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"Querdenker. Wer nur querdenkt, bewegt sich in der Horizontalen. Wäre Serpentinendenker nicht der bessere Begriff? Dann brächten einen die Gedanken wenigstens voran."
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Seitenzahl: 110
Veröffentlichungsjahr: 2021
Danke an Christof und die Autorinnen der Schreibwerkstatt Ettlingen
Danke an die Mitglieder der Gruppe diary writing across cultures
Stimmen zum Buch
“Gefällt mir… Serpentinendenker… genial. Und überhaupt, sehr anregend deine Texte.”
“…habe wieder mit Freude deine Texte gelesen. Ein Leben lang habe ich mich dagegen gewehrt, in irgendeine Schublade zu passen. Ob ich damit erfolgreich war, kann ich selbst schlecht beurteilen. Aber wenn es denn so sein soll, dann möchte ich bitte zu den Serpentinendenkern gehören. Diese Metapher gefällt mir am besten, bei all deinen interessanten Überlegungen.”
“Lieblingsidiot und Serpentinendenker gefällt mir am besten…”.
“Wunderbar. I like your way of thinking and writing. Schwurbelige Klarheit.”
“Der fiktive Wortwechsel mit der Hässlichkeit und Realität des Lebens während deiner Jogging Runde hat auch was - das Leben Frankfurts auf den Punkt gebracht - aber ohne abfällige Wertung - Realität halt.”
“Das ist grandios! Du musst das irgendwo veröffentlichen.”
“Ich habe deine Texte verschlungen.”
“Die Hommage an deinen Vater berührt mich sehr, einfühlsam und tröstend.”
“Mit Freude und Interesse lese ich Deinen Blog Pendelbewegungen, bewundere Deinen Sinn für die Zwischentöne und Deine Fertigkeit die eigene Meinung ganz unaufdringlich verständlich zu machen. Diese selbstbewusst-bescheidene Angemessenheit würde ich mir für den gesellschaftlichen Diskurs viel mehr wünschen.”
“wunderbar philosophisch :-)”
„Querdenker. Wer nur querdenkt, bewegt sich in der Horizontalen. Wäre Serpentinendenker nicht der bessere Begriff? Dann brächten einen die Gedanken wenigstens voran.“
Über den Autor
Jürgen Artmann, Jahrgang 1970, ist geboren und aufgewachsen in Süddeutschland.
Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr schrieb Jürgen Artmann für lokale Tageszeitungen, unter anderem für die Wertheimer Zeitung, die Fränkischen Nachrichten, das Main-Echo, den Mannheimer Morgen und für Fachzeitschriften der Informatik-Branche.
Zwanzig Jahre später hat er das Schreiben neu entdeckt. Er veröffentlicht unregelmäßig Geschichten auf dem Blog Pendelbewegungen (jartmann-pendelbewegungen.medium.com).
Serpentinendenker ist nach Jahren der beruflichen Karriere sein erster Band mit Kurzprosa.
Jürgen Artmann
Serpentinendenker
© 2021 Jürgen Artmann
Herausgeber: Jürgen Artmann
Autor: Jürgen Artmann
Lektorat, Korrektorat: Julia K. Hilgenberg
Titelbild: gettyimages #521653277
Verlag: tredition GmbH,
Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
978-3-347-27109-8 (Paperback)
978-3-347-27110-4 (Hardcover)
978-3-347-27111-1 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urhe-berrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Au-tors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Chalet im Wald
Anti TikTok
Jogging-Rundkurs
Eine Frau, wie ein Baum
Teilnehmer einer Schreibwerkstatt
Halloween
Heller, blauer Mond
Damenhut
Freizeitpläne
Schubladen
Der Covidiot
Was müsste denn jetzt noch passieren?
Drei Euro einundvierzig - Genuss auf ganzer Strecke
Die Gespräche der Anderen
Das Gästezimmer
Reparatur-Werkstatt
Gott ist ein Koch im Sushi-Restaurant
Zungen raus!
Der Traum beginnt dort, wo die Geschichte aufhört
Wanderungen
Navigationsgeräte
Überlebensstrategien
Mut
Virtuelle Penne Bombay
Die Gesellschaft in und um den Teich
Revolution
Es ist die Zeit
Die Berkediebe weinen
Welch Unbehagen!
Klarheit und Sinnhaftigkeit
Alles klar
talk less, smile more
Die Traumwohnung
Shopping-Tour
Schulfach Zuhören
Du lächelst, so sehe ich dich
Es gibt immer weniger Tote durch Flugzeugabstürze
Likörchen?
Einzelgänger
Chalet im Wald
Ein Chalet im Wald
Freunde kochen und lachen
Sommerurlaubsplan
Anti TikTok
Mein Sohn hat ein neues Hintergrundbild auf seinem Handy. Eine Influencerin, perfekte Wimpern, perfekte Lippen, perfektes Make-up. Er sagt, er hat sie mir schon einmal gezeigt, aber ich erkenne sie nicht wieder. Austauschbar.
Ich verlasse das Café und laufe durch Frankfurt. Vor einem Wand-Graffiti bleibe ich stehen, zücke mein Handy, mache ein Bild, stecke das Handy in die Tasche. Auf dem Bild ist eine Mutter mit Kleinkind zu sehen. Darüber prangt ein Slogan.
"There is something better than perfection", hallt es in mir nach, als ich weiter gehe.
Frankfurt ist nicht perfekt, die Fassaden sehr gemischt. Lila Gasrohre, die in der Höhe über die Straßen gebaut sind, sind Farbtupfer, die es nicht besser machen.
Das hilflose Kleinkind ist nicht perfekt. Aber es hat einen fordernden Blick. Es fixiert die Mutter.
Diese Augen sagen, dass sie Erwartungen haben.
Zufrieden und erschöpft sieht die Mutter aus. Sie ist nicht perfekt.
Es fehlt jedes Styling, nicht für Instagram geeignet. Der nackte Körper ist nicht perfekt trainiert, die Stirn liegt in Falten, die Haare haben keinen Pep.
Zufrieden sieht sie aus.
Mutter und Kind tragen Gesichtsmasken, nach oben geschoben wie Hüte. Sie glänzen, goldbraun und perfekt. Die beiden haben sie nicht nötig.
Der Film auf der Hauswand läuft vor meinem geistigen Auge. Die Mutter atmet entspannt und gleichmäßig. Das Kind wird auf der Bauchdecke leicht angehoben und senkt sich wieder.
Die Einheit ist perfekt. TikTok.
Jogging-Rundkurs
„Warum zögerst du? Traust du mir nicht ?", sagt gleich zu Beginn der Zebrastreifen. "Ich passe auf dich auf."
"Danke, doch, ich traue dir, aber ich sehe instinktiv nach links und rechts, wenn ich dich überquere. Das geht nicht gegen dich."
"Mich hast du nicht mal beachtet. Ich weiß, ich bin hässlich", weint die alte DB-Zentrale.
"Du bist nicht hässlich, du bist brutal. Das ist halt dein Architekturstil. Dafür kannst du nichts."
"Hey, wo willst du so schnell hin?", fragt die Galluswarte. "Bleib hier und trink einen mit. Ich bin das größte Wasserhäuschen weit und breit."
"Nach dem Joggen vielleicht", antworte ich im Vorbeiziehen nicht ganz ernst gemeint.
"Du schnaufst wie ein Walross", sagt die kleine Steigung vor der Eisenbahnbrücke und verdreht die Augen.
"Ja, ich weiß, du bist nicht lang. Aber ich mag halt keine Anstiege."
"Wir spenden dir Schatten", sagen die Bäume in Niederrad.
Etwas zu viel Schatten für mich. Ich freue mich auf die Sonne.
"Störe mit deinem Gerenne unser Meeting nicht!", beschweren sich die Banktürme der Frankfurter Skyline. "Wir haben Wichtiges zu besprechen. Wir sind systemrelevant."
"Ich liebe Lucas, ich liebe Anne, ich liebe Tom, ich liebe Verena!", rufen hunderte von Vorhängeschlössern auf dem Eisernen Steg wild durcheinander.
Wie viele haben später verzweifelt im Main nach dem Schlüssel gesucht?
"Hallo Kleiner, sieh her und schau, wie hübsch ich bin", ruft mir die EZB stolz zu.
"Ja, du glänzt wie eine Diva auf der Cocktail-Party im Pailletten-Kleid. Aber ich muss weiter."
"Ach verschwinde, du schwitzt. Ich warte auf einen echten Gentleman."
"Morgen fahren wir los. Erst Main, dann Rhein, vielleicht darf ich aufs Meer. Ich darf bestimmt aufs Meer!" Ein angelegtes Schiff wippt vor Vorfreude auf den Wellen.
Ich will ihm die Illusion nicht nehmen und sage nichts.
"Boa, is mir schlecht, Alter. Ich habe echt zu viel getrunken und gegessen", klagt der mit leeren Weinflaschen und Pizza-Kartons vollgestopfte Mülleimer.
"Ja, du tust mir ein wenig leid. Hoffentlich räumt dich jemand auf."
"Na, wieder da? Siehst fit aus", lobt mich meine Haustüre.
"Danke, Kumpel, dabei habe ich gar nichts anderes getan, als alte Freunde zu besuchen."
Eine Frau, wie ein Baum
Eine Frau wie ein Baum, sagt man das so? Eigentlich doch nicht. Normal ist das nicht. Männer sind Bäume.
Sonderbar.
Nicht nur im Münsterland steht ein Schwesternheim. Auch in Unterfranken kennst du eins. Das war ein Kraftort und ein Party-Ort. Kraft durch Party? Warum nicht? Kraft durch die Menschen, mit denen du diese Partys gefeiert hast. Vermutlich schon eher.
Diese Frau gibt dir Kraft. Sie ist einen Kopf kleiner als du und dreißig Kilo leichter. Ihr Sinn für visuelle Details beeindruckt dich. Sie lässt dich Dinge sehen, die du alleine nicht wahrgenommen hättest. Diese zierliche Frau gibt dir Kraft. Zum Glück bist du ihr begegnet. Denn sie nährt dich, intellektuell, emotional.
Sie liebt Venedig, aber wir tragen keine Masken. Nicht nötig.
Wir klettern nicht mehr in die Baumkronen. Wir bleiben am Boden – geerdet.
Neugierig strecken wir unsere Fühler aus. Neugierig auf uns, auf das Leben.
Ein Mensch kann auch ein Kraftort sein.
Teilnehmer einer Schreibwerkstatt
„Jeder Jeck is anners": Erfahrung, Prägung, Krisen, Überzeugungen, Drehbücher und Pusteblumen im Kopf – ich sehe sie bildlich
vor mir fliegen.
Was wäre mein Manifest?
Gutes sinnvolles Leben ist
präsent, nicht beiläufig.
Liebe erfüllt, zum Sohn, zum Partner, Partnerin, Freunden.
Respektvoll zu Kollegen und Kunden, zu Seminar-Teilnehmern,
keine Einbahnstraße und hoffentlich kein Gang im Supermarkt, sondern eine Serpentine, mit Pausen und schönem Ausblick in den Kurven und Bänken, auf denen man ausruhen kann, eventuell mit einem Gipfel am Ende, einem Ziel, einem Sinn des Lebens, … vielleicht aber auch nicht, also eher ein verschlungener Waldpfad. Die Fee war nicht so nett wie erwartet? Macht nichts, der Kobold war witzig.
Vielleicht ist der Sinn des Lebens ganz einfach zu leben? Monty Python says: "We come from nothing, we are going back to nothing."
Ich möchte …
abseits ausgetretener Pfade leben, abseits von Konventionen,
neugierig bleiben, mich auf andere einlassen,
mich über schöne Begegnungen freuen,
und zwar jetzt, nicht im Konjunktiv.
Es ist immer Gegenwart.
Halloween
Der Deutsche Wetterdienst berichtet, passend zum heutigen Halloween hätten wir einen so genannten blue moon. Die Bezeichnung umschreibt nicht, wie man meinen könnte, einen blau leuchtenden Mond, sondern das Vorkommen eines zweiten Vollmonds im gleichen Monat. Dass zwei Vollmonde in den gleichen Monat fallen, ist eher selten. In diesem Oktober mit einunddreißig Tagen verhält es sich wieder so. Gleichzeitig ist dies seit langem der erste Vollmond, der auf Halloween fällt.
Halloween. Erinnerungen kommen hoch.
Kollegen und Bekannte und auch einige Nachbarn halten Halloween für eine Erfindung der Süßigkeitenindustrie. Dabei ist “Samhain” das keltische Silvester, das Fest der Verstorbenen, der Wesen aus der Unterwelt. Meine Eltern hatten bis Ende der 60er Jahre in Kanada gelebt und die Tradition mit zu uns deutschen Kindern gebracht. Mir ist Halloween vertraut, seit ich denken kann. Auch wenn es nur latent in der Familie vorhanden war und nicht so ausgiebig gefeiert wurde wie heute.
Trotzdem freue ich mich jedes Jahr wie ein kleines Kind darauf. Je älter ich geworden bin, umso besser meine Vorbereitung.
Schon in den Tagen davor werden Unmengen von Süßigkeiten besorgt. Spezielle Halloween-Gummibärchen in kleinen Tüten. Eigentlich sind da keine Bären drin, sondern Kürbisse und Fledermäuse, dazu Bonbons, Schokoladen und Waffeltäfelchen, Miniatur-Snacks und so weiter …
Die über die Jahre gesammelten Gegenstände zum Dekorieren sind in einer großen Kiste auf dem Dachboden. Weder ich noch meine beiden Söhne können es erwarten, den Dachboden zu öffnen und die Kiste herunterzuholen. Meine Frau schüttelt den Kopf, aber grinst über beide Backen. Ihre drei Jungs sind im Spieleifer.
Wir bauen vor der Tür einen richtigen Schrein auf. Auf dem befindet sich ein schwarzer Kessel wie der eines Druiden. Daraus quillt ein grüner Schleim. Quer über den Kessel liegt eine Schöpfkelle, auf der eine fette Spinne sitzt. Im Topf schwimmen in mitten einer leckeren Auswahl von Süßigkeiten auch blutige Glupschaugen. Nur die ganz mutigen Kinder fassen da rein.
Auf dem Rasen vor der Tür haben wir zwei Fackeln mit echtem Feuer aufgestellt. Durch das Flackern der Flammen tanzen fiese Schatten auf unseren Schrein. Hinter dem Schrein steht eine Sense, daneben liegt die Attrappe einer blutigen Kettensäge und natürlich auch eine Attrappe eines blutverschmierten, abgetrennten Fuß. Die abgetrennte Hand liegt unmittelbar neben der Klingel. Wenn man klingeln will, muss man schon knapp an dieser Hand vorbei fassen. Ja, hier muss man schon seinen Mut aufbringen und sich die Süßigkeiten verdienen!
Es ist früher Abend und die Dunkelheit zieht auf. Die kleineren Kinder kommen zuerst. Sie sind nicht so spät unterwegs und oft noch in Begleitung ihrer Eltern, die aus sicherem Abstand alles verfolgen.
Vor der Tür höre ich die erste Gruppe Kinder diskutieren.
“Mensch, schau dir mal die krasse Deko an.“
„Das ist ja gruselig. Stellt euch mal vor, da wohnt jetzt eine echte Hexe.“
„Was machen wir denn dann?”
Ich höre den Dialog und freue mich sofort. Der gewünschte Effekt ist übertroffen. Ich muss aufpassen, dass ich nicht loslache. Das Beste kommt noch.
Als die Gruppe klingelt und ich die Tür öffne, erstarren sie mitten im Satz ihres extra für den Abend gelernten Spruchs: “Wir sind kleine Geister, essen gerne Kleister, wenn Sie uns nichts geben, bleiben wir hier kleben.” kommt es dann doch noch zögerlich aus ihnen heraus.
Vor ihnen steht ein Mann mit einem langen, schwarzen, ausfallenden Mantel, an dem rasselnde Silberketten herunterhängen. Das Gesicht ist ganz blass, fast weiß, die Augen mit Hilfe falscher Kontaktlinsen blutrot, wie bei einem Werwolf. Der Mann trägt schwere rot-metallene Stiefel mit Fledermauskappen an den Spitzen. Er hält den Kindern einen gläsernen Totenschädel entgegen. Die Schädeldecke fehlt. Im Schädel befinden sich die Süßigkeiten.
“Schön habt ihr das gesagt”, sage ich mit milder Stimme, “nehmt euch gerne was aus dem Schädel.”
Die Kinder schauen mich mit großen Augen an, greifen mit Freude in den Schädel, decken sich mit Süßigkeiten ein und bedanken sich artig. Von hinten bedanken sich die begleitenden Eltern und rufen: “Tolle Deko!” Die Daumen gehen nach oben.
Ich schließe zufrieden die Haustüre und höre die Kinder im Fortgehen sagen: “Mann, das war ja voll gruselig, geil!”
Ich grinse selbst wie ein kleines Kind. So kann der Abend weiter gehen.
Heller, blauer Mond
Heller, blauer Mond
welch schöne Herbstkulisse
seltenes Vergnügen
Damenhut
Heut trag ich mal nen Damenhut,
weiß nicht warum, vielleicht tut´s mir gut.
Dann setz ich mich zum Apfelbaum,
und fall in einen tiefen Traum.
Der große Mond flüstert mir zu,
ruh dich mal aus,
geb doch mal Ruh.
Hör auf zu suchen,
lass es sein,
hier im Schatten ist es fein.
Freizeitpläne
Hoffnung
I
