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Mitten im Familiendrama entsteht die Antwort auf die Frage: sie oder er? Die Narben der schmerzlichen Trennung verheilen. Michael verbringt Weihnachten allein in der Fremde. Doch Berthas Intrigen nehmen kein Ende. Mysteriöse Briefe machen die Runde. Geheime Dokumente kommen zutage. Das Böse wird unsichtbar, aber immer mächtiger ... Wird es Michael trotz allem gelingen, das Familienglück zu bewahren? Bei dem Roman »Sie oder er?« handelt es sich um den dritten Teil der Saga »Gute Tochter, schlechter Sohn«. Die Handlung ist in sich abgeschlossen und problemlos ohne die Vorgängerwerke zu lesen.
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Kapitel 1 Letzte Chance!
Kapitel 2 Dreißig Leute!
Kapitel 3 Sie kocht, er kocht.
Kapitel 4 Das wird wieder!
Kapitel 5 Wein-nacli-Zeit
Kapitel 6 Der persönliche Brief an der Brötchentheke
Kapitel 7 Wiederaufbau
Kapitel 8 Ruf an!
Kapitel 9 Heut’ Nacht will ich tanzen!
Kapitel 10 Die drei Gründe
Kapitel 11 Die letzten wilden Wasserfälle
Kapitel 12 Ein neuer Job
Kapitel 13 Stille Nacht
Kapitel 14 Der sechste Weihnachtstag
Kapitel 15 Eine Nabelschnur aus Stahl
Kapitel 16 Nackte Zahlen!
Kapitel 17 Schneider lacht wieder.
Kapitel 18 Sie oder er?
Kapitel 19 Die unsichtbare Sie in der Amtstracht
Kapitel 20 Der Sandberg des siebzehnten Junis
Kapitel 21 Ein Hermann, kein Wort!
Kapitel 22 Bertha oder Michael?
Michael Schneider fuhr mit dem schicken Sportwagen vom Parkplatz der Kinderklinik, Seine beiden Jungs waren gesund.
An dem herrlichen Spätsommertag lächelte Michael in den Tag, Seine blitzenden Augen zogen die Blicke der drei jungen Frauen auf ihn, welche auf dem Gehweg herumalberten, Im Rückspiegel sah er noch, wie die große Blonde ihm zuwinkte.
Doch sein Herz, sein Leben gehörten seit vielen Jahren seiner Frau und den beiden gemeinsamen Kindern, »Sie haben wirklich zwei bezaubernde Jungs!«, so die Chefärztin der Kinderklinik Frau Dr, Naujoks, Doch zuhause war die Welt alles andere als in Ordnung!
Michael Schneider genoss den Luxus, gleich drei Orte zu haben, die er als Zuhause bezeichnen konnte: sein Elternhaus, sein eigenes Haus und das von Voss, in dem er während dieser Zeit zur Miete wohnte. In keiner der Behausungen stand ein Bett, in welches sich der junge Mann hineinlegen konnte. In seinem Kinderbett weilte sein Vater nachts, wenn seine Mutter zu unruhig schlief. Sein Ehebett würde er laut Gerichtsurteil erst wieder im nächsten Sommer belegen dürfen.
In der Wohnung vom Voss, in welcher zuvor seine Schwester gelebt hatte, schlief der leidgeplagte Mann auf einem qualitativ hochwertigen Feldbett in der Besenkammer, Links und rechts stapelten sich Umzugskartons und Kleiderware in Regalen seiner Schwester. Das Bett im Zimmer daneben war frisch bezogen. Seine Kinder schliefen im Bett ihrer Tante. Wenn sie mal zu ihrem Vater durften. Die Bleibe nannte Michael Schneider nüchtern »Zwischenlager«, in dem die Männerfamilie, wie sein Sohn Jan es ausdrückte, zu der Zeit lebte. Die Mietwohnung akzeptierte er nicht! Er hatte ein eigenes Haus, welches er liebevoll in sechs Jahren und viertausendzweihundert Stunden für seine Liebsten zu einem Traumhaus umgebaut hatte. »Du hast uns eine Villa gebaut!«, schwärmte seine Caro damals nach der Fertigstellung. Das Herzstück war der imposante Wintergarten mit der gebogenen Holztreppe, welche hoch zur Galerie führte. Von dort hatte man eine schöne Aussicht auf den Naturgarten und das Rhenostal.
Seine Kinder waren gesund. Der kleine Alex war zweimal intensiv untersucht worden, eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wurde in Marburg und nun auch in Unna klar ausgeschlossen.
Die Diagnostik der Kinderklinik führte auf:
akute familiäre Belastungssituation,
Störung des Sozialverhaltens,
emotionale Störung des Kindesalters,
sonstige emotionale Störungen,
erziehungsunsichere Mutter,
Interaktionsproblematik, generationsübergreifend.
Während Caro mit den Kindern zwei Wochen in der Kinderklinik verbrachte, grübelte Michael in den Alpen über sein Verhalten: »Was ist, wenn du krank bist? Wenn du tatsächlich eingewiesen werden musst? Hat mich die viele Arbeit in der Firma blind gemacht?«
Doch die Mutter aller Mütter und Väter – die Mutter Natur – bescheinigte dem Michael Schneider einen gesunden Menschenverstand.
Von einem geistesgestörten Vater war nicht die Rede. Dass der Vater an allem schuld war, stand da auch nicht. Von einer erziehungsunsicheren Mutter war hingegen etwas zu lesen. Eine generationsübergreifende Interaktionsproblematik war aufgeführt. Die hieß in unserer Muttersprache: »Eine dominante, eine provokante Schwiegermami mischt sich andauernd ein!«
Das stärkte Michaels Selbstbewusstsein, rehabilitierte seine Wahrnehmung und es gab ihm Mut, sich noch einmal mit Caro zu treffen. Sie wollte die Kinder einmal gründlich untersuchen lassen. Michael sah es nicht für notwendig an. »Sie wird dann wohl wieder normal werden«, hoffte er. In zwei Wochen wurden die Kinder auf Herz und Nieren, Körper und Seele geprüft.
»Die aktuelle Situation lastet sehr auf Ihren Sprösslingen«, so die Chefärztin Frau Dr. Naujoks. »Sie müssen eine Kur machen – Sie ganz alleine, Frau Schneider!«, erklärte die Psychologin Frau Puschnik.
Wenn Michael das machte, was man von ihm verlangte, standen alle hinter seiner Meinung, ging man gemeinsam jahrelang einen schönen Weg. Aber wehe, er tat es nicht! Deshalb war er in diese Schieflage geraten.
Am Dienstagmorgen trafen sich Michael und Caro in der Firma Schmidt & Meyer, der Firma von Caros Eltern, in der Michael seit einem Jahr Geschäftsführer war.
Seit einem Jahr befand sich die Familie – das heißt Caro und Michael Schneider mit Jan und Alex – in einer extremen Dauerkrise!
Caro betrat Michaels Büro. Es war ein großzügiges, modernes Office. Durch die drei bodentiefen Fenster strahlte viel Licht herein. Die schmalen, eleganten weißen Schals gaben dem Raum ein besonderes Flair. Bertha, Caros Mutter, und Michael hatten sie damals gemeinsam ausgesucht.
Caro wartete geduldig an der Schreibtischkante. Michael führte noch ein Telefongespräch mit seinem Lieblingsstammkunden Fernet aus der Eifel. Die Freisprechanlage war an. »Am Telefon ist er immer freundlich!«, warf Caro in den Raum, als das Gespräch für einen Moment verstummte.
»... ja, so ist er, unser herzallerliebster Herr Meyer.« Herr Fernet lachte. Er konnte herzhaft lachen. Caro konnte sich ein freches Grinsen nicht verkneifen. Ihr Ehemann liebte dieses verschmitzte Lächeln. Der Topkunde führte gemütlich sprechend und pulvertrocken aus: »Da sät der janz fresch zu mir: >Der LKW, der kütt heute nisch.< Und mir sinn in Aachen auf der Baustelle und euer LKW fährt us an de Nase vorbei. Und der Meyer sät einfach: >Der kütt heute nisch!< Dat muss man sisch mal vorstelle. Redet der mit den anderen Kunden auch so? Isch meine, mir kennen den ja. Aber alle lassen sisch dat mit Sischerheit nisch jefallen! Isch wollte ne ja och schon anrufen. Aber isch dachte, dat verzällste ersmal dem Schnieder!«
Michael und Caro amüsierten sich über den originellen Herrn Fernet. Nach dem köstlichen Telefonat gingen die zwei nach draußen. Sekretärin Marianne winkte den beiden aus ihrem Büro zu. Sie strahlte über das ganze Gesicht – so wie Michael. Eine Unmenge an Hoffnung und Freude lag in der Luft.
Die beiden schlenderten durch das Gewerbegebiet, vorbei an der Metzgerei Meckel, entlang am Autohaus Göddeke. Sie gelangten auf den Weg unterm Möchtsteinberg. Hier waren sie ungestört. Michael eröffnete die Zurückeroberung. Er hatte sich im Zwischenlager eine Liste gemacht, mit der er strategisch seine Caro wiedergewinnen wollte. Einfache Annäherungsversuche bei den seltenen Übergaben der Kinder waren kläglich gescheitert.
Die beiden gingen ein paar Schritte wortlos nebeneinander her. Der Bagger vom Bauunternehmer Barns war zu hören, ebenso das Zischen der Autos auf der nahegelegenen Schnellstraße.
»Der Bericht von Unna ist ja letzten Freitag gekommen«, begann Michael.
»Ja, den habe ich auch.«
»Und? Wie findest du ihn?«
»Geht so!«
»Wir müssen Jans Tagesplan ändern. Der ist zu voll. Der Junge ist total traurig. Frau Puschnik hat auch gesagt, dass das zu viele Therapien auf einmal sind.«
»Nein, das bleibt so! Jetzt bin ich so weit gekommen.«
»So weit gekommen! In Unna haben die klar festgestellt, dass die letzten Wochen total belastend für die Kinder waren. Was ist denn nur los mit dir? So haben wir uns das doch nicht vorgestellt. Wir wollten uns ein schönes Leben mit den Kindern machen.«
»Ich hatte auch eine beschissene Kindheit. Die werden das schon überleben!«
»Weißt du eigentlich, was du da redest?«
»Du musst dich auch therapieren lassen!«
»Wieso ich? Von mir steht nirgendwo etwas. Hast du dir schon Gedanken gemacht wegen einer Kur?«
»Vielleicht nächstes Jahr mal, mit den Kindern ...«
»Caro, du sollst alleine eine Kur machen.«
»Ich mache aber eine Mutter-Kind-Kur.«
Michael blieb stehen. »Caro, was ist mit dir los?«
»Ich komme nicht mehr zurück zu dir!«
Michael drehte wieder um. »Wo willst du hin?«, fragte Caro.
»Wir gehen wieder. Das hat keinen Zweck hier.«
Langsam kam Caro hinterher. Michael ging zügigen Schrittes Richtung Schmidt & Meyer. Ein Anliegen kam ihm noch über die Lippen: »Die Kinder möchten mich häufiger sehen. Die vermissen mich total. Das haben mir beide gesagt. Dass die Angst vor mir haben, ist eine Lüge! Jedes zweite Wochenende ist zu wenig. Ich bin der Vater und nicht der Wochenend-Clown! Einen Nachmittag möchten wir uns in der Woche sehen.«
»Das geht nicht! Die haben jeden Tag Termine.«
Michael blieb stehen und schaute seine Frau streng an: »Doch, das geht! Das sind zu viele Termine. Das sind nicht deine Kinder. Das sind nicht die Kinder deiner Schwester und schon gar nicht die Kinder deiner Mutter. Das sind unsere Kinder. Ich weiß nicht, was hier abgezogen wird, aber die Kinder wird mir keiner nehmen. Frau Himmelreich vom Jugendamt sagte auch: Das sind und bleiben Ihre Kinder!«
Michael ging in die Firma. Caro stieg in ihren Wagen und fuhr wieder weg. Marianne schaute Michael beim Hereintreten an. Die Enttäuschung war deutlich in beiden Gesichtern zu sehen.
Gelassen ging Michael seiner Arbeit nach. Um kurz nach zwei blinkte die Telefonanlage auf. Seit dem Entzug seiner Kinder und seiner Frau war er oft gereizt. Jedes Geräusch, das man vermeiden konnte, wurde ausgeschaltet. Das ständige Klingeln des Telefons stellte er als Erstes ab.
Die schmale rote Taste blinkte auffällig und im Display stand: Stadt Neukirchen, Jugendamt Frau Himmelreich.
»Guten Tag Frau Himmelreich, schön, dass Sie anrufen. Ich hätte sie spätestens morgen auch angerufen.«
»Guten Tag Herr Schneider, ich wollte nur mal nachhören, ob Sie den Bericht von der Kinderklinik erhalten haben. Ihre Frau hatte die Kinder ja ohne Ihre Zustimmung dort einweisen lassen. Das ist eigentlich gar nicht möglich. Aber Sie sagten mir ja, dass Sie Ihrer Frau mal freie Hand lassen wollten.«
»Ja, das stimmt, ich habe ihr freie Hand gelassen und wenige Tage später hat sie sich von mir getrennt.«
»Das muss ich jetzt nicht verstehen, oder?«
»Nein, müssen Sie nicht. Das versteht keiner. Der Bericht deckt sich mit meiner Einstellung und spiegelt genau meine Einschätzung wider. Dass die Mutter mit Alex Probleme hat, konnte ich schon vor Jahren beobachten.«
»Ah! Okay! Dann haben Sie also den Bericht.«
»Ja, ich habe ihn. Ich habe grade noch mit meiner Frau gesprochen. Wenn ich ehrlich bin, erkenne ich sie nicht mehr wieder. Die ist ja in einen regelrechten Therapiewahn verfallen und eben hat sie gesagt, sie möchte nicht mehr zu mir zurück.«
»Geben Sie ihr einfach mal etwas Zeit. Ihre Frau war letzte Woche noch hier im Rathaus. Ihre Frau will keine Trennung. Ihre Frau will Veränderungen!«
»Frau Himmelreich, ich habe mal die Daten zusammengeschrieben, was sich in unserer Familie, besonders in den letzten Monaten, zugetragen hat. Das möchte ich gern mal mit Ihnen besprechen. Eigentlich wollte ich das mit meiner Frau allein regeln, so wie wir das immer allein geregelt haben. Aber meine liebe Schwiegermutti meint, sie müsse immer mehr Leute zu diesem selbstgebrauten Konflikt herbeizaubern. Meine Kinder halten diesen Druck nicht mehr lange aus. Sie möchten mich häufiger sehen.«
»Sie können jederzeit zu mir hier ins Rathaus kommen. Wenn Sie in Ruhe sprechen wollen, vereinbaren wir am besten einen Termin.«
Zwei Tage später befand sich Michael Schneider im Büro von Frau Himmelreich. Die schlanke Dame mit der modernen Brille saß vor ihm. »Dann erzählen Sie mal.« Sie strahlte eine besondere Ruhe aus. Sie blickte ihn an, als hätte sie tagelang Zeit für ihr Gegenüber in seiner misslichen Lage: »Ja, wo soll ich denn anfangen?«
»Am besten ganz am Anfang!«, lächelte sie ihm freundlich mit einem Klemmbrett und Stift in den Händen zu.
»Dann fange ich mal an: Meine Frau und ich haben uns ganz ungezwungen kennen- und lieben gelernt. Wir haben zwei Jahre zusammengelebt, dann geheiratet. Wir wünschten uns zwei Kinder. Nach der Hochzeit haben wir es dann einfach drauf ankommen lassen. Wir wollten im Jahr zweitausendvier eine Fahrradtour durch Deutschland machen. Doch Jan kam uns zuvor. Meine Frau wurde schwanger. Die Geburt verlief unkompliziert, aber es war ein Kaiserschnitt. Meine Schwiegermutter mischte sich sehr in unsere Ehe ein, auch schon während der Schwangerschaft.«
»Wie machte sich das bemerkbar?«
»Sie sagte oft: Ich bin schwanger.«
Die Sachbearbeiterin schaute ruckartig hoch.
»Sie kaufte andauernd Sachen beziehungsweise organisierte diese von ihrer Schwester. Ihre Nichte hatte auch einen Sohn, ein Jahr jünger als Jan.«
»Ah, ich verstehe!« Frau Himmelreich machte sich Notizen. »Und sie kaute uns stundenlang vor, was wir alles zu organisieren hätten, wo wir was beantragen müssten. Sie saß jeden zweiten Tag bei mir im Büro.«
»Ach ja! Das hatte Ihre Frau erwähnt. Sie arbeiten im Betrieb Ihrer Schwiegereltern.« Sie stöhnte kurz auf. »Das kommt bei Ihnen ja auch noch dazu.«
»Ja, genau, Frau Schmidt hat einen Sohn verloren. Deshalb habe ich auch großes Verständnis aufgebracht für ihr Verhalten. Aber meiner Frau wurde das zu viel ...«
»Also das mit dem verstorbenen Sohn hat Ihre Frau nicht erwähnt. Das finde ich aber nicht unerheblich. Das könnte die Uberfürsorge ausgelöst haben,«
»Ja, das ist gut möglich. Wie gesagt, ich war da sehr geduldig. Als Jan Ausschlag an den Gelenken bekam, brachte ich ebenfalls sehr viel Geduld auf und unterstützte meine Frau in jeder Hinsicht, Erst hatten wir cortisonhaltige Salbe angewendet. Dann haben wir es mit verschiedenen Diäten, unter anderem mit Ziegenmilch, versucht – vergebens.
Meine Frau wollte Homöopathie anwenden. Das haben wir dann auch gemacht. Der Ausschlag wurde schlimmer, was aber Teil der Therapie war ,„«
»Ja, die Krankheit soll aus dem Körper herauswachsen,«
»So sagte es die Homöopathin auch. Aber meine Frau ging zu meinem Vater und sagte diesem, ich würde ihr verbieten, zum Arzt zu fahren,«
Frau Himmelreich schaute ihn erneut an, zog die Augenbrauen hoch und schrieb eifrig vor sich hin, »Als Nächstes wollte sie es mit Handauflegen versuchen. Das half aber auch nicht. Dann fand meine Schwiegermutter eine Ärztin, die eine Salbe gegen Ausschlag erfunden hatte. Die sei so gut, dass sie von der Pharmaindustrie verboten würde.«
»O Gott, das nahm ja kein Ende!«
»Ich kann das auch alles abkürzen.«
»Nein, nein! Reden Sie ruhig weiter! Ihre Frau hat auch ausführlich berichtet, aber vieles höre ich hier zum ersten Mal.
»Die Salbe brachte keine Verbesserung. Meine Schwiegermutter fand eine Spezialklinik an der tschechischen Grenze ...«
Die hübsche Frau schüttelte mit dem Kopf.
»Dann habe ich die Notbremse gezogen. Wir haben ein paar Wochen nichts unternommen. Jan störte der Ausschlag nicht sonderlich. Ab und an rieb er sich in seinem Bettchen den Rücken. Dann haben wir ihn eingecremt. Nach circa vier Wochen war der Ausschlag weg. Seine Milchzähne waren vollständig.«
»O Mann, da haben Sie aber einen Faden mitgemacht. Hätte man mal früher auf Sie gehört!«
»Ich war einfach froh, dass der Wahnsinn zu Ende war. Als meine Frau mit Alex schwanger war, sagte sie: >Der hat was!< Aber es wurde nichts festgestellt. Die Schwangerschaft verlief normal. Sie war allerdings deutlich gereizter als bei Jan. Dieses Empfinden »der hat was« behielt sie bei. Der Kinderarzt fand aber nichts. Wir haben dann später gemeinsam zusätzliche Untersuchungen veranlasst. Man schickte uns nach Hause. Eine Ärztin sagte mal:
>Fahren Sie nach Hause, Sie haben ein gesundes Kind.<
Als Alex in den Kindergarten kam, entfachte die Befürchtung erneut: »Der hat was!« Die junge Gruppenleiterin nahm sich sofort dieser Sorge an. Ich war öfters mit im Kindergarten und musste wie bei Ihnen noch ein paar Informationen nachliefern. Dann lief es eine Zeit ganz gut.
Mit Jan bekam sie Schwierigkeiten bei den Hausaufgaben. Die Schule verlangte sehr viel. Meine Frau hat die Fehler von ihm verbessert, aber nicht mit ihm besprochen.
Wir haben dann gemeinsam mit ihm geübt und das sogar sehr erfolgreich. Nach ein paar Monaten ließ sie sich aber wieder hängen. Alex könne nicht malen und nicht seinen Namen schreiben. Ich habe mich mit ihm hingesetzt. In nur drei Tagen konnte er seinen Namen schreiben und er malte die schönsten Bilder. Wir beantragten dann ein weiteres Kindergartenjahr und sie organisierte für Alex Therapiemaßnahmen.«
»Ihre Frau sagte mir, Sie würden ihr verbieten, Therapien anzumelden.«
»Das stimmt nicht. Sie hatte sich so gefreut, dass ich ihr zur Seite stehe. Mit dem Kindergarten war klar vereinbart, dass ich den Kleinen unterstütze. Ich hatte schnell sehr gute Erfolge. Die Kindergartenleitung war begeistert! Vielleicht sei hier mal die Frage gestattet, warum die Mutter einfach behauptet, der kann nicht malen, statt sich mal mit ihm hinzusetzen und malen zu üben! Wenn mir die Erfolge nicht gelungen wären, hätten wir selbstverständlich früher externe Hilfe hinzugezogen.
Nach der Kommunion von Jan war sie dann eines Mittags mit den Kindern weg.«
Frau Himmelreich schaute auf.
»Ich dachte mir zunächst nichts dabei. Wir wollten uns eine schöne Zeit machen, freuten uns so auf das Jahr zweitausendvierzehn und auf unseren Sommerurlaub.
Direkt nach der Mittagspause fragte mich Herr Meyer in der Firma: >Na? Ist dir erstmal die Caro abgehauen?< Sie wohnte ein paar Tage bei ihren Eltern. Nur schwer kam ich an sie heran. Am Sonntag drauf kamen mein Bruder, ihr Onkel und ihr Vater unangekündigt zu mir in die Küche spaziert. Sie waren sich einig, dass ich meine Frau verletzt hätte, dass ich auf ihrer Seele herumgetrampelt hätte, konnten aber kein konkretes Beispiel nennen. Dies ist auch unmöglich, da ich meine Frau niemals verletzt oder auf ihrer Seele herumgetrampelt habe. Der Hauptredner war der Onkel, den ich nicht wiedererkannte. Er war eigentlich ein lustiger und lockerer Typ, mit dem ich mich immer gut verstanden habe. Nach einer Viertelstunde habe ich dann die Herren wieder nach Hause geschickt. Mein Bruder blieb. Er blieb zwei Stunden. Ich habe ihm meine Version erzählt. Er fiel aus allen Wolken.
Ich suchte Rat bei meiner Tante in Görlitz. Die hatte immer Verständnis und ein offenes Ohr für mich. Aber die habe ich auch nicht mehr wiedererkannt. Sie sagte mir direkt zu Anfang, dass meine Schwiegermutter mit alldem nichts zu tun habe. Sie hatte am Vorabend sehr lange mit dieser telefoniert,«
Frau Himmelreich schüttelte den Kopf, während sie schrieb,
»Meine Frau kam dann wieder. Aber erst gab es eine große Aussprache mit unseren Eltern,«
»Was war denn eigentlich vorgefallen?«
»Das weiß ich bis heute nicht!
Ich durfte bei der Aussprache nicht von Anfang an dabei sein. Wie ein kleiner Rotzlöffel musste ich im Garten warten, bis ich dazugebeten wurde, Frau Schmidt, also meine Schwiegermutter, fehlte bei diesem Treffen, Als ich dazukommen durfte, unterhielten sich meine Eltern und Caros Vater mehr über das Wetter als über uns. Beim Verabschieden sagten die Väter, man wolle nicht mehr wiederkommen, in jeder Ehe würd’ man sich mal streiten. Ich war erleichtert, dass diese seltsame anhaltende Stimmung endlich vorbei war. Wir erlebten wieder schöne gemeinsame Tage,«
Er stockte,
»Bis „,«
Er stockte noch einmal,
»Ja, bis sie wiederkamen!«
»Wer kam wieder?«
»Meine Schwiegereltern!«
»Was?«
»Nach einer Woche kamen sie wieder.«
»Nach einer Woche!?«
»Sie saßen bei uns im Wohnzimmer. Ich habe sie kurz begrüßt und sie da sitzen gelassen. Dann bin ich zu meinen Eltern. Beim Rausgehen meinte mein Schwiegervater, dass Caro doch nur mal für eine Zeit allein im Haus wohnen wolle.« Frau Himmelreich warf ein: »Es war doch angeblich alles eine Woche zuvor besprochen worden. Das muss man jetzt nicht verstehen? Der wollte doch nicht mehr wiederkommen. Also Ihre Frau hat von diesen Auftritten nichts erwähnt!«
»Es kommt noch besser!« Erschrocken schaute sie zu Michael Schneider. »Als ich wenige Minuten bei meiner Mutter in der Küche war, kamen Bertha Schmidt und meine Frau hinzu. Bertha Schmidt betrat den Raum, als wenn es ihre eigene Küche gewesen wäre. Sie sagte nicht >Guten Abend< oder >Hallo<. Ich bin dann einfach rausgegangen. Nach einer Weile rief mich meine Schwester auf dem Handy an. Bertha habe sie aus ihrem Elternhaus geworfen – mit den Worten: >Halt du dich da raus, du dummes Balg! Du hast ja gar keine Ahnung!< Das Zitat hat sie mir aber erst einen Tag später genannt ...«
Immer wieder schüttelte Frau Himmelreich mit dem Kopf, während sie sich Notizen machte. Zwei Blätter waren schon umgeschlagen. Seit einigen Minuten stand der Kugelschreiber mit dem roten Stadtwappen nicht mehr still. Sie schrieb und schrieb.
Michael führte weiterhin eine Gegebenheit nach der anderen auf, sachlich und präzise: »Ich sagte zu meiner Schwester, sie solle wieder in die Wohnung meiner Eltern gehen. Das machte sie. Ich ging auch wieder dorthin. Mein Bruder mit seiner Frau saßen nun auch mit in der Küche. Als ich reinkam, schwiegen alle. Von draußen hörte ich Frau Schmidt reden. Die fing dann wieder an, zu erzählen. Sie versuchte, mich als unmöglichen Ehemann dastehen zu lassen. Sie erzählte den anderen von unseren Eheproblemchen. Dann behauptete auch sie, ich würde meine Frau verletzen. Es reichte mir. Ich habe sie gefragt, warum sie sich immer einmischen würde, fragte, wer die ganzen Leute zu meinen Eltern bestellt habe. Fragte, wer die drei am Sonntag davor in unsere Küche geordert hatte und wer den Menschen die Unverschämtheiten und Lügen in die Köpfe gehämmert habe. Dann sprach ich zu meiner Frau, dass wir alles so lassen, wie wir es mit ihrem Vater und meinen Eltern besprochen hatten. Wenn sie aber der Meinung sei, dass sie so nicht mehr leben möchte – obwohl wir so viele Jahre gemeinsam glücklich verbracht haben –, würde ich freiwillig das Haus verlassen. Meine Frau nahm dieses Angebot an. Frau Schmidt zürnte direkt im Anschluss: >Und das machen wir nicht!<«
»Was ist das denn für ein Mensch? Diese Frau!«
»Für mich war die Veranstaltung beendet. Ich ging wieder. Meine Frau kam und kam nicht. Dann bin ich noch einmal zu meinen Eltern. Frau Schmidt saß immer noch da, meine Frau, mein Bruder, meine Schwägerin auch noch. Meine Schwester war nicht mehr da. Unsere Mutter befand sich auch nicht mehr auf ihrem Platz. Sie saß im Wohnzimmer. Mein Vater schlief auf d er Couch. >Michael, wir können nicht mehr, was will die denn noch?<, fragte mich meine Mutter. Sofort habe ich mich auf dem Absatz herumgedreht und bat die Leute, die Küche meiner Mutter zu verlassen ...«
Es war über eine Stunde verstrichen. Frau Himmelreich saß am Besuchertisch. Ein Bein angewinkelt, an welches sie ihr Klemmbrett lehnte. Geduldig und aufmerksam hörte sie den Ausführungen zu und machte sich reichlich Notizen.
»Dann erlebten wir ein paar schöne Tage. Ich war mir sicher, dass ich meine Frau aus ihrer Krise herausholen könnte.
Sie machte mir einen Termin bei Rechtsanwalt Beule. Der sagte mir, wir sollten uns wieder vertragen, bei uns wäre doch noch nichts kaputt. Er würde das sofort sehen. Keine Ahnung, was sie mit diesem Termin bezwecken wollte.
Wir unternahmen viel mit den Kindern. Caro wurde wieder zu einer Powerfrau. Sie war erneut wie ausgewechselt. Die Schwiegereltern gönnten sich eine Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer.
Ein paar Tage lang war alles wieder wie vor der Krise. Ich dachte: »Jetzt haben wir es geschafft!«
Von jetzt auf gleich fing der Horror dann aber erst so richtig an: Meine Frau sagte mir, sie wolle mit ihrer Schwester einen Cocktail-Abend genießen. Sie war bis halb drei Uhr nachts weg. Sie war die halbe Nacht mit ihrer Schwester bei ihren Eltern, Meine Frau hielt sich an keine Vereinbarung mehr. Sie flog mit ihrer Schwägerin Kerstin nach Mallorca. Es war klar, dass die Kinder bei mir bleiben sollten. Sie aber brachte sie einfach zu ihrer Mutter. In der Firma bekam ich von meiner Schwägerin, die nie was mit der Firma zu tun haben wollte, eine Abmahnung und eine Gehaltspfändung. Einen Tag vor Alex’ Geburtstag zog meine Frau wieder aus. Ich durfte meinem Sohn nicht gratulieren. Dieser war im Haus der Schwiegereltern. Kurz vor dem Gratulieren bekam ich vor den Kindern Haus- und Grundstücksverbot. Alles vor deren Augen! Dienen solche Aktionen dem Wohle der Kinder? Wenige Tage später kam ein Brief von Anwalt Beule wegen Zuweisung der Ehewohnung. Die Kinder bekam ich wochenlang nicht zu sehen. Erst müsse die Wohnsituation geklärt werden. Dann hat meine Frau das Jugendamt eingeschaltet. Sie würden das nicht für gutheißen, wenn die Kinder zum Vater kämen. Ja, und dann haben wir beide uns kennengelernt.«
»Ach so, ja, dann haben Sie mich angerufen, weil Sie mit den Kindern wegfahren wollten.« Frau Himmelreich atmete einmal tief durch und sagte:
»Eine Trennung ist ja eigentlich eine Angelegenheit zwischen zwei Personen, aber bei Ihnen machen ja mindestens dreißig Leute mit!«
»Ja, wenn wir mit dreißig hinkommen. Das war ja nur ein kurzer Abriss der ganzen Aktionen. Da gehören noch ein paar andere Gegebenheiten hinzu. Ich werde es mal in einem Kurzbericht Zusammentragen. Wenn Sie möchten, lasse ich Ihnen diesen zukommen. Erstmal vielen Dank, Frau Himmelreich, dass Sie sich die Zeit für mich genommen haben.«
»Sehr gern, Herr Schneider, das gehört für mich zu einer Familienkonfliktbegleitung dazu. Und nun habe ich einen Überblick in Ihrer Sachlage. Den Kurzbericht lassen Sie mir bitte unbedingt zukommen.
Als Vater haben Sie das Recht, Ihre Kinder jedes zweite Wochenende bei sich zu haben und jeweils die Hälfte der Ferien. Egal, wie die Sache hier endet, ich gebe Ihnen den Rat:
Machen Sie sich immer eine schöne Zeit mit den beiden Jungs.
Wir als Jugendamt können nur beratend tätig sein und wir sind der Neutralität verpflichtet. Wir können aber gern zusammen mit Ihrer Frau eine Umgangsvereinbarung verfassen, an die sich beide Elternteile zu halten haben.«
Erleichtert vor sich hin summend verließ Michael das Amtsgebäude. Im Auto legte er einen guten Song auf und fuhr nach Oberhof, nicht mehr in die Firma.
Mit lauter Musik rollte sein Wagen auf seinen vom Genscher eingewiesenen Parkplatz. Genscher war das Urgestein im Mietshaus Voss. Er stand, wie so oft, am Zaun vor der Eingangstür, ein Fuß auf dem Mäuerchen und ein Zigarettchen im Mundwinkel. Er schaute Michael dabei zu, wie dieser pfeifend einen Karton aus dem Kofferraum auf seinen linken Unterarm stellte.
»Heute biste besser gelaunt.« Er grinste, nahm einen tiefen Lungenzug, rückte seine Brille mit einer Hand am Bügel zurecht. »Aber das geht mich ja auch nichts an.«
Er schaute in den schönen Spätsommertag hinein. »Guten Tag Herr Nachbar, du hast es doch am besten!«
»Meinste?« Der alte Mann lachte schelmisch. Michael ging mit seinem Karton zum Haupteingang. Michael grinste über beide Backen und sprach leise vor sich hin: »Ach Genscher, du bist einfach der Originellste!« Der Griff an den Brillenbügel war Genschers Markenzeichen.
Michael Schneider scheute in der Zeit die Gesellschaft. Vor der Krise war er gern im Dorf gewesen, gern unter Menschen. Er war lebensfroh und eine Spur verrückter gewesen. Genau das hatte seine Frau an ihm gemocht. Dama Is half er gerne auf Festen. Wenn Reparaturen am alten Pfarrhaus oder an der Kapelle anstanden, war Michael immer dabei. Hier konnte er sein Fachwissen als Maler einbringen. Viele Jahre hielt er die Geschehnisse aus Oberhof in Reimen fest. Über seine Büttenreden unterhielt und erfreute man sich wochenlang. Als Zugabe gab es nette Reimgeschichten, Aus seiner Feder stammt:
Tante Grete gibt die Löffel ab
Der Nachbar von Tante Grete,
ein dicker Mann namens Herr Riete,
sagte, dass die Tante Grete
spät am Abend immer blähte.
Das kam von der Roten Bete,
die sie im Frühjahr immer säte.
Deshalb tat der Herr Klete
vor Wut in die Rote Bete ein Stückchen weiche Knete,
Danach war es eine tote Grete,
Schon bald gab es eine Fete,
weil die dicke Tante Grete
abends nicht mehr blähte.
Zur Beerdigung kam die Tante Dete,
die extra einen schwarzen Rock sich nähte.
Am Grab der Pfarrer alles verdrehte,
er sagte, Tante Dete
sei gestorben an der Roten Bete,
Doch die Tante auf einmal krähte,
sie sei nicht Tante Grete
und äß auch nur Brei von Alete.
Plötzlich der Pfarrer flehte:
»Sei endlich ruhig, Tante Dete,
sonst zahlst du eine Pesete!«
Auf das Grab der Tante Grete
der Friedhofsgärtner säte
natürlich eine dicke Rote Bete.
Er goss sie immer, wenn er Rasen mähte.
Doch die arme Tante Grete
sich im Grab umdrehte,
denn sie hatte genug von der Roten Bete.
Tot sein wollte er nur in den drei Sekunden nach dem grausamen Geburtstag seines Sohnes. Der kleine Alex wollte öfters tot sein.
Seit diesem aufgezwungenen Singledasein hatte sich Michael vor den Menschen versteckt.
Seit Monaten sah man ihn wieder im Dorf. Doch er schien sich so unsichtbar wie möglich zu machen. Eiligen Schrittes ging er durch die Straßen des alten Ortskernes, mit starrem Blick auf den Gehweg. Viele Menschen bewegten sich draußen in ihren Gärten, saßen auf den Bänken vor den Häusern oder beim Gasthof Voss auf der Terrasse. Michael war ein recht angesehener Bewohner des Ortes Oberhof, mit dem der Name Schneider tief verwurzelt war. Die Bewohner von Oberhof nannte man in den umliegenden Orten Hofer. Dieser Hofer Michael ging früher nie durch den Ort, ohne ein Schwätzchen, ohne einen netten Gruß zu rufen. Die anderen Hoferinnen und Hofer wussten um seine Lage. Die Freundin seiner Mutter sagte im Sommer zu ihm: »Bei allen Paaren können wir uns vorstellen, dass man sich trennt, aber bei euch doch nicht!« Selbst Pfarrer Brandt gab die Order raus: »Herrn Schneider müssen wir mal eine Zeit lang in Ruhe lassen!«
Dieser schlenderte durch die Gärten zurück zum Zwischenlager. Auf der langen Geraden, welche beidseitig mit gepflegten Ligusterhecken eingefasst war, kam er an seinem eigenen Grundstück vorbei. Wer wurde schon mal per Gericht aus dem Haus geschoben? Es musste sich grausam anfühlen, wenn man an der eigenen Wohnung vorbeiging und nicht mehr reindurfte.
Nachbar Volker fegte seinen Gehweg. War er für Michael ein Nachbar? Oder war die Nachbarschaft für die Zeit im Zwischenlager ausgesetzt? Volker ging auf ihn zu. »Na, Michael!«
Wie oft hatten die beiden an ihren Hecken gestanden und ein kleines Schwätzchen gehalten. Mit dem Unterschied, dass Michael nun auf der Straße und nicht in seinem Garten stand.
Als er vor wenigen Wochen allein die Stellung im Eigenheim gehalten hatte, hatte sich Volker des Öfteren nach Michaels Befinden erkundigt. Volker war ein sehr guter Nachbar. Überhaupt hatten die Schneiders eine gute Nachbarschaft, in der sich die zugezogene Caro wohlfühlte. Sie war stolz, der Nachbarschaft und der Dorfgemeinschaft anzugehören, und empfand Stolz darüber, eine Hoferin zu sein.
Das Gespräch war kurz. Die Lage war einfach zu unübersichtlich. Volker wünschte Michael viel Glück. Der geschundene Ehemann ging in die Querstraße und an seinem Haus vorbei. Vor Letzterem stand das hochpolierte Cabrio seiner Schwägerin Marion, Caros Schwester, Jans Patentante. War das die Botschaft: Wir brauchen dich nicht mehr? Die Mathenachhilfe machte nun die Patentante und nicht der strenge Vater, der unbeeindruckt an seinem Haus vorbeischritt.
Welcher Vater schritt mal an seinem eigenen Haus vorbei, dem die Türen verschlossen blieben, in dem seine Kinder zu hören waren, aus dem der Duft eines leckeren Abendessens umherzog?
Eine fremde Frau hatte festgelegt, dass er nicht seinen Grund und Boden betreten durfte. Erst in neun Monaten würde er sich wieder als freier Mann bewegen dürfen. Durfte er wieder in sein Haus? Durfte er wieder auf dieses Fleckchen Erde? Den großen Naturgarten mit einem Schwimmteich und mit einem traumhaften Panoramablick sollte er erst wieder im darauffolgenden Sommer betreten dürfen. Im Notfall sollte ein Schaf die Vertretung für die Pflege der kleinen Parkanlage übernehmen. Man könnte über die Idee lachen, wenn sie nicht aus dem Mund einer deutschen Richterin gesprochen worden wäre!
Die Hecken hatte er vorsorglich geschnitten. Bereits Ende Juli machte er seinen Garten winterfest, in weiser Voraussicht, dass ein blökender Vierbeiner nicht mit seiner Elektro-Heckenschere umgehen konnte. Die Rasenpflege traute der Hobbygärtner dem Getier durchaus zu. Da war sich der Naturfreund sicher. Doch er prüfte die Arbeiten des Vierbeiners nicht. Keinen Blick schenkte er seinem kleinen Paradies mit Traumhaus im Hintergrund.
Was hatte diesen Mann so hart gemacht? Das Abenteuer in den Bergen? Das Gespräch mit Frau Himmelreich?
Nach seinem Gang durch die Gemeinde saß er an seinem Küchentisch aus heimischer Kiefer. Seine Schwester nahm diesen Tisch mit in ihre Wohnung,
Er besaß eine lange, bedeutende Familiengeschichte: Michael hatte vor vielen Jahren die Tischplatte erneuert, die abgenutzte Kunststoffplatte durch eine massive aus Kiefer ersetzt. Das war zu der Zeit, als er Caroline Schmidt ihr bestes Frühstück serviert hatte. Aus Caroline wurde Caro, aus Schmidt wurde Schneider. Mehrere Mädels hatten mit Michael an diesem Tisch in seiner ersten eigenen Wohnung im Hause seiner Eltern gesessen. Noch viel mehr Schneiders saßen an diesem geschichtsträchtigen Küchentisch: sein Vater und dessen Geschwister, ja sogar schon sein Großvater, welcher als Einzelkind aufwuchs, was zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts äußerst unüblich war.
Nun befand er sich wieder an diesem Tisch, ganz allein. Er strich mit der flachen Hand über die Fläche mit den vielen Macken und Kerben, mit den vielen Erinnerungen an eine glückliche Zeit.
Es schellte. Er musste sich erstmal zurechtfinden. Er wohnte seit mehreren Wochen in der Wohnung mit seinem alten Küchentisch, den Möbeln seiner Schwester und der Küche vom Voss. Aber es hatte noch nie geschellt. Es hing ein Hörer an der Wand neben der Tür zum Flur. Michael griff zuerst danach, ging dann aber doch zur Wohnungstür. Er öffnete sie, es stand aber keiner davor.
