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"Sieben Farben reichen aus, um die Liebe der ganzen Welt einzufangen" Argentinien, Ende der 30er Jahre. Die junge Berliner Industriellentochter Donata Schroth geht in Buenos Aires an Land. In ihrem Gepäck ein Gemälde von Otto Modersohn. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, welche Bedeutung es nicht nur in Donatas, sondern in den folgenden fast hundert Jahren im Leben von drei weiteren Frauen spielen wird, deren Schicksale es für immer verbindet.
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Seitenzahl: 440
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Kapitel 1
Magdalena
Kapitel 2
Kapitel 3
Isabella
Kapitel 4
Kapitel 5
Gertruda
Kapitel 6
Kapitel 7
Sieben Farben – Worte Des Autors
Eine warme Brise ließ die Blätter der Eukalyptusbäume rascheln. Raouls Hände glitten über die glatt geschmirgelte Fläche seiner Skulptur.
»Na, Ella, was meinst du? Fertig, oder muss noch dran gearbeitet werden?«
Die alte Hündin döste faul in der Mittagshitze und wedelte kurz mit dem Schwanz.
»Das werte ich mal als fertig.«
In letzter Zeit brauchte er immer länger, um seine Figuren zu beenden. Lange schon war er von Stein auf Ton umgestiegen. Ton! Mädchenbildhauerei hatten sie das einst spöttisch genannt. Damals in Buenos Aires, als es Magdalena in seinem Leben noch gegeben hatte und er nicht hierher in das Haus in den Dünen geflohen war. Mehr als ein halbes Leben lag das bereits zurück.
Der Wind trug das Rauschen der Wellen zu Raoul. Es war ihm nicht schwergefallen, Buenos Aires zu verlassen und nach Quequen zu ziehen. Er kannte diesen Ort noch aus seiner Kindheit; dieses kleine Paradies am Meer – fast sechshundert Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Sein Vater war als junger Musiker in der Sommersaison den Reichen und Schönen gefolgt, um in den vornehmen Hotels zum Kaffee aufzuspielen. Und manchmal hatte Raoul mitgedurft.
Ob Pepito heute wohl wieder vorbeischaute? Opa-Raoul nannte der Junge ihn. Er hatte den Kleinen, als der am Tag zuvor neugierig durchs Tor aufs Grundstück spähte, zunächst gar nicht bemerkt.
»Na, Junge, kann ich dir helfen?«, hatte er ihm dann zugerufen.
»Was ist das?« Mit seinen Fingern hatte der Junge durch die Latten des Gatters auf Raouls Skulpturen gewiesen. Besonders die Säule, die aus mehreren Rundungen bestand und die Raoul inoffiziell als Die Venus von Milo vor der Diät bezeichnete, schien das Interesse des Jungen geweckt zu haben.
»Die Figuren stellen Menschen dar. Was ist denn daran komisch?«, hatte Raoul geantwortet und sich langsam auf die Einfahrt zubewegt.
»Hä? Die haben ja gar keine Gesichter.«
Der Junge war skeptisch.
»Die muss man sich dazu denken.« Raoul war mittlerweile am Tor angekommen. Raouls Antwort schien ihn zufrieden gestellt zu haben, denn er hatte mit weltmännischem Blick und vorgeschobener Unterlippe – von wem auch immer er sich diese Geste abgeschaut haben mochte – genickt. Raoul streckte ihm die Hand über das Gatter entgegen. Der Junge reckte sich und schlug ein.
»Wieso bist du so dreckig?«, fragte er und zeigte dabei auf Raouls lehmige Finger.
»Der Dreck ist schon fast eingewachsen. Weißt du, wenn man wie ich über so viele Jahrzehnte solche Dinge da macht«, Raoul wies auf seine Venus, »dann sind der Steinstaub und der Ton irgendwann mal Teil deines Körpers.«
Der Junge runzelte die Stirn.
»Hm. Macht das Spaß?«
»Was meinst du?«
»Na, was du machst.«
»Spaß?« Raoul hatte innehalten müssen, diese Frage war ihm noch von niemandem gestellt worden. So viele Reporter hatten sich schon mit ihm und seinem künstlerischen Werk auseinandergesetzt, Kritiker, Bewunderer und wer noch alles. So viele immer gleiche Fragen hatte er beantwortet, aber die Frage nach Spaß war nie darunter gewesen.
»Willst du es dir mal genauer anschauen«, fragte Raoul und öffnete das Tor. Der Blick des Jungen war von der Steinfigur hinauf in die Wipfel der Eukalyptusbäume gewandert. Er zeigte auf einen der hellen Äste.
»Ist das deins?«
Raoul war der Richtung des Fingers gefolgt. Als er entdeckte, worauf der Junge wies, erhellte sich sein Gesicht. Auf dem Ast befand sich eine Kugel aus Lehm mit einem kleinen, kreisrunden Loch in der Mitte.
»Aber nein, so etwas Schönes kann ich gar nicht herstellen, das ist das Nest eines Horneros.«
»Hornero?«
»Das ist ein Vogel. Und der baut sich diese kugeligen Höhlen aus Lehm, um darin seine Brut aufzuziehen.«
»Echt?« Der Mund stand dem Kind vor Staunen auf.
Raoul antwortete mit einem Nicken.
»Man sagt, dass ein Vogelpaar insgesamt bis zu dreitausend Mal hin- und herfliegen muss, um für so ein Nest ausreichend Lehm und Stroh herbeizuschaffen. Vogelweibchen und Männchen arbeiten dabei zusammen. Und wenn sie fertig sind, suchen sie noch weiches Gras oder auch Federn und polstern ihr Lehmhaus aus, damit die ganze Familie es darin gemütlich hat.«
»Wie lange dauert das?«
»Oh, du wirst lachen, sie sind sehr schnell. Die bauen sogar jedes Jahr ein neues Nest.«
»Echt?« Der Junge riss die Augen weit auf und schüttelte ungläubig den Kopf. »Boah.«
Raoul lachte. »Möchtest du was trinken?«
Kurz darauf saßen die zwei mit kalter Limonade am Gartentisch.
»Wie heißt du?«, fragte der Junge.
»Na, junger Mann, du bist ja neugierig. Meinst du nicht, dass erst mal du an der Reihe bist, dich vorzustellen? Immerhin bist du hier bei mir.«
Der Kleine überlegte einen Moment und stimmte ihm dann mit ernster Miene zu.
»Pepito.«
»Ah, Pepito. Dann heißt du wohl eigentlich Pedro, oder?«
Der Junge hatte mit den Schultern gezuckt.
»Alle sagen Pepito.«
»Gut, also Pepito.«
»Jetzt du!«
Raoul grinste. Die kindliche Unbekümmertheit gefiel ihm. »Ich heiße Raoul.«
Der Junge macht ein unzufriedenes Gesicht.
»Gefällt dir nicht?«, hatte Raoul überrascht gefragt.
»Weiß nicht.«
»Was stört dich denn daran?«
»Ist zu modern für dich.«
Das amüsierte Raoul.
»Na, wie wäre es denn dann mit Opa Raoul. Das macht mich nun weniger modern, oder?«
Pepito hatte wieder seine bedeutungsschwere Miene inklusive vorgeschobener Unterlippe aufgesetzt und nickte.
Der Deal war beschlossen.
Das war gestern gewesen. Und heute saß Raoul wie immer um diese Uhrzeit am Gartentisch mit Ella zu seinen Füßen.
Pepito hatte versprochen wiederzukommen. Seine Eltern und er waren zu Besuch, sie verbrachten hier in Quequen ihre Sommerferien. Raoul hatte dem Jungen das Ehrenwort abgerungen, den beiden zu erzählen, wo er sich aufhielt. Er sollte doch auf keinen Fall Ärger bekommen und das galt letztlich für sie beide.
Die Hündin horchte auf.
»Opa Raoul«, klang es schon vom Gatter. Die winkenden Hände langten nur knapp über den Rand des Gartengatters.
»Pepito, hallo! Komm rein! Das Tor ist nur angelehnt.«
»Hallo, Opa Raoul!« Pepito eilte zum Gartentisch. »Hallo, Ella!« Er streichelte ihr den Kopf, sie leckte ihm die Hand.
»Und, hast du deinen Eltern gesagt, dass du hier bist«, fragte Raoul.
Der Junge nickte.
»Und sie haben nichts dagegen?«
»Ist denen egal.«
»Das kann ich mir nicht vorstellen.«
Pepito wurde still. Raoul versuchte die Stimmung zu retten.
»Weißt du, wie man diese Bucht hier nennt? Das ist die Bucht der Winde, die Bahia de los Vientos. Sie heißt so, weil es hier fast immer windig ist.«
»So wie jetzt?«
Tatsächlich rüttelte der Wind mittlerweile wieder kräftiger in den Bäumen.
»Es ist gut möglich«, fuhr Raoul fort, »dass der Wind heute noch dreht. Das tut er nämlich gerne hier in der Bahia. Und genau das war auch immer das Gefährliche für die Seefahrer früher. Kannst du dir vorstellen, wie das einst war, als noch Segelschiffe über die Meere fuhren? Da waren die Matrosen vom Wind abhängig. Und wenn der dann plötzlich die Richtung wechselte, dann mussten sie schnell reagieren, damit sie nicht an die Küste gedrückt wurden. Und auch später noch, als die Schiffe schon lange keine Segel, sondern starke Motoren besaßen, geschah es, dass ein Schiff in einem Sturm hier auf Sand lief.« Dass es sich bei den Unglücken der Neuzeit zumeist um Versicherungsbetrug und Entsorgung ausgedienter Schiffe handelte, ließ Raoul geflissentlich aus.
»Oh ja!« Pepitos Augen leuchteten begeistert. »Wie da drüben am Strand.«
»Genau. Die alte Schiffsschraube. Das Schiff dazu ist hier auf Grund gelaufen.«
»Wann war das?«
»Oh, das ist schon sehr, sehr lange her. Deshalb ist davon heute auch nicht mehr als die Schraube übrig geblieben, denn die ist aus dem härtesten Stahl. Der Rest ist im Laufe der Jahrzehnte weggerostet.«
»Und die Leute?«
»Keine Sorge, denen ist nichts passiert.«
Raoul beschloss nicht weiter darauf einzugehen, ansonsten müsste er doch noch etwas über Versicherungsbetrug und Argentiniens überall präsenter Korruption sagen. Er schwenkte um.
»Nun, so sind sie die Wind-Elfen der Bahia des los Vientos. Sie machen den Wind und treiben damit ihren Schabernack.«
»Wind-Elfen?« Der Junge rümpfte pikiert die Nase. »Quatsch. So was gibt es gar nicht.«
»Oh, sag das nicht. Warum sollte es keine Elfen geben, die Wind machen?«
»Weil das blöde Märchen sind. Und Märchen sind was für Babys.«
Raoul zuckte mit den Schultern.
»Wenn du meinst. Aber wusstest du, dass es auf der Welt ein Land gibt, in dem sich die Regierung um Elfen kümmert. Die haben sogar ein Ministerium dafür?«
»Glaub’ ich nicht.«
»Doch, ist aber so. Das Land heißt Island und liegt sehr weit weg von hier. Wenn du drüben am Meer stehst und würdest immer schräg hinüberfahren, weit, weit fort, dann kämst du irgendwann an der Küste Islands an. Und ich sage dir, nach so vielen Wochen auf dem Meer, da würdest auch du an Elfen glauben.« Er piekte Pepito mit einem Augenzwinkern in den Bauch. Der kiekste vor Vergnügen.
Raoul zeigte auf den Tisch, auf dem schon eine eisgekühlte Limonade und zwei Gläser warteten. Er schenkte ihnen beiden ein.
»Soll ich dir noch mehr von den Elfen erzählen? In Island gibt es nämlich nicht nur Elfen, sondern auch Trolle!« Raoul hatte schon zu sprechen angesetzt, da stoppte das enttäuschte Gesicht des Jungen seinen Redefluss. Pepito zog einen Schmollmund.
»Was ist denn los?«, erkundigte sich Raoul besorgt.
»Ach, das ist blöder Babykrams. Da kann ich auch bei Papa und Mama bleiben.« Der Junge sprang vom Stuhl. Raoul war über die heftige Reaktion erschrocken.
»Was meinst du?«
»Baby-Geschichten sind langweilig. Und langweilig ist es bei Papa und Mama auch.«
»Wieso denn das?«
»Naja, Papa ist immer am Telefon oder am Computer. Und Mama findet das doof. Und dann streiten die beiden. Und ich soll dann spielen gehen. Aber gibt ja keine anderen Kinder, nur alte Leute. ’Tschuldigung.« Er schaute betroffen zu Raoul.
»Schon gut, Pepito.«
»Zuhause arbeitet Papa auch immer oder ist weg. Und wenn er nach Hause kommt, liege ich schon im Bett. Manchmal kommt er noch ins Zimmer. Ich bin dann ganz still und lasse die Augen zu. Sonst schimpft Mama nämlich, weil ich noch nicht schlafe.«
»Dann ist dein Papa wahrscheinlich sehr fleißig, damit er euch ein schönes Zuhause bauen kann. Siehst du, so wie die Horneros, von denen ich dir gestern erzählt habe.« Raoul wies auf das kugelrunde Nest aus Lehm auf einem der Äste. Der Vergleich schien dem Jungen zu gefallen. Er grinste.
»Papa mit Lehm. Das ist lustig.« Jetzt lachte er, wurde aber gleich darauf wieder ernst. »Mama findet das bestimmt ekelig.« Pepito verstummte und starrte auf den Boden. In Raoul keimte eine Idee.
»Im Urlaub soll man sich nicht langweilen. Was machen wir denn da mit dir?«
»Weiß nicht.« Der Junge hatte sich wieder gesetzt und spielte mit seinem Glas.
»Was meinst du, wollen wir vielleicht auch ein bisschen mit Lehm arbeiten und etwas bauen?«
»Mit Lehm bauen?« Pepito horchte auf.
»Ja, wollen wir zusammen etwas …«, Raoul stockte kurz, »töpfern?« Mädchenbildhauerei schoss es ihm wieder durch den Kopf. Hoffentlich lag er mit seinem Vorschlag nicht ganz daneben, denn dann hätte er seinen Besuch für immer verloren. Doch grad das Gegenteil schien der Fall zu sein.
»Töpfern?« Der Junge schaute ihn fragend an.
»Ja, mit Ton. Eine Skulptur zum Beispiel.« Raoul zeigte in Richtung seiner Figuren im Garten.
Aufgeregt sprang der Kleine von seinem Sitz.
»Au ja!« Seine Augen leuchteten. »Das ist toll. Aber meine …«, er stockte und schaute Raoul an.
»Skulptur?«, ergänzte der.
»Genau!«, sprudelte der Junge weiter. »Meine kriegt aber ein Gesicht. So mit Mund und Augen. Und eine Nase. Nicht so wie deine.« Sein Kopf nickt in Richtung Venus vor der Diät.
Raoul lachte. Er hielt dem Jungen seine Handfläche hin und der klatschte strahlend ab.
»Pepito, aber ich will erst mal etwas essen. Magst du auch was? Ich mache uns ein Omelette. Komm mal mit in die Küche.« Raoul stemmte sich vom Gartenstuhl auf. Der Junge folgte ihm ins Haus.
Es war schon lange her, dass Raoul für jemanden anderen als nur für sich selbst etwas kochen durfte.
Das Gemälde war nicht viel größer als ein doppelter Briefbogen, wahrlich kein imposantes Stück. Und dennoch! Magdalena balancierte es mit Vorsicht, als würde sie einem Schmetterling ans offene Fenster helfen.
»Es ist tatsächlich ein historisches Original, oder?«
Der fremde Mann nickte.
Sie schaute sich das Bild aus unterschiedlichen Perspektiven an, hielt es etwas mehr ans Licht und gleich darauf wieder in den Schatten. Schließlich suchte sie einen sauberen Platz auf ihrem mit Farben, Pinseln und fleckigen Lappen übersäten Tisch und legte es behutsam dort ab.
»Unglaublich, wirklich unglaublich.«
»Ich freue mich, dass es Ihnen gefällt«, antwortete der Fremde sichtlich erleichtert. »Das heißt, Sie werden es tun?«
»Ja.« Magdalena nickte. »Aber erwarten Sie nicht zu viel von mir! Das hier ist ein Meisterwerk.« Ihr Blick blieb auf den Tisch geheftet. »Ein Meisterwerk«, wiederholte sie.
»Ich vertraue Ihnen voll und ganz.« Der Mann zwinkerte ihr zu.
»Was auch immer Ihr Antrieb sein mag.« Sie hob hilflos die Schultern und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem unbekannten Besucher zu.
»Kaffee?« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie zum Gasherd und platzierte eine italienische Moka auf dem Gitterrost. Als sich die Gasflamme mit kurzem Fauchen entzündet hatte, schaute sie den unangekündigten Gast auffordernd an. »Und, sagen Sie mir nun, wer Sie sind?«
Statt einer Antwort lächelte der Mann unbestimmt.
»Sind Sie der Besitzer?«, hakte sie nach.
»Magdalena, ich darf Sie doch so nennen, oder?« Er wartete keine Antwort ab. »Bitte fragen Sie mich nicht. Ich bin nur der Bote. Mehr nicht. Und ich habe strikte Anweisung erhalten, Ihnen nichts über die wahren Eigentümer zu verraten. Es tut mir leid.«
»Es ist doch nichts Illegales, was Sie da tun, oder?« Magdalena durchfuhr ein Schreck. »Seitdem die Militärs an der Macht sind, fühlt man sich hier in Buenos Aires auf Schritt und Tritt beobachtet.«
Wieder schüttelte der Mann den Kopf. Magdalena blieb hartnäckig.
»Bitte, sagen Sie mir es definitiv: ist das Ganze auf irgendeine Art und Weise kriminell?«
»Seien Sie beruhigt. Dass Sie das Bild kopieren, ist nicht kriminell.«
Sie wurde misstrauisch. »In Ihrem Satz fehlt doch das Aber. Dass ich das Bild kopiere, ist nicht kriminell, Komma, aber …?«
»Glauben Sie mir, Sie haben in diesem Zusammenhang wirklich nichts zu befürchten. Das Bild ist nicht entwendet und es wird auch niemand mit Ihrer Kopie betrogen oder was auch immer. Mehr kann und werde ich Ihnen aber dazu nicht sagen. Ich selbst wäre jedoch glücklich, wenn Ihre Kopie ähnlich schön würde, wie es das Original ist.«
Magdalena nickte. Sie beschloss es dabei zu belassen, denn die Aufgabe gefiel ihr, von der Bezahlung ganz zu schweigen. Wenn sie auch als Künstlerin verständlicherweise eher der eigenen Kreativität freien Lauf lassen wollte, so hatte es durchaus einen Reiz, sich in den Kopf eines anderen Malers einzudenken, dessen Inspiration zu spüren und diese nachzuahmen. Denn es würde natürlich niemals mehr sein können als ein Nachahmen, doch das würde sie bis zur Meisterschaft treiben. Darüber hinaus passte es gut zum aktuellen Status ihres Studiums. Sie erlernte gerade die Techniken jener Epoche; Landschaftsmalerei aus der Zeit um die Jahrhundertwende im Übergang vom Impressionismus zum Expressionismus. Das Bild war vermutlich um die siebzig Jahre alt. Sie würde herausbekommen müssen, wann genau es entstanden war.
»Es ist aus Europa. Genauer gesagt: aus Deutschland«, fügte der Fremde hinzu.
»Ah, ja. Ich dachte es mir fast.« Magdalena nickte. »Es ist schön, wirklich sehr schön.« Sie lächelte ihn an. Er kramte ein Stück Papier aus seiner Hosentasche.
»Ich habe mir den Namen des Malers aufgeschrieben.« Er glättet den zerknitterten Zettel und reichte ihn ihr.
»Otto Modersohn,«, las Magdalena laut und wiederholte, »Otto Modersohn.« Der Name sagte ihr nichts, aber das hatte nichts zu bedeuten. Das Bild war exzellent, in herausragender Technik gemalt und mit ihm lag tatsächlich also ein Original aus jener Epoche auf ihrem Tisch. Ein echter, sie schaute noch einmal auf den Zettel, Otto Modersohn.
»Entschuldigen Sie die Frage, aber: ist es wertvoll?«
Der Fremde hob die Schultern.
»Es hat einen hohen ideellen Wert, dessen bin ich mir sicher. Allerdings, wenn ich darüber nachdenke, so nehme ich an, dass es wohl wertvoll ist, ja, es scheint mir so.« Er versank in Grübelei, sein Blick verfinsterte sich und Magdalena wusste die Änderung seiner Gemütslage nicht zu deuten.
»Gibt es da vielleicht doch etwas, was ich besser wissen sollte?«, fragte sie unsicher. Die Frage riss ihr Gegenüber aus seinen Gedanken. Seine Miene hellte sich wieder auf.
»Nein, nein, keine Sorge. Es ist alles in Ordnung. Ja, ich denke, dass es tatsächlich ein wertvolles Gemälde ist, aber ich vertraue Ihnen.«
Magdalena verstand nicht sofort, aber als sie es tat, wollte sie entrüstet protestieren. Wie konnte er nur annehmen, sie würde dieses Kunstwerk verhökern? Aber, wenn sie ehrlich zu sich selbst war und sich in der schäbigen Dachgeschosswohnung mit dem provisorischen Atelier umschaute, wären seine Befürchtung durchaus nicht unbegründet gewesen. Umso dankbarer war sie für die großzügige Summe und die Anzahlung, die ihr der Fremde für die Arbeit anbot. Diese würde Raoul und ihr die Miete der nächsten Monate sichern.
»Ich werde jetzt gehen«, sagte der Herr und nahm seine Kappe in die Hand. Er wirkte sowohl in seiner Kleidung als auch in seinem gesamten Habitus antiquiert. Während sich Magdalena, Raoul und ihre Künstlerfreunde mit ihrer Kleidung in Schlaghosenweite und Enge der Pullover zu übertrumpfen suchten, das waren schließlich die 70er, kam der Mann daher wir ein Relikt aus einer anderen Zeit. Nun war er auch alles andere als jung, Magdalena schätzte ihn auf sechzig bis siebzig Jahre. Er war das, was man allgemein als stattlich bezeichnen würde, und es umgab ihn die Aura der längst versunkenen Ära von Herrschaften und Bediensteten, von Kutschen, langen Kleidern und steifen Gehröcken.
»Bitte geben Sie mir ausreichend Zeit«, bat sie ihn. »Es soll schließlich schön werden, ich möchte Sie nicht enttäuschen.«
»Sie werden mich nicht enttäuschen und meine Auftraggeber sowieso nicht«, antwortete er milde. »Aber bitte brauchen Sie nicht allzu lang. Es geschieht so viel da draußen.« Sein Blick wanderte durch die Scheiben des Atelierfensters.
»Wie kann ich Sie erreichen?«, fragte Magdalena.
»Nicht nötig, ich melde mich bei Ihnen.« Und wieder sein mildes Lächeln. Kurz darauf war Magdalena mit dem Bild allein. Die Kaffeemaschine meldete sich zu Wort.
»Du sollst was?« Raoul fiel aus allen Wolken, als ihm Magdalena eröffnete, warum sich dieses Bild auf ihrem Tisch befand.
»Ich soll es kopieren, eine Auftragsarbeit«, wiederholte sie, was sie ihm unmittelbar zuvor bereits zu erklären versucht hatte.
»Aber für wen? Wer ist dein Auftraggeber? Wem gehört das Bild? Und wer lässt denn einer Fremden einfach so dieses Original? Ohne Versicherung, Unterschrift und so. Das muss doch ein Vermögen wert sein.«
»Naja, kein Vermögen, es ist schließlich kein Van Gogh, allerdings ein kleines Vermögen vermutlich schon, und sicher viel mehr, als du und ich uns jemals leisten können, aber darum geht es doch irgendwie auch gar nicht.«
»Aber natürlich geht es darum. Es geht sogar genau darum. Du wirst zur Fälscherin, das ist strafbar.«
»Blödsinn. Was die mit der Kopie anfangen wollen, kann mir doch an und für sich schnuppe sein. Außerdem werde ich schon irgendwo einen kleinen Fehler einbauen, so dass man die Kopie vom Original unterscheiden kann. Das bin ich diesem Otto Modersohn schuldig, ich habe schließlich selbst auch eine Künstlerehre. Aber vor allem habe ich erst einmal einen großartigen Auftrag, der eindeutig gut bezahlt wird, und damit basta!« Sie holte den Vorschuss aus der Schublade und zeigte Raoul die Scheine. Dessen Augen weiteten sich.
»Du meinst, dass wir tatsächlich mal richtig Geld mit unserer Kunst verdienen?«
»Mit meiner Kunst!«, korrigierte Magdalena und bereute es im gleichen Moment. Sie legte die Arme um Raoul.
»Tut mir leid. Das war blöd.« Er wollte sich der Umarmung entziehen, aber sie ließ nicht locker. Der Hieb hatte gesessen.
»Komm schon, du weißt, dass ich es nicht so meinte.« Sie gab ihm einen Kuss auf die Nasenspitze. »Ich bin doch einfach nur froh, dass sich tatsächlich jemand für meine Malerei interessiert. Nun ja, irgendwie nicht für meine eigene leider, aber immerhin.«
»Schon gut.« Raoul drehte sich aus ihren Armen, nahm sich ein Wasserglas und goss es randvoll mit Rotwein. Das Glas war übersät mit Farbspritzern.
»Ich wünschte mir, jemand würde sich auch mal für meine Kunst interessieren.« Seine Hände waren rissig vom Steinstaub. »Ich bin Bildhauer und werde vermutlich eines Tages als Steinmetz enden, Grabsteine und weinende Engel. Gestorben wird immer, ein todsicheres Geschäft.« Er kippte den Wein in einem Zug hinunter, dann wandte er sich wieder Magdalena zu. »Gratuliere, Schatz!«
*
Raoul war rund zehn Jahre älter als Magdalena. Sie studierte an der Escuela de Bellas Artes. Die führende Hochschule für all diejenigen, die es in der Kunst schaffen wollten.
Sie hatten sich vor drei Jahren kennengelernt, noch vor der Machtergreifung der Militärs. Magdalena hatte damals gerade erst ihren Schulabschluss absolviert und war nach Buenos Aires gekommen, in die große Stadt. Ihr erster Versuch, an der Escuela aufgenommen zu werden, scheiterte. Sie hatte die Aufnahmeprüfung nicht bestanden. Raoul hatte sie genau am Abend der Absage in einem verqualmten Kneipenkeller kennengelernt. Magdalena hatte – zusammen mit einigen anderen Bewerbern – ihren Frust hinuntergespült. Ein Joint hatte die Runde gemacht.
Raoul hatte allein mit einem Glas Absinth in einer Ecke gesessen. Der alkoholdurchtränkte Zuckerwürfel auf dem Glasrand war mit blau-grüner Flamme über der Flüssigkeit abgebrannt und zähflüssig hineingetropft. Er hatte die Gruppe beobachtet, insbesondere aber sie. Und Magdalena hatte seine Blicke erwidert. Sie hatten über die Tische hinweg geflirtet. Sie war aufgestanden und hatte sich zu ihm gestellt.
»Na, spielen wir Van Gogh und so weiter?«, hatte sie spöttisch gefragt. Aber in ihren Augen hatte kein Spott gestanden, ganz und gar nicht. Leidenschaft hatte darin gelodert.
»Wenn ich mir ein Ohr dafür abschneiden muss, nicht«, hatte Raoul grinsend geantwortet. »Aber und so weiter würde mir gefallen.« In jenem Augenblick war zwischen ihnen bereits alles klar gewesen und der Abend hatte in Raouls Schlafzimmer geendet.
Magdalena war schnell, direkt und sie war entschlossen. Nur wenige Tage nach jenem ersten Treffen hatten ihre Koffer hinter dem Vorhang des Verschlags in Raouls Flur gestanden. Sie war bei ihm eingezogen. Hatte sie ihn gefragt? Er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Spielte es noch eine Rolle? Kein bisschen, er war vernarrt in diese Frau. Niemanden sonst hätte er noch an seiner Seite haben wollen. Sie war perfekt.
Einige Jahre verbrachten sie nun schon miteinander. Und noch immer lebten sie in diesem Viertel, das in seiner Hoffnungslosigkeit Williams’ Endstation Sehnsucht alle Ehre gemacht hätte. Mit denen, die in dieser Gegend lebten, meinte es das Leben nicht gut. Armut wohnte in den Häusern und seit drei Jahren war die allgegenwärtige Angst vor dem Regime dazugekommen.
So leidenschaftlich, wie sie sich liebten, so leidenschaftlich lebten sie auch. Sie genossen es zu streiten. Raoul, ein Verehrer der Arbeiten Rodins, musste sich stets Magdalenas gackernd hervorgebrachte Provokationen, dass Rodin vermutlich einen zu kleinen Pimmel ausgleichen musste und deshalb so große Skulpturen erschaffen habe, anhören, und dass Rodin außerdem ohne seine Geliebte Camille Claudel nie etwas Vernünftiges zustande gebracht hätte.
»Camille Claudel?« Raoul war ausgerastet. »Die war nichts weiter als seine Schülerin. Sie hat von ihm gelernt und niemals umgekehrt.«
»Kleiner Pimmel bleibt kleiner Pimmel!«, hatte Magdalena lachend zurückgebrüllt und ihn damit fast zur Weißglut getrieben.
»Du hast ja keine Ahnung. Was weißt du schon? Was hat es schon zu bedeuten, ein paar bunte Punkte auf ein weißes Blatt zu klecksen im Vergleich zum Erschaffen von Skulpturen aus Stein?« Schnaubend hatte er weitergebohrt. »Früher habt ihr Mädchen über dem Stickrahmen gesessen, heute stellt ihr euch an die Staffelei!« Auch Raoul wusste um Magdalenas wunde Punkte.
Rums! Ein Glas war quer durch die Küche geflogen und an der Wand zerschellt. Raoul hatte sich gerade noch rechtzeitig geduckt.
»Hast du noch alle Tassen im Schrank?«, hatte er sie angeherrscht und sie hatte, »Tassen ja, aber Gläser jetzt irgendwie eines weniger!«, kreischend vor Vergnügen geantwortet. Dann waren sie übereinander hergefallen und hatten den Nachbarn nicht viel Raum für Fantasie gelassen.
Raoul und Magdalena liebten sich und sie liebten ihr Leben. Darüber hinaus teilten sie den gleichen Traum: künstlerische Anerkennung.
Raoul betrachtete Magdalena, die jetzt voller Stolz mit den Geldscheinen des fremden Besuchers wedelte. Sie hatte damals verbissen gearbeitet, um später die Aufnahmeprüfung der Kunsthochschule doch noch zu schaffen. Nun war es das erste Mal, dass sie mit ihren Fähigkeiten Geld verdienen würde.
Er selbst hatte es an der Hochschule nicht lange ausgehalten. Schon nach dem Vorkurs war er aus der Strenge der Lehre ausgebrochen. Seine Skulpturen bedurften nicht der Bewertung notengebender Besserwisser. Er wusste auch so, dass er gut war. Wenn es die Welt da draußen doch auch wahrnähme. Bislang hangelten sie sich beide von Job zu Job, Magdalena mal als Bedienung, mal musste sie putzen gehen, und er immer öfter auf dem Bau, denn das brachte das meiste Geld. Aber immerhin bekam er irgendwie immer Aufträge, wenn auch leider fast nie als Bildhauer, sondern meist als Handwerker.
Es klopfte an der Tür: drei Mal kurz, drei Mal lang. Raoul eilte zum Eingang. Javier stand im Treppenhaus, vollkommen außer Atem.
»Komm rein!« Raoul zog ihn in die Wohnung.
»Ich habe einen Plan«, stieß Javier hervor. Er schnappte noch immer nach Luft. »Wir gehen aufs Ganze.«
»Was faselst du da? Was für einen Plan? Auf welches Ganze?«
»Hast du gehört, dass sie vorhaben, die Madres vom Plaza zu vertreiben? Sie haben Angst vor den Kamerateams.«
»Hey, Javi, bist du auch mal wieder da. Wie geht’s dir?« Magdalena war aus der Küche in den Flur gekommen.
»Oh, Magdalena, du bist hier?« In Javiers Frage schwangen Überraschung und Schreck mit.
»Komm, lass uns nach draußen gehen!«, sagte Raoul mit Bestimmtheit. Javi hatte von ihm strengste Anweisung erhalten, Magdalena auf keinen Fall in ihre Tätigkeiten mit einzubeziehen. Er riss die Tür auf und zog seinen Freund in das Treppenhaus. »Wir sind gleich wieder da, Schatz! Wir drehen nur eine Runde um den Block. Nachher feiern du und ich dein Bild. Versprochen!«
Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ Raoul die Wohnungstür hinter sich ins Schloss fallen und mahnte Javier mit strengem Blick, still zu sein. Man wusste nie, wo einen die Spione erwarteten. Das Treppenhaus war mit Sicherheit einer der ungeeignetsten Orte, um zu reden.
Als sie auf die Straße traten, trafen sie auf den Jungen, der mit seiner Mutter das dunkle Zimmer im Erdgeschoss bewohnte. Sie hatte deutsche Wurzeln. Los Alemanes wurden sie von allen genannt. Der Sohn grüßte kurz, dann verschwand er im Haus.
»Also, was ist mit den Madres?«, hakte Raoul nun nach und schaute sich auf der Straße besorgt nach allen Seiten um.
»Du weißt doch von den protestierenden Frauen auf dem Plaza Mayo, oder?«
»Klar, die Mütter der verschollenen Kinder.«
»Genau diese. Die Mütter von Genossen, Mütter von Männern wie du und ich, Mütter von Männern, die von den bourgeoisen Militärs verschleppt wurden.« Javier wurde laut vor Wut.
»Javi, sei leise, verdammt!«, herrschte Raoul ihn an.
Javier nickte und setzte das Gespräch in gedämpftem Tonfall fort.
»Die Madres protestieren dort planmäßig seit einem Jahr, und zwar jeden Donnerstag. Wegen des Demonstrationsverbots laufen sie schweigend im Kreis, tragen weiße Kopftücher und zeigen die Fotos der vermissten Kinder.«
»Hör auf zu faseln. Das weiß ich alles selbst. Worauf willst du hinaus?«
»Nun, so taten es diese tapferen Frauen auch am letzten Donnerstag.«
»Letzen Donnerstag? Beim Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft? Aber da hingen doch alle irgendwo vor Fernsehern oder waren im Stadion, zumindest die Glücklichen, die an Tickets gekommen waren.« Raoul dachte ernüchtert daran, wie er selbst erfolglos versucht hatte, Eintrittskarten zu erhalten. Ohne Beziehungen und viel Geld war da nichts zu machen.
Das ganze Land befand sich im Fußballfieber und Buenos Aires war außer Rand und Band. Die Nationalflagge wehte an allen Masten, Geschäfte hatten ihre Auslagen ins Hellblau und Weiß der Fahne getaucht und das Symbol der argentinischen Sonne leuchtete überall.
Sechzehn Nationen traten bei der Weltmeisterschaft gegeneinander an, die meisten aus Übersee. Sehnsuchtsorte. Europa bedeutete für viele Argentinier noch immer Heimat ihrer Vorfahren, Herkunft, Wurzeln und in der Regel eine hoffnungslos glorifizierte Vergangenheit. Sie hatten zum Eröffnungsspiel die Eltern eines Freundes aufgesucht. Die hatten sich extra einen Farbfernseher angeschafft. Das Wohnzimmer war brechend voll gewesen: Nachbarn, Freunde der Eltern, Freunde der Freunde und vermutlich auch noch einige Menschen, von denen keiner so genau hatte sagen können, was sie eigentlich mit den Gastgebern verband.
Argentiniens Mannschaft schlug sich im Turnier bislang hervorragend. Schon wurden erste Stimmen laut, die die Worte Endspiel und Weltmeister aussprachen. Es gab kein anderes Gespräch: das nächste Spiel, die anstehenden Gegner, die eigenen Spieler und die Horden von Besuchern aus aller Herren Länder, Journalisten miteingeschlossen.
»Ja, du hast grundsätzlich ja recht«, beantwortete Javi Raouls Einwand. »Natürlich interessierten sich am letzten Donnerstag fast alle für Fußball und nicht für den Protest der Mütter. Aber eben nur fast alle. Ein niederländisches Kamerateam war dennoch auf den Platz gekommen und hat über die Mütter berichtet. Zwanzig Frauen, die sich vom Polizeistaat nicht aufhalten lassen. Und genau das haben diese Holländer gebracht: die Proteste, den Versuch der Polizei, die Frauen zurückzuhalten und die Fotos unserer Kameraden, die diese Schweine uns genommen haben.«
Raoul war überrascht.
»Von dem Bericht habe ich überhaupt nichts mitbekommen.«
»Natürlich nicht. Nicht hier in Argentinien. Aber in Europa haben sie es, denn die haben dort nicht so eine Scheiß Militärdiktatur, die ihnen jedes kritische Wort verbietet. Ein Kontakt von mir lebt drüben und der hat geschrieben, dass der Bericht schon jetzt für eine Menge Aufregung gesorgt hat. Dazu kommt, dass sich nun die anderen europäischen Journalisten auf den Schlips getreten fühlen, weil sie so blöd waren und nur der Propaganda gefolgt sind. Ist dir denn nicht klar, was das bedeutet?«
Raoul zuckte mit den Schultern. Er hatte keine Ahnung, auf was Javier hinauswollte.
»Na, denk doch mal nach! Beim nächsten Mal kommen die anderen Sender bestimmt auch zum Berichten. Die Madres vom Plaza Mayo werden mit ihrem Protest zur weltweiten Angelegenheit.«
Raoul nickte, wenn er auch immer noch nicht wusste, worauf Javi abzielte. Und genau das sagte er ihm auch.
»Raoul! Sei doch nicht so begriffsstutzig.« Javier schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Das ist doch unsere Chance, um uns und unsere Sache zu platzieren.«
»Bist du verrückt?«, herrschte ihn Raoul an. »Du willst dich ernsthaft mit zu den Madres stellen? Dann kannst du dich auch gleich einbuchten lassen. Oh, Mann!« Er schüttelte vehement den Kopf. »Und dafür lasse ich Magdalena ausgerechnet heute zurück. Danke, Javi, aber mir reicht’s fürs Erste. Behalte deine Hirngespinste für dich. Ich liefere mich doch nicht freiwillig ans Messer. Und außerdem habe ich Magdalena versprochen, nichts mehr zu unternehmen. Ich kann nicht in die Öffentlichkeit gehen.« Schon hatte er auf dem Absatz kehrt gemacht und eilte großen Schrittes in Richtung seiner Wohnung. Javier lief ihm hinterher und stellte sich in den Weg.
»Dummkopf! Natürlich werde ich mich nicht mit den Madres in die Öffentlichkeit stellen. Für wie blöd hältst du mich eigentlich? Aber es ist doch die Chance für uns, internationale Kontakte zu knüpfen. Hörst du? Wir sind die Sieger der Geschichte! Wir bekommen die kritischen Journalisten von ganz Europa, ach, was sage ich denn, von der ganzen Welt, also der freien Welt, auf dem Silbertablett geliefert. Ein solche Möglichkeit können wir uns doch nicht entgehen lassen.«
Raouls Blick wanderte über Javis Schulter ans Ende der Straße. Er wurde unruhig. Ein Mann an der Straßenecke schien ihm nicht ganz geheuer.
»Komm!« Er zog seinen Freund am Ärmel in den nächsten Hauseingang. Die Tür dort war nie abgeschlossen. Es war nicht das erste Mal, dass er diesen Weg wählte. Raoul kannte jeden Winkel dieses Viertels, über die Hinterhöfe konnten die zwei unbeobachtet zu seiner Wohnung zurückgelangen. Er schleifte Javier hinter sich her. Als sie sich schließlich inmitten des Hinterhauswirrwarrs des Blocks wiederfanden, zischte er ihn an.
»Verdammt. Ist dir der Typ schon die ganze Zeit auf den Fersen gewesen?«
»Welcher Typ?«, fragte Javier unsicher.
»Ich hab’s geahnt.« Genervt verdrehte Raoul die Augen. »Wir müssen sehen, dass wir uns in Luft auflösen. Schluss für heute. Wir quatschen morgen in der Kneipe weiter!«
Kurz darauf hatte Raoul Javier zu einem anderen Ausgang manövriert. Auf ein Zeichen öffnete er die Tür und Javier verschwand mit tief ins Gesicht gezogener Mütze im Straßengetümmel. Raoul schloss die Augen und atmete tief durch. Vielleicht hatte er sich das alles auch nur eingebildet. Vielleicht war der Typ, der da an der Ecke gestanden hatte, ja tatsächlich nichts weiter als eben ein Typ, der an einer Ecke stand. Er machte sich auf den Weg zur Wohnung.
*
Magdalena starrte auf die Tür, durch die Raoul und Javier einen Moment vorher verschwunden waren. Sie hatte das ungute Gefühl, dass Raoul wieder politisch aktiv würde.
Sie beide hatten sich unmittelbar nach dem Tod Perons in dieser heruntergekommenen Kneipe kennengelernt; an jenem Abend, als Magdalena den Frust über die Absage der Kunsthochschule zusammen mit den anderen zu ertränken versucht hatte. Diejenigen, die damals beschlossen hatten, es im Folgejahr noch einmal an der Hochschule zu versuchen, wurden im Laufe der Zeit gute Freunde. Natürlich waren sie alle links. Jeder, der was auf sich hielt, war gegen die Militärs. Und als Künstler sowieso. Das war noch vor der Machtergreifung gewesen, aber die hatte schon als dunkle Wolke am Horizont gedroht.
Sie hatten schon bald begonnen, sich nicht nur auf die nächste Aufnahmeprüfung vorzubereiten, sondern auch politisch aktiv zu sein. War es das Schicksal eines Künstlers, Dinge immer extrem zu tun? Einer hatte den anderen in seiner Radikalität übertreffen wollen und so waren ihre Rufe immer lauter geworden.
Nach Perons Tod geriet Argentinien in einen Strudel voller Brutalität, der nicht mehr aufzuhalten war. Die Linken wurden gejagt. Große Teile ihres Freundeskreises gingen in den Untergrund. Magdalena wollte nicht wahrhaben, dass in den Straßen der Stadt ein Bürgerkrieg herrschte und sie selbst zu dessen Entstehung beigetragen hatten. Sie hatten doch nur das Gute gewollt, eine politische Spinnerei, Parolen, herausgeschrien bei zu viel Rotwein. Aber aus ihrer Naivität war bitterer Ernst geworden. Freunde verschwanden. Von jetzt auf gleich waren sie fort gewesen und niemand hatte gewusst, wohin. An wen sie sich auch gewandt hatten, jeder hatte mit den Schultern gezuckt. Niemand war daran interessiert gewesen, dem Verschwinden nachzugehen.
Von da an war alles anders gewesen. Gerade noch rechtzeitig stiegen sie aus. Magdalena hatte jegliche Kontakte zu den linken Freunden abgebrochen. Raoul übernahm unauffällige Handwerkerjobs, sie selbst arbeitete in konservativen Cafés, wo sie Damen mit Hütchen kleine Köstlichkeiten zum Cortadito, dem Milchkaffee, servierte.
Im Laufe der Zeit hatte sich Magdalenas ständige Angst wieder gelegt. Immerhin hatten sie nichts mehr zu verbergen. Sie war Studentin an der Kunsthochschule, absolvierte ihr Studium mit Fleiß und sowohl Raoul als auch sie umgingen ansonsten die Orte, die in irgendeiner Weise auch nur annähernd verdächtig erscheinen könnten. Und in irgendeiner Weise, das hieß mittlerweile schon, dass es Orte waren, an denen sich Männer mit nicht gestutzten Vollbärten und langen Haaren trafen.
All das ging Magdalena durch den Kopf, nachdem Raoul sie jetzt gerade zurückgelassen hatte. Sein Freund Javier war ihr suspekt. Er gehörte zwar nicht zur alten Clique und hatte auch zum Glück keinen Bart oder gar lange Haare, aber dennoch hatte er etwas Unheimliches an sich. Vielleicht handelte er mit Drogen. Das wäre ihr derzeit fast lieber als alles andere, was sonst noch möglich sein könnte.
Sie schüttelte die beängstigenden Gedanken ab. Raoul war kein Dummkopf, er würde sie beiden nicht in Gefahr bringen, schließlich wusste er, wie knapp sie damals entkommen waren.
»Nein,«, sagte sie mit betont fester Stimme, »so dumm würde er nicht sein.«
Magdalena ging zurück zu ihrem Malertisch. Sie lächelte. Man hatte sie ausgewählt, diese Kopie anzufertigen. Ausgerechnet sie. Warum? Wer hatte dem Fremden den Tipp gegeben und woher hatte der überhaupt ihre Adresse? Es konnte nicht anders sein, einer der Hochschullehrer musste ihre Anschrift weitergegeben haben.
»Wie wunderbar«, dachte sie, »das bedeutet im Endeffekt doch, dass man meine Arbeit an der Schule schätzt.«
Sie hatte Talent, dessen war sie sich durchaus bewusst, aber das besaßen unzählige andere da draußen auch und die Kommilitoninnen an der Escuela sowieso. Wer weiß, vielleicht handelte es sich ja um eine heimliche Prüfung eines ihrer Professoren. Einen Test, den er inoffiziell mit ihr veranstaltete. Und was würde wohl geschehen, wenn sie ihn bestünde? Stipendium schoss es ihr durch den Kopf. Aber natürlich, das musste es sein; man hatte sie für ein Stipendium im Visier und wollte ihr das aber nicht offiziell mitteilen. Ihr Herz hüpfte vor Freude.
Stipendium! Magdalena konnte ihre Aufregung kaum noch im Zaume halten. Das würde Schluss mit Kellnerei, Cortaditos und Damenhütchen bedeuten, sie würde sich ganz und gar der Kunst widmen können. Eine magische Energie nahm Besitz von ihr. Die Arbeit musste ein Meisterwerk werden, soviel stand fest. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit dem Gemälde zu.
»Nun, mein lieber …«, ein kurzer Blick auf den Zettel, »Otto Modersohn, dann wollen wir mal sehen!« Sie ging vor dem Bild in die Hocke.
Eine sommerliche Szene auf dem Land. Auf einer kleinen Anhöhe befanden sich vier Frauen. Sie trugen lange Kleider, leichte Stoffe, vermutlich mit ein paar Applikationen. Es war die Mode der Jahre nach der Gründerzeit in Europa. Das Bild musste irgendwann um die Jahrhundertwende entstanden sein. Die Szene konnte ein früher Sonntagnachmittag sein, angenehm warm, aber sicherlich nicht zu heiß. Zwei der vier Frauen lagen auf dem Boden im Gras. Beide trugen Kopfhauben.
Zwischen diesen beiden stand eine aufrechte Person, sie war schlank, vermutlich schön. Vermutlich, weil keines der Gesichter zu erkennen war. Doch die Figur dieser stehenden Frau hatte eine Grazie, die ihr selbst in diesem ländlichen Idyll etwas Edles verlieh, etwas – Magdalena hielt in ihren Gedanken inne und suchte nach dem richtigen Wort – etwas Städtisches. Die Figur hielt ihre rechte Hand an einen ausladenden Hut und beschattete die Augen. Warum stand diese Frau, während es sich die anderen beiden doch bereits auf dem Boden bequem gemacht hatten? War sie gerade erst angekommen? Hatte sie die anderen gesucht? Magdalena kamen Filmszenen, Gemälde und alte Fotos in den Sinn. Rief die Stehende die anderen vielleicht zurück ins Haus, zum Essen, zum Kaffee oder Tee? Magdalena konnte dieses Haus vor ihrem inneren Auge sehen. Es hatte eine Terrasse, Stufen führten auf eine gepflegte Rasenfläche hinab. Es gab einen Rosenbogen, irgendwo war eine Bank zum Verweilen. Vermutlich wartete bereits feines Porzellan mit zartem Blumendekor auf einem Tisch, der im Schatten eines Baumes aufgestellt worden war. Gleich würde das Hausmädchen eine Platte mit Backwerk ins Freie tragen. Die Zipfel der weißen Tischdecke bewegten sich seicht im Wind. Eine abgesicherte Existenz ohne materielle Sorgen, eingebettet in Riten und Regeln.
Sie meinte den Geruch des Sommertages auf dem Land in der Nase zu spüren. Magdalena konnte all das vor sich sehen, obwohl nichts davon auf dem Bild war. Dort befanden sich schlicht nur vier Frauen auf dieser kleinen Anhöhe. All das war nicht gemalt und doch war es da. Fantastisch!
»Wie hast du das bloß gemacht, Otto, du Zauberer?« Magdalena nickte anerkennend.
Hinter der kleinen Anhöhe zog sich eine Wiesenlandschaft bis an den Horizont. Grüntöne dominierten. Bevor sich das Auge darauf einlassen wollte, suchte es seinen Weg in den hellblauen Himmel. An einer Ecke wechselte dessen Farbe in eine Idee von Gelb. Es war nicht viel mehr als eine Verwischung. Die Sonne. Sie spendete der Landschaft und den vier Frauen die Wärme, die sie an diesem Sonntagnachmittag veranlasst hatte, den elterlichen Garten zu verlassen, sich in die Natur hinauszubegeben und hier am Rand des Schattens eines jungen Baumes zu verweilen.
Die Frauen, die zunächst ins Auge fielen, waren hell gekleidet. In Weiß und sanftem Blau. Drei von insgesamt vier. Sie hatten sich in der Sonne platziert, vielleicht beobachteten sie Schmetterlinge. Neben den Dreien gab es aber noch diese vierte Frau. Sie stand abgesondert im Schatten und betrachtete die anderen. Die Drei im Licht, sie im Schatten; sie trug ein dunkles Kleid, eine Schürze war zu erahnen. War sie ein Dienstmädchen? Hatte sie parat zu stehen, falls sich eines der drei Mädchen entschloss, einen Wunsch erfüllt haben zu wollen? Beinahe tat ihr diese Angestellte leid. Doch sobald Magdalena sie auf dem Bild bewusst wahrgenommen hatte – denn zuvor dominierten die anderen Drei in ihrer fröhlichen Helligkeit – heftete sich ihr Blick an die dunkle Person im Schatten. Auf diese Weise wurde die dunkle die Interessanteste von den Vieren. Sie lebte in Distanz zu den anderen, war zwar Teil der Gruppe, doch gehörte nicht dazu. Die vierte nahm deutlich wahr, was die drei Hellen taten, worüber sie sprachen, lachten; und sie hörte ihre Scherze. Sie kannte deren Leben, aber teilte nicht deren Leichtigkeit. Gerade ihre Abgesondertheit machte sie interessant. Während die sommerlichen jungen Frauen eben nicht viel mehr als genau das waren, nämlich sommerliche junge Frauen, fast noch Mädchen, hatte diese Frau im Schatten bereits eine Geschichte hinter sich, hatte ein Schicksal erlebt, sah das Leben, wie es war. Sie akzeptierte die eigene Rolle und hatte diese weder für gerecht zu halten noch sich darüber zu beklagen.
Je mehr Magdalena sich mit dieser Figur beschäftigte, desto klarer schien ihr die Intention des Malers: Modersohn hatte diese Frau zwar an den Rand gestellt, aber genau damit einen bleibenden Eindruck von ihr geschaffen. Für ihn als Beobachter bildete diese unscheinbare Frau den Mittelpunt und die Frauen in Weiß hatten davon keine Ahnung. Bemerkenswert!
Magdalena erhob sich aus der Hocke und drückte die Knie durch.
»Ich muss mehr über diese vier Frauen wissen«, stellte sie für sich selbst fest. Wer waren sie? Und wer war die Frau in Dunkel? Sie wusste instinktiv: Würde sie diese Fragen nicht klären können, so würde ihre Kopie nicht mehr werden als ein fades Doppel; ein Abklatsch des Originals, gleiches Motiv, aber ohne Strahlkraft. Aber wer ein Stipendium wollte, hatte sicherlich mehr abzuliefern als nur ein detailgetreues Abbild. Stattdessen war die Idee des Bildes einzufangen und das bedeutete, sie würde Modersohns Gedanken an diesem Frühsommertag irgendwo mitten im Grün einer flachen Landschaft lesen lernen müssen.
»Otto, es ist Zeit, dass wir zwei gute Freunde werden!« Schmunzelnd schenkte sie sich in das Glas ein, aus dem vorhin Raoul getrunken hatte, und prostete dem Gemälde zu. In diesem Moment rasselte der Schlüssel im Schloss, die Wohnungstür ging auf und Raoul kam zurück.
»Da bist du ja wieder.« Magdalena ging ihm entgegen. »Alles in Ordnung?«
»Klar doch. Warum fragst du?«
Sie schaute ihn forschend an.
»Raoul, das mit Javier gefällt mir nicht. Er taucht hier mir nichts dir nichts auf, ihr zwei verschwindet ohne eine weitere Erklärung und jetzt wirkst du, wie soll ich sagen, irgendwie gehetzt. Da stimmt doch etwas nicht. Also, was ist los?«
»Nichts Schatz, wirklich gar nichts. Mach dir keine Sorgen.«
»Was wollte er denn von dir?«
Raoul wandte sich einen Moment.
»Männergespräche. Javi hat da eine neue Flamme, aber weiß nicht, wie er an sie rankommen soll. Aber sag ihm nicht, dass ich es dir verraten hab! In Ordnung? Auch wir Männer haben mal unsere Geheimnisse.«
Er zwinkerte ihr zu. Magdalena nickte erleichtert und hakte grinsend nach:
»Was heißt hier auch? Ich habe durchaus keine Geheimnisse!«
Auch Raoul grinste.
»Nimm mich nicht immer so beim Wort. Du weißt doch, ich bin Bauarbeiter und nicht Feinmechaniker. Könnte ich von Worten leben, so wäre ich Dichter geworden und nicht Steinmetz.«
»Hör auf!« Sie knuffte ihn in die Rippen. »Steinmetz, Bauarbeiter; ich will das wirklich nicht hören. Für mich bist du der begabteste Bildhauer überhaupt.«
Er küsste sie.
Magdalena löste sich aus seinen Armen und drehte ihn zu Modersohns Gemälde.
»Raoul, ich brauche deinen Blick. Sag mir, was siehst du da auf dem Bild?«
Er schaute eine kurze Weile, dann antwortete er ohne weiteres Zögern.
»Es zeigt die andere Seite des Atlantiks, das alte Europa. Vermutlich um die Jahrhundertwende. Drei Frauen aus gutem Hause machen mit ihrer Zofe einen Ausflug. Es ist ein Frühsommertag, die Zofe steht in gebührendem Abstand von den anderen. Eine der drei achtet auf die Zeit und sagt, dass es notwendig sei, wieder zurückzukehren. Vermutlich erwartet ein köstlicher Kuchen die Mädchen.«
Er wandte sich Magdalena wieder zu, der stand der Mund auf.
»Also ehrlich, täte ich es nicht sowieso schon, spätestens jetzt hätte ich mich haltlos in dich verliebt.«
»Na, dann ist es nun an der Zeit, deinen Auftrag zu feiern.« Und er schloss sie in seine Arme.
*
Raoul fand in dieser Nacht keinen Schlaf. Während Magdalena neben ihm schon gleichmäßig atmete, lag er auf dem Rücken und stierte an die Decke.
Vielleicht hatte er sich das alles doch nur eingebildet, versuchte er, sich selbst zu beruhigen. Dass da irgendein Typ an der Hausecke lehnte, hatte doch noch lange nicht zu bedeuten, dass der ihnen auch gefolgt war. Überall standen Menschen herum, lehnten an Hausecken, rauchten oder starrten einfach vor sich hin. Ja, so war es. Bestimmt war es so, alles ein reiner Zufall. Er war durch Javiers Plan übernervös gewesen. Hysterisch gar. Dessen Idee war in Wirklichkeit doch großartig. Angeblich hätte es im Vorfeld der Weltmeisterschaft kritische Stimmen in Europa gegeben, sogar so weitgehend, dass man die argentinische Diktatur nicht mit dem wichtigsten Sportfest des Fußballs feiern sollte. Insbesondere die Niederländer hätten des Öfteren ihrem Unmut Luft gemacht. Das würde wiederum zu Javiers Information über das Kamerateam und dessen Bericht über die Madres am Plaza Mayo passen.
Es waren Gerüchte. Niemand wusste, ob sie stimmten oder nicht. Raoul kletterte aus dem Bett und stand verloren im dunklen Zimmer. Magdalena war wachgeworden und angelte nach der Lampe. Was denn los sei, fragte sie ihn, und er wusste nicht, was zu antworten.
»Nichts, Schatz, nichts.«
Sie streckte die Arme nach ihm aus.
»Komm doch zurück ins Bett.«
Er schüttelte den Kopf.
»Ich trink einen Schluck Wasser, bin gleich wieder da.« Er ging hinaus. Im Halbdunkel der Küche fingerte er nach der Rotweinflasche. Ein paar kräftige Züge später schaffte er es endlich, sich zu beruhigen. Was sollte man ihnen denn schon anhaben? Sie wären eben zufällig in der Nähe der Plaza und würden eine lose Plauderei mit der Presse führen. Genau! Er schloss die Augen und atmete einige Male tief ein.
Am nächsten Morgen war Raoul froh, dass Magdalena gleich zur Kunsthochschule in die Bücherei wollte, um über das Bild zu recherchieren. Er musste unbedingt Javier anrufen.
Der argentinische Herbst ging in den Winter über. Es war kühl und grau, die Junifeuchte kroch Raoul in die Kleidung. Hoffentlich würde die Frau in der Telefonzelle nicht mehr so lange reden. Endlich hängte sie den Hörer auf. Das Restgeld ratterte durch den Schacht, ihre Finger suchten unter der metallenen Klappe danach, dann überließ sie Raoul den Apparat.
»Buen dia, Señora, ich möchte bitte Javier sprechen.« Raoul warf Geld nach und sprach lauter. Die Vermieterin seines Freundes war eine alte Frau und nicht nur schwer von Begriff, sondern auch fast taub. Endlich war Javi am Apparat.
»Nicht hier am Telefon.« Raoul stoppte den Redefluss am anderen Ende. »Lass uns treffen, Javi! Und zwar am besten gleich.« Als sich der Hörer wieder in der Gabel befand, suchten Raouls Augen die Umgebung ab. Alles war wie immer. Kein Mann wartete an einer Straßenecke. Bei dem schlechten Wetter huschten die Menschen mit tiefgezogenen Kapuzen oder hochgeschlagenen Kragen die Straßen entlang. Raoul entspannte sich. Zur Vorsicht ging er aber erst einmal in die entgegengesetzte Richtung, bevor er sich in einem der Hauseingänge unsichtbar machte.
Kurz darauf traf er Javier an ihrer Straßenecke an der Santa Fe. Die quirlige Einkaufsstraße mit ihren unzähligen Cafés, Geschäften und Märkten war ideal für unauffällige Treffen. Auf dem Bürgersteig drängten sich die Menschen. Auf der Fahrbahn sorgten hupende Autos für das immer gleiche Chaos.
Raoul und Javier ließen sich vom vorbeiziehenden Menschenstrom mitreißen und trieben entlang der Schaufenster.
»Also, Javi, was habt ihr geplant?«
»Nicht ihr, sondern ich! Die Kameraden wissen nichts davon«, antwortete Javier und seine Augen glänzten vor Aufregung.
Raoul traute seinen Ohren nicht. Abrupt blieb er stehen, packte seinen Freund an den Schultern und drehte ihn ruckartig zu sich.
»Du hast den anderen nichts erzählt? Bist du verrückt?«
»Aber, ganz im Gegenteil. Überleg doch mal! Wer hatte die Idee? Ich. Und die Chance ist groß, das weißt du so gut wie ich. Also warum sollte ich mir die Butter vom Brot nehmen lassen?« Raoul hatte schon Luft für eine Antwort geholt, da schob Javier nach. »Du bist natürlich eine Ausnahme, du bist mein bester Freund. Dir lasse ich gerne einen Teil des Ruhms.«
Raoul schaute sein Gegenüber fassungslos an. Der wiederum hob die Hände.
«Warum machst du so ein Gesicht?«.
»Warum ich so ein Gesicht mache?« Raoul wurde ärgerlich. »Hast du dir mal selbst zugehört? Du hast doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!« Er musste an sich halten, um nicht laut zu werden. Er sammelte sich kurz, dann sprach er weiter. »Es geht um die Sache, nicht um Ruhm. Was du da vor hast, ist gefährlich. Wenn die dich schnappen, bist du dran. Das hat nichts mit Ehre zu tun. Andere würden sagen, das ist Idiotie oder Wahnsinn, aber sicherlich keine Tat, derer irgendjemand sich feiern lassen müsste. Du weißt so gut wie ich, allein eingebuchtet zu werden geht schnell. Wir können jede Unterstützung gebrauchen.«
Javier hielt dagegen.
»So gefährlich ist es doch gar nicht und so verboten nun auch wieder nicht. Wir sind doch nur rein zufällig an der Plaza und werden ebenso zufällig mit der Presse ins Gespräch kommen.«
»Ach, du weißt so gut wie ich, dass es nicht so harmlos ist, wie du behauptest.«
»Komm, alter Freund!« Javier klopfte ihm auf die Schulter. »Lass uns im Café von Miguel was trinken. Wenn es dir ein gutes Gefühl gibt, dann holen wir ihn mit ins Boot. Waffenbrüder – Klassenbrüder.«
»Miguel hat heute Schicht?«
Das war eine gute Nachricht. Miguel war ein guter Freund von ihnen und kämpfte ebenfalls für die Sache. Er war ein begabter Musiker, aber leider liebte er ausgerechnet Tango und verschwendete sein Talent daran. Niemand in ihrem Freundeskreis begriff, wie sich ein junger Mann diesem sterbenden Genre verschreiben konnte. Tango! Die Musik der alten Männer und zwanghaft jungen Frauen, die sich Rosen aus Plastik ins gefärbte Haar steckten.
»Hallo Ihr Beiden, was für eine Überraschung!« Miguel hatte die zwei schon am Eingang gesehen. »Media Lunas und Kaffee?« Er stellte einen großen Aschenbecher auf den Tisch.
»Media Lunas … ich weiß nicht.« Raoul zögerte. Er liebte die kleinen süßen Croissants, aber hier unmittelbar an der Santa Fe war alles teuer. Miguel wischte die Bedenken beiseite.
»Der Chef ist nicht da, zwei weniger fallen nicht auf.«
Javier und Raoul nickten erfreut.
»Dann allerdings …«
Einen Moment später dampften zwei Becher dunklen Kaffees vor ihnen. Auf einem Teller glänzte das klebrig süße Gebäck.
»Miguel, wann wirst du endlich etwas Vernünftiges mit deinem Leben anfangen?«, fragte Raoul, als sich ihr Freund und Mitstreiter in einer sich selbst spontan genehmigten Pause zu ihnen setzte.
»Oh, Mann, kannst du mit dem Mist mal aufhören? Hör dir mal selbst zu! Du klingst wie mein Vater.«
Aber Raoul winkte ab.
»Du weißt schon, wie ich das meine. Du bist ein begabter Musiker, du hast es echt drauf. Du könntest der erste Geiger am Colon werden, aber nein, stattdessen T-a-n-g-o!«
»Wer sagt denn, dass ich überhaupt ans Teatro Colon wollen würde?«
»Na hör mal, jeder Musiker will doch ans Teatro, oder?«
Miguel verzog angewidert das Gesicht.
»Um dann dem Diktator aufzuspielen? Nein, danke!« Er drückte seine halbe Zigarette verärgert im Aschenbecher aus. Schon wollte er aufstehen, da legte ihm Raoul die Hand auf die Schultern und zwang ihn zum Bleiben.
»Nun sei doch nicht gleich beleidigt. Bei aller Liebe und Freundschaft zu dir, aber Tango, das ist die Musik der alten Leute. Der wird zusammen mit denen irgendwann mal aussterben. Du wirst sehen, in zehn, zwanzig Jahren will das kein Mensch mehr hören. Und dann sitzt du da und hast deine Jugend daran verschwendet.«
»Ach, du hast doch keine Ahnung.« Miguel fühlte sich in die Enge getrieben. Hilfesuchend schaute er zu Javier, aber der tat so, als würde er nicht zuhören. »Tango, ich sage es dir, der wird wiederkommen. Das ist eine Musik, die hat so viel Leid und Liebe in sich, so etwas verschwindet nie. Die kommt direkt aus dem Herzen und geht ins Herz. Du wirst sehen, eines Tages wird die ganze Welt Tango tanzen und wir Musiker aus Buenos Aires werden gefragte Leute sein! Und zwar nicht mit der Geige, sondern mit dem Bandoneon.«
Raoul lachte und winkte erneut ab.
»Ach, lass uns nicht streiten.«
»Lass dir doch mal die Texte auf der Zunge zergehen.« Miguel wollte noch nicht klein beigeben. »Nimm zum Beispiel Piazzolla! Der hat vor ein paar Jahren diesen sensationellen Text vertont, der Tango ist der Hammer. Balada para un loco – ›Ich steh auf deiner Schulter und stürz mich in dein Herz.‹ Es ist, als ob sich das französische Chanson mit dem Schmerz von Buenos Aires vereint. Verstehst du?«
