In der ihn umgebenden Stille rasselte sein angestrengter Atem und das Hämmern seines Herzens war unnatürlich laut, schien den Raum zu fluten wie der dröhnende Schlag einer riesigen Trommel. Etwas in ihm wehrte sich, wollte den Rückweg finden und einfach nur heraus aus dieser erschreckenden Situation. Er war kein Abenteurer, er war Vincent. Der Junge, der den Problemen auswich, der Junge, der lieber den Rückzug als den Angriff wählte. Was hatte er hier verloren?
Als er schon fast glaubte, die Spannung keinen Moment länger mehr ertragen zu können, zog plötzlich ein heller Fleck seine Aufmerksamkeit auf sich. In der Ferne, am Ende des düsteren Ganges, schien sich ein Licht abzuzeichnen. Es leuchtete warm, stetig und beruhigend und half ihm, seine Konzentration zu sammeln und seine Panik allmählich unter Kontrolle zu bringen. Obwohl Vincent nicht klar erkennen konnte, woher der Schein stammte, bot das Licht ihm endlich wieder einen Orientierungspunkt im Chaos der überall gestapelten Bücher, und dankbar lenkte er seine Schritte in diese Richtung. Im Näherkommen stellte er erstaunt fest, dass sich vor ihm ein kleiner Raum öffnete. In der Mitte sah er ein viereckiges Podest, das mit einem kostbar aussehenden Webteppich bedeckt war. Darauf stand ein hölzernes Pult, dessen geschnitzte Füße Löwenklauen ähnelten. Und auf dem Pult sah er ein weiteres Buch liegen, sehr groß, scheinbar alt, gebunden in kostbares Leder. Eine geschmiedete Schließe aus rostigem Eisen hielt die Buchdeckel zusammen, und aus einem winzigen, darüber liegenden Fensterchen fiel ein kleiner Lichtstrahl genau auf den Einband.
„Wie ein Spot“, schoss es Vincent durch den Sinn. Das Ganze sah inszeniert aus, wie ein Altarraum, in dem Heiliges und Einmaliges auf den Betrachter wartete. Und nun kam ihm erst zu Bewusstsein, dass die Stimme in seinem Kopf endlich zum Schweigen gekommen war. Stille, köstliche, atmende Stille umgab ihn. Langsam, wie verzaubert, trat Vincent näher an das Pult heran, setzte einen Fuß darauf. Dann stand er oben, betrachtete fasziniert die Punzierungen des durch das Alter geschwärzten Leders, ließ die Finger über das rostige Metall des Verschlusses gleiten. Dieses Buch hatte auf ihn gewartet, dies hier war ein besonderer Moment. Er wusste selber nicht, woher ihm diese Erkenntnis kam, doch dachte er auch nicht allzu lange darüber nach. Nur Schauen, Staunen, Fühlen.
Unter seiner Hand löste sich plötzlich die Schließe und klappte mit leisem Quietschen auf. Wie in Trance schlug er den Buchdeckel um, blätterte in den alten Seiten. Pergament war es, was er da unter den Händen hatte. Es war brüchig, und er musste vorsichtig sein, wollte er das vor ihm liegende Kunstwerk nicht verderben. Auf den Seiten befanden sich wunderbare, fein gemalte Illustrationen von ganz eigener Schönheit. Alt waren die Bilder und für ein modernes Auge seltsam unproportioniert. Dennoch konnte Vincent erkennen, mit welcher Liebe und Sorgfalt der Künstler hier gearbeitet hatte. Illuminierte Anfangsbuchstaben leiteten Textblöcke ein, die er, wie er mit leiser Enttäuschung erkennen musste, nicht zu entziffern im Stande war. Dennoch konnte er sich kaum satt sehen an dem Kunstwerk, das da perfekt ausgeleuchtet vor ihm auf dem hölzernen Pult ruhte. Noch eine Seite blätterte er um, dann zuckte er plötzlich wie unter einem elektrischen Schlag zusammen.
Vor seinen Augen formten sich die Buchstaben mit einem Mal zu lesbaren Worten. Diese Schrift hier war anders, war modern. Sie schien eigens für ihn hier angebracht worden zu sein, denn sie passte in keiner Weise zu den verschnörkelten Lettern, die alle anderen Pergamente bedeckten. Nur wenige Worte waren es, aber sie brannten sich unauslöschlich in seiner Erinnerung ein, als er sie las.
„Werde, was du bist – oder geh“
Vincent zog die Stirn in Falten und überflog den Text erneut. Was bedeutete das?
„Werde, was du bist…“, murmelte er, während er nervös mit dem Finger über die Seite strich. Es ergab irgendwie keinen Sinn, dennoch fühlte er die Herausforderung, die in diesen Worten verborgen lag. Er konnte umdrehen und gehen, oder er konnte sich dafür entscheiden, die Herausforderung anzunehmen, wenn er auch keine Vorstellung davon hatte, was das Buch von ihm erwartete. Unsicher schaute er um sich, versuchte, einen Anhaltspunkt zu finden. Doch der Raum lag da wie zuvor. Ruhig und friedlich, verriet er kein weiteres Geheimnis. Vincent schloss für einen kurzen Moment die Augen und ließ die Ereignisse des heutigen Tages noch einmal vor seinem geistigen Auge ablaufen. Die Schule, das Mittagessen bei Oma, seine seltsame Unruhe, wenn er an den Besuch in der Bibliothek dachte, sein betrunkener Vater auf dem Sofa… sein Vater.
Plötzlich schlug er wieder die Augen auf und hieb mit der Faust auf das Pult. Die Erinnerung an seinen schlappschwänzigen Erzeuger hatte ihn wütend gemacht, doch gleichzeitig hatte er zum ersten Mal in seinem Leben etwas mit kristallener Klarheit begriffen: dieser Mann, den er zähneknirschend seinen Vater nannte, war ein Flüchter, war einer, der vor dem wirklichen Leben davonlief und sich in eine Welt aus Alkohol und Rausch und Vergessen flüchtete. Und entsetzt bemerkte Vincent, dass es im Grunde genau dasselbe Verhalten war, das er selber schon so oft an den Tag gelegt hatte, wenn ihm die Dinge zu viel wurden. Anstelle des Alkohols benutzte er seine Phantasie, um der rauen und hässlichen Wirklichkeit zu entfliehen und sein Versagen zu verdrängen, doch machte das im Grunde einen Unterschied? Eiskalt fuhr ihm der Schreck in die Adern, als er begriff, dass er auf dem besten Wege war, eine Miniaturausgabe seines Vaters zu werden, den er so unsagbar verachtete. Das durfte nicht geschehen.
Und noch bevor er genauer darüber nachdenken konnte, entfuhren ihm die Worte: „Nein, ich gehe nicht zurück! Ich stelle mich der Herausforderung. Ich nehme sie an. Kein Weg zurück!“
Kaum war das letzte Wort in der Stille des Raumes verhallt, da begann plötzlich der Boden zu schwanken. Vincent, der nur an der Kante des Podestes balancierte, rutschte ab und fiel unsanft auf sein linkes Knie. Mühsam und stöhnend versuchte er sich aufzurappeln, doch das Beben wurde sekündlich stärker und erlaubte ihm nicht, auf die Füße zu kommen.
Plötzlich hörte er einen gewaltigen Schlag, dann das Poltern schwerer Steine und knirschende Geräusche. Eine dichte Wolke aus Staub wirbelte auf und erfüllte in Sekundenschnelle den Raum. Vincent musste sich den Ärmel vors Gesicht halten, um überhaupt noch atmen zu können. Hustend und würgend stemmte er sich hoch und stolperte auf unsicheren Beinen in die Richtung, in der er den Ausgang vermutete. Der Staub brannte in seinen Augen und machte es ihm mehrere Minuten lang unmöglich, irgendetwas zu erkennen. Eine namenlose Angst hatte von neuem von ihm Besitz ergriffen, und halb blind tastete er vergeblich umher, um sich zu orientieren. Doch erst, als der Staub sich gelegt hatte, konnte er erkennen, was die Ursache des plötzlichen Bebens und Krachens gewesen war.
In der Wand rechts neben dem Podest klaffte nun ein großes Loch, Trümmer der Wand lagen in wirrem Durcheinander davor. Weiter hinten war es stockfinster, die Luft, die Vincent entgegenwehte, roch modrig und fühlte sich klamm an. Nervös starrte er in die undurchdringliche Finsternis, lauschte, wartete. Doch nichts rührte sich dort hinter der Wand, nur eine kleine Maus huschte verängstigt über einen der Schutthaufen und suchte nach einem sicheren Versteck.
Vincent kämpfte entschlossen den heftigen Drang nieder, schnell so weit wie möglich fortzulaufen und trat zögernd näher an die Einsturzstelle heran. Dies hier hatte offensichtlich mit dem geheimnisvollen Buch zu tun, wenn er sich auch nicht erklären konnte, wie die Dinge zusammenhängen mochten. Doch es würde zu nichts führen, jetzt ausführlich darüber nachzudenken. Jetzt, so fühlte er, galt es, der Aufforderung Folge zu leisten. Ein Weg war ihm geöffnet worden, nun war es an ihm, ihn zu beschreiten.
Sich umsehend, gewahrte er unter dem großen Schutthaufen einige geborstene Balken, wohl ehemals Teil einer Stützkonstruktion, die aus dem Chaos hervorragten. Mühsam kletterte er über die Steine, die unter seinen Füßen nachgaben, rollten, ihn immer wieder zu Fall zu bringen drohten. Endlich hatte er einen der Balken erreicht. Er war tief gespalten, und es gelang Vincent nach einigen fruchtlosen Versuchen, einen Teil davon abzubrechen.
Nachdem er sich fluchend ein paar Splitter aus den Fingern gezogen hatte, entledigte er sich seines Sweatshirts und begann, einen Teil des Saumes abzureißen. Es war nicht halb so leicht, wie es in einschlägigen Abenteuerfilmen immer ausgesehen hatte. Buchstäblich mit Zähnen und Klauen zerrte er eine ganze Weile daran herum, bis er endlich das erlösende Geräusch reißenden Stoffes hörte. Keuchend und schwitzend setzte er sich auf den Geröllhaufen und begann nun, den Stoffstreifen oben um das Holzstück zu wickeln. Er würde eine Fackel basteln. Da Vincent bei seinen ausgedehnten Lesestunden gerne Kerzen in seiner Umgebung brennen hatte, hatte er eigentlich immer ein Feuerzeug in der Hosentasche, und das würde ihm nun vielleicht helfen, einen Weg in der undurchdringlichen Finsternis zu finden, die sich da vor ihm aufgetan hatte.
Als er sein Werk endlich zu seiner Zufriedenheit beendet hatte, rappelte er sich hoch und trat vor das Loch, das in der Wand neben dem Pult klaffte. Ein stetiger, kalter Luftzug strich ihm wie mit Eisfingern über die Stirn und ließ ihn fröstelnd zusammenfahren. Obwohl er wild entschlossen war, nicht feige den Rückweg anzutreten, musste er sich ziemlich zusammennehmen, um auch nur ruhig stehenzubleiben. Seine Augen vermochten keinen noch so kleinen Lichtstrahl in der Dunkelheit wahrzunehmen und der modrige Geruch, der ihm aus der Öffnung entgegenwehte, erinnerte ihn unangenehm an Tod und Fäulnis. Er schluckte heftig, und seine Hände ballten sich zu Fäusten.
Dann atmete er einmal tief ein, öffnete dann mit sachtem Klicken das Feuerzeug. Leise züngelte die Flamme um den Stoff herum, bis dieser Feuer fing und zu brennen begann. Vincent war sich im Klaren darüber, dass ihm nicht allzu viel Zeit zur Verfügung stand, bis seine improvisierte Fackel wieder erlöschen würde. In der Tasche hatte er zwar noch weitere Stoffstreifen als Reserve, doch würde er sich dennoch ziemlich beeilen müssen, wollte er den Gang genau untersuchen. Schließlich hatte er ja keine Ahnung, wie weit der Weg war, den er vor sich hatte.
Ein letztes, tiefes Atemholen, ein letzter Blick zurück in den Raum mit dem Lesepult, auf dem noch immer das Licht die uralten Pergamentseiten des geheimnisvollen Buches liebkoste, dann gab er sich einen Ruck und setzte den ersten Schritt in den Gang. Schon kurze Zeit später war von Vincent und dem spärlichen Flackerschein seiner Fackel nichts mehr zu sehen, die Dunkelheit hatte ihn komplett verschluckt.
Das kleine Gelass lag wieder ruhig da wie zuvor. Nur die aufgewirbelten Staubflocken tanzten noch ihren Reigen in den hellen Strahlen, die wie zuvor durch das Milchglas des kleinen Fensters fielen. Das Licht traf auf die Holzablage des alten Lesepults. Es war leer.
Meter für Meter, Schritt für Schritt, tastete sich Vincent immer weiter vor. Seine anfängliche Angst war allmählich übergegangen in eine vorsichtig abwartende, gespannte Aufmerksamkeit. Sein Blick glitt über große Steinquader, grob behauen und scheinbar von Zyklopenhänden zusammengefügt. Ihre Oberflächenstruktur schien schon lange nicht mehr erkennbar zu sein, so verwittert waren die Wände. In den tiefen Fugen wucherten lichtunabhängige, bleiche Flechten, Wasser rann beständig an den Mauern herab, und von der niedrigen Decke hingen tatsächlich tropfsteinartige Kalkgebilde. Der Gang wurde von einer hölzernen Stützkonstruktion gesichert, die aber ebenfalls schon so verwittert war, dass Vincent den altersschwachen, morschen Balken nicht mehr recht über den Weg traute. Hier und da huschte etwas an den finsteren Wänden dahin, doch im ungewiss flackernden Licht seiner Fackel konnte der Junge nicht recht erkennen, was es war. Mäuse, Ratten, wer weiß…
Etwas flatterte dicht an seinem Kopf vorbei, und er unterdrückte einen entsetzten Aufschrei und mit ihm die wieder aufsteigende Panik. Es waren nur Tiere, kein Grund zur Beunruhigung. Seinen Atem mühsam unter Kontrolle bringend, eilte er weiter. Das Ganze war ihm ein einziges Rätsel. Solche Mauern und Balkenwerke hatte er schon gesehen, doch war dies in den Kellern und Wehrgängen alter Festungen gewesen, die seine Großeltern ab und an mit ihm besucht hatten, um ihm eine besondere Freude zu bereiten. Doch dass solche Bauten sich mitten in der Stadt unterhalb der Bibliothek erstrecken sollten, ohne dass je einer davon gehört hatte, das konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Immer weiter tastete er sich voran, schauend, staunend, und allmählich kam das Fragenkarussell in seinem Kopf zur Ruhe. Einige Male musste er seine Fackel neu wickeln und anzünden, und die Momente, die er dafür im Stockfinstern verbrachte, waren erschreckend und versetzten ihn in unerklärliche Angst. Doch auch das wurde mit der Zeit besser. Offenbar war der Mensch imstande, sich an fast alles zu gewöhnen, wenn er dazu gezwungen war.
Schon bald jedoch musste er sich neue Sorgen machen, denn sein Brennmaterial drohte allmählich zur Neige zu gehen. Soeben hatte er sorgsam das letzte vorbereitete Stofffetzchen angezündet, als er in der Ferne plötzlich ein kurzes, mattes Blinken wahrnahm. Es wiederholte sich in unregelmäßigen Abständen und war so schwach, dass er zuerst annahm, seine übermüdeten Augen hätten ihm einen Streich gespielt. Unsicher ging Vincent darauf zu, aber schon nach kurzer Zeit hörte es einfach ganz auf. Doch dafür zeichnete sich vor ihm, den Gang in seiner ganzen Breite verschließend, nun eine riesige hölzerne Tür ab. Sie hing in ungefügen, geschmiedeten Angeln und war abgesehen von den ebenfalls geschmiedeten Griffen ohne jede Verzierung und nur aus grob behauenen Balken gefertigt. Bei näherer Betrachtung gewahrte er in einem der Balken einen tiefen Riss, durch den ein heftiger Luftzug pfiff. Ob der schwache Schimmer, den er kurz vorher bemerkt hatte, wohl durch diesen Spalt gedrungen war? Dann würde das bedeuten, dass hinter der Tür eine unstete Lichtquelle zu erwarten war, die nun verloschen sein musste - so etwas wie eine Lampe, Kerze oder Fackel. Und das wiederum bedeutete die Anwesenheit von Menschen hinter diesen dicken Holzbalken.
Vincent hielt unwillkürlich den Atem an, denn so sehr er sich nach seiner langen Wanderung im Finstern auch nach menschlicher Gesellschaft sehnte, so sehr war er sich auch dessen bewusst, dass er vorsichtig sein musste. Er kam hier an einen Ort, den er nicht kannte. Alles konnte ihn hier erwarten und niemand wusste, ob die Leute, die hier wohnten, auch vertrauenswürdig sein würden. Einen winzig kleinen Moment lang erwog er, einfach umzudrehen und zurückzugehen zu dem Gelass, von dem aus er gestartet war. Doch dies würde einen langen Weg in tiefster Dunkelheit bedeuten, da sein Brennmaterial nun unwiderruflich verbraucht war. Allein der Gedanke daran verursachte ihm eine Gänsehaut, und er verwarf die Idee so schnell, wie sie aufgetaucht war. Doch wie sollte er sich nun verhalten?
Unschlüssig trat er von einem Bein aufs andere, dann legte er in einem plötzlichen Entschluss die Hand auf die Klinke und begann, diese unendlich behutsam nach unten zu drücken. Sie gab ein leises Geräusch von sich, aber zu seiner großen Freude bemerkte er, dass die Tür nachgab und sich langsam öffnete. Die verrosteten Angeln begannen sich zu drehen, und plötzlich erklang in der Stille ein furchtbares Quietschen, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Jeder, der hier irgendwo in der Nähe war, musste diesen Krach gehört haben! Mit angehaltenem Atem wartete er, doch als nichts weiter geschah, quetschte er sich durch den schmalen Türspalt und gestattete sich einen kurzen Blick rundum.
Im Licht der verlöschenden Fackel konnte er nicht mehr viel erkennen, doch sah er gegenüber, unweit von seinem jetzigen Standort, eine Wand, an der rundlich geformte, mit Deckeln verschlossene Gefäße gestapelt zu sein schienen. Ein verlockender Duft nach gebratenem Fleisch stieg ihm in die Nase, und zum ersten Mal seit Beginn seines Abenteuers wurde er sich seines stetig wachsenden Hungergefühls bewusst. Sein Magen knurrte vernehmlich und ihm lief das Wasser im Munde zusammen.
In diesem Moment erlosch der Rest seiner Fackel mit einem leisen Zischen. Vincent fluchte verhalten, dann warf er den Holzrest beiseite und begann, sich vorsichtig durch den Raum hindurch in die Richtung zu tasten, in der er die Gefäße hatte stehen sehen. Was wohl darin sein mochte? Unzählige Male stolperte er im Dunkeln über seine eigenen Füße, bis er endlich sein Ziel erreicht hatte. Unter seinen suchenden Händen fühlte er die Wand. Doch merkwürdig. Sie war weder aus Beton noch aus Steinen, wie er sie im Tunnel gesehen hatte. Was für ein Material war hier verwendet worden? Behutsam kratzte er mit den Fingernägeln daran und stellte fest, dass die Oberfläche schnell abzubröckeln begann. War das etwa eine Wand mit Lehmbewurf? So etwas wurde doch schon seit Jahrhunderten kaum noch gebaut. Verwundert schlich er weiter, bis er eins der Gefäße ertasten konnte. Es schien roh getöpfert zu sein. Vorsichtig entfernte er den hölzernen Deckel und schnupperte. Der Inhalt verströmte ein intensives Aroma. Er roch verschiedenste Kräuter, dazu etwas, dass entfernt an Fleisch erinnerte. Nach kurzem Zögern griff er hinein und zog etwas heraus, dass wohl ein großes Stück Fleisch sein mochte. Er hielt es an den Mund, um vorsichtig zu kosten, spuckte aber kurz danach angewidert aus. Das Zeug war so stark gesalzen, dass es ihm auf der Zunge brannte wie scharfer Pfeffer.
Konservierung, fiel ihm ein. Es gab Leute, die Fleisch und andere Lebensmittel mit Salz haltbar machten. Zumindest früher hatte es das gegeben, so viel wusste er immerhin aus seinen vielen Büchern. Merkwürdig, alles hier schien so anders zu sein. So ungewohnt, so unmodern, so unbekannt.
„Wo bin ich hier nur hingeraten?“
Sein Gehirn suchte hektisch nach Antworten, doch die vielen Einzelinformationen, die ihm seine Besichtigungstour bisher eingetragen hatte, wollten sich nicht so recht zusammenfügen, und erneut stieg in ihm ein leises Gefühl von Angst und Orientierungslosigkeit auf. Der Bratenduft war mittlerweile fast ganz verflogen, sein Hungergefühl jedoch wurde mit jeder Sekunde stärker. Als ihm plötzlich schwindlig wurde, musste er sich an die Wand lehnen, um nicht zu Boden zu sinken. Auf allen vieren kroch er weiter. Auch hier machte er recht schnell die Entdeckung, dass er keinen fest gemauerten oder gegossenen Boden unter sich hatte. Vielmehr bewegte er sich auf einer geschlagenen Lehmfläche dahin. An Stellen, an denen sich die Feuchtigkeit gesammelt hatte, bildeten sich Pfützen, und mehr als einmal landete er mit den Händen oder Knien fluchend in matschigem Wasser.
Endlich erreichte er eine Ecke des Raumes und gestattete sich einen schnellen Rundumblick mit Hilfe seines Feuerzeuges, das leider auch schon fast gänzlich leer war. Vor ihm stapelten sich Fässer, Truhen und hölzerne Kisten in wildem Durcheinander. Als er den Deckel einer der Truhen anhob, bemerkte er darin Brotfladen, die wohl getrocknet und dann hier eingelagert worden sein mussten. Sie waren steinhart und hatten einen leicht schimmligen Geruch, der sicher auf die Feuchtigkeit des Gewölbes zurückzuführen war.
Doch mittlerweile hatte Vincent heftigste Magenkrämpfe vor lauter Hunger, er fror erbärmlich und der muffige Geruch der Brotfladen war ihm völlig egal. So gut es ging, kauerte er sich im Dunkeln in eine geschützte, trockene Ecke zwischen die Truhen und Fässer, schnappte sich einen der Fladen und begann, an der harten Kruste zu nagen. Es war ein mühseliges Unterfangen, doch nach einer schier endlos erscheinenden Zeit hatte er es endlich geschafft. Nachdem sein ärgster Hunger gestillt war, wurde ihm nun erst so recht bewusst, wie unglaublich müde er war. Die Aufregungen des Tages forderten ihren Tribut, und nach der heftigen Anspannung der letzten Stunden ergriff nun eine tiefe Erschöpfung von ihm Besitz.
In seine Ecke zwischen die hohen Kisten gekuschelt und in die Reste seines Sweatshirts gehüllt, empfand er die feuchte Kühle kaum noch, die den ganzen Raum zu erfüllen schien. Die samtige Dunkelheit umgab ihn von allen Seiten, hüllte ihn ein, flüsterte ihm ein Gute-Nacht-Lied zu. Immer schwerer wurden seine Augenlider, und schon kurze Zeit später war er tief und fest eingeschlafen.
Stechende Schmerzen im Magen weckten Vincent nach einer Weile wieder auf. In der tiefen Dunkelheit, die ihn umgab, wusste er einen Augenblick lang nicht, wo er war, und nur schleppend kehrte die Erinnerung an die Geschehnisse der letzten Stunden zurück. Sich mühsam aufrappelnd, versuchte Vincent, sich zu orientieren. Er tastete sich an den Truhen entlang, zwischen denen er sich versteckt hatte, um womöglich den Weg zurück zur Tür zu finden, doch irgendwie wollte ihm das nicht gelingen. Er angelte nach dem Feuerzeug, das immer noch in seiner Tasche steckte, drückte den Zünder… nichts. Nur einige bläuliche Funken waren in der Finsternis zu sehen, doch die Flamme, die er fast sehnsüchtig erwartete, wollte sich nicht zeigen. Nach einigen vergeblichen Versuchen gab er es auf und pfefferte das nutzlos gewordene Ding wütend auf den Boden.
Plötzlich ließ ihn ein weiter entferntes Geräusch zusammenfahren. Knarren, wie von einer lang nicht mehr geölten Tür, hallte im Raum wieder, und voller Hast stolperte Vincent dahin zurück, woher er gekommen war. In seiner Hektik stieß er mit dem Knie heftig gegen eine scharfe Kante und unterdrückte nur mühsam einen Schmerzensschrei. Schließlich erreichte er den Spalt, in dem er sich bereits zuvor verborgen hatte, und quetschte sich mit angehaltenem Atem zwischen die gestapelten Truhen, so weit in die hinterste Ecke hinein wie möglich. Er erwartete, jeden Augenblick vom grellen Licht einer Deckenlampe geblendet zu werden, doch geschah zunächst nichts in dieser Richtung. Stattdessen nahm er kurze Zeit später den flackernden Schein einer Kerzenflamme wahr, der unstet über die Wände huschte und da und dort bizarr wirkende Schatten aufspringen ließ. Sein Herz hämmerte angstvoll, immer näher kam das Licht, dann tauchte über dem Rand der Kisten das Gesicht eines großen, stattlichen Mannes auf. Augenscheinlich wollte er etwas aus einer der Truhen holen, denn er setzte den Kerzenständer sorgsam auf einen der leicht gewölbten Deckel und begann, sich am Verschluss zu schaffen zu machen. Quietschend öffnete sich kurze Zeit später die Truhe und nach längerem Kramen klemmte sich der Mann einige der getrockneten Brote unter den Arm, die Vincent zuvor schon gesehen hatte. Dann nahm er die Kerze auf und wendete sich halb zum Gehen.
Doch irgendein Schatten in jener dunklen Ecke schien plötzlich seine Aufmerksamkeit geweckt zu haben, denn er verharrte kurz, dann beugte er sich mit der Kerze in der Hand hinab, um besser sehen zu können. Vincent, der schon drauf und dran gewesen war, sich wieder zu entspannen, kniff in Erwartung der Katastrophe die Augen zusammen und zog den Kopf ein. Eine harte Hand packte ihn am Genick und zog ihn, einem jungen Hündchen gleich, aus seinem Versteck hervor. Vincent schrie auf, als sein verletztes Knie gegen eine der Kisten stieß. Doch der Mann zerrte ihn unbarmherzig hinter sich her in Richtung der Tür, durch die er Minuten zuvor hereingekommen war.
„Komm nur mit, Bürschchen. Mit diebischen Elstern mache ich kurzen Prozess.“
Vincent, der viel zu entsetzt war, um eine echte Gegenwehr zu versuchen, stolperte durch den dunklen Raum. Der unbarmherzige Griff im Nacken schmerzte ihn, und er versuchte vergeblich, sich herauszuwinden. Plötzlich gab ihm der Mann einen Stoß und mit einem erneuten Schmerzensschrei landete der verängstigte Junge auf dem harten Boden. Sich mühsam aufrappelnd, wagte er nun einen Blick rundum.
Vor sich sah er ein großes Zimmer mit niedriger Decke, das vermutlich der Schankraum einer Gaststätte war. Überall standen roh behauene Bänke, und grobe Eichenbalken waren aufgebockt und dienten als Tische. Die Luft in der annähernd fensterlosen Stube war muffig, rauchig und abgestanden. Links neben sich entdeckte Vincent zu seiner Überraschung ein hochgeschürtes Feuer in einem großen, offenen Kamin, das neben der Kerze seines unfreiwilligen Gastgebers die einzige Lichtquelle in dem Zimmer darstellte. An einem merkwürdigen eisernen Gestell hing über der Feuerstelle ein bauchiger Kessel, in dem ein undefinierbares Gericht zu brodeln schien. Dergleichen hatte Vincent noch nie gesehen, der ungewohnte Geruch trieb ihm fast die Tränen in die Augen, denn sein Magen zog sich bei der Aussicht auf Essen schmerzhaft zusammen. Und dann fiel sein Blick auf den Mann, der ihn so unverhofft hierher befördert hatte, und der Atem stockte ihm.
Das eigentlich recht freundliche Gesicht mit den schiefen, gelben Zähnen verschwand fast unter einem wirren Vollbart. Auf dem Kopf des Hünen saß eine aus Filz gefertigte Kappe, die die langen, ungepflegten Haare nur notdürftig bedeckte. Sein Hemd war schlicht, aus einem verschossenen, bräunlichen Webstoff genäht, und fiel ihm bis fast hinab zu den Knien. Zusammengehalten wurde es von einer grob gedrehten Schnur, die offensichtlich den Dienst eines Gürtels versah, denn Vincent konnte daran verschiedene Dinge wie Messer und einen kleinen Tuchbeutel hängen sehen. An den Beinen trug der Mann enge Hosen, und seine Füße steckten in alten, ausgetretenen Lederschuhen, die einen altertümlichen Schnitt aufwiesen.
„Wendegenäht“, fuhr es Vincent durch den Kopf. „Diese Schuhe sind wendegenäht!“
Es war eine uralte Handwerkstechnik, über die er erst vor sehr kurzer Zeit einen Artikel in der Bücherei gelesen hatte. Sie war schon zu Wikingerzeiten und danach noch längere Zeit im Mittelalter angewendet worden. Wie im Sichtfenster eines Kaleidoskops stürzten die vielen Eindrücke der letzten Stunden nun wieder auf Vincent ein: Kerzenschein, Holztruhen, Lehmwände, der Kessel über dem Feuer, die urtümliche Kleidung seines Gegenübers. All das fügte sich zusammen, verdichtete sich zu einem zusammenhängenden Bild, zu einer Idee, die so phantastisch war, dass Vincent fast das Herz stehen blieb.
Zeitsprung!
Er war nicht nur an einen Ort gelangt, den er zuvor noch nie gesehen hatte. Nein, das hier gehörte nicht in seine Welt, nicht in seine Zeit. Dies hier war uralt und doch erschreckend neu für ihn, ein gänzlich anderes Universum. Mit geweiteten Augen und angehaltenem Atem starrte er den Mann an, der da vor ihm stand. Doch auf dessen rundlichem Gesicht malte sich ein ebensolcher Ausdruck größter Verwunderung, der Zorn wich allmählich daraus.
„Da brat mir einer einen Storch!“
Die Stimme klang erstaunt und leicht atemlos.
„Was habe ich denn da hervorgeholt?“
Mit fragendem Gesichtsausdruck ließ der Mann seine Finger über den zerfetzten Sweater gleiten, starrte dann auf die verwaschene Jeans und die ausgetretenen Turnschuhe, die Vincent an den Füßen trug.
„Was sind das für Sachen, die du da trägst? Solche habe ich noch nie gesehen, was für eigenartiger Stoff…“
Der Mann verstummte, dann kniff er die Augen zusammen.
„Wer bist du, Bürschchen? Wie ist dein Name, und wie bist du in meinen Vorratsraum geraten?“
Stotternd und stammelnd setzte Vincent zu einer Erklärung an. Doch er brach schnell wieder ab. Wie sollte er etwas erklären, dass ihm selber vollkommen unverständlich war? Das Buch, das ihn so unglaublich fasziniert hatte, schien ihm einen Weg in eine neue, andere Welt geöffnet zu haben, auch wenn das völlig widersinnig und unglaubhaft klang. Wie also sollte er das seinem Gegenüber erklären, einem schlichten und im Tiefsten seines Herzens sicher auch gutmütigen Schankwirt, der schon vom Anblick ausgelatschter Turnschuhe völlig aus dem Konzept gebracht worden war? Vincent holte tief Luft.
„Um ehrlich zu sein…“ Er stockte erneut. „Äh, ich weiß es nicht. Ich stamme nicht von hier, soviel kann ich sicher sagen.“
„So, dann kommst du also von weit her? Woher denn?“
Der Mann kniff die Augen zusammen und warf dem Jungen einen drohenden Blick zu. Vincent druckste herum.
„Von weit her komme ich auch nicht direkt. Ich kann es schlecht erklären. Doch ich bin nicht absichtlich in deinen Vorratsraum geraten, falls du das denkst. Ich konnte einfach den Ausgang nicht finden, und ich hatte kein Licht. Und… Angst hatte ich auch. So habe ich mich versteckt.“
Es klang lahm, und der grobschlächtige Mann, der ihm gegenüberstand, gab ein missgelauntes Grunzen von sich und rieb bedeutsam die Hände aneinander. Vincent schluckte hart, aber ihm fiel einfach nichts ein, was er noch hätte sagen können, um sein immer noch aufgebrachtes Gegenüber zu beruhigen.
"Bitte, glaub mir doch. Ich bin nicht gekommen, um zu stehlen. Ich habe ehrlich keine Ahnung, wie ich hierher gelangt bin. Das klingt nach einer schlechten Ausrede, ich weiß, aber ich hatte nichts Böses im Sinn. Und… ich habe schrecklichen Hunger."
Der letzte Satz klang so jämmerlich, dass der erboste Mann unwillkürlich die Hände sinken ließ und den Jungen genauer in Augenschein nahm. Er war von blasser, fast kränklicher Gesichtsfarbe, ungelenk und schmächtig sah er aus, und offensichtlich war er den Tränen nahe. Er bot so einen erbarmungswürdigen Anblick, dass der Zorn des Mannes augenblicklich verrauchte. Wie konnte man so einem Elendsbündel auch böse sein? Kopfschüttelnd zog er die Augenbrauen hoch und gab ein resigniertes Seufzen von sich.
"Nun gut, junger Mann. Man sagt allgemein, ich hätte ein zu gutes Herz und vielleicht begehe ich ja eine Dummheit, indem ich dir Glauben schenke, aber - mein Gott, du siehst so elend aus, diesen Anblick ertrage ich schlecht. Ich werde dir zu essen geben, aber auf deine Geschichte bin ich gespannt. Sie sollte gut sein, sonst überlege ich es mir noch anders."
Sein Blick veränderte sich plötzlich, wurde fragend, neugierig.
"Nicht von hier bist du, aber auch nicht von weit her? So, so. Das ist wahrhaftig interessant, sehr interessant sogar. Komm her, Bürschlein, herüber an diesen Tisch. Du scheinst ja eine ganze Weile dort gesteckt zu haben. Hinter meinen Truhen, meine ich. Am Knie verletzt bist du auch, wie ich gesehen habe. Ich glaube auch, ich kann deinen Magen knurren hören. Also werde ich dir auftischen, und ein wenig Salbe für dein Knie wird sich wohl finden lassen. Doch dann erzählst du mir, was geschehen ist. Das ist die Bedingung. Bist du einverstanden?“
Vincent wollte schon eifrig nicken, als ihm siedend heiß einfiel, dass er keine Ahnung hatte, welche Währung hier gelten mochte. Sicher hatte er kein passendes Geld.
„Es wäre wundervoll, doch leider kann ich nicht bezahlen.“
Der Mann jedoch schüttelte nur lächelnd den Kopf.
„Das habe ich mir schon gedacht. Aber siehst du: wenn ich schon willens bin, eine gute Tat zu begehen, dann mache ich keine halben Sachen. Du bist eingeladen, es soll dich nichts kosten."
Vincent nickte dankbar.
„Das ist sehr nett von dir, wenn man bedenkt, dass ich nur ein dahergelaufener Eindringling für dich bin. Es tut mir auch ehrlich leid, ich will dir keine Ungelegenheiten bereiten. Aber ich danke dir von Herzen und nehme gerne an."
Während sein Gastgeber hinter einer Art Theke zu werkeln begann, um einige Nahrungsmittel herbeizuschaffen, setzte Vincent sich zögernd an einen der groben Tische. Die Holzfläche unter seiner Hand war rau, und als er nachdenklich darüberfuhr, stach er sich an einigen hervorstehenden Splittern. Er zuckte zusammen, zog die Hand zurück und sah den Wirt fragend an.
„Ich bin noch nie hier gewesen, das habe ich dir ja schon gesagt. Was für Münzen habt ihr denn hier? Wie bezahlt man?“
Der Mann schaute ein wenig skeptisch über den Tresenrand und runzelte misstrauisch die Stirn. Wenn auch seine Neugier geweckt worden war, so schien ihm offenbar der Gedanke, der Junge könne tatsächlich aus dem Nichts in seiner Kammer aufgetaucht sein, noch immer ungeheuerlich und schwer glaubhaft. Doch in dem offenen, lediglich etwas besorgten Gesicht des Jungen konnte er keine Anzeichen von Verschlagenheit oder Lüge erkennen. Vor sich hin murmelnd, stellte er Teller und einen Krug auf ein Holztablett, dann trat er zu dem Tisch, setzte die Sachen vor seinem ungewöhnlichen Gast ab und stemmte die Arme in die Seite.
„Du bleibst also bei deiner Geschichte, ja? Nun gut. Ich will dir Auskunft geben."
Sein freundliches Naturell brach sich Bahn, als er lächelnd fortfuhr:
„Normalerweise bezahlt man mich mit velusianischen Kupferlingen. Aber wie gesagt, mach dir darüber vorerst keine Gedanken. Für heute Nacht bist du mein Gast, denn es ist nicht sicher auf den Wegen, wenn die Dunkelheit gefallen ist. Einen Hänfling wie dich des Nachts vor die Tür zu setzen, käme einem glatten Mord gleich. Sei also unbesorgt. Heute soll es dir gut gehen. Es kostet dich nichts.“
Vincent lächelte etwas unsicher, denn die Bemerkung über die unsicheren Straßen, die draußen auf ihn warten mochten, hatte ihn nervös gemacht. Gleichzeitig war aber die Aussicht auf eine Mahlzeit und ein Bett sehr verlockend, und so schob er die aufkeimenden Bedenken kurzerhand beiseite. Zustimmend nickend, sagte er:
„Ich danke dir. Du bist ein guter Mensch. Wie ist dein Name? Wie soll ich dich nennen? Ich heiße übrigens Vincent.“
„Vincent? So, so, du musst wirklich weit gereist sein, denn so heißt hier in der Gegend wirklich keiner, obwohl ich den Namen schon gehört habe. Mein Name ist Godefroy, aber im Allgemeinen nennen mich alle einfach nur „der Wirt“. Komm Vincent, fang mit dem Essen an. Ich kann deinen Magen noch immer knurren hören. Sieh zu, dass du dich satt isst, sonst fällst du mir noch von der Bank. Wenn du aufgegessen hast, haben wir immer noch Zeit genug zum Reden."
Das ließ sich der Junge nun nicht zweimal sagen. Vor sich auf der Platte sah er ein tüchtiges Stück gebratenes Fleisch, trockenes Brot und eine große Ecke Käse liegen. In dem Krug stand frisches Wasser bereit, und in einer Schale befanden sich sogar noch einige duftende, rotwangige Äpfel. Gierig langte er zu. Es schmeckte einfach himmlisch, wenn ihm auch auffiel, dass die Sachen alles in allem ziemlich salzlos waren. Dafür war das Fleisch mit verschiedenen Kräutern gewürzt. Daran konnte man sich zweifellos gewöhnen. Nachdem er ausgiebig getrunken hatte, schnappte er sich noch einen Apfel aus der rauen Tonschale und lehnte sich zufrieden mit dem Rücken an die grobe, lehmverputzte Wand. Im flackernden Feuerschein schien die Welt um ihn her mit einem Mal ein schöner, abenteuerlicher Ort zu sein. Seine Angst, eben noch fast übermächtig, war wie weggewischt.
Noch lange redeten sie in der alten Gaststube. Vincent versuchte, Godefroy so gut wie möglich begreiflich zu machen, was ihm widerfahren war, aber er fand selbst, es klänge so abenteuerlich, dass es kaum ein Wunder zu nennen war, wenn der Wirt ihm nur schwer Glauben schenken konnte. Dann erzählte Godefroy, und Vincent saugte jedes seiner Worte andächtig auf. Er hörte vieles, das ihm sehr fremd erschien, doch versuchte er, sich alles so genau wie möglich einzuprägen. Er wusste ja nicht, ob und wie schnell er einen Weg nach Hause finden würde. Wenn er gezwungen war, länger hier zu verweilen, dann waren alle Informationen, die ihm dabei helfen konnten, hoch willkommen.
Velusian hieß das Königreich, in dem er sich hier befand, und König Helmond regierte fern von hier in der großen Festung Nerina. Viele Geschichten wusste der Wirt zu erzählen, doch nach und nach fielen Vincent immer öfter die Augen zu, bis Godefroy ihn endlich sanft von der Bank emporzog und ihn zu einer Bettstelle führte, die sich in einer angrenzenden Nische befand. Im Niedersinken bemerkte Vincent noch, dass er auf einer Art Matratze lag, in der eine Füllung aus Stroh raschelte. Mühsam zog er eine grob gewebte Decke über sich, dann fielen ihm die Augen endgültig zu, und er wusste nichts mehr.
Doch schon mit dem ersten Hahnenschrei wurde er unsanft wieder aufgeweckt. Der Wirt hatte bereits ein Frühstück für ihn hergerichtet. Dann, mit geheimnisvollem Lächeln, zog er Vincent vor das Haus und hinüber zu einem kleinen Schuppen. Aus einer dort befindlichen Truhe förderte er nach und nach Schuhe, unregelmäßig gewebte Leinenkleidung und eine Kappe zutage, nicht unähnlich seiner eigenen.
„Schau Vincent. Du hast mir gestern gesagt, dass du ein wenig Land und Leute kennenlernen möchtest, dass du dich auf Wanderschaft begeben willst. In deinen Sachen kannst du aber unmöglich die Gegend durchstreifen. Du würdest zu viel Aufsehen erregen. Ich habe hier die Kleidung meines Sohnes, der vor zwei Wintern gestorben ist. Ich habe sie aufbewahrt… wohl, um mich seiner zu erinnern. Doch das ist eigentlich Unsinn. Er lebt in meinem Herzen wie an jedem Tag seit seiner Geburt. Seine Sachen sind dazu nicht nötig. Nimm sie, sie werden dir gute Dienste leisten. Deine Kleidung werde ich, wenn du es willst, stattdessen hier in der Truhe aufbewahren. Kommst du wieder hierher zurück, so findest du sie genauso vor, wie du sie nun zurückgelassen hast. Was sagst du?“
