Sich selbst beim Denken zusehen lernen -  - E-Book

Sich selbst beim Denken zusehen lernen E-Book

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Beschreibung

Vergangenheit ist passiert, Geschichte wird gemacht. Die Vorannahmen, Vorstellungen, Wissensbestände, Emotionen, Denkweisen und Gewissheiten derer, die sie schreiben, spielen in diesem Konstruktionsprozess eine wichtige Rolle. Wissenschaftliche Selbstreflexion bedeutet für Ralf Pröve daher, sich nicht nur dessen bewusst zu sein, sondern auch gezielt hinzuschauen und die jeweiligen Einflussfaktoren offenzulegen. Sich selbst beim Denken zusehen. Der Blick richtet sich dabei eben nicht mehr nur auf die Quellen und deren Verfasser:innen, sondern ausdrücklich auch auf die historisch forschenden Akteur:innen, die jene Quellen dann nachträglich betrachten, interpretieren und bearbeiten. Der vorliegende Sammelband, der zu Ehren von Ralf Pröves 65. Geburtstag entstanden ist, bündelt einerseits wichtige Aufsätze von ihm, durch die sein Denken nachvollziehbar gemacht wird (Wirken). Ergänzt werden diese durch Beiträge von Wegbegleiter:innen, die jene Form der Selbstreflexion aufnehmen, anwenden und weiterentwickeln (Wirkung). Die Herausgeber:innen: Sebastian Ernst, Dr., studierte (Geschichte und Philosophie) und promovierte an der Universität Potsdam im Bereich der Sozialgeschichte. Anschließend arbeitete er am Institut für Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER) in der Lehramtsausbildung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Kulturgeschichte, Emotionsgeschichte, Geschichtstheorie, Konstruktivistische Didaktik und Digitales Lernen. Jelena Tomović, Dr., promovierte an der Universität Potsdam am Arbeitsbereich Sozialgeschichte. Anschließend konzentrierte sie sich auf das Feld der Wissenschaftskommunikation und ist derzeit als Referentin für Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei der Max-Planck-Gesellschaft tätig.

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Seitenzahl: 545

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Verlag für Systemische Forschung im Carl-Auer Verlag

Sebastian Ernst/Jelena Tomović (Hrsg.)

Sich selbst beim Denkenzusehen lernen

Ralf Pröves Konzept einer selbst- bewussten (Geschichts-)Wissenschaft

2025

Carl-Auer im Internet: www.carl-auer.de

Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:

Carl-Auer Verlag

Vangerowstr. 14

69115 Heidelberg

Über alle Rechte der deutschen Ausgabe verfügt der Verlag für Systemische Forschung im Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg

Fotomechanische Wiedergabe nur mit Genehmigung des Verlages Reihengestaltung nach Entwürfen von Uwe Göbel

Printed in Germany 2025

Erste Auflage, 2025

ISBN 978-3-8497-9080-6 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-9081-3 (ePub)

DOI: 10.55301/9783849790806

© 2025 Carl-Auer-Systeme, Heidelberg

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Die Publikation wurde finanziert von:

FAB Investitionsberatung & Finanzierungsvermittlung Berlin

Die Verantwortung für Inhalt und Orthografie liegt bei den Herausgebern.

Inhalt

Einleitende Worte

Sebastian Ernst, Jelena Tomović & Ralf Pröve Einführung in Ralf Pröves Denken

WIRKEN

Ralf Pröve Friedrich Nicolai und die Wahrnehmung militärischer Räume1

Ralf Pröve Sichere Ordnung, ordentliche Sicherheit? Gewalt und Herrschaft in der frühen Neuzeit

Ralf Pröve Systemische Herrschaftskonkurrenz durch Instanzenzüge und Patronatsbeziehungen Probleme im Verwaltungshandeln des 18. Jahrhunderts

Ralf Pröve Strukturierte und strukturierende Zeiten Lebensweltliche Zyklen und deren Erfindungen

Ralf Pröve Der Kampf um Kundschaft als planwirtschaftliches Dilemma. Praktiken der Personenbeförderung im ausgehenden 18. Jahrhundert

Ralf Pröve Geschichtskunde versus Geschichtswissenschaft, Vielfalt statt Einfalt: Ein Appell für sozialkonstruktivistisches Forschen und selbstreflektiertes Lehren104

Ralf Pröve Wie mit Nach-Matrix-Sozialisierten umgehen, oder: emotionale Herausforderungen bei der Vermittlung kulturwissenschaftlicher Inhalte

Ralf Pröve & Sebastian Ernst Vollkornbrot statt Schokolade? Historiographietheater und die Kunst, selber denken zu lernen

Ralf Pröve, Sebastian Ernst, Moritz Binkele & Georgius Chatzoudis „Von der Illusion einer objektiven Vergangenheitsbetrachtung lösen“ Interview mit Ralf Pröve und Sebastian Ernst über die Subjektivität historischen Erzählens

Ralf Pröve, Sebastian Ernst, Moritz Binkele & Georgius Chatzoudis „Die Trennung von Ratio und Emotio halten wir für einen Selbstbetrug“ Interview mit Sebastian Ernst und Ralf Pröve über Emotionen in Forschung und Lehre

Ralf Pröve, Sebastian Ernst & Jannis M. Krieger Konstruktivistisches Prozessmodell Historischer Erkenntnisbildung

WIRKUNG

Wissenschaftliche Reflexionen

Sebastian Ernst Es ist schwer unmöglich, ein Gott zu sein – Ralf Pröves Forderung nach einer selbsteinschließenden Beobachtung als Grundlage geschichtswissenschaftlicher Forschung

Sascha Nicke Wie können Forschende Transparenz erzeugen? Ein Beispiel aus der historischen Identitätsforschung

Annika Hübner Biographischer Habitus oder (m)ein Plädoyer für das Ich

Lebensweltliche Reflexionen

Jelena Tomović Wissenschaft und Öffentlichkeit: Wissenschaftskommunikation als Brücke zur Verständigung

Felix Großklaß Von Konstruktivismus, KI und der Möglichkeit des gemeinsamen Entdeckens

Peter Maaß Ein Beitrag über das Aushalten von Widersprüchen in der politischen und schulischen Praxis

Christopher Hanek Wie ich mir selbst beim Denken zusah. Ein essayistischer Reflexionsbericht

Janine Rischke-Neß Vom Staunen über die Wissenschaft – Erfahrungen aus unterschiedlichen Wissenschaftssystem im Wandel der Zeit

Beatrice Fischer-Miersch Nachhaltige Transformation gestalten: Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft

Autor:innenverzeichnis

Einleitende Worte

Vergangenheit ist passiert, Geschichte wird gemacht. Die Vorannahmen, Vorstellungen, Wissensbestände, Emotionen, Denkweisen und Gewissheiten derer, die sie schreiben, spielen in diesem Konstruktionsprozess eine wichtige Rolle. Wissenschaftliche Selbstreflexion bedeutet daher, sich nicht nur dessen bewusst zu sein, sondern auch gezielt hinzuschauen und die jeweiligen Einflussfaktoren offenzulegen. Der Blick richtet sich dabei eben nicht mehr nur auf die Quellen und deren Verfasser:innen, sondern ausdrücklich auch auf die historisch forschenden Akteur:innen, die jene Quellen dann nachträglich betrachten, interpretieren und bearbeiten. Sich selbst beim Denken zusehen lernen wird damit zur Voraussetzung einer selbst-bewussten Wissenschaft. Wie eine solche Wissenschaft theoretisch zu denken ist und praktisch gelebt werden kann, ist die zentrale Frage, die Ralf Pröve in den letzten Jahren zunehmend beschäftigt hat. Zu Ehren seines 65. Geburtstages erscheint nun diese eher unkonventionelle Festschrift, die bewusst von traditionellen Formaten abweicht und in zwei Abschnitte unterteilt ist.

Der erste Abschnitt ist dem wissenschaftlichen Wirken von Ralf Pröve gewidmet. Folglich finden sich hier zentrale Arbeiten der letzten Jahre, die Pröves wichtigste wissenschaftliche Beiträge und seinen Einfluss auf die Geschichtswissenschaft hervorheben. Besonders berücksichtigt werden dabei Ansätze, die sich von traditionellen historischen Methoden entfernen und stärker kulturwissenschaftliche und theoretische Perspektiven einbeziehen.

Diese Beiträge spiegeln Pröves Präferenz für eine wissenschaftliche Arbeit wider, die sich nicht ausschließlich durch Daten und Fakten definiert, sondern durch eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Theorien und Methoden. Zugleich lässt sich anhand der einzelnen Texte die Enwticklung seines Konzepts einer selbst-bewussten Geschichtswissenschaft nachvollziehen. Während die früheren historiographischen Untersuchungen dieses immer stärker anwenden, werden seine Ideen in den späteren Arbeiten explizit gemacht und theoretisch begründet. Das Lernplakat zum Konstruktivistischen Prozessmodell Historischer Erkenntnisbildung fasst die Grundlagen und Notwendigkeiten einer erweiterten wissenschaftlichen (Selbst-)Reflexion anschaulich zusammen.

Der zweite Abschnitt befasst sich mit der Wirkung von Ralf Pröves Denken. Verschiedene Wegbegleiter:innen, darunter Kolleg:innen, Doktorand:innen und ehemalige Studierende, setzen sich kritisch-würdigend mit seinem Konzept auseinander, wenden dieses an und entwickeln es weiter.

Neben wissenschaftlichen Aufsätzen, die direkt auf Pröves Lehren aufbauen, finden sich hier auch persönliche Reflexionen, die beschreiben, wie Pröves Ansätze in anderen lebensweltlichen Bereichen prägend gewesen sind.

Den Anfang macht Sebastian Ernst. In seinem Beitrag begründet und erweitert er das Konzept einer selbsteinschließenden Beobachtung als Grundlage einer geschichtswissenschaftlichen Forschung. Sascha Nicke zeigt anschließend, wie sich eine wissenschaftliche Selbstreflexion am Beispiel der historischen Identitätsforschung anwenden lässt. Ihm geht es dabei vor allem darum, die eigenen Vorannahmen kritisch zu hinterfragen und offenzulegen. Da sich die Forschenden ohnehin nicht aus dem Forschungsprozess heraushalten können, plädiert Annika Hübner in ihrem Beitrag dafür, auch in wissenschaftlichen Arbeiten die erste Person Singular zu verwenden, um so den Einfluss der Forschenden auf das Forschungsergebnis kenntlich zu machen.

Jelena Tomovićs Beitrag leitet zu lebensweltlichen Reflexionen über und plädiert für die entscheidende Rolle der Wissenschaftskommunikation als Brücke zwischen akademischem Wissen und gesellschaftlicher Verständigung. Sie betont die Notwendigkeit klarer und präziser Kommunikation, um fundierte Entscheidungen zu unterstützen und neue Perspektiven zu eröffnen. Felix Großklaß richtet seinen Blick auf die Schule und fragt, wie sich konstruktivistische Grundannahmen dort anwenden und einbinden lassen. Peter Maaß fragt sich in seinem Beitrag, wie sich Widersprüche aushalten lassen, sowohl in der Schule wie auch in der Politik. Christopher Hanek reflektiert seinen privaten und beruflichen Werdegang. Auch hier spielt Schule eine Rolle, mehr noch aber die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Janine Rischke-Neß zeichnet ihren bisherigen universitären und beruflichen Werdegang nach und reflektiert ihre Erfahrungen in unterschiedlichen Wissenschaftssystemen. Beatrice Fischer-Miersch fragt hingegen nach den Möglichkeiten gesellschaftlichen Wandels. Sie verbindet Elemente aus Kunst und Coaching unter konstruktivistischen Vorzeichen.

Ralf Pröve selbst empfindet die Idee eines Erbes oder einer Denkschule, die ihm zugeschrieben wird, als unangenehm und sieht sich eher in der Rolle eines Lernenden, der auf den Schultern von Riesen steht. Er betont die Bedeutung der vielen Menschen, die ihn beeinflusst haben, und sieht sich nicht als alleinigen Urheber seiner Ideen. Die Vorstellung eines Personenkults um seine Person lehnt er ab und betont stattdessen die Rolle des Zufalls und der Dankbarkeit in seiner akademischen Laufbahn.

Die Festschrift soll daher weniger als Huldigung einer einzelnen Person verstanden werden, sondern vielmehr als Anerkennung der kollektiven Arbeit und des Austauschs innerhalb der akademischen Gemeinschaft, zu der Pröve einen bedeutenden Beitrag geleistet hat. Sie ist ein Zeugnis dafür, wie akademische Lehre und Forschung Menschen inspirieren und beeinflussen kann, und unterstreicht die Bedeutung von Offenheit, Neugier und dem Mut, neue Wege zu beschreiten.

Wir danken allen Autor:innen für ihre spannenden und inspirierenden Beiträge. Ebenso möchten wir uns im Namen aller bei der FAB Investitionsberatung & Finanzierungsvermittlung Berlin bedanken, deren finanzielle Unterstützung dieses Projekt erst möglich gemacht hat.

Zu guter Letzt gilt unser Dank natürlich Ralf Pröve, der uns alle in seinem Denken geprägt und vorangebracht hat.

Dir lieber Ralf wünschen wir hiermit alles Gute zum Geburtstag. Live Long and Prosper!

Sebastian Ernst & Jelena Tomović im Juni 2025

Sebastian Ernst, Jelena Tomović & Ralf PröveEinführung in Ralf Pröves Denken

In einem ausführlichen Gespräch mit Ralf Pröve haben die beiden Herausgeber:innen Sebastian Ernst und Jelena Tomović Einblicke in das wissenschaftliche Leben von Ralf Pröve gewonnen. Dieses Interview, geführt anlässlich seines 65. Geburtstags, bildet die Grundlage für einen Text, der Pröves akademische Laufbahn und seinen Einfluss auf die Geschichtswissenschaft beleuchtet – ein Rückblick auf ein Leben voller Neugier, Herausforderungen und wegweisender Erkenntnisse.

Die Anfänge – zufällige Wissenschaft

Pröves akademische Laufbahn begann ohne feste Pläne und nahm eine unerwartete Wendung, die ihn weit von seinem ursprünglichen Ziel, Biologie zu studieren, entfernte. Der spezifische Biologieunterricht in der Oberstufe führte dazu, dass er sich stattdessen für das Studium der Geschichte entschied. Diese Entscheidung, die zunächst als Notlösung erschien, markierte den Beginn seiner lebenslangen Leidenschaft für Geschichte und Wissenschaft.

An der Universität Göttingen, wo Pröve in den 1980er Jahren Geschichte und Deutsch mit dem Ziel studierte, Lehrer zu werden, wurde ihm schnell klar, dass die berufliche Zukunft in diesem Bereich unsicher war. Trotz der Warnungen und der schwierigen Arbeitsmarktlage für Lehrkräfte ließ sich Pröve von seinem Weg nicht abbringen. Sein Engagement und seine Freude am Austausch und an der Vermittlung von Wissen hielten ihn auf Kurs.

Ein Schlüsselmoment in Pröves Laufbahn war seine Beteiligung an einem Archivprojekt von Hermann Wellenreuther während seines Studiums. Dieses Projekt, das sich mit der Geschichte Göttingens im 18. Jahrhundert beschäftigte, weckte sein Interesse an der Sozialgeschichte und führte zu einem gemeinschaftlichen Buchprojekt. Die Arbeit im Archiv und die daraus resultierenden Erkenntnisse waren für ihn so bereichernd, dass sie den Grundstein für seine weitere akademische Karriere legten.

Nach seinem Staatsexamen stand Pröve vor der Wahl zwischen dem Referendariat und einer Promotion. Letztendlich entschied er sich, aufgrund eines Angebots seines späteren Promotionsbetreuers Wellenreuther und der Aussicht auf ein Stipendium, für die akademische Laufbahn. Diese Entscheidung führte ihn schließlich zu Beginn der 1990er Jahre an die Humboldt-Universität zu Berlin, wo er in den turbulenten Jahren nach dem Fall der Berliner Mauer unterrichtete. Die Erfahrungen in Berlin, geprägt von der Begegnung mit Ost- und Westdeutschen und der sich schnell wandelnden gesellschaftlichen Landschaft, erweiterten Ralfs Horizont und bestärkten ihn in der Überzeugung, dass Sicherheit und Selbstverständlichkeiten trügerisch sind.

Ralf Pröve beschreibt seinen akademischen Werdegang als einen Prozess, der stark von Eigeninitiative und einer gewissen Naivität im Umgang mit dem akademischen System geprägt war. Er hebt hervor, dass er nie die Unterstützung eines einflussreichen Mentors hatte, der ihm den Weg geebnet hätte. Stattdessen musste er sich auf sich selbst verlassen, ohne einen festen Plan oder klare Vorstellungen von seiner beruflichen Zukunft im Bereich der Wissenschaft.

Der Wissenschaftsbetrieb – eine Phase der Unsicherheit

Nach seiner Zeit an der Humboldt-Universität zu Berlin folgte in den 2000er Jahren eine Phase beruflicher Unsicherheit, die Ralf als seine "bitteren Jahre" bezeichnet. In dieser Zeit war er mit der Herausforderung konfrontiert, sich von Jahresvertrag zu Jahresvertrag zu bewegen, Phasen der Arbeitslosigkeit zu durchleben und sich in einer prekären Situation wiederzufinden. Erst durch die Kontakte, die er im Laufe der Jahre knüpfte, gelang es ihm schließlich, mit Unterstützung von Bernhard R. Kroener, eine feste Anstellung an der Universität Potsdam zu erhalten.

Ralf Pröve gibt zu, dass er aufgrund seines nichtakademischen Hintergrunds viele der ungeschriebenen Regeln und Subtexte des akademischen Lebens nicht kannte. Diese Unwissenheit führte dazu, dass er sich nicht strategisch im akademischen Feld positionieren konnte, was seinen Weg zusätzlich erschwerte. Trotz dieser Herausforderungen fand Ralf Freude in Lehre und Forschung, auch wenn er erst relativ spät, mit 33 Jahren, mit der Lehre begann. (In Göttingen durfte erst mit der Promotion gelehrt werden.)

Seine akademische Neugier führte ihn durch nahezu jedes Neuzeitjahrhundert. Ralf kritisiert das akademische System in Deutschland scharf, das er als veraltet und problematisch empfindet, und zieht Vergleiche zu Erfahrungen aus dem englischen und amerikanischen Raum.

Besonders kritisch sieht er die Berufungsprozesse und die Art und Weise, wie Entscheidungen hinter verschlossenen Türen getroffen werden, ohne echte Offenheit oder ergebnisoffene Diskussion.

Schaffung von Neuem – der Universitätsbetrieb

Während Bernhard R. Kroener als Dekan tätig war, setzte sich Pröve vermehrt auch mit administrativen Aufgaben auseinander. Seine Position ermöglichte ihm, etliche Projekte zu entwickeln. Besonders hervorzuheben ist die Neuausrichtung des Lehrstuhls für Militärgeschichte, den Pröve und sein Team von traditionellen Definitionen hin zu einem Verständnis der Kulturgeschichte der Gewalt öffneten. Diese Neuausrichtung führte zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit den Grundlagen ihres Forschungsfeldes und zu einer stärkeren Reflexion über die Bedeutung von Gewalt.

Ralf Pröves akademische Laufbahn war durch die Schaffung eines eigenen Arbeitsbereichs für Sozialgeschichte gekennzeichnet, den er trotz einiger Herausforderungen etablieren konnte. Er erlebte sowohl Unterstützung als auch Widerstand innerhalb der akademischen Gemeinschaft, was zu gemischten Erfahrungen führte.

Seine Bemühungen, interdisziplinäre Studiengänge zu entwickeln, führten zur Gründung von „Military Studies“ am Historischen Institut und der Soziologie sowie "Kulturelle Begegnungsräume der Frühen Neuzeit" über die gesamte Philosophische Fakultät hinweg. Diese Studiengänge zeichneten sich durch ihre Fähigkeit aus, verschiedene akademische Disziplinen und sogar außeruniversitäre Forschungseinrichtungen zu integrieren. Pröve betont die Bedeutung der Interdisziplinarität und die Fähigkeit, Vielfalt zu akzeptieren und unterschiedliche Perspektiven zu integrieren.

Trotz anfänglicher Erfolge und der Gründung eines Zentrums, das Kooperationen mit lokalen Museen und anderen Institutionen einschloss, erlebte Pröve auch Enttäuschungen. Veränderungen in der Universitätsleitung und ein mangelndes Interesse an Initiativen "von unten" führten dazu, dass sowohl das Zentrum als auch die neu geschaffenen Studiengänge letztlich nicht fortgeführt wurden. Trotz dieser Rückschläge blickt er auf zehn bis zwölf erfolgreiche Jahre zurück, in denen bedeutende akademische und interdisziplinäre Arbeit geleistet wurde.

Ralf Pröves Erfahrungen mit der Erosion seiner interdisziplinären Projekte beleuchten die Herausforderungen, die mit der Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg verbunden sind. Er betont, dass die Integration verschiedener Fachkulturen eine anstrengende Aufgabe ist, die ein hohes Maß an Sozialkompetenz und die Bereitschaft, etablierte wissenschaftliche Konzepte in Frage zu stellen, erfordert. Pröve beschreibt den Aufbau persönlicher Beziehungen zu Kolleg:innen aus anderen Disziplinen als einen entscheidenden Schritt, um Vorbehalte abzubauen und eine Basis für die gemeinsame Arbeit zu schaffen. Er sieht die Notwendigkeit, traditionelle Wissenschaftsbegriffe und -grenzen zu hinterfragen, um echte interdisziplinäre Forschung zu ermöglichen.

Die Schwierigkeiten, die Pröve bei der Durchführung gemeinsamer Prüfungen erlebte, illustrieren die tiefgreifenden Unterschiede im Wissenschaftsverständnis zwischen den Disziplinen. Ein Beispiel dafür ist die fehlende Dekonstruktion grundlegender Begriffe wie „Liebe“ oder „Gewalt“ in einer studentischen Arbeit, was auf ein grundlegend anderes Verständnis von Wissenschaft hindeutet.

Nur etwas Mut – Theoretische Auseinandersetzungen

Ralf Pröves akademische Entwicklung und sein Ansatz in der Forschung zeigen eine bemerkenswerte Evolution. Ursprünglich folgte er dem klassischen historischen Ansatz, der sich auf die Produktion vermeintlicher Fakten beschränkte, ohne deren Zustandekommen - und vor allem die Rolle der Produzierenden, der Erzählenden – zu beleuchten. Diese Herangehensweise spiegelt sich in seiner Dissertation wider, die durch die umfangreiche Verwendung von Tabellen gekennzeichnet ist. Diese Tabellen scheinen auf den ersten Blick Pröves anfängliche Vorstellungen von einer datengetriebenen, also strukturfunktionalistischen Geschichtswissenschaft zu bestätigen. Jedoch offenbart ein tieferer Blick, dass in diesen Tabellen bereits die Grundlagen für größere Fragen und Themenfelder angelegt waren, die Pröve zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig erfasst hatte. Die in seiner Arbeit enthaltenen Daten und Fakten dienten nicht nur der bloßen Präsentation historischer Informationen, sondern waren auch Ausgangspunkt für die Untersuchung tiefer liegender gesellschaftlicher Strömungen und Bewegungen. Diese Aspekte, die zunächst unbewusst in seiner Forschung vorhanden waren, entwickelten sich später zu einem Verständnis, das stark vom Sozialkonstruktivismus geprägt ist. Dieser theoretische Rahmen ermöglichte es Pröve, historische Phänomene nicht nur als isolierte Ereignisse zu betrachten, sondern sie im Kontext der von Menschen geschaffenen und wahrgenommenen Realitäten zu analysieren.

Ralf Pröves Arbeit zeigt, dass ein umfassendes Verständnis historischer Phänomene eine Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven erfordert und dass die bloße Fokussierung auf normative Quellen zu einem verzerrten Bild führen kann. Er betont die Bedeutung der Untersuchung von Lebenswelten und sozialen Praktiken, um ein vollständigeres Bild der Vergangenheit zu erhalten. Seine Erkenntnisse über die Diskrepanz zwischen offiziellen Normen und tatsächlichem menschlichen Verhalten unterstreichen die Komplexität historischer Forschung und die Notwendigkeit, über traditionelle Methoden hinauszudenken.

Seine Entdeckung des Sozialkonstruktivismus um 2013/14 markierte für Pröve einen Wendepunkt in seinem wissenschaftlichen Denken. Durch Gespräche und Anregungen von Kolleg:innen begann er, sich intensiver mit Theorien auseinanderzusetzen, die zunächst außerhalb seines klassischen historischen Rahmens lagen. Diese theoretischen Erkundungen führten zu einem tieferen Verständnis seiner eigenen Forschungsansätze und der Erkenntnis, dass viele seiner bisherigen Überlegungen und Beobachtungen im Licht des Sozialkonstruktivismus neue Bedeutung erlangten. Pröves Bereitschaft, sich mit komplexen Theorien auseinanderzusetzen, auch wenn er sie zunächst nicht vollständig erfasste, erweiterte seinen Horizont und führte zu einer stärkeren Betonung von Methodik und interdisziplinärer Forschung in seiner Arbeit.

Ralf Pröves Lehre wurde zunehmend durch diesen theoretischen Rahmen geprägt, indem er begann, jeden Aspekt des menschlichen Daseins zum Thema zu machen und dabei vielfältige Quellen wie Bilder und Filmausschnitte einzusetzen. Diese Herangehensweise ermöglichte es ihm, komplexe gesellschaftliche Phänomene wie Identität, Individualisierung und kulturelle Praktiken auf innovative Weise zu analysieren. Durch die Einbeziehung von Alltagskultur und Medien in seine Lehre konnte Pröve zeigen, wie tiefgreifend diese Aspekte kulturelle Normen und gesellschaftliche Strukturen widerspiegeln.

Die Reflexion über seine eigene akademische Entwicklung und die Abkehr von der bloßen Fokussierung auf historische Daten und Fakten hin zu einem Verständnis von Geschichte als Prozess der Erkenntnisgewinnung unterstreicht Pröves Wandel vom klassischen Historiker zum Befürworter einer geschichtswissenschaftlichen Arbeitsweise, die das Zustandekommen von Erkenntnis in den Mittelpunkt stellt. Die Veröffentlichung eines Aufsatzes in einem von Stefan Haas und Clemens Wischermann herausgegebenen Sammelband, der sich mit diesen Themen auseinandersetzt, bestätigte Pröve in seinem Ansatz und zeigte ihm, dass er Teil einer größeren Gemeinschaft von Wissenschaftler:innen ist, die ähnliche Perspektiven teilen. Diese Erfahrung war für Pröve sowohl eine Bestätigung als auch eine Befreiung, die ihm den Mut gab, seine Forschung und Lehre weiter in diese Richtung zu entwickeln.

Ralf Pröves Weg in der akademischen Welt war geprägt von Isolation und dem Gefühl, nicht verstanden zu werden, bis er auf Werke und Kollegen stieß, die ähnliche theoretische Perspektiven teilten. Besonders die Lektüre des Sammelbandes „Die Wirklichkeit der Geschichte“ führte zu einem Wendepunkt, indem er sich zum ersten Mal in einer akademischen Gemeinschaft verstanden fühlte. Diese Erfahrung des Verstandenwerdens war nicht nur auf der Ebene der Studierenden und Weggefährt:innen vorhanden, sondern erweiterte sich nun auf Kolleg:innen, die auf ähnlichen Hierarchiestufen standen.

Ralf Pröves Herausforderungen in der akademischen Kommunikation und sein Eindruck, in manchen Gesprächen vielleicht zu forsch aufgetreten zu sein, spiegeln die Schwierigkeiten wider, die er bei dem Versuch erlebte, neue Methoden und Theorien in traditionelle akademische Strukturen einzubringen. Trotz seiner Leidenschaft für die Lehre und der Überzeugung, dass Studierende eine Bereicherung darstellen, fühlte er sich in der akademischen Welt in dieser Hinsicht oft als Einzelkämpfer.

Die Bedeutung von Lehre – Wertschätzung menschlicher Erfahrungen

Für Pröve bedeutet gute Lehre vor allem Wertschätzung und die Fähigkeit, Studierende als Bereicherung zu sehen. Er betont die Bedeutung des Lernens von Studierenden und die Freude, die der Austausch mit ihnen mit sich bringt. Pröves Ansatz in der Lehre zielt darauf ab, Studierenden nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern sie auch zum kritischen Denken anzuregen und ihnen zu zeigen, dass komplexe Theorien wie die von Foucault, Bourdieu und Luhmann bereits immer schon Teil ihres Alltagsdenkens gewesen sind. Er möchte den Studierenden die Angst vor diesen Theorien nehmen und ihnen vermitteln, dass philosophische Ideen nicht fremd oder unzugänglich sind, sondern Teil der menschlichen Erfahrungswelt.

Ralf Pröves Erfahrungen mit Feedback von Studierenden zeigen, dass seine Bemühungen in der Lehre anerkannt werden, auch wenn er sich bewusst ist, dass nicht jede:r Studierende mit seinem Ansatz zufrieden sein wird. Er strebt danach, in der Lehre authentisch zu sein und einen Raum zu schaffen, in dem Studierende sich wohlfühlen und engagieren können. Für Pröve ist das oberste Ziel seiner Lehrtätigkeit nicht die Vermittlung von Faktenwissen, sondern die Anregung zum selbstständigen Denken und die Förderung eines tieferen Verständnisses für die Komplexität der Welt.

Für Ralf Pröve besteht eine gute wissenschaftliche Arbeit, sei es ein Aufsatz, eine Abschlussarbeit oder eine Promotion, aus mehreren Kernkriterien. Zentral ist, dass die verfassende Person sich selbst und ihre Arbeit ernst nimmt und eine reflektierte, sensible Auseinandersetzung mit Sprache, Begrifflichkeiten und Quellen zeigt. Die Verwendung des Pronomens "ich" sieht Ralf als konsequent an, da sie der Klarheit und Authentizität der Argumentation dient. Eine gute Arbeit zeichnet sich durch eine ambitionierte Fragestellung aus und folgt dem wissenschaftlichen Usus bezüglich Fußnoten und Satzbau, ohne dass das Ergebnis zwangsläufig Ralfs eigene Ansichten widerspiegeln muss.

Ralf Pröve betont die Wichtigkeit der Konsistenz innerhalb der Arbeit und der Offenheit für unterschiedliche Schlussfolgerungen. Er kritisiert die Vorstellung, dass wissenschaftliche Arbeiten ohne persönliche Perspektive verfasst werden sollten, und plädiert stattdessen für Arbeiten, die "aus dem Herzen" kommen und die Lebenswelt der Verfassenden widerspiegeln.

Die Herausforderung für Lehrende besteht darin, Arbeiten objektiv zu bewerten, auch wenn sie persönlich andere Schlussfolgerungen ziehen würden. Pröve argumentiert, dass es nicht auf das Ergebnis ankommt, sondern darauf, wie die Studierenden zu ihren Schlüssen gekommen sind und ob sie den wissenschaftlichen Prozess nachvollziehbar und gründlich durchlaufen haben. Er akzeptiert, dass Studierende zu anderen Ergebnissen kommen können, und sieht dies nicht als Grund für eine schlechte Bewertung.

Ralf Pröves Ansatz im Umgang mit Studierenden, die seine Lehrmethoden oder Ergebnisse ablehnen, ist pragmatisch. Er erkennt an, dass nicht alle Studierenden seine Ansichten teilen werden und dass dies Teil der akademischen Vielfalt ist. Er geht davon aus, dass ein Drittel der Studierenden seine Arbeit möglicherweise nicht schätzen wird, ein Drittel neutral bleibt und ein Drittel positiv reagiert. Diese Einstellung ermöglicht es ihm, offen für Kritik zu bleiben und gleichzeitig die Vielfalt akademischer Meinungen zu akzeptieren.

WIRKEN

Ralf PröveFriedrich Nicolai und die Wahrnehmung militärischer Räume1

Erstveröffentlichung in: S. Stockhorst (Hrsg.) (2013): Friedrich Nicolai im Kontext der kritischen Kultur der Aufklärung (= Schriften des Frühneuzeitzentrums‚ 2). Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht)‚ S. 189–200.

Vieles, nahezu alles hat Friedrich Nicolai auf seiner Fahrt durch Deutschland und die Schweiz „in der Tradition der systematischen und enzyklopädischen“ Reiseautoren wortreich beschrieben und thematisiert (Bödeker 2008, S. 317). 2 Erstaunlicherweise ist jedoch das Militär mit seinem Personal, seinen Funktionsbauten und Arsenalen, kaum, nur am Rande und beiläufig erwähnt worden. Angesichts der quantitativen und qualitativen Dimensionen der in den Städten mit ihren bunten Uniformen allgegenwärtigen militärischen Präsenz im ausgehenden 18. Jahrhundert wirft diese sektorale Ausblendung allerdings einige Fragen auf (Kroll 2006; Pröve, Kroener & Strauß 2010; Kroener & Pröve 1996). Fragen, die noch drängender werden, betrachtet man Nicolais Einlassungen zu diesem Thema abhängig vom zeitlichen Verlauf seiner berühmten Reisebeschreibungen; eine wechselnde Perspektive ist hier unübersehbar.

Die Nicolai-Forschung hat vor allem auf der thematischen Ebene Nicolais binäre antikatholische Wahrnehmungsraster von Nord und Süd beleuchtet (Mix 2008), einzelne detailliert erfasste Gegenstandsbereiche wie Landwirtschaft, Gewerbe, Schulsystem oder generell Kultur und Lebensart der Bewohner erschlossen; auf der analytischen Ebene wurden die zeitgenössischen Beobachtungsmodi und Beschreibungskategorien untersucht und hierbei etwa die Funktion der „Nachricht“ oder die Praxis der Auflistung und Reihung von Informationen und damit die kulturellen Wissensspeicherungen jener Zeit diskutiert.3 Nicolais Beschreibung des Militärs und dessen Wahrnehmung militärischer Räume wurden von der Forschung dagegen bisher nur in Ansätzen und nur summarisch in ihren Aufmerksamkeitsfokus gelegt.4

Im Folgenden wird es darum gehen, zunächst in einem ersten Schritt die Belegstellen in den frühen, in den Jahren 1781 bis 1785 publizierten Bänden zu indizieren und einer Wertung zu unterziehen, um anschließend in einem zweiten Arbeitsgang diese Befunde in den größeren ideengeschichtlichen Kontext von Aufklärungskonzept und Militärverfassung zu stellen. Darauf aufbauend werden in einem gleichen Verfahren die späteren, in den Jahren 1795 und 1796 publizierten Bände herangezogen.

I.

Betrachtet man die voluminöse Reisebeschreibung von Nicolai als auch dessen Stadtbeschreibung von Berlin und Potsdam fällt insgesamt ein lapidarer Beschreibungsduktus auf. So heißt es auf seiner Durchfahrt in Treuenbrietzen: „Hier liegt das Scholtensche Grenadierbataillon in Garnison.“ (Nicolai 1783–1796, Bd. 1, S. 24) Die Passage in Preßburg entlang der Donau wird mit den Worten: „An demselben Ufer erblickt man sogleich eine 1759 bis 1763 neu gebaute Kaserne für ein Bataillon Infanterie.“ (Nicolai 1783–1796, Bd. 6, S. 332) In München wird die dortige Kaserne nur noch in einer additiven Reihung mit dem Rathaus erwähnt (Nicolai 1783-1796, Bd. 6, S. 354). Diese Haltung von Nicolai spiegelt sich exakt auch in dessen Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam aus dem Jahre 1786 wider.

Neben diesen eher touristisch motivierten Anmerkungen wird die Thematik Militär vornehmlich in numerischen Übersichten erfasst und aufgelistet. So erfährt man von Treuenbrietzen, dass der dortige „Militärstand 602 Mann, 340 Frauen, 198 Söhne, 156 Töchter“ stark ist. (Nicolai 1783–1796, Bd. 1, Beylage, S. 25). Auch in den Stadtbeschreibungen von Berlin und Potsdam finden sich auf vielen Seiten tabellarisch formatierte Informationen zu Regimentern, Männern, Frauen und Kindern des Militärstands gelistet (Nicolai 1783–1796, Bd. 1, Beylage, S. 208–2012).

Ebenso wird das Militär im Zusammenhang mit Institutionen und administrativen Einrichtungen beschrieben. So heißt es zum Amt des Hofkriegsrats in Wien: „Dieses hohe Kollegium hat die Besorgung der ganzen Armee und alles dessen, was zum Militärwesen gehört, als die innere Ordnung, Disciplin, Avancement, die Verpflegung und Bekleidung der Armee, die Magazine, Proviant- und Militar-Fuhrwesen, Artillerie und Befestigungswesen, die Versorgung der Invaliden“ zu besorgen. (Nicolai 1783–1796, Bd. 3, S. 339) Weiter werden penibel die einzelnen Kassen und Chargen sowie der Besoldungsumfang der Funktionsträger sowie der Generäle vermerkt. Die Militärakademie in Wien wird als Haus bezeichnet, in dem „einige Edelleute, die sich dem Militarstande widmen wollten, erzogen wurden“. (Nicolai 1783–1796, Bd. 4, S. 786f)

Beachtung finden auch Erhebungsmodus und Berechnung von Steuern, deren Ertrag dem Militär zugutekommt. So werden der Ertrag der Kontribution in Wien, die an der Erhebung beteiligten Institutionen sowie die Folgen der Ressourcenextraktion beleuchtet. (Nicolai 1783–1796, Bd. 3, Beylage, S. 122ff)

Der zum Zeitpunkt der Publikation erst 20 Jahre zurückliegende Siebenjährige Krieg wird weniger moralisch wertend, als Ergebnis militärischen Handelns, sondern als besondere Aufbau-Herausforderung der lokalen Obrigkeiten und Bevölkerung begriffen. So kommentiert Nicolai seinen Besuch in Wittenberg: „So oft ich durchreise, blutet mir das Herz, dass beynahe der vierte Theile der Stadt, nämlich 114 Häuser, die in der Belagerung von 1760 abbrannten, noch eben so in Ruinen liegt, als acht Tage nach der Belagerung. Es ist kaum Anstalt gemacht worden, nur den Schutt wegzuräumen, oder die Mauern, welche hin und wieder den Einsturz drohen, ganz abzutragen“.5 (Nicolai 1783-1796, Bd. 1, 24f) Auch in Wien wird beiläufig bemerkt, dass die Kredite aus diesem Krieg noch nicht bedient worden sind. (Nicolai 1783–1796, Bd. 3, Beylage, S. 131)

Wenn es auch nur signifikant wenige Belegstellen sind, in denen Krieg und Militär diskutiert werden, so offenbaren diese doch die charakteristischen Wahrnehmungsmuster der sich als aufgeklärt empfindenden Alterskohorte von Nicolai. Diese Akteursgruppe verband ihr Lebensgefühl, ihr Selbstverständnis, mit kameralistisch-populärphilosophischen Zielvorstellungen, die bei jedem mehr oder weniger ausgeprägt und systematisiert waren. Diese beiden miteinander verwobenen Zielvorstellungen seien hier kurz erläutert:

Zentrale Grundidee der Kameralistik ist die Hebung des Wohlstandes einer Nation und die Gewährleistung der inneren und äußeren Sicherheit. Besonderes Augenmerk lag deshalb auf der Lehre von der öffentlichen Verwaltung, deren einer Teil, die Polizei, von den Maßregeln zur Pflege und Mehrung des allgemeinen Wohlstandes handelt. Der andere Teil der Verwaltungslehre beschäftigt sich mit dem Bereich der Finanzwissenschaft. Somit figuriert die Kameralwissenschaft als geradezu ideales Instrument zur praktischen Umsetzung vieler Aufklärungsideen. Für die Aufklärer sollte jeder Mensch aus seinen Zwängen und seiner (selbstverschuldeten) Unmündigkeit im Sinne eines praktisch gestalteten Daseins sich zu befreien suchen. Mit diesem Ideal war der Anspruch verbunden, die Fähigkeit und Bestimmung zu besitzen, das Leben nach vernünftigen Grundsätzen zu ordnen. Als klassische Betätigungsfelder dienten deshalb vor allem die Rationalisierung von Verwaltung, Rechtsprechung, Strafvollzug und Kriegführung oder die Ausbildung eines öffentlichen Schulwesens. Dahinter verbarg sich die Vorstellung, dass sich die Gesellschaft der vernünftig und rational Handelnden in einem wohlgeordneten Gemeinwesen spiegeln sollte. Nicolais Wissenserfassung und -speicherung in Zahlen und Tabellen, seine Technik der Informationserhebung über Argumentation und Schlussfolgerung, aber auch der Verweis auf vorgeblich verlässliche „Nachrichten“ sowie die vehemente Kritik an Müßiggang und Irrationalität, aber auch an als unvernünftig deklariertem Regierungshandeln machen dies deutlich.6

Diese Haltung erklärt sich aus zwei Kontexten: Zum einen stellt das Militärsystem des Stehenden Heeres in den Augen dieser Beobachter einen besonders rational und vernünftig funktionierenden Komplex dar, als hervorstechendes Ergebnis von Planung, Kontrolle und Disziplin. Dies erklärt, dass selbst in den von Nicolai so heftig kritisierten katholischen Ländern das Militär recht glimpflich davonkommt. Zum anderen ergaben sich, auch als Folge des Militärsystems, nur geringe Berührungsflächen. So wurde das Militär als eigener Stand abgeschottet von der Gesellschaft gesehen, es gab wenig innere Anteilnahme der Bevölkerung am Militär oder Kriegsgeschehen, und vor allem galt das Militär letztlich immer noch als semiprivate Angelegenheit der Fürsten und Monarchen. Die große Mehrzahl der Aufklärer hatte ohnehin kaum direkten Kontakt mit dem Militär; aufgrund ihrer zumeist sozialständischen Qualität, ihres durch Bildung und Beruf herausgehobenen Sozialkapitals mussten sie weder selbst als Soldat tätig sein noch einem Soldaten das Quartier gewähren. Vor dem Hintergrund des propagierten Leitbildes von der gezähmten Bellona galt der Krieg als eingehegt und berechenbar, als nach vernünftigen Grundsätzen funktionierende Angelegenheit und den Bürger nicht wirklich tangierendes Ereignis.

Die Kritik am Militär fiel auch deshalb niemals grundsätzlich aus, sondern konzentrierte sich auf das äußere Detail, etwa auf eine Verbesserung der Quartierverordnungen oder eine Optimierung der Rekrutierungspraxis. Die bayerische Handhabung, aufgegriffene Bettler und Vaganten unter das Militär zu stecken, kommentiert Nicolai somit auch relativ gelassen mit den Worten: „Und wie undelikat gegen das Militär, den Stand der Ehre“. (Nicolai 1783–1796, Bd. 6, S. 567) Hauptsache, so der Duktus der Aufklärer, der Bürgerfleiß werde nicht gestört.

Es ist bezeichnend, dass Nicolai, als er das einzige Mal einen Offizier namentlich erwähnt, dessen Eigenschaften als Aufklärer unterstreicht und somit den Aufklärer vom Soldaten trennt: „Der Herr Oberste von Scholten ist allgemein geschätzt und geliebt. Er ist ein braver Soldat, … aber er schätzt auch die Wissenschaften. Er hat eine gelehrte Gesellschaft gestiftet, welche sowohl den Officieren seines Bataillons, als auch andern Liebhabern der Wissenschaften nützlich und angenehm ist“. (Nicolai 1783–1796, Bd. 1, S. 24f)

II.

Diese gleichsam entspannte, unaufgeregte Haltung zum Militär gerät allerdings im zeitlichen Verlauf zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Die Kritik an den bald als veraltet empfundenen kameralistischen Ansätzen wurde vor allem von einer jüngeren Generation getragen, aus deren Mitte einige Jahre später die Meinungsführer des Frühliberalismus kommen sollten. Insbesondere seit den 1770er und 1780er Jahren wurden zunehmend staatliche und gesellschaftliche Angelegenheiten diskutiert und kritisiert. Viel grundsätzlicher als bisher wurden die soziale Ordnung und das geburtsständische Prinzip, die soziale Ungleichheit und die Verteilung des Eigentums, die privilegierte Wirtschaftsverfassung der Zünfte und Gilden und schließlich auch die Praxis der Herrschaftsausübung hinterfragt. Wiederum bildete das Militär in diesem Prozess einen spezifischen Kondensationspunkt. Erstens geriet die bewaffnete Macht sehr schnell in das Visier der Reformer. Die ständische Abschottung der Militärgesellschaft mit ihrer eigenen Gerichtsbarkeit, ebenso wie die Bevorzugung Adliger bei der Vergabe von Offizierspatenten, oder das Rekrutierungssystem mit seinen strukturell bedingten gewalttätigen und illegalen Begleitumständen und die brutalen Ausbildungs- und Menschenführungspraktiken rief in zentralen Punkten deren Unwillen hervor. Zweitens galt das Militär als Bastion, als hervorstechendster Ausdruck der alten politischen Ordnung, den es als erstes zu reformieren galt. Drittens schließlich bildeten Krieg und Militär einen genuinen Anknüpfungspunkt für die Umsetzung der Zielvorstellungen der Reformer, galt doch das Axiom, dass wer mit der Waffe sein Land verteidigt, gleichzeitig das Recht auf politische Partizipation erlangt.

Ein argumentatives Einfallstor brachte die Idee vom Patriotismus.7 Die Vorstellung der unmittelbaren Verknüpfung von gesellschaftlich-politischer Ordnung und Militärverfassung wurde in Frankreich vor allem von Jean-Jacques Rousseau entwickelt. Dieser sah in einer sogenannten Volksbewaffnung die einzige Form des Militärdienstes, in der der politisch am Gemeinwesen partizipierende Bürger eine selbstverständliche Pflicht und eine Ehre sehen sollte. Diese Ehre, dieses Pflichtgefühl, wurde von den Zeitgenossen auch als Patriotismus bezeichnet. In Deutschland hatte Thomas Abbt während des Siebenjährigen Krieges mit seiner damals aufsehenerregenden Schrift „Vom Tod für das Vaterland“ den militärischen Einsatz zur besonderen Ehre und Pflicht erklärt und daraus eine „einzige politische Tugend“ gemacht. Abbt verband seine Forderung mit einer deutlichen Kritik an der ständischen Gesellschaftsordnung, forderte Patriotismus als Grundhaltung und – zunächst noch implizit – die Volksbewaffnung.8

Es waren nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg in den 1770er Jahren, der in Deutschland aufmerksam verfolgt wurde, die Ereignisse in Frankreich, die die Zielvorstellung von der neuen Militärverfassung mit konkreten Inhalten füllten. So wurden in Nordamerika nicht nur die professionellen englischen Truppen von schlecht ausgerüsteten, aber hochmotiviert und in Guerillataktik kämpfenden amerikanischen Milizeinheiten besiegt; zugleich wurde der Selbstbewaffnung der Bürger in der Bill of Rights 1776 Verfassungscharakter eingeräumt und dabei ausdrücklich deren Stellung über dem regulären Militär betont. Zu den ersten Maßnahmen im Gefolge der Revolution in Frankreich 1789 zählte die Politisierung und Umgestaltung des Militärs. Die Verfassung von 1791 sah eine spezielle, dem regulären Militär gleichgestellte Nationalgarde vor, in die sich alle aktiven Bürger und deren Söhne eintragen konnten. Als sinnbildlicher Ausdruck der rechtlich gleichgestellten Bürgergesellschaft und des Mottos Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wurde die Verteidigung des Landes allen Männern auferlegt. In der Verfassung von 1793 und dem Gesetz über die allgemeine Volksbewaffnung („levée en masse“) wurden alle Franzosen zu Soldaten erklärt; damit wurde das politisch-militärische Prinzip demokratischer Staatsauffassung postuliert. Bürgerliche und militärische Nation wurden als identisch angesehen, dem Bürger sollten bürgerliche und militärische Pflichten obliegen. Die Armee war fortan nicht mehr Instrument der Exekutive, sondern sie stellte einen Teil des Staates dar.

III.

Eine derartige Entwicklung fand denn auch in den späteren Bänden der Reisebeschreibung von Nicolai ihren Widerhall. Im zehnten Band, der 1795 publiziert wurde, kritisiert er an mehreren Stellen sehr eindrücklich die beginnende Vermengung von Militär und Gesellschaft. Anknüpfungspunkt ist für ihn zum einen die militärische Erziehung von Kindern, ohne dass, etwa im Rahmen einer Kadettenschule, eine berufliche Zukunft als Soldat intendiert wäre: „Aber ganz anders ist es mit jungen Leuten, welche andern Ständen gewidmet sind. Diese sollen dereinst nicht so leben, daß sie bloß militärischen blinden Gehorsam beobachten. Sie verderbt die Kinder physisch und moralisch, und macht sie zu elenden Maschinen.“ „Mir scheint es“, so Nicolai weiter, „nach den Bedürfnissen der jetzigen Zeit, können junge Leute nicht früh genug mit Welt und Menschen bekannt gemacht werden, obgleich freylich unter gehöriger Aufsicht und Leitung.“ (Nicolai 1783-1796, Bd. 10, S. 56ff) Ebenso vehement kritisiert er zum anderen die ständeübergreifende Uniformierungspraxis: „Der Soldat muß beständig in Uniform gehen; das ist sehr nützlich; vielleicht gar, so wie die Einrichtung der stehenden Heere einmal ist, nothwendig. Aber eben deswegen scheint es, sollte außer dem Militär, niemand in militärischer Uniform gehen“.9

Das Dilemma von Nicolai wird hier offensichtlich. Die sukzessive Aufhebung der ständischen Grenzen zum Stehenden Heer und die politische Aufladung, ja Aufwertung des Militärs bedrohten die funktional ausgerichtete berufsständische Ordnung. Die bisher beschauliche Welt der Aufklärer, die von Rationalität und Bürgerfleiß bestimmt war, geriet ins Wanken. Alte Gewissheiten schwanden, aus dem ruhigen Fluss des Alltags und dem akribisch verfolgten Idealzustand einer aufgeklärten Bürgergesellschaft, wurde der reißende Strom der sozialen und politischen Umwälzungen, der neuen Ideen und Konzepte, der Bewegung und der Revolution. Bereits in den zwanzig Jahren zwischen 1770 und 1790 hatten die Denkschriften und Verlautbarungen der jüngeren Generation diese Entwicklung ahnen lassen. Mit Zuschreibungen wie „Schwärmerei“ oder „Patriotismus“ wurden diese Vertreter zunächst nur belächelt, allenfalls milde kritisiert. Auf lange Sicht aber zeichnete sich eine Bedrohung der detailliert und vernünftig geplanten Lebensführung durch eben jene „Schwärmerei“ ab, die, weil sie als unvernünftig, gefühlsbetont und unbesonnen charakterisiert wird, die Grundideen der Aufklärung konterkarierte.

Während in seinen Reisebeschreibungen dieses Spannungsverhältnis nur indirekt zum Tragen kommt, so hat sich Nicolai in seinen fiktiven Texten umso deutlicher dazu geäußert.10 Da die Ansätze der neueren Kulturgeschichte keinen signifikanten Unterschied zwischen realen und fiktiven Texten erkennen, erscheint eine Erweiterung des empirischen Materials an dieser Stelle geboten. In seinem gesellschaftskritisch-satirischen Roman Sebaldus Nothanker aus dem Jahre 1773 bis 1776 hat Nicolai die Problematik erstaunlich offensiv thematisiert. Der Titelheld lebt als Pastor glücklich und zufrieden mit seiner Familie. Der berufliche und gesellschaftliche Niedergang setzt dann ein mit Thomas Abbts Schrift „Vom Tode für das Vaterland“, also jener real existierenden wegweisenden Publikation, in der Patriotismus und politisches Engagement propagiert werden. Es ist Nothankers Frau Wilhelmine, die von den Ideen der Schrift angeregt wird: „Der Tod fürs Vaterland hingegen hatte auf Wilhelmine eine ganz entgegen gesetzte Wirkung. Er setzte ihren ohnedis zum romantischen geneigten Geist in ein neues Feuer. Sie fühlte Entzückung über die Gedanken, dass auch der Unterthan einer Monarchie nicht eine blosse Maschine sey, sondern seinen eigenthümlichen Werth als Mensch habe, dass die Liebe fürs Vaterland einer Nation eine große und neue Denkungsart gebe, dass sie eine Nation als ein Muster für andere darstelle.“ (S. 27) Wilhelmine versuchte nun, ihren Mann dazu zu bewegen, diese Thematik in der kommenden Sonntagspredigt aufzunehmen. „Sebaldus, dessen Geist, ohne Prophezeiung nicht so leicht in Enthusiasmus gerieth ... hatte ihrer feurigen Deklamation hundert kalte Gründe entgegen zu setzen.“ (S. 28) Der Pfarrer ließ sich schließlich aber doch überzeugen. „So hielt er seine Predigt, vom Tode fürs Vaterland, in einem enthusiastischen Feuer, das seine Gemeinde sonst an ihm nicht gewohnt war. Als er aus der Kirche nach Hause ging, bemerkte er sogleich die Frucht seines Eifers. Er sahe auf dem Kirchhofe einen ziemlichen Auflauf, und hörte jemand sehr laut reden. Als er näher hinzu kam, hörte er, dass ein im Dorfe liegender Unterofficier, der mit in der Kirche gewesen, zu seiner Predigt einen Usum hinzu that, denn zehn junge, rasche Bauernkerle, nahmen auf der Stelle Dienste.“ (S. 29) Am Ende verliert Nothanker aufgrund dieses Vorfalls seine Stellung und es setzt ein langer beruflicher und privater Abstieg ein.

Nicht umsonst hat Nicolai diese viel diskutierte Schrift von Abbt als corpus delicti herangezogen, vereinen sich in ihr doch die ganze Bandbreite der Widersprüchlichkeiten zwischen Beharrung und Bewahrung des Alten auf Basis von Ratio und Vernunft und den bewegenden Elementen der Veränderung auf Basis von Emotion und Schwärmerei. Der Titelheld lässt sich vom Eifer seiner Frau wider besseres Wissen anstecken, liefert sich der Emotion aus und muss diesen leichtsinnigen Schritt bitter bereuen. Der Roman veranschaulicht auf diese Weise über die Folie der Fiktion die dichotomisch und nachhaltig zugespitzten philosophisch-politischen Positionen seiner Zeit.

IV.

Ich komme zum Resümee.

Die spezifische Wahrnehmung und Thematisierung des Militärs in den Schriften und Debatten von Spätaufklärung und Frühliberalismus folgen einem bestimmten Muster. Dieses Muster resultiert aus der zentralen Bedeutung der bewaffneten Macht, die einen Kristallisationspunkt in den politischen Diskursen bildet. Im Militär, und in dieser Komplexität nur im Militär, kommen die grundsätzlichen Fragen der Epoche zum Tragen. Zwischen dem versinnbildlichten Idealzustand eines professionellen, ständisch abgeschiedenen, disziplinierten und nach aufklärerisch-vernünftigen Grundsätzen aufgestellten Instruments auf der einen und einer alle Bereiche von Staat und Gesellschaft durchziehenden revolutionierenden Kraft auf der anderen Seite stehend dient das Militär in seinem jeweiligen wahrgenommenen Zustand als Indikator und Ausdrucksmöglichkeit für die spezifische Position des Autors.

Somit sind auch bei Nicolai die unterschiedlichen Zuschreibungen und Charakterisierungen des Militärs ausdeutbar. Wir können an seinem Beispiel die Leistungen und Grenzen des Aufklärungskonzepts und der Ideen der kameralistischen Partei ausloten, das Dilemma zwischen den alten und neuen Ideen tritt lesbar zu Tage.

Hat Nicolai eigentlich Recht behalten? Waren seine Warnungen vor Gefühlsausbrüchen, vor „Schwärmerei“ und damit vor der Auflösung des alten Militärsystems gerechtfertigt? Schaut man auf die bald entfesselte Bellona, auf die Kriege mit ihren nationalistischen, ethnischen, rassistischen Zügen und dem Willen zur physischen Vernichtung des Gegners, die napoleonischen Kriege bis hin zu den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, so muss man bei Nicolai Abbitte leisten, das spöttische Lächeln seiner Zeitgenossen und vor allem der jüngeren Zeitgenossen über einen alten umständlich denkenden Kauz erhält dann andere Konturen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Literatur

Bödeker, H. R. (2008): „Ich wünschte also eine Reise zu thun, in welcher ich, nebst den veränderten Scenen der Natur, Menschen und ihre Sitten und Industrie kennen lernen könnte“. Friedrich Nicolai auf Reise. In: R. Falk & A. Kosenina (Hrsg.): Friedrich Nicolai und die Berliner Aufklärung, Hannover (Wehrhahn), S. 305–337.

Brenner, P. J. (Hrsg.) (1989): Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur, Frankfurt am Main (Suhrkamp).

Brenner, P. J. (1990): Der Reisebericht in der deutschen Literatur. Ein Forschungsüberblick als Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte, Tübingen (Niemeyer).

Dann, O. (1991): Begriffe und Typen des Nationalen in der frühen Neuzeit. In: B. Giesen (Hrsg.): Nationale und kulturelle Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins in der Neuzeit. Frankfurt am Main (Suhrkamp), 2. Aufl., S. 56–73.

Kroener, B. R., Pröve, R. & Strauß, A. (Hrsg.) (2010): Lebenswelten. Militärische Milieus in der Neuzeit. Gesammelte Abhandlungen. Berlin (LIT).

Kroener, B. R. & Pröve, R. (Hrsg.) (1996): Krieg und Frieden. Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit. Paderborn (Schöningh).

Kroll, S. (2006): Soldaten im 18. Jahrhundert zwischen Friedensalltag und Kriegserfahrung. Lebenswelten und Kultur in der kursächsischen Armee 1728–1796. Paderborn (Schöningh).

Martens, W. (1986): Ein Bürger auf Reisen. Bürgerliche Gesichtspunkte in Nicolais ‚Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781'. In: Philologie, 97, S. 561–585.

Mix, Y.-G. (2008): Lucri bonus odor oder Wie aufgeklärt war Friedrich Nicolai? Konstituenten kultureller Selbst- und Fremdwahrnehmung in den Reiseberichten über Franken von Nicolai, Wackenroder und Tieck. In: R. Falk & A. Kosenina (Hrsg.): Friedrich Nicolai und die Berliner Aufklärung, Hannover (Wehrhahn), S. 339–348.

Möller, H. (2008): Wie aufgeklärt war die Aufklärungsforschung? Friedrich Nicolai in historiographischer Perspektive. In: R. Falk & A. Kosenina (Hrsg.): Friedrich Nicolai und die Berliner Aufklärung, Hannover (Wehrhahn), S. 7–27.

Nicolai, F. (1783–1796): Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz, im Jahre 1781. Nebst Bemerkungen über Gelehrsamkeit, Industrie, Religion und Sitten. 12 Bde. Berlin, ND: Hildesheim (Olms).

Nicolai, F. (1786): Untersuchung der Beschuldigungen des Herrn Prof. Garve wider meine Reisebeschreibung durch Deutschland und die Schweiz. Nebst einigen Erläuterungen die nützlich auch wohl gar nöthig seyn möchten. Berlin.

Piechotta, H. J. (1979): Erkenntnistheoretische Voraussetzungen der Beschreibung: Friedrich Nicolais Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781. In: Ders. (Hrsg.): Reise und Utopie. Zur Literatur der Spätaufklärung. Frankfurt am Main (Suhrkamp), S. 98–150.

Twellmann, M. (2010): „Ueber die Eide“. Zucht und Kritik im Preußen der Aufklärung. Paderborn (Konstanz Univ. Press).

  1Ich bedanke mich bei Julia Wille für tatkräftige Hilfe und wichtige Anregungen.

  2Vgl. zum Reisebericht Brenner (1989; 1990).

  3„Bei der Erkundung der zeitgenössischen Lebenswelten ging es Nicolai wie allen systematischen Reisebeschreibern nicht zuletzt um das Ausloten der Beiträge der bürgerlichen Mittelschichten“ (Bödeker 2008‚ S. 318). Hans Joachim Piechotta hat auf den spezifischen Vernunft- und Wahrheitsbegriffs von Nicolai verwiesen‚ der als „Indiz für die hin- und hertaumelnde Bewegung des Reisenden Nicolai zwischen quasirationalistischen Identitätskonstruktionen und Empirismus“ dienen können (Piechotta 1976‚ S: 103).

  4Lediglich eine Auflistung findet sich bei Martens (1986). Allgemein zur Würdigung und historischen Einordnung Nicolais vgl. Möller (2008).

  5Vgl. hierzu auch die Bemerkungen bei Martens (1986‚ S. 567).

  6Auch in den Stadtbeschreibungen von Berlin und Potsdam werden Militärbauten als „nützliche und thunliche Projekte“ charakterisiert (Nicolai 1783–1796‚ Bd. 1‚ Beylage‚ S. 62).

  7Dieser Quellenbegriff meinte im Kern einen „zentralen Ausdruck für ein nationales Verhalten. Er wird meist definiert als ‚Liebe zum Vaterland'‚ meint also ein auf das Vaterland hin orientiertes Verhalten“ (Dann 1991‚ S. 57).

  8Patriotismus als Modewort und Allerweltschiffre. Die semantische Ungenauigkeit und Beliebigkeit des Patriotismus-Begriffes beklagt auch Nicolai (1786‚ S. 7) selbst.

  9Es ist bezeichnend‚ dass Martens (1986‚ S. 581) diese Beschreibung nur isoliert betrachtet.

 10Ebenso hat Marcus Twellmann den Roman Sebaldus Nothanker auf gesellschaftliche Kritik des Autors untersucht. Vgl. etwa zu den kritischen Textpassagen im Sebaldus Nothanker und dem dort thematisierten Konflikt mit der religiösen Orthodoxie (Twellmann 2010‚ S. 144–152).

Ralf PröveSichere Ordnung, ordentliche Sicherheit? Gewalt und Herrschaft in der frühen Neuzeit

Erstveröffentlichung in: Revue de synthèse‚ 135 (2014)‚ S. 385–403.11

Nicht nur in der Geschichtswissenschaft (Lindenberger & Lüdtke 2002; Reinhard 2002), sondern auch in anderen Disziplinen zählen Phänomene von Gewalt zu den zentralen Themen, die immer wieder in den Fokus des Forschungsinteresses geraten sind. Die Aktualität des Problemfeldes Gewalt zeigt sich dabei in einer bemerkenswerten multidisziplinären Reflexion; so befassen sich Philosophie, Soziologie, Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, Kulturwissenschaft, Geschichte, Psychiatrie, Rechtsmedizin, Verhaltensbiologie, Pädagogik und einige Fächer mehr mit diesem Phänomen. Dieser Reflexion unterliegen jeweils ganz unterschiedliche Betrachtungslogiken, eigene wissenssoziologisch fundierte Fragestellungen und Herangehensweisen. Hier nur einige wenige Einblicke: Im soziologischen Verständnis ist Gewalt unter anderem eine Quelle der Macht; Max Weber (1972) und darüber hinausgehend Heinrich Popitz (1995) verstehen unter Gewalt eine Form von Machtausübung, Hans Magnus Enzensberger (1993) spricht von der Universalität der Gewalt und ihrer gesellschaftlichen Funktionalität und Jan Philipp Reemtsma (2009) unterscheidet zwischen der lozierenden, der raptiven und der autotelischen Form von Gewalt. Die Politikwissenschaft fasst Gewalt primär als Staatsgewalt und beleuchtet dabei Grenzen und Formen legitimer Machtausübung und diskutiert Prinzipien von Gegengewalt. Andere Disziplinen begreifen Gewalt als emotionalen Prozess, fragen nach aggressiven Verhaltensweisen, untersuchen den frontalen Cortex auf Durchblutungsstörungen und messen zu niedrige Serotoninspiegel, berücksichtigen strafmindernde oder strafverschärfende Begleitumstände von Gewalttaten oder kombinieren Verhaltensziele mit emotionalen Zuständen. Schon dieser erste Überblick macht dabei deutlich, dass sich das Phänomen Gewalt einer einfachen Definition und Zuordnung entzieht. Erschwerend kommt hinzu, dass unser Aufmerksamkeitsfokus durch die Eigengesetzlichkeit der Medien (unter anderem durch den gezielten Einsatz von Bildern) gesteuert wird und es deshalb auch immer schwieriger wird, Quantität und Qualität gewalttätiger Vorkommnisse angemessen zu erkennen und Aussagen zu der Frage zu treffen, ob denn eine Steigerung zu beobachten sei. Gerade weil wir immer nur mit bestimmten Gewaltformen konfrontiert werden, gerade weil bestimmte moralische Zielvorgaben internalisiert worden sind, werden einerseits stets nur einzelne Aspekte erfasst, und diese auch lediglich fragmentarisch, andererseits, nicht zuletzt als Folge dessen, werden diese Phänomene nicht selten in eine interpretatorische Engführung gebracht.

In der Geschichtswissenschaft wurde das Phänomen der physischen Gewalt, der Gewalttätigkeit, bislang nur sehr unzureichend reflektiert. Dabei hat man sich der Thematik eher beschreibend als analytisch genähert. Wenn das Thema überhaupt in den Fokus geriet, dann lediglich als Indiz, als Beleg für das Ausmaß politischer Spannungen. Gewalt fand im Krieg oder Bürgerkrieg statt, Gewalt war, etwa bei Unruhen und Attentaten, stets politisch motiviert. In jener historiographischen Phase begnügte sich die Forschung damit, „Gewalt“ als selbsterklärend zu betrachten. Angesichts der breiten Fülle der dargestellten gewalthaften Vorgänge in verschiedenen Epochen und der dabei praktizierten einengenden Fokussierung auf vermeintlich typische und offenbar gewalthafte Vorgänge wie Kriege und Massaker, sticht die Theoriearmut in den Geschichtswissenschaften besonders auffällig ins Auge. Lediglich als strukturelle Gewalt, als semantisches Äquivalent zu Macht, wurde das Thema in staatsrechtlicher und rechtsphilosophischer Perspektive strukturgeschichtlich diskutiert. Doch davon abgesehen wurde weder nach den Entstehungsbedingungen und Ursachen gefragt noch wurde Gewalt als Alltagsphänomen wahrgenommen. Eine der Ursachen für diese hermeneutische Schlagseite bildete das normative Staatsverständnis der Historiker. Unter dem Vorzeichen des Modernisierungsparadigmas einerseits, der Vorstellung einer letztlich widerspruchsfrei von oben nach unten funktionierenden Regierungsgewalt in Form von Herrschaft andererseits, wurde Gewalt entweder als zu beseitigendes Übel, als traditioneller Überrest einer vormodernen Epoche begriffen oder als notwendiger Einsatz, um eine rationale, moderne Regierungsform durchzusetzen. Daraus resultierte letztlich auch ein stark moralisierendes Verständnis von Gewalt.

In den 1970er Jahren behandelte die im Zuge der 1968er Bewegung in den westlichen Ländern ausgelöste Protestforschung Gewaltphänomene ergebnisoffener, indem sie den Verlierern der behaupteten Modernisierung einen eigenen Artikulationsraum zubilligten. So wurden vor allem mit Blick auf das 19. Jahrhundert verschiedene Protestformen wie Straßenaufstände, Marktkrawalle oder Sabotageakte untersucht (Tilly 1977). Für die Frühe Neuzeit hatte sich ein Forschungsinteresse an Widerstandsformen, vor allem am Beispiel der Bauernunruhen im 16. Jahrhundert, etabliert; allerdings ebenfalls unter stark strukturgeschichtlicher Perspektive (Schulze 1980). Mit einem ähnlichen analytischen Zugang wurden Widerstandsformen im NS-Staat untersucht (Poon 1998). Parallel zu diesen Entwicklungen in den 1970er und bald auch den 1980er Jahren begann die volkskundlich motivierte Forschung, sich in beschreibender Absicht Alltagsthemen zu widmen und hierbei auch Formen von Gewalttätigkeit wie Rügerituale, Wirtshausschlägereien oder häusliche Übergriffe detailliert auszuleuchten – freilich ohne dabei die tiefer liegenden Ursachen zu analysieren (van Dülmen 1990; Schindler 1992). Erst in den 1990er Jahren setzte schließlich mit der kulturwissenschaftlichen Wende im Fach Geschichte sukzessive eine neue Betrachtungsweise ein. „Gewalt“ wurde als Quellenbegriff auf seine Semantik hinterfragt und dabei viel intensiver die sozialen, kulturanthropologischen, multirechtlichen Faktoren untersucht (Meumann & Niefanger 1997). Damit einher ging das Aufzeigen eines Auswegs aus der Engführung eines als bipolar gedachten Kampfes von Machtanspruch und Machtreichweite. Die damit verbundene Dekonstruktion von Begriff und Phänomen blieb allerdings zunächst wenig beachtet und wurde 1996 von etablierten Gewaltforschern noch scharf attackiert (Sofsky 2005). Doch der Bann schien gebrochen. Wenige Jahre später widmete sich eine Haupttagung der Frühneuzeitforschung allein dem Thema Gewalt (Ulbrich 2005).

Die dabei zu beobachtende Tendenz in der Theorieentwicklung deutet zum einen auf eine intensive Berücksichtigung soziologischer Theorieangebote hin; bereits in den 1970er Jahren holte sich die Protestforschung entsprechende Anleihen insbesondere aus der relationalen Soziologie. Zum anderen wird das Thema nicht mehr allein negativ, als Defizit betrachtet, sondern auch die positiven, gemeinschaftsbildenden Elemente von Gewalt werden verstärkt zur Kenntnis genommen. So untersucht eine Gießener Forschergruppe das Phänomen von Gewaltgemeinschaften in historischen Epochen, um die Ursachen und Folgen von Gewalt zu untersuchen. Damit ist der Weg geebnet, um Gewalt als symbolisch-kommunikatives, in variierenden Situationslogiken eingebundenes und kulturanthropologisch begriffenes Phänomen zu betrachten, das über das Verständnis von bloßer Gewalttätigkeit hinaus im Sinne der Unterscheidung von violentia und potestas auf ein breiteres theoretisches Fundament gestellt werden kann: Violentia gilt als Quellenbegriff für physische, illegitime Gewaltanwendung, der Quellenbegriff potestas als legitime Form der Herrschaftsdurchsetzung. Gewalt hat demnach zwei getrennte, wenn auch unmittelbar zusammenhängende und sich wechselseitig bedingende Bedeutungsinhalte. Sie manifestiert sich zum einen als individuelle Gewalttätigkeit und zum anderen als staatliche Herrschaftsdurchsetzung. Damit konnten nicht nur Gewaltphänomene grundsätzlich weiter erfasst werden, zugleich befördert die Rückbindung dieser Phänomene an strukturelle Entwicklungen von Modernisierung, Zivilisationsprozess und Staatsbildung die Chance, Wirkungsmechanismen von Gewalt in ganz anderer Weise zu erklären. Doch auch dieser Weg ist dornenreich, besteht doch die große Gefahr, mittels eines unzureichenden Staats- und Herrschaftsverständnisses Gewaltphänomene wiederum teleologisch zu interpretieren, also zum Beispiel mit zunehmender Staatlichkeit und Modernität auch von einer sukzessiven Abnahme der Gewalt auszugehen. Freilich werden seit vielen Jahren die Funktionsweisen von Befehlseinforderung und Gehorsamsleistung, die Legalität und Markierung von Herrschaft oder die allgemeinen verfassungsrechtlichen und staatsphilosophischen Grundlagen untersucht und diskutiert. Angesichts dieser Ausgangslage, dieses Gebirges von Publikationen verwundert es jedoch, dass nur sehr wenige Einblicke in den komplexen wechselseitigen Funktionszusammenhang von Gewalt und Herrschaft vorliegen. Stattdessen wird meist ein zielgerichtetes, eindimensional logisch montiertes Verhältnis von Gewalt und Herrschaft konstruiert. Zu vermuten ist, dass eine der Ursachen hierfür in der interpretatorischen Engführung dieser Phänomene liegt und dass zwischen den Quellenbegriffen, also den sprachlich gefassten Äußerungen und Wahrnehmungen der Akteure auf der einen und den Forschungsbegriffen, also den historiographischen Wertungen der Historiker auf der anderen Seite, nicht ausreichend differenziert wird.

Angesichts der hier skizzierten grundsätzlichen Erkenntnisprobleme der Geschichtswissenschaft im Hinblick auf die Gewaltthematik und insbesondere auf den Zusammenhang von Gewalt und Herrschaft sollen die spezifischen hermeneutischen Hürden und methodischen Fallstricke im Folgenden zunächst einmal präzise benannt werden, die sich entlang der historiographischen Mainstreams Ereignisgeschichte, Strukturgeschichte und Kulturgeschichte entwickelt haben. Ursächlich für diese Probleme ist nicht zuletzt eine idealtypische Begriffsbildung, die den Ergebnissen empirischer Forschung auf Dauer nicht standhalten konnte und so schließlich an analytischem Nutzen eingebüßt hat. Auf dieses spezifische Problem wird daher in einem ersten Abschnitt näher einzugehen sein. Über die idealtypische Begriffsbildung hinaus scheint es mit Blick auf den hier behandelten Gegenstand notwendig, Herrschaft konkret, und zwar in ihren räumlichen wie in ihren sozialen Dimensionen und Reichweiten zu beschreiben. Herrschaft kann somit als eine soziale Praxis begriffen werden, die Herrschende und Beherrschte in einer kommunikativen und sich wandelnden, allerdings durch obgrigkeitlich gesetzte Normen einerseits sowie ungeschriebene Traditionen andererseits begrenzten Beziehung verbindet. Eine solche kulturanthropologisch gewendete Perspektive soll daher in einem zweiten Abschnitt des vorliegenden Beitrags näher erläutert werden. Dabei kommt nicht nur ein Konzept von „Herrschaft als soziale Praxis“ zum Tragen, sondern darüber hinaus, als Erweiterung dieser Forschungsperspektive, die Vorstellung von Herrschaft als einem dynamischen und kommunikativen Prozess. Damit ist eine veränderte Auffassung von Herrschaftspraxis gemeint, die nicht länger von einer bipolaren Beziehung von Herrschenden und Beherrschten ausgeht, sondern diese durch ein multipolares Modell ablöst, in dem die bisherigen Pole des Machtausübenden und des Beherrschten nur mehr zwei von mehreren Bezugspunkten darstellen. Dazu treten andere Agenten und Referenzebenen, Personen ebenso wie Medien und Strukturen, die von Herrschenden wie von Beherrschten gemeinsam als Verständigungsrahmen akzeptiert und immer wieder neu bestätigt bzw. diskursiv verändert werden. Allerdings wird auch in diesem Kontext das Beziehungsfeld „Herrschaftsstruktur“ noch überwiegend vertikal konzipiert, sodass vor allem die subjektiven Wahrnehmungen und Weltdeutungen der Menschen als historisch wirksamer Faktor zu sehr vernachlässigt wird. Abschließend sollen daher mit „Ordnung“ und „Sicherheit“ zwei zusätzliche akteurszentrierte Bezugssysteme der Zeitgenossen herangezogen werden, um die historische Forschungsperspektive auf den komplexen Zusammenhang von Herrschaft und Gewalt so erweitern zu können, dass mögliche Auswege aus dem hier behandelten erkenntnistheoretischen Dilemma aufgezeigt werden können.

Das Problem der idealtypischen Begriffsbildung

In der Tat stellen die unreflektiert gebrauchten Begriffe das zentrale Problem dar. Die neue kulturgeschichtliche Richtung innerhalb der Geschichtswissenschaft hat dabei für ein höheres methodisch-theoretisches Niveau gesorgt und verschiedene sprachanalytische sowie sozialkonstruktivistische Untersuchungsinstrumentarien geschaffen. Ein Quellenbegriff, also ein sprachlich gefasster Tatbestand, der sich in den schriftlichen Hinterlassenschaften der Zeitgenossen widerspiegelt, stellt ein geronnenes Substrat von sozialem Sinn dar. Hinzu kommen die Umstände der Verschriftlichungsfaktoren, also das Problem des Wahrnehmungsfilters der Akteure. Die Quellen und Begriffe müssen jeweils überprüft werden hinsichtlich Historizität, Kontextualität und Intentionalität. Es wurde ja nur das notiert, aufgeschrieben, was erstens der Schreiber (der ja ohnehin nicht repräsentativ für die Zeit sein muss) als außergewöhnlich empfunden hatte, und zweitens der Sachverhalt fixiert, mit dessen Hilfe sich eine Absicht, ein Zweck verband (Wohlwollen der Obrigkeit, Steuererleichterung, militärische Hilfe, Delegitimation des Gegners usw.). Ein Forschungsbegriff stellt das Kondensat unterschiedlicher Diskurse dar, die wissenssoziologisch determiniert und voneinander separiert sind. Diese Begriffe reflektieren damit nicht nur den jeweils vorhandenen Kenntnisstand der Forschung, sondern spiegeln ebenso die Lebenswelt der Forscher (die somit in dieser Hinsicht auch zugleich Akteure sind) und deren potenziell möglichen Interpretationsrahmen wider, der wiederum den analysierenden Blick auf die Quelle, auf den Quellenbegriff, definiert.

Eines der erkenntnistheoretischen Hauptprobleme im Zusammenhang mit der hier behandelten Problemstellung besteht in dem idealtypisch und selbsterfüllend gedachten Herrschaftsverständnis, das sich, insbesondere für die Frühe Neuzeit, in Begriffen wie „Staat“ oder gar „Absolutismus“ spiegelt. Hinter dieser Sichtweise verbergen sich einerseits bestimmte politische, wissenssoziologische und historiographische Ursachen, andererseits auch methodische Fehlleistungen.12 Der Begriff Absolutismus hat als Epitheton einer ganzen Epoche, eben des Zeitalters des Absolutismus, das Verständnis von Herrschaftsbeziehungen in der Frühen Neuzeit noch weit nachhaltiger geprägt als das Konzept des „(früh-) modernen Staates“ (Vierhaus 1988; Duchhardt 1992; Barudio 1984; Lehmann 1980). Die letzterem inhärente Vorstellung des monistischen Staates stellt freilich begriffsgeschichtlich ebenso eine conditio sine qua non für den „Absolutismus“ dar, auch wenn dieser in der Binnenlogik des Konzeptes seinerseits wiederum als die historische Vorstufe des „modernen“ Staates fungiert. Gemeinsamer Ursprung – und somit Hauptargument für den viel behaupteten genetischen Zusammenhang beider (Blänkner 1992, S. 50) – ist nach verbreiteter Auffassung die Souveränitätslehre des 16. und 17. Jahrhunderts, woraus dann im nächsten Schritt ein historisches Kontinuum vom „Absolutismus“ zum „modernen Staat“ abgeleitet wird. Allerdings handelt es sich dabei in klassischer Weise um eine „selffullfilling prophecy“, indem in einer Vermengung von empirischer und ahistorisch-teleologischer Begriffsbildung zuerst ein zwangsläufig-sinnhaftes Geschichtsziel formuliert und dann der empirische Befund als notwendige Entwicklungsstufe desselben ausgegeben wird. Diese in sich nachgerade zwingende Logik findet sich am deutlichsten in der Absolutismusdefinition Hans Hubert Hofmanns: Die Souveränitätslehre, wie sie von Bodin und Hobbes entwickelt worden sei, mit der Idee des modernen Staates zu verbinden, hieß in der Praxis Absolutismus (Hofmann 1967, S. 16) – nur dass eben die Idee des modernen Staates, wie wir soeben gezeigt haben, erst später, nämlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts und somit deutlich nach dem Ende der als „Absolutismus“ bezeichneten Regierungsform, entstand.

In den zeitlichen und sachlichen Kontext der teleologischen Zuspitzung des Staatsbegriffes in der Mitte des 19. Jahrhunderts fällt denn auch die Einführung des Begriffes „Absolutismus“ in Staatslehre und Verfassungsgeschichte. Ursprünglich ein politischer Kampfbegriff, in dem sich die Kritik der Französischen Revolution und des Vormärz am monarchischen Despotismus des 18. Jahrhunderts kristallisierte, wurde der Terminus in der Auseinandersetzung mit den revolutionären Hoffnungen auf einen bürgerlich-liberalen Verfassungsstaat von national gesinnten Autoren auf die vorrevolutionäre Monarchie appliziert (Vierhaus 1987, S. 63f; Blänkner 1992, S. 51f) und nunmehr in Anlehnung an Hegels Erhebung des „Staates“ zur philosophisch-politischen Leitidee als Erscheinung des „Absoluten“ positiv, als Vorstufe des „modernen“ Staates, verstanden (Blänkner 1992, S. 51; Blänkner 1993; Blänkner 2011). Damit annähernd zeitgleich findet sich bereits die Verwendung von „Absolutismus“ als Epochenbezeichnung, die sich ebenso wie das Idealbild vom „Machtstaat“, das wir oben bereits angesprochen haben, wesentlich der borussischen Geschichtsschreibung verdankt (Boldt u. a. 1978, S. 174; Blänkner 1992, S. 51–53).

Historiker und historisch ausgerichtete Politologen und Soziologen, die sich für Ordnung und die Regeln menschlicher Gemeinschaften in vergangenen Zeiten interessieren, haben, unabhängig davon, ob sie an der Epochenbezeichnung „Absolutismus“ festhalten, sich des zur Verfügung stehenden Begriffs „Staat“ bedient. Dies hat zur Folge, dass die Forscher nahezu ebenso zwangsläufig auf Befunde stoßen, auf die ihre Aufmerksamkeit überhaupt erst durch das bereits vor dem Forschungsprozess feststehende begriffliche Instrumentarium gelenkt wird, während abweichende Befunde, die sich nicht mittels der vorhandenen Begrifflichkeit beschreiben lassen, tendenziell ignoriert oder unzureichend gewichtet werden. Wissenssoziologisch gesprochen: der Begriff kreiert hier maßgeblich den Forschungsgegenstand. Freilich sind Historiker nicht nur passiv dieser kognitiven Falle ausgesetzt, zugleich tragen sie auch aktiv zu dessen Verbreitung bei und gehören nicht selten selbst zu den erfindungsreichsten Schöpfern forschungsleitender suggestiver Begrifflichkeiten. Ob der ‘Personenverbandsstaat des Mittelalters', der ‘Halbstaat' des 16. Jahrhunderts oder der frühmoderne Fürstenstaat des 17. und 18. Jahrhunderts – immer handelt es sich bei diesen Beschreibungskategorien nur scheinbar um wissenschaftliche Neuentwicklungen. Im Kern jedoch handelt sich lediglich um immer neue Varianten eines ubiquitären Staatsbegriffes, der – ebenso wie seine weiteren Ableitungen und präzisierenden Attribute – letztlich auf Begriffsprägungen des 19. Jahrhunderts zurückgeht. Dagegen verstand sich das 19. Jahrhundert selbst als Endstufe einer jahrhundertelangen Entwicklung. Voraussetzung dafür war ein zugleich säkulares wie auch heilsgeschichtlich fundiertes Geschichtsverständnis: Erst die Einführung einer teleologischen Perspektive, die die Zeitgenossen glauben ließ, man sei bereits auf der Zielgeraden des historischen Prozesses angelangt, erlaubte es, die Erscheinungsformen früherer historischer Epochen als Vorstufen der eigenen Entwicklung zu sehen. Gerade weil sich das 19. Jahrhundert geschichtlich herleitete, leugnet es tendenziell die eigene Historizität. Die idealtypische Aufladung des Staatsbegriffes erlaubte es nicht nur, die eigene Staatsform als fortgeschrittene Stufe der historischen Entwicklung zu deklarieren – und damit auch politisch zu legitimieren –, sondern auch als Leitbild für frühere Abschnitte des historischen Entwicklungsprozesses und für dessen weiteren Verlauf in alle Zukunft festzuschreiben. Auf diese Weise prägten die Implikationen des 19. Jahrhunderts das Staatsverständnis nicht nur retrospektiv, sondern auch für die Zukunft. Diese starke Fokussierung auf ein idealtypisches Interpretationsmuster wurde noch verstärkt durch vermeintliche empirische Befunde: prachtvolle Schlösser der Fürsten und Herrscher, juristische und staatsrechtliche Deduktionen über die Souveränität des Herrschers, vielbändige Fürstenlobpreisungen, publikumsträchtige Fest- und Huldigungsakte, festliche Darstellungen der Könige oder die unüberschaubare Masse an Gesetzen und Verordnungen galten als Beweis für das Vorhandensein von Staat und fürstlicher Herrschaft, für den absoluten Monarchen. Bereits ein erster vorsichtiger Schritt der Quellenkritik enthüllt jedoch, dass es sich lediglich um Ansprüche auf Herrschaft handelt, nicht jedoch um einen Nachweis tatsächlicher Gehorsamsleistung der Untertanen.

Herrschaft als dynamischer und kommunikativer Aushandlungsprozess

Grundsätzlich hat die Historische Anthropologie auf die hier skizzierte erkenntnistheoretische Problematik reagiert und vor dem Hintergrund soziologischer Fragestellungen und aus der Ethnologie übernommener Konzepte Kritik am Staatsbegriff (oder gar an der Epochenbezeichnung „Absolutismus“) formuliert. Stattdessen wird in historisch-anthropologischer Perspektive Herrschaft als „soziale Praxis“ aufgefasst, die eben nicht einerseits einseitig von oben nach unten und andererseits widerspruchsfrei und ohne Rücksicht auf die lokalen Belange funktionierte. Vielmehr seien vor Ort im direkten Kontakt der unteren Herrschaftsträger mit den zu Beherrschenden Beherrschungstechniken angewandt und Gehorsam täglich immer wieder neu eingefordert worden (Lüdtke 1991). Damit wurde der behaupteten unbedingten Wirkungsmächtigkeit von Gesetzen ebenso wie der reibungslosen Einlösung von Herrschaftsansprüchen staatlicher Gewaltträger eine Absage erteilt. Auf diesen Ideen baute Martin Dinges vor einigen Jahren mit dem Modell des so genannten Aushandelns von Herrschaft auf und akzentuierte dabei den bilateralen Konsenscharakter der Herrschaftseinforderung (Dinges 1995). Der überwiegenden Mehrzahl der neueren Studien zu konkreten Herrschaftsverhältnissen „vor Ort“ liegt mehr oder weniger explizit das Interpretationsmodell „Herrschaft als soziale Praxis“ zugrunde. Auch in diesem Konzept liegt die Gefahr freilich in einer definitorischen Engführung von „Herrschaft“, die, in Anlehnung an Max Weber, immer noch weitgehend als Durchsetzung von Macht von „oben“ nach „unten“ verstanden wird und dementsprechend auf der einen Seite die befehlende, machtausübende, auf der anderen Seite die gehorchende, Weisungen und Befehle empfangende Partei einander gegenüberstellt. Auf diese Weise wird Herrschaft zwangsläufig bipolar aufgefasst. Ein solch starrer Dualismus von Obrigkeit und Untertan, den selbst die neueren Vorstellungen von Aushandlung oder Resistenzverhalten der zu Beherrschenden nicht wirklich zu überwinden vermochten, birgt jedoch die Gefahr, dichotomischen Kategorien wie „Staat“ oder „Absolutismus“, auch wenn diese bereits als ungeeignet erachtet wurden, erneut Vorschub zu leisten (Dipper 1996).

Dem entgegen werden in der geschichtswissenschaftlichen Forschung seit einiger Zeit innovative Ansätze verfolgt, in denen Herrschaft als dynamischer und kommunikativer Prozess