Sie ist unschuldig, mein Zar - Karin Burschik - E-Book

Sie ist unschuldig, mein Zar E-Book

Karin Burschik

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Beschreibung

Dieser historische Roman entführt Sie nach St. Petersburg ins 19. Jahrhundert, der Regierungszeit von Zar Alexander II, der auch der "Befreier-Zar" genannt wurde. Eine spannungsreiche Zeit historischer Umbrüche, und spannungsreich sind auch die Ereignisse um Olga Nikolajewna. Himmel und Hölle setzt sie in Bewegung, um die Unschuld einer Mitgefangenen zu beweisen: Sonja Michailowna - vorgeblich eine Giftmörderin, in Wirklichkeit eine der edelsten und reinsten Menschen, denen Olga je begegnet ist. Bei ihrem Versuch, sie vor der mörderischen Deportation nach Sibirien zu bewahren, gerät Olga in die Fänge der Geheimpolizei und wird schließlich sogar verdächtigt, sich an einem Attentat auf den Zaren beteiligt zu haben. Ein opulentes Werk im Spannungsfeld zwischen klirrend kalten Wintern und der leidenschaftlichen Glut der Menschen; zwischen einem zurückhaltenden Preußen und einer überbordend herzlichen Russin; zwischen unbarmherzigen Schicksalen und höherer Gerechtigkeit, durch die am Ende doch noch alles gut werden kann.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Karin Burschik

Sie ist unschuldig, mein Zar

Historischer Roman

© 2021 Karin Burschik

Coverfoto: Peter Herrmann, Leverkusen

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

Paperback: 978-3-347-26532-5

Hardcover: 978-3-347-26533-2

E-Book: 978-3-347-26534-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheber-rechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zu-stimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbrei-tung und öffentliche Zugänglichmachung.

1

Nun war es also doch passiert: Olga musste ins Loch. Dreißig Tage lang.

Die drei Tage, die sie von Zeit zu Zeit hatte absitzen müssen, waren hart genug gewesen. Nach einer Woche kamen manche mit erloschenen Augen zurück oder irre im Verstand, gebrochen für den Rest ihres Lebens. Und nun sollte Olga einen ganzen Monat eingekerkert werden. Dreißig Tage allein in der Dunkelheit. Und wenn Väterchen Frost erst zuschlug …

Olga starrte auf die Umrisse des Blecheimers mit dem Holzdeckel und auf die helle Fläche daneben – eine Strohmatratze auf dem nackten Boden. Bald würde die Kälte ihr von unten her in die Knochen kriechen, und dann würde das Reißen in den Gliedern sie schier umbringen.

Kreischend schwang die Eisentür zu und es wurde dunkel im Loch.

Wieso hatte sie sich auch nicht beherrschen können! Sie wusste doch, dass die Kyrogina bösartig war wie ein angeschossener Mongole. Aber da war Natascha. Schwer krank und musste trotzdem die Böden schrubben. Als Olga das sah, waren die Pferde mit ihr durchgegangen.

„So geben Sie ihr doch eine leichtere Arbeit”, hatte sie zu der Wärterin gesagt. „Sie kann doch Eicheln lesen oder …”

„Du hast hier gar nichts zu bestimmen.”

„Sie bringen sie ja um!”

Die Kyrogina grinste böse und wandte sich dann an Natascha, die noch immer am Boden hockte und hoffnungsvoll aufsah.

„Weiter, weiter”, herrschte die Kyrogina sie an und trat ihr in die Seite.

Natascha stürzte.

„Na, wird’s bald?!“, schrie die Wärterin und trat nach.

Natascha wimmerte.

Noch einmal holte die Kyrogina aus. Da konnte Olga sich nicht länger beherrschen und ging dazwischen. Dumm war das. Unglaublich dumm. Doch sie konnte nicht anders.

Aber es war kein Angriff gewesen. Ein kleiner Schubs nur. Kein tätlicher Angriff, nein. Nichts, weshalb sie eine so grausame Strafe verdient hätte. Wenige Monate vor ihrer Entlassung.

Die wollte die Kyrogina wohl verhindern, dachte Olga, die der Wärterin von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen war, weil sie sich nicht unterordnen konnte. Wie denn auch? Zwölf Jahre lang hatte Olga den Roten Engel geführt. Und auch hier im Frauengefängnis hörten die Mädchen auf sie.

Die Kyrogina aber behandelte Olga wie einen nichtswürdigen Wurm und schikanierte sie, wo sie nur konnte. Nicht, dass sie die anderen Frauen gut behandelt hätte. Sie schien alle Häftlinge als ihre persönlichen Feinde zu betrachten. Und Olga war ihre Erzfeindin.

Ah, das Herz tat ihr weh.

Nein, nicht einfach nur weh. Da war ein Bohren und Stechen, jeder Herzschlag eine Qual. Einen Arzt, sie brauchte jetzt ganz dringend einen Arzt.

Sie rief nach dem Gefängnisarzt. Schrie nach ihm. Schrie um Hilfe, bis ihre Kehle schmerzte. Und sie schlug mit den Fäusten gegen die Eisentür, bis die Haut aufsprang. Sie wusste, dass es nichts half. Es hatte auch früher nicht geholfen. Doch sie konnte nicht anders.

Schließlich warf sie sich auf das Strohlager, starrte in die Dunkelheit und wartete darauf, dass die Zeit verging. Dass sie endlich verging. Endlich vorbeigehen sollten sie, die Minuten und Stunden und Tage. Doch das taten sie nicht. Sie klebten fest in diesem Loch.

Endlich, endlich, nach Jahren, wie ihr schien, wurde die Luke beiseitegeschoben.

„Wer da?”, fragte Olga.

Doch natürlich bekam sie keine Antwort. Olga kannte das; sie war ja nicht zum ersten Mal im Loch. Meist tat die Kyrogina Dienst hier unten, und sie achtete darauf, dass die Vorschriften eingehalten wurden: Kein Wort zu den Häftlingen.

Das Tablett erschien und die Luke wurde wieder geschlossen. Olga stand auf und holte das Abendessen, verschlang hungrig den Kanten Brot und stürzte den Waldtee hinunter.

Nachdem das Tablett wieder abgeholt worden war und Olga ihre Notdurft verrichtet hatte, rollte sie sich auf dem Stroh zusammen und wickelte sich in die Decken. Noch waren sie warm genug. Noch musste sie nicht frieren. Doch der erste schwere Kälteeinbruch stand noch bevor.

Wie still es hier unten war.

So entsetzlich still.

Sie hatte sich so an die Laute ihrer Zellengenossinnen gewöhnt. Praskowjas schwere Seufzer. Den rasselnden Atem von Natascha, die dringend auf die Krankenstation gehörte. Ja, sogar Maschas Schnarchen vermisste sie. Eine grobschlächtige Person und wenig liebenswürdig. Die Einzige, die nicht auf Olga hörte. Kaum ein Tag, an dem sie ihnen nicht das Leben zur Hölle machte. Manchmal tat sie Natascha Küchenschaben ins Essen. Und sie pupste, dass es nicht zum Aushalten war. Natürlich pupsten hier alle. Ständig gab es Kohlsuppe, da blieb das nicht aus. Aber so laut und wütend wie Mascha pupste keine. Und keine schlich sich von hinten an und ließ es dann knattern, dass einem die Ohren abfielen.

Besonders gemein war sie zu Praskowja. Die verhöhnte sie, stellte ihr ein Bein oder haute ihr auf den Kopf, einfach so, aus heiterem Himmel.

Und warum?

Aus Wut und Neid. Praskowja war nämlich die Geliebte von Kolja, dem Gefängnisarzt. Ein Bär von einem Mann mit schwarzem Haar und weichen, sinnlichen Lippen. Viele Frauen waren verliebt in ihn. Viele beneideten Praskowja. Olga nicht, obwohl auch sie gern einmal verwöhnt worden wäre mit gutem Essen, Likör und Konfekt. Doch sie hatte Praskowja zu oft weinen sehen.

„Schlägt er dich?”, hatte Olga sie gefragt.

Aber das war es nicht. Es war viel schlimmer: Sie liebte ihn, obwohl er draußen eine Familie hatte.

„Wenn du wieder frei bist”, hatte er gesagt, „dann können wir es nicht länger geheim halten. Dann muss das ein Ende haben.”

Und was hatte dieses dumme Ding daraufhin getan? Sie hatte einer Wärterin die Jacke gestohlen, damit ihre Gefängnisstrafe verlängert wurde.

„Ich würde es wieder tun”, hatte sie weinend gesagt.

Nun rückte ihr Entlassungstermin wieder näher. Würde sie diesmal die Kraft haben zu gehen? Ach, wenn Olga ihr doch nur ins Gewissen reden könnte…

Aber wenigstens wurde Mascha bald entlassen, dachte Olga. Wenn sie hier rauskam, war wohl schon eine Neue da. Hoffentlich eine Nette.

Ach, nein. Das würde die Kyrogina wohl zu verhindern wissen. Sie würde ihr ein Monster auf die Zelle tun. Falls Olga überlebte …

Und dann griff die Angst nach ihr. Kalt und unbarmherzig. Und die Dunkelheit legte sich auf ihr Gemüt, schwer und erdrückend.

Erst nach Stunden fiel sie in einen zerquälten Schlaf.

Am nächsten Morgen hatten sich die Gespenster der Nacht verkrochen und Olga fühlte neue Kraft.

Trübes Dämmerlicht drang durch eine Ritze neben der Tür und sie begrüßte ihre alten Bekannten: die dicken Spinnen in den Ecken und die Kellerasseln und Küchenschaben in den Mauerritzen. Sie ahnte sie mehr, als dass sie sie sah. Und die Inschriften an den Wänden ertastete sie mehr, als dass sie sie lesen könnte. Da waren Verwünschungen wie „Dafür soll deine Mutter in der Hölle schmoren” und Flüche wie „Tatarenhure” und „zickzackscheißender Taigatroll”. Manche klagten, flehten den Herrn um Erbarmen an oder machten ihren Frieden mit Gott und der Welt.

Das sollte sie nun auch. Einfach in Frieden sein, dahocken ohne einen Gedanken wie die Spinnen, Asseln und Schaben. Die überlebten hier seit Jahren. An ihnen wollte sie sich ein Beispiel nehmen.

So führte sie das Leben einer Spinne, die reglos dahockt und auf das Essen wartet. Stunde um Stunde verdämmerte. Tiefer und tiefer krochen die Stille und die Dunkelheit ihr unter die Haut und drohten, alles Menschliche zu ersticken.

Am dritten Tag wurde der Eimer gewechselt von der Kyrogina und einer anderen, mit der Olga ein Gespräch anknüpfen wollte. Sie redete freundlich, flehte, fluchte, bettelte, doch die Wärterin gab ihr kein einziges Wort und keinen Blick aus Angst vor der Kyrogina. Olga verzweifelte fast daran. Doch immerhin riss es sie aus ihrer Lethargie.

Sie musste was tun. Irgendwas.

Aber was?

Als das Abendessen kam, beschloss sie, es diesmal nicht hinunter zu schlingen, obwohl sie grausam hungrig war. Sie wollte richtig essen, langsam und genüsslich.

Zuerst nahm sie das Brot und befühlte die harte Kruste und das weiche Innere. Dann roch sie daran, roch den würzigen Roggenduft und den Geruch der gerösteten Eicheln. Schließlich biss sie ein Stück ab und kaute es so lange, bis sie es trinken konnte wie einen süßen Saft. Dann nahm sie den Becher und roch an dem herbsüßen Tee aus Kräutern und Beeren, legte die Lippen an das Tongefäß und trank einen Schluck, behielt ihn lange im Mund und kostete ihn voll aus. Dann nahm sie den nächsten Bissen.

Sie brauchte lange für das Essen. Und sie genoss es. Selbst der Zar hätte nicht vorzüglicher speisen können, dachte sie nachher und genoss das angenehm warme Gefühl im Bauch.

Doch als sie sich hingelegt hatte zum Schlafen, litt sie wieder unter dieser entsetzlichen Stille, die sie zu ersticken drohte. Und unter der Dunkelheit, schwer und erdrückend.

2

Am nächsten Morgen erkannte Olga, dass sie sich die Zeit einteilen musste.

Sie suchte sich ein Steinchen und malte dreißig Kreise an eine der wenigen freien Stellen an der Wand. Drei davon strich sie durch. So sah sie immer auf einen Blick, was noch vor ihr lag und wie viel sie schon überlebt hatte. Heute war der vierte Tag. Ein guter Anfang war gemacht.

Doch vor ihr lagen immer noch sechsundzwanzig Tage. Ein dicker Brocken schwarzer leerer Zeit. So lange konnte sie nicht einfach nur dahocken. Sie war keine Spinne.

Wieder wurde die Luke geöffnet und ein Tablett erschien.

„Frühstück kommt”, sagte die Wärterin.

Und es klang wie Engelsmusik in Olgas Ohren nach dieser stummen, schwarzen Ewigkeit.

Nun fragte die Wärterin gar, wie es ihr gehe. Was für eine gute Seele!

„Ich lebe noch”, antwortete Olga. „Wie heißen Sie?”

„Marja Fjodorowna.”

„Gott vergelte Ihnen Ihre Freundlichkeit, Marja Fjodorowna”, sagte Olga und nahm das Tablett an sich.

Darauf fand sie eine Schale Buchweizengrütze mit einem Löffel Rübensirup und eine Tasse Waldtee. Wieder beherrschte sie sich: Statt über das Essen her zu fallen, zelebrierte sie es.

Sie tunkte einen Finger in den Rübensirup und genoss die kühle Klebrigkeit, führte sie zum Mund und ließ sie schmelzen. Andächtig rührte sie die Grütze und den Sirup um, nahm einen Löffel und kaute lange. Auch den Waldtee ließ sie sich schmecken und genoss den Geschmack nach Faulbeeren und Blättern von Hartheu und Preiselbeeren.

Sie brauchte lange für das Essen, und danach fühlte sie sich wieder wohlig gesättigt. Selbst der Zar könnte sich nicht besser fühlen nach einem Festgelage.

Und nun? Sie musste ihre Zeit mit etwas Sinnvollem füllen. Irgendwas musste sie tun.

Zuerst einmal würde sie einen kleinen Verdauungsspaziergang machen, entschied sie. Fünf Schritte von Mauer zu Mauer, immer an der Strohbettstatt entlang. Und das dreihundert Mal. Das war ein guter Gang. Er hielt warm und förderte die Verdauung.

Und danach?

Sie dachte an Franz, ihr Faktotum aus dem Roten Engel. Er war so wunderbar deutsch und methodisch, er hätte ihr jetzt ganz sicher einen Stundenplan machen können. Er hatte immer einen Plan und arbeitete ihn dann ab, Zug um Zug, ohne sich zu hetzen, ohne sich zu sorgen. Und das war seine Freude.

Ja, einen Stundenplan brauchte sie jetzt. Aber was könnte sie tun? Was würde Franz ihr jetzt vorschlagen?

Nun, sie könnte etwas für ihre Bildung tun. Oder genauer: Für die Bildung ihrer Mitgefangenen. Sie wollte ihnen die große Literatur nahe bringen.

Leider kannte sie nur ein Gedicht auswendig: den ehernen Reiter von Puschkin. Welcher Petersburger kannte es nicht? Andächtig deklamierte sie das Gedicht um Peter den Großen. Und wiederholte es. Und wiederholte es noch einmal.

Doch das ergab noch keine Literaturstunde, erkannte sie, und beschloss, einen Roman zu erzählen. Turgenjew mochte sie und Gontscharow. Und die „Die toten Seelen” von Gogol. In ruhigen Nächten hatte sie stundenlang neben dem Samowar gesessen, gelesen und Tee getrunken. Nur ab und zu war sie zur Tür gegangen, um einen Gast zu empfangen und ihre Mädchen anzupreisen.

Doch die Romane der großen Russen waren dicke Schinken mit einer verwirrenden Vielzahl von Personen und Ereignissen. Selbst, wenn sie alles in die richtige Reihenfolge bringen könnte – was ihr wohl kaum gelingen würde – würde sie Wochen brauchen, um auch nur einen Roman zu erzählen.

Kürzere Geschichten wären praktischer, überlegte sie, und da fielen ihr die Märchen ein. Die Märchen, die ihr Großmütterchen immer erzählt hatte: das vom Hahn und der Zaubermühle und das vom Zarewitsch Iwan und dem wilden Wolf. Ganz besonders liebte sie die Geschichte von dem Großmütterchen, das alles wusste. Köstlich, mit welch glücklichem Geschick sie sich am Zarenhof aus allen Schwierigkeiten gewunden hatte. Auch die Asseln, Spinnen und Schaben schien es zu vergnügen. Jedenfalls hörten sie ruhig zu.

Und wie Olga so erzählte, war ihr, als sei die Babuschka wieder da. Und die Mutter, ihre Schwestern, ihre Freundinnen, alle waren da und erzählten eine Geschichte. Dazu summte der Samowar und im Kachelofen knisterte es heimelig.

Ah, wie sehr hatte sie diese Abende vermisst. Und den Gesang.

Sie hatte immer gern gesungen. Nicht, dass sie jemals gut gesungen hätte. Sie traf die Töne nicht richtig. Doch dafür sang sie laut und mit großer Inbrunst. Das war das Gute an diesem Loch: Hier konnte sie nach Herzenslust singen und so falsch sie wollte.

So sang sie von Kalinka und von der schneebedeckten Heimat, vom Wolgastrom und von Sascha, der den Becher allzu heftig ehrte. Dabei dachte sie an die Feste, die sie mit ihren Lieben gefeiert hatte. Und sie stellte sich vor, sie wären alle da, stellte sich vor, sie sei umgeben von freundlichen Gesichtern.

Danach war es auch schon wieder Zeit zum Essen. Und während sie ihr Mittagsmahl zelebrierte – Brot mit einer herrlichen Suppe aus Pilzen und Gemüsen – keimte in ihr neue Hoffnung, dass sie die Zeit hier gut überstehen oder doch zumindest überleben würde.

3

Die folgenden Tage brachte Olga gut herum. Sie hielt sich in Bewegung und verfiel nicht der Schwermut und der Einsamkeit dank der Lieder und Geschichten.

An ihrem sechsten Tag im Loch sah Olga endlich wieder menschliche Wesen: Der Eimer wurde gewechselt. Marja Fjodorowna war leider nicht dabei. Aber die Kyrogina. Und wieder bekam sie kein einziges Wort und keinen Blick, so sehr sie sich auch darum bemühte.

Es war grausam, entsetzlich grausam, dachte Olga und erwachte wie aus einem schönen Traum: Sie war nicht umgeben von freundlichen Gesichtern. Ihre Babuschka war wahrscheinlich längst gestorben, und ihre Mutter würde sie nie wiedersehen. Auch nicht Franz. Allein war sie. Wozu da noch singen und erzählen? Sinnlos in der Einsamkeit.

Ach, wenn sie doch wenigstens Wolle und Nadel gehabt hätte. Nicht, dass sie je eine große Strickerin gewesen wäre. Doch es beruhigte die Nerven und sie hätte jetzt gern eine Jacke für Natascha gestrickt. Samtblau und mollig warm. Doch nicht einmal das war ihr vergönnt. Ihr blieb nur, sich zu ergeben in die Dunkelheit und Einsamkeit, die so schwer waren, so erdrückend.

Drei Tage lang hockte sie so da und wartete, dass die Zeit verstrich. Nur die täglichen Gänge behielt sie bei. Doch sie wurden immer mühsamer. Und am neunten Tag – wieder war der Eimer geleert worden, wieder hatten die Wärterinnen sie keines Blickes und keines Wortes gewürdigt – konnte sie sich nach dem Frühstück kaum erheben. Unter Ächzen und Stöhnen wuchtete sie sich hoch. Doch ihre Knie waren so weich. Sie sank aufs Lager zurück.

Hatten sie sie vergiftet?

So musste es sein. Die Kyrogina hatte sicher gemerkt, dass sie immer noch lebte und nicht wahnsinnig geworden war. Das konnte sie natürlich nicht ertragen und hatte ihr darum Gift ins Essen getan. Ganz sicher hatte sie ihr die Buchweizengrütze vergiftet. So elend und schwach hatte Olga sich lange nicht gefühlt.

Würde sie den Tag überleben?

Und wenn nicht, wen kümmerte es?

Ach, es war alles so sinnlos. Das ganze Leben, eine wüste Leere, nichts sonst. Am besten legte sie sich gleich hin zum Sterben.

Sie wickelte sich in ihre Decke und drehte sich mit dem Gesicht zur Wand.

Doch dann flackerte ein letzter Funke Lebenswille auf und trieb sie wieder hoch. Vielleicht tat der Gang nach dem Essen ihr ja gut; vielleicht fühlte sie sich danach besser.

Unter großen Mühen tastete sie sich an der Wand entlang. Fünf Schritte hin und fünf Schritte zurück. Drei Mal, mehr schaffte sie heute nicht.

Seufzend sank sie aufs Stroh zurück.

Da spürte sie, wie sich ihr Geist verdunkelte und die ewige Nacht nach ihrem Herzen griff. Sie musste was dagegen tun. Irgendwas.

Aber was?

Sie erinnerte sich an die ersten Tage, in denen sie sich mit ihren geliebten Märchen aufgemuntert hatte. Vielleicht gelang ihr das auch jetzt, dachte sie und beschloss, es wenigstens zu versuchen. Auch, wenn die Spinnen sie nicht hören mochten. Sie wendeten sich ab. Und die Schaben und Asseln verkrochen sich ganz tief in ihre Ecken und Mauerritzen. Egal. Sie wollte ihre Märchen trotzdem erzählen.

Mit dünner Stimme begann sie. Doch dann fiel der wilde Wolf plötzlich über den Zarewitsch Iwan her und verschlang ihn mit einem Happs, wollte sich auch auf Olga stürzen mit wildem Gebrüll. Schnell ging sie weiter zum Hahn und der Zaubermühle, die Piroggen und Eierkuchen mahlte und Eierkuchen und Piroggen, damit Großväterchen und Großmütterchen immer genug zu essen hatten.

Doch was war das? Die Zaubermühle hörte gar nicht mehr auf zu mahlen. Piroggen und Eierkuchen und Eierkuchen und Piroggen. Bald war die ganze Zelle voll. Und sie mahlte immer noch.

Mahlte Piroggen und Eierkuchen und Eierkuchen und Piroggen. Olga würde ersticken in diesem Matsch, zerquetscht würde sie werden.

Schnell weiter zum Großmütterchen, das alles wusste. Doch heute sah sie sie nur an mit leeren Augen und sagte, sie habe den Verstand verloren.

„Der Koch hat ihn in die Piroggen gestopft”, sagte das Großmütterchen. „Und dann hat der wilde Wolf sie gefressen. Heute werde ich mich beim Zaren nicht herauswinden können aus allen Schwierigkeiten. Dafür wird er mich in den Kerker sperren. Dreißig Tage lang. Dreißig endlose Tage im Loch, das überlebt kein Mensch.”

Damit schlurfte das Großmütterchen von dannen.

Olga wischte sich die Tränen aus den Augen und beschloss zu singen. Fröhliche Lieder wollte sie singen. Von der Liebe und dem Wodka, von rauschenden Festen und wilden Troikafahrten.

Doch es wollte ihr kein fröhliches Lied einfallen. Nicht ein einziges.

Das Einzige, was ihr einfiel, war: Gosspodi pomiluj – Herr, erbarme dich. Immer wieder: Gosspodi pomiluj. Und dazwischen flehte sie: Lass mich nicht zustanden werden. Gosspodi pomiluj. Lass die Dunkelheit nicht mein Herz verschlingen. Gosspodi pomiluj. Behüte mich, beschütze mich und errette mich aus der Gefahr. Gosspodi pomiluj. Gosspodi pomiluj. Gosspodi pomiluj.

Dieser ewige Bittgesang hatte ihr geholfen in den Elendsjahren im Heumarktviertel. Ihm verdankte sie, dass ihre Seele keinen Schaden genommen hatte.

Plötzlich musste sie an Vater Wladimir denken und wie wunderbar und himmelsgleich er in der Kirche gesungen hatte. Diese endlosen Bittgesänge. Zum Weinen schön.

Plötzlich überfiel sie die Trauer um alles, was sie verloren hatte – ihre Liebe zu Vater Wladimir, die keine Liebe gewesen war, ihre Familie, ihre Mädchen und schließlich auch Franz.

Sie weinte bitterlich in ihrem Kummer und in ihrer Verlassenheit.

Ja, verlassen war sie. Vergessen von aller Welt.

Vielleicht hatte der Zar eine Generalamnestie erlassen und alle waren längst fort, hatten sie in der Aufregung vergessen. Oder die Kyrogina hatte behauptet: Ich hole sie. Doch sie hatte es nicht getan, wollte sie hier verhungern und vermodern lassen. Und immer allein.

Oh, dieses schändliche Weibsbild!

„Der Teufel soll dich holen!”, schrie Olga.

Oh, da war eine solche Wut. Nicht nur auf die Kyrogina, sondern auch auf das Gericht. Auf die Geheimpolizei. Und auf Vater Wladimir.

Schreiend hämmerte Olga gegen die Tür, hämmerte, bis ihre Knöchel wieder aufsprangen. Doch vergebens. Alles vergebens. Es war ja niemand da.

Vielleicht waren sie alle tot. Vielleicht war wieder Krieg, und die Feinde hatten Piter1 überrannt und dem Erdboden gleich gemacht. Oder die Einwohner selbst hatten ihre Stadt angezündet, damit sie nicht in feindliche Hände fiel, wie die Moskowiter es im Vaterländischen Krieg gegen Napoleon getan hatten.

Ja, so musste es sein. Alles verbrannt, alle geflohen. Nur sie war noch da. Vergessen und allein sah sie hier ihrem Ende entgegen.

Oh, sie sehnte sich so nach menschlicher Gesellschaft. Nur ein paar Worte mit einem menschlichen Wesen wechseln. Ein paar letzte Worte mit Marja Fjodorowna. Sie war nur ein einziges Mal da gewesen. Und nun kam sie nicht mehr. Vielleicht war sie tot. Vielleicht war die Pest ausgebrochen und alle waren tot. Nur Olga hatte überlebt. Selbst der Tod wollte nicht zu ihr kommen.

Ja, sie lebte noch, lebte noch, lebte noch. Da war der Atem. Ein und aus und ein und aus. Das war wie auf einem Schaukelstuhl. Wie eine gute Njanja, eine Kinderfrau, die sie in den Armen wiegte. Auf und ab und auf und ab. So zärtlich. So sanft. Und voller Liebe.

Das tröstete sie ein wenig. Es nahm ihr nicht den Schmerz und die Einsamkeit; doch es half ihr, Schmerz und Einsamkeit zu ertragen.

Eine Ewigkeit später öffnete sich die Luke und ein Tablett wurde herein geschoben.

„Wie geht es Ihnen?” Marja Fjodorownas Stimme klang schöner als der Gesang der Engel. „Geht es Ihnen gut?”

Sie siezte Olga, als zolle sie ihr Respekt dafür, dass sie noch immer lebte und nicht wahnsinnig geworden war. Olga war so gerührt, dass sie kaum ein Wort herausbrachte.

Tonlos flüsterte sie:

„Die Einsamkeit bringt mich um.”

„Es ist schwer, Mütterchen. Ich weiß, es ist schwer”, sagte Marja, die gute Seele. „Aber seien Sie guten Mutes.”

„Hier gibt es keinen Mut. Nur Dunkelheit.”

„Warten Sie.”

„Keine Sorge, ich laufe schon nicht weg”, sagte Olga und lachte so schrill und verzweifelt, dass es ihr in den Ohren wehtat.

Abrupt hörte sie auf und fiel über das Essen her. Sie hatte keine Kraft mehr es zu genießen. Sie verschlang das Brot in wenigen Bissen und schüttete die Kohlsuppe hastig in sich hinein. Dann stellte sie das Tablett zurück und warf sich aufs Lager.

Ein Festgelage? Wie hatte sie sich jemals einreden können, das sei ein Festgelage? Die Kohlsuppe verdiente diesen Namen nicht. Im Grunde war es nichts weiter als ein Mischmasch aus Abfällen mit Kohl. Außerdem fehlten die Vorspeisen und es fehlte der 2. Gang mit Fisch und Fleisch und Gemüse. Auch der 3. Gang fehlte: nichts Süßes, kein Kompott, kein Gelee, kein Gebäck. Nur der 1. Gang wurde serviert, nur die Suppe, ein lausiges Menü.

Wenig später wurde die Luke wieder beiseitegeschoben und … Olga traute ihren Augen kaum. Da stand eine brennende Kerze auf einem Tellerchen und daneben lag ein Brief.

Olga sprang auf und stürzte zur Tür.

Von Franz. Der Brief war von Franz. Oh, so lange hatte sie nichts mehr von ihm gehört.

Sie nahm den Brief und drückte ihn an ihren Busen. Der Brief eines lieben und guten Menschen. Niemand würde je ermessen können, was ihr das bedeutete.

„Kann ich noch was für Sie tun?”

„Ich möchte ihm antworten”, sagte Olga. „Und wenn Sie mir Strickzeug bringen könnten. Das beruhigt die Nerven.”

„Sie müssen Geduld haben”, sagte Marja. „Ich habe erst in drei Tagen wieder Dienst hier unten.”

„Gott segne Sie”, sagte Olga und freute sich darauf den Brief zu lesen.

1 St. Petersburg

4

Olga hätte nicht gedacht, dass sie je wieder von Franz hören würde, obwohl er der treueste Mensch war, den sie kannte. Jahrelang hatte der Deutsche ihr redlich gedient als Faktotum im Roten Engel. Oh, wie wunderbar vornehm er immer ausgesehen hatte in seiner Livree. Jeden Lumpen hatte er empfangen wie den Zaren persönlich. Geschickt war er auch: Er konnte alles reparieren. Und nach dem Prozess war er jeden Monat zu ihr ins Zuchthaus gekommen.

Und dann kam sein letzter Besuch in diesem kahlen Raum unter den strengen Blicken der Wärterinnen. Hager und steif hatte er da gesessen auf dem unbequemen Stuhl und sein Gehrock war penibel sauber und glatt gebügelt, als sei er zu einem Empfang bei Hofe geladen.

Sie bat ihn um eine Medizin für Natascha, deren Husten immer schlimmer geworden war.

„Die kann ich Ihnen leider nicht bringen.” Sein liebes Gesicht legte sich in traurige Falten. „Nächste Woche reise ich ab.”

„Das macht nichts”, sagte Olga. „Besuchszeit ist sowieso erst wieder in einem Monat. Bis dahin sind Sie längst zurück.”

„Ich komme nicht zurück.”

Wie, bitte? Er ging fort und kam nicht zurück? Das konnte nicht wahr sein, durfte nicht sein. Er war ihre einzige Verbindung zu ihrem Leben außerhalb der Gefängnismauern, zu ihrem wahren Leben.

„Was heißt das: Sie kommen nicht zurück?”, fragte sie. „Wo wollen Sie denn hin? Sie gehören doch in mein Haus. Da ist Ihr Platz.”

„In Ihrem Haus leben nun fremde Menschen”, sagte Franz. „Es wurde konfisziert von der 3. Abteilung der Höchsteigenen Kanzlei seiner Majestät.”

„Ach, Unsinn!”, rief Olga. „Das ist nur irgendwelches Pack, das einen Unterschlupf gesucht hat. Das können Sie getrost hinauswerfen.”

„Die Geheimpolizei wirft man nicht hinaus.”

Olga schwieg.

Franz sah sie traurig an aus seinen tiefblauen Augen.

„Hochverehrte Olga Nikolajewna“, sagte er. „Ich habe Ihnen mit Freuden gedient und würde nichts lieber tun als Ihnen weiter zu dienen.”

Gedient? Sie hatte in ihm nie den Diener gesehen, sondern einen guten Freund und Ratgeber. Er sah die Dinge klarer und nüchterner als sie. Manchmal hörte sie sogar auf ihn.

„Doch ich vermag nichts auszurichten“, fuhr er fort. „Nicht gegen die Geheimpolizei. Vor einem halben Jahr sind sie gekommen und haben mich hinausgeworfen. Ich habe ein kleines Zimmer bezogen im deutschen Bezirk auf der Wassiljewskij-Insel, wo ich Arbeit gefunden habe in einem Handels- Kontor.

Nun wurde es geschlossen und es zieht mich in die Heimat zurück.“

„Das kann ich verstehen“, sagte Olga. „Nur … vor einem halben Jahr, sagten Sie? Warum erfahre ich das erst jetzt?“

„Sie hätten nichts tun können; und es hätte Sie nur aufgeregt.“

Was für ein zartfühlender Mensch.

Doch sie konnte noch immer nicht glauben, dass sie ihr das Haus weggenommen hatten. Ein Haus, das war doch keine Vase, die man einfach wegtragen konnte. Oder ein Schmuckstück, das irgendwer sich in die Tasche stecken konnte.

Sie merkte, dass ihre Gedanken in die Irre gingen, und lachte nervös.

„Sie werden eine Weile brauchen, das zu verstehen“, sagte er mitfühlend.

Olga sah die Sonne durch das vergitterte Fenster blitzen, roch den allgegenwärtigen Geruch nach Kohl und hörte das leise Klirren der Schlüssel am Bund der Wärterin.

„Aber was wollen Sie denn jetzt tun?“, fragte Olga. „Wo wollen Sie hin?“

„Mein Cousin Wilhelm besitzt eine Fabrik in Berlin“, antwortete Franz. „Er hat mir geschrieben, er könne einen treuen und zuverlässigen Arbeiter gut gebrauchen.“

„Treu und zuverlässig, ja, das sind Sie, lieber Franz”, sagte Olga. „Ich wünsche Ihnen viele gute Jahre in Berlin und … und … bitte entschuldigen Sie.”

Sie wollte jetzt allein sein, sich verkriechen wie ein angeschossenes Wild.

Haus weg, Franz weg, alles weg. Das war zu viel, war mehr als ein Mensch ertragen kann. Und das Schlimmste: Es gab keine Hoffnung. Die Geheimpolizei stand über Recht und Gesetz. Und Franz … er würde wieder Wurzeln schlagen in seiner Heimat, und sie würde ihn nie wiedersehen.

Wenig später schrieb er ihr aus Berlin, es ginge ihm gut. Sein Cousin Wilhelm habe ihn recht freundlich aufgenommen und ihm – wie versprochen – ein Auskommen in seiner Fabrik verschafft.

Hoffentlich wurde ihm die Arbeit nicht zu schwer, dachte Olga. Und hoffentlich machte ihm das Gliederreißen nicht zu schaffen. In Berlin war es zwar nicht so kalt wie hier, aber doch sehr feucht.

„Es regnet viel”, schrieb er noch und dass er auf der Suche sei nach einer eigenen Bleibe.

Das war alles.

Ein knappes Lebewohl, hatte sie gedacht, keineswegs der Beginn einer längeren Korrespondenz. Sie hätte ihm auch gar nicht antworten können, weil er ihr keine Adresse mitgeteilt hatte. Darum hatte sie nicht geglaubt, dass sie je wieder von ihm hören würde. Und nun dieser Brief. Diesmal verriet er ihr sogar seine Adresse. In Kyrillisch und in Deutsch hatte er sie auf den feinen Umschlag geschrieben.

Vielleicht hatte er in Piter etwas vergessen und bat sie nun, es ihm zu schicken, dachte sie. Doch wie könnte sie das von hier aus veranlassen?

Merkwürdig, dachte sie, als sie das Datum auf dem Umschlag sah. Wenn sie den Postweg einrechnete, müsste es bereits November sein. Aber dann hätten sie sie doch längst aus dem Loch holen müssen, überlegte Olga und wollte schon wütend werden. Doch dann fiel ihr ein, dass die Deutschen einen Kalender verwendeten, der ihnen um zwölf Tage voraus war.

Nun öffnete Olga den Brief und – traute ihren Augen kaum. Drei eng beschriebene Seiten waren darin. Dabei war Franz kein redseliger Mensch und sie waren auch nie sehr vertraut miteinander gewesen. Nun schilderte er ihr ausführlich sein neues Leben in Berlin.

Die Arbeit ginge ihm gut von der Hand, schrieb er, und sein Cousin sei zufrieden mit ihm, er habe bereits seinen Fleiß gelobt.

„Manche sagen, das Falten der ewig gleichen Kartons sei zu eintönig und beschwere das Gemüt”, schrieb er. „Doch für mich ist gerade das sehr angenehm, da es mir erlaubt, mich meinen Gedanken und Erinnerungen zu widmen.”

Sehnte er sich nach Piter zurück?

Er war bereits in jungen Jahren als Ingenieur nach Russland gekommen, um beim Bau der Eisenbahn zu helfen. Allsbald hatte er die Eisenbahngesellschaft wieder verlassen, verschiedene Gelegenheitsarbeiten angenommen und sich schließlich bei ihr als Hausmeister verdingt. Er könne alles reparieren und in Ordnung halten, hatte er gesagt. Dass Olga kein normales Hotel betrieb, schien ihn nicht zu stören. Jedenfalls hatte er nie auch nur ein einziges Wort darüber verloren.

„Das Deutsche ist meiner Zunge etwas fremd geworden”, schrieb er nun. „Mancherorts hält man mich sogar für einen Russen. Vielleicht ist meine Seele tatsächlich russisch geworden. So sehr daheim wie bei Ihnen habe ich mich nirgendwo gefühlt.”

Ja, tatsächlich. Er hatte Heimweh, der Gute.

„Doch ich will nicht klagen. Meine neue Bleibe – ein Zimmer bei einer netten Pensionswirtin – ist behaglich eingerichtet und es fehlt mir an nichts.

Die Familie meines Cousins hat mich sehr freundlich aufgenommen. Sonntags lädt Wilhelm mich immer zu einem Festmahl ein, wie ich es lange nicht mehr genießen konnte. Nachher kredenzt er einen teuren französischen Likör in wunderschön geschliffenen Gläsern, den ich gern goutiere. Doch die Zigarre, die er mir gleichfalls anbietet, schlage ich immer aus, da ich, wie Sie, hochverehrte Olga Nikolajewna, wissen, mir das Rauchen nie angewöhnen konnte.”

Vom Rauchen hatte er sich immer die Seele aus dem Leib husten müssen, erinnerte sich Olga.

Schließlich hatte er jeden weiteren Versuch aufgegeben.

„Wenn wir beisammen sitzen”, schrieb er weiter, „klettern die Kinder gern auf meinen Schoß und ziehen an meinem Bart, bis ihre Mutter sie zur Ordnung ruft, auch wenn ich ihr versichere, dass mich das Zupfen wenig stört. Die beiden Racker haben einen solchen Spaß daran.

Die Abende verbringe ich gern bei einem guten Buch. Nach wie vor lese ich gern die Gedichte Puschkins und die Romane von Turgenjew. Von Zeit zu Zeit führen Wilhelm und seine Frau mich auch in die Oper oder ins Theater. Wenn Sie mögen, kann ich Ihnen gern einige der neuesten Stücke schildern. Auch hier verstehen sich die Künstler auf ihr Fach und entfalten eine große Pracht. Desgleichen die Baumeister und Architekten, obgleich Berlin und das Haus des preußischen Königs sich nicht messen können mit St. Petersburg und der Pracht der russischen Paläste und Kathedralen.

Ich hoffe, dieser Brief trifft Sie bei guter Gesundheit und ausgeglichenem Gemüt. Ich hoffe auch, jene Natascha, die Sie erwähnten, hat sich von ihrer Krankheit erholt.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Immer der Ihre

Franz Berndorff.

P.S. Ich denke oft an Sie.”

Die letzte Zeile schien er hastig und in großer Erregung niedergeschrieben zu haben. Und sie war ein wenig verwischt. Wie von Tränen oder einem Kuss …

5

Tränen, Küsse … das passte nicht zu Franz. Andererseits: Auch er war ein Mensch, er war ein Mann.

Allerdings hatte er in all den Jahren nie auch nur den kleinsten Annäherungsversuch gemacht. Keine Blumen und kein Konfekt; keine tiefen Blicke und keine Komplimente ihre weibliche Schönheit betreffend. Er war immer etwas steif gewesen und hatte sie nie auch nur ein einziges Mal berührt. Da konnte sie sich nicht vorstellen … nein, beim besten Willen nicht.

Nach dem Lesen machte sie sich wieder auf den Weg. Dabei stellte sie sich vor, sie wandere durch die endlosen russischen Wälder, wo man oft tagelang auf keine menschliche Ansiedlung trifft. Und sie genoss das Rauschen der Bäume und den Gesang der Vögel.

Plötzlich öffnete sich der Wald und sie blickte auf eine grüne Aue, durch die ein Flüsschen sprang, das glitzerte im Sonnenlicht. Und darüber die blitzblaue Himmelskuppel. Wie lebendig und farbenfroh die Phantasie doch wird in so einem schwarzen Loch, dachte Olga, setzte sich ans Ufer und genoss es, auch mal nichts zu tun. Sie war keine Deutsche; sie konnte nicht nach einem Stundenplan leben. Doch sie konnte tätig werden, wenn das Herz es ihr befahl. So konnte sie auch wieder singen und Märchen erzählen, wenn ihr danach war.

Oft dachte sie nun an Franz und an jede Begebenheit mit ihm in den vergangenen Jahren. Und sie dachte gern an ihn, denn er war ein guter Mensch und sie hatte ihn immer gern gehabt.

Was machte es, dass sie hier allein sein musste? Er dachte an sie und sie an ihn. Im Herzen waren sie einander nah.

Nach drei Tagen brachte Marja Fjodorowna ihr eine neue Kerze. Dazu Wolle und Nadeln, Feder, Tinte und Papier. Und noch einen Brief, aber nicht aus Berlin, sondern von ihren Mitgefangenen.

„Brauchen Sie sonst noch was?”

„Ach, ich bin bereits reich gesegnet. Haben Sie tausend Dank. Gott schenke Ihnen viele gute Jahre.”

„Wenn ich das Tablett hole … ”

„Und Ihren Kindern auch”, unterbrach Olga. „Haben Sie Kinder?”

„Einen Mädchen und einen Bub.”

„Gehen sie schon zur Schule?”

„Beide, ja.”

„Das Mädchen auch, das ist gut.”

„Anja ist schon fast erwachsen; im Sommer verheiraten wir sie. Und der Bub geht in die vierte Klasse und möchte später einmal Revisor werden.”

„Dann hat er die Komödie von Gogol gesehen?”

„Ja, wir haben Tränen gelacht”, sagte Marja. „Nun muss ich aber … Wenn ich das Tablett hole, bringe ich Ihnen noch ein paar Decken mit. Heute Nacht wird es bitterkalt.”

Olga öffnete den Umschlag und fand ein Blatt mit Unterschriften und guten Worten von den Frauen, die schreiben konnten: „Halte durch.” „Sei guten Mutes.” „Wir vermissen Dich.” „Du wirst das überstehen.” „Wir denken an Dich.” Und immer wieder: „Wir beten für Dich.” Und die anderen hatten etwas für sie gemalt: Blumen und Bäume, Herzen und fröhliche Gesichter.

Da traten Olga die Tränen in die Augen. Jetzt war sie nicht mehr allein hier unten. Jetzt würde sie auch die restlichen achtzehn Tage überstehen.

Obwohl – achtzehn Tage waren lang. Waren mehr, als sie hinter sich hatte …

Nach dem Essen brachte Marja Fjodorowna die versprochenen Decken und sagte:

„In drei Tagen komme ich zum Latrinenwechseln. Dann dürfen Sie mich nicht ansprechen. Und noch drei Tage später habe ich wieder Dienst bei Ihnen. Dann kann ich Ihre Briefe mitnehmen.”

Olga fing sofort an zu schreiben. Der Brief an ihre Mithäftlinge ging ihr leicht von der Hand. Dankbarkeit und Freude beflügelten sie.

Mit dem Brief an Franz hatte sie größere Mühe. Plötzlich wusste sie nicht, wie sie auf sein „Ich denke oft an Sie” antworten sollte und darauf, dass diese Stelle in seinem Brief feucht geworden war. Vielleicht von Tränen oder einem Kuss. Vielleicht aber auch nur vom Regen oder von verschüttetem Tee. In dem Fall könnte sie die Zeile als einfachen Ausdruck seiner Freundschaft deuten. Doch was, wenn er zärtliche Gefühle für sie hegte? Aber vielleicht galten sie ja gar nicht ihr, sondern entsprangen seinem Heimweh, seiner Sehnsucht nach Mütterchen Russland. Dann könnte sie darüber hinweggehen. Doch was, wenn er tatsächlich romantische Gefühle für sie hegte? Wie sollte sie darauf antworten?

Sie überlegte hin und her. Überlegte so lange, bis die Kerze erlosch und es wieder so entsetzlich dunkel war im Loch. Viel dunkler als vorher, dachte sie.

Seufzend legte sie Feder und Papier beiseite.

In der Nacht wurde es tatsächlich bitterkalt, und Olga war froh um die Decken, die Marja ihr gegeben hatte. Mit einem wohligen Lächeln rollte sie sich ein, legte die Hand auf die Briefe an ihrem Busen und dachte an Franz, den guten treuen Franz, und an all die Namen und die guten Wünsche ihrer Mitgefangenen. Bald fühlte sie sich umringt von freundlichen Gesichtern. Jetzt war sie nicht mehr allein.

Vielleicht dachten ihre Ehemaligen ja auch manchmal an sie. Was mochte aus Alexandra geworden sein? Florierte ihr Hutgeschäft? Und wie erging es Larissa, der Friseuse? Und Warwara, die den Offizier geheiratet hatte. Olga hatte sie von Herzen gern gehabt. Mit der Zeit waren sie gute Freundinnen geworden, und das Osterei aus Emaille, das Warwara ihr geschenkt hatte, gehörte zu ihren kostbarsten Schätzen. Doch natürlich konnte Warwara sich nun, da sie in Adelskreisen verkehrte, keinen Umgang mit einer Puffmutter erlauben. Und die Mädchen, die zuletzt im Roten Engel gewesen waren, hatten jetzt andere Sorgen. Hoffentlich mussten sie sich nicht als Straßendirne verdingen.

Am 14. Tag wurde plötzlich die Luke beiseitegeschoben.

„Schnell, schnell, Sie müssen mir alles zurückgeben.”

Marja schien in heller Aufregung.

„Sie sind misstrauisch geworden und wollen die Zelle durchsuchen”, sagte sie atemlos. „Und wenn sie was finden … bitte … schnell!”

Hastig schob Olga das Strickzeug durch die Luke und ließ dann Feder, Tinte und Papier folgen und schließlich auch das Tellerchen mit den Wachsresten von der Kerze.

„Die Decken auch?”

„Ja, bitte. Schnell.”

Wenn es bloß nicht kälter wird, dachte Olga und schob die Decken durch die Luke.

„Und die Briefe!”, forderte Marja.

Oh, nein! Bitte nicht! Nicht die Briefe!

„Es muss sein.”

Ah, tat das weh! Ein Gefühl, als risse sie sich die Briefe aus dem Herzen. Woran sollte sie sich denn nun festhalten, wenn sie sich einsam fühlte? Und ganz sicher würde sie sich bald wieder entsetzlich einsam fühlen.

Vier Tage noch. Marja kam erst in vier Tagen wieder.

Der Besuch am nächsten Morgen zählte kaum. Da kamen sie zu zweit und wechselten den Eimer aus. Dann durchsuchte die Andere die Zelle.

Marja stand stocksteif da, und sie sahen einander nicht an. Trotzdem spürte Olga ihre Nähe als etwas Gutes, Tröstliches, und ihr Schweigen sprach von Respekt und Freundlichkeit. Genauso hatte sie auch Franz’ Nähe immer gespürt.

Mehr und mehr wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihn vermisste. Wie ein gutes altes Möbelstück, das schon so lange in seiner Ecke steht, dass man es gar nicht mehr sieht. Erst, wenn es plötzlich fort ist, erkennt man: Es war das schönste und beste im ganzen Haus, ein teures, ein unersetzliches Stück.

In der Nacht schlug Väterchen Frost erbarmungslos zu. Olga rollte sich in ihre Decke ein, so gut sie konnte. Doch nach einer Weile biss sich die Kälte durch die Haut bis in die Knochen. Ihre Zehen spürte sie schon gar nicht mehr. Sie musste hoch.

Trotz ihrer Müdigkeit stand sie auf, stampfte mit den Füßen auf und lief hin und her, bis ihr etwas wärmer wurde. Dann legte sie sich wieder hin. Nur um abermals zu spüren, dass die Kälte sich durch die Haut biss und ihre Zehen taub wurden und die Finger auch.

Würden ihre Finger und Zehen absterben? Würden sie faulen und sie vergiften?

Erschrocken rieb Olga Finger und Zehen, bis sie sie wieder spürte. Dann stand sie wieder auf und lief hin und her, bis sie erschöpft aufs Lager sank.

Diesmal kam die Kälte noch schneller. Wieder musste sie hoch.

So ging das bis zum Morgengrauen. Irgendwann würde sie zu müde sein aufzustehen. Sie würde einfach liegen bleiben und erfrieren. Wenn nicht in dieser Nacht, dann doch sicher morgen oder übermorgen.

War das das Ende? Sollte sie in diesem elenden Loch ihr Leben beschließen?

6

Endlich kam das Frühstück mit der warmen Buchweizengrütze und dem heißen Tee. Das tat gut, es wärmte sie von innen. Und an der heißen Tasse konnte sie Zehen und Finger auftauen.

Diese Nacht hatte sie nun überlebt. Doch wie lange kann ein Mensch das aushalten? Wie lange überlebt ein Mensch ohne Schlaf in Eiseskälte? Drei Tage? Fünf? Höchstens zehn, das war das Alleräußerste. Und sie hatte noch fünfzehn vor sich. Fünfzehn lange Tage in Kälte, Dunkelheit und Einsamkeit. Es war zu viel. Es war mehr, als ein Mensch ertragen kann.

Zwei Tage hielt sie durch. Tagsüber war es wärmer, dann gönnte sie sich einige Stunden Schlaf. Und in der Nacht stand sie immer wieder auf, um sich aufzuwärmen. Doch es bereitete ihr immer mehr Mühe.

Das Einzige, was ihr half, war das Gebet: Gosspodi pomiluj – Herr, erbarme dich. Und sie sprach es still in ihrem Herzen mit jedem Schritt: Gosspodi pomiluj. Gosspodi pomiluj. Gosspodi pomiluj. Das hielt sie aufrecht, das verscheuchte die Schreckgespenster der Angst. Und doch wusste sie: Wenn Marja ihr die Decken nicht bald zurückbrachte, würde sie sterben.

Manchmal war sie wütend deswegen. Manchmal weinte sie. Doch am Ende fühlte sie nur noch eins: Müdigkeit. – Schlafen, schlafen, ewig schlafen. Wie schön musste das sein.

Am siebzehnten Tag kamen sie zu zweit, die Kyrogina und eine andere Wärterin, die Olga nicht kannte. Und sie brachten Fußfesseln mit.

Was hatte das zu bedeuten? Hatten sie Marja erwischt? Hatte irgendwer die Briefe gefunden?

Ja, das musste es sein.

Nun kamen sie also, um sie zu bestrafen. Und sie würden ihr nicht einfach nur sagen, dass sie nichts mehr zu essen bekam oder einen zweiten Monat im Loch bleiben musste. Sie kamen, um sie auszupeitschen. Sie würden sie nach oben schleifen in den Raum, wo zwei Eisenringe in die Mauer eingelassen waren. Dort würden sie sie festbinden und mit der Rute schlagen, bis ihre Haut aufsprang und ihr Rücken eine einzige Wunde war. Und dann würden sie sie wieder ins Loch werfen, blutend und so schwer verletzt, dass sie die Nacht nicht überlebte.

Das war das Ende.

Fast war sie erleichtert, dass sie dessen nun sicher sein konnte. Kein Kämpfen mehr. Kein Hoffen und Bangen. Ein Tag noch und eine Nacht, dann war alles überstanden.

Sie beschloss tapfer zu sein. Sie würde nicht heulen, nicht klagen, nicht um Gnade winseln. Kein Laut würde über ihre Lippen kommen; sie wollte in Würde sterben. Mit Gottes Hilfe.

Sie bekreuzigte sich und flüsterte:

„Behüte und beschütze mich, erbarme dich meiner.”

Die beiden Wärterinnen legten ihr die Fußfesseln an und packten sie, führten sie in den Gang und schließlich über die bröckelnde Steintreppe nach oben.

Olga fühlte sich so schwach, dass sie immer wieder einknickte und in sich zusammensackte. Dann rissen die beiden Wärterinnen sie wieder hoch und schleiften sie weiter.

„Behüte und beschütze mich, erbarme dich meiner”, flüsterte Olga.

Sie hätte jetzt gern noch ein paar ruhige Stunden gehabt, um ihr Leben noch einmal zu betrachten. Doch vielleicht war es besser so. Es würde ihr das Herz zerreißen, wenn sie daran denken musste, dass sie die Sonne nicht mehr sehen würde und auch nicht die Birke auf dem Hof. Dieser eine einsame Baum. Das erste Mal sah sie ihn im Herbst mit bunten Blättern, die im Winde tanzten. Sie sah ihn tief verschneit und im zarten Frühlingskleid, sah ihn schwer im Sommersonnenglast und noch einmal im Herbst, zum letzten Mal.

Ach, sie hatte sich so auf ihre Entlassung gefreut. Sie wollte an der Newa entlang schlendern und dann über den Njewskij, vorbei an den eleganten Geschäften, Cafés und Parfümerien. Wieder zu Hause wollte sie Tee trinken und zuhören, wie der Samowar summte und das Regen aufs Dach prasselte. Und sie wollte ihre Mädchen wiedersehen und Franz und Warwara und …

Plötzlich stach das Tageslicht wie mit glühenden Messern durch ihre Augen. Ah, tat das weh! Wimmernd presste Olga ihre Fäuste in die Augenhöhlen.

„Weiter, weiter”, herrschte die Kyrogina sie an und riss sie mit sich fort.

Aber warum bogen sie denn auf einmal rechts ab? Wo führten sie sie hin?

Plötzlich wusste sie es: zur Krankenstation. Sie sollte untersucht werden, bevor sie sie auspeitschten. Kolja sollte ihnen sagen, wie viele Hiebe sie vertrug, damit sie ihnen nicht unter den Händen wegstarb. Sie sollte noch lange leben, noch lange gequält und gepeinigt werden.

Olga schluchzte auf.

„Warte, Mütterchen”, sagte Kolja. „Ich ziehe die Vorhänge zu, dann kannst du die Augen öffnen.”

Olga hörte das Geräusch der Vorhänge und öffnete dann die Augen einen Spalt weit. Doch das Licht war noch immer viel zu grell. Vorsichtig blinzelte sie durch die Wimpern hindurch, konnte aber kaum was erkennen.

Nachdem man ihr die Fußfesseln abgenommen hatte, setzte Kolja ihr eine Brille auf die Nase. Eine Brille mit getönten Gläsern.

Olga sah sich um. Sechs der zehn Betten waren belegt. Die meisten Frauen kannte sie kaum; sie waren aus einem anderen Block. Sie starrten sie an aus großen Augen. Mit jener Art von Grauen, mit dem man ein Gespenst aus dem Totenreich anstarren würde. Sie wussten, woher sie kam und was bald mit ihr geschehen sollte.

Dann erkannte Olga ihre Zellengenossin Natascha. Wie gut, dass sie sie endlich hierher verlegt hatten. Nun richtete sie sich auf in ihrem Bett und sah sie an, lächelnd. Es hatte etwas Verschwörerisches, fand Olga. Etwas Schwesterliches – ihr Vater war der Tod, denn dieser rasselnde Atem, das Fieber, der Husten, die roten Flecken im Gesicht, das konnte nur die Schwindsucht sein.

Plötzlich musste Natascha wieder husten. Sie presste ein Taschentuch vor den Mund.

Blut? Hustete sie schon Blut?

Olga wandte sich an den Arzt und fragte leise:

„Was ist mit ihr?”

„Setz dich”, sagte Kolja, drückte Olga auf ein freies Bett und begann seine Untersuchung: Er schaute in ihren Hals, horchte mit einem Stöpsel an ihrer Brust und tat noch mehr Unverständliches.

„Keine Lungenentzündung”, sagte er. „Nicht einmal eine Erkältung. Kein Husten. Du hast eine sehr robuste Natur.”

„Die Hiebe werde ich nicht überleben.”

„Von Hieben weiß ich nichts.”

„Wie viele wollen sie mir geben? Zehn? Zwanzig?”

„Bis morgen früh bleibst du hier”, sagte Kolja. „Du bist stark unterkühlt. Hier ist es gut warm. Außerdem gebe ich dir eine Medizin, damit du wieder zu Kräften kommst.”

„Ich will nicht wieder zu Kräften kommen.”

Kolja öffnete eine Flasche, füllte einen Löffel und hielt ihn an ihre Lippen. Das Zeug stank erbärmlich. Olga kniff den Mund zusammen.

„Ich weiß, es schmeckt abscheulich”, sagte Kolja. „Aber es wird dir gut tun.”

„Haben Sie Erbarmen, lassen Sie mich in Frieden.”

Sie hatte genug gelitten. Jetzt bloß nicht zu Kräften kommen und dann die Schläge überleben, tagelang dahinsiechen mit brennenden Schmerzen da unten im Loch, wo es so bitterkalt war und so entsetzlich einsam. Sterben musste sie doch sowieso, da war sie sicher.

„Sei doch vernünftig, Mütterchen. Nimm deine Medizin.”

Olga schüttelte den Kopf.

Da legte Kolja den Löffel ab und ging nach draußen. Würde er die Wärterinnen holen? Würden sie sie fesseln und ihr die Medizin mit Gewalt einflößen?

Nach einiger Zeit kam er zurück. Doch mit ihm kam nicht die Kyrogina sondern Praskowja, Koljas Geliebte, die immer dicker wurde, weil er sie so gut fütterte mit Konfekt und Likör. Vielleicht hatte er ihr auch ein Kind gemacht.

„Was höre ich da?”, fragte Praskowja. „Du willst deine Medizin nicht nehmen?”

Dabei stemmte sie die Fäuste in ihre üppigen Hüften und zog ein strenges Gesicht. Doch es stand ihr nicht. Praskowja war ein sanftes Mädchen, und in ihrem runden Gesicht hatte sich noch nie ein Zornesfältchen gezeigt.

„Wenn ich wieder zu Kräften komme”, erklärte Olga, „dann dauert es länger. Das ertrage ich nicht.”

„Was?”

„Sie wollen mich doch auspeitschen.”

Da lachte Praskowja schallend.