Sherlock Holmes und das Ostseegold - Wolfgang Schüler - E-Book

Sherlock Holmes und das Ostseegold E-Book

Wolfgang Schüler

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Beschreibung

Das Geheimnis des Wikinger-Schatzes Nicht einen Moment glaubt der berühmte Privatdetektiv Sherlock Holmes daran, dass es sich bei den irrlichternden Phantomen, die angeblich die Ostsee-Insel Hiddensee heimsuchen, um die Geister der Wikinger handelt, deren Goldschatz vierzig Jahre zuvor ebendort gefunden wurde. Dennoch nimmt er den Auftrag des Museums in Stralsund an, in dem der spektakuläre Goldfund verwahrt wird. Der Museumsdirektor vermutet hinter dem Hiddenseer Mummenschanz Schatzgräber, die äußerst skrupellos vorgehen: Ein Inselbewohner ist mit gebrochenem Genick aufgefunden worden, ein zweiter hat den Verstand verloren und ist in die Stralsunder Irrenanstalt eingeliefert worden. So nimmt Holmes also gemeinsam mit Dr. Watson die unbequeme Fahrt mit Postdampfer, Fähre und Pferdekarren auf die noch sehr unwirtliche Insel auf sich, um dort den angeblich übernatürlichen Erscheinungen auf den Grund zu gehen.

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Vom Autor bisher bei KBV erschienen:

Sherlock Holmes in Leipzig

Sherlock Holmes in Berlin

Sherlock Holmes in Dresden

Sherlock Holmes und die Schwarze Hand

Sherlock Holmes und die letzte Fahrt der Lusitania

Sherlock Holmes und der Vampir im Tegeler Forst

Wolfgang Schüler hat in Leipzig Jura studiert. Er arbeitet als Rechtsanwalt, Schriftsteller und Journalist. Er verfasste u. a. die erste deutsche Edgar-Wallace-Biografie, das Handbuch zur Kriminalliteratur Im Banne des Grauens und zwei Theaterstücke. Er hat bislang sieben Sherlock-Holmes-Romane und etliche Sherlock-Holmes-Erzählungen in Anthologien veröffentlicht. Wolfgang Schüler ist Mitglied in der Deutschen Sherlock Holmes Gesellschaft (DSHG), im Syndikat - Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur und im Literaturverein FürWort.

Wolfgang Schüler

Sherlock Holmesund das Ostseegold

Originalausgabe

© 2021 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp unter Verwendung vonCaspar David Friedrich, Kreidefelsen auf Rügen ca. 1825,Public domain, via Wikimedia Commons

Lektorat: Nicola Härms, Rheinbach

Print-ISBN 978-3-95441-563-2

E-Book-ISBN 978-3-95441-572-4

Die Geschichte dieses Romans ist frei erfunden, auch wenn es das Wikingergold, welches auf Hiddensee gefunden wurde, wirklich gibt. Es kann im Kulturhistorischen Museum der Hansestadt Stralsund besichtigt werden. Ebenso haben einige der handelnden Personen tatsächlich gelebt, so zum Beispiel der Hoteldirektor Paul Gau, der Maler »Onkel Os« Oskar Kruse sowie der Schauspieler und Dichter Alexander Ettenburg.

Zum Gedenken an meine guten Freunde

Bernd »Ecki« Eckert,

Frank »Franz« Tondera,

Bert »Vogel« Vogelmann

und Waldo Werner,

die viel zu früh auf die andere Seite gewechselt sind.

Wir sehen uns alle wieder,

irgendwo und irgendwann.

Inhaltsverzeichnis

1. KapitelDie Spukgestalt von Tangerhütte

2. KapitelIn der Börde

3. KapitelAn der Küste

4. KapitelIn der Irrenanstalt

5. KapitelIm Kommissariat

6. KapitelAuf dem Meer

7. KapitelDie drei Affen

8. KapitelSchüsse in der Nacht

9. KapitelBlutbeschmierte Wände

10. KapitelDer Drahtzieher

11. KapitelHexentanz und Teufelszeug

12. KapitelDer Exorzismus

Verzeichnis der wichtigsten handelnden Personen:

Holmes, Sherlock, beratender Detektiv im Ruhestand

Watson, Dr. John Hamish, Arzt im Ruhestand

Arnim, Ferdinand Rudolf Curt von, Eisenhüttenbesitzer

Blüthgen, Clara, Zugehfrau

Düring, Helene, Kind

Ettenburg, Alexander, Schauspieler und Dichter

Findel, Hermann, Anschlagsopfer

Gau, Paul, Hotelbesitzer

Glott, Karl Ernst Fugger von, Polizeipräsident

Görner, Professor Carl Ritter von, Irrenarzt

Holt, Julian, Stadtpolizist

Hyedebrandt, Ernst von, Kriminalkommissar

Kollwitz, Arvid, Dorfschulze von Vitte

Kruse, Oskar, Maler

Pagels, Pauline, Ladenbesitzerin

Parham, James Arthur, Wandermönch

Petermann, Willy, Hafenarbeiter

Peters, Hein, Kapitän

Scharfenschwerdt, Johannes, Verwaltungsmitarbeiter

Scharfenschwerdt, Walter, Museumsdirektor

Scheurich, Arnfried, Pfarrer

Wensky, Vilgelm, zweiter Hilfsarchivar

Wiener, Wilhelm, Kaufmann

Witt, Corvin, Schläger

Witt, Friedhelm, Schläger

Witt, Moritz, Schläger

Witt, Otto, Hotelbesitzer

1. Kapitel

Die Spukgestalt von Tangerhütte

Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis sich die Vorhersage meines Freundes erfüllte.

Arthur Conan Doyle, Die Blutbuchen

Aus den Aufzeichnungen von Dr. Watson

05. März 1914, Tangerhütte

Die geneigte Leserschaft wird sich gewiss noch daran erinnern können, dass Sherlock Holmes und meine Wenigkeit im Oktober des Jahres 1913 als Privatreisende auf dem Kontinent unterwegs gewesen waren. Justament als wir in Berlin, der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs weilten, wurde im Königlichen Völkerkundemuseum der überaus wertvolle Eberswalder Goldschatz geraubt. Professor Schuchhardt, der Museumsdirektor, bat meinen Freund um Hilfe. Daran hatte er recht getan, denn Holmes gelang es schon bald, die Hintergründe der ruchlosen Tat aufzuklären und den Goldschatz wohlbehalten sicherzustellen.

Die Geschichte um den Goldraub hatte mit der Entlarvung der Täter ihr glückliches Ende gefunden, aber uns verband seitdem eine enge Freundschaft mit dem Berliner Kriminalkommissar Hermann Rausert. Im März des Jahres 1914 unternahmen wir eine weitere Reise nach Deutschland, um uns für einige Tage im Land der Dichter und Denker umzuschauen.

In der Hauptstadt des Kaiserreichs besuchten wir selbstverständlich auch Hermann Rausert und schwelgten in Erinnerungen. Aber damit nicht genug. Er hatte uns unter anderem wärmstens einen Ausflug in die Colbitz-Letzlinger Heide ans Herz gelegt. Kurz vor unserer geplanten Rückkehr nach London folgten wir diesem Rat. Mit der Eisenbahn gelangten wir nach Magdeburg, der Hauptstadt der preußischen Provinz Sachsen. Dort übernachteten wir im Hotel Zum Goldenen Löwen. Am nächsten Morgen mieteten wir uns ein dunkelblaues Adler-Automobil mit geschlossenem Passagierabteil und halb offener Fahrerkabine. Der Wagen ähnelte auf verblüffende Weise einem Vierzylinder-Modell von Fratelli Marchand, welches mein Nachbar Sir Reginald in London fuhr. Der schmucke Wagen besaß Schiebefenster und war mit viel Messingzierrat versehen. Unser Chauffeur hieß Wilhelm Feyeg. Er war mittleren Alters, trug eine schmucke schwarze Uniform mit blitzenden Knöpfen zu gewienerten Schaftstiefeln und sprach in einem völlig unverständlichen Dialekt zu uns. Glücklicherweise verstand er mein Deutsch, sodass die Kommunikation wenigstens in eine Richtung möglich war.

Wir bereuten den Ausflug keine Sekunde lang. Die Colbitz-Letzlinger Heide war ein schier unendliches Gebiet, das von Menschenhand fast völlig unberührt zu sein schien. Auf einen ausgedehnten Lindenwald folgten urwüchsige Eichen- und Kiefernforste sowie flache Landschaften mit am Boden kriechenden Heidekrautgewächsen und aromatisch duftendem Wacholder.

Wir ließen das Automobil auf einer Schonung halten, empfahlen uns unserem Fahrer und marschierten stundenlang bei wunderbarem Herbstwetter querfeldein. Unterwegs konnten wir einen Wiedehopf, mehrere Birkhühner, einen Baumfalken und etliche Hirschkäfer beobachten. Auf einem Stein sonnte sich eine Kreuzotter. In der Ferne sahen wir einen majestätischen Hirsch durch das Unterholz streifen. Zwei, drei flinke Rehrudel kreuzten unseren Weg. Selbst Holmes, der in früheren Zeiten die Großstadt zu Landspaziergängen nur verlassen hatte, um Ganoven zu jagen, machte einen zufriedenen und entspannten Eindruck.

Als wir uns bereits auf dem Rückweg befanden, zog plötzlich ein schweres Unwetter auf. Wir nahmen die Beine in die Hand. Die ersten großen Regentropfen fielen herab, als wir endlich unser Fahrzeug erreichten. Blitze zuckten, Donner grollte. Der Rückweg nach Magdeburg kam nicht infrage. Unser Chauffeur auf seinem zugigen Kutschbock war nur äußerst unzureichend vor den Wetterunbilden geschützt. Wir mussten uns einen Unterschlupf suchen. Holmes schlug deshalb vor, in einen nahe gelegenen Ort namens Vaethen-Tangerhütte zu fahren. Mein Freund pflegte sich gerne auf sämtliche Eventualitäten vorzubereiten. In diesem Fall besaß er ein Empfehlungsschreiben an einen gewissen Ferdinand Rudolf Curt von Arnim. Der ehemalige königliche Hauptmann und nunmehrige Vaethener Eisenhüttenbesitzer gehörte zu einem alten anhaltinischen Adelsgeschlecht. Diesem entstammten viele Politiker, Diplomaten, Offiziere und Künstler, wie die auch in Großbritannien bekannte Schriftstellerin Bettina von Arnim.

Wilhelm Feyeg konnte kaum mehr als im Schritttempo fahren, denn draußen herrschte Weltuntergangsstimmung. Der Himmel hatte sich verfinstert, Regenschauer peitschten unser Fahrzeug, und Hagelkörner prasselten auf das Wagendach. Auf dem Sandweg bildeten sich reißende Bäche. Unser Automobil rutschte und schlidderte zwischen den Fahrspuren hin und her. Einmal stellte sich der Adler sogar fast quer.

Als wir am frühen Nachmittag endlich Vaethen-Tangerhütte erreichten, hatte sich der Himmel bereits wieder aufgeklart. Wenig später schien die Sonne. Die Straßen und Wiesen dampften. Es roch nach nassem Gras. Wir beschlossen, dem Hüttenbesitzer dennoch unsere Aufwartung zu machen. Ein Pförtner am Tor zum Anwesen meldete uns telefonisch bei seiner Herrschaft an. Wir rollten langsam durch eine beeindruckende, mehrere Square Miles große Parklandschaft. Hinter einem Teich lag ein hübsches kleines Schloss im italienischen Stil. Es war drei Etagen hoch, hatte Gauben im Dach und besaß einen Wintergarten mit darüberliegendem Balkon.

Curt von Arnim, ein älterer grauhaariger Mann mit militärisch aufrechter Haltung, kam uns durch ein Bogenportal in der Mitte des Gebäudes entgegengeeilt. Zwischen zwei ägyptischen Sphinxen blieb er stehen und streckte uns seine Arme entgegen. »Es ist mir eine große Freude, Sie in meinem bescheidenen Heim begrüßen zu dürfen«, sagte er sehr herzlich. »Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Vom Baron von Derschau war mir bereits vor einiger Zeit mitgeteilt worden, dass Sie in Deutschland unterwegs seien. Aber ich hatte natürlich nicht zu hoffen gewagt, dass Sie auch mir Ihre Aufwartung machen würden.«

Nach einem kleinen Willkommenstrunk verfrachtete er den durchweichten Chauffeur ins Badehaus. Uns führte er durch die weitläufige Industrieanlage der Eisengießerei und zeigte uns anschließend im Schlosspark das Renommierstück der Firma. Dabei handelte es sich um einen gusseisernen Pavillon, den die Fabrik für die Weltausstellung 1889 in Paris angefertigt hatte. Er war acht Tonnen schwer und bestand aus 441 Einzelteilen, die von über tausend Schrauben zusammengehalten wurden. Weiterhin gab es eine imposante Familiengruft zu bestaunen. Wir mussten das Schloss von außen umrunden und mindestens ein Dutzend Räume besichtigen, die mit viel Geschmack und noch mehr Geld eingerichtet worden waren.

Nebenbei erzählte uns unser Gastgeber seine gesamte Familiengeschichte: Das Hüttenwerk war im Jahr 1842 durch den Magdeburger Unternehmer Johann Jacob Wagenführ gegründet worden. Am 6. März 1844 floss das erste Eisen aus dem Hochofen. 1873 ließ der Fabrikbesitzer das sogenannte Alte Schloss errichten und zwischen 1880 und 1890 den Park mit vielen wertvollen Gehölzen anlegen. Aber der erfolgreiche Unternehmer starb weit vor seiner Zeit. 1889 heiratete Ferdinand Rudolf Curt von Arnim die Witwe Marie Wagenführ und übernahm die Geschäftsleitung. Anlässlich der Hochzeit seines Stiefsohnes Franz Wagenführ hatte er das hübsche neue Schloss bauen lassen. Das Brautpaar und Maria Wagenführ befanden sich momentan auf einer Reise durch Italien. Curt von Arnim hütete so lange das Haus.

Er zeigte uns unsere Zimmer im zweiten Obergeschoss. »Meine Herrschaften, ich lasse Sie nun für eine Stunde allein. Für heute um sechs Uhr habe ich eine kleine Abendgesellschaft zusammengetrommelt. Wegen der Kürze der Zeit kann allerdings nur ein bescheidener Imbiss gereicht werden.«

Die kleine Abendgesellschaft bestand aus rund zwanzig Personen beiderlei Geschlechts. Unser Gastgeber hatte die gesamten Honoratioren der Stadt versammelt, vom Bürgermeister bis zum Pastor. Irgendwann fiel mein Blick auf einen extrem bleichgesichtigen älteren Mann mit weißen Haaren, der in einem unmodernen Bratenrock steckte und am anderen Ende der Tafel saß. Er hatte sich uns als Einziger nicht vorgestellt und schien entweder schwerhörig oder ein wahrer Miesepeter zu sein, denn er beteiligte sich in keinerlei Weise an der Unterhaltung.

Der angekündigte kleine Imbiss bestand aus sechs Gängen.

Als Vorspeise gab es Krebs-Koteletts auf Rührei und danach Rebhühnersuppe mit Klößchen. Als erster Hauptgang folgte Fasan mit Trüffeln und allerlei Gemüse. Als zweiter Hauptgang wurde Hecht à la bordelaise mit Butter und Kartoffeln serviert. Den Abschluss bildeten Wiener Strudel und Apfelcreme-Eis. Zum Geflügel wurde Rotwein und zum Fisch Weißwein kredenzt, zum Dessert starker süßer Kaffee. Die Tischgespräche drehten sich zumeist um lokale Ereignisse, die wir nur äußerst unzureichend kommentieren konnten. Auf die Bitte einer älteren Dame hin, die sich ein Gläschen zu viel hinter die Binde gekippt hatte und nur noch lallen konnte, gab ich eine Kurzform unserer Erlebnisse zum Besten, die ich unter dem Titel Sherlock Holmes in Leipzig literarisch verarbeitet hatte. Ab und an, wenn ich mich in Nebensächlichkeiten zu verlieren drohte, mischte sich Holmes mit kurzen Kommentaren ein und half mir, zum Thema zurückzufinden. Trotzdem gab es am Schluss großen Applaus, der mehr als nur reiner Höflichkeit geschuldet war.

Nachdem sich die meisten Besucher verabschiedet hatten, zogen sich die restlichen Teilnehmer der Abendgesellschaft ins Kaminzimmer zu Cognac und Zigarren zurück. Außer uns und unserem Gastgeber war nur noch der bleiche alte Mann übrig geblieben, der sich aber abseits in eine dunkle Ecke verkroch und wie eine Fledermaus mit hochgeschlagenen Flügeln in einem Ledersessel hockte. Wiederum beteiligte er sich nicht an unserer Unterhaltung. Da ihm Curt von Arnim keinerlei Beachtung schenkte, versuchte ich auch nicht, ihn in unser Gespräch einzubeziehen.

Das Feuer im Kamin, den eine bis zur Decke reichende, kunstfertig geschnitzte Holzverkleidung schmückte, prasselte prächtig. Schließlich schlug die Uhr zwölfmal. »Geisterstunde«, verkündete der Hüttenbesitzer. »Glauben Sie an übernatürliche Erscheinungen?«, fragte er Holmes.

Mein Freund winkte ab. »In keinem einzigen meiner unzähligen Fälle bin ich einem echten Gespenst begegnet. Alle Beschreibungen von Materialisationsphänomenen haben sich bei näherer Betrachtung als Lug und Trug herausgestellt.«

Curt von Arnim seufzte. »Sie Glücklicher. Mir ist dieser Segen leider verwehrt geblieben. Aber das liegt daran, dass ich einen entsetzlichen Fehler begangen habe.«

»Berichten Sie bitte«, ermunterte ihn Holmes. »Wir sind ganz Ohr.«

»Im Jahr 1445 wurde in unserem Ort fast die gesamte Bevölkerung von der Pest dahingerafft. Das große Sterben dauerte nur wenige Tage. Die Toten wurden in einem Massengrab verscharrt. Der Sage nach hat es sich an jener Stelle befunden, an der ich das Schloss errichten ließ. Unser Pastor Wegemeyer hatte mich gewarnt. Aber ich wollte nicht auf ihn hören. Seitdem spukt es. Die Toten gehen in unserem Haus um. Nur aus diesem Grund sind die Kinder und meine Frau nach Italien gereist. Sie befinden sich auf der Flucht vor den Geistern der Vergangenheit.«

Holmes musterte nachdenklich das Feuer, so als ob sich dort eine Antwort ablesen lassen würde. »Mit wem haben Sie über diese Phänomene gesprochen?«

»Nur mit Familienmitgliedern. Selbst die Dienerschaft weiß nicht Bescheid.«

Mein Freund lächelte erfreut. »Dann ist noch nichts verloren. Mit meiner Hilfe werden Sie den Spuk für alle Zeiten vertreiben. Nun berichten Sie aber bitte, was sich ereignet hat.«

»Nun, bereits wenige Tage nach unserem Einzug hörte ich ein unheimliches Geräusch aus dem Wintergarten. Es klang so, als würde jemand mit Knochen Würfel spielen. Ich bin aus dem Bett gestiegen, habe eine Kerze angezündet und wollte nachsehen gehen. Da kam mir auf dem Flur ein Gespenst entgegen. Ich schrie auf. Die Kerze entglitt meinen Händen, fiel zu Boden und erlosch. Ein kalter Eishauch streifte meine Stirn. Meine Gattin hatte meinen Schrei vernommen und folgte mir. Auch sie sah die Spukgestalt drohend in der Luft flattern.«

»Wurden Sie angegriffen?«

»Nein. Ich habe mich aufgerappelt und meine vor Entsetzen starre Gemahlin am Arm gepackt. Wir sind zurück in unser Schlafgemach geeilt. Ich habe meine Duellpistolen aus dem Schrank genommen und die Hähne gespannt. Mehr ist in dieser Nacht nicht passiert.«

»Hat sich der Vorfall wiederholt?«

»Ja, noch zweimal. Das Szenario war immer dasselbe. Erst seitdem meine Familie in Italien weilt, herrscht Ruhe.«

Holmes warf seinen kalten Zigarrenstummel in den Kamin. »Das Rätsel besteht aus zwei Teilen. Die Lösung kann nicht schwer zu finden sein. Beginnen wir mit dem ersten Part. Heute Nachmittag, als wir den Park und das Schloss von außen besichtigt haben, ist mir direkt neben dem Wintergarten eine frische Grasnarbe aufgefallen. Dafür kann es nur eine einzige Erklärung geben: Dort hat ein Baum gestanden, der erst kürzlich gefällt wurde. Ist es an dem?«

Curt von Arnim nickte bejahend.

»Und dieser Baum war ein Walnussbaum«, setzte Holmes fort.

»Woher wissen Sie das?«, wunderte sich der Fabrikant. »In der Tat, so war es. Ich hatte ihn stehen lassen, weil es solch ein schöner alter Baum war. Aber dann drohten die Wurzeln die Fundamente des Schlosses zu sprengen. Deshalb musste ich ihn am Ende doch noch fällen lassen.«

»Und nun zeigen Sie mir bitte die Stelle, wo Ihre Gattin und Sie das Gespenst gesehen haben.«

Unser Gastgeber erhob sich. Wir nahmen uns jeder eine Petroleumlampe und traten hinaus auf den Korridor. Die dritte Tür auf der rechten Seite führte in das Schlafzimmer. Wir verließen es durch den rückwärtigen Ausgang. Er ging auf einen schmalen Flur, der nach einem kurzen Stück rechtwinklig abknickte.

Der Fabrikbesitzer berichtete mit gedämpfter Stimme: »Das Gespenst ist entweder nach Geisterart direkt durch die Wand auf mich zu geschwebt oder es kam um die Ecke geflattert. So genau kann ich das nicht mehr sagen. Die Aufregung war zu groß.«

Holmes ging auf die gegenüberliegende Mauer zu und fingerte an ihr herum. Eine geschickt verborgene Tapetentür sprang auf.

»Woher wussten Sie von dieser Pforte?«, fragte von Arnim verblüfft.

»Weil sie dort sein musste. Es gab keine andere Möglichkeit.«

Hinter der Tapetentür tat sich ein kleiner Raum auf. In Regalen stapelten sich Kartons. Der Detektiv ging in die Knie und leuchtete mit der Petroleumlampe den Fußboden ab. Er strich mit dem rechten Zeigefinger über eine Ritze und roch an der Fingerkuppe. »Dieser kleine Raum wurde erst nachträglich eingefügt. Auf der Erde liegt noch frisches Sägemehl. Was befindet sich hinter der Wand?«

»Eines der Badezimmer.«

»Mit einem großen Spiegel, der bis zu den Dielen reicht?«

»Wie zum Teufel haben Sie das schon wieder erraten?«

»Nicht erraten, sondern geschlussfolgert. Nun noch eine intime Frage: Pflegen Sie im Bett ein weißes langes Nachthemd und eine Schlafmütze zu tragen?«

»Fürwahr. Meine Gattin ebenfalls. Allerdings zieht sie als Kopfbedeckung eine Schlafhaube vor.«

Sherlock Holmes lächelte kaum merklich. »Die Geister sind verflogen, und sie kommen nie wieder zurück«, sagte er. »Und jetzt will ich Ihnen auch erklären, warum. Den Walnussbaum haben Sie fällen lassen, und zwar zum größten Leidwesen der Eichhörnchen. Bei diesen possierlichen Tierchen handelt es sich nämlich um die Übeltäter, welche die morschen Knochen tanzen ließen. In Wirklichkeit waren es natürlich keine verblichenen Gebeine, sondern reife Walnüsse. Die Eichhörnchen haben sie sich gepflückt. Einige davon fielen herunter und prallten auf den Zinkfußboden des Balkons. Davon rührten die klackenden Geräusche her. Sie sind erwacht und auf den kleinen Flur geeilt. Die Tapetentür stand offen. Dahinter befand sich an diesem Tag noch der Spiegel des Badezimmers. Und so haben Sie Ihr eigenes Abbild gesehen: eine Gestalt im weißen Nachthemd. Da es nun keinen Walnussbaum und auch keinen Spiegel mehr hinter der Tapetentür gibt, werden Sie die Geister der Pesttoten zukünftig in Ruhe lassen.«

Am nächsten Morgen dankte uns Curt von Arnim nochmals überschwänglich. Er schenkte Holmes und mir je einen Briefbeschwerer, der ein maßgetreues Abbild des gusseisernen Pavillons darstellte. Auf dem Weg zu unserem Automobil kamen wir in der Halle an der Ahnengalerie vorbei. Holmes hatte kein Auge für die Bilder. Er kniete sich hin, kroch über den Boden und betrachtete eine große chinesische Standvase von allen Seiten durch seine Lupe. Curt von Arnim bestaunte amüsiert das Treiben meines Freundes. Ich deutete auf eines der Gemälde und fragte: »Wer ist dieser ältere Herr? Er hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem weißgesichtigen Mann im Bratenrock, der den ganzen Abend kein einziges Wort zu uns sprach.«

Der Hüttenbesitzer schaute auf das Porträt, als ob er es zum ersten Mal gesehen hätte. Dann lächelte er und meinte: »Sie haben tatsächlich Recht, mein Herr. Merkwürdig, dass es mir noch nicht viel früher aufgefallen ist. Das Bildnis weist tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit unserem guten Pastor Wegemeyer auf. In Wahrheit aber stellt es den Firmengründer Johann Jacob Wagenführ kurz vor seinem Tode dar. Ihr britischer Humor ist wahrhaft köstlich, Dr. Watson. Denn Pastor Wegemeyer ist ein wahrer Volksredner vor dem Herrn. Und gestern hat er wieder geschwafelt, was das Zeug hielt.«

Auf der Fahrt zurück nach Magdeburg schwieg Holmes eine ganze Weile und hing seinen eigenen komplizierten Gedankengängen nach. Ich wollte ihn nicht stören, aber schließlich fragte ich ihn: »Wie hat dir die Ahnengalerie gefallen?«

Holmes verdrehte die Augen und seufzte: »Watson, verschone mich bitte mit diesem Unsinn. Dort hingen nur gewöhnliche Ölschinken, gemalt von drittklassigen Künstlern. Die Vase hingegen war äußerst interessant.«

»Seit wann interessierst du dich für chinesische Kunst?«, wollte ich wissen.

»Spätestens seit meiner Tibetreise Anfang der 1890er-Jahre. Aber in diesem Fall handelte es sich nicht um Kunst aus dem Reich der Mitte, sondern um eine Delfter Fayence mit ostasiatischem Dekor in Scharffeuerfarben, also eine sogenannte Cashmereware. Die Vase ist etwa zweihundert Jahre alt und äußerst wertvoll. Sie gehört gut geschützt hinter Glas und nicht in eine zugige Halle, wo ihr eines Tages ein Bauerntrampel mit einem schmutzigen Feudel den Garaus machen wird.«

Ich kehrte noch einmal gedanklich zu der Galerie zurück. »Curt von Arnim hat mir das Porträt des verstorbenen Johann Jacob Wagenführ gezeigt. Ich fand, der Firmengründer hatte große Ähnlichkeit mit diesem extrem bleichgesichtigen Knaster, der in einem unmodernen Bratenrock steckte und uns beim Dinner am anderen Ende der Tafel gegenübersaß.«

Holmes, der ein fotografisches Gedächtnis besaß und gewiss jeden einzelnen Teilnehmer an der Abendgesellschaft bis ins letzte Detail beschreiben konnte, sagte nun zu meiner größten Verblüffung etwas, was ich noch nie zuvor aus seinem Munde gehört hatte: »Eine solche Person ist mir mitnichten aufgefallen.«

»Holmes, ich bitte dich«, erwiderte ich. »Ich meine die alte Fledermaus, die noch zur Geisterstunde mit uns im Kaminzimmer gehockt, aber kein einziges Wort gesprochen hat.«

Holmes war in Gedanken schon wieder ganz woanders. Er brummelte nur noch: »Dort war niemand außer dir und mir und Curt von Arnim.«

Plötzlich wurde mir sehr, sehr kalt. Die Fenster unseres Automobils beschlugen von innen.

2. Kapitel

In der Börde

»In der Halle hatte er noch einen Fahrplan mitgenommen.«

Arthur Conan Doyle, Der erbleichte Soldat

Aus den Aufzeichnungen von Dr. Watson

08. März 1914, Magdeburg

Die Stadt Magdeburg, unser derzeitiger Aufenthaltsort, wurde von der sogenannten Börde umgeben. Das war ein riesiger flacher Landstrich mit fruchtbaren Schwarzerdeböden. Auf den ausgedehnten Feldern gediehen, so weit das Auge reichte, Weizen und Zuckerrüben. Die diesjährige Erntezeit war zwar längst vorüber, doch wer sich für Leiterwagen, Brauereipferde und ein halbes Dutzend schwerfälliger Kaltblutrassen interessierte, war hier an der richtigen Adresse. Auch die Liebhaber diverser Formen von Kummets kamen selbst mitten im Stadtgebiet voll auf ihre Kosten. Jene Feriengäste hingegen, welche gemächlich dahintrottenden Rindergespannen beim Pflügen zusehen wollten, mussten sich hinaus vor die Tore der Stadt begeben. In der Börde hatten sie dann die Qual der Wahl. Ansonsten war die Gegend gänzlich reizlos. Im weiten Umkreis gab es kaum Baum, kaum Strauch, von weitläufigen Waldungen, Burgruinen, prächtigen Schlössern und angenehm dem Auge schmeichelnden Hügelketten ganz zu schweigen.

Kurz gesagt: Magdeburg war vom Charakter her eine Ortschaft der Ackerbürger. Auf den Straßen und Gassen der Stadt lag überall und ständig ein schwacher Hauch von Pferdemist in der Luft. Die Stadt ließ sich nicht im Entferntesten mit den glänzenden Metropolen Berlin und Leipzig vergleichen. Daran änderte auch nichts, dass Magdeburg die Hauptstadt der preußischen Provinz Sachsen war und als bedeutender Industriestandort an der Elbe galt.

Neben der dörflichen Wesenheit gab es noch ein weiteres, ebenso auffälliges Merkmal. Magdeburg war nämlich auch eine Garnisonsstadt und verfügte über eine der größten Festungsanlagen des Deutschen Kaiserreiches, wobei diese allerdings sukzessive abgerissen wurde. Im Straßenbild wimmelte es nur so von ordensgeschmückten Uniformträgern, die sich deutlich von den Landmännern, Bauersfrauen, Kossäten und Tagelöhnern in ihren schlichten Kitteln abhoben.

In Magdeburg waren das Infanterie-Regiment »Fürst Leopold von Anhalt-Dessau«, das Feldartillerie-Regiment »Prinzregent Luitpold von Bayern«, das Fußartillerie-Regiment Nr. 4, das Pionier-Bataillon Nr. 4 sowie das Train-Bataillon Nr. 4 stationiert. Die starke Militärpräsenz und der seit der Reichsgründung gestiegene Warenumschlag hatten dazu geführt, dass sich die Einwohnerzahl in den letzten vierzig Jahren auf über 240.000 verdoppeln konnte.

Nun allerdings begann die Bevölkerung wieder zu schrumpfen. Das lag vor allem daran, dass durch eine »Allerhöchste Kabinettsorder« des Kaisers vom 25. Mai 1912 Magdeburg seinen Status als Festungsstadt verloren hatte. Wer als Militär Karriere machen wollte, hatte seitdem in der Börde nichts mehr verloren.

An Sehenswürdigkeiten gab es nicht viel mehr als einen Dom (an dem seit dem Jahr 1207 ständig herumgepusselt wurde und der wahrscheinlich nie fertig werden würde), ein Kloster, das Kaiser-Wilhelm-Denkmal und den sogenannten Rotehorn-Park zu bestaunen. Durch die Altstadt verlief von Nord nach Süd der Breite Weg mit einigen übrig gebliebenen Giebelhäusern aus dem 17. Jahrhundert, die recht passabel anmuteten. Westlich dazu gab es die Kaiserstraße mit etlichen Prachtbauten neueren Datums. Es existierten das Zentral-Theater, ein Museum, zwanzig Kirchen und ein monumentaler Brunnen am Hasselbachplatz. Eine Straßenbahnlinie verband die wichtigsten Stadtteile miteinander. Aber das war es auch schon fast gewesen.

Und dafür gab es einen Grund: Am 30. Mai 1631, während des Dreißigjährigen Krieges, war das protestantische Magdeburg von den katholischen Truppen des Grafen Johann T’Serclaes von Tilly, dem obersten Heerführer der kaiserlichen Armee, eingenommen worden. Die Söldner veranstalteten ein Massaker, welches als die »Magdeburger Hochzeit« in die Geschichte einging. Die Landsknechte plünderten jedes Haus und brannten anschließend fast die gesamte Stadt nieder. Nur der Dom, das Liebfrauenkloster und einige elende Fischerhütten blieben von der Zerstörungswut der Landsknechte verschont. Über 20.000 Einwohner – vom Säugling bis zum Greis – wurden abgeschlachtet. Von diesem gewaltigen Aderlass hatte sich Magdeburg in den vergangenen 280 Jahren nicht wieder richtig erholen können.

Holmes und ich waren kurz entschlossen aus dem doch sehr schlichten Hotel Zum goldenen Löwen in das wesentlich gediegener anmutende »Bellevue« übergesiedelt. Aber der Umzug hatte letztendlich nicht viel gebracht. Das Bellevue galt zwar als das beste Haus der Stadt, war aber nicht im Entferntesten mit dem »Adlon« in Berlin zu vergleichen. Wir konnten weder eine Zimmerflucht noch ein Appartement belegen, sondern mussten uns mit bescheidenen Schlafgemächern ohne Vorzimmer begnügen.

Als altem Militär sind mir sämtliche Allüren fremd, und ich will auch kein Beckmesser sein. Aber ich kann es nicht anders sagen: Auch der Service ließ zu wünschen übrig. Das Dienstpersonal glänzte zumeist durch Abwesenheit und zeichnete sich ansonsten durch völliges Desinteresse aus. Die Getränkekarte an der Bar führte lediglich sechs Sorten Scotch. Kein einziger Whisky war älter als zwölf Jahre, und einen gängigen Blended wie den Usher’s Green Stripe suchte ich vergeblich. Im Restaurant fehlten die einfachsten Tischgerichte wie Bubble and Squeak, Teegebäck wie Sally Lunn bun und süße Nachspeisen wie Yorkshire Pudding. Mit anderen Worten: Das Bellevue war auf kulinarischem Gebiet eine einzige Katastrophe.

Glücklicherweise gab einen Rauchsalon, in dem sich mehrere Ledersessel nebst halbhohen Messingtischen um einen offenen Kamin gruppierten. An diesem Nachmittag waren wir dort die einzigen Gäste. Ich hing meinen Gedanken nach und nippte hin und wieder an einem schlecht gemixten Derby mit zu wenig Gin, zu viel Peach Bitters und nahezu geschmacklosen Minzeblättern. Holmes blätterte in der Sonnabendausgabe der Berliner Vossischen Zeitung, schmauchte seine gebogene Meerschaumpfeife und führte sich einen Bramble zu Gemüte, der angeblich aus zwei Teilen Gin, einem Teil Brombeerlikör, etwas Zuckersirup und einem Schuss Zitronensaft bestehen sollte. Bei der Fabrikation jener trüben Mixtur im Glas hatte der Bartender aber wohl versehentlich einen Augenblick unter einem aufgedrehten Wasserhahn verweilt. Er beleidigte damit die gut geschulten Geschmacksknospen meines Freundes, wie er mir gleich nach dem ersten Schluck voller Bedauern mitgeteilt hatte.

Die Gasbeleuchtung zischte unentwegt. Das schlecht abgelagerte Holz im Kamin war zu nass und qualmte deshalb fürchterlich. Die Kerzen in den Leuchtern waren allesamt heruntergebrannt, und der Maître de Plaisir hatte sich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr bei uns blicken lassen.

»Ganz recht, alter Knabe«, meinte Holmes unvermittelt und ließ die Zeitung sinken. »Unseres Bleibens soll hier nicht länger sein. Wir nehmen den nächsten Eisenbahnzug in Richtung Kanalküste und setzen dann zu unserer geliebten heimatlichen Insel über. In Berlin fand ich es äußerst erbaulich, in Tangerhütte war es recht hübsch, aber hier in Sachsen ist amtlich der Hund begraben.«

»Sherlock, du erstaunst mich immer wieder«, entgegnete ich verblüfft. »Wie konntest du diesmal meine Gedanken erraten, wo wir seit einer guten halbe Stunde beharrlich geschwiegen und vor uns hin geträumt haben?«

»Ach, das war nicht schwer«, meinte mein Freund und klopfte seine Pfeife aus. »Anhand deiner Mimik konnte ich in deinem Antlitz wie in einem offenen Buch lesen. Bei dem ersten Schluck von diesem famosen Getränk hast du das Gesicht verzogen, so als ob du Zahnschmerzen hättest. Weshalb wohl? Ein ordentlicher Derby schmeckt vor allem erfrischend nach überreifen Pfirsichen. Das Aroma stammt von einer Beimischung namens Peach Bitters. Entgegen ihrem Namen weist diese Mixtur lediglich eine leicht bittere Mandelnote auf, die von den Kernen der Pfirsiche herrührt. Bei deinem Getränk war es offensichtlich nicht so. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass der Barmann keinen Peach Bitters vorrätig hatte. Er musste sich stattdessen mit eingemachten Pfirsichen aus der Blechbüchse behelfen. Der dann noch notwendige Schuss Bittermandelöl war dann wohl etwas zu reichlich bemessen. Die Minze hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Das war, als sie frisch gepflückt wurde. Da hatte sich ihr sattes Grün noch nicht in dieses verwelkte Grau verwandelt. Außerdem handelt es sich bei ihr um ein Surrogat der echten Minze, nämlich um die in Deutschland wachsende Mentha aquatica Labiata. Sie ist leicht erkennbar an ihren einjährigen, krautigen Stängeln und den rundlich-eiförmigen, spitzen und gesägten Blättern sowie den Gliederhaaren am Stängel. Sie schmeckt minder angenehm als echte Minze und sollte nur im äußersten Notfall für Mischgetränke verwendet werden. Ein solcher Notfall scheint offensichtlich vorgelegen zu haben.

Bei diesen analytischen Gedankengängen schweifte dein Blick träumerisch in die Ferne. Du dachtest ganz offensichtlich an deinen Militäreinsatz im fernen Afghanistan. Das Leben dort war ganz und gar kein Zuckerschlecken. Über die hygienischen Bedingungen in der trostlosen Einöde schweigt des Sängers Höflichkeit. Im Zeltlager gab es nichts außer Ungeziefer, Langeweile, schlechtem Essen und brackigem Wasser. Rings um das Camp trieben sich mordlustige Tadschiken, Löwen, Leoparden, Tiger, Wölfe, Bären, Hyänen und Schakale herum. Aber es gab auch gute Momente der Ruhe und der inneren Einkehr. Beispielsweise, wenn du in sternklaren Nächten mit deinen Kameraden erbauliche Geschichten aus der Heimat erzähltest und dazu Tee getrunken hast. Dieser Tee wurde im von Ruß geschwärzten Kessel über offenem Feuer aus frischer marokkanischer Minze gebraut. Und marokkanische Minze soll bekanntlich die beste der Welt sein. Die Blätter riechen stark eigentümlich, flüchtig balsamisch und schmecken angenehm gewürzhaft. Der heiße Tee wirkt anfangs erwärmend und später auffallend kühlend. Er ist deshalb das ideale Getränk für die zu kalten Nächte und die zu heißen Tage am Hindukusch.

Vom Krieg in Afghanistan aus bist du zurück in die Gegenwart gekehrt und stelltest ernüchtert den Derby zurück auf den Tisch. Anschließend hast du Trost bei deiner guten Zigarre gesucht und sie angeschnitten. Aber in deiner bunten Pappschachtel klapperte kein einziges Zündhölzchen mehr. Du hast nach dem Kellner geklingelt, aber er ließ sich nicht blicken. Dein Blick schweifte suchend im Raum umher. Die Kerzen auf dem Kaminsims waren längst erloschen. Die Gasbeleuchtung ließ sich ohne Leiter nicht erreichen. Aber einem alten Soldaten wie dir fällt immer etwas ein. Also hast du dir aus einem Blatt Papier einen Fidibus gefaltet und bist auf allen vieren zum Kamin gekrochen. Dort stieg dir der ätzende Rauch in die Nase, und du musstest husten. Mit tränennassen Augen hast du dich erhoben und in deinen Sessel fallen lassen. Im gleichen Moment war der Fidibus erloschen. Das Maß deiner Enttäuschung über die durch und durch provinziellen Verhältnisse im Bellevue war damit komplett. Daran konnten weder die komfortablen Waschräume noch die geschmackvolle Inneneinrichtung noch die dicken Teppiche auf den Fluren etwas ändern.«

»So weit, so gut«, unterbrach ich ihn. »Aber meinen Wunsch nach einer baldigen Abreise kann ich daraus beim besten Willen nicht ableiten.«

Holmes schmunzelte. »Dazu komme ich jetzt. Kaum hattest du nämlich so voller Verbitterung wieder Platz genommen, schweifte dein Blick ziellos im Raum umher. Plötzlich stocktest du. Dir war etwas ins Auge gefallen. Und zwar das gerahmte Foto dort drüben an der Wand. Es zeigt ein hübsches dreistöckiges Gebäude mit einem Säulenportal, einer großen Uhr und einer Art Quadriga oben auf dem Dach. Dabei handelt es sich laut der gut lesbaren Unterschrift um den Magdeburger Centralbahnhof am Kölner Platz. Im nächsten Moment strich ein Ausdruck des Erstaunens über dein Gesicht. Er wurde von einem seligen Lächeln abgelöst. Du dachtest an die baldige Fahrt nach Hause.«