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Dein ganzes Leben lang bist du bei der CIA. Und dann auf einmal nicht mehr. Sechs CIA-Agenten. Enge Freunde und erbitterte Feinde. Seit einem Vierteljahrhundert stehlen sie die Geheimnisse anderer – jetzt spionieren sie sich gegenseitig aus. Ein russischer Informant kommt nach Singapur, um ein brisantes Geheimnis zu verkaufen. Als der Russe tot aufgefunden wird und sein Handler, CIA-Agent Sam Joseph, spurlos verschwindet, wird die Abteilungschefin Artemis Procter zum Sündenbock erklärt und aus dem Amt geworfen. Monate später taucht Sam plötzlich vor Procters Tür auf – mit einer schockierenden Enthüllung: Ein russischer Maulwurf hat die höchsten Ränge der CIA unterwandert. Gemeinsam wollen Procter und Sam dem Verräter auf die Schliche kommen, doch die Liste der Verdächtigen umfasst nicht nur ihre erbitterten Feinde, sondern auch ihre engsten Freunde. Um den Maulwurf zu enttarnen, muss Procter sich ihrer dunklen Vergangenheit bei der CIA stellen. Damit bringt sie sich und Sam ins Visier eines russischen Spionagechefs, der den Doppelagenten in Langley um jeden Preis schützen will. Und bereit ist, dafür eine Spur der blutigen Verwüstung in den USA zu hinterlassen. Seventh Floor erkundet die Bedeutung von Freundschaft in einem erbarmungslosen Geschäft und was es bedeutet, alles für eine Behörde zu geben, die einem nichts zurückgibt.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Das Buch
Dein ganzes Leben lang bist du bei der CIA. Und dann auf einmal nicht mehr.
Sechs CIA-Agenten. Enge Freunde und erbitterte Feinde. Seit einem Vierteljahrhundert stehlen sie die Geheimnisse anderer – jetzt spionieren sie sich gegenseitig aus.
Ein russischer Informant will in Singapur ein brisantes Geheimnis verkaufen. Doch der Russe wird tot aufgefunden, und sein Handler, CIA-Agent Sam Joseph, verschwindet spurlos. Seine Vorgesetzte Artemis Procter wird zum Sündenbock erklärt und aus dem Amt geworfen. Monate später taucht Sam plötzlich vor Procters Tür auf – mit einer schockierenden Enthüllung: Ein russischer Maulwurf hat die höchsten Ränge der CIA unterwandert. Um ihn zu enttarnen, muss Procter sich ihrer dunklen Vergangenheit bei der CIA stellen – und bringt sich und Sam damit ins Visier eines russischen Spionagechefs.
Der ehemalige CIA-Mitarbeiter David McCloskey, einer der »spannendsten zeitgenössischen Spionagethrillerautoren« (Stern), erkundet die Bedeutung von Freundschaft in einem erbarmungslosen Geschäft und was es bedeutet, alles für eine Behörde zu geben, die einem nichts zurückgibt.
Der Autor
David McCloskey ist ehemaliger CIA-Analyst und Berater für McKinsey. In seiner Zeit bei der CIA schrieb er regelmäßig an den Briefings für den US-Präsidenten mit, sagte als Zeuge in Kontrollgremien im Kongress aus und briefte Angestellte im Weißen Haus, Botschafter, Generäle und Mitglieder arabischer Königsfamilien. Er hatte mehrere Posten im Mittleren Osten an diversen Botschaften inne. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Texas. Seine Thriller sind internationale Bestseller.
Der Übersetzer
Michael Benthack übersetzt aus dem Englischen und übertrug unter anderem Werke von Douglas Preston und Lee Child ins Deutsche.
Außerdem von David McCloskey im Programm:
Damaskus Station
Moskau X
www.gutkind-verlag.de
Die Originalausgabe ist erstmals 2024 unter dem Titel The Seventh Floorbei W. W. Norton Inc., New York erschienen.
ISBN 978-3-98941-093-0
Copyright © 2026: Gutkind Verlag GmbH, Berlin
Copyright der Originalausgabe: © 2024 David McCloskey
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Covergestaltung: FAVORITBUERO, München
Coverabbildungen: Himmel: © Quality Stock Arts/Shutterstock;
Asphalt: © CHIEW/Shutterstock; Vögel: © Ihnatovich Maryia/Shutterstock; Gebäude: © HUM Images/Kontributor/GettyImages; Figur: © Mark Owens/Trevillion Images
Autorenfoto: © Claire McCormack
E-Book: Savage Types Media GbR, Berlin
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DAVID McCLOSKEY
SEVENTH FLOOR
Ein Spionage-Thriller
Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Benthack
Über das Buch / Über den Autor
Impressum
Titel
Widmung
Zitat
TEIL I
1
2
3
4
5
6
7
8
9
TEIL II
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
TEIL III
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
TEIL IV
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
TEIL V
53
54
55
56
57
58
59
60
61
Danksagung
Leseprobe
Cover
Inhalt
Textbeginn
Erneut für Abby, meine Liebe
Und für Miles, Leo und Mabel
Das Gebäude erwidert deine Liebe nicht.
CIA-SPRICHWORT
– Sicherheitslücke –
Der Selbstmord-Kugelschreiber des Russen, ein Montblanc, befand sich im Obergeschoss. Ich hätte ihn im Erdgeschoss aufbewahren sollen, schalt er sich selbst, auch wenn Aljona hier bei mir ist. Wenn er richtig einschätzte, was die Autos dort draußen bedeuteten, blieb ihm kaum noch Zeit. Er schob die Lade des Büroschreibtisches zu, hob Aljona von seinem Schoß herunter und stellte sie sanft auf den Boden.
»Hoch«, verlangte sie. »Hoch, hoch, hoch!«
Sie streckte die Hände aus. Ihre Finger patschten gegen seine Handflächen, aber er wurde von den Monitoren der Überwachungskameras abgelenkt. Aljona quengelte und schmiegte sich mit dem Gesicht an seinen Oberschenkel, wodurch klebrige rote Flecken auf seinem Hosenbein zurückblieben. Panisch senkte er den Blick – aber bei den Flecken handelte es sich nur um Erdbeermarmelade, mit der er Aljonas Frühstückstoast bestrichen hatte. Normalerweise hätte ihn so etwas wütend gemacht. Jetzt aber nicht. Er kitzelte Aljona den Bauch, sodass sie juchzte. »Geh deine Mutter suchen, Süße.« Liebevoll gesagt, jedoch mit einer Bestimmtheit, die der Kleinen sicher nicht entgangen war. Sie rannte aus dem Zimmer, wie immer zu schnell, beinahe hätte sie sich den Kopf am Türrahmen gestoßen. Er hörte sie in die Küche laufen, wo ein Teekessel pfiff.
Zurück zu den Bildern der Überwachungskameras: Die beiden schwarzen Limousinen waren auf der Einfahrt zum Stehen gekommen. Keine Regierungskennzeichen, aber er wusste trotzdem Bescheid. Am vorderen Fahrzeug war das verräterische Schmutzdreieck in der oberen rechten Ecke der Fondstür zu sehen. Diese Stelle erreichten die Bürsten der Waschanlage im Fuhrpark der Lubjanka nie.
Nicht eine Sekunde erwog der Russe, mit den Männern mitzugehen; diese Frage hatte er vor langer Zeit für sich beantwortet. Doch warum hatten sie ihm diese Entscheidung überlassen? Die hätten mich längst knebeln müssen, dachte er. Sie hätten ihm das Hemd und die Hose ausziehen müssen, raue Hände hätten seinen Jackettkragen und die Taschen durchsuchen müssen. Und dennoch …
Er betrachtete den Marmeladenfleck, den Aljona auf seiner Hose hinterlassen hatte, fuhr mit dem Finger hindurch und probierte den Klecks. Süß.
Zehn Uhr morgens. Ein ruhiger Samstagmorgen auf der Datscha. Den üblichen Morgenspaziergang hatte er ausfallen lassen, weil er und Vera zu lange aufgeblieben waren, zu viel getrunken und deshalb zu lange geschlafen hatten. Die Männer dort draußen waren ungeduldig, als er das Haus nicht verlassen hatte, das merkte er. Sie waren auf der Zufahrt Richtung Datscha gefahren, waren seinem üblichen Pfad in den Wald gefolgt, ihr Zigarettenrauch wehte durch die offenen Autofenster. Mehrere Sekunden lang beobachtete der Russe die Wagen, die dort bei laufendem Motor standen, versuchte, ein Gefühl für die Situation zu entwickeln. Sie gefiel ihm ganz und gar nicht.
»Vera!«, rief er. »Ich bekomme Besuch. Geh bitte mit Aljona in den Garten, Erdbeeren pflücken. Für den Nachtisch.«
Sie erschien im Türrahmen, blickte sofort auf die Monitore. »Geht’s hier um Athen?«, fragte sie schroff. Aljona tappte hinter ihr ins Büro. »Es würde sich nämlich gehören, dass sie dir endlich erklären, wieso sie dich so schnell nach Hause zurückbeordert haben.«
»Ich weiß es nicht. Geh mit Aljona nach draußen«, herrschte er sie an.
»Aljona hatte sich gerade erst im Kindergarten eingewöhnt, und …«
»Raus mit euch!«, entfuhr es ihm. Auf den Monitoren waren fünf Männer zu erkennen, die aus einem der Autos ausgestiegen waren. Vera sah ihn besorgt an. Leise seufzend erhob er sich und schickte sie mit einem Kuss auf die Wange aus dem Zimmer. Gleichzeitig flüsterte er: »Ich komme nach, sobald sie weg sind.« Dann hob er Aljona hoch, schwenkte sie herum und schmiegte sein Gesicht in ihre duftenden Haare, dick und glänzend nach den Haarkuren. Dabei rief er sich in Erinnerung, warum er das alles getan hatte. Noch einmal roch er an Aljonas Haar und drückte ihr einen Kuss auf den Kopf. Er bereute nichts. Er würde den Deal noch mal machen. Noch tausendmal würde er ihn machen.
Er setzte sie ab. »Ich liebe dich, meine Tomate.«
»Ich bin keine Tomate, Papa!« Aljona kicherte, drohte ihm mit dem Finger und strahlte ihn an.
Sie folgte ihrer Mutter durch die Küche nach draußen in den Garten. Seine Unterlippe zitterte, als die Tür ins Schloss fiel. Aljona konnte eine Tür einfach nicht anders schließen.
Klopfen an der Haustür. Er zog die untere Schublade des Büroschreibtisches auf. Nahm den falschen Boden heraus, unter dem sich der große Briefumschlag mit den kleineren Kuverts befand. Ein Umschlag enthielt einen Brief an Vera. Förmlich, lieblos, aber gütig, ja sogar großzügig, wie er fand. Zwanzig Umschläge waren an Aljona adressiert, zusammengehalten von einem Gummiband, dazu ein beigefügtes Schreiben mit folgender Anweisung: An jedem Geburtstag, vom vierten bis zum achtzehnten, solle sie einen Briefumschlag öffnen, und später dann, wenn sie zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig und sechzig würde. Ein weiteres Kuvert trug den Namen seines erwachsenen Sohnes und enthielt einen Brief, geschrieben mit so viel Liebe, wie seine Enttäuschung erlaubte. Versteckt in dem gefalteten Papier befand sich ein weiterer, kleinerer Umschlag, adressiert an eine Wohnung in Athen und großzügig frankiert. »Bitte gib diesen anderen Brief für mich auf«, hatte er dem Sohn im Postskriptum geschrieben.
Immer wieder hatte es geklopft, immer lauter, während er in den Briefen las. Jetzt hatte es aufgehört. Auf den Monitoren sah der Russe, dass sich einer der Männer am Türschloss zu schaffen machte.
Im Badezimmer stopfte er die Briefsammlung in Veras Kosmetiktasche. Quietschend öffnete sich die Tür. Er eilte nach oben ins Gästezimmer, setzte sich an den alten, ein wenig staubigen Schreibtisch, lauschte auf die Schritte in der Diele, das leise Gemurmel, die Geräusche – mehrere Männer stiegen die Treppe herauf. Einen flüchtigen Augenblick lang fragte er sich, wie man ihn enttarnt hatte. Aber das konnte er nicht wissen. Er bezweifelte, dass selbst die Amerikaner je dahinterkommen würden.
Der Russe zog die Schreibtischschublade auf. Griff nach dem Montblanc. »Um Gottes willen, meine Tochter ist hier, Ihr Unmenschen«, rief er in Richtung Treppe.
Ein junger Mann in dunklem Anzug stürmte ins Zimmer, er hatte die Haare an den Seiten wie einer dieser Punk-Idioten ausrasiert. Dichtauf gefolgt von einem zweiten Mann. Ungläubig starrten sie auf den Kugelschreiber.
»Schande über euch, Jungs.« Der Russe steckte sich den Kugelschreiber in den Mund, biss auf den Schaft, schlug die Zähne in die darin befindliche Zyankalikapsel. Ihm fielen Jacks Worte in Bogotá ein: drei Atemzüge, mein Freund, leg die Hände vors Gesicht.
Er tat es, er atmete ein: einmal, zweimal. Beim dritten Atemzug hatten sich die beiden Männer auf ihn gestürzt, der Schreibtisch knallte gegen die Wand, sie fluchten, schrien, packten ihn. Einer der Männer drehte ihn um und zog ihm den Montblanc aus dem Mund. Aber da war der Russe bereits tot.
Im Moment machte Sam Joseph sich keine Gedanken über die schreckliche Bedeutung von Golikows Worten, das Blut, das sicherlich vergossen werden würde, die Menschenleben, die ihretwegen bald ruiniert sein würden. Das alles würde erst noch kommen.
Zunächst musste er die Worte auswendig lernen: perfekt, genau so, wie die Nachricht Golikow über die Lippen gekommen war. Sam nutzte sein Kinderzimmer als Gedächtnis-Palast. Nacheinander verstaute er darin jedes Wort, in verschiedenfarbigen Kästen, diejenigen, in denen er damals die Legosteine aufbewahrt hatte. Um sich die Nachricht zu merken, musste er allerdings sicher sein, sie richtig vernommen zu haben. Aber obwohl Golikow neben ihm am Baccarat-Tisch saß, hatte es Sam größte Mühe bereitet, ihn zu verstehen.
Die beiden strontiumbetriebenen Mikrofone hatten – Überraschung! – in Langley noch hervorragend funktioniert, waren aber schon bei der Ankunft in Singapur defekt gewesen. Deshalb hatte Sam kein Back-up sichern können. Im Dossier des Analysten über Golikow war erwähnt worden, dieser spreche fließend Englisch. Was nicht stimmte. Aus der Raumaufteilung des Casinos, anhand derer die Kurzbegegnung choreografiert worden war, ging hervor, dass die Zimmer, in denen Baccarat mit hohem Limit gespielt wurde, ziemlich weit abseits lagen und daher, wie Sam in seiner Depesche geschrieben hatte, »höchstwahrscheinlich ruhig« sein würden. Auch das war falsch. Irrwitzig falsch. Denn unmittelbar neben dem Baccarat-Zimmer klimperte eine Reihe Einarmiger Banditen, als würde man Ritterrüstungen eine Treppe runterwerfen. Zudem war es Freitagnachmittag um 14 Uhr im Marina Bay Sands: Die Tische standen dicht an dicht. Es herrschte ein die Gedanken vernebelnder Lärm, wie es nicht nur die Casino-Leitung am liebsten hatte, sondern auch Sam Joseph selbst, der Casinos als eine Art zweites Zuhause ansah. Zumindest wenn er auf eigene Rechnung spielte. Jetzt aber gefährdete der Lärm seine geheimdienstliche Operation, bei der ohnehin herzlich wenig Spielraum für Gewinne bestand.
Er bat Golikow, seine Worte zu wiederholen. Seine Stimme klang zwar immer noch wie ein Reibeisen, aber immerhin brachte er seine in schroffem Englisch ausgesprochenen Sätze inzwischen langsamer vor. Sam lächelte, als hätte der Russe einen Scherz gemacht, dann wandte er sich ab, um sich die Nachricht in Ruhe zu merken, während er sein Blatt begutachtete. Es waren zehntausend Dollar der Steuerzahler im Pott. Die Warnungen der Finanzabteilung waren strikt, aber letztlich wirkungslos gewesen. Sam war verpflichtet, vorsichtig mit dem Geld umzugehen. Unter dem Tisch legte er mit der Linken seine mit der Zimmernummer versehene Schlüsselkarte auf die Oberschenkel des Russen. Gleichzeitig warf er mit der Rechten seine Spielkarten dem Croupier hin.
Sam hätte die Aktion nicht durchgeführt, wenn er geglaubt hätte, enttarnt worden zu sein; einen kurzen Moment lang, als der Russe die Schlüsselkarte einsteckte, überkamen ihn jedoch Zweifel. Wurde er beschattet?
Golikow setzte gegen die Bank – und verlor. Er warf seine Karten auf dem mit Filz bespannten Tisch ab und stürzte zwei dicke Fingerbreit Scotch hinunter. »Mir reicht’s.« Er machte eine abweisende Handbewegung. »Ich mach Schluss.«
Er reichte dem Croupier das Trinkgeld, schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und stand auf. Nickte Sam und den anderen am Tisch freundlich zu und wünschte ihnen Glück, dann stolzierte er davon. Sam beobachtete Golikow, die Art, wie er sich umschaute. Angemessen ängstlich. Was für den Russen sprach. Nur die wirklich Geisteskranken – die Soziopathen und Größenwahnsinnigen – kamen bei Hochverrat nicht ins Schwitzen.
Baccarat war nicht gerade Sams liebstes Glücksspiel; alles beruhte auf Mutmaßungen, da waren keine Fähigkeiten gefragt. In sechzehn Minuten hatte er nahezu 50.000 Dollar der amerikanischen Steuerzahler verspielt. Mit den nächsten Blättern in seiner Hand würden die übrigen 20.000 auf den Tisch kommen. In diesem Augenblick sorgte sich Sam weitaus mehr wegen des Papierkrams für die Finanzabteilung als wegen der Konsequenzen dessen, was Golikow ihm eben anvertraut hatte.
In den folgenden zehn Minuten arbeitete sich Sam aus dem Loch wieder heraus: nur noch 30.000 Miese. Dann – der Croupier erhielt ein mickriges Trinkgeld, das er vor den Nörglern in der Finanzabteilung rechtfertigen konnte – verabschiedete er sich. Er verließ den Raum mit hohem Limit und betrat das eigentliche Casino: ein weites, hohes Atrium, das vor Energie geradezu vibrierte, voller Tische, über denen vergoldete Skulpturen hingen.
Sam schaute sich nach Sicherheitsbeamten oder Mitgliedern der russischen Handelsdelegation um, aber es herrschte ein derart großer Trubel im Raum, dass sich unmöglich erkennen ließ, ob die Gegenseite ihn oder Golikow enttarnt hatte. Was sich Sams Meinung nach auch nicht ändern ließ. Er kaufte sich einen Kaffee und schlenderte durch das Casino. Legte ein paar Stopps ein: Toilette, einige Partien auf dem Blackjack-Spieltisch, dann an einer der Bars.
Alles okay – Sam fühlte sich gut, trotz allem, was der Russe ihm erzählt hatte. So ganz hatte er das alles zwar noch nicht begriffen, aber er befand sich im Operationsmodus. Dabei folgte er einem genau festgelegten Plan, der zwei Ziele verfolgte: Beschütz deinen Agenten und beschaff dir die Informationen. Die Analyse der Informationen nahm ein anderer vor, zudem ging ihm schon jetzt viel zu viel durch den Kopf. Raum war nur noch für den momentanen Luftdruck und was dieser für das Wetter die Operation bedeuten mochte. Einen Gin Tonic in der Hand – unangerührt – begab er sich auf sein Zimmer, wo er den Drink ins Waschbecken schüttete. Das Zimmerservice-Tablett stellte er auf den Flur; das BITTE-NICHT-STÖREN-Schild hängte er an die Türklinke; unter den Türspalt schob er eine Serviette. In den wenigen Sekunden des indirekten Gesprächs, das sie an dem Tisch geführt hatten, hatte Sam dies als Signal vorgeschlagen, dass die Luft rein war. Alles sicher! Sam schloss die Tür, wobei er darauf achtete, dass die Serviette weiterhin darunter hervorschaute.
Einem Geheimfach in seinem Koffer entnahm er eine kleine Tasche, die mit einem Alufolie ähnlichen Material ausgeschlagen war. Er zog den Reißverschluss auf, zählte die Geldscheine und legte die Tasche auf den Schrank neben dem Fernseher. Hunderttausend Dollar: die genehmigte Anzahlung, falls die Informationen des Russen Gold wert waren. Die Summe war in der Finanzabteilung umstritten gewesen. Auf den Coffee Table stellte Sam eine Flasche Stolichnaya, zwei Gläser, dazu Oliven, Nüsse, Chips, Popcorn. Die Kugelschreiber und Notizbücher verstaute er in der Schreibtischschublade. Keine Notizen während des Treffens, hatte die CIA beschlossen. Könnte Golikow überfordern. Denn wenn der Russe uns das verkaufen will, was ich vermute, hatte die Chief gesagt, dürfte er sowieso schon total verängstigt sein.
Sam setzte sich, wartete – was ihm aber gar nicht behagte. Das wusste er selbst, ebenso der Ausschuss zur Leistungsbeurteilung, obwohl man es dort etwas anders ausgedrückt hatte (»Probleme mit der Impulskontrolle«). Sam klopfte ziemlich regelmäßig mit dem Fuß auf den Boden. Das Schälchen mit dem Popcorn hatte er erst fast komplett geleert, dann ganz und ins Ankleidezimmer gestellt, außer Sichtweite, damit es nicht so aussähe, als hätte er vor seinem Gast zu essen begonnen. Danach setzte er sich an den Schreibtisch, dort waren die Snacks außer Reichweite.
Eine Stunde später erhob sich Sam – er hatte das Klicken der Schlüsselkarte und das Klacken des Türgriffs gehört. Zwei ihm unbekannte Anzugträger betraten das Zimmer. Sie sahen um sich, suchten nach Bedrohungen: anderen Personen, Waffen, Gegenständen, die als Waffen dienen könnten. Die Männer bewegten sich geschmeidig, als würden sie relativ regelmäßig in die Zimmer fremder Menschen eindringen. Sam wich Richtung Schreibtisch zurück – der Fuß der Schreibtischlampe war aus Marmor.
»Verlassen Sie das Zimmer.« Wieder ein kleiner Schritt in Richtung Lampenfuß.
»Sie sind Samuel Joseph«, sagte der Blonde auf Englisch mit starkem Akzent.
Das war keine Frage, aber seine war damit beantwortet. Es waren Russen. Er überlegte, mit wem er anfangen sollte. Sie waren gleich groß, hatten den gleichen Körperbau. Sam schaute ihnen in die Augen, auf der Suche nach Schwachstellen, und entschied sich für den Dunkelhaarigen.
Der allerdings eine Pistole mit Schalldämpfer zückte, die er auf ihn richtete. »Eine Bewegung, und ich dich töte. Ich nicht zögere. Setz dich, Samuel Joseph.«
Sam setzte sich; das Herz schlug ihm bis zum Hals. Bestimmt waren sie mit der Schlüsselkarte ins Zimmer gekommen, die er dem Russen am Spieltisch gegeben hatte. Aber wenn sie Golikow geschnappt hatten, was wollten sie dann von ihm?
»Viel Wodka für eine Person.« Um die Aussage zu unterstreichen, hob der Blonde die volle Flasche Stoli an. »Für einen Amerikaner, glaube ich, zu viel.« Er setzte sich in den Sessel Sam gegenüber. Der Schwarzhaarige blieb stehen und stellte sich hinter ihn. Sam hörte, wie der Reißverschluss seines Koffers aufgezogen wurde. Kleidungsstücke und Schuhe fielen zu Boden.
»Alkoholproblem.« Sam wandte sich um, um festzustellen, was der Mann dort tat. Er blickte in das unfreundliche Ende der Pistole des Dunkelhaarigen, was ihm bedeutete: Umdrehen!
Der Blonde schnippte mit dem Finger. »Du siehst hierher. Sonst du fertig.«
»Ich glaube, Sie haben sich im Zimmer geirrt.«
»Warum du hast mit Boris Golikow gesprochen?« Wieder ratschte ein Reißverschluss – was hieß, dass der Dunkelhaarige die Geldtasche gefunden hatte. Blondie machte große Augen, dann winkte er mit der Hand nach dem Geld und ließ es auf den Tisch plumpsen. »Das für Boris?«
»Wir sind hier in einem Casino. Ich benötige das Geld zum Spielen. Und wer zum Teufel ist Boris?«
»Was Boris zu dir am Spieltisch gesagt?«
»Wer ist Boris?«
»Schau, wir keine Geduld«, sagte Blondschopf, »du hast uns gesehen, du weißt. Du arbeitest für CIA. Wir wissen. Und wir wissen, Boris wollte sprechen. Also, du hast heute Abend mit Boris gesessen. Wir sehen das. Wir müssen wissen, was er sagt. Müssen wissen. Du sagst uns, was er sagt, alles, und wir gehen, ohne was passiert.« Um dieses Angebot zu unterstreichen, rieb er sich die Hände. »Aber du dich dumm stellen, wir haben Probleme. O. k.?«
»Boris – ist das dieser Russe, der an meinem Tisch saß? Dieser Kerl, der sein ganzes Geld verloren hat, richtig? Ich habe keine Ahnung, warum Sie sich in meinem Zimmer aufhalten, auch nicht, wer Boris ist. Und jetzt raus.«
»Samuel Joseph, spiel nicht dumm. Sag uns sofort, was Boris sagt zu dir.«
»Ich kenne Ihren Boris nicht.«
Blondie schaute durch ihn hindurch, zu seinem Partner. Den Blick kannte Sam – er hatte ihn bei Agenten gesehen, bei Sicherheitsleuten, bei Spielern am Tisch. Ein Mann, der einen Entschluss gefasst hatte. Blondie griff nach einem der Snack-Schälchen und schmiss es an die Zimmerdecke.
Menschen behalten Dinge, die in die Luft geworfen werden, meistens im Auge.
Während Sam wie in Trance zuschaute, wie die Nüsse sich auf dem Boden ausbreiteten, nahm er hinter sich eine blitzartige Bewegung wahr. Er spürte einen Stich in der Schulter. Wärme durchströmte seinen Oberkörper und seine Gliedmaßen. Als sie das Gehirn erreichte, wurde ihm der Kopf schwer – als wäre der Hals nicht dafür geeignet, ihn zu stützen. Dann sackte er nach vorn und stürzte auf die Flasche Stoli.
Artemis Aphrodite Procter blickte ins Spiegelbild der aufgehenden Sonne, die orangefarben auf der Oberfläche ihres Biers schimmerte. Sie knallte ihre Kreditkarte auf den Tresen, mit der Anweisung, alles Weitere gehe auch auf ihre Rechnung, schnappte sich das Glas, nahm in ihrer üblichen Nische Platz und wartete auf Theo. Procter war Stammgast im Vienna Inn, aber im Grunde war sie eine Nachteule; und obwohl sie für ihre schlechten Gewohnheiten bekannt war, war dies das erste Mal, dass sie – großes Ehrenwort – während des Frühstücksandrangs Alkohol bestellte. Sie stürzte die Hälfte hinunter, den Rest, als die Türglocke bimmelte und Theo Monk ins Lokal kam. Als ihr alter Freund an ihren Tisch trat, hob sie das leere Glas und schüttelte es. »Geht auf meine Rechnung.«
Theo roch ironisch lächelnd daran. Er kehrte mit zwei Gläsern zurück, zwängte sich in die Nische und schob Procter eines hin. Zeigte auf ihren zerknitterten Tweed-Blazer, den sie bereits gestern getragen hatte. »Walk of Shame?«
»Schön wär’s. Ich bin vor einer Stunde aus dem Büro.«
Mit missbilligendem Blick auf die Biere zum Sonnenaufgang legte ihnen ein Kellner, den Procter nicht kannte, die Speisekarten hin. Ohne auf seine Speisekarte zu schauen, bestellte Theo Toast, Bacon und beidseitig gebratene Spiegeleier. »Ich trinke mein Frühstück.« Procter schob die Speisekarten an die Tischkante.
»Immer noch keine Nachrichten aus Singapur?«, fragte Theo, als der Kellner sich außer Hörweite befand.
»Nein – Funkstille. Die Station hat Informanten im Sands platziert.«
»Hat ziemlich viele Erklärungen gegeben.«
»Alle übel.«
Theo schwieg – was seine Zustimmung signalisierte. Er schaute aus dem Fenster und trank einen ordentlichen Schluck. Seit einem Vierteljahrhundert ging sie hin und wieder auf der ganzen Welt mit Theo einen trinken. Wenn Theo trank, wurde er zu einer Art Chamäleon: ob gesprächig oder schweigsam, mürrisch oder freudig, gütig oder grausam – während ein und desselben Trinkgelages konnte er jede Kombination dieser Stimmungen in jeglicher Ausprägung zeigen und gelegentlich sogar eine Mischung aus allen. In den vergangenen Jahren war die Stille ausgeprägter geworden. Die Freundschaft ging bis zur gemeinsamen Ausbildung auf der »Farm« zurück; im Laufe der fünfundzwanzig Jahre hatten sie das Meiste gesagt, was gesagt werden musste – und ziemlich viel, was nicht.
Theo hatte seine Bestellung bekommen. Er zog den Bacon durch die flüssigen Eidotter, als Procter – das leere Glas in der Hand – aufstand, zwei Schritte in Richtung Bartheke ging und stehen blieb. Sie stellte das Glas ab und bestellte einen Kaffee.
»Ist wahrscheinlich klug«, sagte Theo, als sie wieder in der Nische Platz genommen hatte. »Nicht besoffen zu sein bei der ersten Besprechung mit dem brandneuen Direktor Finn Gosford und seiner DDO Deborah Sweet, der Leiterin des operativen Geschäfts.«
»Ich weiß nicht, Theo. Wenn ich nüchtern bin, sage ich der DDO womöglich auf den Kopf zu, was ich denke, und zwar, dass es schlicht unfassbar ist, dass die beiden zusammen den Laden hier schmeißen sollen. Und was für ein erstes Meeting zum Thema Russland soll das denn werden? Ich meine, wie lange sind die denn auf ihren Posten? Eine Woche. Eine einzige Woche, und schon haben wir hier das reinste Chaos.«
»Du weißt doch, wie schnell so etwas aus dem Ruder laufen kann, Artemis.« Er betrachtete das krosse Stück Bacon, das er durch die Spiegeleier zog.
»Wann hast du eigentlich zuletzt mit einem der beiden gesprochen?«
Er wischte sich etwas Eigelb aus dem Mundwinkel, schaute in die mittlere Entfernung, überlegte. »Vielleicht ein halbes Jahr nach Afghanistan. Finn war natürlich ein Held, wie alle wussten. Die Welt lag ihm zu Füßen.«
»Ein Held«, sagte sie leise. »Ich lach mich tot.«
»Ich will’s ja nur erklären.«
»Du hast es versucht«, entfuhr es ihr. »Das ist ein Unterschied.« Sehnsüchtig schaute sie in ihr Glas. »Das letzte Mal, dass ich mit einem der beiden ein richtiges Gespräch geführt habe – das muss kurz nach Afghanistan gewesen sein, im Krankenhaus in Landstuhl, als wir bettlägerig waren. Zu den Abschiedspartys der beiden bin ich nicht hingegangen.«
»Du warst ja auch nicht eingeladen.« Theo rächte sich. »Das ist ein Unterschied.«
»Warst du eingeladen?«
»Natürlich nicht.«
Procter nippte an ihrem Kaffee. Theo wischte mit seinem Toast Dotter auf. »Vielleicht ist Sam auf Sauftour.« Ein Stück Toast klebte ihm am Mund. »Oder er hatte einen Autounfall. Ist mit einer Hure mit einem Herz aus Gold davongelaufen. Hat das Geld aus seinem Reptilienfonds veruntreut. Ist auf Koks.«
»Du kennst Sam nicht, und außerdem bist du ein Blödmann. Er hält sich versteckt, ist tot, oder die Russen haben ihn hochgenommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sich versteckt hält, nimmt mit jeder Stunde ab.«
Theo biss wieder von seinem Toast ab, nickte und grinste und wechselte das Thema. »Sind die beiden neuen Bewohner des Seventh Floor diese Woche über die Operation Singapur informiert worden? Es war derart viel los, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann, ob das Thema zur Sprache gekommen ist, als sie oben in New York waren.«
»Man hat sie ins Wesentliche eingeweiht. Vielleicht nicht in alle Details.«
»Na ja, bestimmt haben sie Verständnis dafür.« Jetzt lächelte Theo. »Finn und Deb sind schließlich unsere alten Kumpel.«
Zum ersten Mal seit fast zwei Tagen lächelte Procter. Theo legte die Serviette auf den leer gegessenen Teller. »Komm, gehen wir. Wir sollten uns mit Mac und Gus abstimmen, bevor wir uns in diesen Fleischwolf begeben.«
Als sie Theos Büro im vierten Stock betraten, fanden sie Mac Mason, den Leiter des Russland-Hauses, in der für einen Nachrichtendienstmitarbeiter üblichen Haltung vor: Über einen Computer gebeugt las er den Schriftverkehr.
Mac war sonnengebräunt, hatte für alle ein offenes Ohr und Haar, das grau war, seit Theo und Procter ihn kannten – also seit sie einander kannten. Er war ebenfalls in ihrer Klasse auf der »Farm« gewesen, später hatten sie in Afghanistan getötet und wären beinahe selbst getötet worden. Als Mac sich im Sessel zu ihnen umdrehte, sah Procter, dass er am liebsten mit der Faust auf den Computerbildschirm eingeschlagen hätte. Anders als sie war Mac am gestrigen Abend für ein paar Stunden nach Hause gegangen. Was daran zu erkennen war, dass sein weißes Hemd frisch gebügelt war; seine Augen verrieten allerdings seine Erschöpfung.
Procter und Theo setzten sich an seinen Tisch, aber Mac blieb einfach schweigend sitzen; unruhige Blicke gingen hin und her zwischen dem Rechner und einem Wandgemälde, das einen pirschenden Wolf darstellte.
»Was gibt’s?«, fragte Procter schließlich.
Im selben Moment betrat Gus Raptis das Büro, kürzlich zurückgekehrt, weil seine Dienstzeit als Station Chief der CIA in Moskau abgebrochen worden war, und ebenfalls ein Freund aus der gleichen Klasse auf der »Farm«. »Hast du das gelesen?«, fragte er Mac. Der Stress-Tunnel, in dem er gerade steckte, war offenbar so dunkel, dass er Procter und Theo gar nicht wahrnahm.
»Ein gottverdammtes Gemetzel«, fluchte Mac.
»Was ist da eigentlich los?«, blaffte Procter schließlich.
Gus wandte sich zu ihr um und sah sie verwirrt, ja wütend an. »Was da los ist? – BUCCANEER ist tot. Gestern Nacht ist eine Funkmeldung reingekommen. Nur verstümmelt, zugegeben, aber wir haben einen Kreml-Lakaien abgehört. Der hat einem Kumpel erzählt, ein SWR-Offizier, der kurz zuvor aus Athen zurückgekehrt sei, habe sich während seiner Haft umgebracht.«
»In der abgefangenen Nachricht …« Mac drehte sich zu seinem Computer, las die Depesche. »… behauptet der Kreml-Mann, dass Gerüchte über BUCCANEER zirkuliert hätten, wonach er nach Hause geholt werden sollte, weil man ihn der Spionage beschuldigte.«
Raptis warf seine Brille auf den Tisch. »Scheiße!«
Diesen Ausruf empfand Procter als zutiefst verstörend, denn dies war erst das dritte Mal in beinahe ebenso vielen Jahrzehnten, dass sie Gus Raptis fluchen hörte. Dabei erinnerte sie sich genau an alle Vorfälle: in Afghanistan, mit einer Kugel in der Schulter; in Georgetown, vielleicht vor fünfzehn Jahren, nachdem er auf der Eisfläche ausgeglitten war, als sie es zum letzten Mal geschafft hatten, ihn betrunken zu machen; und jetzt, in der recycelten Luft im Russland-Haus, als er an das Desaster dachte, das sich vor der Bratwa entfaltete.
Bratwa: der Begriff für die vier innerhalb der CIA. Die Russland-Haus-Mafia. Mac Mason, der Leiter der operativen Abteilung; Theo Monk, Spionageabwehr; Gus Raptis, jetzt auf einem Posten in Langley geparkt, bis vor Kurzem für die Außeneinsätze in Moskau zuständig. Und schließlich Procter, Chefin von Moskau X – Overlord über die schmutzigen, glanzvollen verdeckten Operationen, die Putin und seine Freunde ins Visier nahmen. Die vier hatten seit der Zeit auf der »Farm« ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen, die sich hin und wieder aber auch gekreuzt hatten. Irgendwie war es ihnen dabei überwiegend gelungen, befreundet zu bleiben.
»Immer noch keine Nachricht aus Singapur?«
Mac schüttelte den Kopf. »Die Station glaubt, dass die Singapurer die Überwachungsbilder aus dem Casino schon noch rüberwachsen lassen, aber das kann dauern. Ansonsten Schweigen.« Er hatte sich zu ihnen an den Tisch gesetzt, breitete auf der angeschlagenen Furnierholzplatte die Blätter mit den nichtssagenden Gesprächspunkten aus, die sie zusammen gestern am späten Abend für ihr Meeting mit dem Direktor heute vorbereitet hatten. Mac zog die Kappe von einem roten Kugelschreiber und fing an, im Text herumzustreichen. »Also, in einer Stunde findet das erste offizielle Briefing zum Thema Russland im Seventh Floor statt, und zwar für …« Er räusperte sich, »… unsere alten Freunde Direktor Finn Gosford und seine stellvertretende Direktorin, die Leiterin der operativen Planungen Deborah Sweet.« Dabei betonte Mac die Titel in sarkastischem Singsang. Er rollte rüber zum Papierkorb. »Und wir Glückspilze bringen nichts als Probleme mit: einen exzellenten Mann, der in Singapur aufgeflogen ist, einen vermissten Case Officer und einen toten Informanten in Moskau.«
»Finn und Deb werden uns für das alles in der Luft zerreißen«, konstatierte Gus.
»Die werden uns fertigmachen, nur weil wir hier sind«, meinte Theo.
»Es dürfte schon schwierig werden, nur ein Problem auszuwählen«, stimmte Procter zu. »Denn es gibt einfach so verdammt viele.«
Die Zusammenkunft, in Wirklichkeit eine Abreibung durch die Bürokraten, die sich als unschuldig klingendes Briefing (»Sonder-Update für den Direktor – Russland«) ausgab, begann pünktlich um neun Uhr. Der Kriegsrat war kleiner als bei den üblichen Russland-Briefings, denn Gosfords Stabschef hatte gesagt, er wolle nur die vier dabeihaben, bitte nicht auch noch die unwichtigen Leute.
Procter, Mac, Gus und Theo betraten das Empfangszimmer des Direktoren-Büros. Der Raum mit Möbeln im Federal Style vom Anfang des 19. Jahrhunderts, dem verblichenen blauen Sofa und den alten Exemplaren der Zeitschrift The Economist war ihnen wohlbekannt.
Trotzdem war der Raum Procter fremd, denn es handelte sich jetzt um Finn Gosfords Vorzimmer – zu seinem Büro in Langleys Seventh Floor, der Führungsetage im alten Gebäude der CIA. Wenn man in der Zeit zurückgegangen wäre, dachte Procter, und man hätte mir gesagt, dass wir hier auf Finn warten würden, dann hätte ich geantwortet, dass es wahrscheinlicher sei, dass ich eines Morgens mit meinem Gesicht an den Teppich getackert aufwache. Wobei diese Vorstellung angesichts ihres Berufs gar nicht so ungewöhnlich war. Nein, eigentlich hätte sie in diesem Büro im Seventh Floor residieren müssen – aber bevor ihr jemand den Stuhl des Direktors anbot, würde wohl erst die Hölle zufrieren.
Im Moment konnte sie gar keinen Stuhlplatz finden. Die erste Woche der Amtszeit eines jeden Direktors ist rappelvoll mit Background-Briefings, deshalb fanden Procter und ihre Freunde das Zimmer vollgestopft mit Analysten vor. Weil sie nirgends sitzen konnten, standen sie an der Wand, bis schließlich nach zwanzig Minuten eine Gruppe des »Einsatzzentrums für den Nahen Osten« herauskam. Die Leute sahen total verstört aus, als wäre mitten in der Besprechung eine Bombe hochgegangen, oder, wie Theo später witzeln sollte, als hätte der Direktor die Hosen heruntergelassen. Gosford und Deb überquerten den Flur vom Konferenzraum in das Büro des Direktors. »Das Nächste machen wir hier«, rief Finn einem der Special Assistants zu.
Und so wurde Procter und ihren Freunden mitgeteilt, sie sollten gleich hineingehen, sodass sie den Raum voller nervöser Analysten verließen, deren Unruhe an Rinder denken ließ, denen dämmerte, dass sie zur Schlachtbank geführt wurden.
Procter war oft eine unerwünschte Präsenz in einem Raum. Das Gefühl war ihr vertraut, sie konnte sich aber nicht erinnern, dass es ihr jemals derart intensiv entgegengeschlagen wäre. Niemand lächelte, die Blicke waren ausweichend, das Händeschütteln steif – keine herzliche Umarmung für eine alte Kameradin? – und kalt wie ein Fisch, als hätte sie sich Kacke auf die Handflächen geschmiert oder litte an einem aus einiger Entfernung sichtbaren Hautpilz. Nach der Begrüßung – alle waren bereits erschöpft – nahmen die Bratwa vor Gosford und Sweet Platz. Beziehungsweise Finn und Debs, wie Procter sie in früheren Jahren genannt hatte.
Die beiden hatten sich nicht besonders verändert, dachte Procter. Sie sahen gut aus, das war enttäuschend. Finn und Debs waren jene Art Lieblingsfeinde, von denen man vor einem Jahrzehnt gehofft hatte, sie würden ordentlich Gewicht zulegen, das Haar oder ein Körperglied verlieren aufgrund von Diabetes, Gicht oder den Launen irgendeiner qualvollen exotischen Infektion. Begegnete man diesem Typus zufällig auf einem Wiedersehenstreffen, wollte man, dass es mit ihm bergab gegangen war – bis kurz vor dem absoluten Tiefpunkt –, damit man noch das Vergnügen hätte, dabei zuzuschauen.
Doch bei näherem Hinsehen erkannte Procter, dass es noch schlimmer war. Beide wirkten irgendwie sonnengebräunt und weniger faltig (Botox? Garantiert, oder?). Augenringe, wie die beiden sie früher gehabt hatten, waren jetzt nur auf der Bratwa-Seite des Tisches zu sehen. Gosford hatte noch immer sein pechschwarzes, volles Haar, Debs trug ihren eisblonden schulterlangen Bob. Der Wert von Gosfords Armbanduhr übertraf vermutlich sein neues Jahresgehalt. Debs – die ein enges, suffragettenhaft weißes Kleid trug, das fast bis zur Oberschenkelmitte reichte, und ein gottverdammtes Cape angenäht hatte – wirkte in Procters Augen straffer. Als wäre ihre alte Freundin im vergangenen Jahrzehnt die sieben überschüssigen Kilo aus dem Mittleren Westen endlich losgeworden. Es gab zwar weitaus tiefer reichende Gründe, die beiden zu hassen, diese reichten Procter aber fürs Erste.
Und dann unterlief Gus, dem armen Gus, der erste – jedoch keineswegs letzte – Fehler bei dieser Besprechung. »Finn. Schön, dass du wieder da bist. Und herzlichen Glückwunsch.«
»Direktor Gosford«, korrigierte Gosford und betrachtete Gus durch die aufgetürmten Finger in der Art eines Arschlochprofessors. Procter merkte, dass Debs sie anstarrte. Sie sah zu ihr und rang sich ein Lächeln ab. Zu ihrer Überraschung lächelte Debs zurück. Aber die geschürzten Lippen ähnelten eher einer Grimasse, sodass Procter ungeduldig kapitulierte, als Gosford das Wort ergriff: »Ich weiß, uns verbindet eine gemeinsame Geschichte. Aber es ist wichtig, dass ihr mich – und Deborah – als eure Vorgesetzten behandelt. Ich bin der Direktor, Deborah ist die DDO, und es wäre krasse Vetternwirtschaft, wenn wir diese berufliche Hierarchie nicht einhalten würden.«
Keiner nickte, niemand ließ erkennen, dass er dieses Statement anerkannte. Procter hatte das Gefühl, wäre dies ein Angebot gewesen, wären einige von ihnen auf der Stelle gegangen.
»Davon abgesehen …« Gosford lehnte sich zurück und strich sich über den Schlips. »… ist die Situation … aberwitzig. Das sollten wir uns eingestehen, oder? Es laut aussprechen. Aberwitzig. Es gibt kein anderes Wort dafür. Wir sitzen alle wieder beisammen. Die Welt ist klein, wirklich klein. Wann haben wir uns zuletzt gesehen? In Afghanistan? Ja, so muss es sein. Vor mehr als zehn Jahren. Sieh an, sieh an. Na ja, wir haben ja später noch Gelegenheit, uns alles zu erzählen« – das war Gott sei Dank völliger Quatsch, dachte Procter –, »aber leider ist heute keine Zeit zwischen den Meetings. Also, an die Arbeit.«
Mac und Gus machten den Anfang, sie legten Gosford und Debs die Fakten dar, die bislang über die mysteriösen Todesfälle in Moskau bekannt waren. Anschließend sollte Procter über Singapur berichten. »Es ist deine Operation, Artemis«, hatte Gus gesagt, im Ton eines Mannes, der eine heiße Kartoffel fallen ließ. »Du solltest das übernehmen.« Es herrschte eine zunächst steife, dann unangenehme, schließlich beinahe feindselige Atmosphäre. Gerade als Mac eine Frage von Debs beantwortete, was seine Überzeugung betraf, dass BUCCANEER tatsächlich tot war – ziemlich sicher, Ma’am, hatte er gesagt und verspätet das Ma’am hinzugefügt –, wurde Gosford wütend. Was teilweise seinem Betragen ähnelte, als er ein Jahrzehnt zuvor die Gegenspionage-Abteilung geleitet hatte. Damals hatte er den Erfolg bestimmter Operationen für sich beansprucht, in denen er eine kleinere Rolle gespielt hatte. Er hatte alle Probleme auf Debs abgeladen, gelegentlich die Fassung verloren und Untergebene wegen kritischer Bemerkungen angeschrien, von denen die meisten geringfügig und ziemlich viele – aber nicht alle – lediglich eingebildet waren. Finn Gosford war ein Politiker, ein Wort, das in Procters Ohren klang wie eine gemeine Verleumdung.
»Großer Gott«, sagte Gosford. »Und wie viele Agenten sind noch übrig?«
Mac blickte zur Decke, rechnete nach. »Zwei weitere Insider, drei außenstehende Informanten, vielleicht ein halbes Dutzend auf Eis gelegte Agenten, die seit mindestens einem Jahr inaktiv sind.«
»Und dieser BUCCANEER war unser Bester?«, fragte Gosford.
»Bei Weitem.« Gosford sah Procter schockiert an, weil sie es gewagt hatte, sich zu äußern. »Bevor man ihn nach Athen geschickt hat, war er unser erfahrenster Agent im SWR.«
»Ich erinnere mich an die Quelle aus den Briefing-Unterlagen von letzter Woche.« Debs blätterte in einem Stapel Unterlagen. »Diese Singapur-Sache, über die wir gleich sprechen werden, erinnert mich daran, was REMORA uns erst vor drei Tagen berichtet hat. Oder?«
»Stopp!«, blaffte Gosford. »Stopp. Wer ist REMORA?« Wie er’s immer getan hatte, bemühte er sich, ein Gespräch abzuwürgen, das sich seinem Einfluss entzog. Selbst wenn dadurch wichtige Entscheidungen nicht getroffen werden konnten.
»Einer meiner Agenten«, sagte Theo und wurde blass. »Ein Oberst. Der stellvertretende Leiter der Fünften Abteilung des SWR. Das sind die Europa-Jungs.«
»Wir haben ihn vor ein paar Tagen getroffen«, sagte Debs und sah zugleich weiter ihre Unterlagen durch. Als sie zu dem Papier kam, das sie gesucht hatte, setzte sie sich eine senfgelbe Brille auf. Leckte sich den Daumen an und blätterte um. Den Kopf immer noch tief über das Schriftstück gebeugt, sagte sie: »REMORA hatte launige Einfälle, was die Drohungen gegen Amerikaner in Asien betrifft. Die aber …« Hier räusperte sie sich und neigte den Kopf in Richtung Gosford. »… nicht umzusetzen waren.«
Ein Blick von Debs überzeugte Gosford, diese Richtung der Ermittlungen besser nicht weiterzuverfolgen, deshalb sagte er: »Wie ich höre, haben wir in Singapur ein Problem.«
Debs nahm die Brille ab und wies damit auf Procter. »Sie soll dich darüber auf den neuesten Stand bringen.«
Und … dann kriege ich die Schuld, dachte Procter und hob den Kopf. Und wenn schon. Zunächst erläuterte sie die damalige Situation: dass ein Kreml-Insider mit Namen Golikow über einen Mittelsmann einen Brief an das Moskauer Büro weitergeleitet hatte. »Golikow befand sich auf einer Vergnügungsreise in Ostasien, mit einer Handelsdelegation, die die Region bereiste auf der Suche nach Partnern, die den Russen bei der Umgehung von Sanktionen helfen, und weil wir wissen, dass er ein zwanghafter Spieler ist …«
»Ich habe gehört, dass du einen Agenten aus der Zentrale dorthin geschickt hast«, ging Gosford dazwischen. »Wieso hast du keine Ortskraft eingesetzt?«
»Ich wollte nicht riskieren, dass jemand aus der Station auffliegt, außerdem wollte ich die Singapurer da raushalten; die können nix für sich behalten, die Infos finden ihren Weg nach Peking, und …«
»Und da hast du dir gedacht, es sei sicherer, einen in Ungnade gefallenen Mitarbeiter damit zu beauftragen, die Rekrutierung zu managen«, sagte Debs. »Einen mit Spielsucht. Und plötzlich ist er – Simsalabim! – verschwunden. Zusammen mit weit über hunderttausend Dollar, die dem amerikanischen Steuerzahler gehören – von unseren größten Geheimnissen ganz zu schweigen.«
»Vorsicht«, sagte Procter. »Sam ist – oder war – ein professioneller Pokerspieler. Kein Spielsüchtiger. Er hatte eine tadellose Tarnung für die Reise nach Singapur und einen fabelhaften Grund, sich im Casino Golikow zu nähern. Was auch passiert ist, und dann –«
Wieder unterbrach Debs sie. »Ist er übergelaufen? Ist er auf Sauftour? Im Glücksspiel-Rausch? Was davon?«
Fest stand: Es hatte keinen Sinn, mit ihnen zu diskutieren. Oh Lord, sie hatten ihre Gründe, vor allem Debs. Procter verdiente wirklich eine Strafe für das, was sie der armen Frau in Afghanistan angetan hatte, aber jetzt hatte sich die Situation ohne Zweifel umgekehrt – und das nutzte Debs aus, und zwar mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Debs und Gosford hassten sie, schlicht und ergreifend. Die anderen wahrscheinlich auch, wenn auch nicht so leidenschaftlich. Debs und Gosford waren Politiker, und Procter war der Albtraum eines jeden Politikers: eine fähige Extremistin, gegen jeden Bullshit immun, nicht bereit zu katzbuckeln, selbst wenn das sinnvoll wäre. Die anderen drei Bratwa würden sich nötigenfalls durchaus devot zeigen, und obwohl Procter breit gefächerte Vorlieben besaß, musste sie sich an so etwas erst noch gewöhnen. Nicht wenige Leute hassten Artemis Aphrodite Procter, womit man ihr, ihrem Verständnis nach, durchaus einen Gefallen tat.
»Er wird vermisst«, meinte Procter nur. »Mehr ist uns im Moment nicht bekannt.«
Debs sagte: »Rekapitulieren wir: Es gibt zwei Möglichkeiten. Nummer eins: Du hast dafür gesorgt, dass ein in Ungnade gefallener, spielsüchtiger Agent in eine Falle der Russen getappt ist. Nummer zwei: Er hat sich mitsamt eines kleinen Steuerzahlervermögens aus dem Staub gemacht und sitzt im Augenblick wahrscheinlich wieder am Spieltisch und verplempert es.«
»Die Ereignisse in Moskau«, sagte Mac. »Der Tod von BUCCANEER deutet auf Ersteres hin. Auf eine Falle.«
Die Anwesenden blickten auf, wandten sich um: Die Tür ging auf, eine Frau betrat den Raum. Petra Devine, Leiterin der, wie es eigentlich hieß, »Einheit für Sonderermittlungen«, intern aber »Dermatologie« genannt wurde: die Maulwurfjäger der CIA. Ein Mole konnte im Englischen sowohl ein Maulwurf als auch ein Muttermal sein. Wie immer und überall war die leitende Maulwurfjägerin auch bei der CIA eine ältere Frau. In diesem Fall eine, die einen weiten, bodenlangen Rock trug, dazu eine befremdliche graue Weste, eine Brille mit dicken Gläsern, mit grauer Vogelnest-Frisur und Hängebacken, die an die Kehllappen eines Truthahns erinnerten. Mit der Ausstrahlung einer treuen Kirchgängerin. Trotzdem: Bei Petra konnte man sicher sein, dass sie weder die Orgeltasten malträtieren noch die alljährliche Mitbringselparty im Herbst ausrichten würde. Die Derm-Chief war typischerweise eine Frau von unbestreitbarer Loyalität, jahrzehntelanger Dienstzugehörigkeit und null politischem Scharfsinn. Die Derms entwickelten ausgeklügelte Schaubilder, um Anomalien im Reporting aufzuspüren, suchten nach einem gemeinsamen Nenner oder einem versteckten Hinweis auf den mysteriösen Verlust eines Agenten. Procter hatte Petras Schaubild gesehen: die ausgeklügelte Karte einer Straße ins Nirgendwo. Procter hatte mitbekommen, dass Debs die Lippen schürzte, als Petra hereingeschlendert kam und Platz nahm.
»Ich dachte, wir hätten dich von der Teilnehmerliste für das Meeting gestrichen«, sagte Debs.
Petra musterte Debs einen Moment lang, dann sagte sie trocken: »Ach ja? Und warum?«
Gosford schloss das eine Auge und sah Petra an, als wäre sie vielleicht eine dieser Kreaturen, die man am besten durch ein Sichtgerät – Mikroskop, Teleskop, Zielfernrohr, was auch immer – betrachtete; einen Augenblick glaubte Procter, er wolle eine Entschuldigung erzwingen, wie er es Gus gegenüber zu Beginn der Besprechung getan hatte. Ein Teil von ihr hoffte darauf, denn dann würde das Meeting völlig entgleisen, in Streit ausarten, der die Missstimmung zwischen ihr und Debs in den Hintergrund drängen würde. Stattdessen öffnete Gosford das andere Auge, blinzelte und sagte: »Sie kann bleiben, Deborah.«
Petra murmelte irgendetwas und sah auf ihre riesigen schwarzen Schuhe hinunter, während sie sich auf den leeren Stuhl neben Procter setzte. Petras Kleidung roch nach Hundehaar, wie Procter bemerkte.
»Apropos Falle«, sagte Petra. »Denn darum handelt es sich hier. Weil es normalerweise nie so abläuft. Sicherlich, in unserem Metier kommt es immer wieder zu Situationen, in denen praktisch alles schiefgeht. Das ist uns allen bekannt. Aber wir haben hier zu viele Probleme auf einmal. BUCCANEER ist mit großem Aufwand aus Athen in die Heimat zurückbeordert worden, dann stirbt er plötzlich einige Tage nach seiner unrühmlichen Heimkehr nach Russland. Und am selben Tag verschwindet dein Junge, Sam« – sie packte Procter fest an der Schulter –, »spurlos in Singapur nach einem gescheiterten Versuch, einem Russen überaus wichtige Nachrichten für die CIA zu entlocken. In unserem Geschäft läuft das nicht so. Und da ihr alle um den heißen Brei herumredet, lasst es mich für euch aussprechen: Wir haben ein großes Problem.«
Amen, dachte Procter.
»Niemand hat irgendwelche Belege dafür«, meinte Debs barsch. »Es gibt andere Erklärungen – eine Sicherheitslücke, eine Störung der Kommunikation, handwerkliche Fehler, schlicht und ergreifend Zufall.«
Gosford ignorierte Debs, warf Petra einen eisigen Blick zu und sagte: »Und was sollen wir Ihrer Ansicht nach tun, um das Problem zu beheben?«
»Wir sollten uns die Dinge ganz genau anschauen, Sir.« Ungefähr so höflich wie ein Tritt gegen das Schienbein. »Gründliche, sehr gründliche Ermittlungen einleiten, um die Sicherheitslücke ausfindig zu machen.«
»Wollen Sie eine Hexenjagd veranstalten? Schauprozesse? Verstehe ich Sie da richtig?« Das Kinn in die Hände gestützt, musterte Gosford Petra scharf. »Ich soll den Laden hier auf den Kopf stellen, in meiner ersten Woche im Amt? Auf welcher Grundlage? Wir wissen doch alle, wie furchtbar so etwas endet. Es wird eine Panik geben, Leaks, und am Ende werden wir wahrscheinlich nichts gefunden haben. Bloß den Laden abgefackelt und beim Brand zugesehen.«
»Man weiß erst dann, dass nichts da ist, wenn man nachschaut«, sagte Petra. »Und ich sage Ihnen, ich glaube, wir haben ein Problem.«
»O Gott«, sagte Debs. »Schluss mit diesen düsteren Fantasien.«
Gosford beschäftigte sich mit seinem Handy. Er tippte eine Nachricht, alle anderen saßen einfach nur schweigend da und warteten. Ein an der Wand angebrachter Bildschirm ging an, kündigte das nächste Meeting an. Gosford sah auf seine 3 × 5-Zoll-Karteikarte, auf der seine Termine eingetragen waren, und schaute böse, erst auf die Karteikarte, dann zu Procter hinüber. »Wir müssen das Treffen hier abbrechen. Finden Sie den Case Officer. Halten Sie das Büro des DDO auf dem Laufenden. Das wär’s. Sie sind entlassen.«
Procter hatte noch nie an einer Besprechung in der CIA teilgenommen, die mit einer formellen Entlassung beendet worden war: Beinahe hätte sie an diesem düsteren Morgen zum zweiten Mal laut losgelacht.
Sie verließen das Büro, wahrscheinlich zogen sie die gleichen Gesichter wie die Leute aus der Gruppe vor ihnen, dachte Procter. Als hätte Gosford die Hosen runtergelassen oder seinen Männern befohlen, aus dem Schützengraben herauszustürmen.
»Großes Problem«, flüsterte Petra Procter zu. »Wir haben ein beschissenes großes Problem in diesen Mauern.«
Rem Schomow hielt das Handy in der einen Hand und die Tabletten in der anderen. Das Wasser aus dem Hahn am Waschbecken im Badezimmer füllte sein Glas. Er hörte sich den Bericht einige Augenblicke lang an, bis die durch die Stille verunsicherte Stimme am anderen Ende schließlich fragte: »Sind Sie noch dran, Rem Michailowitsch?«
Rem drehte das Wasser ab. »Ja. Reden Sie weiter, Oberst.«
Während der Oberst fortfuhr, legte Rem – zu dieser Stunde im Bademantel – die Tabletten aus der Hand auf die Ablage und sortierte sie in zwei kleine Häufchen. Links die müde machenden Pillen, rechts die anderen. Links: die orangefarbene für besseren Schlaf, die gelbe gegen Rückenschmerzen, die übel riechende braune gegen hohen Blutdruck. Diese Pillen wischte er von der Ablage zurück in die Tablettenbox mit den Fächern für jeden Wochentag. Das Telefon zwischen Ohr und Halsbeuge geklemmt, schluckte er die pinkfarbene Pille gegen harten Stuhlgang, wegen der Hämorrhoiden, die grüne gegen die Arthrose, die hellgrüne zur Regulierung der Schilddrüsenfunktion und das süßlich riechende kleine rote Achteck gegen zu hohes Cholesterin. Der Oberst war mit seinem Report fertig, als Rem die Hämorrhoiden-Tablette eingenommen hatte. Bis auf Rems Gurgel- und Schluckgeräusche, die mit dem Geklirr endeten, als er sein Glas auf dem Marmor abstellte, war es still in der Leitung.
»Schicken Sie einen Fahrer, er soll in zehn Minuten vor meiner Wohnung sein.«
Rem beendete das Gespräch und ging ins Schlafzimmer. Ninel lag im Bett und sah von ihrem Buch auf. »Gehst du aus dem Haus?«
»Ja.«
»Du scheinst verärgert zu sein.«
»Das bin ich.«
Sie klappte das Buch zu, schlug die Bettdecke zurück. »Ich such dir einen Anzug raus.«
Die nachtdunkle Stadt zog an den Fenstern seiner Limousine vorbei. Der schwarze Anzug, den Ninel für ihn ausgesucht hatte, passte zum Nachthimmel, der Lackierung der Limousine und den Ledersitzen. Rem war camoufliert: ein gesichtsloser Bürokrat, durch die Nacht gleitend.
Der Anzug war schon ein wenig älter, gekauft in Rom, als er dort rezident gewesen war. Gut geschnitten, saß immer noch perfekt. Seit jenem Auslandseinsatz litt Rem an Grauem Star, Arthrose und genetisch bedingtem Bluthochdruck, ohne dass er ein einziges Kilo zugenommen hätte. Der Wagen kam unter dem Lichtschein einer Straßenlaterne zum Stehen. Rem sah, dass die Schuhe etwas staubig waren; er beugte sich vor und wischte sie sauber. Auch die Schuhe hatte Ninel ausgesucht, aber er hatte sie seit Langem nicht mehr getragen, und sie hatte vor lauter Eile vergessen, sie zu putzen. Da war nichts zu machen. Ninel sah das große Ganze. Rem sah alles andere.
Und jetzt sah er nur eins: die Gefahr, der sein amerikanischer Top-Agent ausgesetzt war, der im »Forst« unter dem Namen Dr. B bekannt war; diese Gefährdung war auch der Grund, warum der Direktor Rem in der vorigen Woche erlaubt hatte, über den Zeitpunkt der obligatorischen Pensionierung hinaus im Amt zu bleiben.
Rem hatte den Report über das Treffen mit Dr. B in jener Woche mindestens zehnmal gelesen. Er hatte den Führungsoffizier zu Körpersprache, Tonfall und Mimik von Dr. B befragt: jede seiner Eigenarten ein Baustein im Profil des wertvollsten Maulwurfs des SWR innerhalb der CIA, den es je gegeben hatte.
Kurzum: Dr. B war gestresst und besorgt – was sogar in seinem Bericht über die Geheimoperation durchschien –, aber nicht panisch. Dafür war der Spion Dr. B zu cool, wenngleich er – wie auch Rem – angemessen besorgt war, die dramatischen Ereignisse in jener Woche könnten ihre gemeinsame Mission gefährden. Rem empfand einen gewissen Stolz, dass das Chaos Dr. Bs Produktivität nicht verringert hatte. Gerade erst am Morgen hatte er dem Direktor einen Stapel von Dr. Bs Berichten vorlegen können, darunter mehrere Analyse-Artikel der CIA und Sitzungsprotokolle des US-amerikanischen Nationalen Sicherheitsrats in Bezug auf Russland. Der angeforderte Bericht zu China würde, so hatte Dr. B versprochen, als Nächstes fertig werden, vielleicht im Herbst.
Man war in dieser Woche enorme Risiken zum Schutz von Dr. B eingegangen; deshalb fürchtete Rem – nein, wusste es –, dass man diese auch in den kommenden Wochen und Monaten immer wieder würde eingehen müssen. Doch darum würde er sich später kümmern. Heute Abend hatte er noch jede Menge zu erledigen. Er musste eine Schadensfeststellung durchführen. Musste undichte Stellen stopfen. Schon bald leuchtete Moskau durch die Heckscheibe der Limousine wie ein orangefarbenes Lichtband. Rem war froh, die anderen Tabletten nicht eingenommen zu haben; schon jetzt war er ziemlich müde.
In glücklicheren Zeiten war Sankt Katharina ein Konvent gewesen. Das Nonnenkloster war in einem Sonnenblumengelb gestrichen, das in der Dunkelheit auf unheimliche Weise erstrahlte. Reihen weißer Säulen zierten die Fassade. Rem hatte das Kloster ausgewählt, weil hier wenige jener Umbauarbeiten erforderlich waren, die normalerweise mit der Errichtung eines inoffiziellen Gefängnisses einhergingen. Der schwierigste Teil war am Ende die Umsiedelung der Nonnen gewesen, die einen solch erbitterten Widerstand geleistet hatten, wie man es von einem halben Dutzend Siebzigjähriger nicht für möglich gehalten hätte. Letztlich wurde der Direktor darüber informiert, der den Leiter der Präsidialverwaltung anrief, der wiederum dem Patriarchen zweifellos ein bisschen Cash hinwarf. Die Nonnen wurden in ein Kloster unweit von Nischni Nowgorod umgesiedelt, die ehemalige Kapelle zu einer speziell ausgestatteten Gefängniszelle umfunktioniert. Der düstere Steinkeller war zu einem Verhörraum umgewandelt worden. Allerdings mochte Rem dieses Wort nicht. Es waren ja nur Gespräche, selbst wenn die andere Person gelegentlich kopfüber hing oder an den Armen emporgezogen, bis sie ohnmächtig wurde, oder eine Zeit lang in einer traumähnlichen Welt ewigen Lichts und Lärms eingesperrt war.
Aus Rems Perspektive hatte Samuel Joseph die Mundwinkel zu einem heiteren Lächeln hochgezogen, aber es war nur eine Grimasse; Joseph hing mit dem Kopf nach unten, die Füße mit einem am Dachsparren befestigten Seil gefesselt. Einen Augenblick beobachtete Rem Samuel, wie dieser hin und her schwang, wobei seine Haare über den Boden wischten. Der Amerikaner war aus Singapur entführt worden. Auf der Reiseroute hatte man ihm immer wieder Ketamin gespritzt, als Transportmittel hatten unter anderem gedient: Lieferwagen, Schiffscontainer, Militärtransportflugzeuge und Hubschrauber. In Sankt Katharina befand er sich seit höchstens zwei Stunden. Die meiste Zeit davon kopfüber, damit er sich entspannte, in die Gänge kam.
»Holt ihn runter«, befahl Rem.
Sie saßen an einem Holztisch voller öliger Flecke. Hier, dachte Rem, mussten die Nonnen das Essen zubereitet haben. Samuel trug einen weiten grauen Overall. Seine Augen waren rot gerändert und lagen tief in den Höhlen wegen des Ketamins, die Wangen waren gerötet, weil er kopfüber gehangen hatte. Rem ließ Tee kommen, sie tranken schweigend. Samuel wich seinem Blick aus. Als Rem ausgetrunken hatte, legte er die Handflächen auf den Tisch, änderte seine Sitzposition – und zuckte zusammen. Verfluchte Hämorrhoiden.
»Sie sind in Singapur mit Boris Golikow zusammengetroffen.«
»Ich habe einen Mann namens Boris getroffen. Kurz. Im Casino. Small Talk. Wie er hieß, habe ich erst erfahren, als Ihre Männer mich gekidnappt haben. Diese Festnahme ist illegal. Diese …«
Rem unterbrach ihn: »Was hat er Ihnen erzählt?«
»Meine Festnahme ist illegal.«
»Das erwähnten Sie bereits. Was haben Sie ihm gesagt? Was hat er Ihnen gegeben?«
»Er hat mich nach meinem Lieblingswhisky gefragt.«
»Was trinken Sie?«
»Macallan.«
»Wie alt?«
»Weiß ich nicht.«
»Welcher Mann weiß denn nicht, wie alt sein Lieblingswhisky ist.«
»Zehn Jahre.«
»Was hat Golikow getrunken?«
»Springbank. Wir haben uns über Whiskymarken unterhalten. Wir haben über nichts anderes gesprochen.«
»Was hat er Ihnen übergeben?«
»Das sagte ich bereits. Nichts.«
»Warum lagen in Ihrem Hotelzimmer 100.000 Dollar in bar?«
»Ich befand mich in einem Spielcasino.«
»Sie haben kein Geld auf ein Konto im Casino überwiesen.«
»Ich ziehe Bargeld vor. Fühlt sich für mich echter an.«
»Sie sind ein CIA-Agent.«
»Nein. Ich bin ein Beamter des Außenministeriums.«
Rem lachte. »Ach ja. Aber Sie waren mit einem Touristenpass in Singapur.«
»Wie gesagt: Ich war in Singapur des Glücksspiels wegen. Nicht, um zu arbeiten.«
»Ist ein weiter Weg, um Karten zu spielen. Nach Las Vegas fliegt man – wie lange? – drei Stunden von Washington?«
»Ich besuche gern neue Orte.«
Rem machte eine kurze Pause, betrachtete eindringlich den vor ihm sitzenden Mann. »Wie geht es dieser Tage eigentlich Artemis Aphrodite Procter?«
»Wem?«
»Sie kennen die Frau nicht? Wie schade. Denn sie ist etwas Besonderes. Ein Juwel in Ihrem erbärmlichen Geheimdienst.« Rem beugte sich vor. »Unseren Akten entnehme ich, dass man Sie in Syrien verhört hat, wenn auch nur kurz. Also, wir haben die syrischen Geheimdienste ausgebildet, deshalb glauben Sie vielleicht, Sie können aushalten, was wir mit Ihnen anstellen werden. Aber das schaffen Sie nicht. Und aus diesem Grund: Es gibt keine Uhr. Wir können Sie hier für immer festhalten. Niemand wird kommen. Man weiß nicht, wo Sie sich befinden, auch nicht, wer Sie verschleppt hat. Oh, natürlich haben Ihre Leute ihre Vermutung, aber sie können es nicht beweisen – es gibt keine Spur, die von Singapur nach Russland führt. Also werden wir Sie hier festhalten, solange wie nötig, bis Sie uns geben, was wir haben wollen. Wenn Sie mir erzählen, warum Sie in Singapur gewesen sind und was Boris zu Ihnen gesagt hat, werde ich Sie persönlich zur US-Botschaft fahren. Das kann heute Abend geschehen. Es kann in diesem Moment geschehen. Sie müssen es mir einfach nur sagen. Wir sind keine Monster. Und Sie wissen, wie wir vorgehen. In Spionagefilmen sieht man immer, wie wir Russen Fingernägel ausreißen, Nieren und Hoden Stromstöße verabreichen, euch mit Bleirohren bewusstlos schlagen und manchmal zur Sicherheit noch einen Genickschuss verpassen. Als wären wir die amerikanische Mafia. Und wissen Sie was? Nach ein paar Wochen von dem, was wir Sie durchmachen lassen, werden Sie um die relativ angenehme Erfahrung der Elektroschocks oder ein wenig oberflächliches Geschnippel betteln. Sie werden um Prügel mit einem Eisenrohr bitten. Denn Sie werden – außer Sie kooperieren – in einen finsteren und weitaus unheimlicheren Wald reisen. Sie werden nichts hören, beziehungsweise es wird so laut sein, dass Sie nichts anderes hören. Es wird kein Licht da sein, oder nur so viel, dass Sie nichts sehen können. Sie werden allein sein, so allein, und wenn Sie es nicht sind, werden Sie wünschen, Sie wären es. Sie werden jedes Gefühl für Zeit und Ort, jegliche Zufriedenheit, Wahrheit und Schönheit verlieren. Sie werden um jemanden betteln, der Ihnen in die Haut schneidet, damit Sie etwas spüren.« Rem stand auf und packte die Rückenlehne seines Stuhls. »Also, ich habe viel geredet. Über sehr düstere Dinge. Samuel, ich habe dem Ersten Direktorat angehört. Ich bin eine Art Künstler, kein Gangster. Ich muss sagen, ich mache mir nichts aus dieser Arbeit, doch ich habe meine Gründe, so unappetitlich dies alles auch sein mag. Also raus mit der Sprache. Golikow – was hat er Ihnen gesagt?«
»Er hat mir gesagt, dass er Springbank trinkt.«
Rem blickte hinauf zur Überwachungskamera über der Tür. »Wir sind fürs Erste fertig. Bringt ihn in die Kiste.«
Bei Sams »Kiste« handelte es sich um eine irrwitzig stille Welt aus grellem Licht und einhüllender Dunkelheit, eisiger Stille und brüllendem Lärm. Sechs von dickem Kunststoff geschützte Leuchten waren in die Decke eingelassen. In unregelmäßigen Abständen wurden ihm auf einem Gummitablett eine Gummitasse voll Wasser sowie ein Gummiteller mit Kräckern, Brot und Brocken sauer eingelegten Fischs gebracht. In einer Ecke stand ein Gummi-Toiletteneimer. Obwohl er nicht überfloss, konnte Sam sich nicht daran erinnern, dass ihn je jemand geleert hatte. Sam trug einen grauen Overall mit achtzehn Fransen an den Hosenbeinen. Er hatte sie wohl ein Dutzend Mal gezählt.
In der Zelle konnte er nicht ganz aufrecht stehen. Immerhin konnte er sich hinlegen. Er konnte mit dem Rücken an eine Wand gelehnt sitzen. Der Raum war quadratisch. Mit zehneinhalb Schritten, Fersen zu Zehen, gelangte man von einer Seite zur anderen. Die Wände waren mit dickem Stoff bespannt. Sichtbare Schrauben oder Nieten gab es keine. War das Licht eingeschaltet, waren auf dem Stoff kleine rote Sternchen zu erkennen.
Einmal hatte Sam, in der oberen Ecke rechts von der Tür, einen ausgefransten Streifen des Stoffs entdeckt. Als er daran gezogen hatte, ging die Tür auf, und man sagte ihm, er solle damit aufhören. Er hatte so lange nicht mehr mit jemandem gesprochen, dass er einfach weiter an dem Stoff riss – er erhoffte sich davon eine Prügelei, ein Gespräch, so wie es dieser Alte gesagt hatte, jemanden, der ihn dazu brachte, etwas zu spüren. Und dann kamen zwei Männer durch die Tür gestürmt. Sie gaben ihm eine Spritze in die Schulter; als er aufwachte, war der Stoff geflickt. Sams Erinnerung, seine Existenz hatte sich auf die Zelle und jene Nacht in Singapur reduziert. Allmählich glaubte er, davor kein Leben gehabt zu haben. Die CIA existierte nicht. Procter nicht. Natalie nicht. Das Leben bestand aus einer verpatzten geheimdienstlichen Operation in Singapur und dieser Zelle, die, so vermutete er, in Russland lag, was er aber natürlich nicht wissen konnte. Manchmal fragte er sich, ob seine »Kiste« sich womöglich in einem Raum weiter hinten im Flur im Sands Detention Center befand.
Sie wussten natürlich, wer er war. Er war in Syrien auf russische Geheimdienste getroffen, Jahre zuvor, wie der alte Mann gesagt hatte. Sie wussten, dass er CIA-Agent war. Aber ihn auf diese Weise festhalten? Der einzige Weg nach draußen wäre, zurückzuhalten, was sie haben wollten. Wenn er ihnen verriet, was Golikow ihm anvertraut hatte, würden sie ihn niemals laufen lassen. Möglicherweise würden sie das sowieso nicht tun, aber sobald er dem Alten verraten hätte, was Golikow gesagt hatte, könnten sie ihn auf gar keinen Fall ziehen lassen, nicht einmal in einem Sarg. Die einzige Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren, bestand darin, alles tief in sich zu bewahren.
