SenseNet liebt dich! - Alice Nietgen - E-Book

SenseNet liebt dich! E-Book

Alice Nietgen

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Beschreibung

Maya Woyce und Aislinn D'Anclaude könnten unterschiedlicher nicht sein: die eine mit allen Wassern gewaschene Händlerin für Antiquitäten von der Erde-von-Einst, die andere eine hochdekorierte Spezialagentin im Dienste der Regierung. Ihre Pfade kreuzen sich das erste Mal, als Maya Zeuge wird, wie D'Anclaude mit einem Verdächtigen umspringt. Zunächst misst sie dem Ereignis nicht viel Bedeutung zu und verfolgt weiter ihr eigenes Leben, in dem auch nicht alles einwandfrei läuft. Ihr Zugang zum die Expansion überspannenden SenseNet ist fehlerbehaftet, und die lukrativen Deals, die sie darüber laufen hat, entpuppen sich zunehmend als außergewöhnlich kompliziert. Dann jedoch rekrutiert D'Anclaude sie mit der Aussicht auf eine Reparatur ihres SenseNet-Zugangs als Informantin, und ehe sie sich versieht, findet sie sich im undurchschaubaren Geflecht der Machthaber wieder, in dem nicht nur sie sondern auch Aislinn D'Anclaude um ihr Leben fürchten muss. Denn im Raum steht die große Frage: Wie ändert man eine Gesellschaft, wenn jedes Mitglied damit zufrieden ist? Schließlich liebt das SenseNet dich doch. Oder?

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Seitenzahl: 572

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für Maike

und all meine Musen.

Log - Dateien

Datei 01> Club Blue

Datei 02> Kaum wahrnehmbare Dissonanz

Datei 03> Kleine Sünden

Datei 04> Neuer Rekord

Datei 05> Psychedelische Fieberfantasien

Datei 06> Ein Genie

Datei 07> Mortimer of London

Datei 08> Auf obszöne Weise

Datei 09> Ein Hutgesicht

Datei 10> Anflüge von Pareidolie

Datei 11> Fünf Mega-Allies

Datei 12> Central

Datei 13> Soziale Hierarchie

Datei 14> Haarspangen

Datei 15> Shiba Centauri

Datei 16> Statisches Rauschen

Datei 17> Naive Landschaftsmalerei

Datei 18> Zusammenhang

Datei 19> Keine glückliche Hand

Datei 20> Interessenskonflikt

Datei 21> Ein Bauernopfer

Datei 22> Verschwindend gering

Datei 23> Tod einer Handlungsreisenden

Datei 24> Funkstille

Datei 25> Unter einer Voraussetzung

Datei 26> Fragmente

Datei 27> Spiegel der Aphrodite

Datei 28> Mutterfiguren

Datei 29> Sensorische Deprivation

Datei 30> Zum Wohle der Menschheit

Datei 31> Rotes Rechteck

Datei 32> Bis zum Äußersten

Datei 33> Höllenschlund

Datei 34> Statistisch gesehen

Datei 35> Nicht ganz Altruismus

Datei 36> Draußen im Rim

Datei 37> Amazone

Datei 38> Ivy's Disgrace

Datei 39> Ein Riegel Seife

Datei 40> Zusätzliche Versicherung

Datei 41> Zarisa

Datei 42> Spielzeug für die Reichen

Datei 43> Nicht die Wahrheit

Datei 44> Spark

Datei 45> Wasserleiche

Datei 46> In ihrem Kopf

Datei 47> Geschäftsbeziehung

Datei 48> Der brennende Dornbusch

Datei 49> Menschenhandel

Datei 50> Pakt mit dem Teufel

Datei 51> Alistair Lebedev Woyce

Datei 52> Eine ordentliche Ärztin

Datei 53> Almosen

Datei 54> Etwas Großes

Datei 55> Sicherheit

Datei 56> Automaton

Datei A0> E pluribus unum

01> CLUB BLUE

Die Stroboskope tauchten die Tanzfläche in den erratischen Schein zuckender Laserstrahlen, während der DJ die Bässe der Quarz-Lautsprecher so richtig zum Dröhnen brachte. In dem Club, der nach akustischen Gesichtspunkten konstruiert war, verstärkte sich der Ton noch zusätzlich, je weiter man ins Zentrum trat. Am Rand, wo sich die Bar befand, blieb von den sich hektisch durch die unteren Tonlagen windenden Melodien häufig nur noch die Bassline übrig, die sich in den Eingeweiden festsetzte und für ein unterschwelliges Vibrieren im Beckenboden der Gäste sorgte.

Maya, in der linken Hand einen giftgrünen Cocktail, der ein sanftes Glühen abgab, die rechte locker in die Tasche der Anzughose gesteckt, zirkelte durch den Raum. Sie war auf der Jagd, Geronimo Divine, ihr Alter Ego, war auf der Jagd. SenseNet übertrug das sanfte Hintergrundrauschen der Mini Pulses, die aus dem Club abgesetzt wurden, und ließ die vielen kleinen Textschnipsel, Videos und Fotos durch ihr Blickfeld huschen. Ihr war nach einem Abenteuer, und eine der Ladies hier in dem Raum oder draußen in den angrenzenden Etablissements würde heute Nacht das Vergnügen haben, das Bett mit ihr teilen zu dürfen. Es half immer ein wenig, schon im Voraus abzustecken, wer sich besonders als Eroberung eignete, und Social Engineering im SenseNet war ein elementarer Teil ihrer Masche.

Die Mehrheit der Gäste war ganz normales Romy Folk, eine homogene Mischung aller Gesellschaftsschichten, die man zu dieser Tageszeit in einem Club antreffen konnte. Viele der Frauen waren mit ihrem Partner oder Freund hier, und die schieden bereits von vorneherein aus, denn Mayas Spiel fußte nicht darauf, einem Loser seinen Input auszuspannen. Ihr ging es um jene Frauen, die tatsächlich auf ein Abenteuer aus waren, einen One Night Stand wollten, aber trotzdem drauf standen, erobert zu werden. Nur für sie wurde Maya zu dem smarten Gentleman Geronimo Divine, für den es ganz natürlich war, eine Dame zu hofieren und ihr das Gefühl zu geben, dass es nur um sie ging. Schließlich musste sie ihr Ziel nur genauso behandeln, wie sie selbst behandelt zu werden erwartete.

Ein paar der anwesenden Frauen waren echte Celebrities, Life Streamer, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdienten, ihr gesamtes Leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen über das SenseNet zu übertragen. Einerseits war das eine unglaublich profane Angelegenheit, und die meisten Fans schalteten nur wegen der mehr oder weniger ausgeprägten sekundären Geschlechtsmerkmale der Protagonistinnen ein. Auf der anderen Seite war das für diese Möglichkeit benötigte Upgrade ihres Adapters auf SenseNet+ (oder SenPro, wie die meisten Menschen das Upgrade nannten) durchaus auch aus anderen Gründen reizvoll, denn es ermöglichte einen noch viel direkteren, schnelleren und vor allem werbefreien Zugriff auf das SenseNet. Man fühlte sich damit nicht einfach nur sinnlich, man fühlte sich übersinnlich. Sei‘s drum - auch diese sogenannten Prominenten waren Maya egal. Diese Sterne hingen in viel höheren Wolken als Sol von hier entfernt war, das Sonnensystem und die Wiege der Menschheit.

Es gab wirklich gute Gründe, das SenseNet zu lieben. Es umspannte die gesamte Expansion, die von Sol ausgehend ungefähr dreihundert Lichtjahre ins All hinaus reichte. Die Einführung des Adapters, der jedem Menschen bei der Empfängnis eingesetzt wurde und mit diesem zu einer Einheit verschmolz, hatte die Menschheit endlich geeint. Durch dieses neue Bewusstsein von Gemeinschaft, dieses Wissens, ein Teil von etwas großem zu sein, war die Kriminalitätsrate innerhalb weniger Monate fast auf den Nullpunkt gefallen. Das war der Startschuss gewesen für eine kulturelle und technologische Entwicklung, wie sie die menschliche Rasse in ihrer gesamten Geschichte nicht erlebt hatte. Grenzen fielen, und man arbeitete geeint daran, den Planeten Erde zu verlassen, über die Notwendigkeit von Arbeit und Geld hinaus zu wachsen, Krankheiten, Hunger, Armut und Hass zu überwinden und das Leben für alle, die in das SenseNet eingeklinkt waren, besser zu machen. Mittlerweile profitierten 22 Milliarden Menschen von den Vorteilen und der Sicherheit, die das System ihnen bot, und die Zahl - und mit ihr die Entwicklung von Wissenschaft, Kunst und Kultur – wuchs beständig weiter.

Um die wenigen Menschen, die tatsächlich noch Ambitionen hatten, gegen die Gesetze zu verstoßen, kümmerten sich die beiden staatlichen Institutionen SecTac und MedicAid. Wurde ein Mensch auffällig, schlug der Adapter Alarm, und die zuständigen Behörden nahmen sich die fragliche Person zur Brust, um zu ergründen, ob sich mit Therapie und Medikation etwas an dem Problem tun ließ. Die meisten konnten ein normales Leben führen. Weggesperrt wurde kaum noch jemand. Und selbst diesen unglücklichen Seelen bot der Adapter eine Möglichkeit, ihrer räumlichen Isolation zum Trotz am sozialen Leben teilzuhaben.

Diese Automatismen betrafen auch vor allem psycho- und soziopathische Störungen. Kleinere Gaunereien konnte man durchaus noch durchziehen, ohne das automatisierte System zu triggern. Wenn man sich nicht erwischen ließ, war so ein abwechslungsreiches und erträgliches Leben möglich - und Maya hielt große Stücke darauf, noch nie erwischt worden zu sein.

Und in die Träume konnte SenseNet dann bei allem Fortschritt auch immer noch nicht hineinsehen - ein Fakt, mit dem auch die Life Streamer nicht sehr glücklich waren, denn weniger Sendezeit bedeutete auch weniger Einnahmen durch geschaltete Werbung.

Maya war in der Zwischenzeit eine der aus papierdünnem Plexiglas gefertigten Treppen zur Empore hinauf flaniert, die den gesamten Raum in etwa vier Metern Höhe einfasste. Laser erzeugten in den Stufen intelligente Lichtspiele, die auf die Besucher reagierten und über eine SenseNet API ihre letzten Mini Pulses und Fotos neben ihre als Schatten zurückbleibenden Fußabdrücke zeichneten. Dazwischen immer wieder Miffys Gesicht, das Mädchen, das mit jedem befreundet war und das magische Mantra wisperte: „SenseNet liebt dich.“ Das Verb war durch ein Icon ersetzt, einen stilisierten Chip inmitten eines Geflechts aus Schaltkreisen mit einem Herzen auf der Oberfläche.

Von der Galerie führten mehrere Türen auf einen das Gebäude umspannenden Balkon hinaus. Dieser bot einen atemberaubenden Blick auf City 17, wie diese Siedlung bei ihrer Gründung wenig einfallsreich genannt worden war. Der Club lag hoch über der Stadt, und überall in der Nähe der ebenfalls aus Plexiglas gestalteten Balustrade, die Besucher vor einem Sturz in die Tiefe schützte, hielten sich intelligente Drohnen auf, die all diejenigen auffingen, denen es trotz der Sicherheitsvorkehrungen gelang, darüber zu klettern. Und das kam, wenn Alkohol und unerfahrene Teens, die ihr Limit nicht kannten, zusammentrafen, leider immer wieder einmal vor.

Maya trat in die Nacht hinaus. Die Luft war angenehm mild und angefüllt mit einem lieblichen Hauch von Vanille. Die Aromaten, die überall in den habitablen Zonen von 51-Andromedae c angetroffen werden konnten, waren ein für diesen Exoplaneten typisches Nebenprodukt des Terraformings, das immer noch im vollen Gange war. Trotzdem hatte das Gouvernement bereits eine weitestgehend autarke Lebensweise auf dem Planeten erreicht. Unsummen waren in die Infrastruktur der zwanzig großen Städte geflossen, um diese zu pulsierenden Metropolen für aufstrebende Startups und aufregende Trendsetter gleichermaßen auszubauen. Knapp über dreißig Millionen Menschen lebten, arbeiteten und feierten in den mit pechschwarzem Glas verkleideten Wolkenkratzern, die sich glitzernd in den stets mit Wolkenschleiern überzogenen Himmel reckten. Die Stadt war ebenfalls von einer künstlichen Intelligenz nach Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit entworfen worden, und so war jede der hoch aufragenden Säulen mit ihren Wohnungen und Geschäften, Büros und Vergnügungsvierteln gleichzeitig auch eine photovoltaische Anlage, die die größtmögliche Menge Energie aus der Strahlung des Klasse K3-III Sterns zu gewinnen in der Lage war. Nachts erstrahlte die Stadt hingegen im Schein unzähliger Lichtquellen. Der Anblick war, zumal auf der Galerie des in schwindelnder Höhe angesiedelten Club Blue, immer wieder atemberaubend, ein schillerndes Lichtermeer, das, alten Sirenengesängen gleich, Verlockung und Erfüllung wildester Phantasien verhieß.

Maya ließ ihren Blick über das anwesende City 17-Volk schweifen. Auf dem Balkon hielten sich vornehmlich Pärchen auf, die in der warmen Nachtluft einander ihre niemals endende Liebe gestanden. Das war natürlich Blödsinn, wie Maya wusste, schließlich war nicht einmal das Universum für die Ewigkeit gemacht, und so manches im Rausch der Vanille und der exotischen Cocktails gemachte Liebesversprechen fand bald ein jähes Ende. Nicht jedoch bei ihr, denn ihr ging es gar nicht um eine feste Beziehung, sondern um den Reiz der Eroberung, das Hochgefühl, wenn das Ziel ihrer aktuellen Begierde neben ihr im Bett lag und sich eingestand, dass Frauen manchmal doch die besseren Liebhaber waren.

Und heute schien sich zunehmend abzuzeichnen, dass das Ziel ihrer Begierde schwarze Haare haben würde. Sie lehnte alleine an der gläsernen Balustrade und blickte in das bunte Schimmern hinab. Sie war ein bisschen größer als Maya und hatte eine schlanke Statur, die von ihrem vorteilhaft geschnittenen Hosenanzug noch unterstrichen wurde. Über die schmalen Schultern trug sie ein winziges Jackett aus einem silbernen High-Tech-Gewebe, wie es wohl bei EVA-Panzern Verwendung fand. Maya gönnte sich einen Blick auf das Profil der Schönheit - alles an ihr schien auf entrückende Weise zu schmollen.

Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Volltreffer.

Sie stellte den Cocktail auf einen metallenen Tisch und trat an die Seite ihres Ziels, wobei sie sich lässig auf den Handlauf der Balustrade lehnte. Eine Weile stand sie nur schweigend dort und warf ihrer Nachbarin bewusst offensichtlich „verborgene“ Blicke zu. Das gehörte zum Spiel dazu. Dann sagte sie: „Mir gefällt, was du mit deinem Gesicht gemacht hast, Milady. Dein Lippenstift, das ist Rose Peaches aus der Herbstkollektion von Chevalier, nicht wahr?“

Die junge Frau schenkte ihr einen langen Blick aus den künstlichsten aquamarinfarbenen Augen, die Maya jemals gesehen hatte. Ihr Gesicht war nicht perfekt, es wies eine gewisse Asymmetrie auf, genau wie sie es mochte. Sie musterte Maya, dann stahl sich die Vorahnung eines Lächelns auf ihre vollen Lippen. „Das ist richtig“, sagte sie. „Ich kenne nicht viele Männer, die den Lippenstift einer Frau mit nur einem Blick erkennen. Gutaussehende Gentlemen wie du sind selten geworden.“ Sie streckte ihre Hand aus. „Ich bin Marigold, sie.“

„Ich heiße Geronimo, er“, stellte Maya sich vor, wobei sie das zu ihrem Alter Ego passende Pronomen verwendete, und nahm die ihr dargebotene Hand, um einen formvollendeten Handkuss zu vollziehen - die Lippen durften den Handrücken der Dame also nicht berühren. „Es ist eine Schande, dass man solch klassische Frauen wie dich nicht mit mehr Respekt behandelt.“

„Du klingst nicht wie die typische Klientel dieses Clubs.“ Erneut musterte sie Maya. „Bei den meisten da drin muss man froh sein, wenn sie das Klo nicht mit dem Waschbecken verwechseln.“

„Ich mag die Musik und die Ablenkung, die mir der Laden bieten“, erwiderte diese leichthin. „Ablenkung vom Tagesgeschäft. Leider verträgt sich mein Musikgeschmack nur wenig mit meinen geschäftlichen Dingen - ich handele nämlich mit Antiquitäten und Artefakten aus Sol.“ Sie winkte ab. „Aber lass uns diesen perfekten Abend doch nicht mit Gesprächen über unsere Jobs ruinieren. Wir sind hier, um uns zu vergnügen, nicht wahr, Marigold?“

Ehe Marigold antworten konnte, stürzte in nur wenigen Metern Entfernung ein schwarzer Schweber aus dem Himmel. Die vier Turbinen, die dort an dem schnittigen Rumpf angebracht waren, wo ein normales Bodenfahrzeug seine Räder hatte, jaulten und brachten die gläserne Fassade des Hochhauses zum Klirren. Die Scheiben waren verspiegelt, und die diversen Lichter, die an Flugmaschinen zur Sicherung Vorschrift waren, blendeten die beiden Frauen und die anderen Besucher von Club Blue auf höchst unangenehme Weise. Überall um Maya und Marigold herum stürzten die Menschen zur Balustrade, doch der Spuk war schon vorbei und der Schweber im Lichtermeer unter ihren Füßen verschwunden.

„Meine Güte“, sagte Marigold und kicherte leise. „Der hatte es ganz schön eilig.“

„Kommt vielleicht zu spät zu einer Party. Die Sicherheit wird sich um ihn kümmern, sobald er unten ankommt.“ Maya zuckte mit den Schultern. Dann bot sie ihrer Eroberung den Arm an. „Darf ich dich zu einem Drink an der Bar überreden?“

„Ich dachte schon, du würdest überhaupt nicht mehr fragen, G-Man.“

02> KAUM WAHRNEHMBARE DISSONANZ

Warnung!“, sagte der Bordcomputer des schwarzen Schwebers, als dieser seinen Sturz abfing und sehr sportlich in eine enge Kurve rund um den Fuß von Tower 17-1192 einschwenkte. „Sie verletzen geltendes Recht von City 17. Bitte landen Sie, stellen den Motor ab und warten auf die Sicherheitskräfte.“

„Überbrücken“, befahl D‘Anclaude. „Sarah, überbrücke das für mich.“

„Alarm wird deaktiviert“, antwortete die Stimme ihrer SERAPHIC über ihren SenseNet-Adapter. „Es wurde bereits eine taktische Einheit in Bewegung gesetzt. Ihr ETA liegt bei sieben Minuten nach deiner Landung, Aislinn.“

„Stell mir einen Countdown in den Sehnerv.“ D‘Anclaude seufzte. „Hätte ja auch mal ein einziges Mal glatt ablaufen können.“

„Du hast auf Geheimhaltung gedrängt“, erinnerte Sarah ihren menschlichen Partner. „Ich hatte angeregt, die Sicherheitskräfte vor Ort über unsere Anwesenheit zu informieren.“

„Hätte unter Umständen unser Ziel alarmiert.“ D‘Anclaude brachte den Schweber vor dem Valet-Bediensteten zum Stehen, der bei diesem Wolkenkratzer für das Parken der Wagen oder die Rückgabe an das Transitsystem der Stadt zuständig war. Sie konnte spüren, dass die hintere Steuerbord-Schubdüse gegen den Bordstein prallte und daran entlang schrammte. Die Tür glitt automatisch nach oben, sobald sie ihre SenseNet-Verbindung mit dem Fahrzeug trennte. Sie griff ihre Ausrüstung, stieg aus dem Fahrzeug aus und warf dem jungen Burschen den Identifikations-Chip zu. „Hier. Melde die Kiste wieder als Frei. Und wunder dich nicht, wenn gleich ‘ne Taktische nach der Karre fragt. Ich hab vielleicht ein oder zwei rote Ampeln ignoriert.“

Sie wartete die Antwort des Angestellten gar nicht erst ab, sondern wandte sich zum Gehen, folgte dem gepflegten Fußweg, der am Fuß von Tower 17-1192 durch eine kleine und ordentlich gepflegte Parkanlage mäanderte. Sie rümpfte die Nase über den perfekten kleinen Garten Eden, der hier für viel Geld von spezialisierten Maschinen angelegt worden war. Ein typischer Besucher des Turmes, jemand auf der Suche nach einem Abenteuer in seiner Freizeit, hätte die üppigen Büsche, die gerade gewachsenen Bäume und die farbenprächtigen Blüten sicherlich als überaus ansehnlich beschrieben, vielleicht sogar seinen Input hierher oder in einen der größeren Parks ausgeführt. Für sie war die Vegetation aber ein kleines bisschen zu künstlich, zu prächtig und zu makellos, und das lag nur zu einem Teil daran, dass an den Pflanzen kaum noch ein Gen in seinem ursprünglichen Zustand war. Sie alle waren Bestandteil des Terraforming-Projektes, das den Planeten erst bewohnbar gemacht hatte, und das hieß, dass ihre Gene dahingehend modifiziert worden waren, die ursprüngliche Atmosphäre von 51-Andromedae c in etwas zu verwandeln, das bei Menschen nicht zur endgültiger Auflösung der Lungenbläschen führte. Das - und sie erzeugten diesen widerlich-süßen Vanillin-Gestank, der mit echter Bourbon-Vanille nicht einmal mehr die Summenformel gemeinsam hatte.

D‘Anclaude schlug sich in die Büsche und folgte einem mit Holzhäckseln ausgelegten Weg zu einer metallenen Tür. Dahinter befand sich ein Raum für Gartendrohnen, die wegen eines Defektes vorübergehend stillgelegt worden waren. Die Tür entriegelte sich auf einen Befehl ihrer SERAPHIC, und als sie sie wieder schloss, flackerten nackte Leuchtstoffröhren auf.

Unter den toten Augen der drei Drohnen, die hier in ihren Ladestationen auf den nächsten Einsatz warteten, zog D‘Anclaude ihre heutige Arbeitsausrüstung für den Besuch im Club Blue an: Einen rostroten kaccha nivi und einen weißen choli, die beide mit einer dünnen Schicht aus Kevlar und Spinnenseide gepanzert waren, sowie elegante Stiefel mit hohen Absätzen. Sie ließ eine Initialisierungssequenz durch die Servomotoren der Prothese laufen, die seit einem Unfall in ihrer Kindheit ihren gesamten linken Arm ersetzte, und verbarg eine kleine Faustfeuerwaffe in den tiefen Taschen ihres Sari. Ihre roten Haare, die gelegentlich ein Eigenleben zu entwickeln pflegten, bändigte sie mit mehreren Haarbändern. Den schwarzen Anzug, den sie bisher getragen hatte (und üblicherweise verabscheute), stopfte sie in die Nylontasche, in der sich der Sari befunden hatte, und verstaute diese zwischen den Ladestationen der Drohnen.

Während D‘Anclaude zum Eingang des Hochhauses ging, überflog sie noch einmal im Kopf die Informationen, die sie über diesen Auftrag hatte. Ihre Zielperson war Nathaniel Goldstein, ein Mittzwanziger, der an einer renommierten Universität im Kern Biochemie studierte. Er war bisher ein unauffälliger Typ gewesen, der sein Grundeinkommen mit einer Assistenzstelle aufpolierte und sich von diesem Geld regelmäßige Urlaube auf den noch nicht vollständig erschlossenen Planeten finanzierte. Dass er mehr als ein Student war, hatte sich zuerst herauskristallisiert, als seine bis dahin zufällig geplanten Reisen durch die Expansion zunehmend einem Muster zu folgen schienen, und als SenseNet registrierte, dass er diverse Chemikalien zu horten begann, die zum Brauen von Sprengstoff taugten, verordnete SecTac seine Überwachung. Dabei ergaben sich Verdachtsmomente, dass er möglicherweise Mitglied einer Zelle war, die sich terroristischen Anschlägen auf die Expansion verschrieben hatte. Und jetzt war er hier, im Club Blue, irgendwo oberhalb des vierzigsten Stockwerks in dieser architektonischen Bausünde, die ALEPHs Subroutinen in ihrer grenzenlosen Weisheit ausgeschissen hatten.

„Du denkst wieder schlecht über die ALEPH, Aislinn“, sagte Sarah.

„Raus aus meinen Gedanken, meimei“, entgegnete D‘Anclaude stumm. „Sorg lieber dafür, dass mir die Sicherheit vom Hals bleibt. Und dann brauche ich irgendwas aus dem Club. Zapf das lokale Net an.“

Die SERAPHIC und ihr Kontrollorgan, die ALEPH, bildeten das Netzwerk unterhalb des SenseNets, das sich um die Sichtung all der Daten kümmerte, die von den Menschen übermittelt wurden.Viele der Vorgänge waren schon innerhalb des Adapters automatisiert, trotzdem waren die SERAPHIC aufgrund der schieren Menge an Daten nur in der Lage, jeweils eine Handvoll Menschen gleichzeitig zu überwachen - und im Fall der Exekutoren bestand sogar eine echte Partnerschaft, um größtmögliche Synchronisation zu erzielen. Diese speziellen Agenten gehörten auch zu der sehr kleinen Gruppe, die tatsächlich über die ALEPH und die SERAPHIC Bescheid wussten - bei den restlichen Bewohnern der Expansion wurde das Bewusstsein, dass eine totale Überwachung und ständige Vernetzung in einer Art kollektiver Existenz eben nicht normal war, regelmäßig editiert, sodass es mit einem Schulterzucken in den Hintergrund rückte und das gemeine Volk vor allem die Vorteile sah.

Sie durchquerte die Detektoren im Eingangsbereich von Tower 17-1192, und die beiden muskelbepackten Husks, die Dienst schoben, erhoben sich, um sie aufzuhalten, als das Gerät die Waffe in ihrem Sari entdeckte. Sie hielten jedoch inne, als Sarah ihnen die Freigabe der Exekutorin in den Sehnerv einspeiste, und ließen sie ungehindert passieren. Sie rief einen Express-Lift, und wenig später senkte sich eine gläserne Kabine auf ihre Etage hinab. Werbung rieselte über die Glasfassaden. Sie wischte die optische Belästigung mit ihrer Prothese beiseite.

Während der Fahrt nach oben erhielt sie die Karte vom Club Blue. Weiße Linien kennzeichneten den Grundriss, und zahllose grüne Punkte füllten das Schema, jeder von ihnen ein Zivilist, ein scheinbar undurchschaubares Wimmelbild, dessen Fragmente in zufälligen Mustern durch den Raum oszillierten. In der Nähe dessen, was die Karte als Westliche Bar kennzeichnete, stach ein roter Punkt aus der Masse des City 17-Volks heraus. Das war Goldstein, mit absoluter Gewissheit lokalisiert und identifiziert durch seinen SenPro-Adapter.

D‘Anclaude klinkte sich in die Augen von etwa einem Dutzend der ihrer Zielperson am nächsten stehenden Menschen ein. Ihr Sichtfeld war nun angefüllt mit einer Unzahl einander überlappender Bildausschnitte, die alle irgendwie in Bewegung waren. Die Exekutoren waren genetisch darauf programmiert, hohe Datenmengen zu sichten und zu verarbeiten, aber D‘Anclaude war in dieser Hinsicht etwas besonderes. Bei ihr kam es nicht so sehr auf das an, was offensichtlich zutage trat, sondern mehr auf den Subkontext, eine schwer greifbare Ebene unterhalb dessen, was mit bloßem Auge wahrnehmbar war. Sie hatte ein Gespür für Muster, eine Fähigkeit, nicht die aufbereiteten Daten sondern den zugrundeliegenden Datenstrom zu lesen, und so fiel ihr auch verhältnismäßig schnell auf, dass eines der Bildfenster schwarz geblieben war.

„Was ist das?“, fragte sie und holte das Bild in den Vordergrund.

„Maya Jasna Woyce, sie, 32 Jahre. Registrierte Händlerin für Antiquitäten und Artefakte. Waffenbesitzkarte. Flugerlaubnis für Shuttles und Skiffs bis 500 Tonnen ohne Nutzlast. Mehrere leichte Verstöße gegen Gesetze registriert, aber keines als systemrelevant eingestuft. Derzeit registrierte Wohnung in Tower 17-1013. Keine Eintragung über Glitches.“

„Tja, sieht so aus, als sei es übersehen worden. Trag es nach.“ D‘Anclaude seufzte. Sie hasste es, wenn das System nicht funktionierte, wie es sollte. Stattdessen rief sie das Bildfenster auf, das der dem Glitch gegenüber stehenden Person gehörte. „Was ist mit ihrem Input?“

„Marigold Stevens, sie, 28 Jahre. Registriertes Apartment in diesem Tower. Mehrere Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. NIAB.“

„Überrascht mich nicht.“ NIAB, das war die Abkürzung für ‚Nicht im Arbeitsprozess befindlich‘. Natürlich musste in der Expansion niemand mehr arbeiten, denn so ziemlich alle Aufgaben wurden zuverlässig von Maschinen oder Husks erledigt. Aber manche Menschen - wie Maya Woyce - konnten von der Arbeit nicht lassen. Für sich genommen hatte der Eintrag „NIAB“ keine große Bedeutung, es hing wie so oft alles am Kontext, in dem sich diese Information befand. Und da Marigold Stevens nicht reich geerbt aber dennoch eine Wohnung in diesem Tower hatte, verdiente sie sich ein Zubrot als Daddy‘s Little Girl.

D‘Anclaude musterte die Antiquitätenhändlerin durch Stevens‘ Augen. Ihre dunkelblonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, und sie trug einen eleganten Anzug. Nach der Art zu urteilen, wie Stevens auf sie herabblickte, war sie etwas kleiner, aber ihr Körperbau war schlank und knabenhaft. Sie wollte Stevens erobern, darauf ließ ihre ganze Körpersprache schließen. Ob die wohl wusste, dass Woyce gar kein Output war?

Sie blätterte die Sichtfelder durch, die Sarah ihr noch ausgewählt hatte, doch Goldstein hatte das geradezu unheimliche Talent, sich aus dem Blickfeld der Menschen um ihn herum herauszuhalten. „Skíta“, fluchte sie, „da sind fast eintausend Leute in dem Laden. Hat keiner von denen eine saubere Sichtachse auf unsere Zielperson?“

„Scanne“, sagte Sarah. „Positiv. Hinter der Bar gibt es zwei Kameras, die ich auf Nathaniel Goldstein ausrichten kann. Es gibt mehrere Personen, in deren peripherem Sichtfeld er sich aufhält.“

Goldsteins Aussehen entsprach im wesentlichen dem Körperscan in seiner Akte. Er lehnte an der Bar und hatte den Blick auf den Ankunftsbereich der Fahrstühle gerichtet, was bedeutete, dass er an Stevens und Woyce vorbei blicken musste. Er hielt einen Drink in den Händen, ohne diesen aber zu trinken. Generell sagte sein SenPro-Adapter, dass er absolut nüchtern war - kein Alkohol, keine Drogen, keine Medikamente. Den Club schien er nicht einmal wahrzunehmen, stattdessen ließ sich eine gewisse Anspannung in der Pose ablesen, mit der er am Tresen lehnte. D‘Anclaude runzelte die Stirn. Irgendetwas im Datenstrom stimmte nicht, eine winzige Ungereimtheit, eine kaum wahrnehmbare Dissonanz. Ihr spezielles Talent regte sich, und die feinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich unwillkürlich auf, animiert vom reptiloiden Teil im Stammhirn ihres Kopfes, jenem Überbleibsel von vielen zehntausend Jahren menschlicher Evolution. Sie konnte den Finger nicht darauf legen, aber das war bei ihrer Intuition häufig der Fall.

In diesem Augenblick gab der Lift einen leisen Signalton von sich, weil er das Stockwerk des Clubs erreicht hatte. Durch das Glas konnte D‘Anclaude einen guten Blick auf das scheinbare Chaos erhaschen, das sich vor ihr ausbreitete und von vielen unsichtbaren Linien der Ordnung durchzogen wurde, die zu lesen ihre Aufgabe war. Die Musik überwand die isolierende Wirkung der Kabinenwand und brachte die gläserne Hülle zum Summen.

D‘Anclaude straffte die Schultern. „Also gut. Let‘s boogie.“

Dann öffneten sich die Türen und ließen sie auf das Nachtleben los.

03> KLEINE SÜNDEN

Marigold hatte ungefähr so viel Tiefe wie eine Regenpfütze auf dem Gehweg, das wurde Maya schnell bewusst. Das Mädchen interessierte sich für Mode, Make Up, Frisuren und Gossip - und das war‘s im wesentlichen. Dabei deutete ihre Wortwahl sowohl im Gespräch als auch in ihren öffentlichen Mini Pulses durchaus darauf hin, dass in ihrem Kopf ein bisschen mehr vorging als es den Anschein hatte. Maya bedauerte das, andererseits war es kaum an ihr, dieses Verhalten zu kritisieren, immerhin war sie selber auch in ihrer Rolle als Geronimo Divine hier. Gründe dafür, sich anders zu geben als man war, eine Fassade aufzubauen und eine Rolle zu spielen, gab es viele.

Aber um tiefschürfende Gespräche ging es ihr heute auch gar nicht. Sie wollte Spaß haben und einen schnellen Kick, und dafür bot sich Marigold an. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass die meisten Mädchen, die sie zu ihrem Ziel auserkor, irgendwann im Verlaufe des Abends selbst darauf kamen, keinem Kerl gegenüber zu stehen, und dann wiederum war die überwiegende Zahl von ihnen einem Abenteuer trotzdem nicht abgeneigt. Wer nicht damit zurecht kam, zog sich irgendwann mit einer Ausrede aus der Affäre. Aber üblicherweise siegte die Neugier, und da die anderen Dinge, die sie über sich preisgab, entweder der Wahrheit entsprachen oder einfach das Rätsel um ihre Person vergrößerten, hatte sich noch keine ihrer Eroberungen wirklich beschwert.

„Wie kommt es, dass ein so smarter und zuvorkommender Bursche wie du nicht in festen Händen ist?“, fragte Marigold gerade.

Maya zuckte die Schultern. „Vielleicht habe ich die richtige Frau noch nicht gefunden. Ich muss viel reisen und bin oft wochenlang nicht hier auf Romy. Viele Frauen kommen damit nicht zurecht.“

„Warst du denn schon einmal auf Sol?“ Das Mädchen sog an dem Strohhalm, der in ihrem Cocktail steckte.

„Auf Terra, ja.“ Dass sie da noch ein Kind gewesen war und es sich um eine der ebenso unzähligen wie langweiligen Geschäftsreisen ihres Vaters gehandelt hatte, verschwieg sie. Für ihn war sie ohnehin nur Ballast gewesen, war er doch in dem Glauben erzogen worden, nur ein männlicher Stammhalter sei würdig und fähig, sein Firmenimperium zu erben und angemessen zu führen. Mayas Mutter war mehr optisches Beiwerk als alles andere: Im Haushalt hatte sie keinerlei Pflichten, weil alle Aufgaben von Maschinen oder Dienern erfüllt wurden (Husks waren in den Kreisen, in denen sich ihre Familie bewegte, verpönt), und alles, was für sie (und ihn) zählte, war ihr Äußeres, damit sie in der Gesellschaft vorzeigbar war. Einen ähnlichen Pfad hatte ihr Vater wohl auch für sie vorgesehen, selbst wenn er gelegentlich in einer schwachen Stunde scheinbar doch daran interessiert schien, sie auf das Leben an der Spitze eines Megacons vorzubereiten. Trotzdem war ein Bruch mit ihrer Familie unvermeidlich gewesen.

Ließ ihr Vater sie über das SenseNet beschatten? Gut möglich; den nötigen Einfluss in der Regierung hatte er sicherlich. Aber da sie peinlich genau darauf achtete, nichts in das Net zu tragen, was Maya und Geronimo in Verbindung brachte, und ihr bisher das Privileg eines SenPro-Adapters verwehrt geblieben war, bezweifelte sie, dass er mehr über sie wusste als ihren Aufenthaltsort und ihren Kontostand. Und letzterer war ohnehin bereinigt, weil sie auch in Geschäfte verwickelt war, bei denen keine digitalen Allianzdollar flossen, sondern echte Yuan aus der Zeit vor der Vereinheitlichung des Zahlungsverkehrs über das SenseNet. Die Plastik-Chips waren für sich schon eine Antiquität, und Numismatiker konnten den Wert der richtigen Note mit der richtigen Seriennummer noch einmal potenzieren.

Dass Maya trotzdem selten in Reichtum schwamm, lag weniger an einem mangelnden Gespür für gute Geschäfte - sie hatte ein natürliches Händchen für solche Dinge - und mehr daran, dass sie mit Geld nicht umgehen können wollte. Geld stand für Macht, und Macht stand für ihren Vater. Und mit dem wollte sie nichts mehr zu tun haben.

„Wow“, hauchte Marigold beeindruckt an ihrem Strohhalm vorbei. Die Erde übte auf jeden Menschen, der unter den Sternen geboren worden war, eine magische Anziehungskraft aus. Sie war eben die Wiege der Menschheit und Kern unzähliger Legenden.

„Gibt schönere Ecken“, sagte Maya, was sie immer sagte. „Das Terraforming dort steckt noch in den Kinderschuhen. Wenn man geschickt ist, kann man gut zu Geld kommen, aber es ist nicht die richtige Gegend für ein Ferienhaus.“

Die Wahrheit war, dass Terra vermutlich nie wieder zu ihrer ursprünglichen Schönheit zurückfinden würde. Die Menschen der alten Zeit, vor dem SenseNet, hatten solch unglaubliches Schindluder mit ihrer Wiege getrieben, dass der Planet sich innerhalb weniger Jahrhunderte in eine zweite Venus verwandelt hatte. Der Treibhauseffekt war außer Kontrolle geraten, und mittlerweile war die Atmosphäre zu einem toxischen Gemisch aus Gasen geworden, das auch widerstandsfähige Materialien angriff. Was von der Flora und Fauna noch geblieben war, hatten die Menschen bei ihrem Exodus in Stickstoff eingefroren und an Bord ihrer Archen ins All mitgenommen, um Vaults auf entfernten Planeten zu gründen, für den Fall, dass die Erde wieder bewohnbar wurde. Die Vaults wurden besser bewacht als die Rechenzentren des SenseNets. Ging der Inhalt verloren, war die Menschheit dem Untergang geweiht. Wortwörtlich alle organisch hergestellten Lebensmittel in der Expansion basierten auf dem spärlichen genetischen Material.

Marigolds Lippen gaben den Strohhalm frei. Das Glas mit dem Cocktail stellte sie auf dem Tresen ab, ehe sie sich vorbeugte und Maya mit jenem perfekt geformten Mund ins Ohr flüsterte: „Wirst du mich eines Tages dorthin mitnehmen, Geronimo Divine?“

Mayas linker Mundwinkel wanderte in die Höhe. Die Art, auf die Marigold ihren Namen betont hatte, war ein deutliches Zeichen dafür, dass das Mädchen sie durchschaut hatte. Sie lehnte sich zurück, den rechten Arm auf die Fläche aus gebürstetem Metall gelegt, und lächelte sanft. „Das kann ich dir nicht versprechen, cara mia. Aber meine Geschichten werde ich dir schenken.“

Das Mädchen warf den Kopf zurück und lachte auf eine sehr mädchenhafte Art, nicht übertrieben, sondern charmant und anziehend. Ihre Augen strahlten, als sie den Blick wieder auf Maya lenkte. „Lass uns hier verschwinden, Geronimo Divine. Ich mache mich schnell frisch, und dann zeigst du mir deine private Seite.“

„Lass mich nicht zu lange warten, cara mia“, antwortete die Händlerin und blickte Marigold hinterher, die mit schwingenden Hüften zu den Toiletten nahe dem Eingangsbereich ging. Das Mädchen verschwand durch den fliederfarben illuminierten Durchgang, und Maya wollte sich gerade wieder ihrem Drink widmen, als sie sah, dass eine Liftkabine auf der Etage gehalten hatte.

„Sonderbar“, sagte sie mehr zu sich selbst und meinte damit nicht, dass sich ein Lift auf dieses Stockwerk verirrte, denn es waren den ganzen Abend Gäste im Club Blue eingetroffen oder hatten ihn verlassen. Nein, sonderbar war, dass nur eine Person in der gläsernen Kapsel stand, eine groß gewachsene Frau mit kupferroten Haaren, die asiatische Kleidung trug, in der sie sicher einige Bewegungsfreiheit hatte. Die anderen Kabinen, immerhin vier an der Zahl, hingen zwischen dieser und der höher gelegenen Etage fest, als habe sie jemand dorthin geschickt und angehalten. Maya wandte langsam den Kopf, um die Fahrstühle auf der anderen Seite der Tanzfläche anzusehen, aber dort bot sich das gleiche Bild. „Skíta.“

So sehr die Neue auch darum bemüht war, im restlichen City 17-Volk unterzutauchen, so deutlich wurde Maya bewusst, dass die Fremde zur Sicherheit gehörte, und die Situation konnte nur bedeuten, dass sie nicht zu ihrem privaten Vergnügen hier war. Spontan fielen der Händlerin all die Verstöße gegen das Gesetz ein, kleine Sünden, die sie in den letzten Tagen begangen hatte und von denen der mit ihrem gefälschten ID-Chip als Geronimo Divine unterschriebene Mietvertrag noch die geringste Untat darstellte.

Sie zwang sich zur Ruhe, weil sie merkte, dass sie paranoid wurde. Wohl möglich, dass die Polizistin gar nicht ihretwegen hier war, immerhin war der Club gut besucht. Auch schien sie sich im Augenblick nicht allzu sehr für Maya zu interessieren, stattdessen wehrte sie die Avancen eines allzu aufdringlichen Outputs ab, der wohl ein bisschen zu viel vom Alkohol genascht und dadurch eine nennenswerte Portion seines Überlebenswillens eingebüßt hatte. Die Fremde hatte eine Aura, die „rühr mich nicht an“ ausdrückte - die Schöpferväter alleine wussten, ob man damit geboren wurde oder es während der Ausbildung beigebracht bekam.

Maya wandte sich zu ihrem Drink um und nahm einen Schluck von der leuchtenden Flüssigkeit, um nicht allzu auffällig zu starren. Diese kurze Unterbrechung des Blickkontaktes nutzte sie dazu abzuchecken, ob die Fremde sich in das lokale Netzwerk eingeklinkt hatte und irgendwelche öffentlichen Mini Pulses mit ihrem Adapter verknüpft waren. Aber sie war wie ein schwarzes Loch, mehr noch als Maya, die zugunsten ihrer zwei Identitäten auf allzu exzessives Pulsen verzichtete. Es gab nichts über sie, nicht einmal den Stub, den jeder hatte, der ins SenseNet eingewählt war, kein Name, kein Spitzname, kein Foto, kein Geburtsdatum. Als existierte sie gar nicht.

Als sich die Händlerin wieder auf ihrem Hocker umdrehte, in der Intention, sowohl die Neue im Auge zu behalten als auch Marigolds Rückkehr aus dem Waschraum abzupassen, hätte sie sich fast an dem Cocktail verschluckt. Die Polizistin hatte ihren Blick auf sie geheftet und kam mit festen Schritten auf sie zu.

„Skíta“, fluchte sie erneut und suchte mit den Augen nach einem Ausweg. So hatte sie sich diesen Abend nicht vorgestellt.

Die Fremde blieb in nur anderthalb Metern Entfernung stehen und sagte gerade laut genug, dass es Maya hören konnte: „Nathaniel Goldstein, ich verhafte Sie wegen des Verdachtes der Konspiration gegen die Regierung.“

„Nathaniel Goldstein?“, wiederholte Maya und brauchte einige Augenblicke, um zu begreifen, dass die Beamtin es überhaupt nicht auf sie abgesehen hatte sondern auf den nervösen Typen, der hinter ihr an der Bar stand.

04> NEUER REKORD

Woyce war ein Störfaktor. Dass sie zwischen ihr und der Zielperson stand, war ein Problem, aber D‘Anclaude konnte ihre Position nicht verlagern, ohne ihren freien Rücken zu riskieren. Über Stevens machte sich die Exekutorin derzeit keine Gedanken; sie hatte sich Nathaniel zu erkennen gegeben und spekulierte darauf, dass die Show gelaufen war, ehe Woyce‘ Input aus dem Waschraum zurückkehren konnte. Goldstein war zwar nervös wie ein Zitteraal am Angelhaken, aber die Aufklärung - und wohl auch die Sicherheit von Tower 17 - hatte ihn als Ungefährlich eingeschätzt. Er hatte keinerlei Erfahrung in Selbstverteidigung und sah auch optisch eher aus, als würde er sich unter einem Tisch verkriechen, sobald es nach Ärger stank.

„Nehmen Sie die Hände hinter den Kopf und legen Sie sich langsam auf den Boden“, fuhr D‘Anclaude fort. „Keine hektischen Bewegungen. Alle Handlungen werden über Ihr SenseNet aufgezeichnet.“

Woyce lehnte sich zurück, um das Blickfeld freizugeben, aber auf ihrem Gesicht stand eindeutig eine Mischung aus Überraschung und Neugierde. Die anderen Gäste im Club Blue schenkten der Situation erfreulich wenig Beachtung - das reduzierte die Gefahr, dass sich irgendein Held einmischte und die Lage verkomplizierte, außerdem mussten die SERAPHIC später weniger Erinnerungen löschen.

Goldstein hingegen hatte sich in einem Sekundenbruchteil verändert. Seine Nervosität war wie weggeblasen und hatte einer seltsamen Entschlossenheit Platz gemacht. D‘Anclaudes Nackenhaare richteten sich auf; ihre Intuition warnte sie eindringlich, dass der Bursche kurz davor stand, eine Riesendummheit zu begehen. Deshalb gehörte sie zu den Besten in ihrem Job: Die Muster in der Welt um sie herum, in den Daten, aus denen sich das Universum fügte, waren wie ein offenes Buch für sie. Und in Goldsteins Fall war ihr Verdacht wohl berechtigt, denn der Typ hatte plötzlich eine stubsnäsige Knarre in der Hand.

„Skíta“, fluchte sie, „Woyce, auf den Boden!“ Gleichzeitig aktivierte sie den Komlink zu Sarah und bat sie: „Unsere Zielperson hat eine Waffe! Ich brauch einen Flash!“

„Freigabe angefordert“, sagte Sarah. „Ich aktiviere deine Zeitdilatation.“

Die Welt gefror zu Gelee, als D‘Anclaudes hochgezüchtetes Nervensystem mit künstlichen Hormonen überflutet wurde. Mit der rechten Hand stieß sie Woyce von ihrem Hocker, und während die Händlerin langsam zu Boden ging, riss sie mit der Prothese ihre eigene Waffe aus dem Versteck. Für sie liefen die Bewegungen in normaler Geschwindigkeit ab, doch das Umfeld nahm von ihr nur noch verschwommene Schemen wahr. Gut möglich, dass ihr Stoß bei Woyce für blaue Flecke oder eine gestauchte Schulter gesorgt hatte; bei ihr selber bestand das Risiko, dass ihre natürlichen Muskeln unter der Belastung der Zeitdilatation zerrissen. Übermenschliche Kräfte verlangten ihren Tribut von einem menschlichen Körper und erzeugten organischen Stress, den D‘Anclaude noch in vielen Stunden in allen Zellen spüren würde.

Noch während Woyce zu Boden taumelte und Goldstein die Waffe nach oben riss, wurde sein SenPro-Adapter von dem angeforderten Flash getroffen. Jede einzelne Synapse in seinem Gehirn wurde gebraten, als die darauf aufsitzenden Naniten sich selbst zerstörten. Seine Augen brachen und nahmen einen leeren Ausdruck an, dann erschlaffte seine Muskulatur, und er ging ebenfalls zu Boden.

Die Zeit holte auf, dehnte sich wie ein ausgeleiertes Gummiband, als der Effekt der Zeitdilatation nachließ, trotzdem war er so verzögert, dass sie den endgültigen Aufprall der Händlerin verhindern konnte. Goldstein schenkte sie nicht ganz so viel Beachtung, sein Körper klatschte auf die polierten Granitfliesen, gefolgt von seiner Waffe, die mit einem Klappern gegen den Tresen prallte und einen halben Meter davon schlitterte.

D‘Anclaude stützte Woyce mit dem Rücken gegen den Tresen, dann stieg sie über Goldsteins leblosen Körper und legte zwei Finger an seine Halsschlagader. Ihre eigene Waffe hatte sie schon wieder in den Taschen ihres kaccha nivi verborgen und die Pistole ihrer Zielperson zog sie nun vorsichtig mit dem Fuß unter die weit fallenden Falten ihres Sari. Sie würde sie später in einem unbeobachteten Moment verschwinden lassen.

Während sie Goldsteins Kleidung abtastete, kam die Händlerin langsam wieder zu Sinnen, und auch ihr Input hatte den Rückweg aus den Waschräumen angetreten und erschien nun auf der Bühne. Es wurde Zeit, einen Abgang zu inszenieren, zumal sie nun ungünstigerweise der tanzenden Masse den Rücken zuwandte - es bestand die Gefahr, dass Goldstein irgendjemanden hatte treffen wollen oder dass er einfach nur Rückendeckung von jemandem besaß, den er selbst nicht kannte, weil dieser einer anderen Zelle angehörte. Selbst für Sarah war es schwierig, alle Pulses und SenseNet-Ströme, die aus dem Club kamen, zu überwachen; ihre Hauptaufgabe war es, D‘Anclaudes Interaktion mit dem SenseNet und der sie umgebenden Welt zu koordinieren.

„Um Himmels Willen!“, sagte Stevens und kicherte nervös. „Was ist denn hier passiert?Und wer sind denn Sie?“

„Miller“, entgegnete D‘Anclaude. „Bobbie Miller, sie. Ich bin Ärztin.“

„Bobbie?“, fragte Woyce und zog eine Augenbraue hoch.

D‘Anclaude zuckte mit den Schultern und widmete sich weiter dem Toten. Aber ihre Zielperson war sauber; außer der Waffe führte er keinerlei persönlichen Besitz bei sich. Sofern sein Treffen mit einem hypothetischen Kontakt noch nicht stattgefunden hatte, war er also nicht deswegen hergekommen, es sei denn, er war derjenige, der etwas hatte entgegennehmen sollen. Dann hatte sie die Übergabe eindrucksvoll verhindert und möglicherweise weitere Ermittlungen erschwert. Aber das ergab ebenfalls keinen Sinn, denn wenn ein Treffen mit anderen Mitgliedern seiner Organisation geplant gewesen war, wieso hatte er dann eine Waffe mitgeführt und riskiert, dass diese entdeckt und er den Behörden übergeben wurde?

Apropos Behörden. „Sarah, kannst du dafür sorgen, dass Goldsteins Körper bei MedicAid nicht unters Messer kommt, ehe ich nicht da bin?“, fragte sie stimmlos. „Und dann sorg dafür, dass die Leute hier morgen nichts mehr von der Show wissen.“

„Ich habe den Vermerk gesetzt und einen Besucher-Ausweis auf deine Prothese geladen“, erwiderte die SERAPHIC. „ETA für das schnelle Eingreifkommando der City 17 SecTac liegt bei zwei Minuten 24 Sekunden.“

„Neuer Rekord für mich“, sagte D‘Anclaude.

„Ist der Typ tot?“, fragte Stevens interessiert.

Die Exekutorin nickte. „Herzinfarkt, würde ich sagen. Kannten Sie ihn?“ Beide schüttelten den Kopf, also konstruierte D‘Anclaude ein Lächeln und fuhr fort: „MedicAid ist sicher gleich hier, die werden sich um alles weitere kümmern. Schade, dass er Ihren Abend verdorben hat.“ Sie warf Woyce einen Blick zu. „Sie waren auch ein bisschen schwach auf den Beinen, als er zusammengebrochen ist. Sind Sie in Ordnung, Miss...?“

„Divine“, erwiderte Woyce und lächelte gewinnend. „Geronimo Divine, er. Machen Sie sich keine Sorgen, es geht schon wieder. Nur die Schulter schmerzt etwas.“

Interessant. „Sarah, Aktennotiz. Miss Woyce nutzt ein Alter Ego.“

„Gespeichert.“

An Woyce gewandt sagte sie: „Lassen Sie sich besser unten in der Apotheke ein Schmerzmittel verabreichen und Ihren AutoDoc daheim einen Blick auf die Schulter werfen. Vielleicht haben Sie sich etwas geprellt oder einen Muskel gezerrt.“

„Das werde ich.“ Die Händlerin nickte, dann bot sie ihrer Begleitung den Arm an. „Wie wäre es, wenn ich dich in mein bescheidenes Domizil entführe. Ich muss gestehen, dass mir die Lust auf den Club vergangen ist, nachdem ich dem Tode so nah war.“ Sie warf D‘Anclaude einen seltsamen Blick zu, in dem ein unausgesprochener Verdacht lag. Ihr war bewusst, dass die Exekutorin gelogen hatte und keine Ärztin war. Einerlei - tendenziell vergaß die Mehrheit der Menschen Begebenheiten wie diese oder tat sie als Nachwirkung einer durchfeierten Nacht ab. Auch wenn es dazu manchmal der Hilfe ihrer SERAPHIC brauchte.

Sarah hatte die Lifts wieder freigegeben, sodass Woyce und Stevens den Club verlassen konnten. Der Countdown in D‘Anclaudes Augenwinkel zeigte 73 Sekunden, bis die Taktische auf dieser Etage eintraf, und ein kurzer Blick in die SenseNet-Datenströme zeigte ihr, dass die Leute langsam aufmerksam wurden. Sie hatte einige Minuten lang unwahrscheinliches Glück gehabt, aber die Strähne neigte sich dem Ende entgegen. Zeit zum Handeln.

Mit einer fließenden Bewegung zog sie Goldsteins Waffe unter ihrer Hose hervor und betastete sie schnell mit ihrer gesunden Hand. Das Ding bestand aus irgendeinem leichten Verbundmaterial, möglicherweise auf der Basis von Glasfasergewebe. Kein Metall jedenfalls und auch keine Karbonlegierung, die hätte der Waffenscanner am Eingang sofort aufgespürt. Sie zog den Schlitten zurück und wollte die Patrone in ihre Hand fallen lassen, aber die Kammer war leer. Sie roch kurz am Lauf und bestätigte so, was sie schon erwartet hatte: Die Waffe war in jüngster Zeit nicht abgefeuert worden, und Goldstein hatte es auch nicht vorgehabt. Aber wieso hatte er die Waffe dann gezogen?

Zweiundzwanzig Sekunden, sie konnte die Liftkabinen auf den Übersichtsplänen sehen. Schnell hielt sie die Waffe über die mattschwarze Linse, die in die Handinnenfläche ihrer Prothese eingelassen war, und übermittelte das Bild an Sarah. Anders als ihre Augen konnte die Optik auch in Wellenlängen operieren, die der menschlichen Sicht verwehrt waren, und vielleicht ergab sich eine Spur aus den Daten, die der Ultraviolett-Sensor oder der Mikrometer-Radar erfasst hatten. Dann verschwand die Waffe bei ihrer eigenen in den unergründlichen Taschen ihres kaccha nivi.

„Schau mal nach, was du über die Waffe rauskriegen kannst“, instruierte sie ihre SERAPHIC. „Und speichere die kompletten Daten aus dem SenseNet, die den Club betreffen und in den zehn Minuten vor und nach seinem Tod gelaufen sind.“ Sie legte die Stirn in Falten. „Skíta, ich wüsste zu gerne, wieso der Typ sein Leben auf diese Art beendet hat.“

„Ich habe eine Akte angelegt.“

„Gut, dann sag der Taktischen noch, dass ich zu den Guten gehöre. Und dann wird‘s Zeit für die üblichen Kompetenzrangeleien.“

„Du weißt, dass deine Anweisungen höher gelten“, sagte Sarah.

„Läuft nicht immer so“, erwiderte D‘Anclaude und beobachtete, wie die Taktischen aus den Kabinen der Lifts in den Club strömten. Jetzt hatten diese Amateure wirklich die Aufmerksamkeit aller Besucher. Würde für die SERAPHIC eine lange Nacht werden. „Das mit der Waffe fuchst mich. Wer war für Goldstein zuständig?“

„Sheila. Dieser Zwischenfall ist ihr dritter Fehler seit ihrer Aktivierung.“

„Die werden sie löschen“, bestätigte D‘Anclaude stumm. „Gottverdammte Schande. Ich mochte sie. Bisschen ungeschliffen und eigenwillig, hätte aber eine gute SERAPHIC draus werden können.“

Ein robuster Mann in Kampfpanzerung, wohl der Offizier der Taktischen, trat an ihre Seite und stieß Goldstein mit dem Fuß an, was dieser mit stoischer Gleichgültigkeit und totem Starren quittierte. Dazu sagte er: „Sind Sie die Exekutorin, die die Zentrale uns gemeldet hat?“

D‘Anclaude nickte und erhob sich. „Ich muss Ihren und den Hintergrund Ihrer Männer überprüfen, Sir.“

„St. Claire, Marcus, er“, sagte Sarah, ohne ein Einverständnis des SecTac-Offiziers abzuwarten. „42 Jahre, verheiratet, zwei Kinder. Trat mit 18 Jahren in die SecTac-Akademie im Orbit von eta-Carinae d ein. Im Dienst auf diesem Planeten in Unit 17. Keine erweiterte Sicherheitsbefugnis.“

„Darf ich fragen, ob Ihre Anwesenheit zufällig ist, M‘am?“

„Nein.“ D‘Anclaude schüttelte bestimmt den Kopf. „Haben Sie einen Pathologen mit Exekutoren-Freigabe in Ihrem Kader?“

„Der nächste ist in City 1“, antwortete Captain St. Claire. „Ich lasse ihn einfliegen, wenn Sie das wünschen.“

„Ja.“ D‘Anclaude blätterte durch die Akten der Taktischen, aber es gab keine Auffälligkeiten. „Sorgen Sie dafür, dass niemand in die Nähe dieses Körpers kommt, bis ich dabei bin. Der Pathologe soll sich bereithalten.“

„Natürlich, M‘am. Darf ich...“

„Nein“, unterbrach D‘Anclaude ihn barsch. „Dieser Fall liegt nicht in Ihrer Jurisdiktion.“ Und damit wandte sie sich ab und verließ Club Blue.

05> PSYCHEDELISCHE FIEBERFANTASIEN

Die Schulter schmerzte ziemlich übel, was aber vermutlich kein Wunder war, weil Maya sich nämlich ziemlich genau daran erinnerte, dass die Beamtin ihr einen Stoß versetzt hatte, um sie aus dem Schussfeld dieses Irren zu befördern. Die Fremde hatte sich unnatürlich schnell und geschmeidig bewegt, was den Schluss zuließ, dass sie nicht einfach eine Polizistin der SecTac war sondern höchstwahrscheinlich einer Spezialeinheit angehörte. Sie hatte ihren Schlag wohldosiert eingesetzt, anderenfalls hätte sie Mayas Schulter gebrochen oder die Knochen direkt zu Staub zermahlen. Aber das war nicht geschehen. Stattdessen waren sie und Marigold jetzt auf dem Weg zu ihrem Apartment, um diesen an und für sich schon ruinierten Abend fortzuführen.

„Was für eine Aufregung“, plapperte Marigold, während der Lift sich in die Tiefe senkte. „Zum Glück war die Ärztin zur Stelle, diese Doktor Miller. Auch wenn sie dem armen Kerl nicht mehr helfen konnte, immerhin haben wir heute erlebt, wie schnell ein Retter vor Ort ist, wenn SenseNet medizinischen Alarm schlägt.“

Maya widersprach nicht, obwohl sie allen Grund dazu gehabt hätte. Vielleicht war es ganz gut, ihre Eroberung im Unklaren darüber zu lassen, was sich abgespielt hatte, während sie im Waschraum gewesen war. Zwei Waffen waren im Spiel gewesen, einmal die Dienstwaffe der Beamtin, eine hochmoderne Pistole aus dem Hause Nabokov Ltd., und zum anderen das sonderbare Gerät dieses Nathaniel Goldstein. Maya hatte in ihrem Job schon viele Faustfeuerwaffen zu Gesicht bekommen, aber bei dieser handelte es sich mit ziemlicher Sicherheit um einen Eigenbau. Die Verarbeitung war optisch einwandfrei gewesen; ob sich damit allerdings hätte feuern lassen, hatte sie auf die Schnelle nicht erkannt, weil diese Miller (oder wie immer sie hieß) das kleine Spielzeug schnell unter ihren Klamotten hatte verschwinden lassen. Maya wusste aber wohl, dass es spezieller Werkzeuge bedurfte, um eine Waffe zu schaffen, das machte man nicht mit der Materialpresse, die in den meisten Apartments zur Ausstattung der Küche gehörte. Wenn Goldsteins Pistole also eine funktionsfähige Ausgabe war, dann kannte er einen Waffenschmied oder hatte selber entsprechende Kenntnisse. Ob das der Grund war, aus dem die Beamtin an ihm dran gewesen war?

„Wieso hat die Ärztin dich eigentlich mit Miss angesprochen?“, fragte Marigold und riss Maya so aus ihren Gedanken.

„Das passiert mir gelegentlich“, erwiderte die Händlerin. „Wer wie ich auf sein Äußeres achtet, der wird schon einmal für eine Lady gehalten, insbesondere mit einem Pferdeschwanz wie dem meinen.“

„Ach“, machte das Mädchen, und es klang ein bisschen enttäuscht.

„Wäre es dir denn lieber, wenn ich eine Frau wäre?“, fragte Maya und grinste frech, in der Hoffnung, ihre Eroberung möge es als Scherz auffassen, wenn sie nicht darauf stand, das Bett mit einem Input zu teilen. Dass ihre Welt dem binären Gendern weitestgehend abgeschworen hatte und man das bevorzugte Pronomen bei der Vorstellung mit nannte, hieß im Umkehrschluss nicht, dass auch jegliche Präferenzen bei der Partnerwahl verschwunden waren. Und da konnte man durchaus noch auf das reduziert werden, was man bei der Geburt aus dem Gentank zwischen den Beinen trug.

„Das würde dich nur noch aufregender machen“, säuselte Marigold. „Fände ich auch besser als eine Geschichte darüber, dass du ein Geheimagent bist, der den Auftrag hatte, den Unbekannten da oben zu töten, Geronimo.“

„Maya“, erwiderte Maya in einem Anflug von Ehrlichkeit. „Und ich kann dich beruhigen, ich werde dir nichts dergleichen weismachen. Mein Job als Händlerin ist aufregend genug. Alleine mit Geschichten von meinen Reisen kann ich einen Abend gemütlich füllen.“

Sie verließen die Liftkabine ungefähr auf halber Höhe des Wolkenkratzers und folgten mehreren Korridoren zum Rand des Gebäudes, wo sich der Verleih für kleine Schweber befand. Maya nutzte ihren ID-Chip, um sich mit Geronimos Identität beim System anzumelden, und mietete ihnen eine Luxuskarosse, die sie völlig automatisiert zu Tower 17-1013 bringen würde. Das Fahrzeug war schwarz, hatte getönte Scheiben und eine Innenausstattung aus weißem Leder. Auf die Fenster projizierte das Multimediasystem das träge rotierende Symbol des SenseNet. Die Händlerin hielt Marigold die Tür auf, sodass diese in die automatisierte Limousine steigen konnte. Nötig war diese Geste nicht, aber sie bewies gerne, dass Ritterlichkeit noch nicht tot war.

Das Fahrzeug hob sanft ab, und bald war Tower 17-1192 zusammen mit dem verfluchten Club Blue hinter ihnen im Lichtermeer verschwunden. Die Limousine sank auf Straßenniveau und folgte dem Gitter der Straßen, die nach optimierten Algorithmen angelegt waren, um den Verkehrsfluss unter allen Bedingungen aufrecht zu erhalten. Sich fliegend fortzubewegen war in allen Städten von 51-Andromedae c verboten, ausgenommen automatisierte Starts und Landungen in dafür vorbestimmten Sektoren.

„Wo bringst du mich eigentlich hin?“, fragte Marigold neugierig und entnahm dem Kühlschrank ein Glas mit Sekt, das dort Seite an Seite mit einem Dutzend gleichartiger Geschwister frischeversiegelt auf einen Genießer wartete. Mit dem Fingernagel drückte sie im Deckel eine Blase ein, woraufhin dieser sich auflöste und das Glas in einen eleganten Sektkelch verwandelte.

„Ich habe eine Wohnung in Tower 17-1013“, erwiderte Maya. „Ich dachte, wir sollten ein bisschen Abstand gewinnen zu den Ereignissen des Abends. Außerdem bin ich sicher, dass es dir dort gefallen wird. Mein Balkon zeigt auf die Purpurberge.“

„Das klingt herrlich. Und du machst das sicher nicht nur, um mich zu übervorteilen?“

„Wäre das denn so schlimm, cara mia?“

Marigold lächelte und gab Maya ebenfalls einen der versiegelten Sektkelche. Die nahm das Glas entgegen und drehte es zwischen den Fingern, sodass sich die Beleuchtung der Kabine in der Flüssigkeit brach. Dann schüttelte sie den Kopf und stellte das Glas beiseite.

„Nicht für mich, Marigold. Ich bevorzuge es, einen klaren Kopf zu behalten.“

Das Mädchen nahm einen Schluck und lehnte sich zurück, wobei sie ihre Beine in einer unglaublich attraktiven Bewegung übereinander legte. „Erzähl mir von dir, Geronimo. Du sagtest, du warst schon einmal auf Terra? Wie ist es dort?“

„Unsere Ahnen haben den Planeten zugrunde gerichtet.“ Maya schenkte ihrer Eroberung ein knappes Lächeln, in dem keinerlei Herzlichkeit lag. „Ich erzähle dir gerne später mehr davon, aber das hier ist nicht der richtige Ort dafür.“

Marigold verzog den Mund, und schon war dieses entrückende Schmollen wieder da, das Maya überhaupt erst auf sie hatte aufmerksam werden lassen. Sie lehnte sich in die weiche Polsterung zurück und konzentrierte sich auf den Sektkelch in ihrer Hand. Der Rest der Fahrt erfolgte schweigend, bis die Limousine schließlich die Kollisions-Stroboskope aktivierte und langsam an der Fassade von Tower 17-1013 entlang in den Himmel aufstieg. Wenige Minuten später hatten sie das Fahrzeug auf dem Parkdeck zurückgelassen und fanden sich in den sauberen Korridoren wieder, die ebenfalls streng nach den geheimnisvollen Plänen angelegt waren, die auf beinahe magische Weise verhinderten, dass man sich in dem Gebäude verlief, selbst wenn es in einem Katastrophenfall evakuiert werden musste. Natürlich waren sowohl das Gebäude als auch alle SenseNet-Adapter für solche Fälle mit besonderen Einrichtungen ausgestattet, aber mit all den aufeinander aufbauenden redundanten Systemen konnte man beinahe den Eindruck gewinnen, dass die Welt letztendlich doch absolute Sicherheit erreicht und jeder seinen persönlichen Schutzengel hatte.

Was natürlich eine Illusion war, wie man heute eindrucksvoll im Club Blue hatte sehen können.

Nicht immer reagierte die Tür zu Mayas Apartment auf ihren Adapter und verweigerte ihr den Zugang (weder der Techniker für das Türschloss noch das für ihren SenseNet-Adapter zuständige nahegelegene MedicAid-Krankenhaus hatten einen Fehler finden können), aber heute hatte sie Glück. Nach dem zweiten Versuch faltete sich die Tür wie ein aufwendiger Origamitrick lautlos zusammen und gab den Weg frei. Der kleine Dämon, wie die halbintelligenten Programme, die sich autonom um die Verwaltung der Apartments kümmerten, genannt wurden, registrierte Marigolds Adapter und trug sie als Besucherin in das Gästebuch ein, damit sie die verschiedenen Geräte in der Wohnung, die Maya für Besucher freigeschaltet hatte, nutzen konnte. Sobald beide eingetreten waren, öffnete sich das winzige Rechteck, zu dem die Tür geworden war, blühte auf wie ein Kirschbaum im Frühjahr und versperrte schließlich den Zugang zu der kleinen Wohnung. Es war ein beeindruckender Trick, fand Maya, auch wenn sie im Haus ihres Vaters bereits ganz andere Dinge gesehen hatte. Die Tür zu ihrem Kinderzimmer war ein Protoyp dieses Systems gewesen, und mit zwölf Jahren hatte sie das erste Mal das Betriebssystem dahinter geknackt. Die Lücken in der Software gab es heute noch. Die wenigsten Menschen wussten davon. Aber sie waren ein weiterer Beweis dafür, dass es absolute Sicherheit niemals geben würde.

Ihr Apartment gehörte zu den kleineren Wohneinheiten in Tower 171013; die knapp fünfzig Quadratmeter teilten sich auf einen Wohnraum, eine kleine Küche und ein nicht minder winziges Badezimmer auf. Trotzdem liebte sie es, denn die Fensterwand und der dahinter liegende Balkon boten tatsächlich einen von anderen Gebäuden unbeeinträchtigten Blick auf die Purpurberge. Die Hügelkette hatte ihren Namen von den Pilzmyzelen, die ihre Oberfläche bedeckten und in prächtigem Violett leuchteten, wenn im Westen (das Magnetfeld war hier umgekehrt zu dem auf Terra) der Stern aufging. Im Augenblick war die Glasfassade verdunkelt, sodass man nicht hinausblicken konnte.

Marigold blieb wie angewurzelt stehen, als der Dämon das Licht einschaltete und so die Einrichtung des Wohnraums enthüllte. Auf den ersten Blick wirkte Mayas Apartment wie ein wüstes Sammelsurium aus den psychedelischen Fieberfantasien eines Supersense-Abhängigen. Erst nach und nach fügten sich die Stücke zu einem schlüssigen Gesamtkonzept zusammen: Das Zimmer war eine eindeutige Hommage an die Erde-von-Einst und die Frühzeit des Informationszeitalters.

Zentrales Möbelstück war ein Wasserbett, das von unten durch weiße, blaue und grüne Strahler illuminiert wurde. Die transparente Matratze war natürlich nicht mit Wasser gefüllt, und auch die Fische, die im Inneren ihre Kreise zogen, wurden durch einen holografischen Projektor erzeugt, sodass sich das Problem von Fütterung und Reinigung erübrigte. Ausgerichtet war das Bett auf eine niedrige Kommode aus Pressholz (auf dem Planeten gab es keine Bäume, sodass alleine das Material ein Vermögen wert war), auf dem etwas anachronistisch ein hochmoderner Holoprojektor stand – auch hier war das SenseNet-Logo unvermeidlich. Das Terminal dazu verbarg sich vermutlich hinter den Türen aus gefrostetem Glas. Daneben gliederten sich zwei schmale Regale an, deren Fächer mit allerlei farbenfrohen Figuren und echten Büchern und Bildbänden angefüllt waren, gefolgt von einem massigen Kleiderschrank mit verspiegelten Schiebetüren. Seitlich des Bettes standen Nachttische aus schwarz lackiertem Stahlrohr, darauf linkerhand eine Tiffany-Lampe und rechts eine kleine Skulptur aus schmutzigem Messing, die Big Ben darstellte und eine funktionierende Uhr in der Krone trug. Die Beleuchtung kam von mehreren Halogenstrahlern, die, an silbernen Kabeln aufgehängt, über die Decke mäanderten. Vom Eingang aus gesehen links, direkt neben dem Holoprojektor, lag der Durchgang zur Küche, die sich derzeit in Dunkelheit hüllte, ihr gegenüber verbarg sich das Badezimmer hinter einer Wand aus Glasbausteinen, die erst nachträglich hier installiert worden und leicht zu entfernen war, sollte Maya einen Interessenten für das Material finden. Der Boden bestand aus weißen Fliesen, auf denen allerlei Teppiche und Läufer in verschiedenen Mustern und Flauschigkeits-Graden lagen.

Marigold trat ein, ließ die Hand über eine Yukkapalme aus Kunststoff gleiten, berührte mit den Fingerspitzen das Furnier der Kommode, betrachtete die Buchrücken und Figuren und drehte sich schließlich zu Maya um, die mit verschränkten Armen und einem schelmischen Lächeln an der Wand aus Glasbausteinen lehnte.

„Beeindruckend“, sagte ihre Eroberung. „Ist das alles antik?“

Die Händlerin nickte und ergänzte: „Das ist nicht mein ganzer Besitz von der Erde-von-Einst. Die meisten Möbel habe ich eingelagert, weil sie sonst zu viel Platz wegnehmen und auch sehr empfindlich sind. Ich wohne auch nur vorübergehend hier; für meine Geschäftsreisen habe ich im Raumhafen von City 15 ein kleines Raumschiff geparkt.“

„Jetzt trägst du aber dick auf.“

„Kein Stück. Oder glaubst du, dass die Leute, die sich solche Stücke leisten können, ihre eigenen Raumschiffe fliegen?“ Sie lächelte und deutete auf die Küche. „Wenn du etwas trinken möchtest, dann findest du alles notwendige da drin. Ich möchte den AutoDoc einen Blick auf die Schulter werfen lassen. Dieser kleine Zwischenfall steckt mir immer noch in den Knochen.“

„Dann will ich hoffen, dass die Geräte da drin nicht genauso sonderbar sind wie deine Möbel hier“, scherzte Marigold.

„Keine Angst.“ Maya grinste. „Alles da drin funktioniert genau wie in 1192.“

Die Antwort ihres Gastes wartete sie nicht ab, stattdessen verschwand sie hinter den Glasbausteinen und betrat das Badezimmer. Leuchtbänder flammten auf und tauchten den Raum in reinweißes Licht, das bei der Rasur oder dem Auftragen von Kosmetika helfen sollte. Die Händlerin hatte die Wohnung schon mehrfach aufgefordert, eine wärmere Lichtfarbe zu wählen, aber aus irgendeinem Grunde speicherte der Dämon ihre Vorliebe nicht sondern setzte sie immer wieder zurück.

„AutoDoc“, befahl sie, während sie Jackett und Hemd öffnete und die Bandagen offenbarte, mit denen sie ihre Brüste abschnürte. Aus der Decke wuchsen Arme mit Sensoren und hypodermischen Nadeln, gleichzeitig materialisierte sich ihr gegenüber eine junge Inderin in einem Arztkittel. Ihr AutoDoc hatte keine festgelegte Persönlichkeit, wie es in anderen Wohneinheiten üblich war, stattdessen wechselte er zufällig zwischen einigen Archetypen, die sie in den Jahren gesammelt und in den Cloudspeicher ihres SenseNet-Kontos übertragen hatte.

„Guten Tag, Miss Woyce“, sagte das Hologramm mit einem Lächeln. „Wir haben uns eine Weile nicht gesehen. Was führt Sie heute zu mir?“

„Ich muss mir die linke Schulter geprellt haben“, erwiderte die Händlerin, obwohl ihr Adapter bereits alle von ihrem Körper erfassten medizinischen Daten an den AutoDoc übertragen hatte.

„Lassen Sie mich einmal sehen“, forderte das Programm und trat um sie herum. Sie konnte die schwache statische Ladung des Hologramms spüren, als es sie, um den Anschein zu wahren, an der Schulter betastete. Gleichzeitig kümmerten sich die Sensoren des AutoDocs darum, die betroffene Region abzutasten und die ermittelten Daten mit der medizinischen Datenbank von MedicAid abzugleichen. „Waren Sie in eine Prügelei verwickelt?“

Maya kannte die Frage. Wurde sie gestellt, überlegte MedicAid, einen Akteneintrag über einen Gesetzesverstoß anzulegen, was in der Regel weitere Untersuchungen nach sich zog. Wer zu oft delinquent war, konnte sich das Upgrade auf SenPro aus dem Kopf schlagen, und sie spekulierte nach wie vor darauf, eines Tages zu den glücklichen Besitzern der erweiterten Rechte zu gehören. Sie schüttelte den Kopf und erwiderte wahrheitsgemäß: „Eine Beamtin von SecTac hat mich zu Boden gestoßen.“

„Ein Unfall also“, sagte die Inderin, und Maya hütete sich, sie zu korrigieren. Vielleicht gab es intern Routinen, die ungerechtfertigte Gewalt der Sicherheitskräfte gegen Zivilpersonen aus allen Akten bereinigte. „Die gute Nachricht ist, dass nichts gebrochen ist, Miss Woyce. Ich werde Ihnen also eine Paracetamol-Injektion gegen die Schmerzen in die Schulter geben. Das sollte genügen, aber falls die Schmerzen weiterhin auftreten, kommen Sie morgen früh noch einmal zu mir.“

„Und die schlechte Nachricht?“

„Sie müssen vorerst damit aufhören, Ihren Brustkorb abzubinden. Ich hatte Ihnen schon mehrfach gesagt, dass dieses Verhalten hochgradig ungesund ist. Mit Ihrer Verletzung können Sie aber Langzeitfolgen davontragen, wenn Sie weiterhin uneinsichtig sind.“

„Ich behalte das im Hinterkopf.“ Maya zuckte zusammen, als die Hypodermica mehrere molekülfeine Wirkstoff-Injektionen durch ihre Haut in die Muskeln der Schultern jagte. Nebenan gab ihr Holoprojektor ein leises Klingeln von sich. „Ich muss da leider dran. AutoDoc aus.“