Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Nach dem Tod ihres Mannes, dem nur wenige Jahre später ihr neuer Lebenspartner in den Tod folgt, verlässt die neunundsechzigjährige Wilhelmina Groß die „äußere Welt“ und setzt sich in der „inneren Welt“ eines Altersheims zur Ruhe. Ihr Bekanntenkreis ist von ihrer Entscheidung völlig überrascht. Auch ihr einziges Kind, ihr achtundvierzigjähriger Sohn Andreas, versteht die Entscheidung seiner Mutter nicht. Sie könne sich mit Vaters Pension einen „anspruchsvolleren“ Lebensabend gestalten. Seine Sorge um die Mutter deckt ungeklärte Ressentiments ihr gegenüber auf. Er wird mit den daraus resultierenden Selbstvorwürfen nicht fertig. Auch sieht er in seiner Über-Sensibilität hinter allem, was die Mutter sagt, versteckte wie offene Angriffe gegen seine Person. Während Andreas an seinen Bemühungen, das Verhältnis zwischen sich und der Mutter zu verbessern, verzweifelt, entdeckt Wilhelmina in ihrer neuen Umgebung überraschenderweise neue Perspektiven. Ohne sich dagegen wehren zu wollen, akzeptiert sie die Werbung eines sympathischen noch frischen Mitbewohners. Sie nehmen beide an einem Französischkurs für Senioren teil. Wilhelmina sieht darin die Chance, ihren Traum von Paris, wenn auch nur als Touristin, einzulösen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 406
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Rolf Baldsiefen, geboren 1943 in Lindlar, arbeitete zunächst als Schriftsetzer, später als Lehrer an Haupt- und Gesamtschule, als Liedermacher und als Maler. „Sie ist wie sie ist“ ist nach „Laienspieler“ (2007) sein zweiter Roman.
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
70. Kapitel
71. Kapitel
Wenn etwas Erfreuliches, von niemandem Erwartetes und für niemanden Vorstellbares geschieht, dann sprechen die Leute gerne von einem Wunder. Auch Wilhelmina Groß tat etwas, was niemand verstand. Die Wenigen, die zum kleinen Kreis ihrer Bekannten zählten, sahen in ihrem plötzlichen Entschluss, ihre Zelte abzubrechen, nichts Erfreuliches. Waren die Kontakte auch gering, so war Wilhelmina doch eines dieser kleinen Mosaiksteinchen, ohne das das Bild von Gewöhnung, Verlässlichkeit und ewiger Harmonie erschüttert wurde. Auch befürchteten sie, dass sie schon bald ihre Entscheidung bedauern würde. Obwohl die Zeit, in der sie Wilhelminas Weggang verdauen mussten, nur kurz war, zeigten sie doch in ihren Gesprächen, wie sehr sie sich darüber wunderten. Von einem Wunder im klassischen Sinne konnte allerdings nicht die Rede sein. Sie nannten es denn auch in ihrer rheinischen Art lustvoller Übertreibung ein „blaues Wunder“. Nach dem Abklingen kurzfristigen Verwirrtseins brauchten sie wieder eine Zeit, bis sie sich erneut wunderten. Diesmal allerdings über sich selbst. Sie wunderten sich, dass sie Wilhelminas Handeln damals so falsch verstanden hatten.
Seit einer Stunde steht sie am Fenster. Sie hat ihren Kopf ein wenig nach hinten gebogen. So kann sie besser durch ihre Brille sehen. Eine neue, eine Kassenbrille, könnte sie beantragen. Für eine schickere müsste sie etwas zuzahlen. Sie sieht nicht ein, für „das bisschen Verbesserung“ an ihre Ersparnisse zu gehen. Sie ist neunundsechzig. Lesen hat sie schon seit längerem stark reduziert. Für die wichtigen Informationen der Versicherungen und die Mitteilungen des Hauses reichen die Dioptrien ihrer alten Brille. Da braucht sie nur ihre Pupillen an den unteren Rand ihrer Augen zu senken, ohne den steifen Nacken strapazieren zu müssen. Was in der Welt geschieht, erfährt sie aus der „Tagesschau“. Auch darauf könnte sie verzichten. Die machen ja doch, was sie wollen. Damit meint sie alle wichtig scheinenden und wichtigtuerischen Personen, die in den wenigen Sendeminuten auf dem Bildschirm in Erscheinung treten. Zu oft ist sie von „denen“ in ihrem bisherigen Leben betrogen worden. Das sagt sie, obwohl die meisten von „denen“ schon längst nicht mehr auf der Erde weilen und sie aufgrund ihres ausgesprochenen Desinteresses über die heute vor der Kamera Agierenden so gut wie nichts weiß.
Die viel zu schwere Brille drückt ihr auf die Nasenwände. Die sind in den letzten Jahren dünner geworden, fast wie Schmetterlingsflügel. Was soll’s, dann atme ich eben mehr durch den Mund.
Sie schaut auf die vielen kleinen Bäche, die der Regen schon seit Tagen mit kurzen Unterbrechungen über das zweiflügelige Fenster ihres kleinen Zweibettzimmers fließen lässt. Ein Vorhang wie aus Gaze. Sie schaut mehr des Schauens wegen. Sehen kann sie nicht viel. Die Krone der alten Kiefer ragt bis über den dritten Stock des Elisabethstiftes hinauf. Den Tanz der Äste nimmt sie nur schemenhaft wahr. Die Autos auf der entfernt vorbeiführenden Schnellstraße singen auf dem nassen Asphalt. Aquaplaning. Andreas sprach bei seinem letzten Besuch von Aquaplaning. Je länger Wilhelmina vor sich hinstarrt, desto leichter entfernt sich ihr Blick aus der Monotonie des ewig fließenden Wassers. Auch ist es ihr, als dringe der Regen ungehindert durch die dicken, schweren Brillengläser in ihre alten Augen. Sie sind oft feucht und es ist schwer, auszumachen, ob es nicht hin und wieder Tränen sind. Der Regen ist ihr Freund. Auch heute gewährt sie ihm Einlass in ihr Fensterprogramm und es ist so, als ob er als Freundschaftsbeweis ihre Gedanken reinwaschen wolle.
Vor fast zehn Jahren, ich war gerade neununddreißig geworden, hatte mich meine Firma mit der Verkaufsleitung ihrer Hamburger Zweigstelle betraut. Herr Groß, wir sind überzeugt, dass sie dieser schweren Aufgabe gewachsen sind. Wenn das so ist, wenn die soviel von mir halten – na denn, ran an den Speck. Bis dahin war ich einige Jahre lang kreuz und quer erst durch die alte Bundesrepublik und die letzten zwei Jahre dann auch durch die neuen Bundesländer gereist. Dabei hatte ich oft genug meine Qualitäten als Verkäufer beweisen können. Ein schwerer Beruf. Die ständige Angst, morgen schon Kunden zu verlieren. Die Konkurrenz tags und nachts im Nacken. Oft war es nicht möglich, mehr als vier Stunden zu schlafen. Aber mein zweites Ich hatte gelernt zu funktionieren. Verständnis gab es nicht in meinem Verkäufervokabular. Ich wusste um die Gefährlichkeit eines Nachgebens. Ich hielt mich an die einmal geschluckte Order, nie ein Nein eines Kunden ohne hartnäckiges Nachsetzen hinzunehmen. Nie ließ ich einen prospektiven Käufer von der Angel. In meiner Einstellung auf den jeweiligen Kunden nutzte ich das Erlernte aus den Kurzseminaren in Verkaufspsychologie. Ich fehlte nie auf den Konferenzen der Firma, auch wenn ich gerade, weit weg von der Zentrale, meiner gewohnten Kundenbetreuung nachging. Nach meiner Beförderung zum Verkaufsleiter war ich dann, Gott sei Dank, nicht mehr so viel unterwegs, hatte eine geregelte Arbeitszeit und die Höhe meines Gehalts gab meinem ersten Ich bessere Möglichkeiten, etwas mehr vom Leben mitzubekommen. Ich musste dafür allerdings bei häufigen Konflikten zwischen meinen beiden Ichs unliebsame Entscheidungen treffen, die nicht nur den von mir gemaßregelten Mitarbeitern qualvolle Tage und Nächte bereiteten. All mein Handeln hatte im Dienst der Firma zu geschehen. Da durfte es keine Rücksichten geben. Und genau das machte mir sehr zu schaffen, waren doch die kleinen und größeren Übeltäter mit der Zeit zu sympathischen Mitarbeitern geworden, die ich nicht verlieren wollte. Einen Kollegen musste ich vor den Betriebsrat bringen, weil seine Kilometerangaben in keiner Weise mit den realen Entfernungen zwischen Wohnung und Kunde übereinstimmten. Es waren die Verführungen eines „heißen Mäuschens“, die ihn weit weg von der Wegstrecke gelockt hatten. Seine Entlassung macht mir heute noch zu schaffen, aber Betrug gehörte zu den Vergehen, die ich nur so ahnden konnte, um nicht selbst in die Bredouille zu geraten.
Meine Eltern sahen mich nur wenige Male im Jahr. Nur an verlängerten Wochenenden oder in den Ferien waren meine Kurzbesuche möglich. Fünfhundert Kilometer Autobahn sind kein Pappenstiel. Doch das Kilometerfressen gehörte zu meinem Beruf.
Ich erinnere mich an eine dieser Fahrten. Am Abend zuvor war es spät geworden. Paul, mein bester Freund, hatte zur Geburtstagsparty eingeladen. Da durfte ich auf keinen Fall fehlen. Paul war mir und den anderen Freunden oft schon Retter in großer Not gewesen. Egal mit welchen Defekten unsere Autos liegen blieben, Paul machte sie wieder flott. Ich wollte mich vor meiner Fahrt ausschlafen. Der Tag war lang und es war egal, ob ich erst am Nachmittag ankommen würde. Aber wie gewohnt, war schon um acht Schluss mit der Nachtruhe. Auch drängte es mich, zu meinen Eltern zu fahren. Nach vierhundert Kilometern war dann trotz Routine auf meine Konzentration nur noch wenig Verlass. Als ich mich nach der Fahrt fragte, woran ich mich erinnerte, hatte ich es mit einer Antwort schwer. Erinnerte ich mich vielleicht an Mitbenutzer der Autobahn wie PKW, LKW, die mich durch ungewöhnliches Manövrieren zwangen, wach zu bleiben? Oder fielen mir Unregelmäßigkeiten ein, wie Baustellen, Neuregulierungen der Strecke, Hilfestellungen durch Schilder, Blinkanlagen oder gar durch lebendige Verkehrspolizisten? Und das war meine Erkenntnis: ein Stück Deutschland durchquert, Verkehr bewusst und unbewusst gemanagt, Lebensgefahr ausgeschaltet, siebten Sinn hoch gepuscht und unverantwortlich überfordert. Und – meine berufliche Laufbahn gefährdet. Ich hätte mit der Bahn fahren sollen. Aber die Fahrt mit dem Auto, so sah ich das damals, hatte ihre Vorteile: mehr Freiheit in der Zeitplanung, kein wehrloses Ausgeliefertsein an logorrhöekranke Mitreisende, hygienische Toiletten in den Autobahnrestaurants und noch einiges mehr. Zum Glück waren es nur die wenigen Fahrten im Jahr.
Auch als Mutter schon im Elisabethstift wohnte, änderte sich dieser Besuchsrhythmus nicht. Ich weiß noch, wie ich damals von der Autobahn runter gleich zum Stift gefahren bin. Ich weiß auch noch, dass schon während der letzten Kilometer mein Magendrücken eingesetzt hatte. Es war immer das Gleiche. Ich hatte schon aufgehört, mit Freunden über dieses Problem zu sprechen, nach einer Erklärung zu suchen und einen Weg zu finden, um aus diesem Dilemma herauszukommen. Wie kann man als Mann sich mit solchen Lappalien aufhalten, hieß es dann. Als Mann in meinem Alter, mit der Lebenserfahrung. Peng! Da wusste ich es. Also ließ ich es bleiben. Ich tröstete mich damit, dass mein Mutter-Frust sich schon kurze Zeit nach meinem Abschied ohnehin auflösen würde. Und als ich nun auf dem Parkplatz stand, kamen sie wieder, diese Fragen, auf die ich bis heute nicht die richtigen Antworten gefunden habe. Warum fuhr ich nicht gleich zum Hotel, um mir eine halbe Stunde lang den Stress der langen Fahrt aus den Knochen zu schlafen? Was war das, was mich zu meiner Mutter hindrängte, mich aber gleichzeitig wie gelähmt auf dem Fleck verharren ließ? Konnte ich vielleicht das Gefühl nicht ertragen, Mutter an die zweite Stelle meiner momentanen Bedürfnisse gestellt zu haben? Fürchtete ich ihre spitzen Pfeile, die sie abschießen würde, wenn ich unter einem unerklärlichen Zwang mich verplappern und ihr Anlass bieten würde, ihre Zweitrangigkeit herauszuhören? Als ich die Tür meines BMW abgeschlossen hatte, schaute ich noch eine Weile über das Auto hinweg auf Mutters neue Heimstatt.
Wenige Monate, nachdem sie volljährig geworden war, hatte sie mich zur Welt gebracht. Sechs Jahre nach dem Krieg. Es waren noch nicht alle Trümmer beseitigt. Ob das der richtige Augenblick war, eine Familie zu gründen? Sie hatte diese Frage später immer mit Nein beantwortet. Als das Geschehen um mich herum begann, sich als Erinnerung in mein Gehirn einzugraben, muss in meinem Elternhaus Friede, Freude, Eierkuchen geherrscht haben. Fast unbeschwert verlief unsere Beziehung während der ersten Jahre. Ich betone „fast“, wären da nicht Mutters kaum zu begreifenden sporadischen Wutausbrüche gewesen. Es muss in der Zeit gewesen sein, als ich mich freute, endlich in die Schule gehen zu dürfen. Sie machte gerade Hausputz. Ich wollte in mein Zimmer und hätte an ihr vorbei gemusst. Natürlich wartete ich, bis sie den frisch geschrubbten Boden frei gegeben hätte. Ich stand mit keinem Fuß im Nassen. Auf einmal riss sie ihren Körper herum, packte mich am Arm und zog mich einige Zentimeter heraus aus der Gefahrenzone. Sie hatte mir wehgetan. Doch war das noch nicht alles. Sie brüllte mich an, ich solle ihr nur ja nicht über den nassen Boden laufen. Dabei schleuderte sie mir tödliche Blicke entgegen. So hatte ich sie noch nie erlebt. In meinem kindlichen Kopf entstand der Eindruck, Mutter nicht nur räumlich im Wege zu sein. Später, ich lag im Bett und war schon eingeschlafen, hörte ich aus dem Schlafzimmer meiner Eltern einen heftigen Streit. Ich war plötzlich hellwach. Nichts entging mir von ihren gegenseitigen Anfeindungen. Ich hörte, wie Mutter meinem Vater vorwarf, durch ihre Heirat sie vom Traum, eines Tages in Paris arbeiten zu wollen, dort zu lernen und die Welt der Haute Couture schnuppern zu wollen, abgebracht habe. Auch wenn sie nur ein kleines Rädchen bei der Schöpfung schöner Kleider geblieben wäre, fügte sie an. Dann hörte ich, wie Vater sagte, sie seien doch verliebt gewesen, ob sie das denn nicht mehr wisse. Ich wunderte mich über Vaters ruhige Art zu antworten. Nach einer kurzen Pause wurde auch ich Gegenstand der Auseinandersetzung. Man habe sich zu Beginn der Ehe geeinigt, kein Kind zu bekommen. Jawohl, das habe man. Er alleine sei schuld, dass es dann doch anders gekommen sei. Er habe schließlich sein Versprechen, beim Geschlechtsverkehr aufzupassen, nicht eingehalten. Sie könne ihm seither nicht mehr trauen. Und dann ging es weiter in ihrem vorwurfsvollen fast jämmerlichen Ton. Wegen mir habe sie ihren Beruf aufgegeben. Als Hausfrau und Mutter eigne sie sich ganz und gar nicht. Aber das wolle er ja nicht begreifen. Ich hörte, wie mein Vater sie beruhigte. Es sei doch bis jetzt eine schöne Zeit mit mir gewesen. Dann muss er wohl eingesehen haben, besser nichts mehr zu sagen. Nach einer langen Pause war denn meine Mutter wieder an der Reihe. Das stimme ja auch. Er habe ja Recht. Es sei ja auch bisher schön gewesen, aber… Was dann noch gesprochen wurde, kam bei mir nur noch verschwommen an. Sie hatten leiser gesprochen. Außerdem hatte sich meine Müdigkeit in lähmender Weise gegen meine Neugier durchgesetzt. Gott sei Dank hielten Mutters Wutausbrüche nicht lange an. Ich hatte mir allerdings vorgenommen, in Zukunft ein wenig wachsamer zu sein, um möglichst früh genug ihren Stimmungsumschwung zu erkennen.
Viel lieber, als an diese unverständlichen Szenen, erinnere ich mich an Mutters großartige Schauspielkunst in unserem Mutter-Kind-Theater. Ihre spontanen Einfälle, ihre Lust, mit Sprache zu jonglieren, hatten mich schon früh gereizt, es ihr nachzumachen. Nie konnte ich genug kriegen von ihrer Zauberei, von ihrer Stimme, ihrer Gestik und Mimik, womit sie die unterschiedlichsten Charaktere in ihren Märchen oder selbst erfundenen Geschichten gegeneinander abgrenzte und eine Vielfalt an Stimmungen erzeugte.
Ich war gerade zehn geworden. Es war das Jahr, in dem das Ulbricht-Regime aus einem Berlin zwei machte. Tagelang war von nichts anderem die Rede als vom Mauerbau. In einer Pause zwischen den Fernsehberichten teilte Mutter mir und Vater mit, sie wolle eine Heimarbeit annehmen, die ihr wahrscheinlich große Freude mache. Gleich vom nächsten Tag an nähte sie für ein Brautmoden-Fachgeschäft. Dieses hatte von ihrer Profession als Schneiderin gehört und schon bald ihre Qualifikation erkannt und zu würdigen gewusst. Vater war froh, dass sie neben ihrer Aufgabe als Mutter in ihrem erlernten Beruf Erfüllung finden konnte. Wer geglaubt hatte, Mutters Launen würden nun aufgrund von Zufriedenheit mit ihrer Arbeit nachlassen, der hatte sich getäuscht. Immer häufiger wurde ich Opfer ihrer Ungeduld. Um nicht von ihrer Arbeit abgelenkt zu werden, bediente sie sich des Repertoires ihres Gesichtstheaters. Statt ihre Gedanken auszusprechen, gab sie mir durch brummiges Benehmen, durch Seufzer, melancholische Augenaufschläge und andere durchsichtige Hinweise zu verstehen, dass mein Verhalten von ihr in diesem Moment keine Zustimmung erfahren könne. Mein Vater überließ ihr, selbst an seinen Feierabenden, die Erziehungsarbeit. Er konnte nicht schnell genug auf sein Rennrad. Wenn er dann vom „Kilometermachen“ zurückkam, war es schon spät. Vielleicht wäre einiges besser gelaufen, wenn er sich mehr in die täglich anfallenden Aufgaben eingebracht hätte, wenn er Mutter nicht allein gelassen hätte mit Erziehung, Hausarbeit und Organisation.
Trotzdem schien es mit uns Dreien noch eine Weile einigermaßen zu funktionieren. Ich hatte mich immer besser auf Mutters Stimmungsschwankungen eingestellt. Doch dann, mit einemmal: Kursänderung. Ich war jetzt vierzehn. Ich pubertierte. Ich wollte nicht mehr so wie bisher. Aber ein pubertierender Andreas war nicht in Mutters Programm vorgesehen. Sie musste sich damit abfinden, dass ab sofort ein anderer an ihrem Tisch saß, einer, der immer häufiger seine von Pickeln übersäte Stirn in Falten legte. Ich besuchte derweil das Gymnasium. Meine nun häufiger geäußerten Zweifel und Kritiken empfand Mutter als Niederlage. So jedenfalls musste ich ihre oft unverständlichen Reaktionen deuten. Statt sich in mich hineinzuversetzen, mich auf dem neuen Weg interessiert zu begleiten, nutzte sie jede Gelegenheit, mich auf meine Unvollkommenheit hinzuweisen. Dabei scheute sie nicht vor abwertenden zynischen Bemerkungen zurück. Auch Häme und Hohn waren ihr als Mittel des Deckelns nicht fremd. Hatte ich dank besseren Wissens sie auf einen Fehler, einen Irrtum ihrerseits hingewiesen, dann scheute sie nicht davor zurück, mich mit einer Bemerkung, wie „Der Herr Gymnasiast weiß das natürlich besser“, zu verhöhnen. Ertappte sie mich denn einmal bei einer Dummheit, so bediente sie sich gerne der Häme und sagte: „Und dafür haben wir dich aufs Gymnasium geschickt.“ Ihre taktlosen Bemerkungen brüskierten mich deshalb so sehr, weil sie von meiner Mutter kamen. Aus dem Munde eines anderen hätte mich das weniger berührt. Während meiner Adoleszenz hatten die Schwierigkeiten zwischen uns nicht aufgehört und als ich Mama dann später aus beruflichen Gründen, aber auch, um ein Leben ohne sie auszuprobieren, verließ, empfand sie das geradezu als Verrat. In späteren Jahren blieb daher meine Erinnerung an diese wunderbare Frau meiner Kindheit getrübt. Als Vater noch lebte und auch noch danach, während Mutters vierjähriger Freundschaft mit Albert, fühlte ich mich ihr gegenüber stets befangen. Oft hinderte mich eine innere Blockade daran, meiner Mutter mit Ungezwungenheit und Herzlichkeit zu begegnen. Manchmal mussten Lügen her, um mein Verhalten zu erklären. Ich weiß heute, dass mir das nie in überzeugender Weise gelungen ist. Als ich dann nach Hamburg ging, kam es aufgrund des großen räumlichen Abstandes zwischen Bonn und Hamburg und wegen meiner beruflichen Gebundenheit gezwungenermaßen nur noch zu wenigen Begegnungen im Jahr. Und dann jedes Mal dieser grässliche Abschied: die gezwungenen Worte des Dankes, die gezwungenen guten Wünsche. Alles, was man glaubt, sich unbedingt zum Abschied sagen zu müssen, krepierte schon im Ansatz. Ich merkte, wie auch Mutter sich bemühte, natürlich zu wirken. Wo war sie die Herzlichkeit, die Innigkeit, die Freude auf ein Wiedersehen? Wenn wir auch gewusst hätten, wo wir diese Kostbarkeiten hätten finden können – es wäre uns nicht gelungen, nach ihnen zu greifen, weil wir beide den Schlüssel dazu schon vor längerer Zeit verlegt hatten. Und ohne dass wir uns dagegen hätten wehren können, drückten unsere grotesken Gesichtsverzerrungen dem Abschiedsritual jedes Mal den Stempel auf. Es wäre mir, bestimmt auch meiner Mutter, peinlich gewesen, wenn die Umstehenden unsere Hilflosigkeit entdeckt hätten. So verwandelten wir denn die Szenerie in ein einigermaßen gelungenes Theater. Zumindest darin wirkten wir beide überzeugend.
Ich verließ den Parkplatz und überquerte die wenig frequentierte Straße. Am Haus angekommen schleppte ich mich die Treppen zum Eingang hinauf. Ich schaute noch einmal hinüber zu meinem Auto. Hatte ich es abgeschlossen? Besser, ich seh’ noch einmal nach. Es war abgeschlossen. Ich ärgerte mich kurz über meine Unkonzentriertheit. Die Bewegung hin und zurück und wieder hin hatte mir gut getan. Ich glaubte, ein wenig Frische getankt zu haben. Als ich dann vor Mutters Türe stand, spürte ich das zähflüssige Blei, das durch meine Adern floss. Und dann kam es, wie es kommen musste. Wir quälten uns durch die immer gleichen Begrüßungsfloskeln und schon bei den Fragen nach dem Befinden spürten wir beide die Unechtheit unserer Konversation. Am Telefon, ja da ging das. Und ich dachte bei mir, dass manchmal eine körperlose Kommunikation einiges für sich hat. Zum Glück verfügte ich heute über das unschlagbare Argument, übermüdet zu sein und so vertrösteten wir uns auf den nächsten Tag.
In meinem Hotelbett lag ich noch lange wach. Ich konnte es nicht begreifen: wir hatten uns begrüßt wie zwei Geschäftsleute, höflich und ohne Emotionen, doch auch mit deren Misstrauen im Blick, übers Ohr gehauen zu werden. Warum haben wir uns nicht in den Arm genommen? Warum haben wir uns nicht gedrückt? Körper gegen Körper? Wir sind doch Mutter und Sohn, verdammt noch mal.
Aus der Zimmerbar nahm ich eine Flasche Sprudel und trank sie leer.
Und am nächsten Tag - wieder diese innere Spannung. Gut, da war der Park, da war das alte rheinische Esslokal, wo ich mit ihr hinspazierte und wo ich ihr mal wieder ein Eisbein spendieren durfte. Die weich gekochte Schwarte hatte es ihr angetan.
„Die schmeckt mir am besten. Mit Mostert. Und dann das leckere Sauerkraut. Hm.“
Nach wenigen Bissen wollte sie plötzlich nicht mehr. Sie legte ihr Besteck auf den Teller und putzte sich mit der Serviette den Mund ab.
„Das ist aber warm hier, nicht? Empfindest du das nicht auch so? - - Andreas, warum sagst du denn nichts?“
„Ach, Mama, was soll ich denn sagen? Zuerst sagst du, dass es dir schmeckt und dann isst du nichts mehr, obwohl der Teller noch dreiviertel voll ist. Und dann sagst du, dass es dir zu warm ist. Okay, aber was soll ich denn groß sagen? – Entschuldige. – Ich bin halt immer noch müde von der langen Fahrt. Geschlafen habe ich so gut wie gar nicht.“
„Ich auch.“
Sie betonte die zwei Wörter, als wenn sie sagen wollte: glaub’ nur ja nicht, dass es mir besser geht als dir. Und schon rührte sich in uns das bockige wehrhafte Ich, das sich aber schon bei den ersten Zuckungen in einer verletzlichen Wehrlosigkeit verstrickte.
Dann diese eine Minute, wieder diese gefürchtete eine Minute, wo jeder den anderen das erste Wort sagen lassen möchte. Eine unendlich lange Zeit!
Ich sehe dir an, Mutter, dass du ratlos bist. Warum nehme ich nicht einfach deine Hand und streichle sie? Aber, könnte ich das denn überhaupt? Blödsinn, diese Frage zu stellen. Ich weiß genau, dass es nicht geht.
Seltsam, dass dies erst angefangen hatte, als ich schon einige Jahre von zu Hause weg war. Ich weiß noch, als ich bei einer dieser verkorksten Berührungen plötzlich das Gefühl hatte, ein abstoßendes Kleintier in der Hand zu halten. So, als ob ich besagtes Tier vor Ekel fallen lassen wollte, zog ich ziemlich schroff meine Hand zurück. Wir sagten nichts. Es waren dann unsere Beine, die die Peinlichkeit erfassten und uns schnell vom Ort des Versagens wegtrugen. Dabei hatte Mutter schöne Hände, deren Pflege sie viel Aufmerksamkeit widmete. Und nun sollten diese Hände auf einmal nicht mehr Spielhände, Streichelhände sein? Hände, die mit dazu beitrugen, sich nahe zu sein? Ich erinnere mich an Mutters Einfallsreichtum während meiner frühen Kindheit. Dieses von ihr Tausende Male in meine Hand hinein gekitzelte „Maler, Taler, Kühchen, Kälbchen, Entchen, Gänzchen, Dibbeldibbeldenzchen“. Ich sehnte mich geradezu nach ihren Berührungen. Und als später dann die Hand immer mehr zur Mahn-, Warn- und Drohhand wurde, verstand ich die Welt nicht mehr. Nicht, dass ich vor dieser Hand in Deckung hätte gehen müssen, nein, es war die Verwandlung, die plötzliche Auflösung eines Zaubers, den ich als kleiner Junge mit ein bisschen Geschick jederzeit hatte abrufen können. So stand ich dann immer öfter da, völlig irritiert und suchte nach meiner Schuld.
Ach, Mutter, Mutter, Mutter, was ist bloß los mit uns? Warum können wir nicht unbefangen miteinander umgehen? Jetzt schaust du auch noch drein wie ein „bedröppeltes Huhn“. (Das ist so ein Wort aus Mutters Repertoire an Sprachbildern.)
Sie hatte gespürt, dass es mich Überwindung kostete, mich ihr zwanglos zu nähern. Jedes Mal dieses innere Zerreißen. Mein Gott, es war doch meine Mutter. Lag mir denn so wenig an dieser Frau, der ich doch so viel verdanke? Die mir schließlich das Leben geschenkt hat, hallo! Klar, dass Eltern und Kinder sich nach einer Zeit nicht mehr viel zu geben haben. Jeder ist mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, der eine mehr, der andere weniger. Und dann das Hindernis der großen Entfernung. Es schlich sich bei mir ein Gefühl ein, als ob auch Mutter sich mit einem längeren Zusammensein schwer tat. So glaubte ich jedenfalls, ihre doch sehr distanzierte Verabschiedung verstanden zu haben. Das ließ sie mich unüberhörbar durch versteckte, teils ironische Spitzen merken.
„Für alles habt ihr Zeit, nur für eure Eltern nicht.“
Damit traf sie voll in die Zwölf meines lauernden Gewissens. Ich hätte mich auch gewundert, wenn da nicht noch ein Giftpfeil in ihrem Köcher gewesen wäre. Konnte sie das nicht einfach mal lassen? War es ihr denn nicht möglich, einfach die Dinge so zu sehen und anzunehmen, wie sie nun einmal sind.
In den ersten Jahren meiner Volljährigkeit traf sie mich oft mit dem Stereotyp:
„Wenn die Dame nicht warten kann, dann ist es besser, du lässt sie laufen.“
Ich bemühte mich, ihr diese unsinnigen Gedanken, ihre Eifersüchtelei auszutreiben.
„Ach Mutter, warum dieser Vorwurf? Warum noch mal schnell auf den Busch geklopft? Es gibt im Moment keine Dame. Glaubst du wirklich, ich würde mich davor drücken, dir die Wahrheit zu sagen?“
Dann schaute sie mich an mit einem Blick, der mich lange nicht losließ. Und dann bekam sie doch eines Tages was sie wollte. Ich belog sie. Ich log, um ihr ein besseres Gefühl zu geben. Seltsam dabei war, dass auch ich diese Abschiedsszenen jetzt besser ertragen konnte.
Vater, das glaube ich hundertprozentig, sah, was da für ein Schmierentheater ablief. Wenn er mir Lebewohl sagte, waren seine Augen weit geöffnet, und wenn wir uns die Hand reichten, erwärmte ich mich an seinem Blick. Manchmal denke ich, dass wir uns gerne umarmt hätten. Wir spürten aber beide, dass wir damit Mutter nur noch mehr Anlass zur Eifersucht gegeben hätten.
Wenn ich heute an meinen Vater zurück denke, umfängt mich ein Gefühl von Heimat. Ich erinnere mich nicht, dass jemals seine Zuneigung einer irritierenden Störung unterlag. Ich mochte es geradezu, wenn er mich kritisierte. Dabei pflegte er den kameradschaftlichen Umgangston. Auch sparte er nicht mit Lob und nach jeder positiven Bekräftigung spürte ich in mir die Lust zu neuen Taten. Er sagte mir, wie sehr er sich freue, dass ich alleine klar komme. Wenn er, wie er mir einmal klar zu machen versuchte, als „Lonesome Rider“ auf seinem Fahrrad die Momente der Zufriedenheit erlebte, die er als Regeneration seiner Kräfte brauche, so zeigte ich dafür Verständnis. In den wenigen halben Stunden, die wir zusammen waren, lernte ich seinen Spaß am Umgang mit Sprache kennen. Wir pflegten den Wortwitz. Mit Mutter war das eigentlich nicht viel anders. Auch mit ihr gelang es immer mal wieder, kurzlebige Heiterkeit zu erreichen. Was sollte man aber machen, wenn es am Ende dann doch wieder nur unlösbare Rätsel gab und erst durch die Trennung bedingt die Erleichterung zurückkehrte?
Vielleicht war das ja nicht richtig, dass Vater zu wenig präsent war. Mutter hatte ihm einmal vorgeworfen, dass er ja eigentlich nur Gast der Familie sei. Wie aber hätte ich das alles als Kind und später dann als Heranwachsender verstehen sollen. Ich glaube auch nicht, ihm vorwerfen zu müssen, dass er sich nach dem Motto „Wer nichts tut, macht auch nichts falsch“ verhalten hat. Er kannte die Launen meiner Mutter und wird sich gedacht haben, dass es besser sei, ihr nicht ins Handwerk zu pfuschen. Vielleicht hätten Mutter und ich es ohne den Puffer Vater nur kurz miteinander ausgehalten. Vielleicht basierte ja auch ein großer Teil unseres Mutter-Sohn-Übels oder Sohn-Mutter-Übels auf dem begrenzten Gesprächsstoff. Schnell waren Alltäglichkeiten ausgetauscht, von denen man glaubte, dass sie den anderen interessierten. Und schon war man an dem Punkt angelangt, wo es einem peinlich wurde, sich einzugestehen, dass man sich nichts mehr zu sagen hatte. Alles, was dann an verbalen Füllseln krampfhaft herangeschafft wurde, verriet schon im Tonfall seine Künstlichkeit. Eine räumliche Veränderung hätte uns in dem Moment vielleicht über die qualvolle Sprachlosigkeit hinweggeholfen. Das allerdings auch nur für die kurze Zeit dieses Flucht-Manövers. Ich wusste aber, dass sich unser emotionaler Bankrott dadurch nicht beheben ließ. Ich wusste auch, dass wir an einem anderen Ort nur weiter an uns gelitten hätten. Deshalb schienen mir die schnellen Abbrüche noch am leichtesten verdaulich. Für mich. Da wir uns über dieses eigentlich doch sehr ernste Problem nicht aussprachen, konnte ich über Mutters Erleben, ihre Empfindungen nur mutmaßen.
Ein Erlebnis mit ihr lässt mich nicht los: Als ich nach einem meiner Besuche bereits abgedreht hatte und dabei war, aus ihrem Blickfeld zu verschwinden, sah ich im letzten Moment aus dem Augenwinkel, wie sie mir zögerlich ihre ausgestreckten Arme hinterher sandte, die sie aber gleich wieder verschämt fallen ließ.
Dabei hatte es die Riesenchance gegeben, alle gegenseitigen Affronts wie einen stinkenden Pelz abzuschütteln. Mutter und ich besaßen ein Geheimnis, das auf beiderseitigem Einverständnis beruhte. Es hatte uns zu Verschwörern gemacht. Wir hatten uns Jahre lang auf dünnem Eis bewegt und wussten nur zu gut Bescheid um unser, ja, man kann es so nennen, kriminelles Vergehen. Als wir schon zur Tat geschritten waren, hatte ich ein ungutes Gefühl. Aber Mutter schien das nur wenig zu berühren. Für sie war und ist ein Versprechen heilig. Mein Vater hatte gewusst, als er uns seinen skurrilen Wunsch vorgetragen hatte, dass auf sie hundertprozentig Verlass ist.
Er war bereits ein Vierteljahr im Ruhestand, als er seinen fünfundsechzigsten Geburtstag unbedingt mit Mama und mir alleine feiern wollte. Ich war schon zweiunddreißig und hatte gerade mal wieder meine Hoffnung auf ein haltbares Zweierbündnis begraben müssen. Meine Eltern fragten schon lange nicht mehr nach meinen Beziehungen. Sie hatten es irgendwann aufgegeben. Vater fiel es allerdings schwer, sich damit abzufinden. Er hatte es einmal gesagt, dass er gerne Großvater sein möchte. Meiner Mutter schien dagegen meine scheinbare Bindungslosigkeit weniger auszumachen. Manchmal gewann ich den Eindruck, als sei es ihr recht, dass ihr Sohn ledig blieb.
Vater hatte seine Doppelkopf-Freunde, Hermann und Resi, zum Wochenende eingeladen. Erst den Siebzigsten würde er groß feiern. Ausgehen wollte er nicht, die könnten ja alle nicht so gut kochen wie seine Frau. Sichtlich von seinen Worten geschmeichelt, hatte Mutter sich in die Küche begeben und ihm zu Ehren seine Lieblingsspeise zubereitet: Schweinelendchen mit Früchten. Ich war währenddessen in den Keller gegangen, und hatte von unserem kleinen Weinlager einen trockenen Weißwein aus der Pfalz geholt. Vater hatte schon den ganzen Morgen an seinem Sekretär aus poliertem Buchenholz gesessen und sich daran gemacht, alle möglichen Informationen zusammenzutragen, die es meiner Mutter nach seinem Ableben leichter machen sollten, mit den organisatorischen Fragen des Alltags klar zu kommen. Bei meiner Mutter war er zunächst auf Unverständnis gestoßen. So früh schon? Bei seiner Fitness? Das hatte doch wohl noch Zeit! Am Ende hatte sie denn nach Vaters Überzeugungsarbeit eingesehen, dass es nicht von der Hand zu weisen sei, dass sie schon morgen Witwe sein könne. Unterlagen von Krankenkasse, Pension und Versicherungen hatte er fein säuberlich in einer schwarzen Kunstledermappe übersichtlich untergebracht. Als Mieter hatten meine Eltern nicht viel zu vererben. Und das Bisschen, was er an Werten aufzählen konnte, würden Mutter und ich schon richtig und friedlich zuordnen können. Es habe keinen Zweck zu sparen, war seine Devise. Seine Eltern hatten zwei Inflationen hinnehmen müssen. Zweimal hatten sich ihre Ersparnisse in Nichts aufgelöst. Das sollte ihm und seiner Wilhelmina nicht passieren. Auch Wertpapiere gab es keine. Selbst seine Uhr, die ich auf gar keinen Fall tragen wollte, würde im freien Verkauf kaum etwas Nennenswertes einbringen. Seinen wunderbaren Sekretär, den hätte ich allerdings gerne haben wollen, vorausgesetzt, dass sich Mutter nach seinem Tod dafür nicht mehr interessierte. Dann war er mit Mutter noch einmal alles durchgegangen, bis er sicher war, dass sie mit den Unterlagen klar kommen würde. Nachdem er den Sekretär abgeschlossen hatte, erschien er dann am Esstisch. Und als wir uns zuprosteten, meinte er, dass er jetzt, als pensionierter Post-Beamter, erleichtert die nächsten Jahre auf sich zukommen lassen könne. Und dann, es war wohl nach dem dritten Glas, überraschte er uns mit einem merkwürdigen Wunsch:
„Liebe Wilhelmina, lieber Andreas. Unsere Familie hat sich all die Jahre tapfer von jeglicher Art Glauben ferngehalten. Weder die Katholen, noch die Evangelen haben uns fangen können. Jeder von uns hat da seine eigenen Gründe, die niemanden außerhalb unserer Familie etwas angehen.“
So kannte ich meinen Vater nicht. Von Feierlichkeiten hielt er eigentlich nichts. Doch sprach er weiter. Er habe sich am vielen Tschingderassa, an den Fackelzügen, dem Lichterdom und den verlogenen Jubelreden der Nazis ein für allemal den Magen verdorben. Doch sein Hirn und seine Seele seien von dem Verführungsglamour nicht infiziert worden. Und für seine Unbeugsamkeit hatte er, der Hobbysatiriker, denn auch die passende Maxime: „Holzauge sei wachsam!“
Jetzt hob er sein Glas und setzte bedeutungsschwer seine Ansprache fort:
„Wenn nun einmal der Tag gekommen sein wird, wo ich zu Winnetou und Old Shatterhand in die ewigen Jagdgründe davon schweben werde, dann möchte ich, dass ihr mir einen Wunsch erfüllt.“
Es entstand eine Pause, in der nur eine Sprungfeder in meinem Sessel es wagte, ihre Mitgliedschaft knackend zu reklamieren. Mama und ich schauten, selbst schon weinselig, zu Vater hin, mit dem unguten Gefühl, womöglich Dinge nach seinem Ableben tun zu müssen, die uns nicht behagten. Wir kannten ihn ja und wir wussten um seinen Reichtum an Verrücktheiten.
„Ich habe für mein Leben gern Fisch gegessen.“
„Ja, das hast du,“ kam es von Mutter und mir gleichzeitig, wie ein Rezitativ in der Kirche.
„Und weil mir die Fische soviel Freude bereitet haben, sollen die nach meinem Tod, hört gut zu, sich an meiner Asche erfreuen dürfen.“
Mir fielen die Aborigines ein, die in der Erwartung des Todes sich von ihrem Stamm entfernen, um sich in einer Mulde unter freiem Himmel ihr Bett zu machen. Die Tiere, von denen sie sich ihr Leben lang mit Nahrung hatten versorgen lassen, sollten nun etwas dafür zurückbekommen.
Mutter und ich schauten uns an, als gäbe es da noch etwas zu klären. Aber der Wein hatte schon zu sehr unsere Bereitschaft zur Negation tiefsinniger Gedanken gestärkt, so dass wir Vaters Vortrag lachend zur Kenntnis nahmen. Es war allerdings mehr ein ausgeliehenes Lachen, ein Lachen, bei dem wir die Zähne nicht auseinander bekamen.
Ich dachte, dass mit der Zeit Vaters Wunsch an Ernst verlieren würde. Auch Mutter hatte für sich entschieden, den Wunsch seinen anderen Verrücktheiten zuzuordnen. Verrückt, zu glauben, dass auch nur eines dieser Millionenstel Vaterkörper den Speiseplan eines Fisches bereichern würde. Und dann auch noch als Asche! Aber sich mit dem letzten Wunsch eines geliebten Menschen kritisch auseinanderzusetzen, womöglich ihn mit wissenschaftlich fundierten Beweisen eines kindlichen Glaubens zu bezichtigen, das hätten Liebe und Respekt nicht zugelassen.
Mein ein Meter neunzig großer Kleiderschrank von Vater hatte Zeitlebens gerne gespielt. Am liebsten mit Sprache. Dieses Spiel ähnelte jedoch eher einer verliebten Bastelei. Wenn ihm eine Aussage nicht deutlich genug schien, wenn sein Gegenüber die Grimasse des Unverständnisses aufsetzte, suchte er erst einmal nach ihm passend scheinenden Vergleichen. Damit begab er sich in Gefahr, nun erst recht nicht mehr verstanden zu werden. Seine Adressaten hatten, Gott sei Dank, nicht immer Zeit und Gelegenheit, seine Vergleiche auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, geschweige denn die Lust dazu. Auch fiel es denen, die ihn länger kannten, oft schwer, zu unterscheiden zwischen einem sprachlichen Ausrutscher und einem von ihm beabsichtigten falschen Gebrauch von Zitaten oder Teilen von Zitaten.
An unserem letzten gemeinsamen Weihnachten hatte er noch einmal eine Kostprobe geliefert. Mutter und ich waren nach dem traditionellen Kaninchenbraten und dem abschließenden Birnenkompott noch eine Weile bei unserem Glas Rotwein sitzen geblieben, als Vater sich für einen intellektuellen Ausklang des Festessens entschied. Er war in die Küche gegangen und hatte sich „Stille Nacht, heilige Nacht“ pfeifend ans Spülen gemacht. Eine Spülmaschine lehnten beide ab. Ein Zweipersonenhaushalt, dazu beide ohne zeitaufwändige außerhäusige Verpflichtungen, welche Verschwendung wäre das gewesen! Nein, das kam bei meinen Eltern nicht in Frage. Vater kehrte noch einmal zurück und holte unsere mittlerweile ausgeleerten Gläser. Diese brachte er mit kindlicher Freude auf Hochglanz. Wie neu! war am Ende sein bekanntes Spülresümee. Als er sich daran machte, jedes Teil an seinen richtigen Ort zu stellen, muss ihm eine Parole aus revolutionärer Agitation durchs Hirn geschossen sein. Begleitet vom Klang der Gläser drang es von drinnen durch die nur einen Spalt breit geöffnete Küchentür in unsere Ohren:
„Alle Gläser stehen still, wenn mein starker Arm es will.“
Die klangliche Verwandtschaft zwischen „Räder“ und „Gläser“ genügte ihm, um damit sein lockeres Spielchen zu treiben.
Diesmal war uns klar, dass er uns mit dieser kleinen Parodie auch auf seine Rolle als „Arbeiter“, als festtäglicher Tellerwäscher, hinweisen wollte.
Wenn Vater allzu schwer zu akzeptierende Konstrukte anbot, erfuhr er nicht selten von meiner Mutter eine harsche Zurechtweisung, es doch einfacher auszudrücken. Für ihn war es dann klar, dass er mal wieder auf Banausen getroffen war, die vom kreativen Umgang mit der deutschen Muttersprache keine Ahnung hatten. Das allerdings behielt er für sich, sodass der Besuch trotz der zu erwartenden Sprachakrobatik in Vaters Metaphernzirkus, oder vielleicht gerade drum, immer gerne wieder kam.
Manchmal bereitete er sich auf seinen Besuch vor. Dann saß er an seinem Sekretär, seinen schweren grauen Lockenkopf in die Linke gestützt und sinnierte so lange, bis wir einen zufriedenen Seufzer aus seiner Ecke hörten. Dann wussten wir, dass er am Abend an irgendeiner Stelle des Gesprächs - und die fand er immer – seinen Einfall zu Gehör brachte. So hatte er am Doppelkopf-Abend, mit Hermann und Resi, Bezug nehmend auf seinen Ruhestand, das Sprichwort „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“, seiner neuen Auffassung von Arbeit angepasst. Er hatte mit seinem Siegelring dreimal an sein Glas geklopft. Und als alle ihn anschauten, brachte er mit seinem bekannten Bubenlächeln seinen Einfall zu Gehör: „Warum machst du alles heute? Leg’ für morgen was beiseite.“
Mir gegenüber hatte er einmal auf meine Frage, warum er nichts von Geldanlagen halte, geantwortet: „Hängst du an ’nem irdschen Gut, macht das Unglück es kapuut!“ Auch begnügte er sich manchmal nicht damit, vor allem bei berechtigten Zurechtweisungen und Kritik an seiner Person, sich auf einfache Weise zu verteidigen. Da war zum Beispiel seine aufreizende Gewohnheit, in der freien Natur sich seines ärgerlichen Schleims zu entledigen. Er versicherte sich vorher allerdings seiner Unauffälligkeit. Und nachdem Mama ihn zu wiederholtem Male gebeten hatte, doch nicht wie ein Lama in der Gegend herumzuspucken, beschäftigte ihn ihr Vorwurf, sodass er sich gleich nach der Rückkehr an seinen Sekretär setzte und die passende Antwort verfasste. Ein Stunde später lag dann sein Gedicht, in schöner Frakturschrift, auf Mamas Abendbrot-Teller.
„Er rotzt.
Sie motzt.
Und beides auf der Straße.
Sie schnützt
geschützt
ins Tüchlein wie aus Gaze.
Im Furzen sind sich beide gleich.
Im Bett. –
Es ist das Himmelreich!“
Ich habe viele seiner Sprüche gesammelt und nicht selten brauchte ich den einen oder anderen zur seelischen Aufrichtung. Es sind so viele Streicheleinheiten in ihnen versteckt, dass es mir jedes Mal wohl ums Herz wird, wenn ich Vater in seiner eigenwilligen Art zu mir sprechen lasse.
Vater war durch und durch ein Gefühlsmensch. Er lachte viel. Aber das tat er, weil ihm danach war und nicht, um einen Beitrag zur Harmonie zu leisten. So, wie er jederzeit zum Lachen bereit war, konnte er auch von Erlebnissen berührt werden, die in ihm eine tiefe Ergriffenheit auslösten. Ich hatte ihn einmal beobachtet, wie er beim Hören seiner Lieblings-LP, „Deutsches Requiem“, von Johannes Brahms, Tränen in den Augen hatte. Wir durften ihn in solchen Momenten nicht stören. Am besten, wir hielten uns außerhalb seines Blickfeldes auf. Bei Brahms’ Requiem, was er nur ganz selten auflegte, waren wir zu sage und schreibe einer Stunde und fünfzehn Minuten Schweigen gezwungen. Da Mutter und ich weitestgehend Vaters Musikgeschmack teilten, waren solche besonderen Ereignisse auch für uns Balsam für die Seele.
Sie hatten sich in Bonn bei der Gemeinnützigen Wohnungsbau-Gesellschaft beworben. Und schon bald nach Fertigstellung des fünfgeschossigen Wohnblocks waren sie in den dritten Stock eingezogen. Mutter war darüber sehr glücklich, entsprach die Wohnlage doch ihrem Wunsch, in der Nähe ihres geliebten Siebengebirges ihren gemeinsamen Lebensabend verbringen zu können. Beide gaben nicht viel um Besitz. In einer Mietwohnung brauchten sie sich so gut wie um nichts zu kümmern. Die Zeit, die andere mit mehr oder weniger notwendigen Arbeiten am Haus und im Garten verbrachten, nutzten sie für Wanderungen und Spaziergänge. Auf ihren Auwald im Weißer Bogen mussten sie jetzt allerdings verzichten. Damals waren sie an den Wochenenden mit der Sechzehn bis Rodenkirchen gefahren und hatten sich dann zu Fuß in südlicher Richtung auf den Weg über Weiß bis Sürth gemacht. Viele Bänke säumten den Spazier- und Trimmweg. Eine dieser Bänke hatten sie auf einem früheren Gang zu ihrer Lieblingsbank erklärt. Überdacht von zitterndem Blattwerk hoher Pappeln saßen sie dann und warteten mit ihrer Plastiktüte mit Brotresten auf die Eichhörnchen. Die Rentner aus der näheren Umgebung hatten mit dem kölschen Lockruf „Kumme, kumme!“ die kleinen braunen Akrobaten zur Landung unweit ihrer Füße erzogen. So hatten sich auch Wilhelmina mit ihrem Hans- Georg an dem ungewöhnlichen Ereignis erfreuen können. Eine Stunde hatten sie dort verweilt, bevor sie nach Sürth weiter gezogen waren, um dort im Café Schmitz das verdiente „Bunnepöttche“ zu trinken. Ein Stück Obstkuchen gehörte selbstverständlich mit zur Belohnung. Die wunden Füße und der schmerzende Rücken waren dann für anderthalb Stunden vergessen.
Später dann, nach ihrem Wohnungswechsel, zählte auf ihren kurzen Ausflügen in die City das Pöttchen Kaffee als Dreh- und Angelpunkt weiterhin zu ihrem Besuchsprogramm. In den Sommermonaten waren sie Dauergäste im „Cortina“. Keiner konnte ihnen eine solch aufmunternde Atmosphäre bieten, wie Salvatore mit seiner Familie und seinen Freunden. Und wenn sie dann am Abend in der neuen Wohnung am Fenster stehend den Rhein hinauf schauten, waren sich beide einig, dass der Ausblick mit nichts zu bezahlen sei. Nur wenige Kilometer entfernt am entgegen gesetzten Ufer lag der Drachenfels. Und manchmal, wenn die Abendsonne auf der Ruine lag, sangen sie leise vor sich hin: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten.“ Dass Heine das Gedicht eigentlich der Loreley gewidmet hatte, war ihnen in dem Moment völlig egal. Sie hatten beide etwas für romantische Stimmungen übrig. Ganze Fotoalben waren voll von Hunderten untergehender Sonnen.
Doch beide hatten nicht bedacht, dass es in ihrem Alter schwer fallen würde, neue Kontakte zu knüpfen. Die Anzahl der früheren Freunde war durch Todesfälle auf sie beide und zwei andere Ehepaare geschrumpft. Jetzt, in der neuen Umgebung, hatten sie eine Weile niemanden mehr. Der Pfarrer hatte nachgeforscht und herausgefunden, dass sie vor langer Zeit aus der Kirche ausgetreten waren. Als engagierter Hirte versuchte er die beiden „schwarzen Schafe“ jetzt in seine Kirche zurück zu holen. Als er sie besuchte, gab er ihnen zu verstehen, dass es ihn freuen würde, wenn sie in seiner Pfarrei eine neue Heimat fänden. Beide hatten sich in früheren Jahren geschworen, sich von keiner größeren Gemeinschaft mehr vereinnahmen zu lassen. Sie hatten nicht selten erlebt, dass Gemeinschaft auch gemein macht. So paradox es klingen mag, sei es vielen in einem, wenn auch nicht unbedingt engen Beziehungsgeflecht, einfacher, sich ungehemmt in die Belange der anderen einzumischen. Es mangele ihnen halt zu sehr an Distanz. Für die Feste des Kirchenjahres waren sie beide nicht zu haben. Sie nannten diese „die Feste des schönen Scheins“. Auch vom Angebot, sich im Hier und Heute für den Himmel verdient zu machen, hielten sie nichts. Sie wollten ihre Belohnung noch auf dieser Erde haben. Auch fanden sie es beschämend, dass immer noch, weltumspannend, die Armen auf ein besseres Leben im Jenseits vertröstet wurden und die Reichen nach wie vor machen konnten, was sie wollten. Die Reichen seien wohl die besseren Beter, war einer von Hans-Georgs sarkastischen Kommentaren. Und wenn man ihm mit dem Gleichnis kam, dass ein Kamel eher durch ein Nadelöhr komme als ein Reicher in den Himmel, dann wurde er fuchsteufelswild. Das brauchen die doch nur, um die armen Säcke zu beruhigen, damit die nicht eines Tages aufbegehren und sich für die jahrhunderte lange Ausbeutung rächen. Unerhört! Eine Gemeinheit ist das! In einer katholischen Gemeinde sei ein für allemal kein Platz für sie. Basta!
Sie hatten sich bis zu Hans-Georgs Tod mehr oder weniger auf sich und ihr Bündnis eingelassen. Irgendwann bekam dann doch der Panzer, den sie sich zugelegt hatten, einen Riss. Den Einladungen der unmittelbaren Nachbarn konnten und wollten sie sich nicht mehr verweigern.
An Vaters Geburtstags-Wunsch hatten wir lange nicht mehr gedacht. Bis dann genau zehn Jahre später sein Herz aufgehört hatte zu schlagen.
Es war gegen Mittag. Er hätte nach einer der Regeln, die nach seiner Pensionierung den Rhythmus des Tages bestimmten, längst am Tisch sitzen müssen. Als Mutter ihn rief, bekam sie keine Antwort. Aber er musste in der Wohnung sein. Sie wartete noch eine Minute. Dann befiel sie kalte Angst. Panisch eilte sie von Zimmer zu Zimmer. An die Küche dachte sie zuletzt. Als sie den Raum betrat, sah sie ihn da liegen. Sie sah, wie er seine Rechte auf die Stelle presste, wo er sein Herz spürte. Es war noch Leben in ihm. Sie beugte sich über ihn. Lieber Gott, lass’ ihn nicht sterben. Dann sah sie, wie er seine Lippen bewegte. Sie wischte kurz mit ihrem Ärmel über ihre tränennassen Augen. Dann legte sie ihr Ohr an seinen Mund. Mit einem letzten Rest Leben hatte er es noch geschafft, seinen Wunsch zu wiederholen: „Asche… Fische“, mehr hatte sie nicht verstehen können. Mutter wollte sich immer noch nicht damit abfinden, dass es mit Vater zu Ende ging. Sie musste jetzt handeln. Schnell erhob sie sich und eilte zum Telefon. Bis der Notarzt kam, hatte sie sich neben ihren Hans-Georg auf die kalten Küchenfliesen gelegt und in ihrer Verzweiflung immer wieder an ihm gerüttelt, als könne sie ihn wieder ins Leben zurückrufen. Dabei hatte sie in seine noch geöffneten Augen geschaut. Die Untersuchung des Notarztes war nicht mehr als ein Ritual. Meine Mutter gab sich nicht mit dem Urteil des Arztes zufrieden. Man solle doch das Klinomobil rufen. Im Krankenhaus gäbe es doch noch Möglichkeiten, Vater wieder zu beleben. Der Arzt bot ihr eine Beruhigungsspritze an, die sie nicht ablehnte. Als das Medikament zu wirken begann, war sie in der Lage, zu begreifen, dass jegliche Bemühung vergebens war.
Die Nachbarin hatte mich in der Firma angerufen und mir Vaters Tod mitgeteilt. Jetzt gab es für mich nur einen Gedanken: ich musste zu ihr.
Die Geschäftsleitung hatte Verständnis für meinen Wunsch, bei meiner Mutter sein zu wollen. So fuhr ich denn am nächsten Morgen los. Die Autobahn hatte, Gott sei Dank, auf meiner Strecke keine nennenswerten Staus. Als ich bei Mutter ankam, erkannte ich sofort, wie der plötzliche Tod, das plötzliche Alleinsein sie verändert hatte. Da war niemand mehr, mit dem sie ihre Gedanken austauschen, mit dem sie das Spiel von Rede und Antwort weiterspielen konnte. Auch das Erlebnis des Hörens eigener klanglicher Sprachgestaltung, des immer neuen Entscheidens für das treffende Wort, gab es auf der Insel, von der ihr Hans-Georg davon gesegelt war, nicht mehr. Alles war endgültig, unwiederbringlich, nichts mehr war wie es war. Jetzt war der Rhein nur noch ein Fluss wie jeder andere, der Drachenfels nur noch eine Silhouette vor den wechselnden Himmeln über dem Rheintal. Auch zu der Musik Brahms’, Beethovens und Mozarts fehlte ihr der Partner. Es war die Versunkenheit ihres Mannes, die sie angesteckt, die schließlich bei ihr zu einem tieferen Verständnis ihrer beider „Hauskonzerte“ geführt hatte. Sein Tod hatte sie zurückgelassen in einem Käfig ohne Klang. Stundenlang hatte sie nichts als Leere empfunden. Dann begannen die Erinnerungen bei ihr anzuklopfen, zaghaft und nur dem Schönen, Hellen, Friedlichen gewährte sie Einlass. Nun erlebte sie noch einmal in einem ungeordneten Gemisch aus bewegten Bildern und Klangfragmenten ihrer beider Welt, die nun nicht mehr eine heile war. Als ich Mutter ansprach, spürte ich, dass sie noch eine Weile brauchte. Dann erzählte sie, was Vater ihr noch hatte sagen können. Seine letzten Worte. Die saßen jetzt wie Widerhaken in unserem Gedächtnis. Jetzt war das, was wir an seinem Geburtstag noch belächelt hatten, plötzlich ernst geworden. Wir wussten ja, dass bei Vater Ernst und Ulk dicht beieinander lagen. Da wunderte es nicht, dass auch seine letzten Worte seine Linie nicht verlassen hatten. Bis zum Tag der Bestattung war es für uns beide, Mutter und mich, außerordentlich schwer und geradezu unmöglich, uns mit der Planung der Durchführung von Vaters Wunsch zu beschäftigen. Unsere Trauer ließ sich nicht wie ein Stück Kleidung in den Schrank hängen.
Wir hatten damals an Vaters fünfundsechzigstem Geburtstag nicht geahnt, welche Gewissenskonflikte unsere Tat in uns auslösen würde. Doch schließlich überwanden wir unsere inneren Hindernisse. Es musste gehandelt werden, schnell gehandelt werden. Ich zweifelte nicht an Mutters Konsequenz. Sie überließ mir die Planung. Sie investierte dafür das Versprechen, bis an ihr Lebensende niemandem davon zu erzählen. Die Einäscherung sollte schon zwei Tage später erfolgen. Für die Bestattung der Urne war uns ein Platz auf dem uns am nächsten liegenden Friedhof zugewiesen worden. Eigentlich konnte es uns egal sein, auf welchem Friedhof die Urne versenkt werden würde, war doch der Inhalt für eine ganz andere Form der Ruhestätte vorgesehen. So war uns dieser Friedhof als Zwischenlager schon ganz recht. Nur wenige hundert Meter entfernt davon hatte Vater oft allein oder mit Mama, manchmal auch mit mir auf der Bank am Rhein gesessen und sich von den Wellen durch seine heile Gedankenwelt tragen lassen. Der Rhein, das sagte er immer, der geht durch mich hindurch.
Die Nacht hatte ich mit oberflächlichem Dösen verbracht. An Tiefschlaf war nicht zu denken. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich aufgewacht bin. Obwohl mein Plan für den nächsten Tag feststand, veranstalteten meine nächtlichen Gedanken ein wildes Rondo zwischen dem Refrain des realen Vorhabens und den bizarren, irrationalen Variationen, so dass ich kaum noch feststellen konnte, an welchen Stellen und wieviel Schlaf nun wirklich stattgefunden hatte.
