Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Vier Erzählungen über verwandtschaftliche Beziehungen. Hier allerdings etwas ungewöhnliche Beziehungen. Die erste Erzählung hat einen realistischen Kern: Die Nachkommen einer alten Familie haben mit den Folgen der Eigenheiten ihrer Vorfahren zu kämpfen (Unter der Linde). Die drei anderen Erzählungen sind Fantasy-Geschichten. Hier kämpfen die Beteiligten mit anderen Problemen als der Genealogie: Mit ihren biologischen Besonderheiten die einen (Zwitter), mit den Tücken eines Lebens in einer ungewohnten Umwelt die anderen (Im Wasser und Im Wald), sowie der Notwendigkeit und den Folgen einer Anpassung an die geänderten Umstände. Und der jeweiligen Lebensentwürfe.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Es fuhr sich höööchst angenehm. Nur Landschaft. Herrlicher, wunderbarer Wald. Gemischt. Hell und licht. Manchmal auch streng und dunkel. Mit steilen Anstiegen und scharfen Kurven. Dann kam wieder Licht – Lichtungen mit Wiesen und Bächen. Dann wieder weite kurvige Abschnitte.
Der Herr Professor Doktor Wolfgang Habeknecht summte ein leises Lied. Er hatte keine Eile. Am letzten Wochenende hatte er sich einen Abschnitt des Pfälzer Waldes vorgenommen. Die Woche davor den nördlichen Schwarzwald, davor die südliche Schwäbische Alb …
Heute war der Hunsrück dran. Seine Wochenenden waren auch sein privates Forschungsprojekt. Thema: „Wo war es am schönsten? Am ruhigsten? Am angenehmsten? Am ungestörtesten?“ Dafür hielt er sich alle seine Wochenenden frei. So wie sie es auch früher gemacht hatten, als seine Gerda noch lebte: Freitagnachmittag zusammen losziehen.
Einfach irgendwo hin. Samstag und Sonntag Fahrten durch die Lande. Einfach spontan sein! Kinder oder sonstige Verpflichtungen hatten sie ja keine gehabt – beziehungsweise kaum gehabt. Und jetzt fuhr er halt solo …
Er umrundete schnittig wieder eine Kurve, gab Gas und – bremste scharf, rollte aus. Ein Schild mitten im Wald: Parkplatz. Das reizte seine Neugierde. Gerade hier, so weit weg von aller Bebauung …
Langsam bog er in den „Parkplatz“ ein. Das war aber nur ein Waldweg, der im Bereich kurz vor der Straße etwas aufgeweitet worden war und einem halben Dutzend Autos Stellflächen auf Schotter bot. Von Wem oder Warum war nicht angegeben. Kein Hinweis auf irgendeine Sehenswürdigkeit, für die man einen Parkplatz brauchte. Nur eine rot-weiße Schranke. Und ein Schild: „Nur für Anlieger“. Ein weiteres Schild war zerkratzt und unleserlich.
Der Professor stellte sich auf den letzten Platz rechts. Blieb noch sitzen. Grübelte. Sollte er …? Das Navigationsgerät zeigte nur Waldwege an. Im Norden ein Tal mit Bach. Felder. In etwa fünf Kilometern einen kleinen Weiler. Sonst keine Bebauung. Eine Art Rundweg war möglich. Das sah verheißungsvoll aus.
Er stieg aus, schloss das Auto ab und orientierte sich. Hinter der Schranke sah es wenig einladend aus. Aber das konnte ja täuschen!
Der Professor prüfte noch einmal sein Gefährt – ein kleiner, billiger Geländewagen mit Allradantrieb. Ein älterer Japaner. Ruppig und kraftvoll. Und zuverlässig. Für seine Zwecke optimal geeignet. Auch nichts, was zum Klauen animierte. Außen fehlte nichts. Innen lag nichts herum. Er konnte also losziehen.
Heiter summend flankte er über die Schranke. Die wippte anerkennend – sportlich war er ja nun noch. Zum Glück! Dann tauchte er ein in die Gesellschaft der Bäume und Sträucher. Lief voran. Schaute sich um. Anerkennend. Er holte tiiiief Luft.
Unterholz. Heidelbeergebüsch. Farnwedel. Schon nach wenigen hundert Metern eine Quelle am Wegesrand. Erquickend nach der langen Fahrt. In einer Wasserlache nebenan ein Feuersalamander …
Es fehlte nur noch ein Reh und das Idyll wäre komplett …
Er lief gestärkt und erfrischt weiter. Nicht hastig – oh nein! Genießerisch … Die frische Luft war eine Wohltat. Desgleichen die Geräusche des Waldes. Ein hämmernder Specht war nun zu hören. Vogelzwitschern. Es fehlte nur noch ein Kuckuck … Da war er auch schon. Wie im Märchenbuch …
Es fehlte nur noch das Rotkäppchen auf dem Weg zur Großmutter … Sollte er den Wolf geben?
Und so wanderte der Herr Wolfgang durch den Forst. Vorzugsweise mit seinem Inneren beschäftigt. Den Stimmungen und Launen ausgesetzt. Und weiterhin ein Lied summend.
Das war nun: „Das Wandern ist des Müllers Lust …“
Er war zwar kein Müller, konnte aber dessen Empfindungen durchaus nachfühlen. Zumindest den Empfindungen eines Müllerburschen, der mit vollem Bauch und einem klaren Ziel bei Tag einen freundlichen Wald durchquerte und sich nicht vor Räubern, Mördern, Regen und Sturm und Nacht fürchten musste.
Herr Wolfgang lachte, als er bei diesen Überlegungen angekommen war. Er wechselte zu: „Guter Mond, wie geeeehst du stiiihille …“ Um sich über sich selbst und seine sentimentalen Anwandlungen lustig zu machen.
Heiter vor sich hin summend stapfte er weiter auf und ab, rechts und links. Immer dem Waldweg nach. Wie es ihm gefiel. Gelegentlich querte er einen kleinen Bach, der sich weiter unten zu einem breiteren gesellte. Sprang über einen quer im Weg liegenden Baumstamm – der Wald wurde wohl nicht wirklich „bewirtschaftet“, sondern war eher wild, je weiter er kam. Das gefiel ihm. Nur nicht zu ordentlich!
Plötzlich weiteten sich seine Augen – einige Dutzend Meter vor ihm querte ein Fuchs den Weg und verschwand in einem Gebüsch rechterhand. Das Märchen ging weiter! Für den Fuchs stellte er offensichtlich keine Gefahr dar. Er klopfte sich selbst (gedanklich) auf die Schulter. Braver Kerl!
Nach einer Kuppe wurde der Wald wieder lichter … Und schon trat er aus dem bewaldeten Teil seines Weges hinaus und befand sich oberhalb eines kleinen Tals. Links setzte sich der Waldtrauf fort, rechts folgte ein Weizenfeld, das bis fast an den Waldrand grenzte und hier teilweise schon im Schatten der Bäume lag. Zwischen dem Feld und dem Feldweg lag ein schmaler Streifen mit Wiesenblumen. Rot und Blau und Weiß. Ganz Französisch. Wie es sich gehörte!
Herr Wolfgang nickte sachkundig. Und prüfte die nächsten Ähren. Die sollten in den nächsten Tagen geerntet werden!
Sie waren fast reif! Spätestens nächste Woche!
Er zog sein Media-Gerät aus der Jacke und prüfte im Landkarten-Programm seinen Standort. Er befand sich am äußersten Rand eines Tales mit der Bezeichnung „Lindental“.
Am Ende dieses Tales lag ein kleines Dorf. Markedingen. Er nickte. Bis dorthin würde er noch wandern. Dann auf der anderen Talseite wieder zurück. Er nickte wieder. Das war schön!
Bisher konnte er seinen kleinen Spaziergang auf der nach oben offenen Habeknecht-Skala mit einer Sechs bewerten.
Eine schon sehr passable Wertung. Viele Siebenen und Achten gab es nicht. Und keine Neunen oder gar Zehnen – das Paradies.
Weiterhin fröhlich summend – er war mittlerweile bei „Der Mai ist gekommen …“ gelandet – stapfte er munter voran.
Und stutzte plötzlich.
Ein Mensch störte hier seine Waldeinsamkeit! Und es war nicht nur ein Mensch. Sondern ein splitternackter Mann! Der stand am Feldrain und prüfte offensichtlich die Ähren, während er breitbeinig und gedankenverloren brunzte und so nebenbei den Acker düngte. Herr Wolfgang war unsicher.
Sollte er hier stören? Zurückgehen wäre blöd. Zur Seite ging nicht. Also trat er die Flucht nach vorn an. Er würde einfach an dem Exhibitionisten vorbeigehen. So, als ob nichts wäre.
Oder war er etwa in einem Nudisten-Camp gelandet? Möglich wäre es ja! Dann wäre ja alles gut!
Also ging Herr Wolfgang weiter seines Wegs und näherte sich dem nackten Mann. Der sah ihn kommen und nickte freundlich: „Schönen Tag auch!“
Herr Wolfgang grüßte zurück: „Auch ihnen einen schönen Tag … Ein guter Tag für die Weizenernte, stimmts?“
Der andere nickte und meinte befriedigt: „Am Montag und Dienstag ist’s soweit!“ Und ergänzte nach kurzer Pause:
„Und das Wetter hält sich bis dahin!“
Herr Wolfgang fragte nun nach dem Ort weiter unten und der Mann bestätigte die Richtung. Und schloss sich ihm an.
Herr Wolfgang erfuhr nun, dass der nackte Mann der Bauer höchstselbst war. Und dass er seine Felder begutachtet hatte, um den bestmöglichen Erntetermin zu bestimmen. Und die Bestellung des Mähdreschers. Und dass er das immer ohne störende Kleidung machte. Der Weg in der Sonne sei schweißtreibend genug. Da müsse er nicht auch noch all sein Zeug versauen. Und dass er auf dem Weg zurück zu seinem Hof wäre. Zum Kaffee, mit dem die Schwester schon warte.
Und ob er ihn auf eine Tasse einladen dürfte – der Rahmkuchen seiner Hilde wäre bekannt großartig …
Herr Wolfgang nickte. Er war schon etwas verwirrt. Irgendwie kam ihm der Mann auch bekannt vor. Er grübelte … Irgendwo hatte er das Gesicht doch schon einmal gesehen …
Wenn man den Rauschebart und die struppigen Haare mal wegließ …? Er kam nicht darauf.
Sie liefen weiter am Feldrain entlang. Der Bauer prüfte gelegentlich weiter die Ähren. Schließlich wendete sich der Feldrand nach rechts, zum Tal hinunter. Und der Weg folgte ihm. Ein weiterer Weg ging jedoch geradeaus wieder in den Wald. Der Bauer deutete darauf und meinte: „Da geht’s zum Dorf.“ Und nach einer Pause mit Blick nach rechts: „Da geht’s zu uns?“
Herr Wolfgang nickte. Er ließ sich halt gern treiben. Und folgte daher seinem Gastgeber.
Nach etwa einhundertfünfzig Metern öffnete sich der von Wald und Feld eingerahmte Weg zu einem Hof. Mit einer riesigen Linde in der Mitte. Links war vor dem Waldtrauf ein Bach zu erkennen. Mit der Ruine eines größeren Gebäudes davor. Vor Kopf eine mächtige Scheune aus Bruchstein und Fachwerk mit einem riesigen Tor. Und rechts das stattliche Bauernhaus aus Fachwerk. Mit Blick über die Felder und ins Tal.
Vor der Haustür stand eine Frau in mittleren Jahren. Der Bauer hatte, als sich Herr Wolfgang ihm angeschlossen hatte, einen lauten, gutturalen Schrei ausgestoßen. Und das war das Ergebnis: Die Hausfrau hatte das Signal richtig verstanden. Sie erwartete also den Gast und bat ihn freundlich einzutreten. Der Bauer hatte etwas gemurmelt von wegen Brause. Und war zur Seite abgegangen in Richtung Scheune.
Herr Wolfgang schaute seine Gastwirtin verlegen an und wusste nicht, wie er die gesellschaftlich richtige Konversation beginnen sollte. Die Dame aber lächelte und stellte sich vor – Hildegard Brenkmann – und ergänzte: „Mein Bruder Thomas braust sich nach einem solchen Rundgang erst einmal kurz ab. So ganz ohne kann er sich schließlich nicht an den Kaffeetisch setzen, nicht wahr?“
„Wahrlich!“, rief Herr Wolfgang und folgte seiner Wirtin in die gute Stube.
Mit Wohlgefallen blickte er über eine klassische Bauernstube mit uralten Möbeln – der Hof war sicher etliche hundert Jahre alt. Und so war auch dieser Raum. Der war klar und einfach möbliert. Alles war sauber und akkurat. Nicht überladen. Kaum Schmuck oder Nippes. Nur das Notwendigste: Der Herrgottswinkel in der Raumecke zwischen den Fenstern zum Hof und zum Weg. Ein Bild der Muttergottes mit Kind. Etliche Familiengemälde und -fotos über einem Biedermeier-Sofa. Eine schöne Kredenz mit den notwendigen Gegenständen. Schön, einfach und klar. Herr Wolfgang war angetan.
Auch die Wirtin fand Herrn Wolfgangs Wohlgefallen. Nicht zu groß, etwa wie er (Herr Wolfgang maß einen Meter vierundsiebzig). Also schönes Mittelmaß. Wohlgerundet, aber nicht fett. In ein adrettes Alltagsgewand gekleidet. Sogar mit einer Schürze über dem weiten Rock.
Mit einer angenehmen Geste hatte sie ihn an den Kaffeetisch gebeten und er hatte sich mit einer kleinen Verbeugung niedergelassen. Irgendwie kam er sich vor wie in einem Spielfilm – ein Kostümstück aus der Biedermeierzeit. Es fehlte nur noch, dass der Bauer nun als Gentleman dieser Zeit aus der Tür trat und sich formvollendet verbeugte …
Der Bauer kam auch bald. Aber nicht als Gentleman, sondern wie bisher als Hunsrück-Bauer. Immerhin mit einer halblangen Hose bekleidet, damit er die Polster nicht beschmutzte. Er entschuldigte sich, dass er nach dem Kaffee noch den Kuhstall ausmisten müsste – daher hätte er nur das Nötigste an …
Er erhielt Absolution und die Gastwirtin schenkte den Kaffee ein. Kredenzte Milch und Zucker. Und bot den gerühmten Kuchen an.
Herr Wolfgang bediente sich bescheiden. Und wurde überrascht. Alles war von ausgezeichneter Qualität. Das Getränk war kein Bohnenkaffee, sondern aus selbst gezogener und gebrannter Zichorie. Und schmeckte trotzdem ausgezeichnet. Die Milch war angenehm sahnig – frisch von der Kuh. Gewissermaßen. Der Kuchen – himmlisch locker und nicht zu süß.
Sie plauderten ein wenig. Keine tiefgründigen Diskussionen wie bei den biedermeierlichen Teesalons, sondern leichten Smalltalk. Herr Wolfgang stellte sich vor. Erwähnte, dass er an der Universität Dortmund lehrte … Biologie und Ökologie … Und gestand seine Vorliebe für das angenehme Reisen durch die verschiedenen deutschen Landschaften.
Nach einer knappen Stunde stand der Bauer auf und verkündete, dass nun die Kühe ihren Teil an Zuwendung zu bekommen hätten. Und verabschiedete sich von dem Gast. Bat ihn aber, noch zu bleiben. Herr Wolfgang aber schloss sich ihm an und erwähnte, dass er noch in den Ort wollte. Und ob er dort am Samstagnachmittag noch einen Laden finden würde, wo er verschiedene Kleinigkeiten erstehen könnte … Ob es vielleicht sogar eine Tankstelle gäbe …?
Seine Gastgeberin nickte und empfahl ihm das Gasthaus „Zur Deutschen Eiche“. Dort habe man neben der Schankgenehmigung auch einen kleinen Laden, wo man eigentlich alles kaufen könnte … Und dort hätte man bis in den späten Abend geöffnet!
Herr Wolfgang empfahl sich also und machte sich auf den Weg. Den kannte er ja nun. Als er wieder in den Wald eingetaucht war, summte er wieder. Diesmal war es „Hänschen klein“ …
Er war ausgesprochen beschwingt unterwegs. Dieser Ausflug wurde immer besser – er näherte sich eindeutig einer Sieben. In Gedanken verglich er ähnliche Landschaften und Angebote. Eindeutig eine Sieben! Mindestens! Und da war noch sein kurioser Gastgeber und seine prachtvolle Schwester. Ob sie noch fruchtbar war? fragte er sich und kicherte.
Na, na! schalt er sich. Böser Junge …!
Nach einigen Kilometern trat er aus dem Wald und befand sich nun in dem Tal, in welches das „Lindental“ einmündete.
Ein weites Tal diesmal mit Wiesen und Feldern, einer gut ausgebauten, wenn auch nicht sehr breiten Landstraße, einer einseitigen Allee aus Kirschbäumen auf der Talseite. Gelegentlich ein Aussiedlerhof. Dann kam das Dorf.
Bescheiden, aber adrett, sauber und wohnlich. Herr Wolfgang nickte zustimmend. Hier ließ es sich sicher gut leben!
In der Dorfmitte gab es einen kleinen Platz mit einem schönen, alten Brunnen im Zentrum. Vier große Buchen standen im Quadrat vor dem Rathaus. Und gegenüber dem Rathaus das empfohlene Gasthaus „Zur Deutschen Eiche“. Ein prächtiges altes Anwesen aus Fachwerk, das deutlichen Wohlstand ausstrahlte. Das hatte tatsächlich eine große Eiche im Hof, der als Biergarten genutzt wurde und trotz der frühen Stunde schon Gäste versorgte.
Herr Wolfgang bekam beim Durchqueren des Biergartens einige irritierte Blicke zu spüren. Auch einige reservierte Grüße wurden ihm entboten. Er war dadurch irritiert. Hier kannte ihn doch niemand! Und als er das Verkaufslokal betrat, wurde ihm ein freundliches, aber ebenfalls reserviertes
„Hallo, Tom!“ entboten.
„Wie bitte?“, fragte er verblüfft.
„Aber …?“, stammelte die junge Bedienung.
Herr Wolfgang drehte sich etwas ins Licht und fragte: „Haben sie so etwas wie belegte Brötchen für den Weg? Ich will heute noch bis nach Prüm fahren und benötige etwas Solides als Grundlage.“
Er sprach absichtlich in klarem Hochdeutsch – wie er es in Braunschweig, seiner Heimatstadt, gelernt hatte. Die Bedienung starrte ihn weiterhin an wie einen Geist.
„Nun …?“, fragte Herr Wolfgang, nun schon etwas kühler.
„Oh – oh! Entschuldigen sie der Herr – ich habe sie verwechselt!“
„Das kann vorkommen …!“, beschwichtigte Herr Wolfgang.
„Wie ist das jetzt mit den belegten Brötchen?“
„Oh ja, natürlich …“, bemühte sich die Verkäuferin, weiterhin verwirrt.
„Ist irgendetwas, Rosi?“, tönte es aus dem Nebenraum. Und ein stabil gebauter, großer Mann erschien in der Türöffnung.
„Oh, hallo …?“
„Guten Tag!“, entgegnete Herr Wolfgang, nun deutlich vergrätzt. Und ergänzte verärgert: „Haben sie gerne keine Kunden hier?“
„Was – aber …?“, stotterte der Wirt und näherte sich dem Kunden. Bis er nur wenige zehn Zentimeter entfernt war. Dann zurückschrak und sich wortreich entschuldigte. „Verzeihen sie, der Herr – wirklich – Entschuldigung …!“
Er zog sich wieder hinter den Tresen zurück. Und ergänzte zur Erläuterung: „Sie gleichen jemandem aus dem Ort, nein, wie soll ich sagen, aus der Gegend hier …!“ Und ergänzte weiter: „Jemand, der hier nicht so gern gesehen ist und eigentlich Hausverbot hat …“
„Ach so!“, sprach Herr Wolfgang erleichtert und ergänzte seinerseits: „Ich bin aus Dortmund und auf der Durchreise – ein bisschen Wandern, sie verstehen?“
Der Wirt versicherte ihm seine Gewogenheit und wies die Verkäuferin an, den Herrn zu bedienen. Herr Wolfgang aber wollte doch nun Genaueres wissen und fragte nach dem
„hausverbotenen“ Zeitgenossen.
„Tja, ich weiß nicht …“, meinte der Wirt zögernd. „Da ist so einer hier im Seitental – also – ich weiß nicht, ob sie sich hier auskennen …“
„Gar nicht!“, sprach Herr Wolfgang fröhlich. „Bin das erste Mal in dieser Gegend.“
„Ah!“, meinte der Wirt und zögerte. „Na, jedenfalls ist da so eine furchtbar alte Familie – na, ja – jedenfalls nur noch der letzte Rest davon … Da den Berg hoch … Na, die sind schon sehr seltsam …“
„Na, ich bin über den Berg da links oben hierher gewandert … Bin von der anderen Seite gekommen und muss da auch wieder zurück … Mein Auto …“
„Ja, da oben gibt es einen Hof mit zwei Leuten … Die Frau ist ja schon recht schön …“ (Die Bedienung kicherte verstohlen)
„Hm … Ich hab‘ nur einen Mann gesehen. So eine Art Waldschrat …“
Der Wirt kicherte. „Genau – Waldschrat – sehr gut, haha!“ und fragte dann: „Hat er sie nicht verjagt mit seiner alten Flinte?“
„Nein, wieso?“, fragte Herr Wolfgang verblüfft.
„Na, das ganze Tal ist doch Privatbesitz. Da darf man nicht so ohne weiteres rein- und rausspazieren …“ Er grinste und ergänzte: „Machen wir aber trotzdem. Vor allem die Jungs.
Als Mutprobe …“
„Na, mich hat niemand belästigt!“, rief Herr Wolfgang.
„Dann war er wohl beschäftigt …“, erwiderte der Wirt. Dem kam eine Erleuchtung: „Ach so – nächste Woche ist Weizenernte. Da ist er allerdings beschäftigt. Besorgt sich irgendwelche ausländischen Hilfskräfte und so. Statt aus dem Ort.“
„Ach so!“, sprach Herr Wolfgang. Und widmete sich wieder seinen Brötchen. Und seinem restlichen Einkauf.
Der Wirt verabschiedete sich wortreich und überließ den Kunden der Rosi. Und die bediente den Herrn Kunden nun beflissentlich und freundlich. Mit gleich drei üppig belegten Brötchen. Was Herrn Wolfgang dazu verleitete, noch einige Kleinigkeiten einpacken zu lassen: Einen Beutel Pistazienkerne zum Knabbern, einen Beutel Sultaninen. Und einen Beutel Cashew-Kerne obendrauf. Ungesalzen. Man verabschiedete sich freundlich. Herr Wolfgang hatte eine Plastiktüte für seinen Einkauf abgelehnt und stattdessen das alte Einkaufsnetz seiner Mutter gezückt, das er immer mit sich herumtrug. Es hatte ihm schon manches Mal gute Dienste geleistet.
Zum Abschied fragte er – die Neugier hatte ihn gepackt – weshalb sie bei der Erwähnung der Frau da oben gekichert hätte. Rosi kicherte wieder und flüsterte mit Blick auf die Küche, dass der Wirt sich vor langer Zeit wohl einmal Hoffnungen auf die Dame gemacht hatte. Und dass deren Großvater die Bewerbung streng und harsch abgelehnt habe …
„Ach, so!“, erwiderte Herr Wolfgang amüsiert.
Als er wieder den Hof durchquerte, verstand er nun die irritierten Blicke. Er schüttelte daher lächelnd den Kopf, als eine der näher sitzenden Damen ihn fragend ansah.
Vor dem Gasthaus aber blieb er sinnend stehen. Ihm war nun eingefallen, an wen ihn der Bauer Thomas erinnert hatte, auf dem Feldweg, dort oben: An sein eigenes Spiegelbild. Er prüfte dieses in der nächsten Schaufensterscheibe.
Ja, es stimmte! Der Bart und auch die Haare waren bei ihm allerdings deutlich kürzer. Und natürlich gepflegter! Wie es sich gehörte für einen Akademiker! Und die Hautfarbe war bei ihm auch deutlich heller … Naja, Ähnlichkeiten gibt es halt manchmal. Immerhin musste das die Einheimischen verwirren. Herr Wolfgang lachte leise. Und machte sich auf den Weg zurück zu seinem „Parkplatz“.
Er hatte vorgehabt, die andere Seite des Tals ebenfalls zu erkunden. Und fand am entgegensetzten Ortsausgang wieder eine Schranke mit dem nun deutlichen Hinweis „Privatbesitz – nur für Anlieger“.
„Aha!“, dachte sich Herr Wolfgang und spazierte erneut auf „verbotenen Wegen“. In einem privaten Garten gewissermaßen. Deshalb also konnte der Gutsherr nackt wie Gott ihn schuf herumhopsen!
Auch hier herrschte eine leichte Unordnung, die bewies, dass der Gutsherr mit anderen Problemen beschäftigt war. Für die Anfahrt des Mähdreschers würde er allerdings aufräumen müssen! Aber immerhin – auch hier war es einladend und charmant. Geradezu bilderbuchmäßig.
Als er etwa die Mitte seines Weges zum „Parkplatz“ zurückgelegt hatte, zweigte ein weiterer Weg nach rechts ab. Kurz entschlossen folgte Herr Wolfgang diesem Weg und trat nach gerade einmal hundert Metern aus dem Wald. Er stand nun am Gegenhang – im direkten Licht der bald untergehenden Sonne. Hier gab es keine Weizenfelder, sondern rechts und links nur Wiesen. Mit einzelnen Baumgruppen. Und einigen Kühen. Gegenüber aber lag der Hof. Über uralten, trutzigen Mauern, die auf geräumige Keller und Ställe in den Untergeschossen hinwiesen, ragten das Wohnhaus und die Scheune burgähnlich hinaus. Beide hatten zum Tal kein Fachwerk wie auf der Hofseite, sondern waren Teile einer ehemaligen Trutzburg. Die wenigen Fenster zum Tal waren erst später herausgebrochen worden, um die Gebäude dahinter wohnlicher zu machen.
„Auf!“, sagte sich Herr Wolfgang und gehorchte einem tiefen Sehnen, das sich in seinem Inneren gebildet hatte. Das Gefühl war ihm nicht neu – es glich dem, wenn man sich verliebt hatte. Und so stapfte er ins Tal hinunter, überquerte den Bach und war wieder von erntereifem Weizen umgeben.
Stapfte weiter hinauf.
Am Fuße der Burg, bei den Ställen, fand er den Bauern Thomas, der die Miste befüllte. Der nickte ihm zu und wies in Richtung Wohnhaus. Herr Wolfgang nickte ihm gleichfalls zu, ging entschlossen hoch in den Hof, dort zur Haustür, öffnete sie und trat ein.
♦
Als Wolfgang am frühen Morgen erwachte, stieg ihm ein überwältigender Duft in die Nase – der Duft Hildes. Und er spürte ihre Haut. Er vergrub seine Nase in diesen Duft und diese Haut. Küsste den Nacken vor ihm und erntete ein leises Kichern. Und ein leises: „Frechdachs …!“, das ihm signalisierte, das seine Frau diesen Zärtlichkeiten gegenüber alles andere als ablehnend war.
Wolfgang war glücklich. Das also war das Paradies! Eine glatte, runde Zehn! Ob das noch zu toppen war? Er stellte sich darauf ein, da weiter zu machen, wo sie bis weit nach Mitternacht tätig gewesen waren, aber Hilde scheuchte ihn auf: „Nichts da! Ich muss mit meinem Tagwerk beginnen und in die Küche. Ihr wollte doch sicher Frühstück?“
Wolfgang bedauerte den Abbruch der Zärtlichkeiten, musste sich aber gestehen, dass sein Magen ebenfalls deutliche Signale sandte. Und nicht nur „die Lenden“. Er seufzte also melodramatisch. Hilde lachte, verwies ihn aber auf die Mittagsruhe, die sie strikt einhielten …
„Aha!“, meinte Wolfgang und sah Befriedigung seiner Sehnsüchte in naher Zukunft. Also suchte er nach seinen Klamotten. Hilde aber wies ihn an, nach draußen zu gehen und dem Thomas zur Hand zu gehen. Dazu brauchte er seine Sachen nicht – die würden nur stören. Oder stark verschmutzt werden. Wolfgang seufzte wieder melodramatisch und Hilde lachte. Und verschwand mit seiner Kleidung in der Waschküche. Wolfgang war klar, dass sie nun für Ordnung und Sauberkeit sorgen würde. Und dass er dabei nur stören würde.
Er ging also ohne irgendwelche Verhüllungen durch die Eingangshalle in den Hof. Atmete tief durch und streckte sich in die Sonne. Und lachte leise in sich hinein: Er sah sicher aus wie eine Reklame für die frühen Sonnenanbeter.
Dann schaute er sich um. Im Hof war niemand. In der Scheune hörte er aber Geräusche. Und hier, genauer gesagt im Untergeschoss, fand er Thomas bei seiner Dauerbeschäftigung. Diesmal war der Pferdestall an der Reihe. Der Thomas nickte ihm zu und Wolfgang trat zu ihm. Das Laufen mit nackten Füßen auf dem pieksigen Heu bereitete ihm aber Probleme und er fragte seinen Schwager, ob er so etwas wie Schlappen hätte – seine Fußsohlen müssten sich erst an raue Oberflächen gewöhnen. Der nickte und meinte: „Am besten nimmst du die Gummistiefel da drüben. Bis du ’s raushast, wie ’s geht, reichen die.“
„Aha!“, machte Wolfgang und ging nach nebenan, wo rechts bei der kleinen Tür zu den Schweineställen mehrere Paar Gummistiefel standen. Alle in verschiedenen Stadien der Auflösung. Er nahm ein Paar schon ziemlich verschlissene.
Die passten sofort.
„Sieh‘ da!“, dachte Wolfgang und grinste. Da passt wirklich alles! Und eine leise Erinnerung an den vergangenen Abend und die folgende Nacht wehte durch sein Gemüt. Da passte auch wirklich alles!
So gestiefelt gesellte er sich wieder zum Thomas. Der drückte ihm eine Forke in Hand und wies ihn an, das Stroh aus dem Ballen nebenan im Pferdestall zu verteilen. Ungefähr ein Viertel. Die Äpfel hätte er schon ausgemistet und die beiden Gäule konnten nicht stören – die waren schon auf der Weide und würden erst am Abend zum Striegeln wieder in ihre Boxen zurückkehren.
Also pflegte der Herr Professor Doktor Habeknecht den Pferdestall. Eine völlig neue Erfahrung. Aber nicht unangenehm, wie er erstaunt feststellte. Daran würde er sich gewöhnen können. Das wäre was für seine Zeit als Rentner … An dieser Stelle seiner müßigen Überlegungen (Stroh ausbreiten braucht kaum tiefgründige geistige Tätigkeit) hielt er inne, weil seinen Verstand eine Vision überschwemmte, die ihm den Atem raubte: Er würde hier sein Leben beenden.
Ganz friedlich. Als uralter Greis neben seiner Hilde … Das Paradies …
Er atmete tief durch, wieder ein und aus. Er hatte sich entschieden. Und verteilte weiterhin Stroh.
♦
Vor dem üppigen Frühstück gingen die Männer kurz unter die Brause. Thomas seifte dem Wolfgang den Rücken ein und der revanchierte sich. Dann zogen beide kurze Turnhosen an, die Hilde bereitgelegt hatte. Die Dusche lag zwischen dem Stall und der Waschküche und bildete gewissermaßen die Schleuse zwischen dem verschmutzten Stall und der sauberen Wohnung.
Nach einem kurzen Tischgebet (die Familie war fromm, vor allem Hilde) konnte sich Wolfgang nicht mehr bezähmen und brachte seinen Heiratsantrag vor. Hilde schaute den Thomas an und nickte leise lächelnd. Der Thomas schaute Hilde an und nickte auch mit dem Kopf. Sprechen konnte er gerade nicht, denn er hatte bereits den Mund voll Wurstbrötchen. Damit war es beschlossen! Wolfgang schluckte und atmete wieder tief durch. So war es richtig! Das Paradies!
Im weiteren Verlauf des Frühstücks wurden die Formalien geklärt. Hochzeit im Rathaus erst nach der Ernte. In der Kirche danach in Absprache mit dem Pfarrer. Verwandte hatten die beiden letzten Nachkommen einer einstmals bedeutenden Familie keine mehr. Dafür hatte Wolfgang neben seinem uralten Vater eine Schwester und auch etliche sonstige Verwandte. Vor allem vonseiten seiner verstorbenen Ehefrau Gerda. Was man halt so hat. Hochzeit hier vor Ort, das Essen nicht im Restaurant oder sonst wo.
Zur Ernte wollte Wolfgang auch auf dem Hof bleiben. Es war ja Ferienzeit – die wenigen (und nun lästigen) Termine in der Universität würde er verlegen können. Und in Zukunft würde er halt zum DiMiDo-Professor werden wie so viele seiner Kollegen: Er würde Montagabend nach Dortmund reisen, dort drei Tage intensiv Dienst tun, um am Donnerstagabend wieder zuhause zu sein. Auch dort würde er schließlich arbeiten können. Und nicht nur die Ställe ausmisten.
So wurde es beschlossen!
Die Hochzeiten wurden durchaus angemessen gefeiert. Die standesamtliche Trauung im Rathaus sahen nur wenige Zeugen. Des Professors Schwester Edith war mit zwei Töchtern und einem Schwiegersohn anwesend. Der alte Vater konnte wegen seines schlechten Gesundheitszustandes nicht transportiert werden. Und würde auch nichts mehr mitbekommen. Von Seiten der Braut war naturgemäß nur der Bruder anwesend. Die anschließende kleine Feier wurde ganz im Familienkreis durchgeführt.
Die kirchliche Trauung dagegen wurde deutlich anspruchsvoller zelebriert. Auch hier war die Habeknechtsche Verwandtschaft dominant. Und deutlich vollzähliger, so dass die Kirche nicht ganz leer war. Sogar einige Leute aus dem Dorf waren anwesend. Der Bürgermeister und einige vom Gemeinderat. Einer der Ärzte aus dem Ärztehaus am Marktplatz, den Wolfgang wegen einer Kleinigkeit konsultiert hatte. Um sich gewissermaßen für die Zukunft als Mitbürger einzuführen. Die Verkäuferin aus dem Hofladen nebst Anhang. Sogar der Eichenwirt und seine Gattin.
An diesen wandte sich Wolfgang nach der Zeremonie, strahlte ihn an und schüttelte ihm die Hand. Und bedankte sich für seine Empfehlung an die Familie Brenkmann. Das wäre tatsächlich zum Glückstreffer geworden. Der Gastwirt wirkte irritiert und die Gastwirtin machte ein saures Gesicht. Wolfgang erfuhr am Abend Näheres über den Antrag des Eichenwirts um Hildes Hand. Der war aber von dem alten Brenkmann handgreiflich verscheucht worden. Man munkelte, dass auch heute noch versprengte Schrotkugeln in des Eichenwirts breitem Hintern herumvagabundierten. Es schienen aber doch eher Hämorrhoiden zu sein, die ihn unruhig auf den harten Stühlen der Gaststube herumrutschen ließen. Trotz weicher Kissenauflage.
♦
In den folgenden Jahren etablierte sich ein angenehmes Familienleben. Auch wurden die Verbindungen in das Dorf wieder gepflegt, wenn auch reichlich zaghaft von Seiten der Dörfler. Man hatte die Familie Brenkmann noch zu sehr in schlechter Erinnerung. Und die war nun einmal zäh und ausdauernd. Wolfgang aber wurde bei Gelegenheit durchaus etwas mitleidig angesehen.
Den Grund dafür sollte er durch Zufall erfahren. Eines Tages hatte er aus Dortmund eine Tageszeitung mitgebracht, die er nun am Wochenende ausgiebig studierte. Im Teil
„Blick in die Welt“ fand er einen langen Artikel, der sich mit der aktuellen Diskussion in der EU über die Novellierung der Gesetze zur Adoption von Kindern und die Problematik der Identität von Samenspendern beschäftigte. Diese sollten ja eigentlich anonym bleiben, um die Harmonie in den Familien nicht zu gefährden. Andererseits hatte das Bundesverfassungsgericht schon 1989 festgestellt, dass für die Betroffenen ein Recht auf Auskunft besteht. Das Für und Wider und die Handhabung in den verschiedenen Ländern der EU wurden dargestellt. In einigen Ländern wurde die Aufhebung der Anonymität bisher sogar als Straftatbestand behandelt und mit drastischen Strafen geahndet. Also waren in mehreren Ländern Änderungen bei verschiedenen Gesetzen erforderlich, um eine faire und nachvollziehbare Behandlung unklarer Fälle zu gewährleisten. Einige der aufgeführten Punkte las er nach dem Abendessen Thomas und Hilde vor. Vor allem den Abschnitt, die das Recht auf Selbstbestimmung der Adoptierten ging. Offensichtlich hatte die Bundesregierung beschlossen, die Regelungen der EU umzusetzen, die allen Betroffenen in Zukunft ein gesetzlich verbrieftes Recht auf Auskunft ermöglichen sollten.
Als Wolfgang beim Vorlesen einmal kurz den Blick hob, musste er feststellen, dass seine Lieben ihn fassungslos, ja beinahe entsetzt anschauten. Er unterbrach sich und fragte:
„Ist was …?“
„Soll das heißen, dass von nun an die Vermittlungsstellen zur Auskunft gezwungen werden können?“, fragte Hilde leise.
„Oh ja!“, bekräftigte Wolfgang. „Und zwar rückwirkend, wenn ich das richtig verstanden habe.“
„Oh-jeh!“, entfuhr es Thomas.
„Wieso?“, fragte Wolfgang verblüfft. „Haben wir mit sowas denn ein Problem?“
Thomas und Hilde saßen verkrampft und mit hochroten Gesichtern am Tisch. Und drucksten.
Wolfgang aber verstand – da war also etwas, was ihm bisher verschwiegen worden war. „Was is‘?“, fragte er freundlich auffordernd.
Und Hilde berichtete. Langsam und stockend. Dass sie als junge Frau schwanger geworden war. Und das Kind nach der Geburt beim Pfarramt abgelegt hatte. Anonym. In der Nacht, als keiner es sehen konnte …
„Du Ärmste!“, rief Wolfgang voller Mitleid. „Das war sicher schwer?“
Hilde nickte und meinte: „Der Großvater durfte das eben nicht mitbekommen! Der wäre ausgerastet und hätte den Kleinen erschlagen.“ – „Es wäre nicht der erste gewesen …“, ergänzte sie leise. Und erhellte damit indirekt das Schicksal ihrer früh verstorbenen Eltern.
Wolfgang schauderte und schaute zu dem Bild des „Alten“ über dem Sofa. „Ach so …“, murmelte er leise.
Hilde weinte nun und Thomas zitterte. Dann atmete der tief durch und sagte leise: „Und das ist nicht alles – der Vater des Kleinen – also – der war ich …“
Wolfgang war geschockt. Er schaute die beiden abwechselnd an. Und wusste nicht, was er nun noch sagen sollte.
Aber bald ermannte er sich, nahm beide bei der Hand und meinte: „Nun verstehe ich. Deshalb sind die Leute im Dorf also so – so – unfreundlich?“
Die beiden nickten.
„Und jetzt …“, meinte er erschrocken, „… kommt das alles heraus?“ – „Und der arme Kerl erfährt das alles …?“ – „Und kommt dann zu uns …?“ – „Heiliger Jesus!“
Wolfgang schaute durch die gemütliche Bauernstube, dann auf das Bild vom „Alten“ und meinte noch einmal: „Der arme Kerl …!“
Hilde weinte weiterhin leise. Und Thomas flüsterte: „Die armen Kerle …!“
Wolfgang stierte ihn an. Flüsterte seinerseits, als könnte lauteres Sprechen die bösen Geister ihres Hauses wecken:
„Kerl-e …?“
Thomas nickte.
„Wie viele …?“
„Vier …!“
Wolfgang stierte ihn wieder an, nun völlig außer Fassung. Ihm fehlten die Worte. Also kam auch nichts mehr. Erst nach einer ganzen Weile konnte er sich wieder äußern. Erst räuspern. Dann husten. Dann meinte er nachdenklich: „Also werden hier demnächst vier stramme junge Männer auftauchen, die wissen wollen, was uns dazu gebracht hatte, sie wegzugeben. Ungeliebt und weggeworfen. Wie Abfall …“ – „Dafür müssen wir uns rüsten. Wir müssen sie willkommen heißen. Und ihnen Gründe nennen …“
Thomas schnaubte. Und meinte dann: „Vor allem müssen wir sie auf die Reaktionen im Dorf vorbereiten …“ Und nach einer Pause, leise und bitter: „Im Dorf geht nämlich das Gerücht um, dass der „Alte Brenkmann“ der Vater der Kleinen wäre …“
„Au, weih!“, seufzte Wolfgang. „Die kennen die Geschichte?“
„Na, ja … Das ging ja alles über die Kirche. Und das sind viele Menschen. Zum Teil ziemlich geschwätzige …“
Wolfgang dachte an das giftige Gesicht der Eichenwirtin und konnte sich nun vorstellen, was da alles vermutet und geklatscht worden war in der Vergangenheit.
„Ich glaube, darüber müssen wir erst etwas schlafen … Ich jedenfalls, um das zu verdauen …“
Hilde schluchzte: „Du gehst nicht …?“
Wolfgang starrte sie entsetzt an. „Wieso sollte ich … Wir sind doch nun eine Familie … Selbst, wenn ich wollte, könnte ich nicht …“ Und ergänzte trotzig und ernst: „Und ich will nicht! … Hier ist mein Platz …!“
Sie gingen zu Bett. Und Wolfgang tröstete Hilde auf seine Weise.
♦
Am nächsten Mittagstisch – es war Sonntag und sie hatten wie immer die Kirche besucht – konnten sie über die „Geständnisse“ des letzten Abends und die neuere Familiengeschichte sprechen. Und sich eine Strategie ausdenken, wie sie auf die Fragen der noch unbekannten Söhne antworten konnten. Die Tendenz war:
Der Wolfgang war in der Vergangenheit – als Student und als junger Angestellter – gelegentlich zu unterschiedlichen Zeiten in der Gegend in Ferien gewesen. Zelten oder in Privatpension. Und hatte zeitweise im Hause Brenkmann übernachtet. Die Familie bestand damals nur aus dem Großvater und den beiden Enkeln – deren Eltern waren früh gestorben. Wie, das war bis heute ungeklärt …
Die Hilde hatte sich in ihn verliebt und mit ihm geschlafen. Trotz des strengen Großvaters. Und hatte die Kinder bekommen. Und sie wegen des strengen Großvaters weggeben müssen.
Der Wolfgang wusste nichts von der Existenz seiner Söhne.
Der Wolfgang war zu der Zeit bereits verheiratet und hatte seine Frau nicht verlassen können. Und Hilde auch nach dem Tod des „Alten“ nicht heiraten können.
Erst nach dem Tode von Wolfgangs Frau konnten sie heiraten. Und ihre Söhne nun willkommen heißen.
Und jetzt hieß es nur noch warten.
Der Metzger Leopold Hauptmann, 29 Jahre alt, ledig, band die letzten Krakauer ab und hängte sie auf den Räucherspieß. Dann schob er den Spieß zu den anderen in die Räucherkammer, schloss die Tür, kontrollierte die Temperatur und legte noch einen Buchenscheit in den Ofen. Für das richtige Aroma. Dann wusch er sich die Hände. Jetzt endlich konnte er sich einige Minuten ausruhen und einen Becher Kaffee trinken. Und vielleicht ein kleines süßes Stückchen dazu? Eigentlich sollte er ja nicht … Nicht, dass er fett würde, dazu hatte er nicht die Anlage, aber …
Aber er musste noch die Putenschnitzel marinieren für die Grillparty bei den Buchners morgen Mittag. Er schaute auf den Aufgabenzettel und seufzte. Der Nachmittag war jedenfalls futsch. Immerhin konnte er sich auf den Abend mit Monika freuen. Sie wollten ins Kino. Darauf standen sie beide.
Wenn der Surround-Sound einem die Ohren und den Kopf zudröhnte und die wilde Action das Hirn vernebelte. Da konnte man so richtig schön abschalten! Und sich gleichzeitig aneinander festhalten! Und an der Moni konnte man sich gut festhalten!
In seiner Hosentasche knisterte etwas. Richtig! Die Erika vom Verkauf hatte ihm seine heutige Post zwischen Tür und Angel in die Werkstatt gereicht. Er hatte den Umschlag nur kurz angeschaut und dann in die Tasche geschoben. Irgendetwas Offizielles jedenfalls. Misstrauisch musterte er den Umschlag. Liebe Zeit! Ein Schreiben vom Amtsgericht.
Hatte er etwas angestellt? In letzter Zeit doch nicht. Meinte er jedenfalls.
„Also, wenn’s sein muss!“, knurrte er und schnitt den Umschlag mit einem der herumliegenden, sauberen Messer auf. Zum Vorschein kam ein offizielles Schreiben. Mit Stempel und allem Drum und Dran. Leo schaute verdutzt. Da wurde ihm mitgeteilt, dass gemäß Paragrafen soundso des Gesetzes zur Gleichstellung von angenommenen Kindern vom soundsovielten das Amtsgericht dazu verpflichtet wäre, ihn davon in Kenntnis zu setzen, dass er / sie, der Herr / die Frau …
Leopold Friedemann Hauptmann … Geboren am … 30. 07.1981 … am … 08.08.1981 … von Herrn / Frau / den Eheleuten … Markus Hauptmann und Maria Hauptmann, geborene Vollmer … an Kindesstatt angenommen worden war. Das Kind war nach seiner Geburt von … Unbekannt … in … dem Pfarramt der Gemeinde St. Trudpert … in … der Gemeinde Markedingen, Hunsrück … abgegeben und von … der damaligen Gemeindeschwester Berghilda Hemmer … vermittelt worden. Sein Geburtsdatum wäre daher … bis auf weiteres provisorisch, da der genaue Zeitpunkt der Geburt mangels Aussagen der Mutter (oder der Hebamme) nicht festgestellt werden konnte … Für weitere Auskünfte sollte er sich an das oben angegebene Pfarramt wenden. Mit freundlichen Grüßen … Und so weiter und so fort.
Leo glotzte geschockt auf das ominöse Schreiben. Sollte das ein Witz sein? Hatte sich da jemand einen – sehr üblen – Scherz mit ihm erlaubt? Vielleicht die Kumpels vom Turnverein? Natürlich wusste er, dass seine Eltern nicht seine leiblichen Eltern sein konnten. Dazu sah er schon deutlich anders aus als sie. Jedenfalls nicht so korpulent, wie die Metzger nun einmal sind – von Berufs wegen. Und der Papa sowieso, ein richtiger Fleischbollen. Eine echte Werbefigur für die Nahrhaftigkeit seiner Produkte. Und den Beteuerungen der Mama, dass er einem Onkel – den er noch nie zu Gesicht bekommen hatte – gliche wie ein Ei dem anderen, konnte er schon gar nicht glauben. Aber einfach so weggegeben worden zu sein … Damals …
Er schluckte. Und fühlte sich gekränkt. Er war trotz seines stabilen Äußeren eine ziemliche Mimose – leicht beleidigt und nachtragend. Und was würde die Monika dazu sagen? Würde sie ihn überhaupt noch wollen, wenn sie wüsste …?
♦
