Weg des Sharih - Gudrun Brylka - E-Book

Weg des Sharih E-Book

Gudrun Brylka

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Beschreibung

Nach langen Jahren der Sehnsucht kann Vincent endlich wieder sein geliebtes Velusian betreten. Doch als er sich in Begleitung seines Gefährten Joris in den Ruinen von Nerina wiederfindet, zerbrechen alle Hoffnungen. Das Land liegt in Trümmern, unterjocht von einem finsteren Herrscher, dem Macht über alles geht. Nur wenige haben ihre Unabhängigkeit retten können und leben heimlich an versteckten Orten. Auf der Suche nach Antworten begeben sich die Gefährten auf eine gefährliche Reise, die besonders Joris für immer verändern wird. Doch die Dunkelheit nimmt zu und droht Velusian und seine Bewohner zu ersticken. Ein verzweifelter Kampf beginnt. Gibt es noch Hoffnung?

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Gudrun Brylka

Weg des Sharih

Fantasyroman

© 2019 Gudrun Brylka

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7497-3575-4

Hardcover:

978-3-7497-3576-1

e-Book:

978-3-7497-3577-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Stella-

lux in tenebris es

1. Kapitel

Durch die automatischen Glastüren des neuen, hochmodernen Flughafengebäudes drängte sich fortwährend ein Strom von Menschen. Die meisten wirkten gestresst, in Eile und schlecht gelaunt. Einige wenige Urlauber, denen die Vorfreude ins Gesicht geschrieben stand, schienen unter den Reisenden zu sein, doch die allermeisten trugen Businesskleidung, Aktentaschen und eine kühle Distanziertheit wie einen Panzer mit sich, der sie von der Welt rings um sie her komplett zu trennen schien.

Vincent, dem in der sommerlichen Hitze des frühen Vormittags bereits der Schweiß über Gesicht und Nacken lief, zog mühsam seinen schweren Koffer aus dem Gepäckraum des wartenden Taxis, bezahlte den mürrischen Fahrer und sah sich dann suchend in der Menge um. Bis zum Abflug nach Paris waren es noch gut anderthalb Stunden, aber er hatte sich sicherheitshalber schon beizeiten mit seinem jungen Assistenten verabredet. Hoffentlich würde er bald auftauchen. Hier draußen war es jetzt schon erstickend heiß, während drinnen hinter Glas- und Stahlwänden klimatisierte hohe Hallen und kleine Loungeecken mit kühlen Getränken und Eiscreme lockten.

Während er gedankenverloren die Auffahrt hinunterstarrte, dachte er wehmütig an das morgendliche Frühstück zurück. Merle, seine Frau, hatte ihm geeiste Melone serviert und dazu eine eigens für ihn frisch zubereitete Limonade. Sie wusste, wie sehr er solche Leckerbissen liebte und verwöhnte ihn gerne damit. Doch nun war es damit leider erst einmal wieder vorbei. Die nächsten Wochen würde er in einem kleinen Landhotel irgendwo im Finistère verbringen, sich mit Croissants und dem unvermeidlichen Milchkaffee herumschlagen und seine Frau und sein behagliches Heim vermissen.

Seufzend wischte er sich mit einer ungeduldigen Handbewegung den Schweiß von der Stirn und schlug verärgert nach einer lästigen Fliege, die ihn nun schon minutenlang umsummte.

Vincent liebte seinen Beruf. Als Archäologe hatte er bereits viele interessante Ausgrabungsstätten besucht, hochkarätige Wissenschaftler getroffen und etliche wahrhaft einmalige Artefakte betrachten und analysieren dürfen. Einige sehr gelungene Publikationen hatten ihm auf dem Gebiet der Mediävistik einen guten Ruf verschafft, und so wurde er gerne hinzugezogen, wenn an mittelalterlichen Grabungsstätten alte Handschriften oder Kunstwerke auftauchten.

Vor wenigen Tagen hatte ihm die Universitätsleitung einen jungen Postdoktoranden als Assistenten zugewiesen. Vincent hatte nicht darum gebeten, denn er arbeitete am liebsten allein und ungestört. Dennoch hatte er widerstrebend zugeben müssen, dass Joris Degenhardt hervorragende Referenzen vorzuweisen hatte. Auch schien er über einen ungeahnten Enthusiasmus zu verfügen und war bei dem Gedanken an den bevorstehenden Flug in die Bretagne sofort Feuer und Flamme gewesen. Nun, es würde sich ja bald genug erweisen, was der junge Mann zu leisten im Stande war. Vorerst war zumindest abwartende Zurückhaltung geboten.

Ein leises Räuspern hinter seiner linken Schulter ließ Vincent erschreckt aus seinen Gedanken hochfahren. Sich umwendend, blickte er in ein freundliches Gesicht mit Sommersprossen, grünen Augen und einem verschmitzten Lächeln. Das flammend rote Haar war mit viel Gel zu einer frechen Frisur gestylt worden, die Sonne hatte die milchweiße Haut an einigen Stellen bereits böse verbrannt.

„Entschuldigen Sie bitte, Herr Dr. Stettner. Ich wollte sie wirklich nicht erschrecken. Ich hoffe, ich bin nicht zu spät dran?“

Vincent schüttelte den Kopf.

„Nein, ganz und gar nicht. Ich war nur in Gedanken. Sie haben es ja nicht böse gemeint, Herr Dr. Degenhardt. Aber jetzt lassen Sie uns lieber schnell hineingehen. Diese Hitze wird uns die nächsten Wochen noch genug quälen. Es gibt keinen Grund, sie länger als nötig zu ertragen. Wir haben noch ausreichend Zeit für ein kaltes Getränk, dann können wir zum Check-in gehen.“

Joris Degenhardt nickte zustimmend, lud sich seine Packtasche auf die Schulter und griff wortlos nach dem schweren Rollkoffer seines Vorgesetzten.

„Hm, ein höflicher junger Mann. Das ist heutzutage kaum noch selbstverständlich“, dachte Vincent beeindruckt und folgte ihm, dankbar für die Unterstützung, in die herrlich kühle Wartehalle des riesigen Flughafengebäudes.

Wolkenfetzchen trieben unter den leise vibrierenden Tragflächen der Maschine dahin, die Triebwerke brummten gedämpft und mit beruhigender Stetigkeit. Vincent nippte an seinem Kaffee und fragte sich zum hundertsten Mal, warum alle Welt auf Flugreisen so besessen davon war, Tomatensaft zu trinken. Fast in jeder Sitzreihe sah er die kleinen Plastikbecher gefüllt mit der dicklichen, roten Flüssigkeit stehen. Es war zum Totlachen. Unten auf dem festen Boden gab es kaum jemanden, der diesem Getränk etwas abzugewinnen verstand, ausgenommen vielleicht gesundheitsbewusste Vegetarier, doch hier oben, eingeschlossen in das eigene, winzige Universum der Flugzeugkabine, schien es, als gehörten die kleinen, roten Gefäße zu einem unveränderlichen Ritual. Joris Degenhardt streute gerade Pfeffer aus einem kleinen Tütchen in seinen Tomatensaft und begann, das Ganze mit einem zerbrechlich aussehenden Plastikstäbchen umzurühren, als er den zweifelnden Blick seines Vorgesetzten bemerkte.

„Stimmt etwas nicht, Herr Dr. Stettner?“

Vincent fuhr, unvermittelt aus seinen Gedanken gerissen, fast schuldbewusst zusammen und schaffte es, ein etwas schiefes und gleichzeitig entschuldigendes Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern.

„Oh nein, nein. Es ist nur… ich frage mich immer wieder, warum alle Welt hier oben Tomatensaft zu lieben scheint, während da unten keiner was von der Brühe wissen will.“

Verlegen brach er ab.

„Es ist unwichtig, ich trauere noch meinem gemütlichen Zuhause nach, das macht mich wohl etwas nörgelig.“

Joris lächelte verständnisvoll.

„Ich kann Sie verstehen. Ich selbst habe auch keine Vorliebe für das ewige Weißbrot im Ausland und die kleinen Hotelzimmer. Dennoch… im Moment überwiegt die Vorfreude! Ich habe bislang nur als Helfer auf kleineren Ausgrabungen zur Hand gehen dürfen. Nun ist es das erste Mal, dass ich als Assistent eines wichtigen Expeditionsmitgliedes dabei sein kann. Ich hoffe, einen umfassenden und spannenden Einblick zu erhalten. Das lässt mich den Milchkaffee fürs erste vergessen!“

Ein jungenhaftes Grinsen legte sich über sein Gesicht, und in seinen Augen sprang die Begeisterung auf wie ein leuchtender Funke.

Vincent nickte zustimmend.

„Ich kann mich noch gut an meine ersten Ausgrabungen erinnern. Kennen Sie das? Als kleines Kind war ich oft bei meinen Großeltern. Ich durfte alte Kisten mit Fotos und Andenken durchwühlen und in vollgestopften Schränken kramen. Es war immer wie ein Wunderland. Jeder Gegenstand hatte eine Geschichte, die es zu entdecken galt. Ich bekam nie genug davon. Und dieses Gefühl begleitet mich bis heute, wenn ich die Gelegenheit bekomme, historische Stätten zu untersuchen. Sie haben völlig recht. Milchkaffee und pappiges Brot sollten uns nicht unsere Entdeckerlaune verderben.“

Er blickte wieder aus dem Fenster. Weit unter ihnen wechselten Städte, Felder, Seen und Flüsse sich in einem leuchtend bunten Farbenspiel ab. Ein Puzzle, das die Zeiten überdauerte, zusammengesetzt aus verschiedensten Landschaften und Orten, Menschen und Schicksalen. Und er, Dr. Vincent Stettner, war in diesem Puzzle gefangen, immer auf der Suche nach Hinweisen, Antworten, Wegen. Tief in seinem Unterbewusstsein regte sich die alte Unruhe, die er schon längst in den hintersten Winkel seines Herzens verbannt zu haben glaubte. Oberflächlich betrachtet hatte er alles, was man sich wünschen konnte. Sein interessanter Beruf und seine beharrliche Arbeit hatten ihn ganz nach oben katapultiert, er verkehrte mit den bedeutendsten Wissenschaftlern und hatte Zugang zu den illustren Kreisen der Gesellschaft. Sein behagliches Zuhause war ein perfekter Rückzugsort, und seine schöne und intelligente Frau Merle, die als Übersetzerin im Institut für Amerikanistik arbeitete, liebte er von ganzem Herzen. Er hatte sich sein Leben gut eingerichtet und keinen Grund zum Klagen. Und dennoch…

Unter der schillernden Oberfläche zog bleierne Schwermut dahin wie ein trüber, zäher Strom, der den Dingen den Glanz nahm und ihn ein ums andere Mal dieser bohrenden, nagenden Unzufriedenheit überließ, gegen die er sich nicht zur Wehr setzen konnte. Ein Splitter in seiner Seele, ein verloren gegangenes Leben, eine zerrissene Welt.

Unwillig schüttelte er den Kopf, um die trüben Gedanken zu vertreiben und wandte sich betont freundlich an Joris Degenhardt, um ihn in ein Gespräch zu ziehen. Wenn er mit diesem Jungen die nächsten Wochen verbringen sollte, dann war es geraten, ihn etwas besser kennenzulernen. Schon bald plauderten die beiden angeregt von diesem und jenem und waren völlig überrascht, als der Kapitän unvermittelt die bevorstehende Landung ankündigte.

2. Kapitel

Der Morgen war mit grau verhangenem Himmel und ziemlich frischen Temperaturen heraufgezogen. Von der nicht allzu weit entfernten Atlantikküste wehte ein stetiger Wind, und Vincent, der etwas unglücklich aus dem offenen Fenster starrte, vermeinte den Geruch von Salz und Tang zu spüren. Nach einer annähernd durchwachten Nacht im durchgelegenen Hotelbett und einem typisch französischen Frühstück mit Milchkaffee und Croissants fiel es ihm schwer, genügend Motivation für den Aufbruch zum Grabungsort zusammenzukratzen. Erst, als die Rezeptionistin ihn übers Telefon informierte, dass Besuch für ihn am Empfang warte, schnappte er sich missgelaunt seine warme Jacke, schlüpfte in bequeme Sportschuhe und zog die knarrende Tür hinter sich ins Schloss.

Unten wartete schon ein zappeliger Joris Degenhardt auf ihn, dem die Vorfreude förmlich ins Gesicht geschrieben stand. Neben ihm erkannte er Dr. Marc Simmons, einen englischen Kollegen, der hier mit ihm an der Entzifferung alter Inschriften und der Bewertung historischer Fragmente arbeiten sollte. Sie hatten schon etliche interessante Funde zusammen unter die Lupe nehmen dürfen, und Vincents Laune besserte sich zusehends, als Marc, der Pranken hatte wie ein Bär, ihm erst derb auf die Schulter klopfte und ihn dann begeistert an seine breite Brust zog. Vincent stellte Joris Degenhardt vor und gemeinschaftlich einigten sie sich aufs kurze „Du“. Es war auf der Grabung üblich, sich beim Vornamen zu nennen, Förmlichkeiten hielten nur auf und verkomplizierten die Sache unnötig.

Wenige Minuten später verließ der ziemlich verdreckte Pickup das malerische, mittelalterliche Dörfchen Locronan und rumpelte kurz darauf über holperige Feldwege der neu angelegten Ausgrabungsstätte entgegen. Es war friedlich hier draußen. Vincent, der sich auf den Rücksitz verzogen hatte und durch die völlig verstaubten Fenster hinausstarrte, spürte beim Anblick der unberührten Landschaft etwas wie eine leise Sehnsucht in sich aufkeimen, die ihn melancholisch stimmte.

Lerchen trällerten unbeeindruckt von den grauen, tiefhängenden Wolken ihre süßen Lieder, unter dem frischen Wind wiegte sich hohes Gras in üppigen Wellen, und an den Feldrainen standen hin und wieder uralte, verkrüppelte Bäume zwischen den dichten Hecken.

Marc, der am Steuer saß und mit wilden Lenkbewegungen versuchte, den vielen Schlaglöchern und Lehmrippen aus dem Wege zu gehen, schien bester Laune zu sein. Er war schon seit vier Tagen vor Ort und unterhielt nun Joris mit amüsanten Geschichten. Wo sich so viele unterschiedliche Leute trafen wie hier auf der Grabung, da gab es auch immer Reibereien und Missverständnisse, doch wer wie Marc über ein gesundes Maß an Humor und Selbstironie verfügte, der kam üblicherweise aus dem Lachen nicht heraus. Nachdem er mit halbem Ohr eine Weile zugehört hatte, mischte sich Vincent in die Unterhaltung:

„Hey, Marc. Wenn du mit deinen lustigen Stories zu Ende bist, kannst du mir den Gefallen tun und mir kurz berichten, wie der Stand der Dinge ist?“

Marc brach mitten im Satz ab und schaute in den Rückspiegel, um seinen Freund näher zu betrachten.

„Ay, Kumpel. Du willst dich also der Arbeit zuwenden? Kein Problem.“

Er fuhr sich mit einer typischen, knappen Geste durch das kurz geschnittene, blonde Haar und fuhr fort:

„Schon seit einer Weile ist eine erste Gruppe dabei, die Mauerreste freizulegen und zu kartographieren, die sich hier im Ackerboden gefunden haben. Wie es aussieht, haben wir es mit einer sehr alten Ansiedlung zu tun. Mittlerweile hat sich auch ein ansehnlicher Berg von Scherben und anderen Fragmenten angesammelt. Sie müssen dringend zeitlich eingeordnet und analysiert werden. Ich habe bereits damit begonnen, doch ganz bin ich noch nicht daraus schlau geworden. Mir scheint, wir haben es mit zwei verschiedenen Epochen zu tun. Ich nehme fast sicher an, dass hier eine hochmittelalterliche Siedlung auf die Überreste einer wesentlich früher datierenden gebaut wurde. Leider waren einige Praktikanten etwas schluderig mit der Beschriftung und den Grabungstiefen, so dass mir die Zuordnung ziemlich schwerfiel. Ich freue mich auf jeden Fall, dass du da bist. Gemeinsam werden wir das Rätsel im Nu knacken. Das haben wir ja schon oft getan, nicht wahr, alter Freund?“

Vincent nickte. Es klang nach einer interessanten Aufgabe, die da auf ihn wartete. Gut so, nichts war schöner, als sein Können am Chaos der Zeiten messen zu können. Oder am Dilettantismus der eigenen Mitarbeiter…

Wenig später waren sie im Camp angekommen. Nach einigem Hin und Her, diversen Vorstellungen und einem kurzen Rundgang über das abgesperrte Areal begaben sich die drei Forscher zu einem großen Leinwandzelt, das am äußeren Rand der Grabung errichtet worden war. Vorsichtig in Holzwolle verpackt und in dicht schließenden Kisten gestapelt, warteten hier die vielen bereits ausgegrabenen Bruchstücke der Vergangenheit darauf, benannt und zugeordnet zu werden. Wie immer, wenn er sich den stummen Zeugen längst untergegangener Zivilisationen zuwenden konnte, erfüllte Vincent eine kribbelnde Vorfreude.

Marc wühlte noch mit verzweifeltem Gesichtsausdruck in den Aufzeichnungen der letzten Tage, doch endlich schien er gefunden zu haben, wonach er gesucht hatte. Er zog eine schwere Kiste aus dem nächststehenden Regal, wuchtete sie auf einen großen Tisch und öffnete den Deckel. Fast liebevoll hob er etliche Scherben und einige andere Bruchstücke heraus und legte sie unter eine helle Lampe, die jede noch so kleine Fissur ausleuchtete.

„Kommt her, damit habe ich mich gestern beschäftigt. Besonders du, Joris. Schau dir das an und sag mir, was du vor dir hast.“

Joris trat näher an den Tisch heran und begutachtete den Fund. Es schien eine alte Tonscherbe zu sein, abgerundet in der Form und von grober Textur. Es gab Verzierungen an der Außenseite und etliche Kratzer, die später entstanden zu sein schienen. Nachdenklich zog er die Stirn kraus. Noch nie hatte er selbstständig eine Einordnung vorgenommen, die Anwesenheit der beiden hochkarätigen Wissenschaftler machte ihn nervös. Doch dann gab er sich einen Ruck.

„Aufgrund der Formgebung nehme ich an, dass wir es hier mit der bauchigen Wandung eines größeren Kruges zu tun haben. Man kann Verzierungen erkennen, insofern glaube ich, dass es sich um ein nicht ganz alltägliches Stück handelte oder um den Besitz einer reicheren Familie. Die zeitliche Einordnung fällt mir schwer. Hm…“

Er drehte das Bruchstück vorsichtig in den Händen.

„Es ist rauwandig, aber bereits auf einer Töpferscheibe gearbeitet worden. Dann haben wir hier einen charakteristischen Knick… dann die Verzierungen.“

Er wiegte abschätzend den Kopf.

„Achtes Jahrhundert. Ich würde es um das achte Jahrhundert herum einordnen.“

Etwas atemlos hob er den Kopf und starrte auf Vincent. Hatte er richtig gelegen oder sich gerade heftig blamiert?

Doch sein Chef nickte zufrieden mit dem Kopf und klopfte ihm lachend auf die Schulter.

„Nur nicht so nervös, junger Mann. Du beherrschst dein Handwerk. Das freut mich. Ich würde mich der Einordnung vorbehaltlos anschließen.“

Joris atmete erleichtert auf, dann wandte er sich mit seinen beiden Kollegen dem weiteren Inhalt der geheimnisvollen Kiste zu. Den ganzen Vormittag über arbeiteten sie an der Katalogisierung, und Vincent musste bald feststellen, dass Marc in seinem Bericht nicht übertrieben hatte. Sie hatten Bruchstücke aus dem 12. Jahrhundert vor sich liegen, Fragmente aus dem 8. Jahrhundert mischten sich darunter und einige wenige Scherben, die sich jedem Versuch einer Zuordnung ganz zu widersetzen schienen. Etwas Fremdartiges haftete ihnen an, ohne dass den beiden Vollbluthistorikern irgendeine Entsprechung dazu eingefallen wäre.

Nachdenklich drehte Vincent etwas in den Händen, dass vermutlich einmal der Boden eines Kruges gewesen sei mochte. Der wulstige Rand wies Einkerbungen auf, die Teil eines komplizierteren Musters zu sein schienen. Fast mutete das ganze orientalisch an, aber dazu waren die einzelnen Zeichnungen wieder zu grob und kantig. Irgendwo in seinem Kopf regte sich eine vage Erinnerung, aber so sehr er sich auch bemühte – er konnte sie nicht festhalten. Stirnrunzeln starrte Vincent auf das widerspenstige Stück gebrannten Tons und war fast froh, als eine laute Sirene die Mittagspause ankündigte. Aus allen Winkeln eilten Leute in Richtung eines weiteren großen Zeltes, in dem Bierzeltgarnituren in langen Reihen aufgebaut waren. Einem riesigen Kessel auf einer wuchtig aussehenden Theke entstieg ein würziger Duft, und Vincents Magen knurrte vernehmlich. Ein freundlich lächelndes Mädchen in Jeans und T-Shirt füllte ihnen die Teller mit großzügigen Portionen eines leckeren Eintopfes, dann suchten sich die Drei einen Platz in der Menge der staubigen, schnatternden Meute. Als der erste Hunger gestillt und Joris eben losgegangen war, um für alle einen Nachschlag zu besorgen, zupfte Marc Vincent am Ärmel.

„Und, was sagst du? Habe ich dir zu viel versprochen?“

Vincent musste grinsen.

„Das klingt, als hättest du mir ein Geschenk gemacht. Tatsächlich ist es ein furchtbares Chaos. Wenn wir das Ganze nicht verderben wollen, müssen wir dringend mit der Ausgrabungsleitung reden. Es geht doch nicht an, dass alle Fundstücke so durcheinandergeworfen werden. Wir haben hier eine faszinierende, mehrschichtige Siedlungsanlage vor uns. Sie sollten die Praktikanten besser instruieren, sonst ruinieren sie alles, noch ehe es richtig angefangen hat. Lass uns das gleich nach dem Essen erledigen.“

Marc nickte zustimmend.

„Das habe ich schon angesprochen, und soweit ich sehen kann, kommen die weiteren Funde besser beschriftet herein. Wir sollten uns nachher außer der Reihe eine der heutigen Kisten vornehmen und prüfen, ob meine Vorschläge umgesetzt wurden.“

Er sprang auf, um Joris zu helfen, der soeben drei randvolle Teller durch die dichten Reihen balancierte. Marc nahm ihm zwei davon ab und sah ihn bewundernd an.

„Das sah ja richtig professionell aus. Hast du schon als Kellner gearbeitet?“

Joris brach in ein fröhliches Gelächter aus, dann stellte er den letzten Teller ab und rieb sich den rechten Unterarm.

„Haben wir das nicht alle schon einmal getan? Im Ernst, ich musste mir während des Studiums einen guten Teil meines Unterhalts selbst verdienen, da lag das Kellnern nahe. Die Arbeitszeiten waren perfekt, und man bekam immer ein gutes Trinkgeld.“

Vincent nickte zustimmend.

„Freilich, das habe ich auch getan. Neben vielen anderen Jobs, die einen über Wasser hielten. Ich erinnere mich noch lebhaft an eine Saison, die ich als Aushilfsbademeister im Freibad verbracht habe. Du meine Güte…“

Er grinste bei der Erinnerung an kichernde Mädchen, heulende Kleinkinder und Kaugummi unter den Schuhsohlen leise vor sich hin.

„Ich war nie wieder so sonnenverbrannt wie damals. Richtig gesund sah ich aus. Aber das ist lange her.“

Er wies auf sein eher blasses Gesicht, dass von der Arbeit hinter verschlossenen Türen und in schlecht beleuchteten Archiven zeugte.

„Ja, der Weg zum Erfolg ist mit harter Arbeit gepflastert. Aber du hast jetzt schon einen großen Schritt getan, und wenn ich mir deine Arbeit ansehe, dann denke ich, dass Kellnern nicht mehr auf der Agenda steht. Bald wirst du ebenso bleichsüchtig aussehen wie ich.“

Marc brach in wieherndes Gelächter aus und grinste Joris an.

„Ja, wir Historiker sind auf unseren bleichen Teint ebenso stolz, wie die feinen Damen der Südstaaten es einstmals waren. Er ist gewissermaßen ein Standessymbol. Du wirst dich schon daran gewöhnen.“

Joris verzog das Gesicht.

„Das klingt nicht eben sexy, aber dann muss ich diesen Nachteil bei den Damen eben mit einem fetten Bankkonto wieder ausgleichen.“

Marc verdrehte die Augen.

„Den Zahn kann ich dir gleich wieder ziehen. Jedes Land schmückt sich gerne mit seiner Geschichte und seiner Kultur. Wenn es aber darum geht, für deren Erforschung zu bezahlen, dann werden die Herren und Damen der zuständigen Regierungsstellen gerne knickerig. Aber genug gejammert. Wir haben alle unser Auskommen, das muss genügen. Und wir haben dazu noch eine faszinierende Arbeit, was nicht viele Menschen von sich behaupten können.“

Er wandte sich an Vincent.

„Ich habe dich vorhin mit diesem Fragment herumhantieren sehen. Du weißt schon, der Boden eines Kruges oder großen Bechers. Was hältst du davon? Ich konnte mir gestern keinen Reim darauf machen und habe das Ding erstmal wieder in die Kiste gesteckt…“

Vincent, der genüsslich dabei war, seinen zweiten Teller zu leeren, legte den Löffel beiseite und klopfte mit dem Finger auf die Tischplatte.

„Ich kann kaum glauben, dass ich das tatsächlich sage, aber ich habe nicht die geringste Ahnung. Das Material ist gänzlich anders als das der anderen Fundstücke. Es scheint nicht in dieser Region gefertigt worden zu sein, muss also als Importware betrachtet werden. Das Muster…“

Er wiegte fast verärgert den Kopf.

„Ich hielt es im ersten Moment für orientalisch, aber es passt doch nicht so ganz. Mir fällt ad hoc keine Region und Epoche ein, der ich das Stück mit Sicherheit zuordnen könnte. Es ist überaus merkwürdig, ein Affront geradezu…“

Marc schob seinen leeren Teller beiseite und zuckte die Schultern.

„Na gut, es gibt noch ein paar andere von der Sorte, aber es sind nicht viele. Ich würde annehmen, dass die Siedler Tonwaren ziehender Kaufleute eingehandelt haben. Wir sind dem Atlantik sehr nahe, sie könnten von nahezu überall hergekommen sein. Lass uns die Stücke ans zuständige Institut nach Paris senden mit der Bitte um eine präzise zeitliche und örtliche Analyse. Sie können die Dinger im Labor genaueren Tests unterziehen, vielleicht sehen wir danach klarer. Ich werde mich heute noch darum kümmern. Bis dahin erledigen wir das Tagesgeschäft, es gibt noch viel aufzuarbeiten.“ Er kletterte schwungvoll über die Bank und schnappte sich das schmutzige Geschirr.

„Auf, meine Herren. Die Arbeit ruft!“

3. Kapitel

Aufgeregtes Rufen drang durch die leise im Wind schlagenden Eingangszeltbahnen herein, und Vincent hob irritiert den Kopf. Was mochte da schon wieder los sein? Etwas verärgert schob er die Stücke, an denen er gerade gearbeitet hatte, beiseite und erhob sich, um einen Blick nach draußen zu werfen. Die Wolken der letzten Tage waren verschwunden, die Sonne brannte heiß vom blauen Himmel, und der Schweiß lief ihm immer wieder in die Augen. Er wischte sich mit dem Arm über die Stirn, zuckte dann zusammen und fluchte leise. Seine blasse Haut war von der stechenden Sonne bereits böse verbrannt und schmerzte bei jeder Berührung.

Der Tag hatte schon schlecht begonnen. In den frühen Morgenstunden hatte seine Frau Merle ihn angerufen und ihm mitgeteilt, dass es einen Wasserrohrbruch gegeben hatte, in dessen Folge sein halbes Büro unter Wasser gesetzt worden war. Auch viele Bücher und Akten hatten irreparable Schäden erlitten. Und als wäre das noch nicht genug gewesen, hatte Marcs alter Pickup am Morgen statt eines satten Motorgeräusches nur noch fauchende, hustende Laute von sich gegeben. Daraufhin war er mit Joris auf einem Abschleppwagen nach Rennes aufgebrochen, um das alte Gefährt wieder auf Vordermann bringen zu lassen, und Vincent hatte sich den ganzen Vormittag allein mit schweren Kisten und unhandlichen Fragmenten herumschlagen dürfen. Und nun auch noch diese Störung!

Draußen ging es zu wie in einem Ameisenhaufen. Von allen Seiten kamen Leute herbeigelaufen, englische, französische und deutsche Rufe mischten sich zu einer wilden Kakophonie, und allmählich erwachte Vincents Neugier. Er schnappte sich einen Strohhut, um in der heißen Sonne nicht einen noch heftigeren Sonnenbrand zu riskieren und schlenderte dann gemächlich in die Richtung, aus der das Rufen gekommen war. Als er an der Abspannung anlangte, erkannte er, was zu der Aufregung geführt hatte. An der linken Seite des bereits freigelegten Mauerrings war Geröll wie eine Lawine in Bewegung gekommen. Offenbar hatte sich ein Hohlraum darunter befunden, der lockere Schutt war trichterförmig hineingerutscht und hatte nun den oberen Teil eines Torbogens freigelegt. Glücklicherweise schien niemand zu Schaden gekommen zu sein, doch der Fund war schon eine Überraschung und erklärte die Aufregung.

Langsam trat Vincent näher. Auf dem vergleichsweise gut erhaltenen Schlussstein und den Seiten waren durch den immer noch wirbelnden Staub tatsächlich undeutlich Reliefs und Figurengruppen zu erkennen. Fast unbewusst schob er sich durch die Menge weiter nach vorne, um einen besseren Blick auf die Struktur zu bekommen. Der französische Ausgrabungsleiter, René Marcier, stand ebenfalls schon an der Abbruchkante und winkte ihn aufgeregt zu sich heran. Obwohl immer noch leichte Bewegung in der Rutschung war und hier und da Sand nachrieselte oder kleine Steinchen kollerten, schien sich die Masse des Gerölls gesetzt zu haben. Fasziniert ließ sich Vincent auf die Knie nieder und begann, sich auf allen Vieren von der befestigten Mauerseite aus dem Torbogen zu nähern. Vergessen waren Ärger und Anspannung des heutigen Morgens. Das hier war es, was ihn seinen Beruf lieben ließ, die lang vergessenen Artefakte, die wie Botschafter aus einer anderen Zeit plötzlich zu sprechen begannen, die überraschenden Funde, die einen besonderen Blick auf lang vergangenes Leben gewährten.

Langsam und vorsichtig sein Gewicht verlagernd, bewegte sich Vincent so nahe an den Bogen heran, wie es der unsichere Boden zuließ. Sich sachte an der bereits freigelegten Mauer entlangschiebend, tastete er sich vorwärts, bis er unter den Handflächen eine mahlende, siebende Bewegung im Untergrund wahrnahm, die ihn zum Innehalten zwang.

Das gleißende Sonnenlicht blendete ihn, und er musste die Augen halb zukneifen, um einigermaßen deutlich sehen zu können. Vor ihm auf dem Stein zeichneten sich vom Alter, von Regen und Wind ausgeschliffene, archaisch anmutende Figurengruppen ab. Ein großer muskulöser Mann schien das Zentrum der Gruppe zu bilden. Er hielt etwas wie einen Stab in den Händen, um ihn her eine Aureole von Strahlen. Vincents Herz machte einen kleinen, erschreckten Satz. Diese Figur hatte er schon einmal gesehen. Das war unmöglich, es konnte nicht sein!

Fieberhaft irrten seine Augen über den uralten Stein, suchten, was hier zu sehen sein musste und was doch nicht da sein konnte. Und dann stockte ihm der Atem. Knapp seitlich und unterhalb der athletischen Männerfigur konnte er unter uraltem Flechtenbewuchs nun kleinere Gestalten erkennen. Sie knieten vor ihrem Regenten, zwischen sich geschlachtete Opferstiere, deren Hälse seltsam verdreht waren.

„Gwaid-Gair!“

„Wie bitte?“

Renè Marcier, der oberhalb der Mauer ebenfalls nähergekommen war, schaute ihn fragend an. Vincent, der immer noch wie versteinert auf den Torbogen starrte, schüttelte krampfhaft den Kopf, dann ließ er ganz bewusst und langsam den angehaltenen Atem ausströmen.

„Oh, was? Es ist nichts, ich habe nur laut gedacht.“

Sich langsam rückwärts von der Rutschung fortbewegend, rappelte er sich in sicherer Entfernung endlich wieder empor und klopfte sich den Staub von der Hose. Betont fröhlich wandte er sich an den kleinen Franzosen, der mit begeistertem Gesichtsausdruck neben ihm stand.

„René, das hier ist eine kleine Sensation. Zieh so viel Leute von den anderen Grabungsstellen ab, wie du kannst und sieh zu, dass der Bogen schnellstmöglich freigelegt wird. Es wird dem Ministerium gefallen, dass wir hier so einen großen Fortschritt zu verzeichnen haben. Doch sei bitte so nett und informiere noch nicht die zuständigen Stellen und um Gottes Willen nicht die Presse. Warte damit, bis Marc wieder da ist und wir das Ganze näher unter die Lupe genommen haben. Es wirkt wesentlich besser, wenn wir unseren Fund eindeutig benennen können.“

René Marcier nickte zustimmend.

„Ich gebe dir völlig Recht. Und ich bin verdammt froh über diesen unverhofften Glücksfall. Schon seit Tagen telefoniere ich wegen der Bewilligung neuer Gelder für den nächsten Grabungsabschnitt. Sie zieren sich wie gewöhnlich, doch das hier…“

Er wies mit der Hand auf das trichterförmige Loch im Boden und grinste.

„Es wird meinen Argumenten den nötigen Nachdruck verleihen. Das ist perfekt!“

Vincent nickte nur kurz, noch immer hatte er seine Fassung nicht völlig wiedererlangt.

„Bestens. Ich bin wieder im Zelt an der Arbeit und sehe zu, dass ich unsere Rückstände aufhole. Ihr arbeitet hier mit Hochdruck an der Freilegung und holt mich, sobald es etwas Neues gibt. Andernfalls komme ich mit Marc herüber, sobald er aus Rennes zurück ist.“

Damit wandte er sich um und schlenderte betont langsam zurück zu seiner Arbeitsstätte. Doch anstatt sich wieder an den Tisch zu setzen, hockte er sich in einer Ecke des Zeltes auf den sandigen Boden und vergrub das Gesicht in den Händen.

Nun war es geschehen. Eine andere Vergangenheit, ein anderes Leben hatte an die Pforte geklopft und Dinge, die er lange schon in die hinterste Ecke seines Unterbewusstseins verbannt hatte, kehrten ungebeten und mit Macht zurück und drohten, ihm die Luft zu nehmen.

Wie verzweifelt hatte er lange Zeit nach einem Rückweg gesucht. Ein Tor, ein Portal, irgendetwas, dass ihm seine verlorene Welt, seine verlorene Liebe wiederbringen konnte. Doch es war vergeblich gewesen. Alte Schriften und Manuskripte, Ausgrabungsstätten auf allen Kontinenten hatten ihm nicht helfen können. Dann war Merle in sein Leben getreten und hatte mit ihren sanften Augen und ihrem liebevollen Herzen die Wunden geheilt, die auch nach Jahren der fruchtlosen Suche noch immer in ihm brannten und schmerzten. In ihrer Ruhe hatte er endlich seinen Frieden gefunden und die alten Erinnerungen begraben. So tief, dass sie nur noch wie ein schwindender Traum die Ausläufer seines Bewusstseins berührten. Er hatte sich einen Namen gemacht, sich eine Existenz aufgebaut und ein Leben, das ihm Glück und Zufriedenheit schenkte. Er war im Reinen mit sich. Und nun das!

Die alte Narbe an seinem Arm schmerzte plötzlich wie von tausend Nadelstichen, und unwillig fuhr er mit dem Finger über das wulstige Gewebe. Was er so lange heiß ersehnt hatte, war nun eine höchst unwillkommene Störung, die ihn innerlich aufwühlte und ihn zu zerreißen drohte.

Wütend schlug er mit den Fäusten auf den Boden und fühlte zu seiner Überraschung heiße Tränen über seine Wangen rinnen. Erst viel später hatte er sich wieder soweit im Griff, dass er aufstehen und an den Arbeitstisch zurückkehren konnte. Er nahm sich die Fundstücke vor, die er vorhin beiseitegelegt hatte, doch recht schnell wurde ihm klar, dass er nicht genügend bei der Sache war, um die begonnene Beurteilung fortzuführen. Stattdessen faltete er die Hände im Schoß und starrte vor sich hin, bemüht, an nichts zu denken.

Endlose Zeit später nahm er hinter sich am Zelteingang eine Bewegung wahr.

„Komm rein, Marc. Du hast ziemlich was verpasst…“, begann er, doch es war René, der hinter ihm ins Zelt getreten war. Er räusperte sich vernehmlich und setzte fast liebevoll ein kleines Kistchen auf dem Tisch ab, dass er mitgebracht hatte.

„Hallo Vincent. Ich muss dich leider nochmals stören. Hör zu, wir legen eben den Torbogen frei und versuchen, die Seiten soweit abzustützen, dass man ein Stück weit hineingehen kann. Es scheint sich ein Gang dahinter zu erstrecken. Und was glaubst du wohl? Direkt hinter dem rechten Pfeiler verborgen, haben wir eine in geöltes Leder gewickelte Rolle gefunden. Ich habe sie hier in dem Kästchen. Wir wollten nichts berühren, obwohl das Leder in gutem Zustand war. Ich gehe davon aus, dass es sich um eine Schriftrolle handelt, denn das Ganze ist recht leicht. Es kann kaum mehr als Pergament darin sein. Darum möchte ich, dass wir uns gemeinsam an die Öffnung machen. Leg diesen Kram einstweilen beiseite. Es hat auch Zeit bis morgen, aber das hier…“

Er deutete mit glänzenden Augen auf das Kästchen: „…das hier kann uns vielleicht ungeahnten Aufschluss geben. Ich will keine Minute länger warten!“

Ungeduld ging von ihm aus, die Vincent förmlich zu spüren meinte. Vibrierend, mitreißend...

Seine Narbe kribbelte unangenehm, aber er drängte die Empfindung beiseite und zog das Kästchen zu sich heran.

„Gut, ich kann deine Anspannung verstehen. Zieh die Lampe hierher, damit wir jedes Detail erkennen können.“

Mit angehaltenem Atem löste er die Verschlüsse und schlug den Deckel zurück. Auf einem Bett aus Holzwolle lag eine kleine Rolle, eingewickelt in dunkles Leder. Es war kräftig geölt worden und wirkte im grellen Licht der Lampe fast schwarz. Das Material hatte im Laufe der Zeit kleine Risse entwickelt, die mit feinstem Staub gefüllt waren, doch René hatte recht. Das Leder war überraschend gut erhalten. Seitlich war die Rolle mit kleinen Lederbändern verschnürt, so dass es aussah, als läge vor ihnen ein großes, mittelalterliches Knallbonbon. Bedächtig griff Vincent zu zwei kleinen Pinzetten und begann überaus vorsichtig, die winzigen Knoten zu lösen. René pfiff nervös und tonlos durch die Zähne.

„René, hör auf damit. Du machst mich nur kribbelig. Ich versuche, nichts zu beschädigen, das dürfte dir doch wohl klar sein. Wir werden nur eine Seite lösen und die Rolle vorsichtig herausziehen. Aber hör auf, diese Geräusche zu machen, sonst werfe ich dich raus.“

René, der Vincent bereits kannte und wusste, dass man ihn bei heikler Arbeit nicht ablenken durfte, biss sich auf die Lippen und schlug schuldbewusst die Augen nieder.

„Excuse-moi, mon chèr, ich bin einfach nur sehr neugierig. Aber ich halte schon den Mund. Lass dich nicht stören, ich werde leise sein… comme une petite souris.“