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Sie ist die Tochter des Todes – dazu bestimmt, die Welt für ihn zu zerstören. Die Apokalypse bricht aus und Elithalia ist ihre Herrscherin. Der Mann, den sie liebte, ist ihr größter Feind. Die Welt, die sie hasste, gehört ihr. Wird Elithalia sie retten oder für die Ewigkeit verdammen?
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Seitenzahl: 457
Veröffentlichungsjahr: 2025
Anastasia Spitsin
(Band 2)
Shaped in Fire: The Fury Of The Phoenix
© 2025 VAJONA Verlag GmbH
Lektorat: Sandy Brandt
Korrektorat: Désirée Kläschen und Susann Chemnitzer
Umschlaggestaltung: Stefanie Saw
Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz
VAJONA Verlag GmbH
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
Für alle verbrannten Herzen. Das Feuer ist die Asche wert.
Elithalia ist Teil der tödlichen Auswahl. Sie zieht zusammen mit tausend anderen Frauen in das Schloss und hofft, die Auswahl zu überleben und eines Tages Königin oder Prinzessin eines der sechs Königreiche zu werden. Im Schloss erhebt Endillion, der Prinz von Envalasien, Anspruch auf sie und macht sie zu einer seiner drei Anwärterinnen, um sie vor den Priesterinnen zu beschützen. Jedoch wird dieser Anspruch später von seinem Vater, dem König, aufgelöst, weil sich herausstellt, dass Elithalia Prinzessin von Envalasien ist. Ihre Freundin Luciana wird vergiftet und Elithalia begibt sich zu der magischen Wand, wo sie aus dem Fluss das magische Wasser holt. Cassander erwischt sie dabei und Elithalia flieht hinter die Wand. Dort findet sie eine apokalyptische Welt vor, die von Phönixen und deren Flammen beherrscht wird. Elithalia verspürt eine besondere Bindung zu dieser anderen Welt, Cassander holt sie jedoch zurück in das Schloss, wo sie ihre Freundin rettet. Elithalia und Luciana überleben eine Herausforderung nach der anderen und kommen dem Ziel, Königin zu werden und die Auswahl zu überleben, immer näher. Elithalia entwickelt jedoch Gefühle für Cassander. Sie fliehen zusammen hinter die Wand. Elithalia wacht auf und stellt fest, dass Cassander sie in der anderen Welt allein gelassen hat. In ihrem Zorn zerstört Elithalia die Wand, die die Welten voneinander trennt, und die Apokalypse bricht aus.
Von Aniria
Der Prinz von Corlandor ahnte nicht, dass er eines Tages den Phönix erschaffen und die Apokalypse heraufbeschwören würde.
Ein Geist glitt durch das Fenster und verließ das Zimmer der Frauen. Denn der Seelenleser näherte sich. Die Tochter des Todes – sein Ziel. Er hatte sie im Speisesaal gesehen, ihren Blick getroffen und sich in den Augen verloren, die alle Farben seiner Welt reflektierten.
Die Türklinke senkte sich. Der Seelenleser trat in den Raum. Elithalia erhob sich vom Bett, ein dünnes Schlafhemd umhüllte ihren Körper. Doch sie wich nicht zurück, floh nicht zum Fenster. Stattdessen trat sie vor das Bett ihrer Freundin und stellte sich dem Prinzen in den Weg. »Nicht sie.«
Der Verstand des Mannes flüsterte ihm, die Zeit, die Prophezeiung zu zerstören, sei gekommen.
Das Schicksal der Welt lag in seinen Händen und er war fest entschlossen, den Phönix zu vernichten. Die Welt sollte vor dem Untergang bewahrt werden und er, der Hüter des Lebens, war verpflichtet, den Auslöser der Apokalypse zu finden und zu zerstören.
Doch sein Herz hatte sich im ersten Augenblick in die Seele der Frau verliebt. Da wusste er, das Ende der Welt ist gekommen.
Elithalia hob die Arme und Flammen entzündeten sich, brannten wie die verbotene Liebe ihrer Eltern. Bei ihrer Geburt hatte ihre Mutter darum gebeten, dass ihr Kind beschützt und stark sein würde, um einer Welt voller Sünden zu trotzen.
Der Tod an ihrer Tür hatte zugehört und ihrem Wunsch entsprochen. Die Menschheit hat zu viele Fehler begangen. Also schickte er seine Tochter in der Form ihrer Sünde. Ihre einzige Aufgabe – die Welt zu zerstören.
Zweiundzwanzig Jahre vergingen, und in diesem Augenblick standen sich das Leben und der Tod wieder gegenüber. Die Welt hielt den Atem an. Ihre Blicke trafen sich. Gegenwart verlor sich in Vergangenheit und Zukunft.
Cassander las in ihrer Seele, sah ihren Schmerz, das Leid, das die Welt ihr zugefügt hatte.
Einen Dolch aus Boyleir zog der Sohn des Lebens und presste die Klinge gegen die Brust der Tochter des Todes. Er hoffte, dass sie den Blick abwenden, schreien und die Augen schließen würde – doch sie hielt stand, sah ihn an und fesselte seinen Verstand mit der Tiefe ihrer Seele.
Je länger er in ihre Augen sah, desto schwächer wurde sein Wille, sie zu töten.
»Es ist meine Pflicht, dein Leben zu nehmen«, sagte er, mehr zu sich selbst als zu ihr.
»Warum?«, flüsterte sie, unfähig, sich zu bewegen, in dem Augenblick verloren.
Auch sie spürte die unerklärliche Verbindung zu dem Mann.
»Weil du meine Welt in Asche legen wirst.«
Rotes Licht schlich durch das Fenster und über die Wände. Der Gesandte des Todes war bereit, die Tochter seines Herren zu beschützen. Ihre Stunde war noch nicht gekommen. Nicht solange der Prinz von Corlandor nicht bereit war, sie zurückzuholen – und einen hohen Preis dafür zu zahlen. Seine Welt dem Tod zu überlassen, sie für die Frau zu opfern.
»Warum tust du es dann nicht?«
Seine Finger verkrampften sich um den Dolchgriff, den er nicht einmal brauchte. Mit seinem Willen hätte er ihren Geist brechen können. Doch er berührte ihre Seele und ein Feuer entfachte sich in seinem Herzen, füllte es mit Wärme, vertrieb die ewige Kälte.
»Ich werde es tun.« Er ließ den Dolch sinken. »Nur nicht heute.«
Fragend neigte sie den Kopf zur Seite. Wie sollte sie mit dem Wissen leben, dass er eines Tages kommen würde, um ihr Leben zu nehmen?
Der Mann sah ihr in die Augen, berührte ihre Seele. Er ging und nahm die Erinnerungen der Frau an die Begegnung mit.
Doch es lag nicht an ihm, ob die Frau lebte oder starb. Egal wie oft er sie zurückholen mochte, sobald die Tochter die Aufgabe ihres Vaters erfüllt hatte, wollte der Tod sie wieder an seiner Seite haben.
Ich fürchtete mich nicht vor den Toten. Ich war eine von ihnen.
Irgendwo zwischen dem ersten Blick in seine grünen Augen und dem Stoß des Dolches in mein Herz liebten wir uns. Doch die Liebe verbrannte zusammen mit der Welt, die er sehnsüchtig zu beschützen versuchte.
Die Grenze zwischen meinen Träumen und der Realität verschwamm wie das Bild vor den Augen. Ich erwachte und fragte mich, ob diese Realität nicht real sei. Ob ein Traum meine Seele gefangen hielt.
Schwarzer Schleier überzog die Wände des Saals. Asche bedeckte jeden Winkel des Gebäudes. Von dem majestätischen Prinzessinnenschloss war kaum etwas übrig geblieben. Kein Kichern von Frauen, kein Zeichen von Leben. Ich hörte Menschen atmen, reden, doch Leben spürte ich nicht. Es war, als ob die Welt um mich herum in einen endlosen Albtraum versunken wäre, in dem die Grenzen zwischen Realität und Illusion verschwammen und die Lebendigkeit der Existenz verloren ging.
Ich saß auf dem Parkettboden. Die Kälte der glatten Oberfläche fraß sich in meine Haut, schlich durch das Kleid.
Der Aschethron glühte, fesselte meinen Blick. Das Zusammenspiel aus Kohle und Flammen beherrschte den Raum. Hitze strömte von ihm aus, umschlang den Körper und tränkte meinen Geist in der Gier nach Feuer, in dem Wunsch nach Zerstörung.
Ich sah aus dem Fenster. Phönixe beherrschten den Himmel, setzten die Welt in Flammen, machten sie sich zu eigen und widmeten sie dem Untergang.
Die Macht wachte in mir auf, pulsierte in den Venen, breitete sich aus und beherrschte meinen Körper. Ich biss die Zähne zusammen, presste die Augen fest aufeinander. Nicht weil es mir Angst machte, sondern weil ich in das Feuer sah und mich mächtig fühlte.
Es zog mich an, verlangte, die Flammen einzusetzen. Die Energie prickelte auf meiner Haut, brachte sie zum Glühen. Während die Welt um mich herum starb, lebte ich, saugte ihr die Existenz aus, ernährte meinen Körper.
Ich hielt mich an dem Gefühl fest, mich in einen Geist zu verwandeln, sobald die Flammen erloschen. Ich war tot, die Seele gefangen in dem Feuer der Zerstörung.
Ich drehte die Schultern, ballte die Finger zu Fäusten und entspannte sie wieder. Die Bewegungen erinnerten mich an meine Existenz, an den Körper.
Schreie drangen zu mir, vibrierten durch die steinernen Mauern und rissen mich aus meinen Gedanken. Die Priesterinnen im Kerker unter dem Schloss taten mir überhaupt nicht leid. Nach allem, was sie den unschuldigen Frauen jahrtausendelang angetan hatten, hatten sie ihr Schicksal verdient.
Sie würden brennen. Und ich würde zusehen, die Flammen genießen. Für eine Apokalypse war es ungewöhnlich kühl in meiner Seele.
Die Lider fest aufeinandergepresst, holten mich die Bilder der Abgründe des Gefängnisses und der verlorenen Seelen unter mir ein. Druck baute sich auf meinen Schultern auf, wollte mich durch den Stein nach unten pressen. Ich kämpfte gegen das Gewicht der Gedanken an.
Sehnsucht durchflutete mich, raubte mir den Atem und verlangte nach etwas, nach jemandem, verborgen unter dem Thronsaal. Ich stützte mich ab und legte mich hin. Mein Kopf traf auf die harte Oberfläche, ich schloss die Augen und plötzlich löste sich der Boden unter mir auf wie dünnes Eis über tiefem Wasser.
Meine Lider brannten. Meine Seele verwandelte sich in einen Geist, glitt durch den Stein hindurch, sank tiefer und tiefer, als wäre das Eis unter mir zersplittert und hätte mich den finsteren Gewässern eines Sees übergeben.
Die Geister der verstorbenen Frauen schweiften durch die Gänge. Auch ich war tot – eine von ihnen.
Ich sah einen Mann. In einer Zelle saß er auf dem Boden. Die Asche verbarg das Grün seines Anzuges. An den roten Locken, die einst im Sonnenlicht wie Kupfer geschimmert hatten, klebte Dreck. Ein schwarzes Tuch bedeckte sein Gesicht, versteckte die Augen, die aus einer vergangenen Realität stammten.
An der Schüssel mit dem Brei knabberte eine Maus. Sie schlug mit dem Schwanz und warf das Stroh um sich.
Er sollte das nicht mehr essen. Genau wie es mir egal sein sollte, ob er es tat.
Der Sauerstoffmangel verkrampfte meine Lunge. Sie brannte, schmerzte und zog sich zusammen.
Als hätte mich jemand unter Wasser gehalten, öffnete ich die Augen, schnappte gierig nach Luft, befand mich wieder im Thronsaal. Schweißtropfen rollten meine Stirn herunter. Mit den Fingern massierte ich mir den Hals, vertrieb mit der rhythmischen Bewegung das Brennen aus der Kehle.
Ich erhob mich. Die Flügel zogen mich zurück zum Boden, ich verlor das Gleichgewicht und kippte nach hinten. Die Füße rutschten auf dem glatten Parkett, doch ich fing mich rechtzeitig wieder auf. Ich drehte die Schulter, spannte den Rücken an und balancierte die Flügel aus. Ich gewöhnte mich erstaunlich schnell an sie. Nach zahlreichen Stößen gegen die eine oder andere Ecke hatte ich gelernt, an sie zu denken.
Wahnsinnige Schmerzen hatten mich für Tage ans Bett gefesselt. Die Muskeln waren unter dem Gewicht der riesigen Flügel gerissen und hatten geblutet. Mittlerweile fühlten sie sich jedoch wie ein zweites Paar Arme an, wurden zu einem Teil von mir.
Auch jetzt strahlten sie Hitze aus und erwärmten meinen Körper.
Ich sah zu den klingenartigen Federn, fuhr mit dem Finger über ihre heiße Oberfläche und fragte mich, wie es sich wohl anfühlen würde, sich an ihnen zu schneiden und das Blut fließen zu sehen.
Eine Träne lief meine Wange herunter und zerbrach auf dem Parkett, eine Feuerzunge bildend. Mit einem Schritt zerquetschte ich sie mit mehr Gewalt, als nötig gewesen wäre. Als könnte ich die Gefühle, die diese Träne ausgelöst hatte, zermahlen.
Dann verließ ich den Thronsaal. Ich wusste nicht einmal, wieso ich weinte. Ich fühlte mich leer und vielleicht entschied sich das Wasser, meinen Körper zu verlassen. Bis von mir nichts mehr übrig blieb außer Feuer und Asche.
Ich bewegte mich durch die düsteren Korridore des Schlosses. Das Gefühl seiner Anwesenheit blieb wie ein Schatten in meinen Gedanken. Der Prinz war unten eingesperrt, schlich sich jedoch ständig in meinen Kopf.
Männer kamen mir entgegen, blieben stehen und verneigten sich. Ich lief an ihnen vorbei. Fremde Gestalten füllten die Zimmer, ihre Gesichter mir unbekannt. Die Gesandten aller Königreiche und ihr Adel waren vor wenigen Tagen angereist, um die Lage zu besprechen.
Ihre Gesichter zeichnete Sorge um die Bewohner ihrer Reiche. Doch ich wusste, sie kümmerte nur die Sicherung ihrer Macht.
Sie sprachen und sprachen, bis meine Ohren bluteten. Ein endloser Strom von Worten und Phrasen, die mich erwürgten. Sie wollten Antworten von mir, verlangten eine Lösung für die Welt, die in Flammen stand. Doch ich hatte keine zu bieten. Ich wusste, wie man das Feuer entzündete. Nicht wie man es löschte.
Wir versammelten uns in einem Raum, dessen gesamte Fläche ein runder Tisch beanspruchte. Das rote Holz diente seit Jahrhunderten den wichtigen Versammlungen. Kerben und Kratzer zeichneten seine Oberfläche, erzählten die Geschichte vergangener Entscheidungen und Diskussionen. Entscheidungen, die Kinder zum Sterben verurteilt, falsche Hoffnungen in ihre Herzen gepflanzt und wieder erstickt hatten.
Ich blickte aus dem Fenster. Die Sonne hatte eine rote Farbe angenommen, als hätte das in der Nacht vergossene Blut sie verschmutzt, und tauchte alles in einen warmen Ton des ewigen Weltuntergangs. Nicht mal am Tag konnte ich den Konsequenzen meiner Entscheidungen entkommen. Oder sie für eine Weile vergessen.
Die rote Sonne nahm ihre Herrschaft am Himmel an, die Phönixe und Flammen versteckten sich in einer anderen Realität. Doch in der Nacht wachten sie auf. Mit ihren Flügeln verbreiteten sie die Flammenzungen überall, wo sie hinflogen.
Das Wasser im See brannte jede Nacht glühend rot. Am Tag war es schwarz und giftig.
Ein Husten zog meine Aufmerksamkeit zurück in den Raum. Der Vertreter von Laurencia entschuldigte sich, wischte sich die Nase mit einem Tuch ab und steckte dieses hastig in die Innentasche seiner Anzugjacke.
Sechs Gesandte aus jedem der Königreiche verteilten sich um den runden Tisch und stellten sich hinter die Erstgeborenen. Sie verfolgten jede meiner Bewegungen, Regungen und Emotionen, warteten auf meine Fehler.
Ich ließ mich auf den Platz neben Leviathan nieder. Die Männer neigten ihre Köpfe zur Begrüßung und setzten sich.
Ich blickte in die Leere, versuchte die Gedanken auf die Versammlung zu fokussieren, nicht an die rote Sonne zu denken, nicht an die Phönixe, die ich in diese Welt gebracht hatte. Die Silhouetten der Männer zeichneten sich in meinem Blickwinkel ab, drangen jedoch nicht bis in meine Gedanken ein.
Ich blickte zu dem leeren Stuhl und ein schwerer Kloß bildete sich in meinem Hals. War es wirklich meine Schuld, dass die Wand gefallen war? Oder war es der Betrug des Prinzen von Corlandor, der mich dazu gebracht hatte?
Manchmal fragte ich mich, ob er sich überhaupt schuldig fühlte. Für das, was geschehen war, für die Toten, die im Feuer der Phönixe verbrannten.
Natürlich nicht. Er hatte versucht, mich umzubringen. Der wahre Ritter, der die Welt retten wollte. Doch ich hatte sie verdammt. Wegen ihm.
Mein Brustkorb zog sich zusammen. Ich spürte die Wunde in meinem Herzen. Die Stelle, durch die er seinen Dolch gestoßen hatte. Sie blutete, brannte. Ich sah es nicht. Keiner sah es. Doch ich spürte sie. Wie sie mich von ihnen zerfraßen, meine Gedanken zum Moment meines Todes zurückjagend.
Ich schluckte den Schmerz hinunter, blinzelte und konzentrierte mich auf die Anwesenden. Mit einem tiefen Atemzug machte ich mich für einen weiteren Tag bereit. In dieser Männerwelt, in der die Männer eine Frau fürchteten.
»Envalasien bekommt Schwierigkeiten, die Felder zu erhalten«, sagte der Vertreter des Königreichs, in dem ich Endillions Behauptung nach geboren bin.
»Dann sollte die Herrscherfamilie sich besser bemühen.« Ich vermied Endillions Blick. Besuchte er seinen Freund im Gefängnis? Hat er von dem Vorhaben, mich umzubringen, gewusst?
»Schmieden in Boyleir geraten außer Kontrolle«, sagte der Gesandte aus Vasarien.
»Dann sollte die Herrscherfamilie sich besser bemühen«, wiederholte ich trocken. Hatte der Prinz von Corlandor den Dolch in diesen Schmieden in Auftrag gegeben? Hatten sie die Waffe für meinen Tod geschmiedet?
»Der Schnee in Kass fängt an zu schmelzen.« Kyles Stimme klang müde. Er wusste meine Antwort bereits.
»Dann sollte die Herrscherfamilie sich besser bemühen.«
Ich wiederholte es immer und immer wieder, genau wie gestern und die Tage davor.
»Wie steht es um Talnaeron?«, erkundigte sich Leviathan. Nachdenklich drehte der dunkle Prinz einen Finger in der Luft. Ein Wirbel aus Asche bildete sich und stieg empor.
Ich konzentrierte mich auf seine Bewegung, füllte meine Lunge mit Sauerstoff und brachte mit einem einzigen Gedanken die Teilchen zum Glühen. Seit dem Anbruch der neuen Zeit beherrschte ich meine Macht so mühelos wie das Atmen.
Ein Gedanke – ein einziger Wunsch, und die Welt verbrannte zu Asche unter meinen Füßen.
»Die Gelehrten berichteten, keine Kreaturen gesehen zu haben. Die Städte bleiben auch in der Nacht ungerührt«, antwortete Trevelyan, der Vertreter der Stadt des Wissens und der Gerechtigkeit, die unabhängig bleiben würde. Die Bücher und das Wissen, für die Talnaeron eine ewige Quelle war, waren in Sicherheit. Auch der Gesandte wirkte entspannter als die anderen. Wieso die Phönixe die Stadt als Einzige nicht angriffen, blieb unklar.
»Die Kronen der Bäume von Corlandor fangen immer wieder Feuer«, bemerkte der Vertreter, der in den letzten Tagen eher als stiller Beobachter aufgetreten war. Ohne den Prinzen an seiner Seite hatte er sich bisher nicht zu sprechen getraut.
Ich zuckte bei der Erwähnung zusammen. Das Königreich verfolgte mich in meinen Gedanken, doch weder der Name des Prinzen noch der seines Reiches wurden ausgesprochen. Ich blickte zu dem Mann. Sein grünes Gewand erinnerte mich an den Sommer, einen immergrünen Wald. Für einen Augenblick sah ich an seiner Stelle seinen Herren, blinzelte jedoch und verfluchte meinen Verstand. Verflucht sei das grün, verflucht sei der Prinz.
Auch wenn mir eine Stimme zuflüsterte, dass wir alles, was brannte, niederbrennen lassen sollten, wusste ich nicht, ob es mein eigener Gedanke oder der des Gesandten des Todes war. Manchmal konnte ich seine Stimme von meiner eigenen nicht mehr unterscheiden.
Die Erstgeborenen hatten meine Herrschaft über die Welt akzeptiert. Alle außer Cassander. Und sie setzten alles daran, ihre Bewohner und Städte in der Nacht zu beschützen.
Doch Cassander war sein Königreich wichtiger als sein Stolz. Wichtiger als sein Titel.
Wichtiger als mein Leben.
»Ich werde sehen, was ich tun kann.« Ich richtete den Blick auf den Mann und zwang die Mundwinkel in einem müden Lächeln nach oben.
»Vielen Dank, Mylady.« Er nickte, Dankbarkeit lag in seiner alten Stimme.
»Sie ist deine Königin.« Leviathan hob den Kopf, der Wirbel um seinen Finger löste sich auf.
Ich biss auf die Innenseite meiner Wange, schmeckte Blut auf meiner Zunge. Der Geschmack war mir vertraut. Er beruhigte mich beinahe.
Alle Augen richteten sich auf den Mann, der fassungslos dastand, als ob er das Gewicht der Worte erst noch begreifen müsste. Sein Blick glitt von mir zu Leviathan, die Hände zitterten. Nervös drehte er mit dem Daumen einen Ring an seinem Zeigefinger.
Er traf meinen Blick, der Bann brach und er verneigte sich in einer tiefen Verbeugung. »Meine Königin.«
Leviathan löste die Versammlung auf. Einer nach dem anderen standen die Prinzen auf, gefolgt von ihren Vertretern, und verließen den Raum. Trotz ihrer Abwesenheit schien die Anspannung in der Luft zu verharren, als hätte sie sich fest in den Wänden des Saals verankert.
Kyle zögerte im Türrahmen und wandte sich noch einmal zu mir. Seine blauen Augen wirkten müde, dunkle Augenringe zeugten von seiner Erschöpfung. Von allen Menschen sollte er das Abbild von Gesundheit sein. Denn obwohl die Ansprüche der Prinzen aufgelöst und die Mädchen nun frei waren, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, wusste ich, dass Luciana sich für ihn entschieden hatte.
»Elithalia …«, sagte er, doch ich wusste bereits, was er sagen würde.
Ich hatte Luciana seit Tagen nicht gesehen, vermied den Kontakt, so gut ich konnte, und ging ihr aus dem Weg. »Ich kann ihr nichts außer Schmerz bieten«, unterbrach ich ihn, bevor er weiterreden konnte.
»Sie braucht dich.« Seine Hand umklammerte den Türrahmen, weiße Knöchel traten hervor.
»Ich kann ihr nicht in die Augen sehen.« Nicht nachdem ich ihre Welt zerstört hatte, indem ich sie zu meiner eigenen machte. Nachdem ich ihr ihre Träume und Ziele genommen hatte. Alles, woran sie geglaubt hatte, zu Asche verbrannt.
Ich schüttelte den Kopf und stand auf, den Blick starr auf die Wand neben ihm gerichtet.
»Ich konnte es. Du kannst es auch.« Schmerz schwang in seiner Stimme mit.
War das der Grund, wieso sie ihn nicht heilte? Wie sehr zerriss es ihr Herz, dass Kyle sich für ihre Sicherheit entschieden hatte, anstatt ihre Welt zu beschützen? Empfand sie den gleichen Schmerz wie ich, als Cassander sich für seine Welt entschieden hatte, anstatt mich zu beschützen?
Vielleicht war dies der Unterschied zwischen ihr und mir.
Kyle nickte Leviathan zu und verließ schließlich den Raum. Die Tür fiel krachend hinter ihm ins Schloss.
Der Boden dehnte sich unter mir aus. Ich blinzelte und stützte mich mit einer Hand an dem Stuhlrücken ab. Das Schwindelgefühl verfolgte mich seit Tagen.
Der Raum wirkte kleiner, als würden die Wände von allen Seiten auf mich zukommen und drohen mich zu erdrücken. Ein beklemmendes Gefühl der Enge umhüllte mich, ich rang nach Luft.
Luciana war meine Familie gewesen.
Ich hatte keine Familie mehr.
Ich schluckte, schritt zum Fenster und schlug es auf. Frische Luft strömte herein, spielte mit meinen Locken, kitzelte meine Wangen.
Der ewiggrüne Wald stand ungerührt da, die Berge erhoben sich weiß zu meiner Rechten. Doch selbst in dieser idyllischen Umgebung zeugten die vergifteten Wasser des Sees, die schwarze Wiese und der abgefackelte Garten von den Veränderungen, die die neue Zeit mit sich gebracht hatte.
Die Welt war nicht mehr dieselbe und ich konnte nicht anders, als an die traurigen Erinnerungen zu denken, die sich in diesen dunklen Gewässern verbargen. Mein Geist wanderte zu einem vergangenen Tag zurück. Die Violinistin hat ihre Violine zum Singen gebracht, die Frauen hatten sich auf dem Rasen gedreht, bis sie im Wasser ertranken.
»Du willst mit mir reden.«
Ich zuckte zusammen, hatte vergessen, dass Leviathan im Raum geblieben war.
Er saß weiterhin am Tisch, spielte mit dem Aschewirbel. Seine Stimme war lässig, aber seine Präsenz erstickend, als würde er die Luft im Raum kontrollieren.
Seit dem Tag, an dem er meine Herrschaft verkündet hatte, hat er sein Zimmer nicht ohne die Krone verlassen. Er hat es für mich entschieden, mich zur Königin gemacht. Zu seinem persönlichen Zugang zur Macht. Und ich war mir nicht einmal sicher, ob ich wirklich jemals hatte herrschen wollen.
Er warf einen fragenden Blick über die Schulter.
Ich musste mit ihm reden. Es war genug Zeit vergangen. Der Prinz im Gefängnis war eine Verschwendung. Wenn wir Corlandor nicht verlieren wollten, durfte er nicht länger im Kerker verrotten.
»Ich weiß, du vertraust ihm nicht, aber sein Königreich braucht ihn.« Ich drehte mich zu ihm, lehnte mich an die Fensterbank.
Ich musste den Namen nicht erwähnen, er wusste ganz genau, wen ich meinte. Den Prinzen, dessen Namen ich mir verboten hatte, auszusprechen. Ein Name, den zu bilden meine Zunge sich weigerte, als könnte allein das mir erneut einen Dolch in das Herz bohren.
Die Präsenz des Erben von Corlandor war unerträglich. Er musste fort. Fort zu seinem Königreich und weg von hier. Er durfte nicht länger bleiben, sonst würde ich verrückt werden.
»Vertrauen?« Leviathan lachte auf.
Ich legte den Kopf schief, verschränkte die Arme vor der Brust.
Er verdrehte die Augen und stand auf. Mit einem Schmunzeln kam er auf mich zu, seine Schritte ruhig und bestimmend.
Sein Blick durchdrang mich, wanderte über meine Flügel, mein Gesicht und blieb schließlich auf meinen feuererfüllten Augen stehen. »Wir brauchen ihnen nicht zu vertrauen.« Er hob seine Hand und strich sanft über meine Federn.
Die Berührung löste einen elektrischen Impuls aus, der in einem Verlangen durch meinen Körper hallte und mich scharf aufatmen ließ. Die Welle aus Wärme rollte über meinen Rücken, füllte meinen Brustkorb und brach an den Rippen in einer Explosion aus Feuer, erstickte die Luft. Jeder Nerv wachte auf, glühte und schrie danach, zu brennen.
Ich biss die Zähne zusammen, verdrängte das Gefühl.
Der dunkle Prinz zog seine Hand zurück und verengte die Augen.
Ich spannte die Muskeln an, versuchte, nichts von meinem inneren Aufruhr nach außen dringen zu lassen. Gänsehaut krabbelte an meinem Rücken hinab – die Berührung hallte nach.
»Wir sind mächtiger als alle von ihnen zusammen.« Seine Stimme war schwer von Überzeugung und einer Spur von Arroganz.
»Was ist dann das Problem?«
Wenn wir dem Prinzen von Corlandor kein Vertrauen schenken mussten, dann sollte er frei sein und seinem Königreich zur Seite zu stehen, anstatt seine Tage in einem dreckigen Kerker zu verbringen.
»Dein brennendes Herz.« Er hob die Hand und strich mir sanft eine Strähne hinters Ohr. »Und das, was passieren würde, wenn er es dir erneut brechen sollte. Ich lasse es nicht zu, dass er meine Welt in deiner Liebe untergehen lässt.«
Die Eisspuren der Geister knackten unter meinen Stiefeln. Sie bedeckten den verkohlten Rasen und zogen sich wie Risse über das schwarze, verbrannte Gras, ein zerbrechliches Geflecht aus gefrorenem Atem und Tod. Als wollten die Geister die Narben der Welt unter einer Schicht des Vergessens verstecken. Sie brannten jedoch durch sie hindurch, glühten in ihrem Schmerz.
Mein Blick wanderte hinauf zum See am Schloss. Die Seelen der verstorbenen Frauen flogen darüber hinweg. Ihre Bewegungen waren gehetzt, fast panisch, als wären sie Gefangene eines unsichtbaren Netzes, das sie über der Wasseroberfläche hielt. Ihre Gestalten verschwammen, durchschnitten die Luft wie Blitze und wurden wieder langsamer.
Im Schloss glitten sie an mir vorbei, nur einen Hauch von Kälte hinter sich lassend, als wäre ich unsichtbar für sie. Doch hin und wieder hielten sie inne, verneigten sich und zogen weiter.
»Die Königin der Toten«, flüsterten Menschen in den Ecken der Gänge. »Denn Tod bringt sie in unsere Länder.«
Die Geister strömten in Scharen aus den hohen Fenstern und zerfallenen Türen, wirbelten in einem Chaos auf die Wiese hinaus, wohin auch ich meinen Weg lenkte. Die Scheiterhaufen ragten vor dem Rand des Waldes auf.
Ein grausamer Ort. Ein grausames Urteil.
Die Priesterinnen hier zu verbrennen, würde ihre Seelen zerschmelzen. Zumindest behauptete das der Gesandte des Todes. Seine Worte – die Quelle meiner Gedanken.
»Genau das, was sie verdienen.« Das rote Licht – der Gesandte des Todes, immer an meiner Seite, immer knapp außerhalb meines Blicks – flackerte in meinen Augenwinkeln. Ich versuchte, ihn zu erfassen, seine Gestalt zu greifen, aber er war wie Rauch, immer da, niemals greifbar.
»Was sie verdient haben«, flüsterte ich vor mich hin. Die Worte schmeckten nach Kohle in meinem Mund.
Ein schrilles Kreischen durchbrach die Luft. Über mir erhob sich der Flammenmond. Er rief die Phönixe, die aus dem Jenseits erwachten, Flügel schlagend, Funken in die Finsternis schleudernd.
Etwas regte sich in mir. Die Macht durchströmte mich, kroch über meine Haut, pochte in meinen Venen. Die Federn spannten sich an, ich spürte jede einzelne Klinge als ein Teil von mir. Ich atmete tief ein. Die Energie breitete sich in meiner Brust aus.
Vor den Scheiterhaufen versammelten sich die Prinzen, ihre Gesandten und jene, die die Auswahl überlebt hatten. Sie bemerkten meine Ankunft, die Gespräche verstummten.
Die Frauen hielten sich von mir fern. Ich weiß nicht, wovor sie mehr Angst hatten. Vor mir oder vor meiner Macht. Ich traf auf sie in den Gängen, hörte sie flüstern. Nach Jahren eines vorbestimmten Lebens wussten sie nicht, wie sie mit der Freiheit umgehen sollten. Ich wusste es genauso wenig. Doch ich war fest entschlossen, das Leid, das ihnen zugefügt worden war, zu rächen.
Ich blieb vor den Männern stehen. Die fünf großen Scheiterhaufen ragten wie schaurige Monumente vor mir auf, ihre schwarzen Silhouetten wuchsen in das Licht des Flammenmonds hinein.
Ein scharfes Klirren zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Die vasarischen Soldaten brachten die Priesterinnen. Sie zogen die Frauen hinter sich her. Dreck färbte die Umhänge braun. Der Stoff hing in Fetzen von ihren Schultern.
Voller Verzweiflung schlugen sie auf die Arme und Brüste der Männer, versuchten sich aus ihren Griffen zu befreien, zogen sie zurück. Tränen rollten über ihre Wangen.
Die vordere Frau, deren Namen ich nicht kannte, die ich jedoch immer wieder im Schloss gesehen hatte, fiel auf die Knie, weigerte sich, weiterzugehen. Der Soldat zerrte sie an den Armen weiter. Die Steine rissen ihr den Umhang auf, zerkratzen ihre Beine und färbten den Stoff rot.
»Sie wollen nicht sterben. Sie könnten uns noch nützlich sein.« Velonius stellte sich zu mir, kreuzte die Arme vor der Brust. Seine Stimme klang trocken, als würde er den Profit einer Investition abwägen, nicht den Wert des Lebens.
»Sie wollten auch nicht sterben.« Ich nickte zu den Geistern. Hinter den Scheiterhaufen bildeten sie eine Armee aus Weiß. Wüsste ich es nicht besser, könnte ich glauben, es wäre Nebel. »Sie werden für das bezahlen, was sie getan haben.«
Die Flüche der Soldaten und die Schreie der Frauen wurden lauter.
Mein Blick traf den der Oberpriesterin Monmery und ein Kloß schnürte mir die Kehle zu. Sie hielt ihren Kopf aufrecht und machte keine Anstalten, sich gegen die Hände des Mannes zu wehren, der sie führte.
Ich ballte die Hände zu Fäusten. Fingernägel gruben sich in meine Haut. Die Frau hatte den Tod so vieler zu verschulden. Tausender von Frauen, die in der Auswahl gestorben waren.
Auch mein Todesurteil hat sie unterschrieben, als sie mich in der Auswahl nicht weitergelassen hatte. Als sie mir die Papiere ausgehändigt hatte, mit denen ich nicht in das Schloss hätte einziehen dürfen.
Wusste sie das? Wusste sie, dass ich die Papiere ausgetauscht hatte? Dass ich gar nicht am Leben hätte sein dürfen?
Und doch war ich es. Und ich würde ihr Tod sein.
»Du weißt nicht, was du tust.« Sie schüttelte den Kopf. Als wäre ich sechs und sie enttäuscht von meinem Testergebnis. Als ginge es um etwas anderes als ihr Leben.
»Ich schicke euch zurück zu euren Göttern.« Zu den gnadenlosen Göttern, die sie hoffentlich genauso behandeln werden, wie sie mit uns umgegangen sind.
Ich zuckte mit den Schultern, zwang ein Lächeln auf mein Gesicht.
»Sie wird euch alle umbringen!«, schrie eine der Priesterinnen. Der Soldat holte aus und verpasste ihr eine Ohrfeige. Das brachte sie zum Schweigen.
Ich wandte mich wieder Monmery zu, die der Soldat auf den Scheiterhaufen zog. Sie sah in die Runde, schüttelte den Kopf. »Die Götter werden euch alle verdammen.«
Ich schmunzelte. »Lassen Sie mich raten, die Hölle auf Erden ist unsere Zukunft?«
Als hätte ich sie gerufen, zeigten sich mit der anbrechenden Nacht die ersten Phönixe. Eine Kreatur landete auf der Wiese, der Boden erbebte unter ihrem Gewicht. Das verkohlte Gras flammte auf, die Funken schossen in die Luft.
Die Geister huschten in einer Explosion aus weißen Blitzen in alle Richtungen, um von dem Biest wegzukommen.
»Ich lebe lieber in der selbsterschaffenen Hölle als in der Illusion eines Paradieses.« Ich blickte zu ihr hoch, mein Gesicht von einem Lächeln gezeichnet.
Die Lilien auf meiner Haut glühten auf, begrüßten den Phönix. Die Flügel spannten sich an, knirschten hinter meinem Rücken.
Der Soldat kettete die Hände und Füße der Oberpriesterin an das Holzgerüst. Sie lehnte sich gegen die Stange, schloss die Augen, ihre Brust hob und senkte sich unregelmäßig.
Dann öffnete sie die Augen, sah mich erneut an. »Du wirst in ihr brennen.«
»Du zuerst.«
Die Wächter verteilten die restlichen Frauen auf die Scheiterhaufen. Ein Soldat trat vor, die Fackel in der Hand, und wartete auf einen Befehl. Doch bevor er näher kam, hob ich eine Hand. »Ich übernehme das.«
Der Soldat zögerte, dann trat er zurück.
Der Phönix in der unmittelbaren Nähe erweckte die Macht in meinem Inneren. Die Energie pulsierte, ich zog sie an die Oberfläche. Es gelang mühelos, sie zu rufen. Mit einem einzigen Gedanken ließ ich die Flammen tanzen. Feuerzungen schossen aus meinen Händen. Sie krochen über meine Haut, wanden sich wie Schlangen aus Licht und Hitze um meine Arme.
Sie sprangen auf das Gerüst über und entzündeten das trockene Holz augenblicklich. Das Feuer züngelte, loderte, verschlang den Bau. Die Flammen tanzten. Ihre langen Schatten zerrissen die Lichtung, spielten auf den Gesichtern der Menge und malten Masken aus Angst.
Die Hitze wuchs, wühlte die Luft auf, die stickig und scharf wurde. Jeder Muskel meines Körpers war angespannt, mein Herz schlug wie ein Trommelwirbel in dem Brustkorb. Ich wartete. Wartete auf den ersten Schrei.
Es ist noch nicht zu spät, es zu unterbinden, schoss es durch meinen Kopf. Doch diese Welt hatte keinen Platz mehr für Menschen, die kein Herz hatten. Sie würde ohne die Priesterinnen reiner sein. Und ich würde dafür sorgen, dass jeder in der neuen Ära das bekam, was er verdient hatte.
Die Priesterinnen hatten Frauen in den Tod geschickt. Der Tod war ihre Strafe.
»Sie brennen für ihre Sünden.« Der Gesandte des Todes ließ es mich nie vergessen.
Zuerst kam ein Stöhnen, dumpf und klagend, dann ein durchdringender, markerschütternder Schrei. Die Frauen wanden sich in ihren Ketten. Die weißen Umhänge standen in Flammen, die Hitze schlug mir entgegen, trug den beißenden Geruch von Kohle und verbranntem Fleisch mit sich.
Ich atmete flach, ein Würgreflex kroch mir die Kehle hoch, den ich herunterzwang. Die Flammen leckten an den Körpern der Priesterinnen. Die Schreie vermischten sich zu einem grausamen Chor, ein Klang, der sich in mein Innerstes fraß.
Ich bohrte die Fingernägel tiefer in meine Haut. Die Handflächen brannten. Feuer vermischte sich mit dem Blut. Ich konzentrierte mich auf den Schmerz und stellte mir vor, wie es sein musste, zu brennen – wirklich zu brennen. Die Flammen, die die Haut schmelzen ließen, bis sie das Fleisch erreichten. Wie sie sich in die Sehnen fraßen und in die Knochen, bis nichts mehr übrig blieb. Wie die Kehlen durchgebrannt wurden, die Schreie in der Hitze erstickend, bis selbst die Luft zum Feind wurde.
Bis die Herzen zu schlagen aufhörten.
Meine Kiefermuskeln spannten sich so fest an, dass ein dumpfer Schmerz durch meinen Kopf pulsierte. Ich biss die Zähne zusammen – ein vergeblicher Versuch, das Schuldgefühl zu verdrängen. Die Scheiterhaufen brannten, die Flammen warfen zerrissene Schatten durch den dichten Rauch, der sich über die Lichtung legte.
Endlich verstummten die Schreie. Nur der Geruch von verbranntem Fleisch biss mir in die Nase und kroch mir in die Lunge.
»Deine Flügel«, durchbrach eine Stimme meine Benommenheit. Leviathan.
Doch ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Die Körper waren vollständig von den Flammen gefressen worden, keine Spuren hinterlassend.
Die Seelen der verstorbenen Frauen flogen zurück in die Türme des Schlosses. Es war vorbei.
»Elithalia.« Dieses Mal war sein Ton drängender.
Ich drehte mich mit einem angespannten Ausatmen zu ihm um. »Was?«
Der Mann stand nur wenige Schritte entfernt. Er verengte die Augen, musterte meine Flügel. »Sie sind schwarz.«
Ich runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf. Dann folgte ich seinem Blick. Es war unmöglich. Das war sicher nur der Rauch, der sich in den metallischen Klingen spiegelte, eine optische Täuschung, mehr nicht.
Doch dann sah ich es. Einzelne Federn, selten, aber deutlich, schimmerten in einem Schwarz, wie aus poliertem Onyx geschmiedet. Sie hoben sich von dem Rest der feuerfarbenen Klingen ab.
Ein Brüllen riss mich aus der Starre. Die Scheiterhaufen krachten mit einem dumpfen Laut in sich zusammen. Eine Wolke aus Staub, Kohle und Asche wurde in einer Welle auf uns geschleudert.
Velonius hob seine Hand und eine unsichtbare Mauer erhob sich zwischen der Menge und der Asche. Der Sturm prallte daran ab, schleuderte Funken und Staub.
Mein Blick flog suchend über die Szenerie. Hatte jemand versucht, die Priesterinnen zu befreien? Wenn ja, war derjenige zu spät gewesen.
Ein weiteres Grollen donnerte in meinen Ohren. Tierisches Stöhnen zerriss die Luft. Der Phönix breitete die Flügel aus und schoss in den Himmel. Seine goldenen Federn blitzten, bevor er in den schwarzen Rauch eintauchte und verschwand.
Schmerzen erbrachen sich in meinem Rücken. Als würde meine Wirbelsäule zerplatzen.
Ich wirbelte auf der Stelle herum.
Ehe ich reagieren konnte, wurde mein Körper federleicht. Die Klingen meiner Flügel lösten sich von mir, ein metallisches Klirren erfüllte die Luft. Eine schwebende Wand aus Dolchen bildete sich über mir.
Mein Blick huschte über die Wiese. Eine Frau, ihr Gesicht hinter einem Tuch verborgen, der Körper in Schwarz gehüllt, stand am Rand der Brücke. Die Ritterstatuen, die zu beiden Seiten thronten, rührten sich nicht. Sie hielten sie nicht auf. Sie hob ihren Bogen. Die Sehne spannte sich.
Mein Herz setzte aus.
Sie ließ los.
Ich hob den Arm. Doch das Feuer würde den Pfeil nicht stoppen können. Instinktiv, als stünden sie nicht unter meiner Kontrolle, reagierten die Klingen. Zwei Federn schossen auf die Angreiferin zu.
Der erste Dolch traf den Pfeil in der Luft. Beide fielen zu Boden. Genau wie die Frau, deren Kehle die zweite Klinge durchtrennte.
Schmerz explodierte in meiner Schulter. Ich stöhnte auf, sah an mir herunter und erblickte den Pfeil, der tief in meinem linken Arm steckte. Blut sickerte aus der Wunde, rann in Strömen an der Haut herab.
Das Adrenalin rauschte in meinen Ohren, der Kopf pochte und ich zitterte am gesamten Körper.
»Sucht die Umgebung ab!« Velonius’ Befehl kam unverzüglich. Die Soldaten setzten sich in Bewegung. Sie rannten Richtung Schloss, ihre Schritte hallten auf dem Boden.
Mir wurde schwindelig, die Welt schwankte. Ein Summen legte sich über meine Gedanken.
Die Federn schossen zurück, fanden ihre Position und formten die Flügel. Ihre Rückkehr brachte neuen Schmerz. Er rollte über meinen Rücken. Ich war mir sicher, ihn brechen zu hören.
Ich schrie auf, verlor das Gleichgewicht, balancierte mich jedoch eilig wieder aus und blieb wie aus Wunder auf den Beinen stehen. Ich durfte nicht zeigen, wie verletzlich ich war. Nicht wenn so viele Menschen da waren.
Keiner wusste, wie ich auferstanden war, wie es möglich gewesen war. Und keiner hatte eine Ahnung, ob es noch mal möglich war. Sie durften nicht den Glauben verlieren, dass ich unsterblich wäre. Sonst würden sie mich umbringen und die Welt so machen wie zuvor.
Velonius trat näher, neigte sein Gesicht zu mir herunter, um mich anschauen zu können. »Wir müssen den Pfeil herausziehen.« Er hielt meinen Blick fest, wartete auf eine Erlaubnis.
Ich nickte, umklammerte mit der rechten Hand meinen Arm, als könnte es den Schmerz, der jede Faser durchdrang, eindämmen.
Velonius legte eine Hand an den Pfeil dicht an meiner Schulter. Seine Berührung war fest, doch das Gewicht seiner Finger ließ ein neues Brennen durch die Wunde fahren. Mit der anderen Hand brach er das Ende des Pfeils ab und ich biss mir auf die Lippe, um nicht zu schreien. Der metallische Geschmack von Blut erfüllte meinen Mund.
»Es wird höllisch schmerzen.« Er warf die Spitze auf den Boden und positionierte sich hinter mir. Mit einer Hand umklammerte er meinen Ellbogen, drückte fest zu, um Widerstand aufbauen zu können.
Er umklammerte den Rest des Pfeils, bewegte ihn. Die Luft blieb mir in der Kehle stecken. Mein Atem wurde flach, mein Herzschlag donnerte in meiner Brust.
Ich lenkte mich ab. Sah zu, wie die Frauen, geführt von Endillion und Lysander, zurück ins Schloss gingen. Leviathan und Remir standen bei dem leblosen Körper der Frau, die mich töten wollte. Kyle war verschwunden.
»Bereit?«, fragte Velonius.
»Mach schon«, stieß ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Mit einem brutalen Ruck zog er den Pfeil heraus. Eine Explosion schoss durch meinen Körper. Die Welt kippte, alles verschwamm. Die blutigen Finger klebten zusammen, zitterten im Versuch, den Arm zu stützen, der vor Schmerz taub wurde.
Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Ein Dankeschön vielleicht, doch kein Laut kam heraus.
Die Dunkelheit holte mich zu sich.
»Elithalia, Elithalia, Elithalia, Elithalia, Elithalia, Elithalia, Elithalia, Elithalia, Elithalia, Elithalia, Elithalia, Elithalia, Elithalia …«
Die Flüsterstimmen umschwirrten mich wie dämonische Geister, zerrten an meinen Kleidern, griffen nach meinen Haaren und stießen mich von den Füßen. Sie trieben mich in den Wahnsinn. Ich rannte verzweifelt dem roten Vogel hinterher. Seine Flügelchen flackerten wie eine leuchtende Fackel in der Dunkelheit.
Doch egal wie sehr ich mich abmühte, ich war zu langsam. Die Gestalt des Vogels wurde immer kleiner, bis sie in der Finsternis verschwand und ich allein zurückblieb, umgeben von einer undurchdringlichen Schwärze, die meine Sinne erdrückte.
Ein gleißender Lichtstrahl durchbrach die Dunkelheit. Eine Klinge. Scharfer Schmerz durchzuckte meinen Körper. Der Dolch durchdrang mein Fleisch. Der Schmerz lähmte mich, raubte mir den Verstand und ließ mich in einem Strudel aus Qual und Verzweiflung versinken.
Ich sah auf und fand mich gefangen im Blick grüner Augen, die wie scharfe Messer meine Seele durchbohrten und sie in unzählige Fetzen zerrissen.
»Hey, es ist alles gut.«
Ich schlug die Augen auf, schnappte nach Luft.
Das Bett drehte sich, drohte mich auszuspucken. Ich krallte die Finger in das Laken, hielt mich an ihm fest, bis die Welt ihr Gleichgewicht gefunden hatte.
Ein hellblauer Nebel breitete sich im Zimmer aus. Wie tanzende Geister im Mondschein schwebten Partikel in der Luft und zogen meine Aufmerksamkeit auf sich.
Luciana saß auf der Bettkante, ihre Arme umschlungen von einem Fluss aus blauer Magie, der sie wie ein Schutzschild umhüllte. Ihre Augen schimmerten, wie einst das Wasser des Sees des Schicksals leuchtete.
Den Blick auf das Fenster gerichtet, lächelte sie müde. »Ich konnte deine Wunde schließen. Ein gebrochenes Herz kann ich jedoch nicht heilen.«
Der Schmerz war verschwunden. Ich rollte die Schulter, spürte nur ein leichtes Ziehen.
Sie hatte mich geheilt.
Ich blickte zu der Stelle, wo die Wunde gewesen war, mein Blick erfasste jedoch die schwarzen Federn. Im Licht der Magie stachen sie merklich hervor. Es waren mehr, als ich mich erinnern konnte.
Sie änderten ihre Farbe. Doch wieso?
Eilig ließ Luciana meine Hand los, zog sich zurück, als hätte sie sich an mir verbrannt. Mit ihrem Rückzug verschwand der hellblaue Nebel, der das Zimmer erfüllt hatte. Der Fluss der Magie zog sich zurück, bis auch von ihm nichts mehr zu sehen war. Die neue Zeit schien nicht nur meine Kraft verstärkt zu haben.
Ich starrte auf meine leere Hand, hob unwillkürlich die Augenbrauen. Sie wollte mich nicht mehr anfassen, hielt Abstand. Ich hätte froh sein sollen, dass sie überhaupt gekommen war.
Ich hatte sie vermisst. Mir fehlte die Zeit, als wir nichts von den Toten in der Auswahl gewusst hatten. Wir waren glücklich in der Akademie, immer füreinander da. Die Auswahl im Schloss hatte uns immer weiter voneinander entfernt.
Sie war nur hier, um mich zu heilen. Kyle hatte sie wahrscheinlich geholt. Oder Leviathan. Der Prinz brauchte mich für seine Macht. Er war einer der wenigen in diesem Schloss, der mich am Leben haben wollte.
Ich schluckte den Kloß in meinem Hals herunter und richtete mich im Bett auf. Den ehemaligen Turm von Laurencia hatte Leviathan zu unserer eigenen Residenz gemacht. Doch mir war es schlicht egal, wo ich schlief. Meine Zeit verbrachte ich kaum in diesem Zimmer.
Luciana schwieg, vermied es, mich anzusehen. Auch ich fand keine Worte. Das, was sie hören wollte, konnte ich ihr nicht sagen. Ich konnte mich nicht für etwas entschuldigen, das mir nicht leidtat. Ich konnte ihr nicht versichern, dass alles gut werden würde. Die Distanz zwischen uns breitete sich unausweichlich aus und zog an mir.
Der Blick der Frau zuckte vom Fenster zur Tür. Sie wollte gehen und ich konnte es ihr nicht verübeln. Würde ich ihr hinterherrufen, wenn sie aufstehen und mich verlassen würde?
Sie fuhr sich durch die Haare, atmete schwer durch, biss sich auf die Unterlippe. »Kyle möchte, dass ich nach Kass gehe«, flüsterte sie schließlich, ihre Stimme kaum hörbar in der Stille des Raumes.
Natürlich. Sie wollte verschwinden. Nicht nur aus meinem Zimmer, sondern aus meinem Leben.
»Gehst du?«
Sie sah mich endlich an, die blauen Augen glänzten vor Tränen. Ich biss die Zähne zusammen.
Sie wäre nicht hier, wenn sie nicht gehen wollen würde. Wenn Luciana das Schloss hinter sich ließ, würde ich sie dann jemals wiedersehen? War dies nicht etwas, das ich bereits in Kauf genommen hatte, als ich geplant habe, in eine andere Welt zu fliehen? Die Vorstellung, dass wir uns nie wieder begegnen würden, schnürte mir die Kehle zu.
»Niemand darf die Stadt ohne deine Erlaubnis verlassen.«
Ich zuckte zusammen.
Sie war hier, weil sie meine Zustimmung einholen wollte. Wenn sie nach Kass ging, bedeutete dies, dass Kyle sie zur Frau nahm? Er wäre ein Idiot, wenn nicht. Würde Kass ihr das Stückchen Normalität bieten, nach der sie sich sehnte? Wäre dies das Leben, das sie sich wünschte?
»Ich bleibe.« Sie bemerkte mein Zögern, zog sich zurück. Dachte sie wirklich, ich könnte zu ihr Nein sagen?
»Willst du nach Kass?« Ich ballte eine Hand zur Faust, zerfurchte die Decke. Ich wollte nicht, dass sie ging.
»Ich habe nie gedacht, dass ich mich entscheiden müsste.« Sie blickte auf ihre Finger, drehte das Armband an ihrem Handgelenk. In der Auswahl war ihre Zukunft, Königin von Kass zu werden, keiner hat sie nach ihren Wünschen gefragt. Jetzt hatte sie eine Wahl.
Doch sie konnte nicht hierbleiben, nicht in diesem Schloss. Es würde ihre Seele vergiften, sie schwarz wie Asche färben. Genau wie meine.
Sie hatte keine Zukunft an meiner Seite.
»Du gehst.« Meine Stimme prallte laut und kalt von den Wänden ab.
»Lili …« Ihre Augen weiteten sich.
Ich wollte es nicht hören. Das Ascheschloss war nicht ihr Schicksal. Ich konnte nicht zusehen, wie ihr Geist sich in diesem Labyrinth aus zerbrochenen Hoffnungen verfing.
»Du hast Zeit bis zum Sonnenaufgang.« Ich wandte den Blick ab und ließ keinen Raum für Diskussionen.
Sie wich zurück, zögerte, bevor sie sich von meinem Bett abwandte und zur Tür stürmte.
Meine Zähne knirschten, der Kiefer schmerzte. Wie konnte sie nicht verstehen, dass es zu ihrem Besten war? Ich ließ sie gehen, nicht weil es mir egal war. Ich ließ sie gehen, weil mir ihr Wohlergehen wichtiger war als mein Wunsch, sie an meiner Seite zu haben.
Ich konnte sie nicht zu einem Leben an meiner Seite verdammen, denn dies war nicht ihr Schicksal. Ihr Leben erwartete sie in Kass, bei Kyle.
Abrupt hielt sie inne, drehte sich zum letzten Mal mir zu. Eine stumme Verbeugung, der Worte folgten, die mir tief in die Seele schnitten. »Meine Königin.«
Mit diesem Satz verließ sie das Zimmer, nahm das einzige Licht mit sich, das ich je gekannt hatte, und ließ nichts als Dunkelheit zurück.
Sie hatte eine Wahl und ich hatte sie ihr genommen.
Ich warf mich zurück aufs Bett. Die Flügel machten es mir schwer, eine bequeme Position zu finden.
Lucianas Abwesenheit war wie ein brennendes Loch in meiner Brust. Sie würde in Kass glücklich sein. Das wussten wir beide. Früher oder später hätten sich unsere Wege getrennt. Doch ich hätte nie gedacht, dass ich die Entscheidung dafür treffen müsste. Dass ich sie dazu zwingen müsste, zu gehen. Es ihr befehlen. Ich ließ sie gehen und es war, als hätte ich einen Teil meiner eigenen Seele zerschnitten. Und ich fragte mich, ob ich jemals wieder ganz sein würde.
Nach einer Weile beschloss ich, das Zimmer zu verlassen und an einen Ort zu gehen, der mich in meinen Albträumen verfolgte.
Feuerlicht, das von draußen durch die Fenster hereinströmte, überflutete den Thronsaal. Der aufgeheizte Parkettboden verbrannte meine nackten Füße. Ohne die Krone, die ich im Zimmer zurückgelassen hatte, fühlte ich mich federleicht. Es war, als müsste ich mich nur vom Boden abstoßen, um fliegen zu können.
Doch die Anziehungskraft der verräterischen Oberfläche war stärker als mein Wunsch, nach dem Himmel greifen zu können. Sie zog mich zu sich, bis meine Wange die Oberfläche berührte, ich die Augen schloss und mein Geist durch den Boden in die Tiefen des Gefängnisses sank.
Manchmal zweifelte ich daran, überhaupt noch am Leben zu sein. Auch wenn meine Seele an meinen Körper gebunden blieb, gelang es mir, sie freizusetzen. Als es vor einigen Tagen zum ersten Mal geschah, überfiel mich Panik. Doch jetzt fühlte es sich wie eine Befreiung an. Als wäre ich die Frühlingsbrise selbst, der erste und letzte Atemzug zugleich.
In dem Gefängnis unter dem Thronsaal, in Ketten gelegt, lehnte der Mann weiterhin an der Wand, als hätte er sich seit Tagen nicht mehr bewegt.
Bei seinem Anblick schmerzte die Wunde in meiner Brust. Sie würde immer da sein, mich bis zu meinem letzten Tag verfolgen und daran erinnern, dass er mich nie geliebt hatte.
Dass ich in der Dunkelheit des Raumes überhaupt etwas sehen konnte, grenzte an ein Wunder. Kein Fenster, kein Licht drang in die kleine Zelle. Die einzige Bewegung war das kaum wahrnehmbare Heben und Senken der Brust des Mannes.
Konnte ich das sehen, weil ich tot war? Weil er mich umgebracht hatte?
Der Schmerz überflutete meine Gedanken. Das Blut quoll nicht aus meinen Adern, mein Körper blieb unversehrt. Doch ich spürte die Klinge meinen Geist zerreißen. Immer und immer wieder, bis ich nur noch aus Fetzen bestand.
Der Sauerstoffmangel zwang mich, zurückzukehren, doch ich wollte nicht. Noch nicht.
»Habe ich dir nicht beigebracht zu atmen, Elithalia?« Seine trockenen Lippen öffneten sich und formten Worte, die wie aus einer entfernten Realität zu mir drangen.
Das hatte er, bevor er mir den Atem abgeschnürt hatte.
Ich schnappte erschrocken nach Luft, doch mein Geist blieb weiterhin in der Zelle. Ich versuchte mich auf die Atmung des Körpers an der Oberfläche zu konzentrieren, ohne selbst ein Teil davon zu sein. Die Worte des Prinzen hallten in meinem Inneren wider, ein Echo der Erinnerungen aus einer vergangenen Welt, an die ich kaum noch zu denken wagte.
Es ist für ihn nur ein Spiel gewesen. Er hat mir beigebracht zu atmen … Wie lächerlich. Als hätte er sich jemals um mich gekümmert.
Seine Augen blieben hinter dem Tuch verborgen. Die Augen, mit denen er bis in die Tiefen meiner Seele blicken konnte. Er hatte in mein Innerstes gesehen und sich entschieden, es zu zerstören.
»Ich könnte behaupten, keine Wahl gehabt zu haben.« Ich dachte, Schmerz in seiner Stimme erkannt zu haben. Doch wäre er fähig, etwas zu fühlen, hätte er mich nicht umgebracht.
»Doch ich hatte eine Wahl.«
Die Worte drangen tief in meine Seele, explodierten in ihrer Bedeutung und ließen sie bluten.
Was auch immer ich in den letzten Tagen in dieser Zelle gesucht hatte, es war alles, nur nicht das. Ich suchte nach etwas, das mein gebrochenes Herz heilen würde. Doch es lag in den Trümmern der Apokalypse und es gab kein Heilmittel dafür.
Ich war dabei, mich zurück an die Oberfläche zu bewegen, meine Gedanken schon bei dem Licht, das mich dort erwartete. Doch plötzlich spürte ich seine Hand, die sich nach mir ausstreckte, als würde er versuchen, mich aufzuhalten. Als könnte ich die Bewegung mit meinem inneren Auge wahrnehmen, in alle Richtungen zugleich sehen.
Sein Flüstern war kaum hörbar, fast erstickt von der Schwere der Stille. »Warte«, sagte er. »Mein Volk braucht mich.«
Ich brauchte dich, dachte ich bitter. Brauchte dich, als du dich für dein Reich entschieden hast, als du deine Pflicht über uns gestellt hast. Ich habe dir vertraut. Mit meinem Leben habe ich dir vertraut und du hast es mir genommen.
Die Wut loderte in mir auf, ein Feuer, das mich von innen heraus zu verzehren drohte. Ich wollte ihm alles sagen, alles herausbrüllen, was sich in den Tiefen meiner Seele angestaut hatte. Ich wollte ihn zur Rechenschaft ziehen für den Schmerz, den er mir zugefügt hatte.
Doch die Worte erstickten in meiner Seele. Stattdessen hielt ich inne, ließ die Wut in mir kochen und brodeln, doch beherrschte sie, hielt sie fest in den Fesseln meines Schweigens. Es war eine stumme Verurteilung, ein unausgesprochener Verrat, der zwischen uns stand und die Leere des Raumes erfüllte.
»Was, wenn ich dir versprechen würde, mich für dich zu entscheiden? Mein Leben dir zu geben. Jeden einzelnen Atemzug dein zu sein«, sprach er und seine Worte drangen wie ein giftiger Nebel in meine Gedanken. Er wusste ganz genau, wie er mich um den Finger wickeln konnte.
Dieses Spiel war nicht fair.
Es war es nie gewesen.
»Elithalia, ich bin müde, immer das Richtige zu tun.«
Es reicht, flüsterte eine Stimme in mir. Ich konnte es einfach nicht mehr aushalten.
Leviathan hatte recht gehabt. Immer. Verdammt noch mal, immer hatte er recht gehabt. Der Prinz von Corlandor war zu gefährlich.
Selbst das dunkelste Schwert in den Händen eines erfahrenen Ritters könnte die Welt bekehren. Doch ich war kein Schwert. Ich war kein Werkzeug für seine Pläne, kein Spielstein auf seinem Schachbrett.
Für keinen und niemanden.
Der Turm von Ralos lag abgeschieden, am entfernten Ende des Schlosses. Als hätte die Dunkelheit hier seit Anbeginn der Zeit ihr Zuhause gefunden, erstickte die Stille die Gemäuer.
Ich klopfte an die Tür. Keine Wachen waren zu sehen.
Remir öffnete mir höchstpersönlich. Seine braunen Augen weiteten sich überrascht. Obwohl ich nie persönlich mit dem Prinzen zu tun gehabt hatte, sah er mich an, als hätte er mich erwartet. Ein hinterlistiges Grinsen umspielte seine Lippen. Es schien, als ob er bereits wusste, warum ich gekommen war.
Gänsehaut krabbelte meine Arme hinauf. Ich schluckte das Unbehagen herunter.
Mit einer eleganten Handbewegung bat er mich hinein und drehte den silbernen Schlüssel im Schloss, um die Tür hinter sich zu verschließen. »Guten Abend. Womit kann ich meiner Königin dienen?«, erkundigte er sich, seine Worte mit einem Hauch von Ironie umspielt.
»Ich bin auf der Suche nach einem Heiltrank … einer ganz besonderen Art«, sagte ich vage.
Mein Blick schweifte durch sein düsteres Zimmer. Die Bücher lagen in geraden Stapeln auf dem Tisch, der Stuhl unter ihm, die Decke auf dem Bett glatt gezogen, die Fenstervorhänge aufgezogen, der Kamin und die Kerzen erloschen. Es wirkte unnatürlich aufgeräumt und emotionslos, als würde der Raum nur zur Schau gestellt und nicht wirklich genutzt.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf Remir, konzentrierte mich auf das, weshalb ich hier war. »Es heißt, du besitzt eine besondere Expertise in solchen Angelegenheiten.«
Er nickte langsam und trat näher, verschränkte die Arme.
Sein Blick glitt von meinem Gesicht zu meiner Brust, wo er für einen Moment verweilte. Er verengte die Augen, als könnte er durch die Haut hindurch direkt zu meinem verwundeten Herzen blicken. Ein leiser, bedrohlicher Funke spielte in ihnen. Mit den Zähnen fuhr er über seine Unterlippe. »Jungfräuliche Herzen sind nicht mein Fachgebiet.« Die Betonung, die er auf die Jungfräulichkeit legte, entging mir nicht.
Ich realisierte, wie naiv ich gewesen war, zu glauben, dass er mir helfen könnte. Enttäuschung breitete sich in meiner Brust aus. Es waren nur Märchen, die kleinen Mädchen erzählt wurden. Niemand konnte ein gebrochenes Herz heilen.
Und dieser Prinz hatte offensichtlich kein Bedürfnis, mir zu helfen.
»Es ist das Gebiet meiner Schwester.« Er schmunzelte und streckte erwartungsvoll seine Hand nach mir aus. Eine stumme Einladung.
Ich zögerte. Mit ihm mitzugehen, war Wahnsinn. Ich konnte ihm nicht trauen.
Er bemerkte mein Zögern und hob die Augenbraue in stummer Herausforderung.
War es das wert? Konnte ich ihm für diesen einen Augenblick mein Vertrauen schenken?
Wenn ich Leviathan Glauben schenkte, war dies bei niemandem der Fall.
Nicht einmal bei meinem eigenen Herzen. Und ich konnte nicht mit einem Herzen leben, dem ich nicht vertrauen konnte.
Also ließ ich seine Finger mit den meinen verschmelzen und mich in ein fernes Königreich entführen, in dem ich den Schmerz zurücklassen würde.
Ich schloss die Augen. Der Boden löste sich unter meinen Füßen auf und ich verlor mich zwischen Raum und Zeit.
Als ich sie wieder öffnete, fand ich mich in dem Reich, das ich am wenigsten besuchen wollte und doch als Erstes wieder erreichte.
»Ralos, das Reich der Wünsche …« Die Freude, die der Mann ausstrahlte, jagte mir Gänsehaut über den Rücken. »… und das Gefängnis verlorener Seelen.«
Im Zentrum eines gewaltigen Berges befanden wir uns auf einer runden Plattform. Ein schillerndes Gemisch aus weißem und violettem Quarz bedeckte sie. Das Licht, das von den Steinen reflektiert wurde, schien eine eigene Glut zu besitzen und füllte die Umgebung mit einem mystischen Schein.
Der Prinz drehte sich auf der Stelle, breitete die Arme aus und präsentierte mir sein Zuhause.
