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Grundsätzlich ist im Falle einer Katastrophe der Staat zuständig für die Sicherheit und Versorgung der Bevölkerung. Jedoch sind Katastrophenschutzbehörden und -organisationen nicht immer in der Lage, allen Bürgern schnell und ausreichend Hilfe und Unterstützung zu leisten. Umso wichtiger ist die persönliche Vorbereitung und Selbsthilfe.
Das Buch Sicher trotz Katastrophe liefert Antworten auf Fragen wie:
Die erfahrenen Experten zeigen auf dem rationalen Mittelweg zwischen „Vollkaskomentalität“ und „Weltuntergangspropheten“ einfach und nachvollziehbar, wie und warum sich die jeweilige Krisensituation entwickelt, wie sie sich auswirkt und wie man sich darauf vorbereiten kann. Alle Autoren verfügen über jahrelange Erfahrung aus Tätigkeiten bei Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenforschung sowie aus Einsätzen in Krisengebieten.
Mit vielen nützlichen Tipps, Checklisten und Abbildungen.
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Seitenzahl: 274
Veröffentlichungsjahr: 2022
2., aktualisierte. Auflage
© WALHALLA Fachverlag, Regensburg
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Grundsätzlich ist im Falle einer Katastrophe der Staat zuständig für die Sicherheit und Versorgung der Bevölkerung. Jedoch sind Katastrophenschutzbehörden und -organisationen nicht immer in der Lage, allen Bürgern schnell und ausreichend Hilfe und Unterstützung zu leisten. Umso wichtiger ist die persönliche Vorbereitung und Selbsthilfe.
Das Buch Sicher trotz Katastrophe liefert Antworten auf Fragen wie:
Welche Bedrohungslagen gibt es?Worauf muss ich mich bei einem „Blackout“ einstellen?Wie bereite ich meine Familie und mich auf eine mögliche Naturkatastrophe vor?Welche Maßnahmen sind bei einer Pandemie zu treffen?Wie muss ich mich bei einem Terroranschlag verhalten?Die erfahrenen Experten zeigen auf dem rationalen Mittelweg zwischen „Vollkaskomentalität“ und „Weltuntergangspropheten“ einfach und nachvollziehbar, wie und warum sich die jeweilige Krisensituation entwickelt, wie sie sich auswirkt und wie man sich darauf vorbereiten kann. Alle Autoren verfügen über jahrelange Erfahrung aus Tätigkeiten bei Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenforschung sowie aus Einsätzen in Krisengebieten.
Mit vielen nützlichen Tipps, Checklisten und Abbildungen.
Andreas Kling ist selbstständiger Berater für Logistik, Business Continuity Management und Bevölkerungsschutz. Zusammen mit erfahrenen Experten der Feuerwehr, aus dem Bevölkerungsschutz, der Wissenschaft und der Forschung hat er einen umfassenden und realitätsnahen Ratgeber zusammengestellt.
Vorwort
Abkürzungen
I. Warnung der Bevölkerung in Grossschadensfällen und Katastrophen
II. Wie Wird es sein? Katastrophenwahrnehmung vs. Realität
III. Handeln in Katastrophen
IV. Trinkwasser und Abwasser
V. Versorgung mit Nahrungsmitteln
VI. Erste Hilfe im Katastrophenfall
VII. Hygiene
VIII. CBRN-Gefahren
IX. Terror
X. Kommunikation Dokumente Notgepäck
Anhang
eigentlich sollte dieses Vorwort für die 2. Auflage mit einem Hinweis auf die Corona-Pandemie beginnen. So war es seit Frühjahr 2021 geplant. Nun ereignete sich im Juli 2021 die Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Besonders schlimm hat die Katastrophe das Ahrtal getroffen. Allein dort wurden (Stand Ende Juli) zuletzt 134 Tote gezählt, als vermisst galten 73 Menschen. Die Zahl der Verletzten nach dem Starkregen und den dadurch ausgelösten Sturzfluten wurde mit fast 800 angegeben, und das in einem Landkreis mit 130.000 Einwohnern. Noch ist es zu früh, um umfassend und abschließend beurteilen zu können, ob die Bevölkerung rechtzeitig gewarnt worden war und ob durch einen besseren Bevölkerungsschutz Tote und Verletzte hätten vermieden werden können. Dennoch ist die Diskussion darüber in vollem Gange. Die Autoren dieses Buches sind der Meinung, dass jede Warnung im Endeffekt nur dann wirkt, wenn sie bei den Bürgerinnen und Bürgern Aufmerksamkeit erzeugt und zu konkretem Verhalten führt. Dazu möchten wir auf das Kapitel I verweisen, in dem Sie alles zum Thema „Warnung der Bevölkerung bei Großschadenslagen und Katastrophen“ finden, sowie Kapitel X, Unterabschnitte 3 und 4 mit wichtigen Hinweisen zur Sicherung und Rettung von Dokumenten sowie das Zusammenstellen von Notgepäck. Viele der Betroffenen der Hochwasserkatastrophe mussten ihre Häuser überstürzt verlassen oder sogar miterleben, wie ihr Zuhause von Wassermassen überschwemmt oder gar zerstört wurde. Weitere Informationen zum richtigen Verhalten bei Hochwasserereignissen finden sich in Kapitel III.
Darüber hinaus haben wir uns für diese 2. Auflage in den verschiedenen Kapiteln mit der Corona-Pandemie auseinandergesetzt, wie immer mit dem Ziel, Ihnen ein besseres Verständnis für das jeweilige Schadensereignis und entsprechenden Maßnahmen zur Notfallvorsorge und Katastrophenbewältigung zu geben. So hat Dominik Heytens in Kapitel VIII das Thema Pandemie vertieft. Jan Seitz geht in Kapitel V noch einmal auf die Lieferengpässe bei Nahrungsmitteln ein, die wir pandemiebedingt im Frühjahr 2020 erfahren mussten, als wir in den Supermärkten vor (fast) leeren Nudelregalen standen. Waren die in der 1. Auflage dieses Buches beschriebenen Gefahren für viele Leserinnen und Leser eher abstrakt und vor allem nicht absehbar, obwohl es deutliche Hinweise wie die Risikoanalysen des Bundes gab, so zeigte sich innerhalb kurzer Zeit, welche Katastrophen auch Deutschland betreffen können. Fatal wäre es nun, aus der über hundertjährigen Zeitspanne zwischen Spanischer Grippe und der aktuellen Corona-Pandemie zu schließen, dass eine solche Katastrophe zu unseren Lebzeiten nicht mehr passiert. Gleiches gilt für Hochwasserereignisse, deren regelmäßige Bezeichnung als „Jahrhunderthochwasser“ keine Garantie dafür ist, dass das nächste Großschadensereignis an der Ahr erst wieder in 100 Jahren eintritt.
Umso wichtiger ist die persönliche Vorbereitung und Selbsthilfe. Wir, die Autoren dieses Buches, allesamt mit jahrelanger Erfahrung aus Tätigkeiten bei Feuerwehr, dem Bevölkerungsschutz, der Katastrophenforschung sowie aus Einsätzen in Krisengebieten ausgestattet, möchten Ihnen dabei helfen: mit praktischen Tipps, Checklisten, Verhaltensregeln und vor allem mit Erklärungen, wie und warum sich eine Krisensituation entwickelt, wie sie sich auswirkt und wie man sich darauf vorbereiten kann. Und das alles auf einfache und nachvollziehbare Weise sowie mit einem überschaubaren finanziellen und zeitlichen Aufwand. Wer Katastrophenvorsorge als Hobby versteht, dem sei diese Freizeitbeschäftigung gegönnt. Für den Normalbürger ist es wichtig, einige wenige Maßnahmen zu unternehmen. Auch kleine Vorbereitungen können einen starken Effekt bei der Vermeidung von gesundheitlichen und materiellen Schäden haben.
Endlose Autoschlangen, Menschen, die sich schreiend gegenseitig aus dem Weg rempeln, bewaffnete Plünderer und Gewaltexzesse vor dem Privatbunker – so stellt sich Hollywood eine apokalyptische Katastrophe vor. Die Forschung zeigt ein anderes Bild: Richtig ist zwar, dass Menschen vor einer Gefahr fliehen, vielleicht sogar rennen und auch Angst haben. Solange es die Umstände erlauben, werden sie sich jedoch gegenseitig helfen, aufeinander achten und rational handeln.
Wir stehen vor vielen, zum Teil neuen Herausforderungen. Allerdings existiert ein deutlicher, ungebrochener Trend zu Extremwetterlagen: Starkregenereignisse, Hochwasser und extreme Hitze in den Sommermonaten. Diese werden in Zukunft weiter zunehmen und stellen für jeden Einzelnen, aber auch Ortschaften, Regionen und die Gesamtgesellschaft eine Herausforderung dar. Hinzu kommen ihre möglichen Auswirkungen auf die Kritischen Infrastrukturen. Diese werden aus sich selbst heraus täglich störanfälliger. Infolge der zunehmenden Extremwetter, aber auch aufgrund möglicher Cyberangriffe sind sie Störungen ausgesetzt, die katastrophale Folgen haben können.
Bei der Erstellung der einzelnen Texte haben die Autoren sich von folgenden Fragestellungen leiten lassen:
Welche Bedrohungslagen gibt es?
Welche Möglichkeiten bietet der staatliche Bevölkerungsschutz, wo liegen dessen Grenzen?
Worauf muss ich mich bei einem „Blackout“ einstellen?
Wie bereite ich mich und meine Familie auf eine mögliche Naturkatastrophe vor?
Welche Maßnahmen sind bei einer Pandemie zu treffen?
Um Ihnen ein einigermaßen realistisches Bild zu geben, auf das Sie sich im Rahmen Ihrer Persönlichen Notfallvorsorge (PNV) vorbereiten können, haben wir uns für folgende Struktur des Buches entschieden:
In Kapitel I finden Sie alles über „Warnung der Bevölkerung in Großschadensfällen und Katastrophen“. Neben den altbekannten Sirenen, Lautsprecherdurchsagen, Meldungen in Rundfunk und Fernsehen stellt Wolfgang Stark, der Autor des Kapitels, die wesentlichen Funktionen der Bevölkerungswarnung und -information vor. Auch auf die Warn-Apps, die eine Alarmierung und Information über Mobiltelefone ermöglichen, wird eingegangen.
Im darauffolgenden Kapitel II „Wie wird es sein? – Katastrophenwahrnehmung vs. Realität“ beschreibt und widerlegt Henning Goersch, Professor für Bevölkerungsschutz, aus wissenschaftlicher Sicht einige der vorherrschenden Mythen über das Chaos in Katastrophensituationen.
Daran anschließend folgt Kapitel III „Handeln in Katastrophen“, in dem Henning Goersch (Individuelle Katastrophenbewältigung) und Birgit Spiewok (Kollektive Handlungsempfehlungen) die ersten grundsätzlichen Handlungsempfehlungen geben. Dabei stellt sie das Konzept der Nachbarschaftlichen Notfallteams (NNT) vor, die im Fall einer Katastrophe für eine Hausgemeinschaft, eine Straße, eine Siedlung, ein Stadtviertel, eine Schule, ein Dorf etc. Hilfe leisten und koordinieren können.
Am wichtigsten sind zunächst einmal die Grundbedürfnisse der Menschen, wie etwa die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln. Daher ist in diesem Buch das Kapitel IV dem Thema Wasser gewidmet (Trinkwasser und Abwasser von Marcel Riegel und Sebastian Presse).
Daran schließt sich unmittelbar das Kapitel V „Versorgung mit Lebensmitteln“ an, geschrieben von Jan Seitz und Sebastian Presse. Beide Kapitel beschränken sich nicht darauf, Empfehlungen für die Einlagerung von Wasser und Lebensmitteln zu geben, sondern zeigen auch, wie die Versorgung der Bevölkerung funktioniert. Es ist uns ein besonderes Anliegen, in diesem Buch nicht nur Empfehlungen zu geben, sondern auch ein Verständnis zu schaffen, warum beispielsweise die Wasserversorger oder der Lebensmittelhandel als kritische Infrastrukturen eingestuft werden. Denn dieses Verständnis um die Verletzlichkeit (das Fachwort dafür lautet Vulnerabilität) ist wiederum Voraussetzung für Ihre eigene persönliche Risikoanalyse und Notfallvorsorge.
Es gibt grundsätzliche Unterschiede, was den Wohnort betrifft. Einwohner großer Städte und Ballungszentren stehen hier vor ganz anderen Herausforderungen als die Bevölkerung in ländlichen Räumen. Für beide Gruppen gleich ist die Notwendigkeit von Grundkenntnissen und Vorbereitungen im Bereich Erste Hilfe im Katastrophenfall, wie sie in Kapitel VI von Andreas Flemming beschrieben werden.
Ergänzend zu diesen Grundbedürfnissen Essen, Trinken und Gesundheit folgt mit Kapitel VII „Hygiene“ von Sebastian Presse ein Themenbereich, der nicht unterschätzt werden sollte und direkten Einfluss auf die Grundbedürfnisse hat. Dies lässt sich gut anhand der Auswirkungen eines sogenannten Blackouts, also eines großflächigen langanhaltenden Stromausfalls, darstellen. In einer solchen Lage fließt das Wasser nicht mehr aus dem Hahn, sondern muss vielleicht von einer Ausgabestelle nach Hause gebracht und gelagert werden. Die Heizung und Warmwasseraufbereitung für Dusche und Bad fallen aus. Auch der Kühlschrank funktioniert nicht mehr und es müssen Abfälle entsorgt werden – auch dann, wenn es keine Müllabfuhr mehr gibt. Das alles sind Anforderungen an Hygiene und Sauberkeit außerhalb der Routine.
Mit den von Dominik Heytens verfassten Kapiteln VIII „CBRN-Gefahren“ und IX „Terror“ verlassen wir den Bereich der allgemeinen, situationsunabhängigen Beschreibungen und Empfehlungen. Denn sowohl sogenannte CBRN-Lagen, sprich chemische, biologische oder radionukleare Gefahrenlagen, aber auch Terrorgefahren bzw. Amokläufe sind sehr spezielle Bedrohungslagen, für die es wiederum besondere, auf den Einzelfall bezogene Ratschläge gibt. Im Rahmen von Kapitel VIII wird auch auf das Thema Pandemien eingegangen. Die Autoren dieses Buches halten wie viele andere Experten neben der Pandemie einen möglichen Blackout für die größten Gefahrenlagen, da eine direkte und indirekte Betroffenheit größerer Bevölkerungsgruppen zu erwarten wäre, die sogar die Hilfsfähigkeiten der Bevölkerungsschutzorganisationen überfordern könnten. Daher befasst sich last but not least das Kapitel X mit der notwendigen Ausrüstung, um auf den Fall einer Evakuierung vorbereitet zu sein oder auch einige Tage ohne Strom wohlbehalten überstehen zu können.
Alle Kapitel zeigen selbstverständlich Schwerpunkte (auch der jeweiligen Autoren) und „Lücken“ auf, die Sie vielleicht im Rahmen der Vorsorge vermissen oder über die Sie sich gerne mehr informieren würden. Daher unsere Empfehlung: Lesen Sie sich in die Thematik ein und beschränken Sie Ihre Recherche nicht nur auf eine einzige Quelle. Informieren Sie sich bei Behörden, Instituten sowie in Sachbüchern. Literaturverweise finden Sie am Ende des jeweiligen Kapitels. Auch unter der Internetadresse www.WALHALLA.de/notfallvorsorge finden sich weiterführende Informationen zu den einzelnen Kapiteln sowie aktuelle Hinweise und Empfehlungen.
Letztlich müssen Sie selbst entscheiden, welche Maßnahmen Sie umsetzen können oder wollen und was Sie bereit sind, dafür auszugeben. Wir selbst haben nicht damit gerechnet, dass uns innerhalb einer doch recht kurzen Zeit so viele Großschadensereignisse treffen. Und wie immer gilt: Vorsorge ist besser als Nachsorge. Sie haben mit dem Kauf dieses Buches einen ersten Schritt getan oder möchten Ihre Kenntnisse zu Katastrophen und ihre Vorbereitungen verbessern. Bleiben Sie dran, wir werden es auch tun.
Andreas Kling
Herausgeber mit Autoren
1 Überblick
2 Die wesentlichen Funktionen der Bevölkerungswarnung
3 Warnmittel Sirene
4 Informationssysteme
5 Softwareprogramme für Warnung und Information – Warn-Apps
Aufgrund der föderalen Struktur Deutschlands und der gesetzlichen Regelungen sind für den Katastrophenschutz die jeweiligen Bundesländer zuständig. Sie übernehmen damit auch die Warnung und Alarmierung der Bevölkerung in Großschadensfällen und Katastrophen. Die Ausführung dieser Aufgabe ist durchweg an die Landkreise, Städte und Gemeinden delegiert. Warnung und Alarmierung unterscheiden sich im Wesentlichen darin, dass die Alarmierung rascher erfolgt als die Warnung und unverzügliches Handeln erfordert. Im Zivilschutz, das heißt für Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung im Spannungs- und Verteidigungsfall, ist der Bund zuständig für die Warnung der Bevölkerung vor den entsprechenden Gefahren. Die Bundesländer führen die Warnung im Auftrag des Bundes mit den Mitteln des Katastrophenschutzes durch.
Eine bundeseinheitliche Rechtsvorschrift der organisatorischen Prozesse und der technischen Umsetzung von Maßnahmen für die Bevölkerungswarnung existiert bislang nicht. Diese Situation begünstigt einen Flickenteppich an Lösungen und berücksichtigt nicht, dass Gefahrensituationen weder administrative Grenzen kennen noch gesellschaftlichen Änderungen in der Bevölkerung wie etwa eine höhere Mobilität, ein geändertes Freizeitverhalten usw. Rechnung tragen.
Diese Sachlage ist ein besonderer Appell an die persönliche Verantwortung, sich auf risikobehaftete Situationen vorzubereiten und den Wert einer Persönlichen Notfallvorsorge schätzen zu können.
Wegen neuer bzw. künftig wahrscheinlicher werdender Bedrohungslagen wie folgenreiche Naturereignisse (Extremwetter mit Hochwasser, Überschwemmungen, Dürreperioden, Starkwinde), aber auch Bedrohungen durch Epidemien (Influenza), großflächige, längere Ausfälle der Stromversorgung oder etwa Terrorismus, sind Bund und Länder seit einiger Zeit aktiv, das Konzept der Bevölkerungswarnung an die sich geänderten Herausforderungen anzupassen.Überlegungen, die auch die Entwicklung neuer technischer Lösungen erfordern, werden auf breiter Ebene geführt, begleitet von intensiver wissenschaftlicher Forschung.
Um für den Status quo gut vorbereitet zu sein, finden Sie im Folgenden Informationen und Ratschläge, die auf heute vorhandenen und bewährten Technologien und Strukturen beruhen. Der Aufbau einer zuverlässigen Persönlichen Notfallvorsorge (PNV) soll nicht durch Vorstellung oder Empfehlung von technischen Lösungen getrieben werden, die einer ungemein schnellen Entwicklung und Änderung ihrer Funktionalität unterworfen sind.
Zur weiteren Information über die laufenden und geplanten Entwicklungen, die ohne Frage auch die Persönliche Notfallvorsorge beeinflussen, empfehlen wir den Besuch der Internetseite des Bundeamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK): www.bbk.bund.de
Unabhängig von der zugrunde liegenden Situation muss die Warnung der Bevölkerung stets zwei essenzielle Aufgaben erfüllen:„Aufmerksamkeit wecken“ sowie „Informieren und Verhaltensanweisungen geben“. Fehlt eine Komponente, ist die Warnung unvollständig mit der Gefahr, dass sie vom Empfänger, also dem einzelnen Bürger, nicht korrekt gedeutet werden kann, was in der Folge zu erhöhter Unsicherheit, kritischen Missverständnissen, unangemessenem Verhalten, unnötiger Unruhe und dergleichen führen kann.
Gleiches gilt für die inhaltliche Zuverlässigkeit. Mehr noch als ein Fehlalarm wären falsche Informationen und nicht eindeutige Verhaltensanweisungen extrem belastend für die Bewältigung der Lage.
Da von vornherein Art, Eintritt, Dauer, Ausdehnung und Intensität einer drohenden Gefahr nicht im Detail bekannt sind, kommt der initialen Funktion „Aufmerksamkeit wecken“ eine wesentliche Bedeutung zu. Sie muss rund um die Uhr unterbrechungsfrei flächendeckend zur Verfügung stehen, die Bevölkerung in jeder Situation erreichen (tagsüber/nachts, in Gebäuden/außer Haus/mobil, durchdringend, unverwechselbar, barrierearm) und eindeutige, einfach verstehbare Signale abgeben.
Ist die Aufmerksamkeit geweckt, muss in der nächsten Phase der Warnung zeitnah die (Erst-)Information über die Lage erfolgen, um von Anfang an die nötige Sicherheit aufzubauen. Abhängig von der jeweiligen Situation haben an die Bürger konkrete Handlungsanweisungen zu erfolgen, um sie zu einem lageangemessenen Verhalten zu bewegen.
Die typischerweise auf Hausdächern installierten Sirenen – sowohl herkömmliche elektromechanische Motorsirenen als auch technisch fortschrittlichere elektronische Sirenen – sind für die Initialphase „Aufmerksamkeit wecken“ hervorragend geeignet und haben sich seit Jahrzehnten bewährt: Sirenen geben einen markanten, durchdringenden Ton ab, der praktisch überall gehört wird. Das Signal ist einfach und unverwechselbar aufgebaut und es gibt wenige, leicht verstehbare Handlungsanweisungen.
Bis zum Ende der Block-Konfrontation Anfang der 1990er-Jahre bestand in Deutschland ein flächendeckendes Sirenennetz mit etwa 80.000 Anlagen, das der Bund im Rahmen des Zivilschutzes betrieb.
Aufgrund der veränderten Bedrohungslage wurde das System 1993 den Gemeinden kostenlos zur Übernahme angeboten. Allerdings übernahmen nur einige Kommunen dieses Angebot; die restliche Infrastruktur wurde abgebaut, sodass heute deutlich weniger als die Hälfte aller Sirenen Signale des Bevölkerungsschutzes übertragen können (Stand 2015). Viele Städte in Deutschland betreiben gar kein oder ein nur noch eingeschränkt funktionales Sirenennetz.
In den letzten Jahren wurde jedoch der besondere Wert der Sirenen als überaus taugliches Warnmittel (wieder-)erkannt und einige Städte und Gemeinden haben sich entschlossen, Sirenen neu aufzubauen, zum Teil gefördert durch Mittel des jeweiligen Bundeslandes.
Wegen der bereits erwähnten uneinheitlichen Vorgehensweise in den Ländern existiert auch kein einheitliches Signalkonzept. Es ist Sache der zuständigen Katastrophenschutzbehörden der Länder, in der Regel der Kreise und kreisfreien Städte, die Nutzung der Sirenen und die Bedeutung der Signale für die örtliche Alarmierung und Warnung festzulegen. Lediglich das Signal „Feueralarm“ für die Feuerwehr ist bundesweit harmonisiert.
Einminütiges Sirenensignal:
3 Töne gleicher Höhe von jeweils 12 Sekunden Dauer und dazwischen jeweils 12 Sekunden Pause. Dieses Signal dient ausschließlich der Alarmierung der Einsatzkräfte der Feuerwehr.
Empfehlungen bei Bränden in Ihrer Nachbarschaft:
Achten Sie nach Ertönen des Signals besonders auf Fahrzeuge mit Blaulicht und Martinshorn.
Beachten Sie die Hinweise der Einsatzkräfte.
Helfen Sie bei Gefahr hilflosen Personen in Ihrer Umgebung.
Halten Sie Fenster und Türen geschlossen.
Informieren Sie Ihre Nachbarn über die Alarmierung.
Benutzen Sie keine Aufzüge.
Bleiben Sie dem Schadensgebiet möglichst fern, um die Einsatzkräfte nicht zu behindern und sich selbst nicht unnötig zu gefährden.
Wie erwähnt existiert kein einheitliches Konzept für Sirenensignale im Katastrophenfall. Um zu erfahren, ob in der eigenen Gemeinde Sirenensignale für den Katastrophenfall benutzt werden und – falls ja – welche und für welche Gefahrenlagen diese eingesetzt werden, empfehlen wir, sich in größeren Abständen, etwa einmal im Jahr, bei der Gemeindeverwaltung über den aktuellen Stand zu informieren.
Gleichwohl möchten wir im Folgenden einige grundsätzliche und allgemeingültige Informationen und Ratschläge für angemessenes Verhalten in Katastrophensituationen geben:
Sofort ins Gebäude begeben.
Das Haus möglichst nicht verlassen. Es bietet mehr Schutz und Sicherheit als eine (überstürzte) Flucht ohne ausreichende Informationen.
Fenster und Türen schließen.
Lüftungs- und Klimaanlagen mit Außenluftbeschickung ausschalten.
Gashähne, sofern vorhanden, schließen.
Kinder aus dem Freien ins Haus holen, aber nicht extra aus der Schule oder dem Kindergarten abholen; Ihre Kinder werden dort bestens betreut.
Rundfunkgerät einschalten und auf Informationen achten.
Fragen Sie bei Ihrer Gemeindeverwaltung nach, über welche Sender offizielle Informationen und Hinweise in einer Katastrophensituation verbreitet werden.
Auf Durchsagen von Lautsprecherwagen achten.
Anweisungen von Polizei und/oder Feuerwehr befolgen.
Nachbarn und Straßenpassanten über die Durchsagen informieren.
Älteren und behinderten Menschen helfen.
Ausländische Mitbürger informieren.
Haustiere ins Gebäude holen.
Dem Schadensgebiet fernbleiben – schnelle Hilfe braucht freie Wege.
Bei Beeinträchtigungen durch Rauch oder Gase nasse Tücher vor Mund und Nase halten.
Bei gesundheitlichen Beeinträchtigungen Kontakt mit Hausarzt oder dem ärztlichen Notdienst aufnehmen.
In Katastrophensituationen können Kommunikationsnetze schnell an ihre Kapazitätsgrenzen kommen. Die Einsatzkräfte sind auf freie Telefonleitungen angewiesen – besonders in den Mobilfunknetzen. Daher beachten Sie bitte:
Telefonieren Sie nur, falls unabweisbar nötig. Fassen Sie sich kurz.
Telefonverbindungen zu Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst und Behörden nicht durch Rückfragen blockieren.
Falls Sie im Auto unterwegs sind:
Dem betroffenen Gebiet fernbleiben oder es verlassen (falls möglich).
Autofenster schließen.
Klimaanlage, Lüftung und Heizung abstellen.
Ein Gebäude oder anderen Deckungsschutz suchen (falls möglich).
Beachten Sie, dass auch nach Bewältigung einer größeren Schadenslage oder eines Naturereignisses noch Tage und Wochen später Einschränkungen im normalen Tagesablauf, zum Beispiel bei der Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs oder der Verfügbarkeit von Kommunikations- und/oder Energieversorgungsnetzen, auftreten können. Sie sollten sich daher laufend über die aktuelle Entwicklung informieren, bis die zuständigen Stellen eine allgemeine Entwarnung veröffentlichen.
Eine besondere Verantwortung hinsichtlich der Warnung und Alarmierung übernehmen Betriebe, die aufgrund von gesetzlichen Auflagen eine Warnung der Bevölkerung sicherstellen müssen (z. B. entsprechend Bundesimmissionsschutzgesetz, Seveso-II-Verordnung der EU). Diese Unternehmen (z. B. Betriebe der chemischen Industrie), von denen im Schadensfall ein besonderes Risiko für die Bevölkerung ausgehen kann, betreiben eigene Warnmittel. Zu den weiteren Auflagen zählt auch die proaktive Risikokommunikation und Information der Bevölkerung in den von einem Störfall potenziell betroffenen Gebieten.
Sollten Sie in einem solchen Gebiet wohnen und verfügen noch nicht über eine Information des Betreibers, empfehlen wir Ihnen, sich an die Presse- und Öffentlichkeitsstelle des Betriebs zu wenden bzw. auch an Ihre Kommunalverwaltung.
Für die Warnung der Hafenbetriebe und Bevölkerung im Hamburger Hafen vor Hochwasser ist ein aufwändiges Konzept etabliert, das neben Sirenensignalen auch heute noch ab gewissen Wasserständen Böllerschüsse vorsieht.
Die Bevölkerungswarnung ist kein Thema der Neuzeit. Einer römischen Legende zufolge retteten die heiligen Gänse auf dem Kapitol die Stadt im Jahre 387 v. Chr. vor einer gallischen Erstürmung, indem sie den nächtlichen Angriff bemerkten und die Bürger mit ihrem Geschnatter aufweckten.
Sobald die Phase „Aufmerksamkeit wecken“ beendet ist, müssen der Bevölkerung Informationen gegeben werden, die eine situationsbedingte Unruhe verhindern und ein lageangepasstes Verhalten unterstützen. Hierzu bieten sich Lautsprecherdurchsagen und Rundfunkmeldungen an.
Aktuelle Informationen zur Lage und ggf. Handlungsanweisungen können über Kraftfahrzeuge (seltener Motorräder oder Hubschrauber), die mit der notwendigen Durchsagetechnik ausgestattet sind, verbreitet werden.
Dem Vorteil der Mobilität steht gegenüber, dass die Fahrzeuge den Einsatz- und Rettungskräften vor Ort nicht zur Verfügung stehen, dass nicht in jedem Fall der gesamte betroffene Bereich abgefahren werden kann und dass die Durchsagen akustisch schwer verständlich sein können, was zu unnötigen Anrufen bei der Rettungsleitstelle führen kann. Für kleinräumigere Ereignisse, etwa bei Bombenfunden, stellen Lautsprecherdurchsagen jedoch ein probates Mittel dar.
Unter Rundfunkmeldungen werden in diesem Abschnitt offizielle, lageassoziierte Meldungen verstanden, die von den beteiligten Leitstellen bzw. Lagezentren an die Rundfunkanstalten übermittelt und von dort über terrestrische Sender ausgestrahlt oder als Internetradio angeboten werden.
Als Teil des Katastrophenschutzes ist ein Verfahren etabliert, mit dem innerhalb und außerhalb von Geschäfts- bzw. Redaktionszeiten Warnmeldungen übermittelt werden können. Um zu erfahren,welche Rundfunkanstalt(en) in Ihrem Gebiet und auf welchen Kanälen Warninformationen übertragen, wenden Sie sich bitte an Ihre Kommunalverwaltung.
In Kapitel X erhalten Sie Ratschläge und Anregungen für die Beschaffung von Radios, die in Notfallsituationen gut geeignet sind,aktuelle Meldungen zu empfangen.
Begünstigt durch die technologische Entwicklung und den enormen Preisverfall sind Smartphones seit einiger Zeit ein Artikel des Massenmarkts und inzwischen das Alltagsgerät für die mobile Kommunikation, und zwar quer durch sämtliche Bevölkerungs- und Altersschichten.
Die große und stets weiter zunehmende Popularität verdanken Smartphones unter anderem den mittlerweile in die Millionen gehenden Zusatzprogrammen, sogenannten Apps. Auch für die Belange der Bevölkerungswarnung sind Applikationen verfügbar, die wir kurz als Warn-Apps bezeichnen. Hiermit können Kommunen, Polizei und Rettungsdienste Warnungen für unterschiedliche Gefahrenlagen zeitnah übermitteln und entsprechende Verhaltensempfehlungen abgeben.
Applikationen als solche sind für den Nutzer kostenlos. Um den vollen Funktionsumfang nutzen zu können, ist eine Internetverbindung erforderlich, die abhängig vom gewählten Tarif des Nutzers Kosten verursachen kann.
Die drei gegenwärtig verbreitetsten Warn-Apps sind KATWARN,NINA und BIWAPP. Für den speziellen Bereich der Wetterwarnungen wird darüber hinaus die eigenständige WarnWetter-App des Deutschen Wetterdienstes (DWD) angeboten, deren Information in die drei genannten Warn-Apps eingespeist wird.
Die über diese Warn-Apps verbreiteten Informationen stammen aus zuverlässigen Quellen. Insofern unterstützen und ergänzen sie das offizielle Alarm- und Informationssystem aus Sirenen, Rundfunkmeldungen und Durchsagen hervorragend. Gleichwohl haben die Anweisungen der zuständigen Stellen und Einsatzkräfte vor Ort im Zweifel stets Vorrang vor den Warnmeldungen der App.
An dieser Stelle soll erneut darauf hingewiesen werden, dass Bevölkerungsschutz Sache der Bundesländer ist. Demzufolge setzt sich die Inhomogenität bei der Bevölkerungswarnung auch bei der Nutzung von Warn-Apps fort: die Entscheidung, ob und welche der genannten Warn-Apps unterstützt und mit lokalen Informationen gefüttert wird, liegt im Ermessen jedes Kreises bzw. jeder Kommune. Solange keine bundesweite Einigung über die Verwendung einer einheitlichen Warn-App erzielt wird, existiert ein Flickenteppich an Lösungen.
Die Weiterentwicklung der genannten Warn-Apps ist außerordentlich dynamisch. Sowohl das Erscheinungsbild als auch der Leistungsumfang ändern sich relativ häufig, sodass wir hier auf eine detaillierte Aufstellung einzelner Features oder Bedienungshinweise verzichten und zugunsten der Aktualität auf die entsprechenden Internetseiten der Anbieter verweisen (s. Tabelle).
Um Erfahrungen mit den Apps zu sammeln und letztlich die für sich passendste App hinsichtlich Informationsgehalt, Bedienbarkeit usw.auszuwählen, empfehlen wir, zunächst alle drei Apps zu installieren und sich „spielerisch“ mit dem Funktionsumfang vertraut zu machen. Dies ist auch deswegen angebracht, da – wie erwähnt – nicht überall Warnmeldungen zu lokalen Ereignissen in alle Warn-Apps eingespeist werden. Bitte informieren Sie sich bei Ihrem Landkreis, Ihrer Stadt oder den örtlichen Hilfsorganisationen, welche Möglichkeiten zur Warnung der Bevölkerung vor Ort eingesetzt werden.
Abschließend halten wir es für wichtig zu betonen, dass die Warn-Apps zwar ein innovatives und leistungsfähiges Werkzeug sind, das allerdings nur als zusätzliche Hilfe angesehen werden sollte, denn Warn- und Informationsmittel der ersten Wahl für Alarmierung und Warnung sind immer noch robuste Systeme mit Sirenen, Durchsagen und Rundfunkmeldungen.
Daneben darf nicht übersehen werden, dass die Funktionalität der Warn-Apps und damit ihr Nutzen von der Stromversorgung des Smartphones und Verfügbarkeit des Internets und ggf. Mobilfunknetzes abhängig ist. Gerade in Krisen- und Notfällen sind die Kapazitäten eingeschränkt oder schnell erschöpft. Dies umso mehr, wenn sinnvollerweise ortsbezogene Informationen empfangen werden sollen und dazu die leistungsfordernde GPS-Funktion im Smartphone aktiviert wird.
1 Einführung: Die Katastrophe, das sind die anderen!
2 Wir werden die Katastrophe – wahrscheinlich – nicht kommen sehen
3 Wir werden – wahrscheinlich – nicht auf die Katastrophe vorbereitet sein
4 Warum wir vorsorgen sollten
5 Es kommt immer anders als man denkt...
6 Blackout: Großflächiger, langanhaltender Stromausfall
7 Fazit
Die Anlehnung an Sartres Theaterstück Geschlossene Gesellschaft stimmt nicht ganz, den Satz aus der Überschrift kann man dennoch so stehen lassen: Katastrophen kennen die meisten Menschen nur aus der medialen Berichterstattung. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die Life-Berichterstattung über das beschädigte Kernkraftwerk in Fukushima. Ich saß gerade beim Frühstück und konnte im Fernsehen mitverfolgen, wie ein Reaktorblock explodierte. Ein an sich ungeheurer Vorgang und dennoch für mich medial eingebettet in eine vollkommen alltägliche Beschäftigung – degradiert zur reinen Unterhaltung.
So geht es den meisten Menschen. Sie kennen Katastrophen nur aus den Medien, ausgestattet mit einem gewissen Unterhaltungswert. Die mediale Berichterstattung setzt einen deutlichen Schwerpunkt auf solche Ereignisse. Oft handelt es sich um tragische Geschichten, die sich gut – meist anhand von Einzelschicksalen – erzählen lassen. Ein leichter Schauer läuft einem über den Rücken, während man sich das zweite Brötchen schmiert. Das sind für uns die Katastrophen, das leichte Schaudern, das Nicht-Wegschauen-Nicht-Hinschauen-Können aus einer komfortablen Distanz.
Was aber ist der Grund für diesen thematischen Schwerpunkt in den Medien? Kommunikationswissenschaftler versuchen, dieses Phänomen über Modelle des Nachrichtenwerts zu erklären. Demnach hat jede Nachricht einen bestimmten Wert. Dieser Wert ergibt sich aus der Vermutung von Journalisten: Was finden Leser und Zuschauer interessant? Letztlich sind Nachrichten eine Ware, die verkauft werden muss. Und nur spannende Nachrichten lassen sich verkaufen.
Winfried Schulz (1976) unterscheidet 18 Nachrichtenfaktoren, aus deren Kombination sich der Nachrichtenwert ergibt. Darunter fallen beispielsweise die Folgenden: Je näher ein Ereignis räumlich zum Publikum passiert, desto höher der Nachrichtenwert; je mehr Menschen von einem Ereignis betroffen sind, desto höher der Nachrichtenwert; je überraschender ein Ereignis ist, desto höher der Nachrichtenwert; je negativer ein Ereignis ist, desto höher der Nachrichtenwert; je besser ein Ereignis personalisiert werden kann, desto höher der Nachrichtenwert usw.
Der Nachrichtenwert ist auch einer der Gründe dafür, dass Katastrophen „vergessen“ werden können. Einmal in dem Sinn, dass die Berichterstattung über sie schnell von anderen, wertvolleren Nachrichten überlagert wird, und andererseits, dass der Wert von bestimmten, etwa weit entfernten, wenig überraschenden und kaum personalisierbaren Ereignissen gar nicht in die Berichterstattung aufgenommen wird.
Wenn wir uns nun in der medialen Darstellung den Menschen in Fukushima und Umgebung zuwenden, kann man sich leicht vorstellen, dass deren Situation alles andere als komfortabel war, ganz im Gegenteil. Sie waren mit einer Bedrohung konfrontiert, die massive Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Gesundheit hatte. Und dies, obwohl es für ebendiese Menschen vorher möglicherweise ebenso geheißen hatte: Die Katastrophe, das sind die anderen!
Japan galt eigentlich als ein Land, das außerordentlich gut auf Katastrophen vorbereitet ist: Erdbebensichere Bauten, ständige Erdbebenübungen vom Grundschulalter an, leistungsfähige Katastrophenschutzeinheiten und Erfahrungen mit Tsunamis.1Trotz all dieser Vorbereitungen kam es zum Super-GAU, dessen Ende aktuell immer noch nicht vollständig absehbar ist. Katastrophen haben die Eigenschaft, menschliche Gesellschaften in einer unvorhergesehenen Weise herauszufordern.
Nicht umsonst stammt der Begriff „Tsunami“ aus dem Japanischen.
Einerseits können wir Katastrophenrisiken – aus der Perspektive des Status quo – oft gar nicht sehen. Unsere gesellschaftlichen und technischen Systeme werden ständig von Ereignissen herausgefordert, die zwar nicht katastrophal enden, aber hohes Katastrophenpotenzial in sich tragen. So hätte sich auch niemand im Jahr 2006 träumen lassen, dass das Abschalten einer Hochspannungsleitung in Norddeutschland zu einem europaweiten Stromausfall bis hinunter nach Marokko führen würde.
Oft sind es viele kleine Entscheidungen und viele Eigenschaften einer Situation, die darüber entscheiden, ob ein Ereignis zu einer Katastrophe wird oder nicht. Fest steht: Durch die sogenannten Kritischen Infrastrukturen, unser Stromnetz, das Internet, Gasversorgung usw. und den damit einhergehenden komplexen Strukturen, den gegenseitigen Abhängigkeiten und den teilweise nicht mehr überschaubaren Verflechtungen, werden wir anfälliger für Katastrophen. Bereits ein lokales Unwetter kann regionale, nationale oder internationale Auswirkungen haben. Um unsere Gesellschaft zu erschüttern, braucht es nicht unbedingt Kalaschnikows und Bomben – ein Taschenmesser, an der richtigen Stelle eingesetzt, reicht aus. Wie beispielsweise das Internet auf Ausfälle bestimmter Server reagiert, kann heute kein Experte genau vorhersagen.
Die Unmöglichkeit, die Katastrophe kommen zu sehen, geht jedoch eng damit einher, das Katastrophenpotenzial nicht sehen zu wollen. Auf individueller Ebene ist dies noch verständlich: Psychologische Studien belegen, dass Menschen sich ungern mit Themen wie Tod, Krankheit, Verlust von Angehörigen und Verlust des Eigentums auseinandersetzen. Dies wird als Verleugnung bezeichnet. Obwohl verständlich, ist es dennoch nicht klug, Gefahren zu ignorieren,wie weiter unten noch ausführlicher dargestellt werden soll. Es besteht stets die Hoffnung, doch nicht zum Kreis der Betroffenen zu gehören.
Auf gesellschaftlicher Ebene spielen andere Mechanismen eine Rolle: Meist wird argumentiert, dass nicht ausreichend Ressourcen für alle Katastrophenrisiken vorhanden seien. Einerseits mag das stimmen, andererseits kann eine Gesellschaft nicht auf der Grundlage der Hoffnung organisiert werden, dass schon nichts Extremes passieren wird. Oft ist es allerdings nicht ganz einfach, einen gesellschaftlichen Konsens zu finden, für welche Gefahren und Risiken unbedingt eine Lösung gefunden werden muss. Das liegt einerseits an Mechanismen wie den oben beschriebenen Nachrichtenfaktoren, die den Wert von Themen ausmachen und daher darüber mitbestimmen, was politisch bearbeitet wird und was nicht. Andererseits liegt dies an der Art, wie Menschen Risiken beurteilen. Diese sogenannten kognitiven Heuristiken kann man als automatische Bewertungsprogramme bezeichnen, die weitgehend unbewusst in Menschen ablaufen. So gelangen wir schnell zur Einschätzung von Situationen und Sachverhalten und eben auch von Gefahren und Risiken.
Ein einfacher Selbsttest genügt: Wenn wir beispielsweise ein Risiko freiwillig eingehen, beurteilen wir es als weniger hoch als in dem Fall, in dem es uns von außen aufgebürdet wird. Ein weiteres Beispiel ist die Möglichkeit, die Konsequenzen rückgängig machen zu können: Ist diese Möglichkeit gegeben, beurteilen wir das Risiko als geringer als in dem Fall, in dem diese Möglichkeit nicht besteht.
Die kognitiven Heuristiken, diese unbewussten Regeln zur schnellen Beurteilung von Situationen und Sachverhalten, können in alltäglichen Situationen oftmals hilfreich sein. Je abstrakter aber ein Risiko ist, desto weniger kann eine kurze Bewertung das Problem in Gänze erfassen. Und so werden bestimmte Bedrohungen falsch eingeschätzt.
Vor Kurzem wurde für die Vereinigten Staaten von Amerika berechnet, dass die Wahrscheinlichkeit, von einem Meteoriten erschlagen zu werden, 30 Mal höher ist als von einem als Flüchtling eingeschlichenen Terroristen getötet zu werden. 260 Mal wird man wahrscheinlicher vom Blitz erschlagen und 407.000 Mal wahrscheinlicher bei einem Autounfall getötet. Jetzt muss man nur noch die Budgets von Terroristenabwehr und der Abwehr der anderen Gefahren vergleichen, um ein Missverhältnis zu entdecken.
Die Katastrophe, das sind die anderen! Wer aber sind denn diese anderen? Blickt man nach Deutschland, so muss man sich mit folgenden Zahlen beschäftigen: Mindestens 100.000 Menschen sterben jedes Jahr am plötzlichen Herztod. Rund 400.000 Menschen werden jährlich im Straßenverkehr verletzt, etwa 65.000 Menschen davon schwer. Um die 10.000 Menschen sterben jedes Jahr infolge einer Grippe. 8 Mio. Menschen erleiden jährlich einen Unfall, der ärztlich behandelt werden muss (inklusive der zuvor erwähnten Verkehrsunfälle). Wer sind diese Menschen, die dies erleben? Das sind wir alle – zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit. Und welche Maßnahmen unternehmen wir, um uns vor diesen Gefahren zu schützen? Diese Frage möchte ich zunächst unbeantwortet lassen.
Wer etwa hat heute noch die epidemische Verbreitung des Erregers EHEC02im Gedächtnis, der in die schwerwiegende Krankheit HUS03
