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Im Herbst des Jahres 1989 fuhr eine kleine Gruppe von 12 Architekturstudenten der Universität Karlsruhe mit drei Betreuern - einem Professor sowie zwei Assistenten (einer davon war der Verfasser) - für fünf Wochen nach México. Die Studenten hatten sich in einem Seminar über die Stadtplanung und das Bauen in diesem Land mit seinen Problemen, Lösungsansätzen und der Rolle des Architekten und Planers theoretisch auseinandergesetzt. Und nun galt es, der Realität ins Auge zu schauen und die wahren Probleme zu erkunden und dafür Lösungen zu erarbeiten. Die Fahrt ins Ungewisse und Unbekannte hielt stattdessen zahlreiche Überraschungen bereit. Und viele unerwartete Erkenntnisse.
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Seitenzahl: 343
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Widmung:
für Martin, Eckhart, Anja und Michael und Fernando, Jochen, Jorge, Jürgen, Marion, Sergio, Sonja, Stefan, Steffen, Susanne, Thomas, Valentin sowie Salvatore, Gabriel, Manuel, Daniela und die anderen
Vorwort
Vorwort zur 2. Auflage
05. September 1989 – Dienstag
06. September 1989 – Mittwoch
07. September 1989 – Donnerstag
08. September 1989 – Freitag
09. September 1989 – Samstag
10. September 1989 – Sonntag
11. September 1989 – Montag
12. September 1989 – Dienstag
13. September 1989 – Mittwoch
14. September 1989 – Donnerstag
15. September 1989 – Freitag
16. September 1989 – Samstag
17. September 1989 – Sonntag
18. September 1989 – Montag
19. September 1989 – Dienstag
20. September 1989 – Mittwoch
21. September 1989 – Donnerstag
22. September 1989 – Freitag
23. September 1989 – Samstag
24. September 1989 – Sonntag
25. September 1989 – Montag
26. September 1989 – Dienstag
27. September 1989 – Mittwoch
28. September 1989 – Donnerstag
29. September 1989 – Freitag
30. September 1989 – Samstag
01. Oktober 1989 – Sonntag
02. Oktober 1989 – Montag
03. Oktober 1989 – Dienstag
04. Oktober 1989 – Mittwoch
05. Oktober 1989 – Donnerstag
06. Oktober 1989 – Freitag
07. Oktober 1989 – Samstag
08. Oktober 1989 – Sonntag
09. Oktober 1989 – Montag
10. Oktober 1989 – Dienstag
Verweise
Im Herbst des Jahres 1989 fuhr eine kleine Gruppe von 12 Architekturstudenten der Universität Karlsruhe mit drei Betreuern, einem Professor sowie zwei Assistenten (einer davon war ich) für fünf Wochen nach México. Die Studenten hatten sich in einem Seminar über die Stadtplanung und das Bauen in diesem Land mit Problemen, Lösungsansätzen und der Rolle des Architekten und Planers theoretisch auseinandergesetzt. Auch hatte es eine Projektphase gegeben, in der sozusagen auf dem Trockenen anhand eines gut recherchierten Modellfalls, der Siedlung „Bosques del Pedregal“ südlich von México-Stadt, Planungsvorschläge ausgearbeitet wurden - das war für alle Beteiligten unbefriedigend gewesen. Jetzt sollten also die fehlenden Informationen gesammelt, die sozialen Kontakte geknüpft und Fragen nach echten Mängeln (und nicht vermuteten) gestellt werden. Ein „Workshop“ am Ort des Geschehens sollte stattfinden, vielleicht sogar eine kleine Projektwoche, in der Entwürfe zusammen mit den Bewohnern erarbeitet werden sollten. Mit den Menschen sollte geredet werden - die meisten hatten einen Sprachkurs mitgemacht. Ich übrigens auch.
Wir hatten uns vieles doch ganz anders vorgestellt. Jedenfalls wurden die Bilder oder Klischees, die der nordeuropäische Mensch über dieses Land, diese Stadt, diese Menschen mit sich trägt, nicht bestätigt, sondern in der Regel positiv verändert. Dass alle Beteiligten völlig begeistert von dieser Fahrt zurückkehrten, lag dabei an mancherlei:
Zum einen an der gründlichen Vorbereitung der Exkursion. Hier hatte vor allem die gastgebende „Universidad Nacional Autónoma de México“, kurz UNAM
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, Enormes geleistet. Aber auch die Karlsruher waren emsig gewesen. Unter anderem musste die schwierige Finanzierung durch Verhandlungen mit dem DAAD
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und etlichen privaten Sponsoren gesichert werden. Schließlich ist eine Reise von fünf Wochen eine teure Sache.
Aber auch die Studenten hatten vorab intensiv Informationen zusammengetragen und zu einem „Reader“ kompiliert.
Des Weiteren lag es an der zur Verfügung stehenden Zeit, dass ein bloßes „Überfliegen“ verhindert wurde und dazu verhalf, Land und Leute näher kennenzulernen und sogar Freundschaften zu begründen.
Sicher lag es auch an der eingeschränkten Zahl der Teilnehmer, die unübersichtliche und vielschichtige gruppendynamische Prozesse verhinderte.
Vor allem aber lag es am Programm der méxicanischen Universitäten, die ein ungeheuer dichtes Netz an Informationen vor uns ausbreiteten und uns gleichzeitig Zeit ließen, alles zu verdauen. Und schließlich auch daran, dass Freiraum gelassen wurde für kleine, private Initiativen durchaus nicht nur touristischer Art.
Normalerweise ist es nicht meine Art, Tagebücher zu schreiben. Überhaupt vermeide ich übermäßige Schreiberei, da ich professioneller Weise immer recht viel „zu Dichten“ habe. Aber dieses Mal hatte ich schon ganz zu Anfang der Reise begonnen, meine Beobachtungen festzuhalten; anfangs erst in Stichworten, bald aber als fortlaufenden Text. Und tatsächlich gab es ausreichend Gelegenheit, etwas Gesehenes oder Erlebtes zu notieren - auf langen Busfahrten, Viertelstunden des Wartens auf einen Vortragenden, vor dem Schlafengehen oder auch, leider, während einer zum Glück nur kurzen Phase des Unwohlseins - Montezumas Rache hatte auch mich ereilt!
Zu meiner Verblüffung waren zum Schluss exakt zweihundert DIN A 4-Seiten gefüllt, mit Tinte, Tusche, Filzstift, Bleistift notiert, gelegentlich unterbrochen von Zeichnungen. Da vieles im Bus oder ohne feste Unterlage außer einem DIN A4-Alutäfelchen geschrieben wurde, ist manches verkrakelt, so dass ich gelegentlich Schwierigkeiten hatte, die eigene Schrift zu entziffern, vor allem, wenn sie mit dünnem, hartem Bleistift geschrieben war. In der Regel war aber die Erinnerung an die beschriebenen Situationen stark genug, um auch Unklarheiten rekonstruieren zu konnten.
Ein Teil des Textes wurde für eine Veröffentlichung verwertet, die der veranstaltende Lehrstuhl für Städtebau und Entwerfen herausgab, zusammengestellt und bearbeitet von den teilnehmenden Studenten. In diesem Zusammenhang sei allen gedankt, die bei der Vorbereitung und Durchführung halfen, den Geldgebern, die die Reise erst ermöglichten, den méxicanischen Gastgebern und Studenten und natürlich unserer Reisegruppe, die diese Fahrt ins Ungewisse zu einem besonderen Erlebnis werden ließen.
Karlsruhe, im Dezember 1993
Im Jahre 1993, also vier Jahre nach der Reise nach México, hatte ich überlegt, ob es nicht sinnvoll sein könnte, den Mitgliedern unserer Exkursion meine Aufzeichnungen als eine Art Protokoll zur Verfügung zu stellen. Zur Erinnerung und zum Wiedererleben aus der Sicht eines anderen Mitglieds der Gruppe.
Eine Möglichkeit wäre gewesen, diesen Stapel Schriftgut zu fotokopieren; dies wäre aber nicht sehr handlich gewesen. Auch waren die handschriftlichen Notizen (für andere jedenfalls, teilweise auch für mich) gelegentlich nicht oder nur schwer lesbar.
Andererseits hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen, die Texte für mich selbst in den Computer einzuspeisen. Daraus ergab sich schließlich ein „Buchprojekt“, das im Dezember 1993, kurz vor Weihnachten, fertig wurde. In einem Fotokopierladen hatte ich die Ausdrucke kopiert, sortiert und zugeschnitten. Dort wurden auch die 22 Exemplare mit schwarzglänzenden Kartondeckeln versehen und gebunden.
Für die Mitreisenden wurde ein Teil dieser Taschenbücher noch mit grün-weiß-rot-farbigen (die Farben Méxicos) Aufklebern auf dem Rücken versehen und verteilt. Die restlichen Exemplare wurden in beigefarbenes Leinen gebunden. Sie waren für die Leiter der Exkursion, für Familie und Freunde gedacht.
Beim erneuten Lesen etliche Jahre später fielen mir allerdings einige Tippfehler auf, aber auch sprachliche Ungenauigkeiten, die ich in meinem Exemplar anmerkte. Einige der sprachlichen „Saloppheiten“ oder Schlampigkeiten waren durchaus gewollt und entsprangen der jeweiligen Situation.
Andere waren aber reine Unachtsamkeit und der knappen Zeit bei der Schlussredaktion geschuldet. Auch gab es in der Zwischenzeit eine Rechtschreibreform.
Dieser neue Korrekturstand ist die Grundlage der vorliegenden Veröffentlichung. Der Text wurde im Wesentlichen beibehalten, aber an einigen Stellen „geglättet“ oder zur Erläuterung ergänzt. Ein kurzer Teil mit Überlegungen zu Forschung und Lehre wurde ganz herausgenommen, da er für den Reisebericht keine zusätzlichen Informationen lieferte. Auch mussten noch zahlreiche Fußnoten eingefügt werden, um Begriffe oder nur mir verständliche „Kurzformen“ zu erläutern. Immerhin hatte ich schon in der ersten Auflage den Text soweit bearbeitet, dass für Fremde völlig unverständliche Textteile übergangen oder soweit erläutert wurden, dass sie für Fremde verständlich wurden. Das galt insbesondere für erwähnte Personen, die für die Handlung keine Rolle spielten. Und nur für mich ein Bild darstellten, das zu erläutern unsinnig war. Für diese zweite Auflage, die sich an eine breitere Öffentlichkeit wendet, wurden aber weitere Erläuterungen erforderlich, damit die dargestellten Sachverhalte oder Überlegungen nachvollziehbar wurden.
Die Eigentümer der „ersten Auflage“ bitte ich daher um Vergebung für diese „noch nicht fertige Fassung“ eines Erinnerungsbuches und hoffe, dass sie beim Wiederlesen bislang unverständliche Passagen besser nachvollziehen können.
Karlsruhe, im September 2024
Am Abend vor dem Abflug besuche ich ein befreundetes Ehepaar mit teilweise lateinamerikanischen Wurzeln, das in der Nähe meines Büros wohnt, um noch zusätzliche Informationen über Land und Leute zu bekommen. Entschuldige mich wegen des frühen Abfahrtstermins schon gegen zehn Uhr und fahre nach Hause. Muss aber nach dem Packen noch etliches in der Wohnung richten, so dass es elf wird und ich mir vornehme, am Morgen reichlich Zeit einzuplanen. Abfahrt des Zuges nach Frankfurt ist kurz nach sieben. Stelle den Wecker also auf kurz nach fünf. Schlafe gut und wache prompt auf. Reichliches Frühstück, dabei Leeren des Kühlschrankes um verderbliche Lebensmittel (Pfannengericht mit Sojakeimen, Würstchen, drei Eiern, Banane, Curry / Nachtisch Fruchtjoghurt) bis gegen halb sechs, verspüre schon leichte Hektik. Körperpflege satt, Bad putzen, Küche putzen, Spülen und letzte Inspektion. Immerhin bin ich fünf Wochen weg. Abfahrt um sechs Uhr zehn.
Bahnhof: Habe Probleme mit dem Schließfach. Nehmen Geld, aber schließen nicht. Erst das dritte Fach funktioniert. Vier Mark Verlust. Stelle Auto auf dem Parkplatz beim Büro gegenüber dem Binding Eck ab. Spaziergang zum Bahnhof - es ist etwa halb sieben. Unser Professor ist schon da. Der Kollege Michael holt die Fahrkarten ab. Kaufe mir die „Zeit“ als Reiselektüre.
Bahnsteig: Sechs Uhr fünfundvierzig. Der IC steht schon auf Gleis Sieben. Suchen schon Plätze. Die letzten Leute treffen ein, Sonja als Letzte um sieben. Abfahrt pünktlich. Zwanzig Minuten bis Mannheim, dann über zehn Minuten Aufenthalt! In Frankfurt mit Gepäckkarren an das andere Ende des Bahnhofs (Gleis 21); vorwiegend Stehplätze im Flughafenzug. Professor trifft einen Kollegen, weiß später aber nicht mehr, wer er war.
Flughafen: Umständlicher Aufstieg in die Höhen der Schalterhalle. Gleich „Check-in“ bei American Airlines mit einer ziemlich muffigen Angestellten, die unser Gepäck prüft und inquisitorisch nach Sachen fragt, die einem „von anderen übergeben worden seien - vor dem Flug, auf dem Weg - alles ihr Eigentum - welche Elektrogeräte, Walkman“ etc., etc. Dann Passkontrolle. Der Professor und ich müssen keinen Fragebogen in die USA ausfüllen, da Dauervisum. Auch für die anderen eigentlich sinnlos, da wir als Transitreisende amerikanischen Boden nicht betreten. Dieselbe Prozedur übrigens später kurz vor dem Anflug auf Dallas: unnötige Schreibarbeit für Zollerklärungen. Dann Aufgabe der Koffer mit Gewichtskontrolle von einer unechten Blondine mit Windstoßfrisur. Reichlich grell.3 Bin relativ früh fertig und gehe schon vor. Langwierige Prozedur. Wir sitzen und stehen sicher zwanzig Minuten dort, dann ist Gesamtaufbruch zur zweiten Passkontrolle. Den „Nicht-Visum-Leuten“ und den Latinos4 werden die Pässe abgenommen und später in Dallas wieder ausgehändigt. Koffer durch „Film-safe“-Durchleuchter, selbst mit Piepser gefilzt. Endlich in der
Lounge: Relativ kurze Wartezeit, erst Aufruf der „Familien mit Kindern“ und Behinderte, dann Reihen Zwanzig bis Vierzig. Wir sind dabei, gehen über den Laufsteg in die recht große Douglas DC 10. Die erste Klasse hat prächtig breite Sitze und lässt Gutes hoffen, aber die „Economy-Class“ enttäuscht: je zwei Sitze an den Außenseiten und in der Mitte je fünf Sitze, das alles reichlich eng und durch den langen Gebrauch auch recht schäbig. Sesseldesign in hellerem und dunklerem Blaugrau mit rechteckigen Kästchen. Als Begleitmaterial gibt es viel Werbung und einen Kopfhörer zum Anschluss an die Armlehne. Zwölf Programme Musik und Filmton. Darunter Klassisches der populären Art (Offenbachs „Gaité Parisiennes“, Dvoráks „Tschechische Tänze“ und ähnliches). Leselämpchen und „Call for service“, den ich zwischendurch nichtsahnend betätige und damit den Steward herbeirufe. Kurz vor dem Abflug kommt noch eine junge Frau, die den bisher freien Platz neben mir am Fenster (ich habe Gangseite) belegt und sich mit Buch und Walkman gleich einigelt. Die meiste Zeit des Flugs schläft sie, in ihre Schlafdecke gehüllt. In einem kurzen Gespräch gegen Ende des Flugs erfahre ich, dass sie Amerikanerin ist und nach Hause fliegt, nachdem sie ihren in Deutschland stationierten Verlobten geheiratet hat (Soldat irgendwo südlich von München, am Ammersee etwa). Sie ist klein und hat strubbeliges schwarzes Haar, wirkt eher spanisch-gemischt.
Abflug: Erfolgt fast rechtzeitig gegen halb elf nach etwa fünf Minuten Wartezeit. Während des Aufstiegs (schon über den Wolken) gibt's Erdnüsse und Getränke, später ein Mittagessen: 1. Pastete mit Waldorfsalat, 2. Gefülltes Hühnchen mit Limone und Salbei, dazu Broccoli und Bratkartoffeln (mäßig!), 3. Käse (Bel Paese-Streichkäse) mit trockenem Brötchen, 4. Nachtisch (vergessen). Ich wappne mich für die lange Zeit mit Walkman und Aitmatow5, aber der Walkman eiert, die Batterien sind leer und ich habe keine Lust, die neuen einzusetzen. Das Buch ist schnell ausgelesen. Nach zwei Stunden und etlichem an Werbung à l'américaine auf dem Bildschirm vor uns gibt es eine wissenschaftliche Sendung und einen schrecklichen amerikanischen Spielfilm, „Cousins“, nach Art von „Dallas“, für die der Raum verdunkelt wird, so dass ich den guten Aitmatow nur mit Spot lesen kann. Zwischendurch döse ich 'mal eine Stunde. Da man draußen wenig sehen kann, ist es etwas langweilig. Zwischendurch Smalltalk mit unseren Leuten. Etwa eine Dreiviertelstunde vor der Ankunft in Dallas gibt es ein Abendessen: 1. eine Scheibe Brot mit Gemüsesalat und einige Scheiben Roastbeef und Kassler, danach ein kleines Marzipanbrot. Alles recht ordentlich, aber wenig.
Formaler Schreibkram kurz vor der Landung. Wir werden gebeten, sitzenzubleiben. Und werden ganz zum Schluss mit einigen anderen Passagieren über viele Gänge in die Transit-Lounge gebracht.
Dallas: Es ist glühend heiß in den Transitgängen, draußen ist 35°. Lounge und Flugzeug sind dagegen sehr stark klimatisiert, fast zu kühl, so dass ich den Pullover anlasse. Von Dallas sehen wir wenig, es ist total flach. Immerhin sind mir beim Anflug einige Besonderheiten aufgefallen:
Texas ist ziemlich grün, viel Weide und Landwirtschaft, etliche Wälder und Seen;
Die Siedlungen sind typisch Vorstadt: Einhänge mit gleichen Einfamilienhäusern, geschwungene Straßen, Swimmingpools, mehrere Garagen je Haus.
Die regelmäßig verteilten Wasserhochbehälter in Linsenform auf einem Kranz von dünnen Stützen.
Abflug nach México-Stadt: Kleine Maschine mit Mittelgang und je drei Plätzen rechts und links. Habe den Fensterplatz. Da das Wetter diesig ist, sieht man allerdings wenig. Außerdem ist die Tragfläche im Weg. Die Flugzeuge starten wie auf der Autobahn: alle rollen hintereinander, schließen auf und stehen im Stau. Jede Minute startet dann eine. Flugdauer 1:45 Stunden. Das Personal spricht Spanisch und Englisch. Kurz nach dem Start wird ein weiteres Essen serviert: 1. Vorspeise (vergessen), 2. Gulasch mit Erbsen und Reis, 3. ein süßes Stück Schokoladenkuchen mit Mandeln und Ahornsirup. Der Flug geht direkt südwärts. Er enttäuscht alle Erwartungen. Die flache Landschaft am Golf ist offensichtlich fruchtbar und sehr grün: keinerlei Wüsten, Kakteen etc. Je weiter südlich es geht, desto diesiger und wolkiger wird es - statt praller Sonne ist kaum etwas zu sehen. Beim Anflug auf México-Stadt fliegen wir mitten durch eine Wolke: Mattscheibe. Erst über der Innenstadt, die wir im weiten Bogen über- und umfliegen, denn der Flughafen liegt im Osten, lockert es etwas auf und man hat einen enormen Eindruck von dieser großen Stadt. Wir landen ziemlich im Zeitplan, müssen dann über eine Treppe auf das Rollfeld und zu Fuß in das Empfangsgebäude, das nicht in Ansätzen die Größe von Frankfurt erreicht. Dafür ist es wesentlich übersichtlicher und freundlicher. Die Koffer kommen schnell, die Passabfertigung geht zügig. Nur Jorge wird zurückgehalten und sein Pass offiziell geprüft: für Chilenen gibt es Einwanderungs-Restriktionen, also wird er hier etwas misstrauisch behandelt, aber dann freigegeben. Die beiden anderen „Latinos“, ein Brasilianer und ein Argentinier, werden nicht beanstandet.
Flughafen: Unser deutscher Ansprechpartner Eckhart erwartet uns an der Absperrung in der ersten Reihe - wir drängeln uns durch eine dichte Menge wartender Leute und kommen in eine sehr lange, schmale Empfangshalle. Zum Verschnaufen und Orientieren setzen wir uns erst einmal in ein Café und trinken Cola. Im TV über uns an der Säule turnt Popeye herum, bei der Kofferausgabe lief James Bond. Einige tauschen schon Geld. Dann geht es in vier Taxis ins Hotel, das sehr zentral in der Nähe des Alameda-Parks liegt. Eine Gruppe kommt mit Verspätung.
Hotel Metropol: Wir bekommen unsere Zimmerschlüssel gleich zugeteilt. Jeder kann in einem Zweibettzimmer untergebracht werden. Unser Professor, der nur zeitweilig an der Exkursion teilnimmt, in einem Einzelzimmer.
Michael und ich bekommen ein großes Zimmer, Nr. 519 im fünften Geschoss, mit einer Ausstattung in reinem Fünfzigerjahre-Stil. Blick auf die Calle Luis Moya. Zwei breite Betten, darüber ein dynamisch gestyltes Kopfbrett, eine Couch mit Tischchen und Sessel, eine Kommode mit Spiegel, ein TV etc. auf einer Grundfläche von etwa 4 m x 5 m. Ein großer Wandschrank mit Schiebetüren und ein großzügiges Bad. Sehr komfortabel! Das Ganze für 45.000 Pesos, also etwa 40 DM für Zwei, also zwanzig Mark pro Kopf!! Das Ambiente macht natürlich schon einen etwas angejahrten Eindruck, wirkt aber ehrwürdig. Später sehen wir dann auch die Zimmer der anderen Leute in den Quergängen, die längst nicht so großzügig und angenehm sind. Es sind eher Schlafzimmer, während unseres echte Aufenthaltsqualitäten hat. Auf dem Tischchen steht Trinkwasser in Flaschen als Service.
Wir treffen uns für eine erste Besprechung mit Eckhart im Hotelrestaurant im Mezzaningeschoß, ein heller, kühler Raum, aber nicht unangenehm. Er liegt über der Vorfahrt und der Bar, aus der ab einer bestimmten Zeit „Live-music mit Mary“ dröhnt („La bamba“ u. ä.). Der Professor und Eckhart trinken: 1. Bier der Marke Bohemia, 2. Tequila, 3. Sangria. Michael und ich bestellen nur Bier, ebenfalls das pilsig-herbe Bohemia. Man plaudert noch etwas, dann setzt sich Eckhart so gegen neun Uhr ab. In Karlsruhe ist es jetzt fünf Uhr morgens. Es kommen noch einige der Studenten herbei, um „die vierundzwanzig Stunden Wachsein vollzumachen“. Da ich schon gegen zwanzig nach fünf aufgestanden war, könnte ich auch schon um zwanzig nach neun zu Bett gehen - es wird aber dann doch halb Zehn und ein weiteres Bier (auf Professors Kosten) später. Die Bettruhe ist wahrlich wohlverdient!
Ich wache ziemlich früh auf. Erst um fünf, dann um sechs, nach Karlsruher Zeit vierzehn Uhr. Michael ist ebenfalls wach. Ich dusche zuerst - diesen Rhythmus behalten wir auch die nächsten Tage bei (Ich schreibe dies am Abend des 7.9.). Draußen ist es neblig-trüb, man sieht kaum etwas. Der Torre Latinamericano, der größte Wolkenkratzer der Stadt, steht ganz in der Nähe inmitten eines teilweise desolaten, vom Erdbeben 1985 stark mitgenommenen Gebiets: gegenüber steht ein nicht bespieltes Kino, die umliegenden Häuser sind zum Teil stark beschädigt und unbewohnt, einige zum Teil abgebrochen und der Rest provisorisch bewohnt. Abgesunkene Teile sind deutlich erkennbar. Die Stadt steht hier auf ehemaligem Sumpfgelände, was die Zerstörungen über diesem labilen Baugrund bewirkte. Auf dem Flachdach des Hauses gegenüber erscheinen in Abständen Leute und waschen sich an einer langen Reihe von Waschbecken; sie haben in ihren Wohnungen offenbar keine Waschgelegenheit.
M. und ich machen vor dem Frühstück einen ersten Rundgang „um den Block“. In diesem Fall etwas erweitert bis zur nächsten Querstraße linkerhand (Avenida Independencia), dann im Uhrzeigersinn die Calle Juan de Letran und die Calle Victoria zurück. Wir frühstücken der Einfachheit halber im Hotel. Da gibt es teure Frühstücke bis 8.000 Ps., wir nehmen nur Café und Cornflakes, bekommen aber immer Kaffee nachgeschenkt. Dazu Toast und Marmelade für einen ordentlichen Preis. Unser Professor gesellt sich dazu und nimmt dasselbe. Er will anschließend zur Hauptpost. Ich schließe mich an, da ich einen Brief zu besorgen habe und Marken für Postkarten kaufen möchte.
Die übernächste Querstraße linkerhand ist die Avenida Juarez, eine der zentralen Achsen der Stadt, die den Alameda-Park mit dem Zocalo6, dem großen Hauptplatz, verbindet. Wir laufen die Alameda entlang, eine sehr schöne, gepflegte Grünanlage. Schräg gegenüber der Einmündung der Calle Luis Moja steht das Denkmal für Benito Juarez7, ein großes Halbrund aus Säulen. Am Kopfende des Parks befindet sich der Palacio de Bellas Artes, in dem u.a. ein großes Wandbild von Diego Rivera8 zu bewundern sein soll. Das wird aber aufgespart für später. Die Hauptpost ist ebenfalls äußerst sehenswert: ein monumentales Gebäude ganz aus Stahl mit Backsteinfassade, das einen ganzen Block einnimmt. Im Erdgeschoß zu den Straßen ist eine umlaufende große Wandelhalle mit den Postschaltern, wo wir Briefmarken für die aktuellen und die noch zu schreibenden Briefe und Karten erstehen. Der Professor zeigt mir noch die große Halle mit einer sehr schönen Treppenanlage und einem Glasdach: eine Orgie aus Gussstahl, Marmor und Glas. Trotz des Erdbebens sind hier keine Schäden erkennbar (bis auf kleine Risse und Setzungen, die aber immer vorkommen). Das Stahlskelett mit Ausfachungen aus kleinteiligem Material macht offensichtlich alle Bewegungen des Bodens mit und sorgt so für Standfestigkeit. Das gilt übrigens auch für viele andere alte Gebäude, während die neuen Stahlbetonskelettbauten häufig irreparabel zerstört sind.
Erster Stadtrundgang: Wir laufen nach Osten durch die Einkaufsgegend zum Zocalo, dem riesigen Hauptplatz der Stadt, wo alle offiziellen Ereignisse stattfinden. Der Platz hat keine Einbauten und ist durchgehend gepflastert. Im Zentrum steht eine mächtige Fahne. Am Rande sind die wichtigsten offiziellen Gebäude des Staates und der Stadt angeordnet, u.a. der Präsidentenpalast und die Kathedrale. Auf dem Weg dahin gibt es einige herrliche Gebäude und Innenhöfe zu sehen. Besonders beeindruckend ist das „Gran Hotel Ciudad de México“ an der südwestlichen Ecke des Zocalo: Die große Halle überspannt ein buntfarbiges Glasdach - der Zugang zu den Hauptzimmern erfolgt über rundum laufende geschwungene Galerien. Höchst sehenswert.
Kurz vor elf sind wir wieder im Hotel, da Eckhart den Studenten das Programm der nächsten Wochen erläutern will.
Einführung: Wir halten diese Veranstaltung im Restaurant ab und bestellen zur Beruhigung des Kellners für alle „Café con leche“ (Milchkaffee). Für weiteres gemeinsames Essen und Trinken wird eine Kaffeekasse ins Leben gerufen, für die Stefan seinen Geldbeutel (ohne Inhalt) zur Verfügung stellt. Ich werde als Kassenwart bestallt. Ich bedanke mich für das Vertrauen und knöpfe jedem 5.000 Ps. ab. Eckhart hat auf dem Weg zum Hotel Hunger verspürt und Tacos mit scharfer Füllung gekauft, aber nicht aufessen können. Eines stellt er der Runde zur Verfügung, von dem einige Waghalsige probieren. Höllisch scharf! Die Einführung dauert etwa anderthalb Stunden, danach ist freies Programm. Eckhart empfiehlt die Erkundung des nahen Umfelds. Zur Besprechung das weiteren Vorgehens und zum Mittagessen gehen wir zu „Sanborns“ an der Alameda, eine alte Adelsvilla, die außen komplett mit blauen, bemalten Kacheln verkleidet ist, ein weiteres „Muss“ für Touristen. Heute residiert dort eine Zweigstelle der in México beliebten Kaufhauskette. Das Restaurant liegt im ehemaligen Patio9, man sieht noch die Balustrade und die Wasserspeier des Daches, obwohl heute ein Glasdach mit etwas zu gelbem Glas den Hof abdeckt.
Mittagessen: Das Menü ist nicht teuer (11.000 Ps.) und sehr lecker: Gemüsesuppe, Schweinefleisch mit pikanter Bohnensoße und Bohnenpüree, Vanillepudding. Nur das Getränk habe ich unterschätzt: 2 Sangria, zu meinem Schreck, aber zu spät, recht alkoholisch. Und teuer (6.800 Ps.). Ich erfahre, dass Sangria alles Mögliche sein kann, jede Art von Getränk, soweit es nur rot ist: Wassermelonensaft, Tomatensaft, jede Mixtur mit oder ohne Alkohol. In diesem Fall ist es sehr aromatisch, was den Alkoholgehalt wirkungsvoll überdeckt. Eckhart muss uns bald verlassen, die Pflichten in der Universität rufen. Michael, der Professor und ich bleiben noch etwas. Unser Professor geht während des Gesprächs zum „planertypischen Du“ über - er wird hier also weiter als Martin geführt. Nach einer etwas langen Bezahlprozedur brechen wir zu einem zweiten Stadtrundgang auf.
Wir machen mit Michael den gleichen Rundgang wie am Morgen, aber mit Muße und ausführlicher. Wir besichtigen einige Kirchen, u.a. die monumentale Kathedrale am Zocalo und die Taufkapelle daneben, kaufen Postkarten und stöbern in einer Buchhandlung. Nordöstlich der Kathedrale liegt das Feld des Haupttempels (Templo Mayor), einer Grabungsstätte mitten in der Stadt, denn hier lag das geistige, kulturelle und politische Zentrum des alten Tenochtitláns, der Hauptstadt der Azteken, das die Spanier völlig zerstört und überbaut hatten. Das dazugehörige Museum können wir (noch) nicht besichtigen: es ist schon kurz vor 16:00 h. Um diese Zeit schließen die Museen in der Regel. Montags sind sie üblicherweise ganz geschlossen. Stattdessen runden wir das „touristische Programm“ mit einer Besichtigung des Präsidentenpalastes ab. Das große Treppenhaus und die Galerien der „Bel Etage“ sind fast flächendeckend mit Wandbildern von Diego Rivera geschmückt. Hier wird in großen, bedeutungsvollen Bildern die Geschichte Méxicos dargestellt. Um das ganze ikonographische Programm zu erschließen, bräuchte man einen kompetenten Führer. Aber auch ohne Erläuterung wirken die Bilder tief.
An dem Umgang liegt auch ein schummriges Kabinett mit der Galerie der ehemaligen Präsidenten, wo wir uns in das Gästebuch eintragen. Der Kronleuchter besteht aus zerbrochenen Ketten. Angrenzend ist eine Rekonstruktion des vor 100 Jahren abgebrannten, halbrunden ersten Parlamentssaales mit dem Thron des Präsidenten zu bewundern: ein schöner Raum des Neo-Klassizismus.
Wir machen noch einmal im „Gran Hotel de México“ Station und nehmen in der Bar ein Getränk zu uns. Ich wähle Coca-Cola (aus Gründen der Häresie), Michael Sangria ohne Alkohol und Martin Campari-Soda.
In der Nähe kommen wir an einem vornehmen Kaufhaus vorbei, das große Lichthöfe mit schönen Glasdecken hat. Daneben befindet sich ein weiteres, ziemlich mieses Kaufhaus, wo wir eine Kuriosität bestaunen: die bewaffneten Wächter an den Eingängen binden den Kunden die mitgebrachten Taschen und Plastikbeutel mit Klebestreifen zu, vermutlich eine Maßnahme gegen den grassierenden Klau. Überhaupt sind Unmengen an offiziellen und inoffiziellen Wächtern, Soldaten, Polizisten in der Stadt unterwegs oder vor den Gebäuden postiert. Sie sind in der Regel mit Maschinenpistolen bewaffnet. Oft üben auch Frauen diesen Job aus.
Auf dem Rückweg zum Hotel kommen wir durch die Straße der Elektrohändler. In dieser Stadt gibt es, ganz mittelalterlich, ganze Straßenzüge, die einer Zunft zugehören: Autoreparatur (auf der Straße), Polsterer, Möbelhändler etc.
Wir kommen etwa um 18:00 h oder 18:30 h im Hotel an und ziehen uns in die Zimmer zurück. Ich schreibe noch etliche Postkarten (7 oder 8 Stück). Um 20:00 h bin ich so müde, dass ich beschließe, ohne weiteres Abendessen zu Bett zu gehen. Licht aus gegen halb Neun.
Wieder frühes Aufwachen um 6:00 h bzw. 6:30 h. Leichter Schlaf mit etlichen Aufwachern dazwischen. Beim Duschen fällt der Warmwassergriff mehrmals ab. Sonst ist das Bad gut, wenn auch etwas abblätternd.
Frühstück diesmal im Café um die Ecke: 1. Orangensaft, frisch gepresst, 2. Schinken mit Ei, 4. Weißbrot, 4. Café con leche. Alles ganz gut und recht billig. Die magere Katze des Cafés turnt auf dem Bürgersteig und um die Blumenkübel herum, die zusammen mit den extrem hohen Bürgersteigkanten das Parken auf dem Gehsteigrand verhindern sollen. Langsam kommen etliche Mitreisende dazu, Martin auch etwas später. Er frühstückt ebenfalls „Desayuno Nr. 3“. Zwischendurch bietet ein Schuhputzer seine Dienste an. Die Tochter des Hauses kehrt den Gehweg.
Um halb Zehn versammeln wir uns in der Halle des Hotels und brechen geschlossen zur ersten Fahrt mit der U-Bahn zur Universitäts-Stadt auf. Hier in der UNAM erwarten uns die Ansprechpartner und Organisatoren des ganzen Programms für eine Führung durch die Universität.
Metro: Die Station Juarez ist nur ein paar hundert Meter entfernt - für eine so große Stadt in direkter Nähe. Sie ist sehr gut ausgestattet und angenehm. Um diese Zeit sind auch nicht mehr so viele Menschen unterwegs. Da die Metro im Minutentakt fährt, ist der Wagen nur halbvoll. Sie ist sehr schnell und außerordentlich leise, da sie auf Gummireifen und mit seitlichen Führungsschienen fährt. Die 12 Stationen passieren wir flott - nur zwischendurch gibt es einen kleinen Stau mit Halt auf der Strecke. Jede der Stationen ist anders gestaltet - eine knapp unter der Erde liegende Station ist mit Oberlichtern ausgestattet, so dass sie durch eine dramatische Lichtführung über feine Reliefwände auffällt. Die Station „Copilco“, die in der Nähe des Zentrums der UNAM liegt, ist eine „Große Halle“, deren Wände mit den Konterfeis aller großen Geister der Menschheit - in enger Nachbarschaft - geschmückt ist. Beispielsweise gibt es eine Galerie der Entdecker mit Columbus, Maghellan etc. Oder Leonardo da Vinci mit Mona Lisa.
Auf dem Weg zur Uni kämpfen wir uns durch viele Straßenverkäufer, die hier wie an allen U-Bahn-Stationen in großen Mengen ihren Lebensunterhalt durch Verkauf von Kleinkram suchen. Hier ist das Angebot eher intellektuell: jede Menge Bücher und Zeitschriften. Wir laufen durch ein Wohngebiet, dann entlang einer Geschäftszeile mit Kopierläden und Studienbedarf. Dann erreichen wir den Campus bei dem Gebäude der Zahnmedizin. Eine schöne Fassade mit Fensterbändern aus Stahlprofilen, oben einem durchgehenden Lüftungsband (Metalllamellen), einer schmalen Senkrechtteilung, unten jedes zweite Fenster ein Kippflügel. Überhaupt fallen die schön proportionierten Fassaden und Fensterteilungen ins Auge. Wir kommen zum Eingangshof von der U-Bahn-Seite. Der Campus ist als großer „Patio“ gestaltet, als riesiger Innenhof. Im Osten ist er eher „steinern“ gestaltet, mit großen Bodenplatten aus Naturstein und breiten Treppenanlagen, im Westen als eine weite, schön modellierte Wiese, über die alle Fußgängerbeziehungen laufen. Eingestreut sind dort einige kleine Wäldchen. Die Gebäude gruppieren sich um diesen Hof, nur der Hochhausturm der Wissenschaften und der angegliederte flachere Trakt für die Aufbaustudiengänge (Posgrado) trennen den östlichen vom westlichen Hof. Ein schönes, übersichtliches, aber abwechslungsreiches System. Es erinnert ein wenig an die Tempelanlagen der vorspanischen Zeit - sicher ein gewolltes Zitat. Wir pausieren hier erst einmal für zwanzig Minuten und schauen uns im östlichen Hof um. Das Gebäude der Zahnmediziner hat hier zum Hof auf seiner Stirnseite ein monumentales, halbplastisches Wandbild - eine weitere Besonderheit, die im Campus häufig anzutreffen ist. Schräg gegenüber steht ein kleines, aber spektakulär gestaltetes Gebäude mit charakteristischer, hauchdünner Wellenschale aus Beton: ein Werk von Felix Candela10, in dem heute der Schachklub der Universität residiert, wie den großen Lettern der Aufschrift zu entnehmen ist.
Wir treffen Eckhart und versammeln die ausgeschwärmten Studenten wieder vor dem Posgrado-Gebäude. Einige kommen statt Viertel nach zehn um Viertel vor elf, so dass es etwas knapp wird mit der Zeit. Wir ziehen also in Richtung Architekturfakultät los, einem schönen Gebäudekomplex mit einem langen, hohen Riegel quer zum Patio, einem flachen Hörsaalbau parallel zum Hof und einem zwei- bis dreigeschossigen Bau für die Verwaltung mit Museen und Sälen. Das Sekretariat und andere Verwaltungsarbeitsplätze gruppieren sich um ein kleines Atrium, in dem ein Ficus und eine Zeder stehen, die die Buckelschale des (wohl später eingebauten) Glasdachs durchstößt. Wir werden vom Direktor der Fakultät empfangen und erleben im Konferenzsaal die letzten Augenblicke einer Diplomprüfung und -verleihung. Die Arbeit des Aspiranten, fein hinter Glas gerahmt, ist an der Längswand rechter Hand aufgereiht. Es handelt sich um ein schon im Bau befindliches Projekt des sozialen Wohnungsbaus. Der Diplomand ist etwas nervös, im guten Anzug und wie die Prüfer mit Krawatte.
Nach der Vorstellung erfolgt die gegenseitige Begrüßung und der Austausch der Gastgeschenke: wir erhalten jeder einen Plan der UNAM, eine schön gezeichnete Vogelperspektive. Martin verteilt Spörhase und Mendelsohn11. Das Ganze findet in einem hinreißenden kleinen Raum statt: die Wände bilden ein Zimmer; sie haben nur eine Tür und ein kleines Fenster, sind aber nur zu drei Viertel überdeckt. Das letzte Viertel ist offen und durch eine große Glaswand von dem Konferenzbereich getrennt. Aber auch hier ist nicht alles geschlossen: ein umlaufendes Lichtband lässt die eingezogene Decke schweben und wäscht die Wände mit dem herabstreifenden Licht. In dem kleinen Hof steht wunderbar platziert eine Plastik, das quadratische Fenster im Hintergrund eröffnet eine weitere Perspektive und benutzt Details des dahinter liegenden Gebäudes als effektvolle Kulisse.
Der Direktor berichtet über die Geschichte der UNAM. Wir sehen einen Video-Film über Arbeiten der Architekten der so genannten autonomen Gruppe, einer basis- und praxisorientierten Abspaltung innerhalb des Lehrbetriebes. Er zeigt Neuplanungen und Bauten als Spontanmaßnahmen nach dem Erdbeben 1985. In den alten „Vecindades“12 werden ähnliche, weil sozial akzeptierte, aber baulich bessere Häuser errichtet. Die Bewohner werden bei Planung und Bau mit eingesetzt. Das Ganze ist als „Drama Sociál“ inszeniert und wechselt laufend die Ebenen:
Dokumentarfilm von den Baustellen
Nachgestellter Spielfilm
Gefilmtes Theater
Ein Rekapitulieren des ganzen Prozesses wurde nämlich von den Akteuren als Theaterstück einstudiert und vor der beteiligten Bevölkerung aufgeführt.
Im Anschluss an diese Veranstaltung werden wir zu einem Rundgang durch den Campus aufgefordert. Die Erläuterungen gibt ein bei der Planung und Realisierung beteiligter Architekt. Mitte der Fünfzigerjahre sollten die in der Innenstadt verstreuten Einrichtungen der Universität in einer neuen Universitätsstadt zusammengefasst werden. Das Projekt hatte seinerzeit weltweites Interesse geweckt. Viele Stars der Branche, u.a. Le Corbusier und Frank Lloyd Wright wollten beteiligt werden. Die Planung und der Bau sollte aber „rein méxicanisch“ bleiben und wurde daher von 64 jungen méxicanischen Architekten durchgeführt.
Das Ergebnis ist höchst eindrucksvoll, manchmal überwältigend. Bestechend ist vor allem die sparsame und trotzdem effektvolle Anwendung der Materialien und Konstruktionen. Wenig dramatische Bautechnik, aber klare und saubere Detailarbeit in Fassade und Tragkonstruktion. Eindrucksvoll auch die großzügige Gestaltung der Freiräume - auch hier findet man Anknüpfung an vorspanische Traditionen mit extrem breiten Treppenanlagen, Unterführungen, Plastiken, Bäumen. Schön auch der Einsatz der Pergolen als Verbindungselemente zwischen den Baukomplexen. Sie sind niedrig, vor allem bei den Treppen, wo man gelegentlich den Kopf einziehen möchte oder muss. Die Bibliothek verdient ihren Ruhm. Die Mosaiken von Juan O'Gorman mit der Geschichte der Wissenschaften sind etwas verblasst durch Staub und chemische Veränderungen, aber immer noch prägnant.
Auf dem Rundgang kommen wir auch wieder bei den Medizinern vorbei, wo eine Theatergruppe mit Musik und Tanz im Freien das Ende der Prüfungszeit feiert. Ich präge für mich den Begriff der „Gravitation der Kunst“, denn alle werden vom geraden Weg zur nächsten Besichtigungsstation deutlich abgelenkt.
Um den inneren Campus - die Universitätsstadt ist in den folgenden Jahrzehnten sukzessive erweitert worden und weist mittlerweile etliche Jahresringe auf - verläuft ein Erschließungsring für den Autoverkehr, denn der innere Bereich ist konsequent autofrei gehalten. Hier laufen wir entlang und passieren die Sportplätze. Die Squashwände haben Pyramidenform, ein Schwimmbad hat die Form des ehemaligen Sees von Tenochtitlán. Ich empfinde beim Vorübergehen weniger Amüsement über diese Beschwörung der Vergangenheit als den intensiven Wunsch, dort hineinzulaufen und ins Wasser zu hüpfen. Es ist zwar diesig, aber heiß. Und wir sind lange gelaufen und durstig.
Wir erreichen den Haupteingang der Architekturfakultät (oder Serviceeingang?) und werden in zwei rappelige VW-Busse geladen. Eckhart und Martin fahren im Golf des Professors voraus. Wir werden zum Kulturzentrum der Universität geführt. Zuerst in den Park, eine weitgehend naturbelassene Ökonische, in dem ein riesiges Rund aus zwei konzentrischen Mauern, die aus Lava-Bruchsteinen aufgetürmt ein Plateau bilden, in dessen Zentrum der Felsboden freigelegt ist. Hier wird eine wilde Lavaformation mit pittoresken Schluchten und Verwerfungen enthüllt. Auf dem Plateau sind riesige, im Aufriss dreieckige, im Grundriss rechteckige Betonblöcke aufgestellt, die in dieser Formation einen stark mythologischen Ausdruck annehmen. Man vermisst fast die bunt geschmückten Priester und die Menschenopfer. Die Blöcke stehen eng beieinander, nur in den Achsen der Hauptwindrichtungen sind die Öffnungen breiter. Martin vergleicht die Anlage mit dem Westwall. Ein schmaler Fußweg führt durch die umgebende Wildnis aus dichten Bäumen und Sträuchern; er ist regelmäßig durch Großplastiken bedeutender méxicanischer Künstler gesäumt.
Die große Bibliothek nebenan ist ein wenig gelungenes Werk des Brutalismus: vier grobe Klötze aus Cordsamt-Beton umschließen einen Innenhof, in dem eine Brücke eine tiefergelegte Ebene mit den Katalogen und der Cafeteria überspannt. Eine breite Treppenanlage führt hinab. Die Cafeteria ist auf zwei Getränkeautomaten und einen Snack-Automaten reduziert; außer uns hält sich dort niemand auf. Ich trinke einen viel zu süßen Apfelsaft und bewundere die durch das hohe Fenster hereinwirkenden Bambuswedel im Innenhof. Auf dem Weg zum nebenan liegenden Konzerthaus fängt es an zu regnen, daher fahren wir gleich zum Gästehaus der UNAM, wo ein etwas spätes Mittagessen auf uns wartet.
Am Botanischen Garten der Universität in einer großzügigen Parklandschaft gelegen, bildet der flache Bau im Landhausstil einen sehr gediegenen Rahmen für das Treffen mit einigen Mitgliedern der Architekturfakultät. Fast zu gediegen - man hat beinahe den Eindruck, in einem Schicki-Micki-Fernsehfilm à la „Dallas“ gelandet zu sein. Vor dem Essen hängen wir in den tiefen und breiten Ledersesseln der Lounge herum. Es regnet heftig, trotzdem wird das Essen auf der überdachten Terrasse serviert. Vor der Terrasse arbeiten einige Indios daran, den Kranz aus großen Kieseln, der das Regenwasser ableitet, von überflüssigen Betoneinschmierereien zu befreien und so die Versickerung wieder möglich zu machen. Das Essen selbst ist superb: 1. eine Gemüsecremesuppe, angenehm scharf; 2. zwei canelloniartige Teigrollen mit Gemüsefüllung (Kalabasse u.a.); 3. Hühnchen mit Gemüsesoße (Erbsen, Champignons); 4. Eiscreme mit Mandeln und Ahornsirup. Dazu wird ein schöner, trockener Weißwein gereicht. Einige der an unserem Tisch speisenden Professoren trinken antialkoholischerweise zum Essen Coca-Cola, das stilvoll aus Karaffen mit Eiswürfeln eingeschenkt wird. Danach Kaffee und Cognac.
Der Direktor mokiert sich über seine Mitarbeiterinnen, die das Essen organisiert haben - man wolle ihn vergiften, er vertrage keinen Pfeffer und in jedem Gericht sei Pfeffer.
Die Unterhaltung an den drei runden Tischen ist trotz der Sprachschwierigkeiten rege. Ich bin allerdings von spanisch sprechenden Professoren umringt - Eckhart und Martin sitzen als einzige Bezugspersonen auf der anderen Seite. Deren Konversation mit dem Direktor ist auf Englisch, daher leichter nachzuvollziehen. Die Professorin neben mir unterhält sich mit mir über Infrastrukturprobleme. Ich ringe um die Vokabeln - die Beschränktheit meines englischen Wortschatzes wird mir wieder deutlich bewusst. Mit am Tisch sitzt eine deutsche Stipendiatin, die in Darmstadt und Kassel studiert hat und seit etwa einem dreiviertel Jahr in México lebt. Sie wird von den zu ihren Seiten sitzenden „Professores“ belagert. Ein Gespräch mit drei Sätzen ist die einzige Verständigung.
Die Gesellschaft löst sich nach etwa zwei Stunden, gegen 17:00 h auf. Wir warten noch etwas, bis die finanziellen Formalitäten geklärt sind, (die Rechnung geht zu Lasten der Exkursionskasse) dann geht es zurück zum Bus. Wir werden direkt in das Hotel zurückgefahren und dabei ein großes Stück der Avenida Insurgentes entlanggekarrt - jener etwa 40 km langen Straße, die México-Stadt von Nord nach Süd durchzieht. Es ist schon etwas dunkel, das Fotografieren daher kaum möglich. Trotzdem ist der Eindruck bemerkenswert: ca. 15 km Läden, Werkstätten, kleine Wohnhäuser. Später, bei Annäherung an das Zentrum, mittlere und große Gebäude, zum Teil Glitzer und Glimmer.
Kurz nach sechs sind wir im Hotel. Martin gibt dem Fahrer 4.000 Ps. Die zweite Gruppe kommt etwas später; Eckhart gibt beiden Fahrern noch je 10.000 Ps. Da wir gut und reichlich gegessen haben, ist an ein Abendessen nicht zu denken. Als weitere Attraktion des Tages ist eine Geburtstagsfeier um 24:00 h vorgesehen: Jorge wird 29. Ich bin zwar total müde, gehe aber noch mit in den Frühstücksraum und trinke ein Bier (Bohemia). Sibylle, eine Karlsruher Studentin, die hier den Posgrado-Studiengang mitmacht (Ohne Diplom zu haben!), hat sich für etwa 22:00 h angesagt. Zum Ausruhen gehe ich aufs Zimmer. Kurz darauf klingelt das Telefon - Sibylle ist schon da. Wir setzen uns wieder ins Restaurant, sie erzählt von México, ihren Studien und den Problemen mit der Anerkennung als Studienleistungen. Da ich mit den neueren Regelungen der Karlsruher Studienprüfungsordnung nicht vertraut bin, sind mir einige Überlegungen, die Michael dazu anstellt, nicht zugänglich - vielleicht ist es aber auch nur die Müdigkeit. So gegen 23:00 h setzen wir uns in die Halle und plaudern über einige méxicanische Besonderheiten. Das Hotel findet sie etwas teuer (!) - beim Zocalo hat sie ein wesentlich billigeres, aber sehr gutes kennengelernt. Neben unserem Hotel soll außerdem ein gutes Restaurant sein, das sie wärmstens empfiehlt. Gelegentlich halten Taxis, die uns für Fahrgäste halten (Wir sitzen nichtsahnend in der Taxi-Lounge) und schimpfend wieder abdampfen. Um halb Zwölf begleiten wir Sibylle sozusagen als Bodyguards zur U-Bahn-Station und kehren schnell zurück. Eine Gruppe Jugendlicher macht einen wenig vertrauenserweckenden Eindruck. Ein Mann pinkelt zwischen zwei Autos auf die Straße. Viertel vor Zwölf sind wir wieder im Hotel, gerade rechtzeitig zu Jorges Geburtstagsfeier. Der ahnt nicht von seinem Glück und schläft friedlich. Susanne, die mit ihm das Zimmer teilt, führt uns in den dunklen Raum, Michael als Letzter macht das Licht an und als Ständchen erklingt das am Morgen auf kleinen Zetteln verteilte und mittlerweile auswendig gelernte: „Cupleaños feliz, cumpleaños feliz, cumpleaños Jorgito, deseamos a ti“. Jorge ist schlaftrunken und sichtlich irritiert, ergibt sich aber in sein Schicksal. Es gibt Sekt aus mitgebrachten Zahnputzgläsern, eine süße Torte mit Pistazien und für ihn eine Flasche Bacardi. Wir bleiben etwa zwanzig Minuten. Die anderen gehen noch in eine Bar, wo sie zu fünft statt der vereinbarten 30.000 Ps. insgesamt 77.000 Ps. bezahlen. Kapelle, Tischgeld etc. bedingen die hohe Rechnung. Michael und ich verziehen uns in die Betten.
Aufstehen wie üblich um halb sieben. Heute steht als Rahmeninformation ein Rundgang im Anthropologischen Museum, später im Museum der Stadt México auf dem Programm. Da wir uns um halb zehn im Muséo Anthropológico13 verabredet haben, gehen wir zeitig in unsere „Stammkneipe“ zum Frühstück. Ich probiere das Menú 2. Es besteht aus: 1. Café americain (Heißes Wasser mit Nescafé); 2. Huevos rancheros; 3. Orangensaft. Die „Eier auf Bauernart“ sind hier nur Tacos mit zwei Spiegeleiern und grüner Chilisoße, scharf, aber erträglich. Allerdings meldet sich dieses Gericht im Laufe des Tages häufig zurück, so dass ich später auf eine Wiederholung verzichte. Michael bleibt bei Nr. 3. Sergio, Susanne und Jorge nehmen Nr. 1b: Pancakes.
Um halb zehn treffen wir uns alle in der Hotelhalle und laufen zur Bushaltestelle der Linie 100, die den Paseo de la Reforma entlangfährt. Diese Straße quert den großen Stadtpark, den Chapultepek-Park, in dem das Museum liegt. Wir haben einen ungünstigen Zeitpunkt erwischt: zwei Busse sind gerade abgefahren. Wir stehen sicher eine Viertelstunde bis zum nächsten Bus. Inzwischen hat sich eine sehr lange Schlange gebildet. Da der nächste Bus schon voll ist, gibt es ein heftiges Gedränge. Ich stehe genau in der Mitte beim Ausgang und werde von den Aussteigenden hin- und her geschubst, muss dabei auf mein Geld und den Fotoapparat achten. Die Hand ist in der rechten Hosentasche mit dem Kleingeld. An einer Haltestelle steigt am Ausgang ein Mann mit Brettern und zwei Bündeln Dachlatten ein - vielleicht ein Handwerker oder ein Selbstbauer mit Baumaterial. Ich habe zwischenzeitlich einen Sitzplatz ergattert und fühle mich so einigermaßen sicher. Beim Aussteigen beim Museum bleibe ich mit dem Pullover am Baumaterial hängen, komme aber noch rechtzeitig aus dem Bus.
