Selbstbewusst bedürfnisorientiert! - Michele Liussi - E-Book

Selbstbewusst bedürfnisorientiert! E-Book

Michele Liussi

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Beschreibung

• Aufarbeitung: Der Ratgeber erklärt autoritäre Erziehung und Adultismus sowie die Auswirkungen auf Gesellschaft, ältere Generationen und Eltern
• Aufklärung: Die Autorin entlarvt typische Vorurteile gegenüber bedürfnisorientierter Erziehung als überholten Bullshit
• Veränderung: Für Eltern, die einen Unterschied machen wollen – starke Argumente für Partnerschaft, Kita & Co!

„Uns hat’s auch nicht geschadet“ … ist doch Bullshit!
Braucht es wirklich ein Buch darüber, dass Kinder bedürfnis- und bindungsorientiert aufwachsen sollten, dass Eltern sie gewaltfrei, auf Augenhöhe und zugewandt begleiten? Ja, unbedingt! Denn Eltern, die diesen Erziehungsstil verfolgen, werden noch immer mit Vorurteilen und kritischen Kommentaren konfrontiert. Michèle Liussi erklärt, woher diese Widerstände kommen und wie Mütter und Väter ihnen begegnen können. Sie liefert Faktenchecks zu typischen Klischees und zeigt, warum bedürfnisorientierte Erziehung nichts mit Verwöhnen, Grenzenlosigkeit oder Auf-der-Nase-Herumtanzen zu tun hat. So kannst du dein Kind liebevoll begleiten und selbstbewusst für es eintreten – in der Partnerschaft, den Betreuungseinrichtungen und der Gesellschaft.

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Seitenzahl: 293

Veröffentlichungsjahr: 2024

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INHALT

Vorwort

Schlüsselbegriffe

Die große Revolution für unsere Kleinen

Elternvorbereitung

Wie erziehst du?

Bedürfnisorientierte Erziehung – da wollen wir hin

Die Aufarbeitung: Schatten der Vergangenheit

Der Blick zurück

Autoritäre Erziehung – da kommen wir her

Auswirkungen der autoritären Erziehung

Das unsichtbare Erbe

Adultismus in der Erziehung

Andere Erziehungsformen und ihre Auswirkungen

Reflexion als Schlüssel zur Aufarbeitung

Die Aufklärung: Kein Wandel ohne Wissen

Deine Wegbeschreibung

Kinder sind. Punkt.

Das ist Bullshit

„Das verwöhnte Kind“

„Kinder brauchen Grenzen“

„Du hast es dir doch so ausgesucht!“

„Uns hat das doch auch nicht geschadet.“

„Das müssen sie lernen!“

„Kaum bist du da, gibt’s Theater!“

„Das sind doch nur Kinder, die verstehen das noch nicht.“

„Ich mach mich doch nicht zum Affen.“

„Hier und da ein Klaps …“

„Es will doch nur Aufmerksamkeit.“

Das ist Bedürfnisorientierung

Wir sind Cycle-Breaker

Die grundsätzliche Haltung

Das sagt die Wissenschaft

Das ist nicht bedürfnisorientiert

Das ist Gewalt

Körperliche Gewalt

Psychische, seelische Gewalt

Die Veränderung: Neue Wege gehen

Wähle deine Kämpfe weise!

Du machst einen Unterschied!

Ihr (er)zieht an einem Strang!

Ihr gegen den Rest der Welt!

Du bist ein Vorbild!

Anhang

Ein besonderer Dank

Literatur

Studien und Artikel

Die Vergangenheit bearbeiten,die Gegenwart gestalten,    

VORWORT

Wann immer die Idee für ein Buch aufkommt, stellt sich unweigerlich die Frage: Braucht es dieses Buch? Auch bei dem, das du gerade in der Hand hältst. Braucht es tatsächlich ein Buch darüber, dass Kinder bedürfnis- und bindungsorientiert aufwachsen sollen und dürfen? Darüber, dass es sinnvoll ist, dass wir unsere Kinder gewaltfrei, auf Augenhöhe, zugewandt und achtsam beim Aufwachsen begleiten? Darüber, wie wir mit den Widerständen umgehen? Sind wir uns nicht längst alle einig?

Ich wünschte, dem wäre so. Wirklich, das wünsche ich mir sehr. Doch noch während ich an diesem Buch schreibe und mich mit dieser Frage beschäftige, bekomme ich die Antwort von mehreren Seiten. Ein auflagenstarkes Blatt stellt groß infrage, ob es wirklich sinnvoll ist, dass Kinder beim Bäcker selbst entscheiden dürfen, was sie haben möchten. Und ob es zumutbar ist, dass deswegen andere Menschen warten müssen. Auf X (ehemals Twitter) liest man Diskussionen darüber, wann „Nein sagen“ zum Verbrechen gegen Kinder wurde. Die Beobachtung, die diese Annahme untermauern sollte: Kinder gehen verkleidet in den Kindergarten. Und das, obwohl nicht einmal Fasching ist! Ganz eindeutig haben hier Eltern nicht an der „richtigen“ Stelle Nein gesagt, ihre Kinder nicht richtig erzogen.

Wären Diskussionen über solche „Kleinigkeiten“ das einzige Problem, mit dem Eltern zu kämpfen haben, die bedürfnisorientiert, frei und unverbogen erziehen wollen, könnten wir es schulterzuckend an dieser Stelle gut sein lassen. Sollen sie doch reden. Aber zum einen ist es schwer, die vielen Verfechter*innen veralteter Erziehungsmethoden einfach auszublenden, zum anderen sind gewaltvolle Haltungen und Verhaltensweisen immer noch die Lebensrealität unserer Kinder. In einer großen, repräsentativen Befragung des österreichischen Bundeskanzleramtes gaben 2021 36 % der Befragten an, dass man in der Erziehung schon mal mit einem Klaps nachhelfen darf, 34 % waren der Meinung, dass ein kleiner Klaps nicht schadet und 20 % dachten, dass eine Ohrfeige oftmals besser erziehen kann als viele Worte (Bundeskanzleramt, 2021). In Deutschland zeigte sich laut der Studie „Aktuelle Einstellung zu Körperstrafen und elterlichem Erziehungsverhalten in Deutschland“ aus dem Jahr 2020 der Unicef und des Kinderschutzbundes, durchgeführt vom Universitätsklinikum Ulm, ein ähnliches Bild. Dort gab gut ein Viertel der Befragten an, dass sie der Aussage „Ein Klaps auf den Hintern hat noch keinem Kind geschadet“ völlig zustimmen (Clemens et al., 2020).

Und selbst wenn du ein Elternteil bist, der jede Form von Gewalt gegen sein Kind strikt ablehnt, so wirst du vom Umfeld mit diesen Einstellungen konfrontiert. Ebenso dein Kind. Es gibt Gewalt in Familien, Gewalt in Betreuungs- und Bildungseinrichtungen, Gewalt im kindlichen Alltag. Ein Blick ins Nachbarland spricht Bände: Im Jahr 2023 diskutiert die Schweiz über die gesetzliche Verankerung eines Züchtigungsverbots. 2023! Gewaltfreie Erziehung ist dort zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Gesetz angekommen. Fairerweise muss man ergänzen, dass 96 % der befragten Eltern sehr oder eher zustimmten, dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben, als die Stiftung Kinderschutz 2022 danach fragte (Stiftung Kinderschutz, 2022). Eine solche Verankerung im Gesetz wird von diesen Eltern sehr oder eher befürwortet.

Aber selbst in den Ländern, in denen das Recht auf gewaltfreie Erziehung gesetzlich verankert ist, ist Gewalt im Alltag noch zu finden. Oft erwächst sie auch heute noch aus einer Haltung, die Erwachsene über Kinder stellt. Aus der Überzeugung, dass Kinder strenge Führung und Disziplinierung brauchen, weil sonst nichts aus ihnen wird. Weil wir sie andernfalls verziehen, verwöhnen und sie uns auf der Nase herumtanzen lassen. Es ist schwer, sich diesen „Befürchtungen“ zu entziehen, denn sie werden Eltern gern ungefragt aufgedrückt. Diese „Befürchtungen“, denen wir und unsere Kinder nahezu jeden Tag begegnen, werde ich in diesem Buch als – nennen wir das Kind beim Namen – Bullshit entlarven. Ich beschreibe und durchleuchte die gängigsten Bullshit-Sätze eingehend. Damit bist du künftig gerüstet, wenn dir Kritik und Widerstände begegnen und dir Erziehungsmythen aufgedrückt werden. Aber das Umfeld ist nicht das einzige Schlachtfeld, auf dem der Kampf für eine bedürfnisorientierte Erziehung ausgetragen wird. Wir selbst, die wir überwiegend noch autoritär erzogen wurden, tragen die Narben dieser Zeit auf unserer Seele und heilen, während wir begleiten.

Lass uns gemeinsam den Weg zur selbstbewussten, bedürfnisorientierten Erziehung gehen. Ein Weg, der nicht nur den Blick auf Erziehung, sondern auch unser gesamtes Verständnis von Familie, Partnerschaft und Gemeinschaft verändern wird. Du hältst den Schlüssel zu einer radikalen Veränderung in den Händen. Erziehung ist im Wandel. Wir sind Teil einer Bewegung, die nicht nur eine Reaktion auf die Unzufriedenheit mit der autoritären Erziehung darstellt, die viele von uns erlebt haben, sondern auch auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. Denn bei Erziehung geht es nicht darum, was „man schon immer so gemacht hat“, sondern darum, was beispielsweise aus entwicklungspsychologischer Sicht sinnvoll ist. Es geht nicht darum, ob man an bedürfnisorientierte Erziehung „glaubt“. Man „glaubt“ ja auch nicht, dass die Erde rund ist oder dass Penicillin wirkt. Man weiß es. Wissenschaft und Forschung schenken uns Erkenntnisse, die unser Leben verändern, das ist ihre Aufgabe. Und das gilt auch für Entwicklung und Erziehung. Wir entstauben veraltete Erziehungsvorstellungen, räumen mit festgefahrenem Bullshit auf und blicken nach vorne. Darum und um uns, unsere Kinder und unsere Familie geht es in diesem Buch.

Deine

SCHLÜSSELBEGRIFFE

Die folgenden Begriffe begegnen dir im Verlauf des Buchs. Du kannst dich jetzt gleich mit ihnen vertraut machen oder hierher zurückkommen, um sie nachzulesen.

Stöbert man durch die Ratgeberliteratur und einschlägige Social-Media-Kanäle, findet man unterschiedliche Begrifflichkeiten, die alle einen zugewandten Erziehungsweg beschreiben: Da gibt es die bedürfnisorientierte, die bindungsorientierte und die beziehungsorientierte Erziehung (alle drei mit BO abgekürzt). Synonym wird dafür oftmals das „Attachment Parenting“ genannt. Ebenfalls zu finden sind eher beschreibende Bezeichnungen wie „Begleitung auf Augenhöhe“, „Freiheit in Grenzen“, die „friedvolle Elternschaft“, „gewaltfreie Erziehung“ oder relativ neu „regulationsorientierte Erziehung“. Diese Erziehungsformen unterscheiden sich sicherlich hier und da voneinander. Im Grunde beschreiben alle jedoch eine den Eltern innewohnende Haltung.

Für dieses Buch habe ich mich für „bedürfnisorientierte Erziehung“ als übergeordneten Begriff entschieden, denn er umfasst meiner Ansicht nach auch den Fokus der anderen Strömungen. Ich wende mich jedoch an alle Eltern, die für ein Miteinander auf Augenhöhe und einen respektvollen, kindgerechten und gewaltfreien Umgang mit ihren Kindern kämpfen wollen. Ganz egal, wie sie ihre Erziehungsweise nun nennen.

Erziehungsstil Erziehungsstile sind Erziehungsverhaltensweisen, die über die Zeit hinweg stabil bleiben. Ein in der Erziehungswissenschaft gängiges Modell (Hurrelmann/Bauer, 2015) beschreibt Erziehung anhand zweier Dimensionen: dem Einsatz elterlicher Autorität (Wie stark lenken und kontrollieren die Eltern?) und der Berücksichtigung der kindlichen Bedürfnisse (Wie viel Zuwendung und emotionale Unterstützung bekommt das Kind?). Je nachdem, wie Eltern sich dahingehend verhalten, kann man sie bestimmten Erziehungsstilen zuordnen.

Autoritäre Erziehung Eine Form der Erziehung, die durch einen hohen Einsatz elterlicher Autorität, Macht und Kontrolle gekennzeichnet ist, bei geringer Berücksichtigung kindlicher Bedürfnisse und wenig emotionaler Wärme. Strenge, Disziplin und Gehorsam sind zentrale Werte dieser Erziehung. Strafen, Disziplinierungen und Druck sind beobachtete Erziehungsmethoden (siehe z. B. Charlotte et al., 2012).

Autoritativ-partizipative Erziehung Dieser Erziehungsstil charakterisiert sich durch eine ausgewogene Balance von Wärme und emotionaler Unterstützung sowie Lenkung und Orientierung. Bei dieser Bezeichnung handelt es sich um den Fachterminus aus der Erziehungswissenschaft. Viele der neuen Erziehungsbewegungen fallen in diese wissenschaftliche Kategorie.

Laissez-faire-Erziehung Bei dieser Erziehung ist das Kind weitestgehend auf sich allein gestellt, die Eltern halten sich aus der Erziehung heraus. Dadurch fehlt es an erfahrbaren Grenzen, Orientierung und zugewandter Unterstützung. Eine milde Form dieses Erziehungsstils ist die „permissive Erziehung“, die ebenfalls keine Grenzen und beobachtbares Erziehungsverhalten kennt, dafür aber mit liebevoller Zuwendung einhergeht.

Adultismus Unter Adultismus versteht man eine Form der Diskriminierung, die auf dem Ungleichgewicht der Macht zwischen Kindern und Erwachsenen gründet. Wird ein Mensch aufgrund seines jungen Alters diskriminiert, also nicht ernst genommen, übergangen, ausgeschlossen oder Ähnliches, spricht man von Adultismus. Dieser kann familiär, gesellschaftlich, strukturell, institutionell und politisch beobachtet werden.

Bedürfnisse Bedürfnisse sind grundlegende Bereiche, in denen Menschen keinen Mangel aushalten. Wenn er aufkommt, verspüren wir einen starken Drang, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Neben den körperlichen Grundbedürfnissen definierten der Kinderarzt Berry Brazelton und der Kinderpsychiater Allan Greenspan (Brazelton & Greenspan, 2002) sieben Grundbedürfnisse.

Das sind die Bedürfnisse nach:

• beständigen liebevollen Beziehungen (→ Bindung)

• körperlicher Unversehrtheit, Sicherheit und Regulation

• individuellen Erfahrungen (→ Autonomie)

• entwicklungsgerechten Erfahrungen (→ Lernen)

• Grenzen und Strukturen (→ Orientierung)

• stabilen, unterstützenden Gemeinschaften und nach kultureller Kontinuität (→ Zugehörigkeit)

• einem globalen Verantwortungsbewusstsein (→ Beachtung kindlicher Bedürfnisse und Rechte durch die Gesellschaft)

Ich habe dieses Bedürfniskonzept gewählt, weil es einen sehr wichtigen Aspekt beinhaltet: das globale Verantwortungsbewusstsein. Nach der Auffassung von Brazelton und Greenspan ist es uns ein Bedürfnis, dass die Gemeinschaft, in der wir leben, Verantwortung für uns übernimmt. Besonders Kinder brauchen den Schutz der Gemeinschaft, brauchen eine Gesellschaft, die ihre Bedürfnisse und Rechte achtet und eine Lebenswelt erschafft, in der sie gesund gedeihen können.

Die im Buch verwendete Literatur sowie die Studien, aus denen ich zitiere, findest du im Anhang.

DIE GROSSE REVOLUTION FÜR UNSERE KLEINEN

Erzieht man seine Kinder bedürfnisorientiert, hat man die Forschung auf seiner Seite, gefühlt aber sonst jeden gegen sich. Die Partnerperson zieht nicht mit, die Schwieger- und Großeltern halten mit ihren veralteten Weisheiten dagegen und der Kindergarten glänzt mit einem wohlklingenden Konzept, dessen Umsetzung aufgrund der Umstände zu wünschen übriglässt. Als wäre eine bedürfnisorientierte Erziehung im Alltag nicht schon anstrengend genug, machen uns Eltern das soziale Umfeld, das System und die Gesellschaft zusätzlich das Leben schwer. Die gute Nachricht: Du bist Teil einer Revolution, die voll im Gange ist, und dieses Buch unterstützt dich dabei.

Elternvorbereitung

Wenn wir Eltern werden, bereiten sich die meisten von uns mehr oder weniger darauf vor. Paare besuchen Geburtsvorbereitungs-, Säuglingspflege- und Stillkurse, die werdende Mutter sucht sich eine Hebamme, die ihr in der ersten Zeit mit Rat und Tat zu Seite steht. 74 % der befragten Mütter haben 2017 laut Statista einen Geburtsvorbereitungskurs besucht (Statista, 2019). Während es also recht selbstverständlich scheint, sich auf dieses Ereignis vorzubereiten, gibt es darüber hinaus nur wenige Möglichkeiten, sich auf das Leben mit Kindern vorzubereiten. Oder hast du schon mal etwas von einem Erziehungs-orbereitungskurs gehört? Zugegeben, es gibt Elterntrainingsprogramme, aber vorbereitend werden diese nicht genutzt. Obwohl drei große wissenschaftlichen Analysen (Pinquart und Teubert, 2010a,b; Weiss et al., 2015) übereinstimmend deutlich positive Effekte von Trainingsprogrammen auf das elterliche Erziehungsverhalten und die kindliche Entwicklung nachweisen konnten.

Nun kann man natürlich argumentieren, dass man sich auf etwas so Komplexes wie Erziehung nur schwer vorbereiten kann. „Erziehung findet stets in ‚Ernstsituationen‘ statt – es gibt keinen Probelauf […]“, schreibt Jutta Standop 2013. Sie erklärt weiter, dass erzieherisches Denken und Handeln Werten unterliegt und somit die erziehende Person ethische Entscheidungen treffen muss (Standop 2013, S. 171). Werteeinstellungen sind geschichtlich und kulturell vorgezeichnet, aber individuell ausgeprägt. Kommen noch die eigene Kindheit, das persönliche Temperament, das Bildungsniveau und weitere persönliche Faktoren dazu, sieht man schnell, dass Erziehung nicht für alle gleich aussehen kann und es kein Schema F gibt. Außerdem unterscheiden sich auch unsere Kinder voneinander und stellen uns vor unterschiedliche Herausforderungen. Es ergibt daher Sinn, dass ein Teil des Unterstützungsbedarfs, den Eltern haben, durch Ratgeber, Beratungsangebote, themenspezifische Elternbildungsangebote oder Elterntrainingsprogramme abgedeckt ist. Wer um diese Möglichkeiten weiß und sie nutzt, kann sich so sein Handwerkszeug für die Begleitung von Kindern zusammensuchen.

Du selbst wirst vermutlich schon den ein oder anderen Ratgeber gelesen oder Vortrag besucht haben, um ein besserer Elternteil zu werden und Antworten auf einige deiner Fragen gefunden haben. Worauf du vermutlich noch keine Antwort gefunden hast: Wie bleibe ich auf meinem Weg als bedürfnisorientiert erziehender Elternteil und verteidige diesen selbstbewusst gegen all die Widerstände, die uns im Alltag begegnen? Denn es reicht ja nicht, dass wir, die wir meist selbst nicht bedürfnisorientiert aufgewachsen sind, gegen innere Muster ankämpfen müssen. Nein, wir müssen vielleicht noch eine Partnerperson motivieren und überzeugen, bei dieser Art der Begleitung mit uns an einem Strang zu ziehen. Wir müssen uns gegen die Kritik anderer Eltern und der vorangegangenen Generation wehren. Wir werden auf Missstände im vorherrschenden System aufmerksam und müssen unser Kind davor schützen, diese Missstände vielleicht sogar aktiv anpacken und verändern. Das sind ganz schön viele Baustellen neben der eigentlichen: der bedürfnisorientierten Erziehung unserer Kinder.

Wie erziehst du?

Wir werden uns in den folgenden Kapiteln anschauen, mit welchen Erziehungsformen viele von uns groß geworden sind und welche erzieherische Haltung unsere Kinder mit größter Wahrscheinlichkeit gut auf ihre Zukunft vorbereitet. Außerdem werden wir sehen, wie der bedürfnisorientierte Ansatz nicht nur dein Kind unverbogen groß werden lässt, sondern wie er auch die Zukunft unserer Gesellschaft verändern kann.

Demokratie und Teilhabe beginnen am Esstisch, wenn das Kind mitentscheiden darf, was gegessen wird. Bei der Urlaubsplanung, wenn das Kind mitentscheiden darf, wo es als Familie hingeht und was dort unternommen wird. Beim gemeinsamen Aushandeln der Umgangsregeln, die in dieser Familie gelten. Beim Gefühl, eine Stimme zu haben, die gehört wird und etwas bewegt.

Dieses Buch wird dich dabei unterstützen, diesen Weg zu gehen und den Erziehungswandel voranzutreiben. Vorher möchte ich dich jedoch einladen, deine Kindheit und deine jetzige Haltung zu reflektieren. Dafür habe ich dir ein paar Fragen mitgebracht, die du für dich oder gemeinsam mit deiner Partnerperson beantworten kannst. Sie eignen sich auch dafür, dass ihr über Erziehung ins Gespräch kommt und die jeweilige Position des anderen besser versteht. Lasst euch Zeit bei der Beantwortung der Fragen, egal, ob gemeinsam oder allein. Spür gut in dich hinein und mach eine Pause, wenn belastende Gedanken oder Gefühle aufkommen sollten. Oder lies erst mal weiter und komme später noch mal darauf zurück.

Fragen für dich

Eigene Kindheit

1. Wie würdest du die Erziehung deiner Eltern beschreiben? Worauf haben sie Wert gelegt, welche Methoden haben sie angewandt?

2. Wie wurde mit Fehlern, Versäumnissen und Konflikten umgegangen?

3. Im Umgang mit dir als Kind, worin haben sich deine beiden Elternteile am meisten unterschieden und wie hast du das als Kind erlebt?

4. Was ist dir von der Erziehung deiner Eltern (oder eines Elternteils) so gut in Erinnerung, dass du es an dein Kind weitergeben möchtest?

5. Was möchtest du im Umgang mit deinem Kind anders machen?

6. Wie würdest du die Beziehung zu deinen Eltern als Kind und heute als erwachsene Person beschreiben?

Eigene Elternschaft

1. Was für ein Elternteil möchtest du sein?

2. Womit tust du dich als Elternteil schwer?

3. Welche Werte und Prinzipien sind dir besonders wichtig?

4. Welche Gefühle, Erfahrungen und Fähigkeiten möchtest du deinem Kind gerne mitgeben?

5. Erkennst du manchmal deine Eltern in deinen Handlungen oder Worten? Wenn ja, wann? Wodurch wird das ausgelöst?

6. Wie ist der Umgang mit Fehlern und Konflikten in eurer Familie?

7. Wie würdest du die Beziehung zu deinem Kind beschreiben?

8. Wie würde dein Kind eure Beziehung beschreiben?

Bedürfnisorientierte Erziehung – da wollen wir hin

Mithilfe der vorangegangenen Fragen konntest du bei dir, und vielleicht auch bei der anderen Bezugsperson deines Kindes, nachspüren, wo du dich selbst in Sachen Erziehung verortest. Das ist dein Jetzt, dein Startpunkt auf unserer Reise. Wenn du dieses Buch in der Hand hältst, kennen wir auch schon den Zielpunkt dieser Reise: eine selbstbewusste bedürfnisorientierte Erziehung für dein Kind entgegen den Widerständen. Aber was heißt das? Was ist bedürfnisorientierte Erziehung und was nicht? Was ist es, was die einen so feiern, während die anderen kopfschüttelnd seufzen? Was machen immer mehr Eltern anders als die Eltern der letzten zwei bis drei Generationen?

Ein überraschender Fakt vorweg: Bedürfnisorientierte Erziehung ist keine Erfindung neumodischer Eltern des 21. Jahrhunderts. Unter diesem oder dem amerikanischen Namen Attachment Parenting ist sie zwar erst seit der Nachkriegszeit bekannt und im Kommen. Ähnliche Ansätze, Gedanken und Haltungen gab es allerdings auch schon davor, sowohl in unserer als auch in anderen Kulturen.

In unserem Kulturraum erlitt diese Haltung jedoch durch zwei Weltkriege, wirtschaftliche Krisen und den Nationalsozialismus einen enormen Rückschlag. Um die Jahrhundertwende herrscht in allen Erziehungsratgebern eine emotional vernachlässigende und autoritäre Haltung vor. Exemplarisch dafür werden heute gerne die Lehren der deutschen Ärztin und Autorin Johanna Haarer herangezogen, die Mütter in ihrem Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ davor warnte, ihr Kind zu „verzärteln“ und es somit zum Tyrannen zu erziehen (Haarer, 1934). Wenn man bedenkt, dass sie eine bekennende Anhängerin des Nationalsozialismus war, ist das geradezu ironisch. Ihre Gedanken dazu, dass die deutsche Mutter ihre Kinder nicht verwöhnt, sondern von Anfang an zu einem „nützlichen Gliede der Volksgemeinschaft“ (Haarer, 1934, S. 261) erziehen müsse, zogen in viele Kinderzimmer ein. Ihre Ratschläge, besonders die der emotionalen Vernachlässigung, des Schreien-Lassens und der sehr frühen nächtlichen Trennung, traumatisierten über die Generationen hinweg Kinderseelen. „Auch das schreiende und widerstrebende Kind muss tun, was die Mutter für nötig hält, und wird, falls es sich weiterhin ungezogen aufführt, gewissermaßen ‚kaltgestellt‘, in einen Raum gebracht, wo es allein sein kann und so lange nicht beachtet, bis es sein Verhalten ändert. Man glaubt gar nicht, wie früh und wie rasch ein Kind solches Vorgehen begreift“, schreibt Haarer auf Seite 249 ihres Buches. Ein solches Vorgehen hinterlässt Spuren. Wunden, die wir bis heute spüren. Wunden, die nur langsam heilen. Wir werden uns den Schatten dieser Vergangenheit im folgenden Kapitel → „Die Aufarbeitung“ noch genauer anschauen.

Glücklicherweise kann man sehen, wie der Einfluss dieser sehr autoritären und adultistischen Erziehungshaltung immer weiter schwindet und einer Erziehung Platz macht, die Entwicklung, Gesundheit und Wohlbefinden maßgeblich fördert. Und nicht nur das. Die stetig wachsende Bewegung, die eigenen Kinder auf Augenhöhe zu begleiten und ihren Bedürfnissen einen ebenbürtigen Stellenwert innerhalb der Familie beizumessen, dreht auch unsere Gesellschaft auf links. Die Prioritäten verschieben sich, immer mehr Eltern fordern eine bessere Vereinbarkeit sowie ein politisches Mittragen der Care-Arbeit und die Zukunft der Gesellschaft und unseres Planeten gewinnt an Bedeutung.

Und das alles durch Erziehung? Ja. Denn wer lernt, seine eigenen Bedürfnisse gut im Blick zu haben und die Bedürfnisse anderer zu achten, der wird auf das große Ganze schauen können, ohne sich dabei selbst aus dem Blick zu verlieren. Räumen wir menschlichen Bedürfnissen in gesellschaftlichen Belangen einen hohen Stellenwert ein und lassen das Wohl von Kindern und ihren Familien in wichtige Entscheidungen einfließen, verändert sich das gesamtgesellschaftliche Miteinander.

Was ist das nun für eine wundersame Haltung? Denn genau das ist es, eine Haltung, eine Einstellung. Weit mehr als eine Abfolge von Er ziehungsmaßnahmen oder eine Checkliste, wie die „Baby-Bs“ von William Sears, dem Begründer des Attachment Parenting, oftmals (miss-)verstanden wurden. Diese „Baby-Bs“ aus seinem Buch „The Attachment Parenting Book“ sind sieben wichtige Prinzipien (die im Englischen alle mit B beginnen), an denen er diese Erziehungsform festmacht. Sie beinhalten unter anderem das Stillen (Breastfeeding), das Bonding, das Tragen des Babys am Körper (Baby-wearing) und das gemeinsame Schlafen (Bedding near your baby) (Sears, 2001).

Bindung und Bedürfnisse sind auch bei ihm zentral und sein Ansatz findet sich auch heute noch in der bedürfnisorientierten Erziehung. Von einer Fixierung auf bestimmte Verhaltensweisen ist jedoch abzuraten. Davon ist in der heutigen Bewegung der bedürfnisorientierten Erziehung auch nicht mehr viel zu spüren. Sie legt den Fokus auf eine tiefe Verbindung zum Kind und seine Bedürfnisse. Es geht um eine respektvolle und achtsame Kommunikation zwischen Eltern und Kindern, um eine Erziehung, die auf Empathie und Verständnis basiert. Bedürfnisorientierte Erziehung bedeutet, dass die Bedürfnisse der Kinder ebenso wichtig sind wie die Bedürfnisse der Eltern und sich nicht an den Wünschen und Vorstellungen der Erwachsenen orientieren. Für diese Haltung gilt der Grundsatz: Alle Bedürfnisse sind gleichwertig, nur zeitweise unterschiedlich dringend. Dieser Umgang auf Augenhöhe ermöglicht es, dass sich dein Kind sicher und geborgen fühlt, was sich wiederum positiv auf seine gesamte Entwicklung auswirkt.

Dabei geht es bei dieser Erziehungshaltung nicht um perfekte Elternschaft. Es geht darum, ein stabiles Fundament für eine gesunde Beziehung zwischen Eltern und Kindern zu schaffen. Dieser Erziehungsansatz konzentriert sich darauf, die individuellen Bedürfnisse und Interessen des Kindes zu berücksichtigen und zu respektieren. Es geht darum, das Kind mit seiner eigenen Persönlichkeit zu akzeptieren und ein Umfeld zu schaffen, in dem es sich gesund entwickeln kann und sicher und geborgen aufwächst. Im Gegensatz zum autoritären Weg, bei dem die Eltern bestimmen, wo es langgeht, beziehen sie bei der Bedürfnisorientierung ihr Kind mit ein und ermutigen es, seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu äußern. Sie unterstützen es dabei, die wichtigsten Fähigkeiten zu entwickeln. Es erfährt Grenzen, die eigenen und die der anderen Menschen, sie werden ihm nicht willkürlich auferlegt. Der Umgang mit persönlichen und sozialen Grenzen wird (vor)gelebt und begleitet.

Beschäftigt man sich intensiver mit dem Thema Erziehung, kommt auch die Frage nach den Erziehungszielen auf. Was motiviert Eltern, ein bestimmtes Erziehungsverhalten an den Tag zu legen? Was motiviert dich? Die Erziehungswissenschaft nennt diese Erziehungsziele die „kognitive Komponente“ (Köhne, 2003) der Erziehung. Unter anderem diese Ziele steuern das Verhalten. Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka war sogar der Meinung, dass Erziehungsziele eine notwendige Voraussetzung für Erziehungsverhalten seien (Brezinka, 1993). Es gibt Fürsprecher*innen der bedürfnisorientierten Erziehung, die sich dafür einsetzen, dass es für den Weg der Begleitung auf Augenhöhe keine Zielsetzung braucht. Weil es moralisch betrachtet das Richtige ist, Kinder gleichwertig zu behandeln und nicht durch Machtgebrauch zu formen und zu unterdrücken. Andere sehen das Ziel dieser Erziehungshaltung darin, eine Generation heranwachsen zu lassen, die emotional und psychisch gesund ist, über psychische Widerstandskraft und einen guten Umgang mit Gefühlen verfügt und dabei selbstbewusst und selbstwirksam ist. Eine Generation, die auf die sich wechselnden Herausforderungen einer ungewissen Zukunft vorbereitet ist. Und wieder andere erhoffen sich durch diesen beziehungsorientierten Ansatz eine starke Eltern-Kind-Beziehung, die bis ins Erwachsenenalter hinein Bestand hat. Ich für meinen Teil fühle mich beidem verbunden. Es ist moralisch richtig, Kinder gleichwürdig zu behandeln, sie als vollwertigen Menschen zu sehen. Das ist meine Überzeugung. Gleichzeitig hilft mir ein Ziel vor Augen, auf Kurs zu bleiben, wenn es mal schwierig und anstrengender wird.

DIE AUFARBEITUNG: SCHATTEN DER VERGANGENHEIT

Die Vergangenheit ist ein Teil von uns und den Menschen, mit denen wir jeden Tag zu tun haben. Sie haftet an uns, beeinflusst, was wir denken und fühlen und durch welche Brille wir die Welt und unser Umfeld betrachten. Sie ist ein maßgeblicher Teil von uns: vom allgemeinen Wertesystem bis hin zu den kleinsten impulsartigen Reaktionen. Um uns selbst als Eltern und den Widerstand, der uns auf unserem Weg entgegenschlägt, besser zu verstehen, ist es hilfreich und notwendig, sich dieser Vergangenheit und damit auch der eigenen Geschichte bewusst zu werden.

Der Blick zurück

Wir verstehen unser Heute besser, wenn wir unser Damals verstehen. Denn unser Heute – wie wir fühlen, denken, reagieren, uns binden, kommunizieren oder einfach leben – ist beeinflusst davon, was Eltern und Bezugspersonen uns vorgelebt haben, wie sie uns behandelt haben, wie sie uns die Welt erklärt haben. Also wie wir aufgewachsen sind. „Eltern prägen ihre Kinder durch ihr gesamtes Verhalten, durch ihre Einstellungen, Überzeugungen und Aktivitäten, aber auch durch ihr Erziehungsverhalten und speziell durch ihren Erziehungsstil.“ (Bründel & Hürrelmann, 2017, S.77) Um aber zu verstehen, wie wir erziehen und erzogen wurden, müssen wir noch ein paar Generationen zurückgehen. Denn die Art und Weise, wie unsere Eltern mit uns umgegangen sind, ist nicht unabhängig davon, wie deren Eltern sie erzogen und behandelt haben.

Nun werde ich die Geschichte nicht bis in die Antike aufrollen, obwohl das sicherlich spannend wäre. Aber es lohnt sich, die letzten knapp 100 Jahre einer kurzen Betrachtung zu unterziehen. Denn damit umreißen wir vier bis fünf wichtige Generationen: die (Ur-)Urgroßeltern unserer Kinder, ihre (Ur-)Großeltern, uns selbst und unsere Kinder. Außerdem fließen dann auch die Prägung durch zwei Weltkriege, eine aus pädagogischer Sicht fehlende Kriegsbewältigung und die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen der Nachkriegszeit in unsere Betrachtung ein, ohne die ein umfassendes Verständnis nicht möglich ist. All das sind wichtige Aspekte der Geschichte der Erziehung.

Unser Rückblick startet in einer Zeit größter Not, rund um den zweiten Weltkrieg und in den Jahren unmittelbar danach. Angetrieben von der nationalsozialistischen Ideologie beherrschte die autoritäre Erziehung, geprägt von Disziplin, Gehorsam und einem strikten Machtgefälle, die Kinderzimmer und die Lebenswelt der Jugendlichen. „Bolschewismus wie Nationalsozialismus waren jeweils Erziehungsdiktaturen, in denen versucht wurde, die nachwachsende Generation auf das System zu verpflichten und keine Alternativen zuzulassen.“ (Oelkers, 2013, S. 7) Man mag sich gar nicht ausmalen, wie sich Eltern, Jugendliche und Kinder in dieser Zeit, in der Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und kritisches Denken unterdrückt wurden, gefühlt haben. „Weil ich es sage!“ war nicht einfach ein Satz. Es war ein unverrückbares Gesetz.

Für die Umsetzung dieser Erziehungsziele, also dem Anpassen des eigenen Kindes an die gesellschaftlichen Erwartungen, war zu dieser Zeit die Verwendung von körperlicher und psychischer Gewalt ein probates Mittel. Erst ab den 1950ern wurde in Deutschland ein Rückgang körperlicher Gewalt in der Erziehung verzeichnet (Wetzels, 1997). Das Recht auf gewaltfreie Erziehung kam erst viel später.

Um es auf den Punkt zu bringen: Unsere Urgroßelterngeneration war nicht selten auf vielfache Weise traumatisiert, eine verwundete Generation, die ihrerseits wieder zu Eltern wurde. Unsere autoritäre Vergangenheit war geprägt von klaren Regeln, starren Hierarchien und dem festen Glauben daran, dass Autorität nur durch Strenge und Gehorsam durchsetzbar ist. Die Regeln waren klar, die Strafen noch „klarer“. Gehorsam wurde erzwungen, für individuelle Persönlichkeitsentwicklung blieb kein Platz. „Warte, bis dein Vater nach Hause kommt …“ flößte Furcht ein statt Respekt oder gar Freude.

Die Nachkriegszeit brachte Demokratie ins Land und einen demokratischeren Erziehungsstil in die Familien. Wirtschaftliche Krisen und Wiederaufbau verhinderten jedoch eine Aufarbeitung der Kriegswunden bezogen auf Kindheit und Erziehung. Nicht einmal in der pädagogischen Literatur dieser Zeit findet sich ein Hinweis auf Kriegsbewältigung. Dieses Kapitel der Geschichte wollte man, verständlicherweise, hinter sich lassen und den Neubeginn feiern. In diese Zeit der beginnenden politischen Auseinandersetzung mit autoritären Haltungen wurden die (Ur-)Großeltern unserer Kinder geboren. Sie ging jedoch nur langsam und mit regionalen Unterschieden voran. Daher ist überaus wahrscheinlich, dass ein Großteil der (Ur-)Großeltern ebenfalls noch mit autoritären Erziehungsmaßnahmen sozialisiert wurde.

DAS GESPRÄCH SUCHEN

Leben die eigenen Großeltern und/oder Eltern noch, lohnt es sich, mit ihnen über ihre Kindheit zu sprechen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was sie erlebt haben und wie sie groß geworden sind. Das kann anlassbezogen geschehen, wie zum Beispiel „Mir ist aufgefallen, dass es dich wundert, wenn ich so oder so mit meinem Kind umgehe. Wie war das bei dir? Wie hast du das als Kind erlebt?“ oder ganz allgemein mit den Fragen „Was hat dich geprägt? Wie gingen deine Eltern mit Fehlern um? Welche Regeln gab es eigentlich bei euch zu Hause?“ Solche und ähnliche Fragen können eine Einladung für einen offenen, wertfreien Austausch sein, der dann zu tieferem gegenseitigen Verständnis führt.

Die Spuren dieser Vergangenheit sind nicht zu übersehen, denn viele von uns haben selbst noch erlebt, wie autoritäre Erziehung zwar kurzfristig Gehorsam erzeugte, doch langfristig einen Schatten auf die emotionale Entwicklung warf. Unsere Eltern und wir selbst lernten, uns anzupassen, nicht selbstständig zu denken und nicht gesund mit unseren Gefühlen umzugehen. Die Konsequenzen reichen bis heute, wenn wir Gefühle unterdrücken, bis sie explosionsartig aus uns hervorbrechen. Wenn wir Frauen unsere Grenzen ein ums andere Mal überschreiten und mit Füßen treten lassen, weil wir zur Fügsamkeit und sozialen Anpassung erzogen wurden. Wenn Väter ihre Söhne nicht umarmen können, weil sie es selbst nicht gelernt haben und sich das für sie falsch anfühlt. Wenn wir Schwierigkeiten haben, Entscheidungen zu treffen, weil wir als Kind so gut wie kein Mitbestimmungsrecht hatten und gar nicht wissen, was wir selbst eigentlich wollen.

Der Blick auf diese Spuren der Vergangenheit ist frustrierend, besonders wenn du heute weißt, wie es besser gehen kann. Wenn du siehst, in welchen Momenten falsch mit dir umgegangen wurde. Das macht bisweilen wütend, manches braucht vielleicht sogar eine individuelle Aufarbeitung oder ein klärendes Gespräch. Gleichzeitig kann es ein kleiner Trost sein, dass sich die Zeiten (wenn auch langsam) ändern und es unsere eigenen Kinder schon anders erfahren dürfen.

In den letzten Jahrzehnten wurden individuelle Rechte und Freiheiten wichtiger, Kinderrechte gewannen an Bedeutung und wurden schließlich sogar ins Gesetz aufgenommen. Ein Wendepunkt in der Erziehung, nicht nur im privaten, sondern auch im institutionellen Umfeld! Dass der angestoßene Wandel jedoch noch voll im Gange ist, betonte Unicef in seiner Kampagne #NiemalsGewalt und nennt Zahlen: Weltweit erfahren drei von vier Kindern zwischen zwei und vier Jahren körperliche oder psychische Gewalt durch ihre Eltern oder andere Erziehende (Unicef, 2017). Und das, obwohl fast alle Staaten der Erde die UN-Konvention über die Rechte des Kindes anerkannt haben. Wie es um die Einstellung zu körperlichen Formen der Erziehungsgewalt in Deutschland und Österreich bestellt ist, kannst du im Vorwort noch mal nachlesen.

Es ist daher von entscheidender Bedeutung, dass wir uns weiterhin auf die Förderung von Kinderrechten und einen respektvollen Umgang mit Kindern konzentrieren. Eltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen müssen sich bewusst sein, dass erzieherische Gewalt nicht nur unmoralisch, sondern auch gesetzlich verboten ist. Es liegt in unserer Verantwortung, sicherzustellen, dass Kinder in einer Umgebung aufwachsen, die ihre körperliche und emotionale Sicherheit gewährleistet. Wir müssen dafür sorgen, dass alle Kinder die Chance haben, in einer Umgebung aufzuwachsen, die ihre Entwicklung fördert und ihre Rechte respektiert. Nur so können wir gewährleisten, dass die nächsten Generationen in einer besseren Welt aufwachsen, in der die Rechte und Bedürfnisse von Kindern anerkannt und geschützt werden.

Autoritäre Erziehung – da kommen wir her

Eine ungefähre Vorstellung davon, was diese Erziehungsform, die das Leben der vorherigen Generationen bestimmt hat, ausmacht, hast du vermutlich. Vielleicht hast du Formen davon sogar selbst erlebt. Für unsere Aufarbeitung der Vergangenheit ist es jedoch wertvoll, uns in die Denkweise vergangener Generationen hineinzuversetzen. In einer Zeit, in der soziale Strukturen oft hierarchisch und autoritär geprägt waren, spiegelte sich diese Dynamik auch im Familienleben wider.

Autoritäre Erziehung in einer ausgeprägten Form ist ein Erziehungsstil, der durch klare Hierarchien, strenge Regeln und die Betonung von Gehorsam und Disziplin gekennzeichnet ist. Seine historischen Wurzeln beruhen auf gesellschaftlichen Normen und Überzeugungen. Dazu zählt auch der Einfluss der (katholischen und protestantischen) Kirche, die lange Zeit auf Bildung und Erziehung und damit auch auf individuelles Erziehungsverhalten eingewirkt hat. Während das Christentum auf der einen Seite das Bild des schützenswerten Kindes zeichnete, gab es auch unbarmherzige Seiten, die in sogenannte „christlichen Hausbücher“ Einzug fanden. Darin heißt es zum Beispiel, dass die Erziehung mit der Rute eine väterliche Pflicht sei. Überhaupt war die elterliche Pflicht Inhalt zahlreicher Predigten, denn es galt, die Kinder auf einen „lasterfreien“ Weg zu führen (Oelkers, 2021).

Eltern, die autoritär erziehen, legen großen Wert auf ihre Autorität und erwarten von ihren Kindern Gehorsam. Neben Traditionen, gesellschaftlichen und religiösen Geboten basiert diese Erziehungshaltung oft auch auf dem Gedanken, dass Kinder klare Anweisungen und Grenzen benötigen, um sich zu entwickeln und in der Gesellschaft zu funktionieren. Die Idee, dass Kinder wenig Mitspracherecht haben sollten, war lange Zeit fest in den Köpfen der Erwachsenen verankert. Es fehlt(e) das Vertrauen in kindliche Kompetenzen und das Wissen um den inneren Entwicklungsmotor, der Kinder antreibt. Gleichzeitig geht diese Form der Erziehung oft mit einem Mangel an emotionaler Wärme und individueller Entfaltung einher.

Ein charakteristisches Merkmal autoritärer Erziehung ist die hohe Kontrolle der Eltern über ihre Kinder. Regeln sind strikt, Entscheidungen werden von oben nach unten getroffen, und es gibt wenig Raum für Diskussion oder Verhandlung. In einer autoritären Umgebung wird von den Kindern erwartet, dass sie die Anweisungen ihrer Eltern ohne Widerspruch befolgen. Das ist sicher zu einem Teil auch der gesellschaftlichen Unsicherheit zuzuschreiben, die in der Nachkriegszeit vorherrschte, in der diese Erziehungsform ihren Höhepunkt erlebte. In turbulenten Zeiten voller Angst sehnen sich Menschen nach Stabilität und Sicherheit, die durch starre Strukturen, Machtausübung und Kontrolle vermeintlich erreicht werden kann. Das bestätigte zum Beispiel der Rechtswissenschaftler und Kriminologe Kai-Detlef Bussmann in zahlreichen Schriften zum Thema (u. a. Bussmann, 1995, S. 39–61). Er erklärt nachvollziehbar, warum körperliche Gewalt in verunsichernden Zeiten nicht in erster Linie eine generelle Erziehungsstrategie darstellt, sondern als eine Form der Disziplinierung eingesetzt wird, wenn Eltern das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren.

Auswirkungen der autoritären Erziehung

Die Auswirkungen autoritärer Erziehung auf Kinder sind wie unsichtbare Fäden, die sich tief in ihre Persönlichkeit gewoben haben. Die Absicht der meisten Eltern, ihre Kinder auf das Leben vorzubereiten und sie für die Unwägbarkeiten abzuhärten, war durchaus ehrenhaft. Aber die Umsetzung hinterließ oft tiefe Spuren, die bis ins Erwachsenenalter reichen können. Spuren, die die körperliche oder psychische Gesundheit betreffen können. Spuren, die die Bindungsfähigkeit oder die berufliche Leistungsfähigkeit beeinflussen können.

Diese Art der Erziehung kann aus einem Kind einen Jugendlichen oder Erwachsenen machen, der Schwierigkeiten hat, eigene Entscheidungen zu treffen. Autoritär erzogene Jugendliche sind weniger selbstständig und verfügen über weniger soziale Kompetenz, fassen die Entwicklungspsychologin Susie Lamborn und Kollegen in einer Studie mit über 4.000 Jugendlichen zusammen (Lamborn et al., 1991). Sie fühlen sich den elterlichen Reaktionen ausgeliefert und haben weniger Kontrolle über ihr eigenes Handeln, was zu einer geringen Selbstwirksamkeitserwartung führt (Uslucan, 2013). Das Befolgen von Regeln geschieht bei ihnen nicht aus einer intrinsischen Motivation heraus, sondern aus Angst vor einer möglichen Bestrafung. Die Anpassung an die Bedürfnisse der Eltern geschieht auf Kosten der eigenen Bedürfnisse, denn die Kinder lernen nicht, diese zu kommunizieren. Auch das Bilden einer eigenen Meinung kann ihnen schwerfallen, ebenso wie das Gefühl, etwas bewirken zu können oder eine Stimme zu haben.

Möglicherweise rebelliert das älter werdende Kind irgendwann gegen den starren Rahmen. Restriktive Disziplin konnte in Untersuchungen (Baumrind, 1989) oft mit einem höheren Maß an aggressivem Verhalten des Kindes in Verbindung gebracht werden. Das bestätigten viele Studien, die Psychologin Dr. Dorothea Dette-Hagenmeyer und die Professorin für Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie Barbara Reichle wie folgt zusammenfassen: „Inkonsistenz, restrikte Diziplinierungsmethoden, körperliches Strafen und negative Kontrollstrategien sind hingegen eher mit problematischen Verhaltensweisen des Kindes, wie emotionalen Auffälligkeiten, oppositionell-aggressivem Verhalten und Hyperaktivität assoziiert.“ (Dette-Hagemeyer & Reichle, 2019, S. 31) Oder ein so autoritär erzogenes Kind unterwirft sich und unterdrückt Gefühle und Autonomiebestrebungen, die negative Konsequenzen nach sich ziehen könnten. Hier zeigt sich ein Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Während Jungen ein höheres Maß an Wut und Trotz zeigen, ziehen sich Mädchen zurück, werden unselbstständig, explorieren kaum und fühlen sich von Herausforderungen schnell überfordert (Hart et al., 2002). Angst ist eine zentrale Triebfeder dieser Form der Erziehung, denn sie beruht auf Einflussnahme auf das kindliche Verhalten durch Zwangsmaßnahmen, Strafen und Gewalt.

STRAFEN

Eine Strafe dient in der Regel dem Ziel, unangemessenes Verhalten anzuprangern und das Kind abzuschrecken, dieses Verhalten in Zukunft zu wiederholen. Dabei steht die Strafe nicht in Verbindung mit dem gezeigten Verhalten. Beispielweise darf das Kind, das die Wand angemalt hat, eine Woche nicht mehr fernsehen, statt dass es die beschmierte Wand säubern muss. Die Konsequenz einer bemalten Wand ist eine bemalte Wand. Eine Wiedergutmachung wäre das Reinigen eben dieser Wand, oder gar das Streichen.