Sherlock Holmes und das Orakel der Runen - Franziska Franke - E-Book

Sherlock Holmes und das Orakel der Runen E-Book

Franziska Franke

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Beschreibung

Undercover im Land der Fjorde Nach dem Sturz in die Schweizer Reichenbachfälle gilt Sherlock Holmes offiziell als tot und reist unerkannt umher, begleitet von seinem Assistenten und Biografen David Tristram. Er nennt sich Sven Sigerson und gibt vor, Norweger zu sein. Und das obwohl er kein Wort norwegisch spricht. Kann das gutgehen? Die Feuerprobe wartet auf ihn, als ihn ein äußerst bizarrer Fall ausgerechnet nach Norwegen lockt: Dort ist die Stabkirche von Storavik spurlos verschwunden. Der Pfarrer Anders Rasmussen scheint nicht besonders bekümmert zu sein, da ihm eine Runeninschrift im Inneren des Gotteshauses und die heidnischen Schnitzereien ein Dorn im Auge waren. Als er vom Turm der Kirche von Bjørnfjelden in den Tod stürzt, mag Holmes nicht an einen Selbstmord des streitbaren Geistlichen glauben.

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Von der Autorin bisher bei KBV erschienen:

Sherlock Holmes und die Büste der Primavera

Sherlock Holmes und der Club des Höllenfeuers

Sherlock Holmes und die Katakomben von Paris

Sherlock Holmes und der Fluch des grünen Diamanten

Sherlock Holmes und das Ungeheuer von Ulmen

Sherlock Holmes und der Ritter von Malta

Sherlock Holmes und das Geheimnis der Pyramide

Sherlock Holmes und die schwarze Kobra

Sherlock Holmes und die Spur des Yeti

Sherlock Holmes und der Mönch von Mainz

Franziska Franke wurde in Leipzig geboren, hat nach ihrer Schulzeit, die sie in Essen, Schwetzingen und Wiesbaden verbrachte, an den Universitäten von Mainz und Frankfurt Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Kunstpädagogik studiert. Sie wohnt heute in Mainz, wo sie freiberuflich in der Erwachsenenbildung tätig ist. In ihrer Sherlock Holmes-Reihe löst der Meisterdetektiv zahlreiche Kriminalfälle im Anschluss an sein rätselhaftes Verschwinden in den Reichenbach-Fällen. Dabei begleitet ihn der englische Buchhändler David Tristram.

Franziska Franke

Sherlock Holmes

und das Orakel der Runen

Originalausgabe

© 2021 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp

Lektorat: Volker Maria Neumann, Köln

Print-ISBN 978-3-95441-579-3

E-Book-ISBN 978-3-95441-591-5

Inhalt

Vorwort des Herausgebers

1. Die Kirche

2. Das verlassene Dorf

3. Pfarrer Anders Rasmussen

4. Der Kirchgang

5. Dagmar

6. Der nächtliche Besucher

7. Hjalmar

8. Der Dorfschullehrer

9. Das Runenorakel

10. Der Brand

11. Der Pullover

12. Kristiania

13. Der Zeitungsartikel

14. Der Auftrag

15. Thorleif Olsen

16. Der Küster

17. Die Kugel

18. Die Berghütte

19. Die Versammlung

20. Der nächste Tag

21. Das Pfarrhaus

22. Die Runeninschrift

Vorwort des Herausgebers

Als ich vor nunmehr zwölf Jahren das Wagnis einging, den ersten Band der Aufzeichnungen des englischen Buchhändlers David Tristram, der in Florenz lebte, zu übersetzen und unter dem Titel Sherlock Holmes und die Büste der Primavera veröffentlichen zu lassen, hätte ich mir nicht träumen lassen, irgendwann den immerhin elften Band der Reihe herauszugeben. Wie seine Vorgänger beruht er auf einem der Manuskripte, die beim Entrümpeln des Dachbodens der Florentiner Casa Tristram Boldoni an der Piazza Santa Croce in einer wurmstichigen Truhe entdeckt worden waren. Sie berichten von bisher unbekannten Abenteuern, die Sherlock Holmes in den Jahren erlebte, in denen er unter falschem Namen im Ausland reiste, da er nach dem Kampf mit Professor Moriarty als tot galt. Wenige Tage nach seiner Flucht aus der Schweiz hatte der englische Meisterdetektiv die Bekanntschaft von David Tristram gemacht, der ihm in den darauf folgenden Jahren als Assistent und Biograf zur Seite stand.

Wie bereits die beiden vorangegangenen Bände Sherlock Holmes und die Spur des Yeti und Sherlock Holmes und der Mönch von Mainz wurde der Text von der Anglistikstudentin Rosa Bruni aus dem Italienischen übersetzt. Signorina Bruni gehört zu den wenigen, die Mister Tristrams nachlässige Handschrift entziffern können. Wieder einmal hat sich die Mühe gelohnt, denn wir lernen so eine weitere sonst unwiederbringlich verlorene Begebenheit aus dem Leben des Meisterdetektivs kennen. Bedauerlich ist nur, dass wir den in Norwegen gelösten Fall zeitlich nicht genau einordnen können.

Florenz, den 12.02.2021

Giorgio Battista Scalzi, Anwalt und Notar

1. Die Kirche

Es war mir ein Vergnügen und eine Ehre, Sherlock Holmes nach einer zufälligen Begegnung in der Florentiner Post in die unterschiedlichsten Länder zu begleiten und dort außergewöhnliche Abenteuer zu erleben. Aber für die Idee, in den hohen Norden zu fahren, konnte ich mich zuerst nicht recht erwärmen. Beim schieren Klang des Wortes Norwegen hätte ich mich beinahe an dem köstlichen Kalbsbraten verschluckt, den ich gerade verspeiste1.

»Norwegen? Das ist ja fast am Nordpol! Es hat mir schon nicht besonders zugesagt, in Deutschland zu ermitteln. Aber nach Skandinavien zieht es mich nun wirklich nicht«, entfuhr es mir, denn ich hatte mich an das angenehme Klima in Italien gewöhnt, wo ich seit einigen Jahren lebte.

»Denken Sie daran, dass ich einen Pass auf den Namen Sven Sigerson verwende und angeblich Norweger bin. Es ist höchste Zeit, meiner vermeintlichen Heimat einen Besuch abzustatten, weshalb ich einen derartigen Auftrag seit Langem ersehne«, erklärte Holmes gut gelaunt und schnitt ebenfalls ein Stück Fleisch ab.

Ich fragte mich, ob er sich einen Scherz mit mir erlaubte, doch er erweckte nicht den Eindruck. Außerdem machte man keine Scherze mit so schrecklichen Dingen wie arktischer Kälte.

»Die Fjorde sollen ja recht eindrucksvoll sein. So sagen jedenfalls die englischen Touristen, die es nach Norwegen verschlagen hat«, gab ich nach ein paar Sekunden zögerlich zu.

»Mehr als die Landschaft interessieren mich die skandinavischen Bienen«, entgegnete Holmes, nachdem er seinen Bissen gemächlich gekaut und dann heruntergeschluckt hatte. »Aber auch das ist nicht der Grund für meine Reise. Vor einiger Zeit habe ich einen sehr lukrativen Fall für das skandinavische Königshaus2 übernommen. Leider bin ich damals nicht über Stockholm hinausgekommen. So trifft es sich gut, dass ich gerade einen Kriminalfall in Norwegen angeboten bekam.«

»Was ist das für ein Fall? Hat man ein Rentier gestohlen? Und wie hat man es überhaupt geschafft, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen, obwohl Sie doch offiziell tot sind?«, wollte ich wissen.

»Worum genau es geht, weiß ich leider auch nicht. Das will man mir erst in Norwegen persönlich mitteilen«, bedauerte Holmes und trank einen Schluck Wein. »Ich vermute, dass mein zukünftiger Klient dem Königshof nahesteht und daher auf die Idee kam, mich zu konsultieren. Jedenfalls hat er ein Kabel nach London gesandt, das mein Bruder Mycroft, wie es so seine Art ist, erst einmal einige Wochen liegen gelassen hat, bevor er es endlich an mich weitergeleitet hat. Leider ist dadurch unnötig viel Zeit vergangen. Ich möchte so schnell wie möglich nach Norwegen aufbrechen.«

Ich äußerte keine weiteren Einwände. Trotzdem plagten mich düstere Vorahnungen, so als ob es nicht nur die möglicherweise letzte Reise mit Holmes, sondern meine letzte Reise überhaupt sein könnte. Meine Befürchtungen erschienen mir jedoch selbst so irrational, dass ich sie für mich behielt.

Bereits am folgenden Tag bestiegen wir einen Zug in Richtung Norden und nahmen in Hamburg das Fährschiff nach Bergen. Nach einer anstrengenden, aber ansonsten ereignislosen Seereise verkündete endlich ein Offizier, dass wir bald im Hafen der alten norwegischen Stadt Bergen einlaufen würden. Ich wischte mir mit dem Handrücken die Schweißperlen von der Stirn. Die Sonne brannte mir gnadenlos auf die Haut – ein Wetter, für das ich völlig unpassend gekleidet war. Zu meinem Bedauern war auch die restliche Garderobe in meinem Koffer viel zu warm für dieses unerwartet sommerliche Wetter. Ich würde mir in Bergen eine leichte Baumwollhose und einen dünnen Gehrock kaufen müssen, falls es dergleichen kultivierte Kleidungsstücke dort geben sollte.

Als wir uns der Stadt näherten, genügte ein Blick auf die einfachen Holzbauten am Ufer, um zu erkennen, dass mein Schwager Andrea Boldoni allzu optimistisch gewesen war, als er gehofft hatte, ich könne in Skandinavien einen neuen Absatzmarkt für die Marmor-Skulpturen der von ihm geleiteten Florentiner Werkstatt erschließen. Die farbig gestrichenen, mit Paneelen verkleideten Häuser standen in lückenloser Reihe nebeneinander, sodass ihre Giebel wie eine riesige Säge aussahen. Sie besaßen keine Vorgärten, sondern die Hauseingänge mit ihren Ladengeschäften lagen direkt an der Straße. Unmöglich, sich in diesen schlichten Wohn- und Lagerhäusern weiße Engel aus Stein oder marmorne Büsten im Renaissancestil vorzustellen.

Das Fährschiff legte an, und ich schwankte, noch etwas benommen von der Seereise, über die Planke auf das Ufer zu. »Ich hasse das Meer und jede Form von Wasser«, brummte ich missmutig in mich hinein.

Holmes entgegnete nichts, sondern fluchte plötzlich leise, aber vehement los. Ich wunderte mich sehr, denn ich hatte den englischen Meisterdetektiv kaum jemals Verwünschungen ausstoßen hören und schon gar keine derart gotteslästerliche.

Irritiert schaute ich mich um, was wohl seinen Unmut erweckt haben mochte. Am Kai warteten bereits eine Schar von Kofferträgern und einige livrierte Hotelangestellte, von denen manche Schiefertafeln oder Zettel mit den Namen der Gäste hochhielten, die sie dort abzuholen beabsichtigten. Schließlich bemerkte ich den Stein des Anstoßes und hätte bei seinem Anblick fast gelacht: Auf einer der Tafeln prangten in fetten Lettern die Worte Mister Sherlock Holmes und Mister David Tristram.

»Man hat mir versprochen, uns abzuholen, aber dass man dabei meinen richtigen Namen herumposaunt, hätte ich mir wirklich nicht träumen lassen«, entfuhr es Holmes empört.

Mit langen Schritten eilte er zu dem Übeltäter, einem Mann in den Dreißigern, von durchschnittlicher Größe und mit bereits schütter werdendem, aschblondem Haar in der Uniform des Hotel Excelsior. Er sah so korrekt, doch zugleich unscheinbar aus wie die meisten Hotelangestellten, die ich auf vier Kontinenten kennengelernt hatte3.

»Guter Mann, stecken Sie um Himmels willen sofort dieses Schild weg!«, fuhr Holmes den Angestellten in Livree an.

Offenbar war er unserer Muttersprache mächtig, denn er trat mit befremdeter Miene einen Schritt zurück und musterte Holmes von seinem schwarzen Hut, auf dem kein Stäubchen zu sehen war, über den sorgfältig geknoteten Binder bis zu den frisch geputzten, eleganten Schuhen. Dann warf er einen abschätzigen Blick auf meine winterliche Kleidung aus dickem Tuch und schüttelte den Kopf. »Darf ich fragen, warum Sie mein Schild stört? Mister …?«, fragte der Hotelangestellte mit mühsam aufrechterhaltener Höflichkeit.

»Mister Sherlock Holmes«, ergänzte mein Reisegefährte vergrätzt. »Sie haben mich gefunden und müssen jetzt kein weiteres Aufsehen mehr erregen.«

Der Hotelangestellte schien Holmes’ Worte zu bezweifeln, denn er sog die Luft scharf ein und setzte zum Protest an.

Um einen Streit zu verhindern, schaltete ich mich ein. »Und mein Name ist David Tristram«, verkündigte ich, deutete auf meinen Namen auf dem Schild und überreichte unserem Gegenüber meine Visitenkarte.

Nachdem dieser die Karte mit gerunzelter Stirn begutachtet hatte, senkte er endlich seine Schiefertafel und hob unsere Koffer hoch, die wir vor ihm abgestellt hatten. Wortlos machte er sich auf den Weg zum Hotel und wir folgten ihm ebenfalls schweigend.

Der hochtrabende Name Excelsior ließ mich ein Steinhaus erwarten, bevölkert von Herren im Frack und nach Pariser Mode gekleideten Damen. Ich stellte mir vor, dass es im klassizistischen Stil gehalten sei, mit Marmorstufen, die zu einem Eingang mit Säulen und Dreiecksgiebel führten. Doch nach einem kurzen Fußmarsch durch das Hafenviertel gelangten wir zu einem einfachen Ziegelbau mit bunten Fensterläden. Als wir den Eingang erreichten, riss sogleich ein ordentlich gekleideter Page die Tür auf. Die schlicht möblierte Empfangshalle sah aus wie der Warteraum eines Augenarztes in Edinburgh, einschließlich der alten Zeitungen auf der Theke, alles einheimische Blätter. Ich schalt mich selbst einen Toren, dass ich auf eine aktuelle Ausgabe der Times gehofft hatte.

»Ich habe eine Nachricht für Sie«, sagte der etwas umständliche Mann an der Rezeption, nachdem wir uns ins Gästebuch eingetragen hatten, und überreichte Holmes einen Briefumschlag, den dieser mit dem Bart seines Zimmerschlüssels aufriss.

Nachdem er die darin enthaltene Briefkarte studiert hatte, huschte ein kaum merkliches Lächeln über seine hageren Züge. »Unser Klient erwartet uns heute Abend um acht Uhr im Restaurant um die Ecke«, informierte er mich gut gelaunt.

Jede Art von Müßiggang war Holmes verhasst. Selbst nach einer anstrengenden Reise gönnte er weder sich selbst noch seinem Assistenten eine Erholungspause. Wenn er hingegen keinen Fall zu bearbeiten hatte, wurde er schwermütig oder schoss aus lauter Langweile mit einer Pistole die Initialen unserer Königin in die Wand.

Zwei Stunden später hatten wir unsere Koffer ausgepackt, gebadet, die Kleidung gewechselt und zur Stärkung einen Kaffee im Hotel getrunken. Dann machten wir uns auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Inzwischen war eine kühle Brise aufgekommen, und ich musste nicht mehr schwitzen. Wir überquerten die Straße, auf der erstaunlich wenig Betrieb herrschte, und bogen um die nächste Ecke. Das von unserem Klienten vorgeschlagene Lokal machte von außen keinen besonders vielversprechenden Eindruck. Ohne das Wirtshausschild, das ein modernes Dampfschiff zeigte, wäre es mir wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Trotzdem waren bereits fast alle Plätze im Gastraum besetzt. Kein Wunder, dass niemand auf der Straße unterwegs war. Irritiert bemerkte ich, dass das Mobiliar vorwiegend aus langen Tischen und ebenso langen Bänken bestand. Wie sollte man hier ein vertrauliches Gespräch führen?

Sofort wurden wir von einem hageren Ober mit einem buschigen Schnurrbart angesprochen, der sich wohl danach erkundigte, ob wir reserviert hatten. Zu meiner nicht geringen Enttäuschung verstand ich kein Wort. Dabei hatte ich gehofft, wenigstens den Sinn zu erfassen, wenn jemand sich der Landessprache bediente. Schließlich ist das Norwegische mit dem Englischen und dem Deutschen verwandt.

Bevor einer von uns beiden reagierte, winkte uns bereits ein jovial aussehender Mann mittleren Alters zu, der in der dunkelsten Ecke des ohnehin nicht besonders hellen Gastraumes an einem der wenigen kleinen Tische saß. Der Ober nickte und begleitete uns zu unseren Plätzen. Während wir ihm folgten, begutachtete ich unseren zukünftigen Klienten. Seine blasse Haut wies ihn als typischen Stubenhocker aus, wie ich später feststellte eine Seltenheit bei einem Volk von Bergsteigern, Anglern, Jägern, Wanderern und Skifahrern. Sein Haar war früher blond gewesen, aber inzwischen größtenteils ergraut, genauso wie die dicken Augenbrauen und der kurze Bart, der ihm die Erscheinung eines Gelehrten gab. Das Auffälligste an unserem neuen Klienten war jedoch die offenbar gewohnheitsmäßig vorwurfsvolle Miene, die sich bereits in seine Züge eingegraben hatte.

»Mister Sherlock Holmes und Mister David Tristram?«, vergewisserte er sich in fast akzentfreiem Englisch, als wir seinen Tisch erreicht hatten.

Amüsiert bestätigte ich, innerlich auf einen Protest von Holmes wartend, dass man ihn schon wieder mit seinem richtigen Namen angesprochen hatte. Doch die Beschwerde blieb vorerst aus.

»Mein Name ist Erik Hansen«, stellte der Unbekannte sich daraufhin vor und stand zu unserer Begrüßung auf. Dann verkündete er gravitätisch, dass er ein hochrangiger Repräsentant der lutherischen Kirche sei. Seinen genauen Titel bekam ich jedoch nicht mit, da ich belustigt dachte, der Name Erik Hansen passe eher zu einem Freibeuter als zu einem Kirchenmann.

Inzwischen hatte der Ober unsere Stühle zurückgerückt und zwei Speisekarten auf unsere Plätze gelegt.

»Ich hoffe, Sie wollen uns nicht zum Abstinenzlertum bekehren«, sagte ich zu Herrn Hansen, während ich mich ihm gegenübersetzte, denn ich hatte schlimme Dinge über rigorose skandinavische Pfarrer gehört.

Unser Gegenüber ging nicht auf meinen Kommentar ein, für mich ein Hinweis darauf, dass er nicht den geringsten Sinn für Humor besaß. »Sie müssen hungrig sein nach der langen Reise«, sagte er und deutete auf eine der Speisekarten. »Ich kann Ihnen nur wärmstens den Lyslapskaus empfehlen. Das ist ein Rindfleischeintopf. Der tut gut bei der Kälte.«

Wahrscheinlich sagte man das gewohnheitsmäßig in Norwegen, auch an warmen Sommertagen und in Restaurants, in denen wohlige Wärme herrschte.

Der Ober trat erneut an unseren Tisch, und wir hielten uns an die Empfehlung unseres Klienten, zumal im Lokal alle den Eintopf zu essen schienen. Dazu bestellten wir zwei Bier, während Herr Hansen sich mit einem Glas Wasser begnügte.

»Ich hoffe, Sie sind mit Ihrer Unterkunft zufrieden?«, erkundigte dieser sich höflich, nachdem die Bedienung sich entfernt hatte.

»Sie erfüllt ihren Zweck«, entgegnete Holmes nüchtern, was nicht viel heißen mochte, denn er war nicht anspruchsvoll. Wenn er nur nach Herzenslust Pfeife rauchen und seine geliebten chemischen Experimente betreiben konnte, kam er auch mit einfachen Quartieren aus.

»Freut mich zu hören. Bergen ist natürlich nicht Paris, aber die Gastronomie wird immer besser«, verkündete unser Klient hörbar stolz.

Von manchen Punkten aus kann es nur aufwärts gehen, dachte ich schlecht gelaunt.

In diesem Augenblick wurden die Getränke gebracht, was das Gespräch kurz versiegen ließ.

»Wenn Sie vielleicht die Freundlichkeit besäßen, mir mitzuteilen, was vorgefallen ist«, kam Holmes dann zur Sache. »Immerhin haben Sie es für nötig befunden, meine Dienste in Anspruch zu nehmen und mich zu bitten, diese lange Reise zu unternehmen.«

»Wollen Sie nicht doch vorher lieber einen Schnaps trinken?«

Diesen Vorschlag hatte ich von einem Kirchenmann nicht erwartet, aber er war eben Skandinavier. Das musste eine ungeheuerliche Enthüllung sein, die hoffentlich bald folgen würde.

»Vielleicht sollten wir den Schnaps besser danach trinken«, entgegnete ich amüsiert.

Auch Holmes lehnte ab und trommelte ungeduldig auf der Tischplatte zum Takt einer unhörbaren Musik.

In diesem Moment trat der Kellner bereits mit einem großen Tablett an den Tisch, auf dem ein Brotkorb und drei Schüsseln mit Eintopf standen.

»Jetzt möchte ich doch wirklich gern Ihr Anliegen hören«, drängte Holmes unseren Gastgeber, nachdem wir wieder unter uns waren.

»Die Kirche von Storavik ist gestohlen worden«, sagte Erik Hansen mit tonloser Stimme.

Einen Augenblick meinte ich, mich verhört zu haben. Dann fragte ich mich, ob unser Gastgeber sich nicht doch schon vor unserer Ankunft den einen oder anderen Schnaps genehmigt hatte.

»Da muss wohl ein Missverständnis vorliegen. Ein Gebäude kann doch nicht einfach verschwinden«, sprach Holmes aus, was auch ich dachte.

»Die Kirche liegt, oder leider muss ich sagen lag in einem Dorf, das vor einiger Zeit aufgegeben wurde. Aber einmal die Woche kam Herr Anders Rasmussen, der Pfarrer des Nachbarortes Bjørnfjelden, um für die Bewohner einiger verstreuter Bauernhöfe einen Gottesdienst zu feiern. Obwohl sich der Sprengel über mehrere Täler erstreckt, zählt die Landbevölkerung, die die Kirche von Storavik aufsucht, nur knapp zwanzig Familien, denn der Boden ist in der Region karg und schwer zu bearbeiten. Auch Bjørnfjelden ist sehr klein, und die Pfarrei ist so abgelegen, dass sie auf Landkarten oft vergessen wird. Kein Auswärtiger will sich dorthin verbannen lassen. Als der letzte Geistliche hochbetagt gestorben war, musste die Gemeinde daher fast ein Jahr lang auf die Neubesetzung der Stelle warten«, erläuterte Herr Hansen, tauchte seinen Löffel in die Suppe, führte ihn zum Mund und ließ sich den Eintopf schmecken.

»Schließlich haben Sie ja doch noch in Herrn Rasmussen einen Interessenten gefunden. Was mich aber vor allem interessiert: Wann genau ist die Kirche verschwunden?«, erkundigte sich Holmes, dem die Einführung wohl zu weitschweifig war.

Unser Klient gönnte sich ein paar Löffel Suppe, bevor er antwortete. Auch ich machte mich endlich über meinen Eintopf her, der besser schmeckte als er aussah, was allerdings nicht viel heißen wollte.

»Das liegt leider bereits mehr als fünf Monate zurück«, gab Herr Hansen zu. »Beim ersten Sonntagsgottesdienst im Februar stand das Gotteshaus noch an seinem angestammten Platz. Doch als Pfarrer Rasmussen in der folgenden Woche die Tür der Kirche aufschließen wollte, war nicht nur die altehrwürdige, mit Schnitzereien verzierte Tür verschwunden, sondern die ganze Kirche.«

»Stein für Stein abgetragen und das in einer einzigen Woche?«, vergewisserte sich Holmes erstaunt, sein Essen weiterhin ignorierend.

»Es handelt sich um eine Holzkirche.«

Ich stellte mir einen elenden, windschiefen Schuppen vor, der beim nächsten Sturm sowieso zu Kleinholz verwandelt werden würde, und fand es reichlich übertrieben, uns deshalb nach Skandinavien zu zitieren. »Dann ist es ja kein allzu großer Verlust«, empörte ich mich daher.

»Doch, das ist es! Diese Stabkirchen genannten Holzkirchen sind Kulturgüter von nationalem Interesse. Außerdem können wir es doch wohl kaum tatenlos hinnehmen, wenn man ein Gotteshaus stiehlt«, gab der Kirchenmann mit einem Blick zurück, als ob er mich am liebsten exkommunizieren würde.

»Ich bin doch etwas darüber befremdet, dass der Diebstahl bereits vor vielen Monaten geschah. Sie hätten mich früher heranziehen sollen. Falls es eine Spur gegeben haben sollte, so ist sie längst kalt«, sagte Holmes hörbar verärgert.

»Wir haben natürlich zuerst selbst nach der Kirche gesucht und dann musste die Kirchenverwaltung genehmigen, dass wir Ihnen den Auftrag erteilen. Sie wissen ja, der Amtsweg. Und als wir endlich die Mittel bewilligt bekommen haben, war es gar nicht so einfach, mit Ihnen in Kontakt zu treten, Mister Holmes«, rechtfertigte sich Herr Hansen.

»Und warum wurde das Dorf aufgegeben?«, erkundigte ich mich, in der Annahme es könnte einen Kausalzusammenhang zwischen dem Verschwinden der Einwohner und dem der Kirche bestehen.

»Die Landbevölkerung ist so bitterarm, dass viele ihr Glück in der Emigration suchen. In den letzten zwanzig Jahren sind rund zweihundertfünfzigtausend Norweger ausgewandert, mehr als ein Viertel der Bevölkerung, die meisten nach Amerika«, entgegnete unser Gesprächspartner und schob den letzten Löffel Suppe in den Mund. »Aber essen Sie doch endlich etwas. Ihre Suppe wird sonst kalt«, ermahnte er dann Holmes, der zu meinem Erstaunen der Forderung endlich nachkam.

»Vielleicht hat ein heimwehkranker Auswanderer, der in den Vereinigten Staaten zu Wohlstand gekommen ist, den Diebstahl in Auftrag gegeben, um die Kirche irgendwo in den Rocky Mountains wiederaufzubauen«, schlug ich vor, verwarf diese Idee aber sogleich wieder. »Dabei wäre es weniger Aufwand, die Kirche einfach in Amerika nachzubauen.«

»Aber das wäre nicht das altehrwürdige Gebäude, in dem Generationen von Gläubigen Gottesdienst gefeiert haben«, bemerkte unser Gesprächspartner vergrätzt.

Holmes hatte bisher stumm sinniert. Nun huschte ein belustigtes Lächeln über seine asketischen Züge, und er zuckte nonchalant mit den Achseln.

»Und ich dachte immer, Bauwerke seien Immobilien. Wenn es kein Sakralbau wäre, würde ich vermuten, dass die notleidenden Bauern ihn demontiert und als Brennholz verwendet haben«, sagte er, schob seinen noch halbvollen Teller in die Tischmitte und zog seine Pfeife hervor.

»Wenn wir irgendetwas im Überfluss haben, so ist es Holz. Es ist Norwegens wichtigster Exportartikel«, gab Herr Hansen zu bedenken und nahm sich ein Stück Brot, um damit die Reste seiner Mahlzeit vom Teller aufzunehmen.

»Es stellt sich also die Frage: Wie kann man eine Kirche abtransportieren, auch wenn sie aus Holz besteht?«, überlegte Holmes und begann seine Pfeife zu stopfen, ein untrügliches Zeichen dafür, dass ihn der Fall zu interessieren begann.

»Am besten geht das auf dem Wasserweg oder im Winter mit Hundeschlitten«, sagte Herr Hansen, der wohl zu allgemeinen Betrachtungen neigte.

»Ein Schiffstransport ist aber nicht gerade unauffällig«, sagte Holmes und riss ein Streichholz an seiner Schuhsohle an.

»Wie ich schon vorhin sagte: In Norwegen spielt die Holzindustrie eine wichtige Rolle. Ein mit Holz beladenes Schiff erregt keine besondere Aufmerksamkeit. Die Hafenpolizei kann nun wirklich nicht jede einzelne Ladung überprüfen, ob es sich nicht um Teile historischer Gebäude handelt«, entgegnete Herr Hansen. »Aber das Verbrechen ist ja mitten im Winter verübt worden, als die ganze Region unter einer dicken Schneedecke lag. Vermutlich hat man die Kirche mit Schlitten abtransportiert.«

»Meiner Meinung nach ist das eher ein Fall für die Bauaufsicht als für einen beratenden Ermittler«, sagte Holmes ernüchtert und zündete den Tabak an. »Trotzdem bin ich geneigt, den Fall zu akzeptieren, nicht weil er mich besonders reizt, sondern weil wir nun einmal den langen Weg nach Norwegen gemacht haben«, fügte er ohne große Begeisterung hinzu, als seine Pfeife brannte. Das Honorarangebot, das uns Herr Hansen daraufhin unterbreitete, war erstaunlich großzügig, und Holmes nickte. »Gibt es ein Lichtbild dieser Kirche?«, fragte er dann.

»Leider nicht. Da sie so abgelegen und eben auch nicht im besten Zustand war, fehlt sie leider in den Standardwerken zu diesem Thema«, bedauerte unser Klient.

Holmes schüttelte missbilligend den Kopf. »Als Erstes muss ich den Tatort begutachten. Außerdem möchte ich so schnell wie möglich mit dem Pfarrer sprechen«, verkündete er dann.

»Das ist alles bereits vorbereitet«, beteuerte Erik Hansen nicht ohne Selbstgefälligkeit.

»Ich würde gern unterwegs eine andere Stabkirche besichtigen, um mir ein Bild von ihnen zu machen«, sagte ich, und Holmes pflichtete mir bei.

»Das ist leichter gesagt als getan. Es gibt nur noch ganz wenige dieser Holzkirchen, und die stehen nicht inmitten eines Dorfes, sondern fernab der menschlichen Ansiedlungen in der übermächtigen Natur, wo angeblich noch Trolle, Geister und Riesen ihr Unwesen treiben«, sagte Herr Hansen mit der größten Selbstverständlichkeit, öffnete eine abgegriffene Tasche, die auf dem Stuhl neben ihm lag, und zog ein Buch heraus, offenbar eine Abhandlung über Norwegen. Er schlug es auf, blätterte darin herum und deutete dann auf eine Illustration. »Das ist die Kirche von Borgund. Sie ist eine der prächtigsten Stabkirchen, die sich erhalten haben.«

Irritiert betrachtete ich die Abbildung. Der offenbar recht kleine Holzbau ragte hoch in den Himmel hinauf. Diese vertikale Konstruktion entsprach überhaupt nicht meiner Vorstellung von einem Gotteshaus, sondern erinnerte mich an ein Schiff. Mit ihren drei übereinander angeordneten Giebeln wirkte die Stabkirche, als ob man vier Holzhäuser aufeinandergestapelt hätte, bekrönt von einem spitzen, schmalen Dachreiter.

Holmes nickte und schaute von der Illustration hoch. »Bevor ich mit der Arbeit beginne, habe ich noch eine dringende Bitte«, verkündete er. »Wenn Sie vielleicht die Freundlichkeit besäßen, mich in Zukunft nicht mehr Sherlock Holmes zu nennen, wäre ich Ihnen sehr verbunden. Und bitte melden Sie mich auch nicht wieder unter diesem Namen irgendwo an. Ich reise seit einiger Zeit unter dem Namen Sven Sigerson.«

»Unter einem skandinavischen Namen?«, vergewisserte sich unser Klient befremdet und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.

»Genauer gesagt, unter einem norwegischen«, präzisierte Holmes. »Das nimmt mir hier natürlich niemand ab. Daher werde ich behaupten, Amerikaner zu sein. Mein Vater ist angeblich aus Norwegen ausgewandert.«

»Und die Mutter?«, fragte ich belustigt.

»Sie war Französin4«, gab Holmes ungerührt zurück.

Holmes hätte für meine Begriffe ruhig seinen richtigen Namen nennen können, denn in Norwegen kannte ihn wohl niemand außer seinem ehemaligen Klienten aus dem skandinavischen Königshaus. Und dieser war wohl auf ihn aufmerksam geworden, weil der Adel über die Landesgrenzen hinaus miteinander verschwägert ist. Bezeichnenderweise hatte sein ehemaliger Klient aber offenbar nicht mitbekommen, dass Holmes offiziell nicht mehr unter den Lebenden weilte.

»Wenn Sie es wünschen, Mister Holmes. Aber Sie werden mich jetzt entschuldigen, meine Frau erwartet mich längst. Morgen früh um zehn Uhr hole ich Sie zur Weiterfahrt ab«, sagte Erik Hansen, erhob sich und wünschte uns noch einen schönen Abend.

Als unser neuer Klient gegangen war, äußerte ich vorsichtig meine Meinung zur zweifelhaften Erfordernis, unter falschem Namen in Skandinavien zu wirken.

»Wenn ich Erfolg habe, wovon ich doch ausgehe, wird mein Name unweigerlich in der Presse erscheinen«, verkündete Holmes finster.

An übertriebener Bescheidenheit hatte er noch nie gelitten.

1Gern hätten wir als Herausgeber gewusst, wo David Tristram mit Holmes speiste. Daraus hätte man Schlüsse ziehen können, wann genau das Abenteuer spielt. Aber leider ist der Florentiner Buchhändler in diesen Angaben oft nicht sehr präzise.

2Das erwähnte Sherlock Holmes in der Erzählung Der letzte Fall. Wahrscheinlich meinte er die Familie Oskars II. (1829-1907), der seit 1873 in Personalunion König von Schweden und Norwegen war. Nach Auflösung der Union im Jahre 1905 regierte er nur noch über Schweden.

3Eine interessante Bemerkung, denn bisher sind nur Abenteuer bekannt geworden, die in Europa, Afrika und Asien spielen. Hat Sherlock Holmes am Ende auch Kriminalfälle in Amerika oder gar Australien gelöst? Oder betrachtete David Tristram, wie nicht wenige Briten, England als eigenen Kontinent?

4In Wahrheit war Holmes’ Großmutter Französin, nicht seine Mutter.

2. Das verlassene Dorf

Am nächsten Morgen stand ich sehr früh auf und verließ ohne Frühstück das Hotel, was zugegebenermaßen nicht häufig geschah. Aber ich musste mir vor unserem Aufbruch noch dünnere Kleidung besorgen. Bedauerlicherweise konnte ich sie nicht bei einem Schneider anfertigen lassen, denn wir blieben ja nicht in Bergen. Also hatte ich mich am Vorabend an der Rezeption nach der Adresse eines Herrenausstatters erkundigt und musste nun mit dem Vorlieb nehmen, was dieser vorrätig hatte. Wir wurden schnell handelseinig, und ich schaffte es noch, einen Happen im Hotel zu ergattern.

Als ich mich zu Holmes an den Frühstückstisch setzte, betrachtete er mit kritischer Miene meine neue hellbraune Hose und die dünne Jacke.

»Sie rechnen damit, dass wir verdeckte Ermittlungen betreiben müssen?«, fragte er mich dann belustigt.

»Das kann man nie wissen«, sagte ich salomonisch. Ich wollte lieber gar nicht wissen, was Holmes an meiner Aufmachung missfiel.

Das selbst für englische Verhältnisse ausgesprochen reichliche Frühstück bestand aus verschiedenen Brotsorten, Wurst, Käse, Marmelade, Eiern, Hering, gebeiztem Lachs und Kaffee. Wir langten beide kräftig zu, weshalb wir noch aßen, als unser Klient sich um Viertel vor zehn zu uns gesellte.

Nach der Begrüßung betrachtete er stirnrunzelnd Holmes’ elegante, fast stutzerhafte Kleidung. »Ziehen Sie sich besser etwas Praktischeres für die Bootsfahrt an, und denken Sie bitte alle beide daran, alles Nötige für mehrere Übernachtungen mitzunehmen«, empfahl er uns dann und eilte wieder aus dem Speisesaal.

»Wussten Sie, dass wir einen mehrtägigen Ausflug unternehmen?«, fragte ich Holmes und leerte meine Kaffeetasse.

»Ich bin davon ausgegangen. Die Stabkirche soll ja in einer sehr abgelegenen Region gestanden haben«, entgegnete er nonchalant und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.

»Umso seltsamer, dass man sie vermisst«, brummte ich und stopfte mir noch ein großes Stück eines besonders schmackhaften, weißen Käses in den Mund, bevor ich mich erhob, um in mein Zimmer zurückzukehren und meinen Koffer zu packen. Zum Glück hatte mir der Herrenausstatter eine Kniebundhose und zwei kurzärmlige, karierte Hemden aufgeschwatzt. Er hatte mit seiner Prognose schon jetzt recht behalten, dass ich dergleichen »auf meiner Norwegenreise« noch brauchen würde.

Leider schaffte ich es nicht ganz, Herrn Hansens zeitliche Vorgabe einzuhalten, aber ich hatte auch den erneuten Kleiderwechsel nicht eingeplant. Als ich endlich mit meinem Koffer die Hotelhalle betrat, saß Holmes auf einem Sessel und blätterte interessiert in der Morgenzeitung herum, während Herr Hansen unruhig vor der Rezeption auf und ab schritt.

»Es ist höchste Zeit, dass wir endlich aufbrechen«, sagte unser neuer Klient bei meinem Anblick verstimmt und verließ das Hotel.

Draußen schaute ich mich vergeblich nach einer Droschke um. Dann folgte ich Herrn Hansen, der ohne ein Wort der Erklärung zügig die Straße hinuntermarschierte, wie ich vermutete zum Bahnhof. Ich erkannte meinen Irrtum erst, als wir den Hafen fast erreicht hatten.

»Warum fahren wir nicht mit der Droschke oder mit dem Zug?«, erkundigte ich mich verstimmt, denn ich hatte keine Lust, mich schon wieder einem schwankenden Schiff anzuvertrauen.

»In Norwegen gibt es nur wenige Fuhrwerke. Wegen der Berge und der tief ins Land einschneidenden Fjorde wird für Warenlieferungen und Reisen meist der Wasserweg bevorzugt«, gab Herr Hansen zurück und steuerte ein mittelgroßes Boot an. Wie ich später erfuhr, war es ein Postboot, das aber auch einige zahlende Passagiere nach Trondheim beförderte.

»Die verschwundene Kirche liegt also am Meer?«, erkundigte sich Holmes, nachdem wir an Bord gegangen waren.

»Nicht direkt, aber in Norwegen liegen fast alle Ansiedlungen in Wassernähe. In diesem Fall ist es ein Fjord«, entgegnete Herr Hansen, lehnte sich weit über die Reling und signalisierte damit, dass das Gespräch für ihn beendet sei.

Das irreführenderweise »Schnellboot«5 genannte Schiff folgte gemächlich der gewundenen Küstenlinie. Die Fahrt war alles andere als komfortabel, aber wir wurden durch atemberaubende Blicke auf schroffe Steilküsten, tiefblaue Fjorde und ferne Berge mehr als entschädigt. Ab und zu erreichten wir einen Hafen, und das Schiff hielt an, um Postsäcke aus- und einzuladen. Aber offenbar war das Land nur recht dünn besiedelt, denn wir hielten nicht oft.

Als wir die einstige norwegische Hauptstadt Trondheim erreichten, war der Himmel grau und die Luft diesig wie vor einem Gewitter. Die Stadt befand sich auf einer Insel zwischen dem Trondheimfjord und dem in den Fjord mündenden Fluss Nidelva. Die Stadtsilhouette wurde von einer riesigen Steinkirche dominiert. Mit ihrem hohen Mittelturm, dem langen Schiff und dem geraden Chorabschluss erinnerte sie mich an die Kathedralen von Lincoln.

»Dieses Gotteshaus kann man wenigstens nicht stehlen«, verkündete ich und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf die verschwommenen Umrisse der Kirche.

»Das ist der Nidaros-Dom. Er ist auf dem Grab des Heiligen Olav errichtet, der 1030 in der Schlacht von Stiklestadt bei Trondheim gestorben ist. Daher ist Trondheim ein wichtiges Wallfahrtsziel. Außerdem werden die norwegischen Könige hier gekrönt«, referierte unser Begleiter humorlos wie immer.

»Die Schlacht war wohl gegen die Schweden?«, vermutete ich. »Aber wer ist Nidaros und wofür wurde dieser Olav heiliggesprochen?«

»Nein, es war eine Schlacht gegen die Dänen! Nidaros ist der alte Name von Trondheim, und Olav Haraldson war ein norwegischer König. Er hat die Christianisierung unseres Landes vorangetrieben«, kam die Antwort auf meine Fragen in einem Tonfall, als ob man all das wissen müsste.

Im Hafen ragte ein Wald von Schiffsmasten in den trüben Himmel, aber unser Boot hatte eine eigene, etwas abseits gelegene Anlegestelle. Als wir an Land gingen, dachte ich, unsere Schiffsreise sei nun endlich zu Ende, aber weit gefehlt.

»Morgen früh geht es weiter«, verkündete Herr Hansen.

»Dabei sind wir ja bereits sehr weit im Norden«, sagte ich, mehr zu mir selbst.

»Das ist gerade einmal die Hälfte der norwegischen Westküste«, belehrte mich unser Klient und führte uns dann zu einem sauber und ordentlich wirkenden Hotel, auch wenn es wieder ein Holzbau war.

Nachdem ein Page unsere Koffer in die Zimmer getragen hatte, ging Herr Hansen Lebensmittel für den nächsten Tag kaufen, während sich Holmes in sein Gästezimmer zurückzog. Ich hingegen spazierte noch eine Weile ohne festes Ziel durch Trondheim, das für meine Begriffe eine überschaubare Kleinstadt war. Die geraden, planmäßig angelegten Straßen wurden von ordentlichen Barockhäusern gesäumt, die vom Nidaros-Dom überragt wurden. Auch sein Inneres gemahnte mich an eine englische Kathedrale. Staunend betrachtete ich das Gemälde auf dem Hauptaltar, das statt einer Christusoder Madonnendarstellung einen König als zentrale Figur zeigte, wohl den kriegerischen Olav, den Heiligen. In der Rechten hielt er eine Axt mit langem, lanzenartigem Schaft, und er wurde flankiert von kleineren Szenen, die meist Schlachten zum Thema hatten, was auf einem Andachtsbild zu sehen, mich doch erstaunte.

Als ich die Kirche wieder verließ, hatten offenbar in der Zwischenzeit mehrere Schiffe angelegt, denn es waren auf einmal zahlreiche unternehmungslustige Seeleute unterwegs, die in der Stadt etwas erleben oder sich auch nur betrinken wollten. Höchste Zeit für mich, das Hotel aufzusuchen!

Am nächsten Morgen war der Nebel abgezogen. Nach Mitternacht hatte es ergiebig geregnet, und nun strahlte der Himmel in leuchtendem Blau. Aber eine kühle Brise fegte durch die Straßen. Beim Verlassen des Hotels schaute ich mich wieder automatisch nach einer Kutsche um. Ich konnte mich einfach nicht daran gewöhnen, auch kleine Strecken mit dem Schiff zurückzulegen. Gegen den von der Küste wehenden Wind ankämpfend, geleitete uns Herr Hansen zu einem erschreckend kleinen, aus Eichenplanken gebauten, kleinen Segelschiff, das daher von nur zwei Mann bedient werden konnte.

»Keine Sorge! Diese Küstensegler sind zwar für längere Reisen über das Meer ungeeignet, aber für Fahrten durch den Fjord sind sie völlig sicher«, beruhigte mich unser Klient, der offenbar meine Bedenken, diese Nussschale zu betreten, bemerkt hatte.

Ein blonder, grobknochiger Bauernbursche in verwaschenen, dunkelblauen Hosen bediente das Segel, während der etwas ältere Kapitän die Ruderpinne führte. Als unser Klient ihm einige Anweisungen gab, verstand ich wieder kein Wort.

»Ist Norwegisch eigentlich mit dem Schwedischen verwandt?«, fragte ich Herrn Hansen, nachdem ich auf einer harten Bank Platz genommen hatte. Ich musste fast brüllen, um mich im Heulen des Windes verständlich zu machen.

»Nein, es ist eher eine Art Dänisch«, wurde ich mit ähnlich lauter Stimme informiert.

»Obwohl Norwegen zu Schweden gehört?«, wunderte ich mich.

Ich hätte besser meinen Mund halten sollen, denn in diesem Augenblick flaute der Wind ab und Herr Hansen konnte weit ausholen.

»Norwegen gehörte von 1536 bis 1814 zu Dänemark. Heute hingegen ist es ein unabhängiges, aber mit Schweden unter einem König vereinigtes Reich6«, betonte er, empört ob der Unterstellung, ein schwedischer Vasall zu sein.

Ich hätte lügen müssen, wenn ich behauptet hätte, mir sei dieser Unterschied klar. Das behielt ich aber lieber für mich, zumal unser Klient die Gelegenheit beim Schopfe packte, um uns einen ausführlichen Abriss der norwegischen Geschichte von den alten Wikingern bis zum heutigen Tag zu geben.

Bald dröhnte mir der Kopf vor lauter Namen und Zahlen, und ich ließ den Kirchenmann einfach reden, während ich die hügelige Landschaft betrachtete, die vor meinen Augen dahinzog. So bekam ich eher zufällig mit, dass wegen der gegenseitigen Abneigung der beiden Nachbarvölker selbst im höchsten Norden und in den wildesten Einöden die Grenze zwischen Norwegen und Schweden mit der größten Genauigkeit bezeichnet ist. Die Menschen sind auch überall gleich, dachte ich insgeheim kopfschüttelnd.

Die Fahrt ging weiterhin auf einem breiten Fjord landeinwärts. Gegen Mittag bogen wir in einen Seitenarm ein, der immer schmaler wurde. Wir nahmen an Bord ein bescheidenes Mahl zu uns, während wir an kleinen Inseln und Holmen vorbeifuhren, auf denen teilweise längst verwaiste Hütten standen.

Als sich die Dämmerung langsam am Horizont ankündigte, steuerte unser Schiff einen Bootsanleger an, wo bereits ein anderes Segelboot im stillen Wasser vertäut war. In der Nähe befand sich eine Hütte, die Schiffern als Quartier diente, wo auch wir dann mehr schlecht als recht übernachteten.

Am nächsten Tag veränderte sich die Landschaft, wurde langsam bergiger und schroffer. Immer wieder stürzten Wasserfälle von hohen Felswänden in den Fjord hinab. Kleine Bauernhütten klammerten sich an Felsvorsprünge. Sie schienen jeden Grasflecken auszunutzen. Wir hingen jeder still unseren Gedanken nach, während das Schiff durch die Wellen glitt. Herr Hansen studierte mit Hingabe ein frommes Buch, während Holmes die Arme vor der Brust verschränkt hatte und sich sichtlich langweilte.

Mittags passierten wir einen Marktflecken, aber erst am späten Nachmittag erreichten wir endlich Storavik, das verlassene Dorf, in dem die verschwundene Stabkirche gestanden hatte. Bei seinem Anblick fragte ich mich bang, ob wir wohl die folgende Nacht hier verbringen mussten. Diese Aussicht war alles andere als verlockend, denn das Ufer bestand nur aus kahlem Felsgestein. Dahinter erstreckte sich eine Einöde mit dürren Nadelbäumen, kargen Büschen und einem guten Dutzend aufgegebener, ärmlicher Holzbauten, alle nach demselben einfachen Prinzip gezimmert. Mittlerweile unterschieden sie sich allenfalls im Ausmaß ihres Verfalls voneinander. Manche der mit Moos bewachsenen Dächer waren noch intakt, andere waren hingegen bereits eingestürzt. Die Fenster hatten ihre Scheiben eingebüßt und waren teilweise mit Brettern vernagelt, Die kümmerlichen Gärten waren verwildert, und auf den ungepflasterten Wegen wuchs Unkraut.

Dieser gespenstische Ort verhieß nichts Gutes. Verstohlen musterte ich die Gesichter meiner beiden Reisegefährten, doch sie schienen sich nicht so unbehaglich zu fühlen wie ich.

»Wie Sie gleich sehen werden, gibt es im Sommer hier einen guten Ankerplatz. Aber im Winter kann Storavik manchmal nicht angefahren werden. Dann musste der Pfarrer schweren Herzens die Gottesdienste ausfallen lassen«, erläuterte Herr Hansen.

Das allein war ein guter Grund, nach Amerika auszuwandern.

»Aber, wie Sie bereits selbst bemerkten, kann man dann Lasten hervorragend auf Hundeschlitten über den Schnee transportieren«, sagte Holmes. »Das erklärt, warum man die Kirche im Februar demontiert hat. Der Abtransport erforderte aber natürlich selbst bei einer recht kleinen Kirche eine nicht unbeträchtliche Logistik. Man könnte auch sagen, eine ziemlich kriminelle Energie.«

Der Matrose nahm ein Seil, sprang an Land und vertäute das Boot gewissenhaft an einem grün bemoosten Pfosten, der zwischen Algen herausragte. Dann streckte er uns nacheinander eine schwielige Hand entgegen, und wir stiegen aus dem schwankenden Kahn auf einen großen, flachen Felsen, der als Anleger diente. Ich genoss das Gefühl, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, auch wenn das Gelände um das Dorf unwegsamer war, als es vom Wasser aus den Eindruck gemacht hatte. Spitze Steine durchbrachen die dünne Grasnarbe, und man musste aufpassen, nicht über die Wurzeln von Bäumen zu stolpern, die die Bewohner von Storavik gefällt hatten. Eine bedrückende Stille lag über Landschaft und Ort. Nur die Brandung, das Knirschen unserer Sohlen auf dem unebenen Weg und das Geschrei von Seevögeln waren zu hören.

Wir stiegen einen Hang hinauf und betraten einen auf drei Seiten umzäunten, mit Gras überwucherten Friedhof. An der vierten Seite fiel das Gelände schroff zur Küste hin ab. Manche der mit Moos bewachsenen, hölzernen Grabdenkmale standen noch aufrecht, andere waren windschief oder umgestürzt, vielleicht auch umgestoßen. Wieder andere waren bereits halb im Boden versunken.

Ich werde dich nie vergessen, meinte ich eine Inschrift zu interpretieren, die auf einem der Kreuze stand, die bisher den Naturgewalten getrotzt hatten.

Es schien, als ob es früher mehr von ihnen gegeben hätte. Ein Holzkreuz stand bereits so nah am Abgrund, dass es bestimmt beim nächsten heftigen Regen ins Meer hinunterstürzen würde, wie wohl bereits viele andere Grabdenkmale vor ihm. Die düstere Szenerie war ein einziges Mahnmal der Vergänglichkeit. Vorsichtig trat ich an den Abgrund, schaute auf die bewegte See hinunter und fragte mich, was wohl alles bereits vom Meer verschlugen worden sei.