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Beschreibung

Ein internationales Autorenteam widerspricht dem Meinungskartell der Mainstream-Historiker

Die Geschichte des Ersten Weltkrieges ist eine vorsätzliche Lüge. Nicht die Opfer, nicht der Heldenmut, nicht die schreckliche Verschwendung von Menschenleben oder das folgende Leid. Nein, all das war sehr real. Doch seit bald einem Jahrhundert wird erfolgreich vertuscht, dass Großbritannien und nicht Deutschland für den Krieg verantwortlich war. Ebenso die Gründe, warum der Krieg unnötig und vorsätzlich über das Jahr 1915 hinaus verlängert wurde. Wären diese Wahrheiten nach 1918 publik geworden, wären die Folgen für das britische Establishment vermutlich verheerend gewesen.

Bis heute verbreiten die Mainstream-Historiker, Deutschland trage die Schuld am Ersten Weltkrieg. Diese Lüge ist nicht nur dreist, sondern auch gefährlich. Denn die Situation vor Ausbruch der damaligen Katastrophe gleicht in besorgniserregender Weise der heutigen Gemengelage.

Jetzt widerspricht ein international angesehenes Autorenteam diesem Meinungskartell. In dem von Wolfgang Effenberger und Jim Macgregor herausgegebenen Buch Sie wollten den Krieg werden die wahren Gründe für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs genannt.

Der Historiker und Koautor Wolfgang Effenberger resümiert: »Wir sehen uns mit der Gefahr eines Dritten Weltkriegs konfrontiert, der wir nur begegnen können, wenn wir endlich die Wege, die in den Ersten Weltkrieg geführt haben, aufzeigen ...«.

Vergessen Sie die Mär, Europa sei »schlafwandelnd« in den Ersten Weltkrieg getaumelt. »Europa«, schreibt Jim Macgregor, »wurde vorsätzlich in den Krieg gestoßen. Es war ein grausamer und boshafter Akt von gefühllosen, mächtigen Männern ...«.

Dieses Buch macht Schluss mit der systematischen Geschichtsfälschung. Das internationale Autorenteam widerlegt die Lüge von der Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg. Es ist Pflichtlektüre für jeden geschichtlich Interessierten und für all jene, die die Vergangenheit verstehen wollen, um die Gegenwart zu gestalten und einen Dritten Weltkrieg zu verhindern.

Dieses Buch durchbricht eine seit hundert Jahren währende gezielte Desinformation. Lesen Sie, was sich die Mainstream-Historiker nicht zu sagen trauen.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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1. Auflage Oktober 2016 Copyright © 2016 bei Kopp Verlag, Bertha-Benz-Straße 10, D-72108 Rottenburg Alle Rechte vorbehalten Übersetzung: Matthias Schulz, Helmut Böttiger Lektorat: Ulrich Wille Satz und Layout: Opus verum, München Umschlaggestaltung: Nicole Lechner ISBN E-Book 978-3-86445-355-7 eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

Gerne senden wir Ihnen unser Verlagsverzeichnis Kopp Verlag Bertha-Benz-Straße 10 D-72108 Rottenburg E-Mail: [email protected] Tel.: (07472) 98 06-0 Fax: (07472) 98 06-11Unser Buchprogramm finden Sie auch im Internet unter:www.kopp-verlag.de

Einleitung

Merchants of Death – Lithograph by Mabel Dwight, 1935.

»Die Händler des Todes sind zäh und langlebig… ihr alleiniges Interesse ist das Eigeninteresse, ihr alleiniger Gott ist der Profit. Als Munitionshersteller haben sie keine Heimat. Als Politiker richtet sich ihr Interesse auf eine starke Herrscherklasse und der Bündelung der Privilegien… Was sie jedoch nur selten begreifen, ist, dass der Tod ihr Anführer ist. Er liebt sie, denn er weiß, dass sie früher oder später seine Taschen füllen werden. Er weiß, dass sie Kriege und Revolutionen ausbrüten… Ihre Hartnäckigkeit und ihre althergebrachte Dummheit übersteigen jedes verständliche Maß. Wir sprechen hier über Wesen, die ausgesprochen scharfsichtig, dabei aber unheilbar kurzsichtig sind. In diesem Land hassen sie das Ideal der Demokratie, doch sind sie froh über die lockeren Zügel und den Freiraum, den sie ihnen lässt.«

Mabel Dwight, A Catalogue Raisonné of the Lithographs,

Smithsonian Institution Press, 1997.

Entstehen doch alle Kriege um des Geldes Besitz.

Sokrates

Es gehört zum Wesen des Krieges,

dass seine wirklichen Gründe und Ziele nicht dem entsprechen,

was als casus belli proklamiert wird.

George Bernard Shaw

Was könnte Europa tun, um sich wirklich,

nicht nur mit verbalem Florettgefuchtel,

aus einer lebensgefährlichen Allianz zu lösen?

Solange es auf dem geltenden Design des Wirtschaftens

und der Sozialisierung durch den totalen Markt beharrt: NICHTS.

Es wird weiterhin als vielleicht unwilliger,

aber letzten Endes braver Soldat Schwejk hertrotten

hinter den Todesmaschinen der planetarischen Interessenwahrung,

wird weitermarschieren in die Armageddon-Wüste hinein,

Vorwort

Trotz der umfangreichen Literatur zum Ersten Weltkrieg anlässlich des Jubiläums 2014 sind die Wege in diesen Krieg bisher noch nicht über die offizielle Lesart hinaus untersucht worden. Nicht einmal Christopher Clarks Schlafwandler rührt an die akribische Vorbereitung dieses Krieges durch eine verborgene Elite von Finanz- und Geostrategen. Vieles an der heutigen Gemengelage erinnert fatal an die Situation vor dem Ersten Weltkrieg, an dessen Bruchlinien die Konflikte erneut ausgebrochen sind.

Wir sehen uns mit der Gefahr eines Dritten Weltkriegs konfrontiert, der wir nur begegnen können, wenn wir endlich die Wege, die in den Ersten Weltkrieg geführt haben, aufzeigen und ein Bewusstsein für die Diskrepanz zwischen offiziellem Narrativ und realen Hintergrundinteressen schaffen.

Kriege werden nicht von Völkern geführt, auch nicht von Regenten, sie werden immer von strategischen und finanziellen Interessen geleitet und von kleinen Gruppen gezielt vorbereitet. Die beteiligten Regierungen werden von den Ereignissen überrascht und müssen reagieren, ob sie wollen oder nicht. Wie in diesem Buch deutlich wird, wird durch gezielte Desinformation und »katalysierende« Ereignisse (Sarajevo) eine Situation herbeigeführt, in der der Krieg unausweichlich (»alternativlos«) zu sein scheint. Diejenigen, die den Krieg geplant haben, sind dabei gegenüber denjenigen, die ihn zu verhindern versuchen, eindeutig im Vorteil.

Dem Ersten Weltkrieg ging eine imperiale Kolonialpolitik voraus, die unter anderem zur Bildung des Britischen Empire und der Vereinigten Staaten von Amerika führte.

Der Weltkrieg wurde auch geführt, weil eine Kooperation von Deutschland, Österreich und Russland und damit die Bildung einer Konkurrenzmacht in Mitteleuropa verhindert und der Niedergang des Britischen Empire gestoppt werden musste. Der wirtschaftliche Aufstieg Deutschlands, die Idee Walther Rathenaus, einen kontinentaleuropäischen Wirtschaftsraum (ähnlich der heutigen Euro-Zone) zu etablieren, sowie das Projekt der Bagdadbahn, die eine Wirtschaftsverbindung bis nach Indien erschließen sollte, waren eine Bedrohung für die Seemacht Großbritannien und natürlich auch für die USA – ähnlich wie das heutige chinesische Großprojekt »One Belt, One Road« (friedlicher Handel entlang der historischen Seidenstraße, Bahnverbindung von Shanghai nach Duisburg/Hamburg) eine Bedrohung für die Herrschaft der globalen US-Konzerne darstellt.

Die Bagdadbahn wurde damals durch die erfolgreiche Instrumentalisierung des serbischen Nationalismus verhindert. Die Attentäter von Sarajevo zündeten die Lunte zum Ersten Weltkrieg und sicherten so der Seemacht Großbritannien unter anderem das Erdölmonopol im Nahen Osten. 1› Hinweis

Entgegen der offiziellen Geschichtsschreibung war der Bau der deutschen Flotte für Großbritannien kein Grund zum Fürchten, wie die Ergebnisse im Verlauf des Krieges dramatisch aufzeigten (Versenkung des deutschen Ostasiengeschwaders am 8. Dezember 1914). Allerdings war der Flottenbau ein willkommenes Geschenk für die britische Propaganda. Die Rüstungsindustrie stellte ihn als große Bedrohung dar, um von der pazifistischen Campbell-Bannerman-Administration ständig Geld für den Ausbau der schlagkräftigen Dreadnought-Flotte einzufordern. Außerdem war dieser Flottenbau Deutschlands ein wunderbarer Hinweis auf dessen angebliche Aggressivität. Dass diese Zusammenhänge von der deutschen Regierung nicht wahrgenommen wurden, macht ihre eigentliche Verantwortung für den Ersten Weltkrieg aus.

In der Freude über die 1871 gewonnene nationale Einheit und die mithilfe der gelungenen Integration der jüdischen Bevölkerung wachsende Prosperität und wissenschaftliche Weltgeltung hatten die Deutschen einfach übersehen, dass sie für die konkurrierenden Großmächte zwangsläufig zur Gefahr wurden.

Für die Vorbereitung einer (völkerrechtswidrigen!) Seeblockade gegen Deutschland lange vor 1914, die die deutsche Wirtschaft nachhaltig treffen sollte, gibt es zwei Kronzeugen aus der Marineabteilung des Committee of Imperial Defence (CID): Maurice Hankey und A. C. Bell. Beide haben die akribische Planung des Krieges detailliert beschrieben: Hankey in The Supreme Command2› Hinweis und Bell in A History of the Blockade of Germany3› Hinweis. Die Nordsee sollte ein abgeschlossenes Meer bilden, Deutschland sollte von den Ozeanen und der übrigen Welt abgeschnitten sein.

Laut Sir Julian Corbett, Marinehistoriker, Marinestratege und offizieller Historiker der Royal Navy, wurde der Erste Weltkrieg von Lord Hankey und seinen Mitarbeitern innerhalb der britischen Regierung mit »einer geordneten Vollständigkeit im Detail, die keine Parallele in unserer Geschichte hat« 4› Hinweis , geplant.

Die Blockade – und vor allem die Geheimhaltung ihrer Planung – war einer der größten Erfolge geostrategischen Denkens im Dienst des Imperialismus. Trotz der Bücher von Hankey, Bell und Corbett gelang es bis heute, diese imperialistische Geostrategie vor der Welt zu verbergen. So sucht man in fast allen Publikationen zum Ersten Weltkrieg die Autoren Hankey, Bell und Corbett vergebens – auch bei Christopher Clarks Schlafwandlern und in den Werken der deutschen Historiker-Koryphäen Winkler, Münkler, Friedrich und Leonhard.

In diesem Band werden die Recherchen internationaler Autoren (Neuseeland, USA, Irland, Großbritannien, Deutschland) gebündelt und die verschiedenen Wege in den Weltkrieg aufgezeigt, die schließlich in eine Autobahn Richtung Hölle mündeten. Alle Autoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht auf einen bestimmten Abschnitt der Geschichte spezialisiert sind, sondern sich durch intensive Studien der historischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge ein umfassendes Bild von der geschichtlichen Gesamtsituation erworben haben. Unstimmigkeiten im gängigen Geschichtsbild und einander widersprechende Narrative haben sie dazu angeregt, durch eigene Nachforschungen dem tatsächlichen Sachverhalt so nahe wie möglich zu kommen. Durch kritische Fragen nach Hintergründen und Motiven der am Ersten Weltkrieg beteiligten Nationen bzw. der Drahtzieher im Hintergrund legen sie die verdeckten Pfade in den Krieg frei. Im Gegensatz zu etablierten Historikern sind sie nicht an die engen Kanäle der wissenschaftlichen Geschichtsforschung gebunden, sondern konnten sich mithilfe ihrer eigenen Erfahrung und Perspektive sowie ihres vielseitigen Horizonts ein unabhängiges Bild machen. Dabei stellten sie fest, dass die Geheimhaltung der Kriegsplanung und der Hintergründe kriegsauslösender Ereignisse heute besser funktioniert denn je – viele Dokumente sind nicht mehr vorhanden oder werden immer noch unter Verschluss gehalten (z. B. die Unterlagen zum Lusitania – Vorfall beim British Naval Intelligence Department 5› Hinweis ) – und dass die damalige angloamerikanische Kriegspropaganda heute in Wissenschaft und Medien solide verankert ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stehen wir wieder vor einer Weggabelung, eine Situation, die Karl Jaspers schon 1958 in seinem Buch Die Atombombe und die Zukunft des Menschen treffend beschrieben hat: »Wir leben die Übergangszeit zwischen der bisherigen Geschichte, die eine Geschichte der Kriege war, und einer Zukunft, die entweder das totale Ende oder einen Weltfriedenszustand bringen wird.« Das globale Elend infolge der weltweiten Ausbeutung, die Kriege und Bürgerkriege, die Flüchtlingsströme und die wachsende Armut auch in den Industriestaaten – all das, was uns heute so große Sorgen macht, hat Carl Friedrich von Weizsäcker bereits 1983 kommen sehen. Visionär warnte er in seinem Buch Der bedrohte Friede – heute vor einem unkontrollierten globalen Kapitalismus, der nach dem Niedergang des Kommunismus zum skrupellosesten und menschenverachtendsten System führen wird, das die Menschheit je gesehen hat. 6› Hinweis

Nachhaltigen Frieden wird es nur geben, wenn sich alle Beteiligten und alle Betroffenen (auch diejenigen, die als Neutrale bzw. als Angehörige der Kolonien in diesem Krieg für die imperialen Ziele der europäischen Großmächte missbraucht wurden) ihrer gemeinsamen Verantwortung für den Frieden bewusst werden und die Ursachen des Ersten – und damit indirekt auch des Zweiten – Weltkriegs endlich offengelegt und aufgearbeitet werden. Dazu soll das vorliegende Buch einen Beitrag leisten.

 

Wolfgang Effenberger,

Pöcking, im Mai 2016

Einführung

Von Jim Macgregor

Es gebe eine »systemische Verfälschung der Geschichte«, schrieb George Orwell. Einige der besten Beispiele dafür finden sich in der Mainstream-Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg. Unser Bild vom Krieg der Jahre 1914 bis 1918 basiert auf einem soliden Fundament aus Unwahrheiten und falschem Spiel. Errichtet wurde es sehr sorgfältig 1919 in Versailles von den Siegermächten, und seitdem wachen gefügige Historiker sorgsam darüber, dass niemand diese Interpretation hinterfragt. Am Ende jenes Kriegs erklärten Großbritannien, Frankreich und die Vereinigten Staaten Deutschland zum Schuldigen und begannen, Dokumente und Berichte zu vernichten, zu verbergen oder zu verfälschen, damit ja nichts ihrem zynischen Urteil widersprechen könne. Sie befanden, einzig Deutschland sei verantwortlich für die globale Katastrophe. Das Kaiserreich habe den Krieg vorsätzlich geplant und alle zur Versöhnung und Vermittlung vorgebrachten Vorschläge zurückgewiesen. Zu Recht protestierte Deutschland, dass man nicht der Verursacher sei und dass man nur einen Verteidigungskrieg gegen die Aggression Russlands und Frankreichs geführt habe. Doch die Geschichte wird von den Siegern geschrieben, und ihr Urteil spiegelte sich unverzüglich in den offiziellen Schlussfolgerungen. Im Mittelpunkt der fortan allgemein akzeptierten Geschichtsschreibung über die Ursachen des Ersten Weltkriegs standen der deutsche Militarismus, der deutsche Expansionismus, das bombastische Wesen und die bombastischen Ziele des Kaisers und der Einfall Deutschlands in das unschuldige, neutrale Belgien.

Diese »offizielle« Geschichte des Ersten Weltkriegs enthält drastische Fehler, und Sie wollten den Krieg verdeutlicht sehr klar, dass die wahren Ursprünge für den Krieg in England und nicht in Deutschland gefunden werden. Ende des 19. Jahrhunderts gründeten ultrareiche und mächtige Männer in London einen Geheimbund. Sein ausdrückliches Ziel: Das British Empire sollte die ganze Welt umfassen. Vorsätzlich zettelten diese Männer den Zweiten Burenkrieg (1899 bis 1902) an in der Absicht, den Buren das Transvaal-Gold abzujagen. Ihre Verantwortlichkeit für diesen Krieg und für die Schrecken der britischen Konzentrationslager, in denen allein 20 000 Kinder starben, wurde aus offiziellen Geschichtsbüchern herausretuschiert. Phase zwei ihrer globalen Bestrebungen erforderte die vollständige Zerstörung des rasch aufstrebenden Deutschlands. Die Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand war kein zufälliges Ereignis, aber sie war auch nicht der Auslöser für den folgenden Krieg. Vielmehr legte das Attentat Feuer an eine Lunte, die dort vorsätzlich positioniert worden war von Personen, bei denen die Befehlskette von Sarajevo über Belgrad und Sankt Petersburg bis zu der geheimen Verbindung in London reichte. Europa ist wie ein Schlafwandler in diesen furchtbaren Konflikt getappt? Vergessen Sie diese heuchlerische Vorstellung! Europa wurde vorsätzlich in diesen Krieg gestoßen. Es war ein grausamer und boshafter Akt von gefühllosen, mächtigen Männern, denen einzig daran gelegen war, die Bedrohung zu beseitigen, die sie in der sich abzeichnenden Vormachtstellung der deutschen Wirtschaft sahen.

In den 1920er-Jahren wiesen zahlreiche sehr renommierte amerikanische und kanadische Professoren, darunter Sidney B. Fay, Harry Elmer Barnes und John S. Ewart, das Urteil von Versailles zurück, ebenso die »Beweise«, anhand derer Deutschlands Schuld festgestellt wurde. Ihre Kritik an den offiziellen Schlussfolgerungen wurde von britischen Historikern attackiert, die darauf beharrten, dass Deutschland in der Tat schuld sei. Einzig das Kaiserreich trage die Verantwortung für den Krieg, argumentierten führende britische Akademiker, darunter viele mit Verbindungen zur Universität Oxford. Allerdings räumten viele ein, dass auch andere Faktoren eine Rolle spielten. Professor Niall Ferguson schrieb, der Kaiser habe die Strategie eines globalen Kriegs verfolgt. Professor Hew Strachan argumentierte, bei dem Krieg sei es darum gegangen, dass liberale Länder ihre Freiheiten gegen die deutsche Aggression verteidigen wollten. Professor Norman Stone wiederum bezeichnete es lächerlicherweise als größten Fehler des 20. Jahrhunderts, dass Deutschland eine Marine baute, um Großbritannien angreifen zu können. Und Professor David Stevenson vertritt eine klare Meinung: »Letztlich müssen wir in Berlin die Schlüssel für die Vernichtung des Friedens suchen.« Sie liegen falsch.

Diese britischen Hofhistoriker spielten allesamt eine gewichtige Rolle bei der Geschichtsverzerrung und beim Anprangern Deutschlands, aber das vielleicht verheerendste Urteil fällte ein Deutscher selbst. In den 1960er-Jahren stach Fritz Fischer (1908 – 1999), Professor an der Uni Hamburg, mit seinem Buch Griff nach der Weltmacht: Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschlands 1914 – 1918 in ein Hornissennest. Fischer fällte ein vernichtendes Urteil. In den 1950er-Jahren hatte Fischer Zugang zu den ostdeutschen Archiven in Potsdam erhalten. Dort fand er Dokumente aus den Kriegsjahren, Unterlagen, in denen die Reichsregierung ihre Kriegsziele definierte. Fischer kam zu dem Schluss, dass Deutschland die moralische Verantwortung für den Krieg trug und dass es den Konflikt begonnen hatte, um auf dem europäischen Kontinent expansionistische Ziele zu verfolgen. Scheinbar war der unumstößliche Beweis gefunden, dass Deutschland die Schuld trug. Das Times Literary Supplement kam denn auch nicht umhin, Fischers Arbeit unverzüglich als »brillant« zu preisen und zu behaupten, seine Schlussfolgerungen könnten niemals »ernstlich infrage gestellt werden«. Tatsächlich jedoch enthielt Fischers Theorie schwerwiegende Mängel. Professor Marc Trachtenberg von der Universität von Kalifornien beispielsweise enthüllte, dass Fischers Arbeit mit elementaren Fehlern durchsetzt sei. Fischer hatte den Inhalt von Dokumenten verzerrt oder falsch dargestellt, und er hatte Gespräche so umschrieben, dass sie nicht mehr zum tatsächlichen Wortlaut der Dokumente passten. Er brachte Szenarien und politische Pläne durcheinander, indem er behauptete, die Ziele, die Deutschland nach Kriegsbeginn abgesteckt hatte, seien die Ziele, die das Land bereits vor Kriegsbeginn verfolgt hatte.

In dem Wissen, dass Deutschland sich 1914 selbst verteidigt hatte, taten führende deutsche Historiker wie Gerhard Ritter, Karl Dietrich Erdmann, Egmont Zechlin und Hans Herzfeld Fischers Arbeit als Fantasie ab. Man musste sich die Frage stellen, wie ein akademischer Historiker wie Fischer dermaßen danebenliegen konnte. 1933 war Fischer der SA beigetreten, 1937 der NSDAP, und 1939 wurde er zum Schüler des Nazi-Historikers Walter Frank.

Fischer begann seinen Wehrdienst, wurde aber 1942 zum außerordentlichen Professor an der Universität Hamburg berufen. Noch während des Krieges hielt er Vorlesungen zum Thema »Eindringen des Judentums in Kultur und Politik«. Ab Kriegsende stand er bis 1947 unter automatischem Arrest. Nur ein Jahr später arbeitete er erneut als Professor in Hamburg. Was für eine erstaunliche Karriere!

Bei seinem Erscheinen 1961 bewerteten viele Fischers Buch als skrupellosen Versuch, sich bei den amerikanischen Besatzern lieb Kind zu machen und seine akademische Laufbahn voranzutreiben, indem er Deutschland als Verursacher des Ersten Weltkriegs ausmachte. Fischer trug dazu bei, dass die Wahrheit noch Jahrzehnte unter Verschluss blieb. Seine Arbeit gilt mittlerweile gemeinhin als falsch, aber wenig überraschend führen die Hofhistoriker in England sie bis heute als der Wahrheit entsprechendes Werk an. Völlig zu Unrecht behauptete Fischer, die Kriegsziele, die Deutschland nach Ausbruch des Konflikts formuliert hatte, hätten bereits vor dem Krieg festgestanden. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war es die Pflicht der deutschen Heeresführung, für die Möglichkeit eines Krieges gerüstet zu sein. Das war in allen Ländern so. Deutschland war buchstäblich von Feinden eingekreist. Die deutsche Armee entwickelte gut durchdachte Pläne, aber die politische Führung des Landes segnete diese niemals ab. Deutschland hatte vor August 1914 keine Kriegsziele, und zwar aus dem einfachen Grund, dass weder der Kaiser noch die Regierung in irgendeiner Form daran interessiert waren, in den Krieg zu ziehen.

Anders war die Lage in Großbritannien, Frankreich und Russland. Wiederholt belogen Mitglieder der britischen Regierung das Parlament und die Bevölkerung. Sie erklärten, die 1904 mit Frankreich vereinbarte Entente cordiale enthalte keinerlei Klauseln, denen zufolge Großbritannien an der Seite Frankreichs in einen Krieg ziehen müsste. Ebenso achtete die Regierung peinlich genau darauf, dass das Abkommen mit Russland geheim blieb. Bereits mindestens ein Jahrzehnt vor 1914 zielten die britische Außenpolitik und die Kriegsziele fest darauf ab, Deutschland zu zerstören, das Empire zu vergrößern und Frankreich bei der Wiedererlangung der Provinzen Elsass und Lothringen zu unterstützen. Russlands Preis war Konstantinopel, das würde das Juwel in der Krone des Zaren sein. Erst nachdem Russland, Frankreich und Großbritannien Deutschland mit kriegerischen Handlungen den Konflikt aufgezwungen hatten, entwickelte Deutschland seine eigenen Kriegsziele. Ob nun vorsätzlich oder aus anderen Gründen heraus – Fischer verwechselte militärische Bereitschaft mit teuflischem politischem Vorsatz.

Einige neuere Abhandlungen über die Ursprünge des Krieges bieten eine etwas weniger verbitterte Betrachtungsweise Deutschlands. Christopher Clark stellt in seinem Werk Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog,die These auf, bei den Ereignissen, die zum August 1914 führten, habe es sich um eine Tragödie gehandelt. In vielen Ländern sei die politische Führung blind und ahnungslos in den Krieg hineingestolpert.Clark hat ein offenes Ohr für die Einschätzung, dass Deutschland genauso wenig oder genauso viel Schuld trägt wie Großbritannien. In Großbritannien wurde sein Buch kritisiert, in Deutschland dagegen nahmen es viele mit spürbarer Erleichterung auf, denn sie waren bekümmert über das Urteil vonVersailles gewesen und über die (falsche) Prämisse, auf deren Grundlage Fischer Deutschland zum Schuldigen erklärte. Nach einem halben Jahr erschien Clarks Buch in Deutschland bereits in der zwölften Ausgabe und hatte sich über 200 000 Mal verkauft.

Auch wenn Clarks Prämisse für einige Deutsche eine Erleichterung darstellen mag – sie ist fehlerhaft und lenkt von der tatsächlichen Wahrheit ab. Wie so oft bei reaktionären Mainstream-Historikern, gibt sich Clark als jemand, der tapfer unbequeme Wahrheiten ausspricht, während er tatsächlich jedoch historische Unwahrheiten wiederkäut. Die Welt ist keineswegs so ahnungslos in die globale Tragödie geschlafwandelt, wie es Clark behauptet, stattdessen wurde sie von einem Geheimbund kriegstreiberischer englischer Bankiers, Industrieller und Blaublüter in einen Hinterhalt gelockt. Diese Bande hatte den Krieg seit über einem Jahrzehnt vorbereitet, und die Männer wussten, es würde deutlich mehr als einige militärische Erfolge auf dem Schlachtfeld oder einige Gefechte zu See erfordern, um zu gewährleisten, dass Deutschlands Zeiten als moderne, blühende Wirtschafts- und Industriemacht vorüber wären. Von Anfang an war in London auf einen langen, harten Zermürbungskrieg hingearbeitet worden, an dessen Ende das florierende Deutschland in eine ländliche Einöde verwandelt sein sollte.

Unser internationales Autorenteam widerlegt die Lüge, dass Deutschland in irgendeiner Weise für dieses abscheuliche Verbrechen an der Menschheit verantwortlich war. Der Einmarsch in Belgien war keineswegs eine gedankenlose und willkürliche deutsche Aggression, wie es uns britische Historiker weismachen wollen. Stattdessen war es eine Abwehrreaktion, zu der sich Deutschland gezwungen sah, als Ende Juli 1914 Millionen russischer und französischer Soldaten an den Grenzen zu Deutschland aufmarschierten. Der Schlieffen-Plan war vom Start weg als Defensivstrategie gedacht, und er war Deutschlands einzige Option, um zu verhindern, dass das Land gleichzeitig von Osten und Westen von den gewaltigen Heeren Russlands und Frankreichs überrannt würde.

Die traditionelle Deutung des Ersten Weltkriegs, mit der die Siegermächte ihr Handeln zu rechtfertigen suchten, wird bis heute vom britischen Establishment nachgebetet. In Großbritannien wurden rund 60 Millionen Pfund für die Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns bereitgestellt. Auf diese Weise sollte auch die alte Lügengeschichte von der Schuld Deutschlands weiter gefestigt werden. Großbritanniens Soldaten kämpften und fielen für »Gott, Freiheit und die Zivilisation«. Deutschlands Soldaten für die »Tyrannei«. In dem Beratergremium, das der britischen Regierung zu den Gedenkveranstaltungen zur Seite stand, saß auch Professor Sir Hew Strachan. Der oben bereits erwähnte Oxford-Historiker ist Mitglied des britischen Establishments und gibt Deutschland die Schuld am Krieg. Strachan hat gefordert, dass während der Jahrestage 2014 bis 2018 das Augenmerk stärker auf den britischen Feiern (ja, doch: Feiern!) liegt. Ganz egal, wo die Schuld liegt: Moralisch ist es absolut verwerflich, irgendetwas im Zusammenhang mit diesem obszönen Gemetzel zu feiern, bei dem rund 40 Millionen Menschen unnötig getötet oder verstümmelt wurden.

Großbritannien nimmt viel Geld in die Hand für diese Form von Hurrapatriotismus: Es gibt spezielle Veranstaltungen, TV-Dramen, Museumsausstellungen, Mahnwachen und Klassenausflüge an die Westfront. Und Deutschland? Deutschland macht nichts. Eine deutsche Lehrkraft hat eingeräumt, dass an deutschen Schulen der Erste Weltkrieg zu kurz kommt, was mit dem Trauma zusammenhängt, das in Form des Zweiten Weltkriegs folgen sollte. Die Schuldgefühle für die Nazizeit übertönen bis heute die Empfindungen für den vorangegangenen Konflikt.

Es scheint, als würden sich die Deutschen und die Bundesregierung wegen der Schmerzen, die mit dem zweiten Konflikt in Verbindung gebracht werden, für die Dauer der Hundert-Jahr-Veranstaltungen rund um den Ersten Weltkrieg bedeckt halten wollen. In einem Artikel, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist und den großen Verkaufserfolg von Clarks Buch behandelte, hieß es, die Deutschen hätten »ein tief sitzendes, jetzt wieder hochgespültes apologetisches Bedürfnis, sich von jenen Schuldvorwürfen zu befreien«.

Im deutschen Bewusstsein steht der Erste Weltkrieg weiterhin im Schatten der furchtbaren Jahre 1939 bis 1945. Deutschland scheint in einem Dauerzustand der Selbstbezichtigung und Verteidigung gefangen, wobei sich die unberechtigten Schuldgefühle wegen 1914 tief in der deutschen Psyche festgesetzt haben. Als er mit der britischen Regierung über die Gedenkveranstaltungen zum Ersten Weltkrieg sprach, sagte der Pressechef der deutschen Botschaft in London angeblich: »Für uns geht es darum, Lektionen zu lernen. Den wichtigsten Beitrag zum Beginn des Ersten Weltkriegs hat Deutschland geleistet, aber auch andere spielten eine Rolle.« Diese Bereitschaft, eine Last, die den Deutschen nach Versailles zu Unrecht aufgeladen wurde, spricht für eine falsche Einschätzung, die unbedingt korrigiert werden sollte.

Der Erste Weltkrieg war der Wendepunkt des 20. Jahrhunderts. Die offenkundig falschen Befunde, die im Vertrag von Versailles 1919 festgeschrieben wurden, und die Anprangerung Deutschlands als Kriegsschuldiger/-verursacher bereiteten den Weg für vieles, was in den kommenden Jahren geschehen sollte, darunter auch den Aufstieg des Nationalsozialismus. Die Zeit ist gekommen, dass die guten Menschen von Deutschland aufwachen und die Realität erkennen, dass sie die Fakten prüfen und dass sie die Last der ihnen zu Unrecht auferlegten Schuld abschütteln. Dieses Buch kann hoffentlich seinen Teil dazu beitragen.

Dr. Jim Macgregor (Mitherausgeber), April 2016

Schlafwandler? Von wegen!

Wie Großbritannien seinen Krieg gegen Deutschland plante

Dr. Patrick Walsh

Rund um den 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs hat kein Buch so viel Lob eingeheimst wie Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog von Christopher Clark. 7› Hinweis Wie der Titel schon andeutet, erläutert Clark in dem Werk seine These, dass die Nationen Europas wie Schlafwandler in den Krieg hineinstolperten. Für England gilt das allerdings nicht. Dort war der Krieg über ein Jahrzehnt hinweg geplant und gründlich vorbereitet worden. Und um das herauszufinden, muss man auch nicht extra in irgendwelche Geheimarchive steigen. Allein in den veröffentlichten Schriften und Unterlagen von Lord Hankey, Lord Esher und Henry Wilson – Männern, die im Mittelpunkt der Vorbereitungen und Planungen standen – sowie in den Werken von Archibald Colquhoun Bell, dem offiziellen Historiker der Royal Navy, finden sich hinlänglich Beweise. Hätte jemand gegenüber diesen Männern erklärt, dass Großbritannien völlig unvorbereitet in den Ersten Weltkrieg geschlafwandelt sei, wären sie vermutlich zutiefst beleidigt gewesen und hätten es als unberechtigten Vorwurf empfunden, sie hätten ihre Pflichten vernachlässigt.

Seiner Frau schrieb Lord Esher (Reginald Baliol Brett) am 26. Februar 1923: »Ich sehe all meine Papiere bezüglich der Vorbereitungen für den Großen Krieg durch. Begonnen hat das 1905/1906. 1908 konnten wir bereits große Fortschritte vorweisen. Das kann ich anhand von Dokumenten belegen.« 8› Hinweis Nachfolgend ein Auszug aus Lord Eshers Tagebuch vom 4. Oktober 1911. Als Ständiges Mitglied im Committee of Imperial Defence erklärte er Premierminister Herbert Asquith, wie der Staat in den Großen Krieg zu ziehen gedenkt:

»Heute Morgen kam der Premierminister in mein Zimmer, um über die Admiralität zu sprechen. […] Dann sprachen wir über die Pläne des Generalstabs, eine Armee in Frankreich anzulanden. Der Premier ist gegen diesen Plan. Er will nichts davon hören, mehr als vier Divisionen zu entsenden. Das hat er [Kriegsminister Richard] Haldane auch so gesagt. Ich erinnerte ihn daran, dass allein schon die Tatsache, dass der Plan des Kriegsministeriums im Detail mit dem französischen Generalstab ausgearbeitet wurde (was ja auch stimmt), uns doch gewiss zum Kampf verpflichtet, egal, ob es dem Kabinett gefällt, und dass sich der kombinierte Plan der beiden Generalstäbe behauptet. Es ist schon eine ungewöhnliche Sache, dass unseren Offizieren erlaubt wurde, alle Details zu arrangieren, die Züge, die Landungen, die Aufmarschgebiete usw., wiewohl das Kabinett niemals hinzugezogen wurde. Ich fragte den Premierminister, ob es seiner Meinung nach möglich wäre, innerhalb von sieben Tagen nach Kriegsausbruch eine britische Streitmacht in Frankreich stehen zu haben angesichts der Tatsache, dass das Kabinett (die Mehrheit seiner Mitglieder) noch niemals von dem Vorhaben gehört hat. Er hält es für unmöglich! […] Alles in allem zeigte der Premierminister, dass er sehr viel über diese Probleme nachgedacht hatte.« 9› Hinweis

An diesem Punkt wurden zwei unterschiedliche Kriegspläne der Admiralität und des Kriegsministeriums verknüpft und miteinander verschmolzen. Außerdem mussten sie zum rechten Zeitpunkt dem Kabinett und dem Parlament enthüllt werden. Der Premierminister mag seine Zweifel gehabt haben, dass im entscheidenden Augenblick ein derartig geheim vorbereitetes Projekt durch die Maschinerie des parlamentarischen Systems geschleust werden könnte. Aber Esher hatte recht: Alles lief nach Plan, und die Strukturen der britischen Demokratie stellten sich hinter die Vorkehrungen, die diejenigen Teile des Staats, die niemandem Rechenschaft schuldig waren, im Verlauf des vorangegangenen Jahrzehnts getroffen hatten.

Auf der ersten Seite von Band III der Tagebücher und Briefe von Lord Esher prangt ein Zitat von Lord Beaconsfield (Benjamin Disraeli): »Die mächtigsten Männer sind nicht diejenigen, die in der Öffentlichkeit stehen. Die öffentlichen Männer sind verantwortungsbewusst, und ein verantwortungsbewusster Mann ist ein Sklave. Es ist das Privatleben, das die Geschicke der Welt bestimmt.« 10› Hinweis Im August 1914, als Großbritannien ankündigte, für die Demokratie in den Krieg zu ziehen, hat sich das definitiv als zutreffend erwiesen.

 

 

Das Committee of Imperial Defence

Der Verteidigungsrat Committee of Imperial Defence (CID) war das Organ, in dem die Planungen für Großbritanniens Feldzug gegen Deutschland erfolgten. Gegründet worden war der Ausschuss von Premierminister Arthur Balfour auf einen Vorschlag von Lord Esher hin. Im September 1903 bot der Premier Esher die Position des Kriegsministers an, die dieser (wie es seine Art war) ablehnte. Die beiden Männer führten dann einen Schriftwechsel, in dem Esher dem Premierminister Empfehlungen gab, wie er nach dem Schock über den Verlauf des Burenkriegs den Kriegsapparat reformieren könnte. Daraus entwickelte sich die Idee, das Committee of Imperial Defence ins Leben zu rufen. So übte Esher eine allgemeine Kontrolle auf das Kriegsministerium aus, da ihn sowohl der Premierminister mit vertraulichen Informationen versorgte als auch Sir George Clarke, der erste Sekretär des CID. Der erste Bericht des Komitees wurde im Januar 1904 abgefasst, damals noch unter dem Eindruck der Erfahrungen, die man im Krieg gegen die Buren gemacht hatte. Gefordert wurde, dass künftig »eine definitive und auf soliden Daten beruhende Kriegspolitik formuliert werden kann« 11› Hinweis . Offiziell schloss sich Lord Esher dem CID, der in Whitehall Gardens zusammenkam, im Oktober 1905 an.

Das CID wurde vom National Efficiency Movement gefördert. Diese liberal-imperialistische Gruppe setzte sich dafür ein, dass »Spezialisten« die politischen Entscheidungen fällen, denn den gewählten Politikern unterstellte man, aufgrund der Kapriolen der Demokratie nur wenig Fachkenntnisse der Themen zu besitzen, die in ihre Zuständigkeit fallen. Präsident des CID sollte der Premierminister sein, der »absolut freie Hand bei der Auswahl und Zusammensetzung der Mitglieder« haben sollte. Die wichtigsten Kabinettsmitglieder waren beteiligt, darunter der Schatzkanzler, der Außenminister, der Kriegsminister, der Erste Seelord, der Leiter des Marineaufklärungsdienstes und der Chef des Generalstabs. Aufgrund der Demokratisierungsprozesse in England mussten auch Politiker beteiligt werden. 12› Hinweis Nachdem das Komitee anderthalb Jahre lang nur im Embryonalstadium existiert hatte, wurde das CID am 4. Mai 1904 offiziell zum Leben erweckt. Balfour machte das CID zu einer regulären Behörde des Staates mit einem permanenten Sekretariat, in dem Vertreter von Armee und Marine saßen. Sie konnten dafür sorgen, dass eine einheitliche Politik verfolgt wurde. 13› Hinweis

Ursprünglich sollte dieser Ansatz dazu dienen, das CID vor Liberalen zu schützen, die eine Kursänderung herbeiführen oder das Gremium einschränken wollten. Aber Balfour hätte sich in dieser Hinsicht keinerlei Sorgen machen müssen, denn als 1905/1906 die Regierungsgewalt wechselte, erhielten im neuen Kabinett von Henry Campbell-Bannerman die Liberalimperialisten Richard Haldane und Edward Grey die Schlüsselposten des Kriegsministers und Außenministers. Wahlprozess und Regierungsbildung zogen sich in die Länge, sodass der Staat ohne politische Einmischung beginnen konnte, sich für dieses Projekt in Stellung zu bringen. Dabei scheint insbesondere Esher die treibende Kraft gewesen zu sein, und im Zuge der weiteren Treffen war er auch an den politischen Winkelzügen beteiligt, die die »richtigen« Leute (das heißt: diejenigen, die das Projekt guthießen) in die »richtigen« Ämter hievten, von wo aus sie die Dinge vorantreiben konnten.

Balfour mag das CID begründet haben, aber es waren die liberalen Imperialisten, die dem gesamten Vorhaben Sinn und Richtung gaben. Zum Zeitpunkt der Gründung galt Frankreich als der größte Rivale, den Großbritannien in Europa hatte. Das Komitee musste erst neu auf Deutschland als Widersacher eingestimmt werden. Für diese Sichtweise waren die Liberalimperialisten bereits in der Opposition eingetreten. Wie die Zukunft aussehen würde, stand Esher klar vor Augen. Am 7. September 1906 schrieb er der Duchess of Sutherland: »… machen es die Gesetze der historischen und ethnografischen Evolution erforderlich, […] dass wir gegen eines der mächtigsten militärischen Imperien kämpfen, das je existierte. Das ist gewiss, und uns bleibt für die Vorbereitung nur sehr wenig Zeit.« 14› Hinweis Über die Rolle des CID schrieb Esher, es handele sich um ein »Organ, das zu Friedenszeiten die herrschende Obrigkeit über die für eine voraussichtliche Kriegsführung bestmögliche Vorbereitung berät. Es erfüllt die Aufgaben, die nach allgemeiner Auffassung Carnot für Napoleon leistete.« 15› Hinweis [Graf Lazare Carnot war Frankreichs Kriegsminister unter Napoleon Bonaparte, Anm. d. Übers.] Die Entente cordiale von 1904 war kaum ein Jahr alt, da hatte sich das Committee of Imperial Defence bereits für die Vorstellung erwärmt, das britische Heer an der Seite des ehemaligen Feindes kämpfen zu lassen. Die Franzosen begriffen die Vereinbarung natürlich als Türöffner für eine militärische Übereinkunft, in deren Mittelpunkt Krieg gegen Deutschland stand. Frankreich wollte auf diesem Weg die Provinzen zurückerlangen, die man nach dem Angriffskrieg von 1870 verloren hatte. Nachdem Lord French gemeinsame Militärmanöver in Frankreich hatte abhalten lassen, schrieb Lord Esher am 4. September 1906 an seinen Sohn Maurice:

»Die Entente schreitet voran. Und das auf keinen Fall zu früh. Es steht außer Frage, dass in absehbarer Distanz eine gewaltige Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Europa bevorsteht, bei der es um die Oberherrschaft geht. Die Jahre 1793 bis 1815 werden sich wiederholen, nur wird Deutschland und nicht Frankreich danach streben, Europa zu beherrschen. Deutschland hat 70 Millionen Einwohner und ist entschlossen, die wirtschaftliche Vorrangstellung zu übernehmen … Frankreich beherbergt 40 Millionen Menschen. England in etwa ebenso viel. Selbst kombiniert ist der Ausgang dieses Ringens also keineswegs gewiss … 1814 wären um ein Haar Holland und Belgien in Preußen eingegliedert worden, als Abwehrmaßnahme gegen die Ambitionen Frankreichs. Zum Glück sperrten sich [Englands Außenminister Viscount] Castlereagh und der Duke of Wellington … Jetzt, ein Jahrhundert später, sind diese Länder kein Puffer gegen Frankreich, sondern erfüllen diese Aufgabe gegen eine deutlich gefährlichere Macht. Die große Sorge ist die, dass der Krieg kommen könnte, bevor wir bereit sind … Es wird fünf Jahre dauern, bis wir unsere Leute auf eine Wehrpflicht eingestimmt haben. Vielleicht auch länger …«

Mit dieser Art von »Balance of Power«-Politik hatte England seit 1688 gearbeitet, um dafür zu sorgen, dass der europäische Kontinent nicht zur Ruhe kam. Es gehe um Fragen der Dominanz, wurde immer als Argument angeführt, aber mit welchem Recht wollte England entscheiden, wie sich Europa selbst arrangiert? Es ging in Wirklichkeit darum, die stärkste europäische Macht zurechtzustutzen für den Fall, dass sich die Lage in Europa stabilisierte und Europa sich frei von Kriegen entwickeln könnte. Die Niederlande und Belgien sollten hier als Mittel zum Zweck dienen. Im Rahmen von »Balance of Power« konnte sich England begrenzt in einen Krieg auf dem Kontinent einmischen, indem man sich auf die Seite der zweitstärkten Macht oder des zweitstärksten Blocks schlug und sich gegen die stärkste Macht stellte. Auf diese Weise bereitete man der stärksten Macht Probleme und machte die zweitstärkste Macht oder den zweitstärksten Block vorübergehend zur Nummer eins. Dann konnte der gesamte Prozess von vorne anfangen. Das Ganze ließ sich beliebig fortsetzen.

Mit seiner Politik vom Gleichgewicht der Kräfte gelang es Großbritannien, Europa zu spalten und in internen Kriegen gefangen zu halten, während man gleichzeitig globale Dominanz errang. Großbritannien musste seine Ressourcen nur begrenzt einsetzen, sodass reichlich Energie für den Ausbau des Handels und des Empires übrig blieb. Als Inselnation verfügte Großbritannien über einen einzigartigen Vorteil, und dass man die Meere kontrollierte, war einer der wesentlichen Faktoren, der es Großbritannien erlaubte, ein parlamentarisches System zu entwickeln, großen wirtschaftlichen Wohlstand zu erringen und Stabilität aufzubauen. Über zwei Jahrhunderte lang, von 1688 bis 1914, gelang dies Großbritannien außerordentlich gut.

Admiral John Arbuthnot Fisher und Maurice Hankey

Im Winter 1906/1907 ernannte Admiral Fisher Hankey zum Sekretär für einen neuen Ausschuss. Das Gremium hatte er mit dem Ziel ins Leben gerufen, eine Marinestrategie für einen Krieg gegen Deutschland zu erarbeiten. Grundsätzlich missfiel Fisher die Idee, Pläne schriftlich festzuhalten, er verwahrte sie lieber sicher in seinem Kopf – denn das machte ihn unentbehrlich. Aber er hielt große Stücke auf Hankey. Der hatte einen Aufsatz-Wettbewerb gewonnen, den Fisher zum Thema »Verbesserung der Marine« gestartet hatte. Dieser Essay sicherte Hankey einen Platz im Aufklärungsdienst der Marine.

Admiral Fisher sei seiner Zeit voraus, indem er sich für einen Krieg mit Deutschland wappne, sagte Hankey, der später den Staatsapparat für den Ersten Weltkrieg vorbereiten sollte. Englands herrschende Klasse sah sich als das neue Rom, aber auch Rom war letztlich erobert worden, und vielleicht drohte Großbritannien dasselbe Schicksal. Wie also konnte man von sich aus tätig werden, um ein derartiges Szenario zu vermeiden? Die entsprechenden Gedankenprozesse lassen sich in den enormen Mengen an Unterlagen nachlesen, die sich zu Fragen des Empires zwischen 1871 und 1914 angesammelt haben. 1871 ist in dieser Hinsicht ein spezielles Jahr, weil damals das Deutsche Reich als eigener Staat entstand. Fortan wurde Deutschland herausgepickt als Karthago zu Großbritanniens Rom, und zwar größtenteils wegen der herrschenden wirtschaftlichen Rivalität. 16› Hinweis Deutschlands Waren verkauften sich auf den Weltmärkten besser als die britischen Produkte, und das Deutsche Reich eroberte sich einen immer größeren Anteil am Weltmarkt. Sowohl bei den Preisen als auch bei der Qualität hängten die Waren aus Deutschland die Konkurrenz ab, und innerhalb Großbritanniens nahm das Gefühl zu, dass man auf dem gemeinsam mit den Deutschen aufgebauten Weltmarkt letztlich nicht würde mithalten können. Deutschland wurde in einigen Publikationen als undankbarer Emporkömmling beschimpft, der doch wissen müsste, wo sein Platz sei in diesem Weltmarkt, den England zum Wohle aller aufgebaut hatte. Aber da die Deutschen angelsächsische Wurzeln hatten und daher charakterlich den Engländern ähnelten, könnten sie wohl nicht anders, hieß es. Sie würden danach streben, sich zum König des sozialdarwinistischen Dschungels aufzuschwingen, und das dürfe man schlichtweg nicht einfach so hinnehmen. 17› Hinweis

Während des Siebenjährigen Krieges Mitte des 18. Jahrhunderts war die Royal Navy zur Herrscherin der Meere aufgestiegen. Die Royal Navy legte den Grundstein für das Empire und den Weltmarkt, und dank ihrer Oberhoheit auf See hatte sie letztlich das Sagen. Hankey war von vornherein klar, dass jeder militärische Konflikt mit Deutschland »rund um unsere Seemacht herum« aufgebaut sein müsse. »Es sind nur die Instrumente dieser Macht, die variieren.« 18› Hinweis Hankey macht deutlich, dass die Vorbereitungen für den Krieg schon vor Gründung des Committee of Imperial Defence begannen, nämlich mit Admiral Fisher, der Marine und Fishers »großer Neuorganisation, die einer Renaissance der Flotte gleichkam …« 19› Hinweis . Als Fisher 1903 Zweiter Seelord wurde, kam er anhand seiner Einschätzung der deutschen Entwicklung sowie des Wesens und der Geschichte des britischen Staates zu dem Schluss, dass es Krieg geben werde. 1904 wurde er zum Naval Commander in Chief am Stützpunkt Portsmouth ernannt, im Oktober 1904 zum Ersten Seelord. Fortan setzte er seine Politik um, die Royal Navy auf den Konflikt vorzubereiten. In The Supreme Command schreibt Hankey über Fisher:

»Fisher, dieser weit vorausschauende Verwalter, ordnete die Flotte ebenso neu wie die gesamte Kette von Marinestützpunkten und Bekohlungsstationen, von denen die Navy und die Handelsmarine während Kriegszeiten für ihre Mobilität abhängig waren. Diese zum damaligen Zeitpunkt scharf kritisierte Umorganisation wurde erforderlich durch die aus der Entente mit Frankreich und Russland und der zunehmenden Bedrohung durch Deutschland resultierende Neuausrichtung unserer Außenpolitik. Fisher zählte zu den Ersten, die die Bedeutung dieser Entwicklung erkannten.« 20› Hinweis

Zwischen 1904 und 1907 durchlief die britische Außenpolitik eine Revolution. Die »Balance of Power«-Strategie fokussierte sich nicht mehr auf die ehemaligen Feinde Frankreich und Russland, sondern auf den neuen Widersacher Deutschland. Bereits zu Zeiten der Entente cordiale von 1904 begann Fisher damit, die Marine auf eine militärische Auseinandersetzung mit dem Deutschen Reich auszurichten, aber ihm war durchaus bewusst, dass der nächste Schritt in der außenpolitischen Revolution eine Übereinkunft mit Russland umfassen würde. Dies und viele diesbezügliche Einzelheiten findet man 1901 und 1902 in der von Leopold Maxse herausgegebenen National Review, und zwar in einer Artikelserie, bei der Edward Grey und seine künftigen Mitarbeiter im Außenministerium und Diplomaten federführend mitwirkten. 21› Hinweis

Das Deutsche Reich hatte mit dem Bau einer Flotte begonnen. Es war die Reaktion auf die zunehmenden Handelsaktivitäten und den Eintritt in den globalen Markt, der erfolgt war, um aus aller Welt Lebensmittel für seine Fabrikarbeiter zu beziehen. Die kaiserliche Marine war deutlich kleiner als die Royal Navy, dennoch sah England seine Oberhoheit über die Meere potenziell gefährdet. Für Admiral Fisher war es eine natürliche und unvermeidliche Entwicklung, dass Deutschland eine Flotte bauen würde, um seine Lebensmittelversorgung und seinen Handel zu schützen. Für ihn war es genauso natürlich und unvermeidlich, dass England das Kaiserreich zerstören musste, um diese Entwicklung aufzuhalten. Als Reaktion auf Deutschlands neue Kriegsmarine drohte Fisher mit einem zweiten Kopenhagen. Ein Jahrhundert zuvor hatte Admiral Nelson die dänische Flotte ohne förmliche Kriegserklärung im Hafen der dänischen Hauptstadt zerstört. Fisher präsentierte seine Überlegungen dem König, und der Vorschlag wurde in ganz Europa publik. Dem Admiral war das völlig egal, denn seiner Meinung nach sprach er im Geiste Nelsons und unbedingt im Einklang mit den Traditionen der Royal Navy. Gleichzeitig hielt er es für eine gute Sache, die Deutschen davor zu warnen, einen Fehler zu begehen. So hätten sie Gelegenheit, es bleiben zu lassen. Und wenn sie ihr Vorhaben vorantrieben – was unvermeidbar war –, würden sie zumindest wissen, was ihnen drohte, und auf eigene Gefahr weitermachen.

Fisher wusste: Auch wenn die Politiker und die Presse in England etwas anderes sagten, waren die Deutschen eine geringere Bedrohung für die Oberhoheit der Royal Navy auf den Weltmeeren als die Franzosen. In Kriegszeiten würde Großbritannien die deutsche Küste abriegeln, und das Deutsche Reich besaß nur wenige Stützpunkte im Ausland. Frankreich dagegen mit seiner langen Küstenlinie und Häfen am Atlantik und im Mittelmeer, mit seinen weit verstreuten Kolonien, Marinestützpunkten und Bekohlungsstationen wurde nur von England übertroffen. 22› Hinweis Aber Deutschland galt als kommende Macht, während Frankreichs Stern als im Sinken befindlich galt, deshalb rückte das Kaiserreich in den Mittelpunkt der Balance of Power. Später sollte Fisher enthüllen, wie er begonnen hatte, die Flotte auf den Krieg vorzubereiten: Er berief alle entlegenen Teile seiner Flotte ein und ließ 88 Prozent der Kanonen der British Navy auf Deutschland richten. Er verwandelte die Nordsee in einen ständigen Truppenübungsplatz, ganz nach dem Motto Nelsons: »Dein Schlachtfeld sollte dein Übungsfeld sein.« 23› Hinweis Hankey lobte später, was Fisher alles erreicht habe: »Diese Bündelung der Kräfte erfolgte nicht über Nacht, und die Flotte durchlief viele Änderungen, was die Bezeichnungen und die Form anging, bevor sie zu der Grand Fleet wurde, die 1914 in den Krieg zog. Es war 1904 gewesen, als dieser groß angelegte Plan tatsächlich das Licht der Welt erblickt hatte.« 24› Hinweis

Ende 1906 war Fishers Neuordnung der Navy weit vorangeschritten. Die Flotte sammelte sich in Positionen, von wo aus sie würde Krieg gegen Deutschland führen können. Marinestützpunkte waren mit neuen Waffen ausgerüstet und modernisiert worden. Dreadnoughts waren in Auftrag gegeben worden, die Artillerie war verbessert worden, und man hatte neue Ausbildungsmethoden eingeführt. Neue Schlachtschiffe waren geordert, ebenso Seeminen. In Portsmouth wurde eine Seekriegsakademie gegründet, und die Admiralität hatte begonnen, detaillierte Pläne für den Krieg gegen Deutschland zu erstellen. Mit der Einführung der Dreadnoughts stiegen die Ausgaben wieder an, bis sie 1910 ein Viertel aller staatlichen Ausgaben ausmachten – drei Mal so viel wie das, was Deutschland für seine Kriegsmarine ausgab.

Entwicklung der Kriegspläne

Während die Briten die Burenfreistaaten eroberten, gründete der Marineaufklärungsdienst eine Handelsabteilung. Ihre Aufgabe: Daten zum britischen Schiffsverkehr und Frachtladungen zu sammeln und zu planen, wie man in Kriegszeiten die Versorgung mit Lebensmitteln schützen könnte. Im August 1906 übernahm Captain Henry Campbell die Leitung der Abteilung, und fortan trug man sehr sorgfältig Statistiken zusammen und erstellte Grafiken zur wachsenden Marktdurchdringung deutscher Produkte. Nach Campbells Auffassung gab die wirtschaftliche Expansion Deutschlands zwar Grund zur Besorgnis, aber sie machte gleichzeitig das Deutsche Reich anfälliger für Angriffe der britischen Flotte. Campbell erstellte Diagramme, die zeigten, wie abhängig Deutschland vom Import von Rohstoffen und Lebensmitteln war. Um abschätzen zu können, wie sehr Deutschland eine Seeblockade zusetzen würde, wurden Berechnungen für einen Zeitraum von zwei Jahren angestellt. 25› Hinweis Besonders im Visier der angestellten Überlegungen stand dabei die wachsende deutsche Arbeiterklasse. Auslöser war die Erkenntnis gewesen, dass eine Bedrohung der britischen Lebensmittelversorgung die eigene Arbeiterschaft zu Unruhen verleiten könnte. Ab 1906 machte sich Captain Campbell also diesbezüglich Gedanken. Im Juli 1908 lieferte er einen Bericht ab, in dem es zu den Folgen einer britischen Blockade hieß: »Der deutsche Arbeiter würde auf einen Stand reduziert, den er als unerträglich empfinden würde. Vergebliche Suche nach Beschäftigung und hohe Lebenskosten sind die ersten Schritte hin zu finanziellen Verlegenheiten. Sind diese erreicht, dürfte keine Nation imstande sein, einen Konflikt über längere Zeit fortzusetzen.« 26› Hinweis

Hankeys Vorgänger als Sekretär des CID war Konteradmiral Sir Charles Otley gewesen. Er löste 1907 Sir George Clarke ab, diente bis 1912 und trat sein Amt dann an Hankey ab. Im Dezember 1908 versicherte Sir Charles Otley dem Ersten Seelord in einem Schreiben, dass »während der gesamten drei Jahre, die ich DNI [Director of Naval Intelligence] war, die Blockade Deutschlands ein ständiges Thema war. Admiral Slade hat mich informiert, dass er, seit er meine Nachfolge angetreten hat, besondere Aufmerksamkeit auf dieses Thema verwendet hat. Während der gesamten Zeit, die ich DNI war, vertrat die Admiralität den Standpunkt, dass das Zusammenspiel aus der geografischen Lage dieses Landes und seiner herausragenden Seemacht uns eine garantierte und einfache Methode an die Hand gibt, Deutschland auf See die Luft zu nehmen. Sie erklärten, dass (bei einem langwierigen Krieg) die Mühlen unserer Seestreitkräfte die deutsche Industriebevölkerung vielleicht nur langsam zermahlen würden, sie aber ›überaus fein zermahlen‹ würden. Früher oder später würde Gras auf den Straßen Hamburgs wachsen, weitverbreiteter Tod und Untergang würden zugefügt.« 27› Hinweis

Nachdem ein Jahrhundert zuvor die »Balance of Power«-Politik zum Krieg mit Frankreich geführt hatte, verabschiedete das Parlament Gesetze, die die Einfuhr von Getreide unterbanden. In Kriegszeiten sollten die Massen mit heimischen Vorräten ernährt werden können; hinzu kam, dass das Parlament von großen Landbesitzern dominiert wurde. Inzwischen jedoch bedeutete die Dominanz der Royal Navy, dass die Flotte sehr kostengünstig den gewaltigen Handel würde schützen können. Deshalb konnte man im Ausland günstiges Getreide einkaufen, um das englische Proletariat zu ernähren. Die Reform von 1832 brachte die neue industrielle Bourgeoisie an die Macht und in einflussreiche Stellungen. Das Einfuhrverbot für Getreide wurde aufgehoben, und Großbritannien begann, ein globales Freihandelssystem aufzubauen, das die arbeitenden Massen des britischen Kapitalismus günstig mit Lebensmitteln versorgen sollte. Das Land machte sich abhängig von der Versorgung aus dem Ausland und damit von der Royal Navy. Im Laufe der Zeit zwang dies andere industrialisierende Mächte, dem britischen Vorbild nachzueifern.

Um 1900 hatte der Major Stewart Murray für einigen Aufruhr gesorgt, als er in einer Reihe von Flugblättern die Verwundbarkeit der britischen Lebensmittelzufuhr anprangerte. Seinen Höhepunkt fand das Ganze 1903 in einer Aktion, an der sich auch Parlamentarier, Lords, Admiräle und ranghohe Heeresoffiziere beteiligten. Balfour setzte daraufhin eine Sonderkommission ein, und Major Murray machte sich daran, die Kommission von den gesellschaftlichen Folgen zu überzeugen, die eine Verknappung der Lebensmittelzufuhr haben würde. Doch der Ausschuss kam zu dem Schluss, dass es nur wenig Grund zur Besorgnis gebe, denn die Royal Navy sei durchaus imstande, die Versorgungswege gegen alle Angreifer zu verteidigen. Dennoch resultierte aus den Überlegungen eine Frage: Könnten die Flotten von Englands Wettbewerbern dasselbe leisten, wenn ihre Arbeiterklassen durch dieselben Prozesse der Industrialisierung anschwellen würden? Man vertrat die Ansicht, dass Deutschlands Arbeiterklasse das schwache Glied in der Kette sein könnte. 28› Hinweis

Nun wurde ein strategischer Plan benötigt, wie man diese vermeintliche Schwäche des Rivalen in Handelsdingen ausnutzen könnte. Admiral Fisher gründete einen weiteren Ausschuss, der entsprechende Maßnahmen ausarbeiten sollte. Im Dezember 1906 machte sich der Ausschuss unter Leitung von Hankey in der neuen Seekriegsakademie ans Werk. Hankey frischte seine Deutschkenntnisse auf, um Originalquellen lesen und begreifen zu können, wie das Land tickte – und was nötig wäre, um das Ticken zum Stillstand zu bringen. Nach fünf, sechs Monaten intensiver Arbeit stand ein 60-seitiger Plan. Später erinnerte sich Hankey:

»Unser Studium hinterließ bei uns einen sehr starken Eindruck davon, wie wichtig es war, dass Deutschland anfällig für wirtschaftlichen Druck war. Wir konnten allerdings nicht abschätzen, ob es möglich wäre, das Land in die Unterwerfung zu zwingen, und wie lange es dauern würde, insbesondere mit Blick auf die Hilfeleistung, die das Reich von seinen Nachbarn auf dem Kontinent würde in Anspruch nehmen können. […] Die von uns empfohlene Strategie […] zur Umsetzung bei Ausbruch des Kriegs ähnelte sehr stark dem Plan, den die Admiralität dann tatsächlich 1914 beschloss. […] Für mich erwies sich dies als Erfahrung von unbezahlbarem Wert. Es gab, was die Seekriegsseite des Konflikts anbelangte, kaum ein Problem, das wir in diesem Ausschuss nicht bereits durchgespielt und untersucht hatten.«29› Hinweis

Die britische Flottenpolitik schlug vorsätzlich einen neuen Kurs ein. In der Vergangenheit hatte die Navy stets versucht, alle Kombinationen zu unterbinden, von denen man glaubte, sie könnten Englands Herrschaft auf den Meeren gefährden. Nun dagegen wurde die Navy darauf vorbereitet, einen einzelnen Widersacher zu vernichten und ihm seinen Handel und seine Märkte wegzunehmen. Der Bericht umfasst auch eine historische Abhandlung mit dem Titel »Some Principles of Naval Warfare«. Verfasser war Julian Corbett, ein Autor, der über die Flotte schrieb. Weiter enthält der Bericht das Papier »War Plans –General Remarks on War with Germany – A Preamble for Reflection and Criticism«. Dabei handelte es sich um eine überarbeitete Fassung eines Essays, den Captain Slade 1906 geschrieben hatte und der damals »War on Germany« hieß. Verpackt war dieser Essay in sozialdarwinistische Begrifflichkeiten. Deutschlands kommerzieller Aufstieg folge den Gesetzen der Natur, sei unvermeidbar gewesen und könne, selbst wenn man es wolle, nicht aufgehalten werden, hieß es dort. Deutschlands Aufstieg, so Slade, »muss weitergehen, bis das Land auf eine Macht trifft, die noch stärker ist«.

In seinen »Notes on Attached War Plans« am Ende des Berichts bekräftigte Hankey noch einmal Slades Einschätzung, »… dass der anhaltende Ausbau der Macht und der Ressourcen des Deutschen Reichs eine weitere Expansion unvermeidlich macht, dass nachfolgend das Gleichgewicht der Kräfte gestört wird und dass Deutschland auf dem Kontinent vorherrschend sein wird, sofern wir nicht bereit sind, Deutschlands Entwicklung aufzuhalten«.

Wenn man den Bericht liest, erkennt man, was Hankey Sorge bereitet: die zentrale Frage, ob Deutschland es würde überstehen können, wenn die britische Flotte dem Land mit einer strengen Seeblockade zusetzt. Es sei schwierig, diese Frage durch historische Analysen zu beantworten, fand Hankey, denn es gab keine Präzedenzfälle, bei denen eine Blockade gegen eine »moderne industrielle Situation« versucht wurde. Hankey empfahl weitere, gründliche Untersuchungen in diesem Punkt, und zwar nicht nur durch die Handelsabteilung der Marineaufklärung, sondern auch durch die »höchsten Finanz- und Handelsexperten«, die sich in England finden ließen. Diese Untersuchungen sollten »in geheimen Beratungen« stattfinden. 30› Hinweis

Die Akte mit den Kriegsplänen der Admiralität von 1907 enthält ein weiteres Dokument von Hankey. Darin beschreibt er die Logik hinter einer britischen Blockade Deutschlands in sieben knappen Punkten:

»1. Der deutsche Handel wächst rasch. 2. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Getreide nimmt zu. 3. Deutschland wird immer stärker abhängig davon, Lebensmittel und Rohstoffe aus dem Ausland zu beziehen. 4. Es gibt nicht ausreichend neutrale Schiffe, um britische und deutsche Schiffe, die aufgrund eines Krieges festsitzen (und ansonsten Deutschland beliefern würden), zu ersetzen. 5. Aufgrund ihrer geografischen Lage können Deutschlands Handelshäfen gut durch einen starken von See angreifenden Gegner geschlossen werden. 6. Von dem Geld, das Deutschland aufgrund der Handelsausfälle entgehen würde, fände ein Großteil seinen Weg zwingend nach England … 7. Selbst wenn man davon ausgeht, dass Deutschland Getreide usw. auf dem Landweg beziehen würde, wären die Preise sehr hoch. Angesichts des Vorgenannten und zwingend davon ausgehend, dass die kämpferische Qualität der britischen Flotte deutlich höher wäre […], kommt man nicht um die Schlussfolgerung herum, dass das Abschneiden von seinen Handelsgeschäften einen tödlichen Schlag für das Land darstellen würde. Deutschland würde in einem Krieg deutlich mehr verlieren, als es bei uns der Fall sein sollte.« 31› Hinweis

Wirtschaftskrieg

Bis 1905 war es die Aufgabe der Royal Navy gewesen, die gegnerischen Flotten zu beobachten und sie zu stellen, sollten sie ihre Häfen verlassen, und zwar mit allen Mitteln, die ihr für diesen Zweck geeignet erschienen. Der Höhepunkt wäre eine entscheidende Seeschlacht, bei der sich die überlegene Royal Navy – natürlich – durchsetzen würde. Dieses Ziel wurde 1914 nicht aufgegeben, aber vor 1906 und den Vorbereitungen für einen Krieg gegen Deutschland hatte nichts in den Befehlen der Admiralität darauf hingedeutet, dass die Flotte nun größtenteils als Instrument in einem Handelskrieg genutzt werden würde. Dieser Strategiewechsel ist einer der stärksten Beweise dafür, wie umfangreich und gründlich die Bemühungen waren, die Großbritannien auf die Aufgabe verwandte, eine innovative Form der Kriegsführung gegen Deutschland zu entwickeln.

In History of the Blockade of Germany schreibt A. C. Bell, dass die Admiralität dem Committee of Imperial Defence 1906 formell versicherte, man beabsichtige eine Blockade der deutschen Küsten. An der Royal Navy wurden zwei wichtige Veränderungen sowohl an der Form als auch am Inhalt aller künftigen Kriegsbefehle vorgenommen. Die Admiralität rief eine Seekriegsakademie für die wissenschaftliche Untersuchung von Krieg und Strategie ins Leben, und am Sitz des Kriegsministeriums in Whitehall wurde ein Ausschuss für die Erstellung von Kriegsplänen eingerichtet. Der Präsident der Seekriegsakademie wurde in dieses Komitee berufen. Über die Gründe für diese Veränderungen schreibt Bell:

»Die Marineverwaltung wurde um diese zwei Punkte ergänzt, um der wachsenden Überzeugung innerhalb der Flotte Rechnung zu tragen, dass die traditionelle Vorgehensweise, dem Oberbefehlshaber freie Hand zu geben, nicht mehr ausreichen würde. Auch wuchs die Einschätzung, dass die damals gültigen altmodischen Instruktionen durch detaillierte Pläne ersetzt werden müssten, Pläne, die erstellt wurden, nachdem sämtliche Schwachstellen eines Gegners wissenschaftlich fundiert abgewogen worden waren. Während der Jahre 1905 bis 1907 wurden bei sämtlichen Veranstaltungen auf einem völlig neuen Modell beruhende Kriegspläne vorbereitet. Im Juli 1908 wurde der erste derartige Plan fertiggestellt […] Vorbereitungen wurden ausschließlich für einen Krieg gegen Deutschland getroffen, und die Admiralität erklärte, dass es in ihrem Plan grundsätzlich darum gehe, eine Streitmacht von entscheidender Schlagkraft in der Nachbarschaft der Nordsee zu stationieren. Deshalb wurden sehr detaillierte Vorbereitungen dafür getroffen, die für die Nordsee und den Ärmelkanal vorgesehenen Geschwader zusammenzuziehen. […] Zudem wurde dem Oberbefehlshaber ausdrücklich aufgetragen, sämtlichen feindlichen Handel in der Nordsee zu unterbinden. Damit wurden die Kriegsbefehle erstmals um ein wirtschaftliches Ziel erweitert und die alten militärischen Pflichten ergänzt.« 32› Hinweis

A History of the Blockade of Germany von Archibald Colquhoun Bell wurde von der historischen Abteilung des CID produziert – und von der britischen Regierung fast ein halbes Jahrhundert unter Verschluss gehalten. Die offizielle Fassung wurde 1921 fertiggestellt und war bis 1937 in Druck, aber die Ausgabe in der British Library trägt den Stempel »Nur für offizielle Zwecke«. Eine begrenzte Zahl wurde für die Ministerien in Whitehall produziert. Der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde diese Ausgabe erst 1961 von Her Majesty’s Stationery Office, der Staatsdruckerei, die zugleich für die Prüfung von Urheberrechtsfragen zuständig war. (Die Nazis hatten eine Kopie der nicht öffentlichen Ausgabe in die Hände bekommen und brachten 1943 eine gekürzte Übersetzung heraus.)

Das Werk von Bell gehört zu den interessantesten Werken über den Ersten Weltkrieg. Es ist sachlich geschrieben und enthält nur ein Minimum an Propaganda. Auf über 1000 Seiten schildert Bell ausführlich die gründlichen Vorbereitungen der Admiralität und des Committee of Imperial Defence für einen Wirtschaftskrieg gegen Deutschland. Er setzt ein Jahrzehnt vor Kriegsausbruch ein und erzählt, welche Maßnahmen ergriffen wurden bei der Umsetzung der britischen Seeblockade 1914 bis 1919. Hier wendet sich ein Insider an andere Insider, ohne dass der Krieg durch überflüssigen moralischen Zuckerguss geschönt werden muss. Vermutlich wurde es als sehr wichtig erachtet, für die Zukunft eine ausführliche Analyse des Seekriegs während des Ersten Weltkriegs zur Hand zu haben, aber gleichzeitig war es politisch nicht ratsam, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit darauf und auf das, was man getan hatte, zu lenken … umso mehr, wenn man versuchen wollte, es Deutschland noch einmal anzutun. Bis heute wird in den Berichten über den Ersten Weltkrieg die britische Seeblockade nur am Rande erwähnt, und es gibt nur sehr wenige, die wissen, wie viele Menschen infolge der Blockade gestorben sind (Bells Schätzungen liegen bei etwa einer Million Opfern).

In den fünf Jahren ab 1908 wurde das Thema, wie man den deutschen Handel in die Knie zwingen könnte, in weiteren ausführlichen Studien untersucht. Im Mai 1908 regte Admiral Slade eine wissenschaftliche Untersuchung an. Das Außenministerium leitete die Anfrage an Generalkonsulate in ganz Europa weiter. Die Diplomaten studierten ein Jahr lang ausführlich die deutschen Aktivitäten und erstellten Statistiken. Sorgfältig zusammengetragene, ausführliche Berichte über die deutsche Wirtschaft und die Lebensmittelversorgung des Kaiserreichs gingen dann an Eyre Crowe im Außenministerium. Diese Berichte brachten Crowes Vorgesetzten Edward Grey zu der Einschätzung, dass die Deutschen eine Seeblockade würden überstehen können und dass eine Blockade für sich genommen zu langsam arbeiten würde, um Deutschland in die Knie zu zwingen. 33› Hinweis Die Auffassung, dass man große Streitkräfte benötigen werde (Russland, Frankreich und ein britisches Expeditionskorps), um Deutschland zu besiegen, gewann an Zulauf. Bell erklärte:

»Ausgangspunkt für die Anfrage der Admiralität war die Annahme, dass bei einem Krieg die deutschen Nordseehäfen blockiert werden würden. Der Bericht war im Wesentlichen ein Bericht über die Folgen, soweit sie abzusehen waren … Die zentrale Behauptung der Admiralität lautete, dass diese Teilblockade aufgrund ihrer indirekten, nachrangigen Folgen von enormer Wirkung sein würde. Nirgendwo erklärte sie, dass diese Folgen kriegsentscheidend sein würden, aber sie war überzeugt, dass sie ernst sein würden … Finanziell würde Deutschland, wenn man seine Häfen blockierte, unter starken Druck gesetzt werden. Der Handel aus diesen Häfen konnte nicht und möglicherweise nicht einmal zu weiten Teilen über neutrale Häfen in Belgien und Holland abgewickelt werden, denn Letztere würden nicht imstande sein, schlagartig ihre Fähigkeiten zu erweitern und eine große Aufstockung des Umschlags abzufangen. Das Einkommen, das Deutschland aus Einfuhrzöllen bezog, würde durch die Blockade seiner Häfen spürbar sinken. Auch das Kapital, das zu großen Mengen in heimische Industriezweige investiert war, würde schrumpfen, da diesen Industriezweigen die benötigten Rohmaterialien fehlen. Die Schließung vieler dieser Fabriken würde zusammenfallen mit einem Anstieg der Preise, und große Not würde resultieren, wenn die nicht kämpfende Bevölkerung ihre Arbeit verliert … Anhand der uns vorliegenden Fakten kommen wir zu der Auffassung, dass die Lage in Deutschland ernst würde durch die Blockade seiner Häfen und dass mit anhaltender Dauer des Krieges die Lage nur umso ernster würde …« 34› Hinweis

Dies stand für eine Form von Seekrieg, die deutlich weiter entwickelt war als eine Blockade. Es handelte sich um eine Strategie für einen Wirtschaftskrieg, die gründlich zusammengetragene Statistiken ebenso erforderte wie eine gründliche Analyse der Wirtschaftsdaten und Planungen ganz neuer Art.

Hankey nimmt das Ruder in die Hand

Mehr als 30 Jahre diente Maurice Hankey wie kein Zweiter dem Staat. Er war deutlich mehr als nur ein ranghoher Beamter des Empire, und es wäre wohl nicht übertrieben, zu behaupten, dass er über eine Generation lang den britischen Staat zusammenhielt. Seine Laufbahn begann in der Royal Navy, und zwar in der Aufklärungsabteilung der Admiralität. 1908 wurde er Stellvertretender Sekretär der Marine im CID, 1912 wurde er Sekretär des Ausschusses. In diesem Gremium verfolgte er einen Großteil der Planungen für den Krieg gegen Deutschland mit, überwachte die Vorbereitungen und steuerte sehr viel selbst bei. In The Supreme Command (1961) schrieb Hankey: »Es gab nur wenige Geheimnisse, mit denen ich nicht vertraut war. Es gab wenige Fragen zur Kriegspolitik, die nicht in irgendeinem Stadium und in irgendeiner Weise durch meine Hände gingen.« 35› Hinweis

Heute ist Hankeys The Supreme Command vergessen, aber es handelt sich um den vollständigsten Insiderbericht, was den Feldzug Großbritanniens gegen Deutschland anbelangt. Das Buch enthält Einzelheiten zu den Kriegsvorbereitungen, und zwar niedergeschrieben von der Person, die dafür verantwortlich war, die die Bemühungen koordinierte und Pläne in die Tat umsetzte. In The Supreme Command spricht Hankey offen darüber, wie sich Großbritannien auf den Krieg vorbereitete, von dem man ein Jahrzehnt vor Ausbruch bereits wusste, dass er kommen würde. Hankeys Bericht zeigt, dass sich Großbritannien noch nie derart gründlich auf einen Krieg vorbereitet hatte. Noch nie waren so viele Untersuchungen, Ressourcen, so viel Zeit, Anstrengung und Energie für ein Ereignis aufgewendet worden, zu dem es möglicherweise niemals kommen würde. Es war wirklich unvorstellbar, dass all die Anstrengungen auf reine Notfallpläne verschwendet werden sollten.

Das Committee of Imperial Defence beschrieb Hankey als »zentrales Instrument der Regierungskontrolle, sowohl für die Vorbereitung des Krieges in Friedenzeiten als auch für das Oberkommando in Kriegszeiten, im letzteren Fall allerdings unter einem anderen Namen und entsprechenden Anpassungen« 36› Hinweis . Als er in den Morgenzeitungen von dem Komitee las, erwachte in Hankey sofort der Wunsch, Sekretär des CID zu werden. Lord Esher half ihm später, und Hankey baute das Amt in etwas um, das sich seine Vorgänger niemals hätten erträumen lassen. In den ersten zwei Jahren seiner Existenz traf sich das CID 60 Mal. Es war ein beratendes Gremium. Das bedeutet, dass es theoretisch dem Kabinett und dem Parlament unterstand. Tatsächlich jedoch arbeitete es bis zum August 1914 größtenteils ohne Einbindung des Kabinetts und des Parlaments vor sich hin.

Für sich genommen hatte das CID keine Machtbefugnisse, aber das war auch nicht nötig, denn seine Mitglieder brachten durch ihre Positionen jede Menge Macht mit. Es war diese Anhäufung von renommierten Figuren aus den wichtigsten Zweigen des Regierungsapparats, durch die das Komitee seine Relevanz bezog. In Lord Eshers Journals & Letters kann man nachlesen, mit wem er zu Staatsangelegenheiten korrespondierte. 1905 und 1906 waren das unter anderem: Seine Majestät der König Edward VII., Admiral Fisher, Arthur Balfour, Campbell-Bannerman, Lord Roberts, Sir Douglas Haig, Lord Kitchener, Sir John French, R. B. Haldane, Sir George Clarke (der Sekretär des CID), Kriegsminister H. O. Arnold-Forster, Indienminister John Morley und Finanzminister Reginald McKenna. Mit diesen Personen debattierte Reginald Brett darüber, was zu tun sei, wie man es tun solle und wie man die Probleme lösen könne, die bei den Vorbereitungen eines Kriegs gegen Deutschland auftreten würden. Als Großbritannien im August 1914 in den Krieg zog, waren es die Pläne des CID, die buchstabengetreu umgesetzt wurden, Maßnahmen, die die Bemühungen aller Truppenteile bündelten.