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n der tagtäglichen Hektik verlieren wir oftmals den Kontakt zu unserer inneren Stimme. Dabei kann besonders für Frauen die Begegnung mit der Göttin in ihnen zutiefst heilsam sein.
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2008
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Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Nachdruck 2013 © 2008 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH Nymphenburger Straße 86 D-80636 München Tel.: 089 651285-0 Fax: 089 652096
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Lektorat: Gisela Fehrer, München Umschlaggestaltung: Münchner Verlagsgruppe GmbH Satz: M. Zech, Redline GmbH Druck: Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN Print 978-3-86882-313-4 ISBN E-Book (PDF) 978-3-86415-097-5
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„Die Göttin ist in dir und um dich herum. Spalte ein Stück Holz und ich bin da. Hebe einen Stein auf und du findest mich.“
So ähnlich steht es im Thomasevangelium (Logion 3 und 77). Nur wurde hier „das Reich Gottes“ durch „die Göttin“ ersetzt. Haben wir es hier doch mit einer neuen frohen Botschaft zu tun. Damit, dass die Göttin sich danach sehnt, wieder mehr auf der Erde zu wirken. Auch in Ihnen und durch Ihr Denken, Fühlen und Handeln.
Das heißt nicht, dass die Göttin die Erde je verlassen hätte. Sie lässt ihre Kinder nie im Stich und ist immer bereit, Trost, Rat und Hilfe zu spenden. Sie ist immer in uns mit ihrer Anerkennung und ihrer unerschütterlichen Liebe. Wir waren es, die sich von ihr abgewendet haben. Nun ist es an der Zeit, sich wieder auf die Göttin zu besinnen, denn sie stillt unsere tiefste Sehnsucht und schenkt uns das höchste Glück.
Frauen werden die Gegenwart der Göttin als zutiefst heilsam erleben. Sie gibt ihnen ihre weibliche Würde zurück und bringt sie in ihre ureigene Kraft als Frau. Sie hilft ihnen, ihr Herz zu öffnen und auf ihre innere Stimme zu vertrauen, eine Vision für ihr Leben zu gewinnen und ihren Weg zu gehen.
Heilsam ist sie aber auch für Männer. Obwohl sie das Göttliche meist in seiner männlichen Form verkörpern, lebt die Göttin auch in ihren Herzen als ihr sanfter und fürsorglicher, ihr verletzlicher und nährender Teil. Oft verschmäht und im Außen erniedrigt. Oft unerkannt im Innern und darum süchtig im Außen gejagt.
Gesund ist das nicht. Darum sind Sie nun eingeladen, die Göttin in Ihrem Innern zu wecken und mit ihr und durch sie zu leben. Sie macht das Leben leicht und wunderbar.
Das habe ich beim Schreiben dieses Buches sehr eindrücklich erfahren. Da ich zuvor schon neun Bücher geschrieben hatte, weiß ich wohl, wie man sich beim Schreiben plagen kann. Diesmal war es anders.
Ich schrieb in diesem milden, sonnigen Herbst. Oft war ich wie verzaubert von den Farben und Gerüchen. Manchmal saß ich unter einer Silberlinde und beobachtete, wie die goldenen herzförmigen Blätter fielen. Leicht und mühelos lösten sie sich vom Baum, schwebten anmutig herab und bedeckten zärtlich die Erde. Genauso fielen auch die Seiten dieses Buches vom Baum der Göttin.
Sanft und stetig strömten mir die Ideen zu, nicht nur am Schreibtisch, sondern auch beim Meditieren und in der Entspannung, beim Duschen und Autofahren, Geschirrspülen und Blumengießen. Noch nie war ich so begeistert bei der Arbeit. Wenn Sie beim Lesen auch nur halb so viel Freude haben wie ich beim Schreiben, dann haben Sie Ihr Geld bestens investiert. Und wenn Sie etwas von Wert hier finden, dann spricht die Göttin zu Ihnen. Ich habe sie gebeten, durch ihr Buch das Leben der Leserinnen und Leser zum Guten zu wenden.
Dabei half sie mir auf jede nur denkbare Weise, indem sie für optimale äußere Bedingungen sorgte und mich auch in der übrigen Zeit den Segen ihrer Gegenwart spüren ließ. Beim Essen war sie es, die mich nährte. Ich hörte ihren Herzschlag, als ein Nachbar Holz hackte, und ihr fröhliches Juchzen, als jemand sein Motorrad aufheulen ließ. Sie begegnete mir in den Menschen – in ihren Blicken, ihren Worten und in ihrem Lächeln. Ich erkannte ihr Wirken in glücklichen Zufällen und hörte sie in der feinen, leisen Stimme der Intuition. Sie lenkte meine Schritte, und oft war ich genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Ich erfuhr die Göttin aber auch im Innern als eine stille und liebevolle Präsenz. Sie verbindet mich mit allem, was ist, und hat schon so vieles in meinem Leben zum Guten gewendet.
Möge es Ihnen auch so ergehen. Mögen Sie die Göttin in Ihrem Innern entdecken und leben. Mögen Sie erleben, wie Ihr inneres Glück Ihnen mehr und mehr auch von außen entgegenlacht.
Wahrscheinlich haben Sie hierzu schon die ersten Schritte getan. Trotzdem möchte ich Sie einladen, noch einmal ganz von vorn anzufangen, denn wir gehen den spirituellen Weg ja nicht nur einmal. Wir durchlaufen dieselben Stationen immer wieder, immer wieder neu, immer bewusster und gottseliger.
Viele Übungen, die Sie hierzu in diesem Buch finden werden, mache ich selbst seit vielen Jahren oder habe sie jahrelang gemacht. Etliche vermittle ich auch in meinen Kursen und Workshops. Sie sind also bestens erprobt. Außerdem ist für jede/n etwas dabei. Egal, ob Sie eher im Fühlen zu Hause sind, ob Wort und Klang Ihnen mehr bedeuten oder ob Sie als Augenmensch gern visualisieren.
Beginnen wir mit der ersten Fühlungnahme: Wir hören Mythen und Legenden von der Göttin und verfolgen ihre Spuren in der Natur. Dabei entdecken wir sie in allem, was da kreucht und fleucht. Der sternenübersäte Himmel ist ihr Kleid, und alle Lebewesen sind ihr Atem und ihr Herz, ihre Hände und ihr Schoß. Wen wundert es da, dass wir sie auch in den Lebensphasen und als den innewohnenden göttlichen Teil unserer Psyche entdecken können?
Im zweiten Teil erfahren Sie, wie Sie Körper und Geist auf die Begegnung mit der Göttin vorbereiten können. Sie lernen sich zu entspannen, Ihre feinstofflichen Energien auszubalancieren und den Geist ruhig und positiv zu stimmen.
Alsdann begegnen wir der Göttin im heiligen Raum, erhalten Antworten auf unsere Fragen und eine Vision für unser Leben. Dabei verwenden wir Rituale und Symbole, die unser tiefes, kindliches Selbst ansprechen, denn seine Gefühle und Energien verbinden uns mit der Göttin, sodass sie zu einer lebendigen Kraft in unserem Leben werden kann.
Noch wacher und lebendiger wird sie für uns durch Gebete, Affirmationen und Visualisierungen. Dabei öffnen wir unser Herz für den Segen der Göttin, die immer bereit ist, uns mit ihren Gaben zu überschütten: mit der Heilung des Körpers und der Seele, mit befriedigender Arbeit und liebevollen Beziehungen. Mit ihr und durch sie leben wir in der Fülle, geben mit leichter Hand und feiern das Leben.
Oder ist es die Göttin, die in uns das Leben feiert?
Ja, irgendwann erkennen wir: Die Göttin lebt in mir, durch mich und als ich. Sie ist es, die in mir arbeitet, liebt und Neues schafft.
Wer wollte sie da nicht näher kennenlernen?
Die gute Nachricht zuerst: In Ihrem tiefsten Innern, in Ihrer Essenz, in dem, was Sie wirklich ausmacht, sind Sie göttlicher Natur. Sie sind von strahlender Schönheit, überströmender Liebe und sangestrunkener Freude. Ihre Weisheit kennt keine Grenzen. Sie strotzen nur so vor Kraft und sind erfüllt von einem köstlichen Frieden, den nichts und niemand je erschüttern könnte.
Nun die schlechte Nachricht: Viele Menschen werden das nicht glauben können. Oder sie glauben es, doch sie leben und erleben es nicht, weil die Göttin in ihnen schläft.
Doch sie kann geweckt werden.
Hier mag es schon die ersten Einwände geben: Wieso sie? Wieso Göttin? Ist das Göttliche im Grunde nicht ohne Gestalt, ohne Namen, ohne Form? Ist Es nicht viel größer als alles, was wir sehen und anfassen, fühlen und benennen könnten?
Sie haben recht. Mehr lässt sich auch nicht darüber sagen, denn jedes Wort über den göttlichen Urgrund wäre eine Lüge. Oder ein Paradoxon wie: „Es ist nicht Sein und nicht Nicht-Sein, nicht beides zugleich und nicht keins von beidem.“
Damit lässt sich nicht viel anfangen. Ein bisschen langweilig ist es auch: kein Gut und kein Böse, keine Freude und kein Schmerz, kein Mann und keine Frau – keine Action im Paradies, nur Harmonie und ewige Vollkommenheit.
Irgendwann hatte Es genug davon und gebar Sein und Nicht-Sein, gebiert es noch und wird es ewig neu gebären. Dabei bleibt Es, was Es war – gestaltlos, formlos, ohne Namen, ohne Anfang und ohne Ende.
Doch zugleich öffnet Es Seinen Schoß als die Mutter von Allem-was-ist. Wunderbarerweise hat sie ihre Schöpfung nie verlassen. Sie offenbart sich hier und jetzt darin. Sie ist immer da in Wind und Blume, Stein und Tier. Wenn Sie hinausgehen in die Natur, können Sie sie erleben. Wenn Sie in sich hineinhorchen, spricht sie zu Ihnen. Und wenn Sie Ihr Leben betrachten, erkennen Sie sie.
Tatsächlich offenbart sie sich als ihre Schöpfung und hat sich schon immer offenbart, wie Sie beim Studium alter Mythen erfahren können.
Seitdem das Patriarchat hier im Westen an Macht einbüßt, wird das persönliche Göttliche immer öfter auch als weiblich erfahren, was für Frauen besonders heilsam ist. Manche sind vom Patriarchat so angeschlagen, dass sie sich schon minderwertig fühlen, weil sie „nur“ eine Frau sind. Ihnen tut es gut, wenn sie nur das Wort „Göttin“ lesen. Dabei erfahren sie: Auch etwas Weibliches kann göttlich sein.
Nun ist die Göttin aber keine Erfindung der Neuzeit. Ganz im Gegenteil. Vieles deutet darauf hin, dass sie bereits von den ersten Menschen hoch verehrt wurde. Zum Beispiel wurden aus dieser Zeit fast ausschließlich weibliche Skulpturen gefunden, und in der Mythenforschung gibt es zahlreiche Belege für einen Kult der „Großen Göttin“ oder „Großen Mutter“, der weltweit in den verschiedensten Formen ausgeübt wurde. Darum befassen wir uns jetzt mit den entsprechenden archäologischen Forschungen, den Göttinnen unserer Ahnen und ihrer Wiederentdeckung in der heutigen Zeit.
Die Große Mutter und die ersten Menschen
Zu den ersten Menschen gehörten die Neandertaler, die sich vor 100 000 bis 150 000 Jahren in ganz Europa, Nordafrika und Vorderasien verbreiteten. Ihre Schädel waren platt, und sie waren keine Halbaffen mehr. Der Schädelinhalt entsprach bereits dem der Menschen von heute, und sie besaßen schon eine menschliche Kultur. Sie bauten feste Behausungen und trugen Kleidung, sie heizten ihre Wohnungen und arbeiteten mit Werkzeugen aus Holz, Stein und Knochen. Höchstwahrscheinlich sprachen sie auch schon miteinander. Außerdem bestatteten sie ihre Toten.
Diese Totenrituale – abgehalten vor 100 000 Jahren – sind die ersten durch Funde belegten kultischen Handlungen der Menschheit. Interessant für unser Thema ist vor allem die Art, wie die Toten bestattet wurden: in Embryonalstellung in einer mit rotem Ocker bestrichenen Höhle. Darin ruhten sie wie in einer Gebärmutter. Offenbar verknüpften die ersten Menschen das Mysterium des Todes mit dem der Geburt. Wahrscheinlich glaubten sie auch an Wiedergeburt. Verständlich wäre das. Nicht nur, weil die Wiedergeburtslehre in fast allen Kulturen verbreitet war oder ist, sondern auch, weil die Menschen damals der Natur so nahe waren. Somit waren sie mit den ewigen Zyklen des Werdens und Vergehens mehr als vertraut.
Aufblühen, Fruchtbarkeit, Vergehen – immer diese Dreizahl. Da verwundert es nicht, dass die Zahl Drei bereits in den ersten Höhlenmalereien erscheint. Am häufigsten in Form von drei Strichen, drei Frauen, drei Tieren oder dem Mond in drei Phasen. Auch in den ältesten Mythen taucht die Dreizahl wieder auf als Glaube an die Große Göttin in ihren drei Gestalten als Jungfrau, Mutter und alte Weise.
Interessant sind im Zusammenhang mit den ersten kultischen Äußerungen der Menschheit – den Totenritualen – auch die Grabbeigaben: Nahrung gaben die Menschen ihren Toten schon sehr früh mit auf den Weg, ab 48 000 bis 44 000 vor Christus kamen noch Heilpflanzen hinzu. Nun gehörte die Nahrungszubereitung aber zur Domäne der Frauen, vermutlich auch die Heilkunde.
Dass das nährende, lebenserhaltende Prinzip in Gestalt des Weiblichen sehr verehrt wurde, bestätigen weitere archäologische Funde: Die ältesten je gefundenen Statuetten sind fast ausschließlich weiblichen Geschlechts. Sie sind 30 000 bis 40 000 Jahre alt und wurden in großer Zahl im gesamten nordeuroasiatischen Raum gefunden. Hierbei handelt es sich nicht um Kinderspielzeug, sondern um Objekte der Verehrung, denn die Statuetten befanden sich in eigens dafür geschaffenen Nischen in Wohnhöhlen und Behausungen.
Außerdem wurden auch Statuetten von Tieren gefunden und ein paar wenige, die Männer darstellen oder darstellen könnten. Genau zu erkennen ist das selten, denn sie haben oft einen androgynen Charakter oder sind maskiert. Sie werden auch nicht als starke Helden dargestellt, sondern als gefährdet oder hilflos und unterlegen im Kampf gegen wilde Tiere.
Ganz anders die weiblichen Statuetten. Die berühmteste davon ist die Venus von Willendorf: mächtig, in sich ruhend und mit ausgeprägten weiblichen Formen. So ähnlich sehen die meisten aus. Nicht selten sind sie schwanger.
Offenbar liebten und verehrten die Menschen damals das Mütterliche, Lebensspendende, Lebenserhaltende. Zugleich hatten sie großen Respekt vor ihrem dunklen Aspekt: Am Ende nimmt Mutter Erde alles Verbrauchte wieder in sich auf; alles kehrt in ihren Schoß zurück.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Geburt und Tod waren in den damaligen Jägerkulturen fast allgegenwärtig und wurden so eindrücklich erfahren, dass sich hieran das religiöse Empfinden entzündete, und zwar in seinen beiden Aspekten des Faszinosum und Tremendum, also der Verehrung und des heiligen Schreckens. Beides war für die ersten Menschen offenbar mit dem Ur-Weiblichen verknüpft. Dies belegen die Grabfunde und die Frauenstatuetten.
Das weibliche Göttliche in der Steinzeit
Nach dem Abklingen der Eiszeit – also vor etwa 10 000 Jahren – veränderten sich die Lebensbedingungen. Es gab mehr Bäume und weniger Wild. Das Mammut und das Wollhaarnashorn starben aus. Die höheren Jägerkulturen mussten sich neu anpassen, und ihr kulturelles Leben kam vermutlich zum Erliegen. Jedenfalls wurden aus dieser Zeit keine Skulpturen oder Malereien mit religiösen Motiven gefunden.
Zweitausend Jahre später begannen die Menschen – zuerst im Vorderen Orient – Felder zu bestellen und Tiere zu halten. Nun waren sie der Natur nicht mehr völlig ausgeliefert, sondern begannen sie zu beherrschen. Trotzdem dürfte die Verehrung der Großen Mutter das Lebensfundament geblieben sein, denn das mütterliche Prinzip wurde ja sehr eindrücklich erfahren beim Hegen und Pflegen der Haustiere und beim Keimen und Wachsen der ausgesäten Pflanzen.
Diese Verehrung des Weiblichen ist auch durch archäologische Funde belegt, und zwar bis in die beginnende Stadtkultur hinein. In der – nach Jericho – zweitältesten Stadt der Menschheit, in Catal Hüyük, war der Platz der Hausfrau erhöht. (Der Ausdruck „Nur-Hausfrau“ wäre in jener Kultur eine Lachnummer gewesen.) Außerdem wurden fast ausschließlich weibliche Statuen gefunden, und auf Gefäßen, Votivtafeln und Malereien wurden vorrangig Frauen und Kulthandlungen dargestellt, Fruchtbarkeitstänze etwa und Trank- oder Brandopfer. Blutopfer gab es keine. Überhaupt war die von 6500 bis 5720 vor Christus besiedelte Stadt in Anatolien absolut friedfertig: Es gab weder Stadtmauern noch persönlichen Besitz und allenfalls Jagdwaffen.
Vom Vorderen Orient aus breitete sich die Steinzeitkultur sehr weit aus. Wahrscheinlich waren die Steinzeitmenschen ein Seefahrervolk, denn ihre Hinterlassenschaften finden sich vor allem auf Inseln, in Küstennähe oder an Flussläufen. Neben den berühmten Tempeln von Malta und Sardinien, die der Großen Mutter geweiht sind, gehören auch die Steinsetzungen auf den Osterinseln und die Menhire in der Bretagne, die Hünengräber in Norddeutschland und die weitverbreiteten Dolmen und Steinkreise dazu. Stonehenge ist der berühmteste Steinkreis, jedoch wurden allein in Großbritannien an die tausend gefunden. Sogar in Afrika, Asien und der Südsee wurden Steinsetzungen entdeckt.
Selbstverständlich wissen wir wenig über die Kulte und den Glauben, den Alltag und die Sozialordnung der Steinzeitmenschen. Von ihnen sind auch keine Profanbauten erhalten geblieben. Nur die Sakralbauten wurden für die Ewigkeit gebaut. Diese aber waren der Großen Göttin geweiht.
Ganz am Anfang hatten die Menschen noch keinen Namen für sie. Das hätte ihrer Ganzheit und Totalität widersprochen. Als sie begannen, die Natur zu beherrschen, gaben sie der Großen Göttin einen Namen und erzählten sich Geschichten über sie. Sehr verbreitet war zum Beispiel der Mythos von der Heiligen Hochzeit, die die Große Göttin im Frühjahr mit ihrem Sohn-Geliebten feierte. Dieser stirbt im Herbst und geht in die Unterwelt, um im nächsten Frühling wieder neugeboren zu erwachen.
In späterer Zeit wurde die Große Göttin in vielen Kulturen von mehreren kleineren Göttinnen abgelöst. Diese standen anfangs für je einen ihrer drei Aspekte der Jungfrau, Mutter und weisen Alten. Die späteren Göttinnen waren dann nur noch für verschiedene Bereiche zuständig, zum Beispiel für das Herdfeuer, die Seefahrt oder die Gerechtigkeit. Mit der Zeit verloren sie immer mehr an Einfluss und Ansehen und wurden schließlich zu Töchtern, Gespielinnen oder Opfern. Gleichzeitig wurden die männlichen Götter immer mächtiger. Schließlich beanspruchten sie gar den obersten Thron im Götterhimmel und das schöpferische Prinzip, das heißt, sie bekamen Kinder, die zum Beispiel aus ihrem Kopf sprangen. Damit sind wir im Patriarchat angelangt.
Im euroasiatischen Raum ereignete sich der hier beschriebene Umbruch in der Zeit von 2500 bis 1000 vor unserer Zeitrechnung. Anhand von Mythen der verschiedensten Völker lässt er sich gut nachvollziehen.
Im 1. Jahrtausend vor Christus siedelten die Kelten in Europa. Leider wissen wir wenig über ihre Religion, da sie alles, was ihnen heilig war, nur mündlich überlieferten.
Einige ihrer Göttinnen wurden aber dennoch bekannt, zum Beispiel Brigid, die Göttin des Feuers und der Inspiration, die besonders von Dichtern und fahrenden Sängern verehrt wurde. Bei ihrer Geburt, so sagt eine Legende, sei eine Flamme aus ihrem Kopf geschossen und habe sie direkt mit dem Kosmos verbunden. Ebenso verehrt wurde unter anderem auch Medb: Sie sprach mit Vögeln, konnte schneller laufen als ein Pferd und jeden Mann durch einen einzigen Blick in rasende Leidenschaft versetzen.
Außerdem erzählte man sich Geschichten vom legendären Volk der Túatha Dé Danann. Ihre göttliche Urmutter hieß Dana oder Danu. Ihr Name erinnert an Danae, die Große Göttin auf Kreta.
Die keltische Dana besaß einen Kessel des Überflusses. Dieser füllte sich immer wieder von allein mit Nahrung, Heilkräutern und Met, der die Dichter und Sänger inspirierte. Im Frühjahr feierte Dana mit ihrem Geliebten Dagda die Heilige Hochzeit und schenkte ihm den Kessel. Im Herbst musste Dagda ihn allerdings wieder hergeben, denn dann wurde er vom Blitz erschlagen und wanderte in die Unterwelt, aus der er im nächsten Frühjahr wiederkehrte. Mit dem Übergang zum Patriarchat wurde Dagda immer mächtiger und behielt schließlich den Kessel. Dieser könnte der Ursprung der mittelalterlichen Gralslegenden gewesen sein, entstanden im keltischen Irland und in Nordbritannien, das die Römer nie erobern konnten.
Ursprünglich waren die Römer ein Bauernvolk, das zum Beispiel die Erde, die Ernte und andere Naturerscheinungen als göttlich verehrte. Ab dem 5. Jahrhundert vor Christus importierten sie die griechische Götterwelt, die von einem männlichen Gott regiert wurde: Zeus, der bei den Römern Jupiter hieß.
Immerhin gab es aber auch weibliche Gottheiten wie die Familiengöttin Juno (griechisch Hera), die Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin Ceres (gr. Demeter) oder Diana (gr. Artemis), die jungfräuliche Göttin der Jagd und des Mondes. Die Römer duldeten aber auch andere Religionen, in denen Göttinnen ein höheres Ansehen genossen.
Hierzu zählt vor allem der Isis-Kult, der ab dem 1. Jahrhundert im ganzen Römischen Reich verbreitet war. Isis war die Große Göttin der Ägypter. Von ihr heißt es, sie habe den zerstückelten Leichnam ihres Bruders und Gatten Osiris wieder zusammengefügt und von ihm einen Sohn empfangen. Die Reste von Isis-Tempeln fand man in Maria Saal, Köln, Mainz und London. Im Rheinland wurden die Festtage der Isis ausgelassen gefeiert. Männer verkleideten sich als Frauen oder Bären, und man zog Wagen, die wie Schiffe aussahen, durch die Stadt. Das zelebrieren die Rheinländer bis heute so und nennen es – Karneval. Auch die Bilder und Statuen von Isis mit ihrem Sohn Horus erscheinen uns heute seltsam vertraut: Die Darstellungen der Maria mit ihrem Kind wurden der ägyptischen Göttin nachgebildet.
Wenn wir unseren religionsgeschichtlichen Wurzeln nachspüren, dürfen wir auch die Germanen nicht vergessen. Sie scheinen eine matrizentrische Vergangenheit gehabt zu haben. Ihre Große Göttin war vermutlich Jörd, das nordgermanische Wort für Erde.
Ursprünglich wohnte Jörd in einem heiligen Hain auf einer Insel weit im Westen des Ozeans. Von dort kam sie auf einem Schiff zu den Menschen und brachte die Sonne mit. Wenn sie an Land ging, wurde sie überall begeistert empfangen. Alles war mit Blumen geschmückt und die Waffen wurden weggeschlossen. Es herrschte Frieden. Es wurde gefeiert. Die Menschen liebten sich.
Als das Patriarchat mächtiger wurde, verwandelte sie sich in den männlichen Gott Njörd und war nun nicht mehr die Mutter, sondern der Vater der Fruchtbarkeitsgöttin Freyja.
Die Germanen wurden noch patriarchaler, als sie das Christentum annahmen. Entstanden ist es aus dem Judentum, das keine Göttinnen kennt, sondern nur den einen Gott.
Interessant ist in diesem Zusammenhang der Trinitätsglaube: der Glaube an den einen Gott in drei Gestalten als Gott-Sohn, Gott-Vater und Heiliger Geist. Jesus hat dergleichen nie gelehrt. Aufgekommen ist diese Idee erst in Europa, offenbar basierend auf Erinnerungen an die Große Göttin in ihren drei Gestalten als Jungfrau, Mutter und der weisen Alten. Hier wurde nur das Geschlecht verändert.
Doch so ganz ausrotten ließ sich die Große Göttin nie, nicht einmal in der ansonsten doch sehr patriarchalen katholischen Kirche. In ihren Hymnen verehrt sie Maria als Himmelskönigin, erhabene Frau und Herrscherin. Sie wird gepriesen als Tor des Lichtes, als edle Rose und als Wurzel, der das Heil entsprießt. Als Mutter der Barmherzigkeit bietet sie uns Schirm und Schild und spendet Trost in der Verlassenheit. Sie ist unsere Fürsprecherin, unsere Hoffnung und unseres Lebens Freud.
In manchen alttestamentarischen Bildern zeigt Jehova auch eine weiche, weibliche Seite und aramäische Sprachkundler/innen weisen darauf hin, dass Jesus seinen Gott meist mit „Abba“ anredete. Das bedeutet Papa oder Papi, aber auch Schatz, Geliebte. Darum dürfte Jesus nichts dagegen haben, wenn unsere „Abba“ die göttliche Mutter ist, denn er hatte ein großes Herz für Frauen. Im Logion 101 des Thomasevangeliums steht sogar: „Meine wahre Mutter hat mir das Leben geschenkt.“ (Tatsächlich, da steht „Mutter“, das habe ich nicht umgedichtet.)
Übrigens hat Jesus sich nie als einzigen Sohn Gottes bezeichnet und sehr oft sprach er auch von unserem himmlischen Vater (siehe unter anderem Matthäus 5,16 und 5,48). Wenn er also sagen konnte: „Der Vater und ich sind eins“, dürfen wir in seinem Sinne sprechen: „Die Göttin und ich sind eins.“
Das Patriarchat herrscht nun seit etwa 3 000 Jahren in unserer Kultur. Ihm verdanken wir die Annehmlichkeiten des modernen Lebens und die großartigen Kulturleistungen. Dagegen war das Leben in der Urzeit dermaßen hart und gefährlich, dass wohl niemand ernsthaft dahin zurückmöchte. Wer will schon jeden Tag eimerweise Wasser schleppen oder auf einem offenen Feuer kochen?
Doch zum Patriarchat gehören auch Hierarchien, Privateigentum und Machtentfaltung. Hieraus resultieren Kriege, die Ausbeutung der Natur und die Gewalt gegen Frauen und Kinder. Und im spirituellen Leben erzeugt es ein Ungleichgewicht. Wenn Männer immer nur einen männlichen Gott anbeten, wie können sie da ihre weibliche Seite entdecken und leben? Wie können sie als Menschen heil und ganz werden? Und wenn Frauen immer nur einen männlichen Gott anbeten, wie können sie da ihre Selbstachtung bewahren und zu ihrer weiblichen Würde finden? Wie können sie das ihnen innewohnende Göttliche entdecken und leben, wenn sie nicht zuvor erfahren haben, dass das Göttliche auch weiblich sein kann?
Glücklicherweise wird das weibliche Göttliche in unserer Kultur nun wiederentdeckt. Viele Frauen verehren und feiern es in Jahreskreisfesten in und mit der Natur. Wicca und Hexenkulte, Naturreligionen und Neuheidentum bekommen immer mehr Zulauf. Ihre Anhängerschaft ist sehr bunt und vielgestaltig, doch in das Lied der Sternengöttin dürften wohl die meisten einstimmen. Hier heißt es unter anderem:
Nun kennzeichnet es unsere multikulturelle Gesellschaft, sich auch für fremde Völker zu öffnen. Viele Menschen wenden sich östlichen Lehren zu, zum Beispiel dem Daoismus. Interessanterweise ist das älteste Zeichen für Dao – der Urgrund von Sein und Nichtsein – ein Piktogramm von Fußstapfen und einem Kopf mit langen Haaren – der Weg der Großen Göttin.
Im Daodejing, dem Klassiker des Daoismus, bekennt sich Laozi im 20. Kapitel als Verehrer der nährenden Mutter und schreibt unter anderem im ersten Kapitel:
Im tibetischen Buddhismus ist die Praxis der grünen Tara sehr beliebt und wird inzwischen auch von deutschen Dharma-Lehrerinnen vermittelt, allen voran Sylvia Wetzel.
Der Legende zufolge hatte Tara als Prinzessin Mondengleiche Weisheit eine so hohe Stufe der Verwirklichung erreicht, dass sie ihre nächste Inkarnation frei wählen konnte. Natürlich redeten die Mönche ihr gut zu, sie solle einen männlichen Körper wählen. Doch sie entschied: „Von nun an bis zum vollständigen Erwachen werde ich nur weibliche Verkörperungen annehmen, als Vorbild und Inspiration für alle Frauen auf dem Weg.“ So geschah es. Und weil ihr heilsames Wirken zahllose Wesen zur Befreiung führte, erhielt sie den Namen „Tara“, die Befreierin. Sie wird auch als Mutter aller Buddhas verehrt. Tara-Praktizierende rufen sie an und visualisieren ihre Gestalt. Auf höheren Stufen der Meditation identifizieren sie sich mit ihr, sodass sie die Psyche umgestalten und den Alltag verwandeln kann.
Auch im Schamanismus, im hinduistischen Shaktismus und in afroamerikanischen Religionen wird das weibliche Göttliche verehrt. Wenn Sie sich also zu einer bestimmten Kultur hingezogen fühlen, dann können Sie dort dem weiblichen Göttlichen nachspüren.
Pilgern Sie mit offenem Herzen und offenen Sinnen durch Tempel und Museen, Ausstellungen und Büchereien. Wenn eine bestimmte Göttin auf die eine oder andere Weise zu Ihnen spricht, können Sie sich ein Abbild oder eine Statue von ihr beschaffen. Oder Sie malen ein Bild von ihr, das Sie an einen schön geschmückten Platz stellen können. Hier können Sie sich in innerer Stille mit der Göttin verbinden. Selbstverständlich können Sie auch mit ihr sprechen und ihr Ihr Herz ausschütten. Vielleicht kennen Sie auch ein Lied, Gebet oder Gedicht, das ihre Qualitäten preist. Diese schlummern auch in Ihnen und werden beim Singen oder Rezitieren geweckt.
Visuell veranlagte Menschen können sich sehr gut mit der Göttin verbinden, wenn sie ein geeignetes Bild von ihr betrachten. Ich selbst habe viel mit Bildern der grünen Tara und Kuan Yin meditiert. Wirklich lebendig wurde sie mir aber erst, als ich begann, zur Göttin zu beten, mich in der stillen Meditation auf sie einzustimmen und mich im Alltag auf ihre Gegenwart zu besinnen. Auch in der Natur habe ich sie oft erfahren.
