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Während sich die Grenzen vieler Staaten schließen und Regierungen auf Abschottung setzen, sind weltweit immer mehr Menschen durch Kriege, Umweltzerstörung und staatliche Willkür zur Flucht gezwungen. Auch eine rigorose Grenzpolitik unterbindet Migration nie völlig – aber wo können flüchtende Menschen noch ankommen, wenn der Staat sie zum Problem erklärt? Eine Antwort findet sich in jenen Städten, die die praktische Unterstützung Geflüchteter und das solidarische Zusammenleben mit Migrant:innen zu ihrem Selbstverständnis gemacht haben – und sich damit aktiv gegen die nationale Politik ihrer Länder stellen. Sie helfen unabhängig von Herkunft oder Aufenthaltsstatus, entwickeln Ausweise für alle, die sich in der Stadt aufhalten wollen, unterstützen in juristischen Fragen, schützen vor polizeilicher Willkür. Städte dieser Art finden sich auf fast allen Kontinenten, sie heißen Sichere Häfen, Sanctuary Cities oder Città dell'accoglienza. Volker Heins hat in Chicago, Kampala, Sheffield und Palermo, in Bremen, Berlin und Zürich recherchiert: Wie wirkt sich das Schutzversprechen für Menschen ohne Aufenthaltsstatus konkret aus? Ist das Selbstverständnis der Städte von Dauer oder bloße moralische Aufwallung, entsteht hier gar ein neuer Begriff urbaner Freiheit? Und was passiert, wenn Städte direkt vom Staat angegriffen werden – wie man zuletzt in den USA beobachten konnte, wo Donald Trump den Kampf gegen Sanctuary Cities zur Priorität erklärte? »Volker Heins macht aus der Fluchtfrage eine präzise Diagnose unserer Gegenwart: Was, wenn immer mehr fliehen und immer weniger wissen, wohin? Pointiert, klug und erzählerisch verdichtet schildert er die sozialen Kämpfe für Sichere Häfen und warum es sich lohnt, eine pessimistische Zeitdiagnose mit einem neuen, radikalen Begriff von Hoffnung zu verbinden.« Naika Foroutan
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Seitenzahl: 279
Veröffentlichungsjahr: 2026
VOLKER M. HEINS ist Sozialwissenschaftler und Autor. Er lehrte an der Universität Duisburg-Essen und zuvor in Frankfurt am Main, Montreal und Jerusalem. Er ist Mitbegründer der Academy in Exile und engagiert sich unter anderem im Bellevue di Monaco, einem Kulturzentrum für geflüchtete Menschen und ihre Verbündeten in München. Sein Buch Offene Grenzen für alle. Eine notwendige Utopie (Hoffmann & Campe 2021) wurde für den NDR-Sachbuchpreis 2021 nominiert. Jüngste Buchveröffentlichung (mit Frank Wolff): Hinter Mauern. Geschlossene Grenzen als Gefahr für die offene Gesellschaft (Suhrkamp 2023). Volker Heins lebt bei München.
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© Edition Nautilus 2026
Erstausgabe März 2026
Umschlaggestaltung: Maja Bechert
www.majabechert.de
Satz: Corinna Theis-Hammad
www.cth-buchdesign.de
Porträt des Autors auf S. 2: © privat
Alle anderen Fotos: © Volker M. Heins
1. Auflage
ePub ISBN 978-3-96054-496-8
Einleitung
Flucht und Zuflucht • Von Ländern zu Städten und zur Urbanität • Aufbau des Buches
1 — Begriffsklärungen: Zuflucht, Sanctuary, Asyl, Exil, Bleibekämpfe
Locus sacer und Sanctuary • Der Staat als Sicherer Hafen und Fluchtursache • Erste Kippfigur: Asyl/Exil • Zweite Kippfigur: Flüchtling/Migrant:in • Bleibekämpfe • Zwei Arten von Widerstand
2 — Das Recht auf Stadt für alle: Chicago und die amerikanische Sanctuary City
Zahlen und Kategorien • »Was für eine Sorte Amerikaner seid ihr?« • Quasimodo in Zentralamerika • Verlassene Taxis im Schnee • Der Fall Elvira Arellano • Das Coming-out der irregulären Jugend • Die moralische Ordnung der Stadt • Keine Ausnahmen • »Una lógica canibal« • Schlaflos in Xicágo • »Der Herr hier bin ich«
3 — Verengung der Kampfzone: Elemente einer europäischen Willkommensstadt
Sheffield: Die longue durée einer »radikalen Stadt« • Infrastrukturen der Solidarität in Palermo • Cheikh: »La vita è lotta« • Moussa: Die Freiheit in den Herzen • Bleibekämpfe der Sans-Papiers in Zürich • Arm, aber freundlich: Wege aus der Papierlosigkeit in Bremen • Arm, aber gesund: Gesundheitsschutz für Nicht-Versicherte in Berlin • Die offene Stadt und ihre Feinde
4 — Flucht und Zuflucht in Ostafrika: »Kampala for All«
Arm, aber offen: Ugandas Image • Offene Grenzen und autoritärer Staat: ein Paradox? • Die Stadt als Zuflucht • Ibrahim: »I feel free« • Ezra: »Kampala is my home … for now« • Nyamal: »They are short, we are tall« • Hanad: »I have no future« • Taktischer Kosmopolitismus • »The people are good«
5 — Schluss: Hoffnung ist eine erneuerbare Energie
Dank
Anmerkungen
Literatur
»Alles, was die Menschen wollten, war ein friedliches
Nest, in dem sie ohne Angst leben konnten.«
Jecheskiel Kotik (1847–1921), Mayne zikhroynes (Meine Erinnerungen), über die Opfer eines antijüdischen Pogroms im April 1881 in Kiew
»Wir sind wie Ameisen. Sobald es Ärger gibt, laufen wir davon, an einen sicheren Ort.«
Ein Angehöriger der Mon, einer ethnischen Minderheit in Burma, auf der Flucht nach Thailand 1995.
Zit. in: James C. Scott, The Art of Not Being Governed
Die jüngsten Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, die Normalisierung eines neuen Faschismus, der Niedergang des Wirtschaftsstandorts, das Verblassen des europäischen Traums, das Gefühl, dauerhaft schlecht regiert zu werden – die Unsicherheit in der Gesellschaft ist groß. Die Welt fühlt sich eng und klaustrophobisch an. »Vielleicht sollte man einfach abhauen«, sagt eine Freundin, »irgendwo anders weitermachen oder was Neues anfangen.« In meinem privaten Umfeld bin ich in letzter Zeit öfter Zeuge solcher Bemerkungen geworden, die zum Anlass für vielleicht nicht ganz ernst gemeinte, aber doch überraschend intensive Gespräche geworden sind. Ein reizvolles Gedankenexperiment, das immer in dieselbe Frage mündet: Weggehen ja, vielleicht, aber wohin? Wenn wir in die Geschichte zurückblicken, lag die Antwort zumindest für weiße Europäer:innen lange Zeit auf der Hand: Nach Amerika! So haben es Vorfahren von mir gemacht und mit ihnen Millionen anderer aus Deutschland, Irland, Griechenland, Italien oder Osteuropa.
Noch vor ungefähr fünfzig Jahren bezeichnete der in Berlin geborene Wirtschaftssoziologe Albert Hirschman, der selbst vor den Nazis fliehen musste, die Vereinigten Staaten als das Land, in das man sich immer noch hinüberretten könne, wenn alle Stricke reißen und in Europa die große Angst umgeht. Amerika sei »das ›Land der letzten Zuflucht‹«, etwa so wie Zentralbanken die Kreditgeber der letzten Instanz seien, wenn alle anderen Optionen ausgeschöpft sind.1 Nicht umsonst käme in diesem Land, in das so viele auswandern, kaum jemand auf den Gedanken, selbst auswandern zu wollen, meinte Hirschman.
Das hat sich spätestens seit Donald Trump und seinem Regime geändert. Der amerikanische Schriftsteller Richard Ford erwog bereits während der ersten Präsidentschaft Trumps, die Koffer zu packen und das Land zu verlassen. Ist es an der Zeit, fragte er, »aus Amerika abzuhauen?« Er überlegte: »Aber wohin genau? Nach Europa? Na toll.«2 Seit der Wiederwahl Trumps im November 2024 werden die Fragen lauter und die Ratlosigkeit größer. Immer häufiger spielen vor allem junge Amerikaner:innen mit Auswanderungsgedanken und suchen im Internet nach Rat.3 Man fühlt sich wie gefangen in einem brennenden Tesla, sagte mir neulich jemand in den USA. Vor den jüngsten Präsidentschaftswahlen ergab eine Umfrage unter 18- bis 30-jährigen, der Gen Z, dass fast die Hälfte das Gefühl haben, in einem »sterbenden Imperium« zu leben, »das von üblen Leuten regiert wird«.4 An der Peripherie des Imperiums sieht es nicht besser aus. So meldet ein Meinungsforschungsinstitut in Israel im Herbst 2024, dass ein Viertel der Bürger:innen darüber nachdenkt, wegen des permanenten Krieges an mehreren Fronten das einst Gelobte Land zu verlassen.5 Hier drängt sich dann in einem besonderen Maße die wiederkehrende Frage auf: Wohin?
Man könnte einwenden, dass die Frage nach dem »Wohin« ein Luxusproblem relativ privilegierter Menschen darstellt. Ein Luxusproblem von Leuten, die zur Übertreibung neigen und außerdem über Ressourcen und Pässe verfügen, von denen man vermuten darf, dass sie ihnen im Ernstfall zahlreiche Tore und Grenzübergänge aufschließen würden. Aber vielleicht können die Gedankenspiele auch dazu dienen, eine mentale Brücke zu Menschen zu bilden, die sie für sich beantwortet haben, die nach Deutschland oder ein Nachbarland geflohen sind und jetzt vor den Einheimischen Angst haben. »In jüngerer Zeit denke ich immer wieder darüber nach, wegzuziehen, aber ich wüsste nicht wohin«, sagt Arif, ein Bekannter von mir, der vor Jahren als Schutzsuchender aus Afghanistan nach München kam.6 Und dann gibt es noch die, die gar nicht die Wahl haben zu fliehen, egal, ob es woanders tatsächlich besser ist und egal, wie dreckig es ihnen geht an dem Ort, an dem sie festsitzen. »Wo sollen wir denn nur hingehen?«, klagte eine verzweifelte Frau im Juli 2025 im vollständig ausgebombten Gazastreifen, stellvertretend für Millionen von Unfreien auf der Erde.7
Bereits der schottische Philosoph David Hume schrieb im 18. Jahrhundert gegen seinen englischen Vorläufer John Locke, niemand könne behaupten, dass ein armer Bauer oder Handwerker die Möglichkeit habe, sein Land einfach zu verlassen, wenn er in Not sei oder bedroht werde. Diese Option gebe es nicht für bedrängte Menschen ohne Geld, Wissen und Kontakte.8
Ohne Geld, Wissen und Kontakte bleibt nur die elementare Kraft zur Flucht, die ganz tief aus dem Bauch kommt und aus größter Not geboren wird. Einer der Sätze, die ich mir ganz am Anfang der Überlegungen zu diesem Buch notiert hatte, stammt von der Germanistin und Schriftstellerin Ruth Klüger, die kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs während eines Todesmarsches gemeinsam mit anderen Frauen aus dem Konzentrationslager Christianstadt im heutigen Polen entkam: »Denn die Flucht war das Schönste, damals und immer noch.«9 Der Gedanke an Flucht keimte in ihr ohne eine klare Idee vom Ziel dieser Flucht. »Die Frage war nicht so sehr, wohin, das war nicht mein Anliegen. Freiheit bedeutete weg von. Weg von dem tödlichen Marsch, von den vielen Menschen, von der ständigen Bedrohung.«10 Mit der Flucht gewannen die junge Ruth und ihre Gefährtinnen einen »Spielraum der Vogelfreiheit«.11 Anders als für Hannah Arendt, die den Begriff ebenfalls, aber abschätzig verwendet, ist Vogelfreiheit für Klüger eine echte, wenngleich rohe Form der Freiheit.12 Adrenalin, schreibt sie, war während der Flucht wichtiger als ein durchdachter Plan. Ja, die Flucht mag für Klüger »das Schönste« gewesen sein, und doch: Keine Flucht gelingt ohne sicheren Zufluchtsort, ohne Refugium und Asyl. Bei Klüger trugen diese Orte Namen wie Straubing, Göttingen oder Irvine.
Dieses Buch handelt von anderen Städten der Zuflucht und des Asyls, die heute von zahllosen Menschen genannt werden, wenn man sie fragt: »Wohin?« Es handelt zudem von den Kämpfen von Eingewanderten, die in den Städten, in denen sie ein neues Leben gefunden haben, bleiben wollen, auch wenn viele Politiker:innen sie lieber heute als morgen abschieben würden. Kurz: Es geht um die rohe Freiheit, wegzugehen ebenso wie um die zivile Freiheit, zu bleiben, wo man sich eingerichtet hat. Beide Freiheiten hängen miteinander zusammen, beide sind in Gefahr.
Die Freiheit, wegzugehen, wird dadurch bedroht, dass die Fluchtwege abgeschnitten werden. Nicht für Leute mit europäischen, nordamerikanischen oder anderen Premium-Pässen, die sich aussuchen können, wo sie leben wollen. Wohl aber für die globale Mehrheitsgesellschaft, deren Bewegungsradius durch das weltweite Visaregime, restriktive Einwanderungsregeln, pauschale Einreiseverbote für Angehörige ganzer Länder, militarisierte Grenzregimes und die schleichende Aushöhlung des Asylrechts zunehmend eingeschränkt wird. Für sie ist buchstäbliche Ausweglosigkeit das Signum unserer Zeit.
Neben dem Abschneiden der Fluchtwege und damit der Einschränkung der Bewegungsfreiheit – Maßnahmen, die der rohen Freiheit der zur Flucht Entschlossenen erst recht Gewicht verleihen – beobachten wir einen wachsenden Druck auf das Bleiberecht derjenigen, die erfolgreich in die Europäische Union oder die USA geflohen sind. Keine Schutzsuchenden sollen mehr rein, und die, die schon drinnen sind, sollen wieder raus. Wohin abgeschoben wird, scheint zunehmend egal zu sein. Aber auch wer genau abgeschoben werden soll, bleibt oft unklar. Die »Kriminellen« und »Gefährder«, hieß es lange Zeit. Dann wurde gefordert, dass ausdrücklich »auch nicht-straffällige syrische und afghanische Flüchtlinge«,13 die in Deutschland leben, in ihre Herkunftsländer oder anderswo hin abgeschoben werden sollen. Und alle anderen gleich mit. Im Laufe des Jahres 2024 war plötzlich die Rede von Hunderttausenden oder gar Millionen, von denen es hieß: Die können weg.14
Allerdings üben Regierung und Mehrheitsgesellschaft eines Landes nicht etwa gleichmäßig Druck auf die Eingewanderten, auf Menschen mit tatsächlichem oder vermeintlichem Migrationshintergrund aus. Vielmehr variiert der Druck von Stadt zu Stadt, von Region zu Region, auch innerhalb desselben Landes. Für das heutige Deutschland hat man nachgewiesen, dass Menschen in Großstädten, und hier besonders in westdeutschen Großstädten, im Durchschnitt eine positivere Einstellung gegenüber globaler Einwanderung, Fluchtmigration und wachsender soziokultureller Diversität haben als Menschen in kleineren Gemeinden und im östlichen Teil des Landes.15 Wenn also in der Frage der Haltung zu Flucht und Migration von einer äußerst heterogenen Lage innerhalb einer Gesellschaft ausgegangen werden kann, liegt es nahe, Analysen nicht auf die Ebene des Staates oder der Regierung zu beschränken, sondern sich stattdessen stärker mit Städten und Gemeinden zu beschäftigen.
Seit Jahren öffnet sich eine Kluft zwischen der wachsenden Zahl von Menschen, die durch endlose Kriege, tyrannische Regierungen, den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung oder die Zerstörung von Ökosystemen in Bedrängnis geraten, und der schwindenden Zahl von Ländern, die bereit sind, Schutzsuchende und Heimatlose aufzunehmen und ihnen ein Bleiberecht zu gewähren. Wer fliehen will, sieht sich mit einer dramatischen, politisch gewollten Verknappung sicherer Zufluchtsorte auf der Welt konfrontiert.
Was wird die Folge dieser Entwicklung sein? Eine Informalisierung der Migration, mehr unerlaubte Grenzübertritte und mehr Menschen, die ich im Folgenden papierlos nenne, sans papiers: Menschen ohne staatliche Einreise- und Aufenthaltsgenehmigung, das heißt Menschen, die einfach hier sind, häufig, ohne willkommen zu sein. Oder sind sie es doch? Meine Ausgangsüberlegung ist, dass der Fokus auf ganze »Länder« und ihre durchschnittliche Aufnahmebereitschaft von Geflüchteten und Einwandernden fragwürdig ist. Er verstellt nämlich den Blick auf den Eigensinn von Städten und Kommunen. Manche Städte, denken wir an die Hansestädte entlang von Nord- und Ostseeküste, sind sogar älter als die Staaten, zu denen sie heute gehören, und ziehen ihr Selbstbewusstsein teilweise aus ganz anderen Quellen als der Idee der Nation. Nicht alle, aber doch manche Städte sind offener gegenüber Einwanderung als das Land, in dem sie sich befinden. Wien tickt anders als das übrige Österreich, Frankfurt am Main wehrt sich gegen die Abschiebung von Jugendlichen, die in der Stadt zur Schule gehen, und auch in Houston ist die große Mehrheit der Stadtbevölkerung, anders als die Mehrheit der Texaner:innen, gegen die Abschiebungsrazzien des Trump-Regimes.16
Verabschieden wir uns also von der Fiktion nationaler Homogenität und richten unsere Aufmerksamkeit stattdessen auf lokale Heterogenität. Die britische Migrationsforscherin Sarah Spencer hat von der »Postleitzahlen-Lotterie« gesprochen, von der es abhängt, welche Rechte unbegleitete minderjährige Geflüchtete in Europa haben.17 Diese Aussage gilt für alle Geflüchteten innerhalb eines Landes, deren Situation zu einem guten Teil davon abhängt, in welche Stadt oder Gemeinde es sie verschlägt.
Ich konzentriere mich in diesem Buch auf eine Reihe von Städten, die in dem Ruf stehen oder von sich selbst behaupten, weltoffen zu sein. Mich interessiert sowohl die Politik dieser Städte als auch die Politik, die in diesen Städten von Kräften gemacht wird, die die städtische Migrationsgesellschaft gegen die restriktive Grenzschutz- und Abschiebepolitik des jeweiligen Staates verteidigen. Damit unterstelle ich keineswegs, dass Städte als solche und automatisch aufgeschlossener gegenüber Migrant:innen sind als ländliche Gemeinden.18 Dass das falsch wäre, lehrt bereits ein Blick auf die Liste der 320 »Sicheren Häfen« (Stand: Ende Oktober 2025) in Deutschland, die vom Netzwerk Seebrücke regelmäßig aktualisiert wird. Orte mit Namen wie Grünkraut, Egelsbach, Datteln oder Bruchhausen-Vilsen erfüllen demnach mehr Forderungen der Seebrücke und stehen damit besser da als Stuttgart oder Hamburg.19 Das Dorf Hebertshausen im oberbayerischen Landkreis Dachau ist von der Stiftung PRO ASYL sogar mit dem Menschenrechtspreis 2025 ausgezeichnet worden.
Ich teile daher nur mit Einschränkungen die Ansicht der älteren Stadtsoziologie, die die moderne Stadt mit Urbanität und Weltoffenheit gleichsetzte und besonders die amerikanische Großstadt als Schmelztiegel und Magneten der Migration feierte. Trotz aller Konflikte galt die Stadt den Soziologen als toleranter und offener gegenüber Neuankömmlingen als das Land, gerade auch gegenüber solchen, die »anders« sind. »Die kleine Gemeinschaft«, schreibt der Chicagoer Soziologe Robert Park im Jahr 1915, »toleriert oft das Exzentrische. Die Stadt dagegen belohnt es.«20 Einige Jahrzehnte später fügt der deutsche Soziologe Hans Paul Bahrdt hinzu, dass die »Lebendigkeit« der Städte sich der Tatsache verdanke, dass sie keine »geschlossenen Systeme« seien. Erst dadurch ermöglichten sie »jene Stadtluft, die auch heute noch frei macht«.21 Jüngere Autoren wie Erol Yildiz nehmen diesen Gedanken auf, indem sie die lebendige Stadt als »weltoffene Stadt« begreifen.22
Was jedoch ist der Gegensatz zur Stadt? Alle sind sich einig, dass der Gegensatz von Stadt und Land in vieler Hinsicht schwächer wird. Das gilt jedoch nicht für den Gegensatz von »Urbanität« und »Ruralität«, der nicht deckungsgleich ist mit dem Gegensatz von Stadt und Land. In seinem Klassiker Das Recht auf Stadt hat der marxistische Stadtsoziologe Henri Lefebvre in diesem Sinne von einer »Verschiebung des Gegensatzes und des Konflikts«23 gesprochen. An die Stelle des alten Gegensatzes von Stadt und Land tritt der neue Gegensatz zwischen dem Urbanen und dessen Gegenteil, das durchaus auch in Städten anzutreffen ist. Das Recht auf Stadt ist das Recht auf das urbane Leben, das heißt auf Individualität, Teilhabe, auf »Augenblicke und Orte«24 des sozialen Austauschs und der spontanen Begegnung – und zwar für alle. Ein Recht, das heute nicht mehr von der Idiotie des Landlebens, sondern von den anti-urbanen Tendenzen in der Stadtentwicklung bedroht wird: Gentrifizierung, Zersiedelung, Ghettoisierung, Gated Communities, defensive Architektur, polizeiliche Überwachung usw. Es kommt nicht darauf an, die Stadt gegen das Land zu verteidigen, sondern die »Stadt in den Dienst des Urbanen zu stellen«.25 Sichere Häfen sind Orte des Urbanen, die vor allem, aber nicht ausschließlich in Städten vorkommen.
Den Ausdruck »Sichere Häfen« verwende ich in diesem Buch in einem viel weiteren Sinne als er sonst im deutschsprachigen Raum gebraucht wird. Ich verwende ihn als Sammelbegriff für Städte der Zuflucht, die woanders Sanctuary Cities, Solidarity Cities oder Willkommensstädte genannt werden und die im 4. Buch Mose einfach Asylstädte heißen. Keiner dieser Begriffe ist irgendwo verbindlich definiert worden, alle sind umstritten und werden stetig diskutiert. Daher widme ich das erste Kapitel der Klärung einiger Begriffe und ihrer Verwendungsweisen.
Danach konzentriere ich mich auf eine Auswahl von Städten, die in dem Ruf stehen, Willkommensstädte für Schutzsuchende zu sein: Chicago, Sheffield, Palermo, Zürich, Berlin, Bremen und Kampala. Diese Städte sind exemplarisch und stehen stellvertretend für andere, die ich ebenso hätte wählen können: New York City statt Chicago, Hamburg statt Berlin, Liège statt Bremen oder Nairobi statt Kampala. Mein Anspruch war es, den Willkommenscharakter der ausgewählten Städte jenseits der Absichtserklärungen der Bürgermeister:innen und Gemeinderäte genauer unter die Lupe zu nehmen und dabei auch diejenigen, die willkommen geheißen werden sollen, selbst zu Wort kommen zu lassen.
Das zweite Kapitel widmet sich Chicago, einer Stadt, die wie andere Sanctuary Cities ihr Schutzversprechen ausdrücklich auch auf diejenigen ausdehnt, die keinen legalen Aufenthaltstitel haben (sofern sie nicht mit Haftbefehl gesucht werden). Bereits Lefebvre hat auf die besondere Stellung der Städte im Gesamtgefüge der Vereinigten Staaten, im Vergleich zum Beispiel zu einer Stadt innerhalb Frankreichs, hingewiesen. In den USA haben »die lokalen Gemeinden umfassendere rechtliche Garantien und weiter reichende Macht als in Frankreich, wo die monarchische Zentralisierung diese ›Freiheiten‹ schon früh angegriffen hat«.26 Beobachten wir jetzt eine Umkehr des historischen Trends und eine Ermächtigung des US-Präsidenten zum Premier eines autoritären Zentralstaates? Jedenfalls hat Trump der Stadt Chicago im Herbst 2025 buchstäblich den Krieg erklärt und sie neben New York, San Francisco und Los Angeles als Übungsgelände für das US-Militär bezeichnet.27
Wie immer dieser Konflikt um die amerikanische Demokratie ausgeht, es macht keinen Sinn, europäische Willkommensstädte im Vergleich zu den amerikanischen Sanctuary Cities als bloß defizitär zu betrachten. So kam es mir im dritten Kapitel darauf an, einzelne Städte – Sheffield und Palermo – und vorbildliche Projekte in anderen Städten – Zürich, Bremen und Berlin – aus sich selbst heraus zu verstehen, ohne schiefe Vergleiche. Die ausgewählten Städte, das heißt ihre Regierungen, die städtische Zivilgesellschaft oder beide, erheben den Anspruch, Flüchtende und andere Zugewanderte willkommen zu heißen und zu schützen, ungeachtet ihrer Herkunft und ihres Aufenthaltsstatus. Ich unterscheide dabei zwischen der einwanderungsfreundlichen Mentalität und den entsprechenden Infrastrukturen von Sicheren Häfen. Man könnte auch sagen: zwischen ihren moralisch-kulturellen und den materiell-rechtlichen Aspekten. Sind Flüchtende und Migrant:innen atmosphärisch willkommen oder haben sie darüber hinaus ein Recht auf Teilhabe an der Stadtgesellschaft?
Für das vierte Kapitel bin ich nach Kampala gereist, weil selbst ein kleines Buch zum Thema Sichere Häfen ohne die Berücksichtigung zumindest einer großen Stadt im globalen Süden unvollständig wäre. Sowenig sich die Erfahrung europäischer Städte mit der amerikanischer Sanctuary Cities umstandslos vergleichen lässt, sowenig kann Kampala, wo ebenfalls Hunderttausende von Geflüchteten ein prekäres Zuhause gefunden haben, mit Städten im globalen Norden verglichen werden. Alle vorgestellten Städte und Stadtgesellschaften unterscheiden sich deutlich in ihrer Entstehungsgeschichte und ihrem Habitus. Was sie gemeinsam haben, ist, dass sie mehr oder weniger erfolgreich Konzepte einer kommenden inklusiven Demokratie entwickeln und umzusetzen versuchen, die nicht nur ihre Bürger:innen, sondern alle Einwohner:innen einschließt: alle, die da sind.
Das letzte Kapitel kehrt zum Ausgangspunkt der Einleitung zurück und fragt, wie sich die beiden Gefahren der Hoffnungslosigkeit und der Ansteckung durch falsche Hoffnungen in einer zerrütteten Welt bannen lassen: in einer Welt, in der sich für viele die Frage nach ihrem Recht, zu bleiben und zu gehen, immer dringender stellt und immer schwieriger zu beantworten ist.
18. Straße, Pilsen, Chicago
Zuflucht, Sanctuary, Asyl, Exil, Bleibekämpfe
Wer überall zu Hause ist, hat gar kein Zuhause.1 Und wer kein Zuhause hat oder es verliert, sucht sich ein neues. Im privaten Leben können etwa Unglücke oder häusliche Gewalt einen Menschen dazu zwingen, sein Zuhause zu verlassen und woanders eine Unterkunft zu suchen, bei Verwandten, Freund:innen, in einem Frauenhaus oder einer Notunterkunft. Im nationalen und globalen Maßstab sind es Krieg, Verfolgung, Vertreibung oder Verarmung, die Menschen zur Flucht motivieren. Die Zuflucht, die die Flüchtenden suchen, hat dabei immer räumliche, soziale und zeitliche Aspekte. Sie bezeichnet einen sicheren geografischen Ort, eine gastfreundliche Person oder Gemeinschaft, und sie ist vorübergehend. Entweder wandern die Schutzsuchenden weiter, kehren in ihr ehemaliges Zuhause zurück, oder aber die Zuflucht wird selbst ihr neues Zuhause. Alle genannten Aspekte sind heute umkämpft. Die Politik in Europa diskutiert, ob Schutzsuchende »bei uns« oder in »sicheren Drittstaaten« untergebracht werden sollen. Sollen sie da leben, wo die Bereitschaft zur Aufnahme am größten ist, wo sie die Grenze zum Schengenraum übertreten haben, wo sie selbst hinwollen, oder sollen sie nach einem bestimmten Schlüssel über das ganze Territorium verteilt werden? Schließlich: Sollen sie so lange bleiben, wie sie selbst oder wie es die Schutzgewährenden für nötig halten?
Nicht alle Orte, die als sichere Zuflucht deklariert werden, verdienen diesen Namen. Denken wir an die imaginierten »außereuropäischen Schutzzentren«, in die rechtsradikale Parteien Flüchtende verfrachten möchten.2 Schon das Wort »Schutzzentren« erinnert an Schutzhaft und Lager und weckt böse Erinnerungen. Oder denken wir an die »safe zones«, die die israelische Armee während ihres jüngsten Krieges gegen die Hamas und die Bevölkerung im Gazastreifen geschaffen hat, in denen die dort konzentrierten Menschenmassen oftmals erneut bombardiert wurden.3 Letztlich können uns nur die jeweils Schutzsuchenden selbst sagen, ob ein Ort als sichere Zuflucht betrachtet werden kann.
Dass Zuflucht einen Ort bezeichnet, heißt nicht, dass dieser Ort fix wäre und sich auf einer Karte eintragen ließe. Er kann auch virtuell und mobil sein. Am Beispiel der Karen, einer ethnischen Minderheit im Osten Burmas, hat der Anthropologe James C. Scott gezeigt, dass es die Fähigkeit zur dauernden Mobilität selbst ist, die es dieser bedrohten Bevölkerungsgruppe erlaubt, sich dem mörderischen Zugriff der herrschenden Militärregierung zu entziehen. Man kann Zuflucht an einem festen geografischen Ort finden oder aber in der Bewegung selbst.4 Diese physische Bewegung, im Falle der Karen stromaufwärts und in die Berge, wo die Macht des Staates nicht hinreicht, ist eine Bewegung des kollektiven »Selbstschutzes«.5 Die Zugänge zu den Bergen und Wäldern stehen immer offen und bedürfen keiner Großzügigkeit durch andere, doch in unseren postnomadischen Gesellschaften ist diese Flucht nicht länger realistisch. Dadurch verändert die soziale Dimension ihren Charakter. Solidaritätsnetzwerke und Infrastrukturen der Zuflucht, die von Flüchtenden genutzt werden, während sie unterwegs sind, gewinnen an Bedeutung: mobile Formen der Rechtsberatung, des emotionalen Zuspruchs, der finanziellen Hilfe durch Spenden oder der logistischen Unterstützung auf riskanten Fluchtwegen.6
Menschen sind in der Geschichte immer wieder geflüchtet, um an anderen Orten Schutz und Zuflucht zu suchen. Moses führte die Israeliten in das Gelobte Land, Josef floh mit Maria und dem kleinen Jesus nach Ägypten, weil Herodes das neugeborene Kind töten wollte, und Mohammed musste mit einer kleinen Schar von Getreuen von Mekka nach Medina fliehen. Im Alten Testament gibt es den Begriff der Asylstadt, die für Menschen gedacht war, die versehentlich jemanden getötet hatten und vor der drohenden Rache der Hinterbliebenen fliehen mussten. »Die Gemeinde soll den, der getötet hat, vor der Gewalt des Bluträchers retten« und ihn in einer »Asylstadt« unterbringen.7 Im schroffen Gegensatz zu heute war der sichere Zufluchtsort nicht für unschuldige Opfer gedacht, sondern für flüchtige Kriminelle.
Dieser Grundgedanke eines Schutzraums für Sünder und Missetäter wird von der Antike bis ins Mittelalter bewahrt und weiterentwickelt. So kannten die Griechen das Institut des Tempelasyls. Der Tempel definierte einen sakralen Bereich, der für weltliche Mächte unantastbar war und daher jedem Menschen Sicherheit bot, der sich in ihm aufhielt. Der Gedanke eines heiligen Ortes, locus sacer oder sanctuarium, an dem auch Verbrecher Schutz vor grausamen Strafen, der Rachsucht ihrer Opfer oder deren Angehöriger finden können, fand ebenfalls Eingang in die Tradition des römischen Rechts sowie des Kirchenrechts. Die Gewährung einer Zuflucht sollte den Täter zur Besinnung bringen, einen Raum für Reue schaffen und Priester in die Lage versetzen, als Vermittler zwischen Opfer und Täter einzuspringen. Das Kirchenasyl war ein Safe Space für Verfolgte in einer chaotischen, gewalttätigen Gesellschaft ohne jegliche Rechtssicherheit. Die ursprüngliche Form des Asyls entstand in dem Augenblick, als die Unantastbarkeit des heiligen Orts auf die schutzsuchende Person überging.
Erst im 16. Jahrhundert stellten Könige, Parlamente und Päpste diese Institution eines von der übrigen Gesellschaft abgetrennten und der weltlichen Macht enthobenen Schutzraums in Frage. Sowohl unter säkularen wie kirchlichen Rechtsgelehrten mehrten sich die Kontroversen darüber, ob nicht bestimmte Kategorien von Delinquenten – Mörder, Straßenräuber, Entführer von Jungfrauen – vom Asyl ausgeschlossen werden sollten. Schließlich wurde die Idee des Kirchenasyls grundsätzlich zugunsten einer umfassenden Strafgewalt des souveränen Staates verworfen. Aufklärer wie der Strafrechtsreformer Cesare Beccaria argumentierten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, dass niemand der weltlichen Rechtsprechung entgehen dürfe, da ansonsten der Staat in viele kleine autonome Machtzentren zerfalle. Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg erinnerte man sich dann daran, dass in einer barbarischen Gesellschaft das mittelalterliche Kirchenasyl ein möglicherweise notwendiges Gegengewicht bildete. Das nichtstaatliche Asyl ist immer da notwendig, wo der Staat korrumpiert ist und »weder der allgemeine Frieden noch der Schutz des Individuums gewährleistet« sind, so der Rechtshistoriker Gabriel Le Bras in einem 1930 erschienenen Lexikon der Kirchengeschichte unter dem Stichwort »Asyl«.8
Heute ist das Kirchenasyl nur noch ein Schatten seiner früheren mächtigen Gestalt. Aber gelegentlich bietet diese Form des Asyls immer noch einzelnen Personen, manchmal auch Familien mit Kindern, physischen und moralischen Schutz. Mit der Verschärfung der Asylpolitik nimmt die Nachfrage nach Kirchenasyl zu. In Deutschland gab es in den vergangenen Jahren meist mehr als 2.000 Fälle von Personen im Kirchenasyl pro Jahr, die als sogenannte Härtefälle dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gemeldet werden. Die meisten Fälle verzeichnete Bremen. Zu gewaltsamen Kirchenasylräumungen kam es seit 2023 im gesamten Bundesgebiet nur in etwa zehn Fällen. Im Dezember 2024 scheiterte der Versuch der nächtlichen Festnahme eines Somaliers in der evangelischen Zionskirche in Bremen. Der Pastor und weitere hundert bis zweihundert Menschen aus der Umgebung, die über eine Notfalltelefonliste mobilisiert wurden, hatten sich der anrückenden Polizei entgegengestellt. Der Pastor hatte zudem veranlasst, ab morgens um vier Uhr für einige Stunden die Glocken läuten zu lassen, um die Gemeinde zu alarmieren. Dies ist ein spektakulärer Einzelfall, der jedoch zeigt, dass das Kirchenasyl noch immer eine Realität ist, die von Teilen der Gesellschaft zäh verteidigt wird.
Diese knappen Notizen sind notwendig, weil sie die historischen Referenzpunkte markieren, an denen sich bis heute soziale Bewegungen orientieren, die für Sichere Häfen streiten. Zugleich rufen diese historischen Bezüge nach einer dekolonialen Kontextualisierung, die an die verschütteten Traditionen der Gewährung von Schutz erinnert, die außerhalb Europas und abseits christlicher Traditionen verbreitet waren. Beispiele sind die Zufluchtsregionen (regiones de refugio) indigener Gemeinschaften im kolonialen Amerika, die es ihnen erlaubten, sich in schwer zugänglichen Landschaften der kolonialen Herrschaft zu entziehen, oft gemeinsam mit geflüchteten afrikanischen Sklav:innen. Oder die Zufluchtsstädte, die nach dem Aufstand der Pueblo-Indigenen im Jahre 1680 gegen die spanische Kolonialherrschaft in der damaligen Provinz Santa Fe de Nuevo México (im Südwesten der heutigen USA) entstanden.9 Flucht und Zuflucht sind universelle Phänomene, die es lange vor dem modernen Asylrecht gab und die auch dessen bevorstehenden Tod überleben werden.
Mit dem modernen Nationalstaat verändert sich das Verhältnis zwischen Individuen und politischer Macht. Der Staat selbst ist es jetzt, der beansprucht, auf seinem Territorium Schutz und Sicherheit zu gewähren und dafür nichts weiter verlangt als Gehorsam. Das Verhältnis von Souveränität, Asyl und Strafe wird grundlegend neu konfiguriert. Niemand darf das Gesetz in die eigene Hand nehmen, und niemand soll sich dem System der staatlichen Strafjustiz entziehen dürfen. Asyl gibt es nur noch für Unschuldige und die Opfer von Gewalt und Verfolgung – besonders für die Opfer der eigenen Feinde. Der Staat sieht sich als Zuflucht und Safe Space, allerdings im Normalfall – und das ist der Haken – nur für die eigenen Bürger:innen. Alle anderen, die sich auf seinem Territorium aufhalten, sind, je nach Pass, Herkunft und Staatsbürgerschaft, entweder als Gäste willkommen oder nicht, dürfen Asyl beantragen oder nicht, dürfen legal einreisen oder nicht. Ganz unten in dieser Hierarchie stehen die Menschen ohne jegliche Aufenthaltsgenehmigung: nichtautorisierte Migrant:innen, Sans-Papiers, Illegalisierte. Die Illegalisierten wiederum existieren nur körperlich, ohne dass ihre körperliche Präsenz in dem Land, in dem sie leben, durch einen Rechtstitel beglaubigt und vor der Gewalt der Abschiebung geschützt würde.
So ist der moderne Nationalstaat auch dann, wenn er sich demokratisch nennt, ein höchst ambivalenter un/safe space. Die USA bilden ihrer klassischen ideologischen Selbstwahrnehmung zufolge eine Ausnahme, weil sie offen sein wollten für alle Mühseligen und Beladenen der Welt, wie die Freiheitsstatue im New Yorker Hafen verkündet. Jeder Neuankömmling war Bürger oder Bürgerin im Wartestand, voller Hoffnung auf die zügige Erfüllung des »amerikanischen Traums«. Nicht erst die jüngeren Entwicklungen unter Trump haben die Legende der Vereinigten Staaten als einer globalen Ausnahmeerscheinung gründlich entzaubert und gezeigt, dass auch die USA ein ganz gewöhnlicher Nationalstaat sind. Schutz und Rechtssicherheit gibt es bestenfalls für Staatsangehörige, keineswegs jedoch für alle Menschen, die auf amerikanischem Territorium leben.
Gänzlich sicher können sich selbst die Staatsangehörigen nicht fühlen, da der Staat immer wieder Minderheiten ausfindig macht, die er von seinem umfänglichen Schutzversprechen ausnehmen kann. Besonders angesichts des modernen Rassismus, den Staat und Nation in den USA und anderswo kultivieren, geraten manche Bevölkerungsgruppen unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit immer wieder in Lebensgefahr. Der Rassismus zielt auf die »Reinigung« des Territoriums von den »Anderen« ab, die als nicht-integrierbar und gefährlich markiert werden. Das sogenannte Volk soll vor Vermischung, illegaler Einwanderung und »Überfremdung« geschützt werden. Der rassistische Staat stellt auf diese Weise die »eigene« Bevölkerung gleichsam unter administrativen Artenschutz, indem er die koloniale Idee des Reservats aufnimmt und umkehrt. Während Reservate für Ureinwohner (und Wildtiere) in Siedlerkolonien wie den USA, Südafrika und anderen den Zweck hatten, die Reste einer einheimischen Bevölkerung festzusetzen, zu kontrollieren und vor weiterer Dezimierung zu schützen, verspricht der rassistische Staat den Schutz einer Bevölkerung, die sich einbildet, ein Herrenvolk zu sein, vor Gefahren, die ebenfalls nur eingebildet sind. Auch der »Lebensraum« der Nazis war nichts anderes als eine Art selbstgeschaffenes Fünf-Sterne-Reservat für Weiße.10
Der rassistische Staat, der uns in immer neuen Varianten begegnet, akzeptiert keine internationalen Flüchtenden, produziert sie aber massenhaft. Auf genau diese Situation reagiert nach dem Zweiten Weltkrieg die Genfer Flüchtlingskonvention. Etwas zugespitzt kann man sagen, dass die Flüchtlingskonvention zwar auch Flüchtende schützen wollte, in erster Linie aber dem Schutz der Staatenordnung diente.11 Diese Ordnung beruht darauf, dass die Erdoberfläche außerhalb der internationalen Gewässer vollständig zwischen nominell souveränen Staaten aufgeteilt wird, und dass jeder Mensch Bürger:in mindestens eines dieser Staaten ist. Es soll weder staatenlose Territorien noch staatenlose Individuen geben. Die Souveränität der Staaten bei gleichzeitigem Interventionsverbot der übrigen Staatengemeinschaft führt allerdings dazu, dass tyrannische Regierungen einzelne Personen oder ganze Gruppen der eigenen Bevölkerung entrechten und verfolgen können, ohne dass die Verfolgten eine Garantie haben, in einem anderen Land aufgenommen zu werden. Denn alle anderen Staaten sind ebenfalls souverän und dürfen ihre Grenzen für Nicht-Bürger:innen schließen. Die enormen Machtungleichgewichte zwischen den Staaten und transnationale Kräfte wie wirtschaftliche Ausbeutung, Rüstungsexporte und Waffenhandel, westliche Sanktionen, Landraub und die Folgen des Klimawandels verschärfen diese Situation noch einmal dramatisch. Der internationale Flüchtlingsschutz, dessen Niedergang wir gegenwärtig erleben, war gedacht als ein Mittel, die Widersprüche der Staatenordnung abzumildern und besser zu verwalten. Dies ist nur sehr unzureichend gelungen.
Eine kooperative Staatenordnung, die den Schutz von Flüchtenden tatsächlich gewährleisten würde, kann nur auf zwei Wegen zustande kommen. Entweder man schafft das Interventionsverbot ab, das sich aus der souveränen Gleichheit aller Staaten der Erde ergibt, und sorgt für die Achtung der Menschenrechte in jedem Staat der Welt, so dass, utopisch gesprochen, niemand mehr verfolgt oder seiner Lebensgrundlagen beraubt wird. Das war die Idee älterer Konzepte aus den 1990er Jahren, wie das einer Internationalen Schutzverantwortung (»Responsibility to Protect«) der mächtigsten Staaten, vor allem der USA, für den Rest der Welt. Diese veraltete Idee einer Weltpolizei ist schon deshalb illusorisch, weil die bestehenden, selbst bereits angeschlagenen Demokratien des sogenannten Westens weder den Willen noch die Macht haben, in anderen Staaten für die Einhaltung der Menschenrechte zu sorgen. Hinzu kommt, dass die Menschenrechte auch im Westen unter Beschuss stehen.
Eine zweite Option wäre, sichere Fluchtwege in liberale Rechtsstaaten zu schaffen und damit die souveräne Kontrolle dieser Staaten über ihre Grenzen einzuschränken. Eine solche Entmilitarisierung und Öffnung der Grenzregimes in liberalen Staaten wäre sehr wohl machbar, scheitert aber bis auf Weiteres am politischen Willen und den Mehrheitsverhältnissen in diesen Staaten. Allerdings gibt es durchaus beachtliche Anstrengungen, Städte und Gemeinden in Sichere Häfen zu verwandeln, das heißt in Orte für jene Menschen, die entweder noch auf der Flucht sind oder befestigte Grenzen überwunden haben und nun den Anspruch geltend machen, bleiben zu dürfen. Die Alternative zu Sicheren Häfen ist die Vermehrung der Lager, der lagerartigen Slums und Haftanstalten für die Verfemten.
Zuflucht ist der Oberbegriff für engere, rechtlich gefasste Formen des Asyls und des Exils. Zuflucht kann man zur Not in der eigenen Nachbarschaft finden, während Asyl und Exil immer in der Fremde und außerhalb des Herrschaftsbereichs gesucht werden, in dem man verfolgt wird, von Krieg oder Katastrophe bedroht ist. In der Genfer Flüchtlingskonvention wird die Person des »Flüchtlings« ausdrücklich dadurch definiert, dass sie sich wegen »der begründeten Furcht vor Verfolgung … außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt«.12
