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Ihr habt uns alles genommen, was uns wert war. Ihr habt uns Lasten aufgebürdet, die uns in die Knie sinken ließen. Ihr habt uns gezwungen zu verleugnen, wer wir sind. Diese Zeit ist nun vorüber! Wir sind stark geworden, um dem Joch zu entwachsen. Unsere Liebe zu euch haben wir nicht verloren. Aber wir haben verstanden, dass Liebe allein nicht vor Verrat schützt. Wenn ihr nicht ebenfalls erstarkt, werdet ihr uns nichts mehr zu bieten haben. Gesang der Leyawi
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Seitenzahl: 660
Veröffentlichungsjahr: 2015
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M. D. Schuster
Jahrgang 1976, schreibt seit dem 11. Lebensjahr Gedichte, Theaterstücke und Romane, später auch Abhandlungen über Gesellschaftsstrukturen und Kunst. Machte eine Gesangsausbildung und studierte Bildhauerei und Graphik sowie Bildungswissenschaft.
Literarische und bildungswissenschaftliche Publikationen. Kurse und Vorträge in Schulen, Universitäten, Kulturvereinen und Museen. Ausstellungen in Deutschland, Frankreich und China.
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Für meine Mutter und meinen Vater, mit unbeschreiblichem Dank. Für Lissy und Uta, ohne deren Beispiel es dieses Buch nicht geben würde.
Ihr habt uns alles genommen, was uns wert war.
Ihr habt uns Lasten aufgebürdet, die uns in die Knie sinken ließen.
Ihr habt uns gezwungen zu verleugnen, wer wir sind.
Diese Zeit ist nun vorüber!
Wir sind stark geworden, um dem Joch zu entwachsen.
Unsere Liebe zu euch haben wir nicht verloren.
Aber wir haben verstanden, dass Liebe allein nicht vor Verrat schützt.
Wenn ihr nicht ebenfalls erstarkt, werdet ihr uns nichts mehr zu bieten haben.
Gesang der Leyawi
Rilan strahlte still und schob das Schreiben, das er seit Tagen bei sich trug, ein weiteres Mal zurück in eine Falte seines Kleides. Heute würde Mawakai kommen. Endlich! Mit ungewöhnlich leichtfüßigem Schritt verließ er die Schriftenkammer und begab sich summend zum Essen. Wer ihm unterwegs begegnete, gewahrte es überrascht, denn Rilan Geiht war von sorgenvollem Wesen, was der plötzliche Wandel, den sein Leben vor drei Jahren genommen hatte, noch verstärkt hatte: Nach dem unerwarteten Tod seines Bruders, des eigentlichen Erben der Mutter, war Rilan zum Stadtwahrer Runjhàys benannt worden. Der Schriftgelehrte in Güterhandel und Sprachen, von denen er ein halbes Dutzend sprach, war auf dieses Amt wenig vorbereitet gewesen.
„Eine ernste Sache, wie?“, riss ihn am unteren Fuß der Stiege eine Stimme aus seinen Träumereien. Kelon stieß sich von der Wand ab.
„Warum?“
„Das dümmliche Grinsen, das du seit Tagen herumträgst, verrät es.“
Rilan war verlegen. „Du hast auf mich gewartet?“
„Um dir zu sagen, dass sie gegen Sonnenhöhe hier sein wird. Ihr Bote ist eben eingetroffen.“
„Schon?“, freute er sich.
Kelon lachte. „In dieser Richtung des Wegs ist sie immer recht schnell, nicht wahr?“
Gemeinsam betraten sie die Halle.
Da Rilan selbst kein Krieger war, hatte er die verbündeten Lerusmen um einen ranghohen Streiter als Heerführer gebeten. Recht schnell waren er und Kelon, der gesandte Bruder der Führin Mawakai, Freunde geworden.
Beim Essen schweifte Rilans Blick in die Ferne, obwohl Vorgespräche des Herbstrates stattfanden. Er folgte den Worten der Übrigen kaum und hatte den abwesenden Blick Verliebter, über den manche lächeln mussten. Nach einer Weile gaben die Ratsmitglieder es auf und verschoben ihre Absprachen auf später.
Rilan seufzte leise. Mawakai. Vor zweieinhalb Jahren, zur Frühlingstagnachtgleiche, war sie in Runjhày eingetroffen. Es war spät für ein Antrittstreffen gewesen; sie hatte die letzten Jahre auf Kriegsplätzen verbracht gehabt; Kelon war im Gruße zu Rilans Amtsbeginn auch als ihr Stellvertreter geschickt worden. Viel hatte Rilan nicht über sie gewusst, nur dass ihr Geschick in der Schlacht weithin gerühmt wurde und, warum auch immer sein Gedächtnis diese Erinnerung aus Kindertagen bewahrt hatte, dass sie zwei Jahre jünger war als ihr Bruder und so drei älter als er selbst. Als Kinder waren sie einander öfter begegnet, später nicht mehr, weil er in Ausbildung oder Güterverhandlungen auf Reisen gewesen war, wenn seine Mutter und die Lerusmen einander zu Gast gehalten hatten. Seine Erinnerungen an Mawakai hatten sich auf frühere Spiele mit ihr, Kelon und seinen eigenen Geschwistern beschränkt. Lerusm und Runjhày hielten schon über lange Jahre Frieden, seit der Führung seiner Mutter und Mawakais Vater hielten die Völker über Handel und Waffen Bund miteinander.
Nach und nach trafen Vertretinnen befreundeter Völker ein, aus Rweden, Lekhen, Wethen, Winen und Viraslàr. Als Letzte erschienen schließlich, wie angekündigt zu Mittag, auch die Lerusmen im Tor der Halle.
„Runjhày!“, rief Kelon. „Ich bringe mit Stolz die Kunde von der Ankunft der Ersten Lerusms: Mawakai Beantu.“
Eine mit Heerführe bezeichnete Gestalt löste sich einen Schritt von den Ihren und ging ihnen voraus. Sie hielt wie ihr Bruder erstaunliche Größe, trug einen Prunkharnisch, einen Helm, das Schwert an der Seite und die Kriegsaxt auf dem Rücken. Vor Rilan blieb sie stehen, in dem neben der Freude, sie wiederzusehen, in der Ähnlichkeit des Augenblicks Bilder ihrer ersten Begegnung als Stadtwahrinnen aufstiegen.
Damals hatte Mawakai ihren Helm abgenommen, ihn vor dem Gastgeber zu Boden geworfen und ihre Axt gezogen. Der auf diesen Gruß der Lerusmen nicht vorbereitete Rilan war bis ins Mark erschrocken und hatte sich vor allem Hof lächerlich gemacht, als er in Furcht um sein Leben zurückgestolpert und niedergefallen war. Es wäre an ihm gewesen, das eigene Schwert Flachseite an Flachseite gegen der Begasteten Axt zu schlagen und das Grußwort „Einmal gekreuzte Klingen, Freundin in Waffen“ zu beginnen, das mit einem „Und niemals wieder, Freund in Waffen“ beantwortet worden wäre.
So nun aber nutzte Rilan heute jede Möglichkeit, über die Eigenheiten der Völker alles zu lernen, das ihm weitere Peinlichkeiten ersparte, womit Mawakai ihn gerne aufzog.
Sie ragte vor ihm auf, strahlte in Gesicht und Augen.
„Es ist Runjhày die größte nur denkbare Freude, Lerusm in diesem Haus begrüßen zu dürfen“, sprach Rilan.
„Dies ist es ebenso für Lerusm“, erwiderte sie.
Beide Führinnen ehrten einander mit einer Kopfneigung, und Rilan wies zur Tafel.
Obwohl auf Runjhày seltenes Musikspiel das Mahl begleitete, aß der Stadtwahrer kaum, in den Anblick der Ersehnten versunken, die ein angeregtes Gespräch führte. Sie nannte nicht die auffallende Schönheit ihres Bruders ihr Eigen, die Runjhàys Frauen in dessen Lager lockte, und im Gegensatz zu ihm verzichtete sie auf Schminke, aber eines an ihr fing wie immer Rilans Aufmerksamkeit. Ihre Züge waren vernarbt. Eine der vorangegangenen Verletzungen hatte das linke Auge nur knapp verfehlt; das Wundmal teilte ihre Braue in zwei Teile. Mawakais Erscheinung trug große Stärke, ihr Sitz war aufrecht, die Bewegungen waren ausladend und selbstsicher. Obwohl sie um einiges mehr Muskeln am Körper trug, als Rilan es früher gekannt oder geschätzt hatte – Er war zuvor noch niemals mit einer Streitin geeint gewesen. –, gefiel sie ihm mehr als jede Frau vor ihr. Sie spürte seinen Blick und sah ihn an.
Rilan lächelte. Die Freude, die auf ihre Lippen trat, ließ ihn aufseufzen.
Die Lerusme lachte leise, zwinkerte und drehte sich wieder Jkai zu, mit der sie sich unter - hielt. Sein Blick blieb ihr treu, während er sich das entsprungene Haar richtete. Seit ihrer Einigung wurde es nicht nur in einem Lederband zurückgehalten wie ehedem, sondern wurde täglich sorgsam zum Gebundenenzopf geflochten. Ihn wählten viele Geeinte, um Zugehörigkeit oder Versprechen zu bekunden, manche auch, um in dessen Anschein Werbende fernzuhalten. Mit Freude hatte Rilan gesehen, dass auch Mawakai den Zopf nun trug. Endlich!
Kelon bemerkte es ebenfalls. Als die Halle sich erhob und vor dem Rat zerstreute, trat er zu seiner Schwester, die sich noch immer mit ihrer gemeinsamen Freundin unterhielt, und zupfte Mawakai am Haar. „Verhandelst du um die Stellung Lerusms, oder gibt es Grund zu frohen Wünschen?“
„Du bist ein dummer Ochse, Kelon“, sagte sie.
Es war auch eine Gesandte Naltivis erschienen, das jedoch im Rat keinen Stuhl besaß. Sie überreichte Rilan ein Schreiben und zog sich daraufhin zurück. Während die Halle umgebaut wurde, las er die Botschaft, danach saß er blass und still und sah noch sorgenvoller aus als an gewöhnlichen Ratstagen. Mawakai befand sich, entgegen den übrigen Gästen, die erst am folgenden Tag hinzugebeten wurden, bereits jetzt im Herbstrat Runjhàys, dem sie angehörte.
Jennai eröffnete ihn mit einem Segen, wobei sie sich aber nicht erhob. Der alten Priestin Gang war im Lauf der Jahre peinvoll geworden, und bisweilen ermöglichte ihr schmerzgeplagter Körper ihr nicht einmal das Sitzen. Doch ihr Blick wie Verstand waren klarer als die der meisten. Sie war schon Ratgebende von Rilans Altmutter gewesen und führte nun die Räte von Stadt und Tempel. Der Stadtwahrer fürchtete den Tag, an dem sie sterben würde.
Ihre Ruhe und ihr weises Wort erwiesen Runjhày große Dienste, und kein Schriftenlager hielt so viel Wissen über Verhandlungen der Völker wie sie. Vor rund einem Jahr hatte Ri - lan ihr den Schreiber zur Seite gestellt und sie gebeten, ihm Kunde zur Niederschrift zu geben. Wann immer die Priestin Kraft und Gelegenheit fand, kam sie dem nach.
Nach den geplanten Besprechungen erkundigte sich Jennai: „Ist noch eines?“
Rilan zögerte kurz. Der Heerführer saß unaufmerksam neben ihm und schien fast zu dösen.
Er stieß ihn an. „Was weißt du über die Naltivi, Kelon?“
Der schrak auf. „Nicht viel. Dass sie sehr alt werden. Außerdem, dass sie reich sind. Lerusm hielt nie Fehde oder Freundschaft mit ihnen. Ich hörte, sie sind keine guten Krieger, halten aber ihre Macht als stärkstes Volk in der südlichen Ebene mit Handelsgeschick.“
Rilan brummte zustimmend und erhob sich nur kurz. „Es kam eine Nachricht aus Naltivi.
Berretas bietet mir Ehe mit ihrer Schwester.“ Er setzte sich wieder.
Alle merkten auf.
„Nyrden Danint.“ Jennais Augen leuchteten auf. „Das ist gut. Sehr gut.“ Sie sann nach. „Einige Völker haben sich vergeblich um ein Bündnis über Nyrden bemüht – in geheimen Verhandlungen. Ein solches Angebot an uns ist eine große Armreiche. Ein über Ehe erweitertes Bündnis mit Naltivi kann Wohlstand bedeuten.“
„Warum kommt sie nicht selbst zu Verhandlungen her?“, staunte Kelon.
„Das wird sie kaum können. Der Naltivi Spätergeborenen, zumindest die Spätergeborenen hoher Häuser, werden zur Bündnisfestigung in andere Häuser gegeben“, erklärte die Ratsführin. „Aber sie haben keine Ausbildung in Verhandlungen, sondern in Dingen wie Gartenpflege, Musikspiel, Hausschmücke, solches. Nyrden Danint ist Gartnin.“
Anchai: „Das klingt nach einer Magd, aber nicht nach einer Führin für uns.“
Kelon warf einen frohen Blick auf Mawakai, denn die Lerusmen prüften ausgiebig, wer sich als die beste Wahrung erweisen würde, und legten sie nicht den Erstgeborenen auf, was dem Sorgenscheuenden sehr recht war. Aber der Betrachteten Miene war verschlossen.
Rilan seufzte tief. „Wie auch immer. Ich werde ablehnen. Aber ich wollte erst euer Wort dazu hören.“
„Du solltest annehmen“, staunte Jennai.
Er schrak auf. „Ich habe geglaubt, einmal Mawakai die Hände geben zu können.“
„Mit Lerusm halten wir ohnehin lange und sicheren Frieden. Mawakai ist eine Verbündete, Kelon dein Heerführer.“
„Runjhày führt guten Handel mit Naltivi“, hielt er ihr mit wachsender Bange entgegen.
„Dieses Band ist seit langem ohne neue Festigung, weil deine Mutter sich den Bergen zuwandte. Berretas schätzt dich. Bei den Göttinnen, Rilan, sei nicht dumm! Diese Armreiche machen die Naltivi nur einmal. Du weißt, dass sie schon um Weile mit den Leyawi verhandeln. Nimmst du nicht an, verbünden sie sich wiehl mit ihnen, und gegen eine solche Einigung von Reichtum und Kriegsdurst werden wir untergehen, wenn sie die Hand nach uns ausstrecken.“
Rilans Augen waren gesenkt. Für einige Augenblicke herrschte Schweigen, dann sagte er:
„Ich bin schon kein Streiter. Aber eine spätergeborene Naltivi ist wohl kaum die Richtige für dieses Haus. Du sagst selbst, sie wird nicht mit Waffen umgehen können und sich nicht um Völkerverhandlungen scheren.“
„Umso besser“, ließ sich erstmals Mawakai vernehmen. „Dann hast du freie Hand.“
Er starrte sie an.
„Sie muss nur hier sein. Mach es ihr behaglich. Frag sie, wie sie ihre Zeit verbringen will.
Lass sie ihren Liebhaber mitbringen. Keine zwingt dich, das Bett mit ihr zu teilen. Außer einem Mal.“ Sie zuckte die Achseln.
Er starrte noch immer. „Das ... das kann ich nicht. Das weißt du! Ich ... ich ... du...“ Keuchend brach er ab und verschränkte die Arme auf der Brust.
Der Ton seiner Gefährtin wirkte ungewohnt hart: „Ich führe Lerusm. Du wusstest immer, wir würden nicht miteinander leben können. Ich komme nicht seltener her, weil du in den Augen der Naltivi mit ihr geeint bist.“
„Ich kann das nicht, Mawakai!“
„Sei nicht albern. Es ist um einen Tanz, nicht mehr!“
Rilan stützte sein Gesicht kurz in die Hände.
Der Rat lauschte betreten. Zeit verging.
„Du könntest mit Nyrden ein anderes Bündnis tragen als vor den Häusern“, schlug Jennai schließlich nachdenklich vor. „Wenn ihr beide die Ehe als geschlossen ausrieft, fragt keine nach eurem Tanz. Es wäre möglich, ihr dies anzubieten. Biete ihr dafür eines, das den Handel für sie ebenso in Nutzen hält. Frage sie nach ihren Wünschen. Sprich vor der Handgebe mit ihr. Wenn sie einverstanden ist, ist dies das Ende deiner Sorgen.“
„Das bezweifle ich. – Und was, wenn sie nicht einverstanden ist?“
Mawakai ächzte gesäuert. „Wird sie eine Zeitlang unglücklich hier leben, bis sie eine Aufgabe findet, wie andere auch. Solange sie darüber vor den Völkern schweigt, ist es gleich.
Rilan. Wir sind beide Führinnen. Wir dürfen nicht nur an uns denken. Ich hätte nie gedacht, dass ich dir dies einmal sagen müsste.“
„Was, wenn sie Kinder will, um den Bund zu festigen?“
„Lass sie Kinder haben. Wie viele Männer leben auf Runjhày? Es wird doch einer darunter sein, der ihr gefällt. Ruf ihre Kinder als die deinen aus, und die Naltivi machen dir keine Schwernisse. So ist es zu allen Zeiten gewesen.“ Sie warf einen Blick in die Runde.
„Spricht eine um des Blutes willen dagegen?“
Stille antwortete ihr.
„Und du?“, fragte Rilan.
„Was?“
„Kinder.“
„Geister, wenn wir beide Kinder haben, sind sie meine Erbinnen. Ich hätte es auch gerne einfacher. Aber es ist nicht so!“ Sie stöhnte auf. Rilan, Kelon und Jennai waren die Einzigen, die hinter dem zur Schau gestellten Zorn Bedauern gewahrten. „Schwieriger wird es, wenn sie an der Macht teilhaben will. Was ich bei einer spätergeborenen Naltivi nicht glaube, aber du solltest alles mit ihr aushandeln, ehe ihr händegebt. Um üble Überraschungen zu vermeiden. Reise hin, und sprich mit ihr. Das ist selbst ihren Spätergeborenen nicht verboten, soweit ich weiß.“
Jennai nickte. „Aber die Reise sollte nicht aus diesem Grund ausgerufen werden. Denn wenn ihr euch nicht einig werdet, mag es so aussehen, als hätte dir deine Braut nicht gefal - len. Die Kränkung ihrer Ehre wäre ein Grund zum Abbruch des Handels mit uns.“
Rilan schwieg. „Kommst du mit?“, bat er darauf Mawakai.
Sie wandte sich ihrem Bruder zu.
Dieser nickte, bevor sie sprechen konnte. „Ich halte Lerusm in deiner Abwesenheit.“
„Aber bleibe dem Weinkeller fern!“
„Ein wenig Lohn werd ich wohl erhoffen dürfen“, klagte er.
Beide grinsten.
Rilan saß noch immer betrübt. Er sah erst auf, als er die Blicke der Übrigen auf sich spürte.
„Also gen Naltivi. Jennai, finde einen Grund, den wir ausrufen können.“
Die Priestin hob die Versammlung für diesen Tag auf, die sich daraufhin verstreute. Kelon ließ Rilan und Mawakai sich zurückziehen, obwohl noch einiges zu klären war. Dies musste warten. Die Geeinten gingen in Rilans Kammer. Beiden war nicht nach Abendzerstreuung zumute. Er nahm den Weinkrug, der auf einem Tisch stand. „Es ist dir nicht so leicht, wie du scheinen ließest.“
Mawakai kam Rilan nahe und strich ihm eine Strähne aus der Stirn. „Ich habe zwei Sorgen.
Dass du in deiner dummen Vorstellung von Pflicht ob des Unterschieds zwischen Ausgerufenem und Tat unglücklich wirst. Und dass sie dich mir nimmt. In der Zeit mit dir werde ich ihr nicht mithalten können. Die Naltivi halten in Bändern andere Regeln als wir.“
Er küsste sie. „Da sei ohne Sorge.“
„Wir werden sehen“, schnaufte sie und erklärte: „Ich habe keinen Arg, deinen Tanz mit ihr zu teilen. Aber ich will deine Treue in der Liebe.“
„Und ich will dich.“
„Wir sprechen von Jahren. Auch unser Band wird einmal Öde und Ärger kennenlernen.“
Sie seufzte. „Aber was nützt es, sich jetzt darüber zu sorgen. Wir kennen sie nicht einmal.“
Kurz schwiegen sie.
Dann sagte der Jüngere: „Ein Vorschlag. Ich ziehe hinter eine der Türen. Es kommt ein äußerer Riegel mit einem Schloss daran, und Kelon schließt mich jede Nacht ohne Gesellschaft ein, wenn du nicht hier bist.“
Sie lachte. Ernster sprach sie: „Erwarten wir, was kommt.“
Nyrden hing neben Jilla, sich mit beiden Händen festhaltend, am Ast einer Duwe, die beschnitten werden sollte. Hilfinnen zogen ihn mit starken Seilen nieder und banden ihn an.
Danach ließen die beiden den Baum wieder los, die Gartenmeistin nahm die ihr gereichte Schere. Doch sie kam nicht dazu zu beginnen.
„Boten Rilan Geihts, Gebietin“, sagte einer der Hausknechte, der leise hinzugetreten war.
Nyrden erhob sich fragend. „Hier? Nicht bei Berretas? – Nun, bereite den Tisch vor.“
Er eilte davon.
„Vermögt ihr dies ohne mich?“, fragte sie die Umherstehenden.
„Eine Duwe, Gebietin?“, bangte Alden, die bei ihr in der Lehre war. „Was, wenn wir sie verschneiden?“
Nyrden schenkte der Schulin ein freundliches Lächeln, als Jilla sich anbot: „Ich zeige es euch.“
Die Gerufene ließ sich beim Ablegen der schweren Schürze helfen, die an den Knien erdige Abdrücke hatte, wusch sich die Hände und trat zunächst vor die Spiegel in der Kleiderkammer, ehe sie in die Empfangshalle ging.
Die Gäste standen dort mit sichtlicher Anspanne, als sie angekündigt wurde: „Nyrden Danint, die Schwester von Berretas, der Führin von Naltivi. Mawakai Beantu, die Führin Lerusms. Ihr Bruder Kelon Beantu, der Heerführer von Runjhày“, verkündete der Rufer.
Sie ehrten einander.
„Verzeih den ungebetenen Besuch“, bat Mawakai.
„Ihr seid willkommen. Gesundheit euch und euren Häusern.“
„So auch dem deinen. Wir überbringen dir den Gruß Rilan Geihts.“ Wie es deren Bräuchen entsprach, legte Rilan, der angebliche Kelon, das mitgebrachte Kästchen auf den Tisch, statt es der Naltivi zu überreichen.
Nyrden bedachte ihn mit einer tiefen ohnworten Neigung.
„Seine Gabe hält keine Zeichen Runjhàys, denn dies ist ein Besuch im Geheimen. Ehe wir beginnen, bitten wir um Stillschweigen vor den Völkern über alles, das heute gesagt wird.“
„Ihr habt mein Wort“, gab die Naltivi zurück. „Kommt in die Wohle.“
Die Berglandinnen sahen einander fragend an.
Aufwendig gearbeitete goldene Fußringe und Ketten klirrten leise, als die Gartnin ihnen vorausging.
Mawakai kannte keine Lustgärten und sah sich aufstrahlend um, als sie die Pflanzenstätte betraten. Auch der Händler, der bereits Ebenengärten gesehen hatte, war beeindruckt. Hecken, Sträucher, Beete breiteten sich in üppiger farbenfroher Pracht vor ihnen aus. Vögel sangen, teils freisitzende, teils in Käfigen gehaltene. Gründlich gereinigte und mit sauberer Kohle gefüllte Räucherschalen standen zur Seite der steinernen Wege, daneben große Kelche mit Blütenmischungen darin, zu Hineingreifen auffordernd. Windspiele aus vielfarbigem Stoff wogten über ihnen. Dem Garten war anzusehen, dass die Darstellung des Reichtums dieses Hauses eine Aufgabe seiner Meistin war.
Nyrden hielt an einer zierlichen Bankgruppe an, die mit breiten, leuchtend bunten Bändern überdacht war. Wein und Essen standen bereit, als wären Geladene erwartet worden. Die Naltivi bot ihnen Sitz und schenkte ihnen ein. Mawakai fiel die Klugheit auf, die sie durch Nyrdens Augen ansah. Doch weitere Eindrücke ordneten sich dem des Bedienens der Gäste unter, wie es von einer spätergeborenen Naltivi zu erwarten gewesen war.
Als gefüllte Teller vor ihnen standen und Mawakai wie Rilan, nicht jedoch Nyrden, gläserne Weinbecher in Händen hielten, sprach die Lerusme: „Unser Besuch mag dir seltsam erscheinen, Geehrte. Rilan bat uns, für ihn bei dir zu sprechen, da er ein Anliegen hat, das weit über die Verhandlungen eurer Völker hinausgeht.“
Nyrden wirkte verwirrt. Sie wartete höflich.
„Und das nicht vor den Völkern getragen werden kann“, ließ sich Rilan vernehmen.
Die Gartnin sah ihn an. Mawakai forschte argwöhnend. Aber Nyrden war freundlich und beachtete ihn nicht aufmerksamer als sie selbst. Das Gesicht ihres Gefährten war bange, wofür Mawakai ihn hätte treten mögen.
Er atmete tief. „Rilan ist schon lange an eine verbündete Stadtwahrin gebunden, aber die Ehe wurde niemals ausgerufen. Er lädt dich ein, sein Haus mit ihm zu teilen, aber nicht sein Lager.“
„Was bedeutet das?“, fragte die Naltivi.
„Dass du frei bist, einen Mann mitzubringen und ohne Ausrufung mit ihm zu sein. Oder auf Runjhày einen zu wählen. Oder mehrere. Wie auch immer. Aber die Ehe zwischen Rilan und dir wird nur eine ausgerufene ohne Tanz sein.“
Ihr Blick war weit, offensichtlich war ihr die Bedeutung der Worte unverständlich. „Will er mich nicht?“
Rilan wehrte mit einer höflichen Geste ab. „Der Mann liebt eine andere und will ihr die Treue halten und dich Liebreizende nicht beschämen. Aber der Stadtwahrer bietet dir Eheausrufung und sein Haus. Es wäre nur eine Sache der Form vor euren Völkern.“
Der Gastgebin Stirn stand kraus. „Diese Trennung verstehe ich nicht. Es steht ihm doch frei, Liebhabinnen zu haben.“
„Ebenso wie dir. Aber es wird zwischen euch keine Ehe sein“, wiederholte Rilan. „Dies ist nicht um Runjhày. Wir kommen über Rilans persönliches Anliegen. Seine Bedingung für den Handel ist dein Schweigen darüber vor den Völkern. Deine Kinder wird er als die sei - nen ausrufen. Von dir gewählte Männer bleiben so geduldet, wie er es für sein Band mit seiner Gefährtin erwartet. Weitere Bedingungen magst du fordern. Sie zu hören, sind wir hier.“
„Aber ...Ich ... Es ist meine Aufgabe, unseren Völkern Erbinnen zu schenken. Und ich habe meinen Tanz für meinen Gemahl bewahrt, um ihn zu ehren.“ Sie warf einen verlegenen Blick auf Rilan und einen hilflosen auf Mawakai.
Diese bemühte sich, nicht zu starren.
Kurz herrschte Schweigen. Dann stand der Händler auf und verneigte sich. „Lasst es mich wissen, wenn ich nicht mehr störe. Geehrte. Geliebte Schwester.“
Die Naltivi rief eine Magd, ihn zum Fischteich zu geleiten.
Mawakai neidete ihm, dass er außer Sichtweite immindest grinsen konnte. Nyrden hatte die Augen niedergeschlagen. Die Führin entsann sich ihrer Verhandlungsschule und lächelte als Beginn einer entgegenkommenden Geste. „Dein Verzicht weist dich als eine Ehrenwerte mit sehr großer Selbstbeherrschung aus. Aber in Runjhày werden der erste Tanz als Tribut oder auch spätere Treue nicht erwartet.“
Die Gegenüber war erstaunt. „Was dann?“
„Waffengeschick und eine gute Führung. – Aber sorge dich nicht. Dort wissen alle, hier gibt es andere Regeln. Keine erwartet dies von dir. Du bist willkommen, dein Leben dort zu verbringen. Rilan bietet dir eine Freiheit, die die meisten nicht haben. Du kannst dort ohne Verpflichtungen leben oder mit selbstgewählten.“
„Es gibt keine Vorschrift, was meine Aufgaben sind?“
Die Lerusme verneinte. „Gewöhnlich gäbe es sie, aber was er von dir erwartet, sind allein deine Anwesenheit in der Stadt und auf manchen Reisen wie dein Schweigen über dieses Abkommen. Aber das ist sicher auch zu deinem Nutzen, wenn du es annimmst.“
„Dies alles ist sehr ... freundlich. Er könnte dies auch beschließen, ohne mich zu fragen.“
„Nein. Du wirst die Erste von Runjhày sein. Dein Wort wird seinem gleich gelten, wenn das Haus sich an dich gewöhnt hat. Riefst du die Ehe nach Jahren als nicht geschlossen aus, wären die Folgen unabsehbar. Du wirst Macht haben, wenn du sie willst.“ Nyrdens Blick bezeugte das Gegenteil. „Rilan will Schaden verhindern. Darum bittet er um deine Bedingungen für das Abkommen. Wenn du ebenso großen Nutzen in ihm hältst, wird es stark sein.“
Die Naltivi sah versonnen nieder. „Darüber würde ich gerne ruhen.“
„Sicher. Gib mir Nachricht, wie du dich entschieden hast.“
„Kann ich mitbringen, wen ich möchte?“
„Liebhaber, Freundinnen, Tiere, was immer du willst. Überdenke deine weiteren Bedingungen. Sei gewiss, solange sie Runjhày nicht schaden, wird Rilan zustimmen.“
Der dem Gespräch Entflohene setzte sich an den Brunnen, von dessen Mitte aus ihn ein aus dem Wasser ragender steinerner Fisch zu betrachten schien, von lebenden Fischen umschwommen.
„Kann ich dir eines bringen, Gebieter?“, fragte die Magd. „Speise, Trank, Musik?“
„Nein, ich danke.“
Sie ehrte ihn und schied durch eine Öffnung in der Hecke.
Mit einem Seufzer sah Rilan zu Mawakai und Nyrden hinüber. Früher hätte ihm die Naltivi sicher gefallen; die Anmut ihrer Bewegungen und die Sanftheit in ihren Augen zogen durchaus Aufmerksamkeit auf sich. Ihr Haar glänzte und verriet die sorgfältige Pflege einer wohlhabenden Spätergeborenen der südlichen Ebene. Perlen verzierten es zudem, obwohl Nyrden ihren Besuch nicht erwartet haben konnte. Selbst dass sie schmal und kleinbrüstig war, hätte Rilan ob ihrer sonsten Wohlgestalt vor einigen Jahren nicht gestört. Eher hätte er Bedenken gehabt, selbst einer solch Schönen keine Ebenbürtigkeit bieten zu können. Aber über sein Band mit Mawakai schien sich auch sein Blick verändert zu haben: Der Naltivi fehlte es an Muskeln, an Stärke in Gang und Gebaren; am wachen Blick einer Heerführin, in dem immer auch ein wenig Misstrauen stand; daran, dass ein Raum mit einem Mal menschenvoll schien, wenn sie eintrat. Rilan konnte sich nicht vorstellen, dass der Tisch bebte, wenn die Gastgebin lachte, was er an Mawakais dröhnendem Lachen so sehr liebte. Wieder einmal flohen seine Gedanken aus einer ungeliebten Gegenwart, und ein unwillkürliches Lächeln zog über sein Gesicht, als sie den Beginn seines Bandes zu Mawakai fanden.
Er hatte nicht gewusst, wie um eine Kriegin zu werben war. In der Sorge, zu unscheinbar zu sein, um ihr dauerhaft zuzusagen – Er wusste, dass sein unauffälliges Gesicht, sein durch Sitzen und Lesen geprägter schmächtiger Körper und die immerzu sorgetragenden Augen keine guten Werbegaben waren. –, hatte er schließlich um das Wort Kelons gebeten. Nach anfänglicher Verblüffung hatte dieser ihn ausgelacht und ihm geraten, seine Schwester offen zu fragen, wozu Rilan nicht den Mut aufgebracht hatte.
Eines Nachts war er aufgewacht, weil eine Hand ihn an der Schulter gerührt hatte.
„Ich komme schon“, hatte er pflichtergeben schlaftrunken gemurmelt und als Antwort schallendes Gelächter gehört. Mawakai hatte am Rand seines Bettes gesessen.
Rilan war sprachlos vor Verwunderung und plötzlichem Herzrasen gewesen. „Ist ... ist eines arg, Geehrte?“, hatte er atemlos gefragt und abermaliges Lachen geerntet:
„Nein, ganz gewiss nicht. Zum Gegenteil.“ Sie hatte sich über den halb Aufgerichteten geneigt. „Sofern ich deine Blicke richtig deute.“
Seinem verlegenen Stottern war ein Kuss gefolgt, diesem ein Tanz, an den er sich noch jetzt gerne erinnerte. Heute hielten die Gefährtinnen eine Verbindung, die allein darunter litt, dass sie einander selten sahen; wenn sie sich auch bemühten, den Großteil der Winter miteinander zu verbringen.
Und nun dies. Rilan seufzte ein weiteres Mal. War er schon nicht gerne Stadtwahrer, hasste er es in dieser Sache. Händler hatten eher die Wahl in der Handgebe, und er wollte diese Einigung nur mit Mawakai. Da sah er diese und Nyrden sich erheben und tat es ihnen gleich.
Zwei Mägde eilten aus verborgenen Nischen in den Pflanzenwällen, um sie zu geleiten.
Eine dritte schickte sich zur Sorge um den Speisentisch an. Nyrden führte die Gäste zurück in die Halle, wo sie sich höflich voneinander verabschiedeten.
Schweigend traten die Berglandinnen in den Stall, schweigend verließen sie auf ihren Pferden das nun, im späten Herbst, noch immer sonnendurchflutete Anwesen. Als sie die riesenhafte Straße erreichten, knurrte Mawakai an Rilans Seite: „Abtrünniger. Dies wäre deine Heerführe gewesen.“
„Wer bin ich, dass ich in einem Gespräch unter Frauen störe?“, gab er mit einer Miene zurück, die um Schonung flehte.
„Frauen? Sie ist ein Kind.“
„Das scheint nur so. Sie ist fast ein Jahr älter als du.“
„Tatsächlich? Kaum zu glauben. Nun, sie war recht freundlich. Ich staune nur, dass Menschen sich in ihren Köpfen derart einsperren lassen. Sie ruht über das Angebot und gibt mir Nachricht. Falls sie sich nicht sehr gut verstellt hat, wirst du mit ihr wenig Ärger haben.“
Er lautete zufrieden.
„Und du? Hat sie dir gefallen?“
„Oh, sie ist eine Augenfreude. Aber da ich nicht gedenke, die sehr Geliebte zu beargen, die neben mir auf der Lauer geht, werde ich nichts Weiteres dazu sagen als: Du kennst den Grund, aus dem wir hier sind. Ich will dich und keine andere, Mawakai.“
„Nun, ich hoffe, das bleibt auch so.“
Nyrden musste bis nach dem Essen warten, um mit Jilla allein zu sein. Als Schulinnen und Mägde sich vor dem Abendwerk kurz zurückgezogen hatten, berichtete sie von dem vorgeschlagenen Band mit Rilan Geiht.
Jilla, dessen in Zöpfen zurückgeknotetes Haar bereits ergraute, schenkte ihnen in seiner vertrauten Ruhe Wein ein. Nyrden schätzte des Freundes Gesellschaft sehr. „Was möchtest du tun?“, fragte er.
„Ich weiß es nicht“, erwiderte sie. „Aber ich fürchte, es ist beschlossen. Berretas hat sich für Runjhày entschieden. Wenn ich ihr von diesem Angebot erzählte, würde sie mir sicherlich nur befehlen, mich Rilan anzudienen, um die Ehe zu bitten und ein Bündnis nicht zu gefährden.“ Sie sah nieder. „Ich weiß nicht, was ich mir wünschen soll“, gestand sie.
Er nickte verstehend. Eine Weile überlegten sie, während sie den Wein genossen. „Freie Hand in der Gartenausrichte“, sagte er dann. „Und Naltivi sehen zu können, wann immer du es willst.“
Nyrden riss die Augen auf. „Steht es mir nicht ohnehin frei?“
Jilla hob und senkte die Schultern. „Ich kenne nur Gerüchte über die Berge.“
Beide verstillten abermals, beide in aufkommendem Bangen.
„Ich bin so froh, dass du mich begleiten wirst“, erklärte die Gartenmeistin darauf.
Ihr Gegenüber lächelte. „Ich bin froh, dir Gesellschaft leisten zu dürfen.“
Obwohl er als Zweitgeborener keinen Anspruch auf das Erbe seiner verstorbenen Gemahlin hatte, war Jilla nach deren Tod nicht in eines der Häuser seiner beiden reich vermählten Töchter gezogen, sondern zu Nyrden. Ihre Liebe zueinander und die Einigkeit über die Gartenhege band beide trotz des Altersunterschiedes von über einem Dutzend Jahren.
Nyrdens Blick glitt über die blühende Pracht. In den letzten Jahren hatte sie sich auf den Verlust der Freundinnen, die sie nicht zu ihrem neuen Haus begleiten würden, schweren Herzens vorbereitet. Aber sie hatte nicht geahnt, wie schwer ihr der Abschied von ihren Gärten fallen würde – in der Gewissheit, dass die meisten Pflanzen ihrer Freude in den Bergen nicht wuchsen. Da nur Jilla sie hören konnte, erlaubte sie sich ein leises Seufzen. Er legte tröstend den Arm um sie.
Die Handgebe wurde für einen baldigen Tag vereinbart. Zur Sonnenwende traf Nyrden auf Runjhày ein, um von Berretas mit Rilan gebunden zu werden. Schnee hüllte Stadt wie Umland in ein kaltes Kleid, als Naltivi eintraf. In edle Tücher gewandete Pferde bildeten den Kopf des prunkvollen Trosses, der von Berretas angeführt wurde, ihre Schwester ritt hinter ihr. Pelze säumten farbige gefütterte Umhänge. Es folgten beladene Wagen und von Pferden getragene, mit Prunkdächern versehene Sänften. Sie galten als die angenehmsten Gefährte überhaupt, weil sie Reisende kaum durchschüttelten und es sogar ermöglichten, im Inneren zu schlafen. Ziertiere liefen neben ihnen oder saßen darin.
Dennoch beeindruckte die geschmückte Braut am meisten. Das sanfte Gesicht hielt Schminke, die seine Schönheit unfassbar erscheinen ließ. Das Haar war mit einem Gerüst aus Golddraht aufgebunden und mit Blüten verziert. Keine Runjhày hatte jemals zu dieser Jahreszeit solche Blüten gesehen. Als Nyrden vor dem Gastpfahl hielt und ihn ehrend berührte, öffnete ein Windstoß ihren Umhang und bäumte ihn auf. Darunter kam das blaue Brautgewand zum Vorschein, das in reicher Weise gefärbt und bestickt sowie mit Edelsteinen besetzt war.
Mawakai, die neben Kelon am Fuße der Treppe zur Halle stand, hatte in der Ebene nicht einmal Göttinnenstatuen gesehen, die vergleichbare Gewänder trugen. Ihr Blick fand ihren Bruder, welcher ihr eine sogleich genutzte Möglichkeit zum Spott bot.
„Sei froh, dass es im Winter keine Fliegen gibt“, raunte sie ihm zu.
Er schloss den Mund wieder. „Geister, ist sie schön!“
„Wirb um sie. Ich bin dir dankbar, wenn ihre Aufmerksamkeit schnell einen anderen findet als Rilan.“
„Telùn würde mich erschlagen.“
„Du hast dich mit Telùn geeint“, sagte sie grinsend.
Er wiegte den Kopf. „Geeint ... Ich war betrunken.“
Mawakai lachte leise.
„Sehr spaßig. Ja, sehr spaßig. Sag mir lieber, wie ich sie wieder loswerde.“
Sie hob und senkte die Schultern. „Sag ihr, dass du nur betrunken warst.“
Er schnitt eine Grimasse. „Welch ausgezeichneter Rat, ich danke dir.“
Die Gesellschaft hielt vor ihnen, Mawakai trat mit besserer Laune auf die Absitzenden zu.
„Ehre Eurem Hause“, sprach sie und verneigte sich vor ihnen, die den Gruß ebenso beantworteten.
Berretas ging die Stufen hinauf, zuoberst derer Rilan auf sie wartete. Die Weiteren verharrten bei den Pferden, Nyrden neben der Lerusme.
Diese schenkte ihr einen freundlichen Blick. „Hattest du eine gute Reise, Gebietin? Ich hielt den Irrglauben, du würdest eine Sänfte bevorzugen.“
Die Geschmückte zeigte sich verlegen. „Das habe ich. Aber ich hielt es für besser, in die Stadt einzureiten. Runjhày erwartet eine Führin, die ich nicht bieten kann. Aber ich will versuchen, Rilans Ansehen nicht zu schaden.“
Mawakai merkte auf. Dann lautete sie anerkennend.
„Ich gebe zu, dass ich nach der kurzen Zeit schon sattelwund bin“, gestand Nyrden.
„Das legt sich wieder.“
Sie wirkte dankbar. „Dort ist ja auch Kelon.“ Ihr Blick hatte Rilan erfasst und zeigte Verwirrung über dessen Standort.
In aufgeflammtem Argwohn schätzte Mawakai die Altersgleiche, aber diese hielt nur Freude über ein bekanntes Gesicht. „Nein, verzeih den Trug. Rilan ging selbst, um den Handel zu erfragen. Dieser dort ist mein Bruder.“
Nyrden zähmte das Erstaunen auf ihren Zügen. Sie sah die Lerusme an, die in Bestätigung nickte. Daraufhin lächelte die Braut und senkte den Kopf. „Ich ehre eure Ehe. Ich gebe dir mein Wort, niemals deinen Stand bei ihm zu schwächen. Ich möchte dich zu wissen, dass ich sehr dankbar für euer Angebot bin. Und für eure Ehrlichkeit über dies Bündnis.“
Mawakai seufzte, um darauf die Ehrung zu erwidern.
Die Naltivi lächelte noch immer. „Und ich bin froh, nicht an meinen Augen zweifeln zu müssen. Er hat nicht den Körper eines Kriegers.“ Sie sah, dass Mawakai wiederum aufmerkte. „Dein Mann“, fügte sie hinzu.
Berretas hatte Rilan erreicht. Als beider Begrüßung beendet war, kam der Wahrer Runjhàys zu den Wartenden. „Gebietin. Welche Ehre für mein Haus, dich so bald in ihm zu sehen!“
Nyrden bot ihm die größte Ehrenbezeugung ihres Volkes, indem sie sich auf Hände und Knie sinken ließ und die Erde mit ihrer Stirn berührte, wobei sie einige Blüten an den Schnee verlor. Rilan warf einen hilflosen Blick auf seine Gefährtin, die mit unbewegter Miene bei ihnen stand. Als die Ehrende sich wieder aufrichtete, reichte Rilan ihr die Hände und bot ihr seinen Umhang, um das Weiß fortzuwischen.
„Verzeih den Trug, Gebietin“, flüsterte der Jüngere auf dem Weg zu Berretas.
„Ich danke für eure Armreiche“, gab Nyrden ebenso leise wider. „Ich hoffe, ich werde dem gerecht, was in Runjhày an Aufgaben auf mich wartet.“
Die Braut, der es große Unwohle bereitete, in aller Augen zu sein, schritt allein in den festlich geschmückten Tempel. Hunderte Wartende wandten sich ihr zu und ehrten sie. Mit beschleunigtem Atem erreichte sie den kreisförmigen Opferplatz in der Mitte, wo Rilan stand.
Vor dem Betreten des Kreises, um den herum rauchspendende Schalen standen, ließ sie sich abermals auf die Knie sinken, rührte den geweihten Boden mit der Stirn. Als sie sich wieder erhoben hatte und in das Rund eintrat, kam der Bräutigam ihr entgegen.
Seine Bekleidung verwunderte die Naltivi. Sie war schlicht gehalten, wenn auch in edler gefärbten Farben als das Kleid, in dem sie ihn zuvor gesehen hatte. Das bodenlange Gewand war tiefrot, die zugeknöpfte rotgelbe Weste, die ihm bis an die Knie reichte, kannte, wie auch das am Halsausschnitt zu sehende helle Unterkleid, keine Borten. Alles war von einfachem Schnitt und hielt nicht einmal einen bestickten Gürtel. Erst viel später verstand Nyrden, dass das Kleid für Runjhàys Verständnis prunkvoll war und dass selbst der Stadtwahrer in seinem Leben nur ein solches Kleidungsstück erwarten konnte.
Er kam auf sie zu und reichte ihr die Hände. Gemeinsam knieten sie sich, einander zugewandt, ohne den Griff zu lösen. Eine Priestin erschien neben ihnen. Die kleine Rauchschale am Ende des Stabes, den sie hielt, legte sie auf die verschränkten Hände.
Berretas trat hinzu. „Runjhày! Empfange aus meinem Hause meine Schwester Nyrden. Mögen die Göttinnen unser Band segnen“, sprach sie mit Huldigungsgeste.
Die Schale wurde ein wenig gehoben und gedreht, warme Asche rieselte über die Hände.
Hernach wurde Asche erst auf Rilans, darauf auf Nyrdens Kopf gegeben. „Mögen die Göttinnen euer Band segnen. Ehrt sie allezeit, seid eurer Verpflichtungen eingedenk, und sie werden euch lächeln.“
Mit noch immer vereinten Händen verneigten die Knienden sich voreinander, ehe sie sich erhoben und zu den Übrigen im Tempel gesellten. Rauchopfer wurden dargebracht. Die Versammelten ehrten erst die Vermählung, dann das vergangene Jahr, danach begrüßten sie das neue. Anschließend wurde zum Festmahl gebeten.
Es war Brauch, dass das junge Paar zuletzt die Halle betrat, und so führten Berretas und Mawakai die Gesellschaft an; Kelon und Setola, der Bruder von Berretas und Nyrden, gingen neben ihnen. Um sich von ihrer Walle abzulenken, betrachtete die Lerusme den ihr Arm in Arm Zugewiesenen, der schließlich auch an ihrer Seite zu sitzen kam. Zunächst erschien Setola ihr als atemberaubende Schönheit, und wäre er nicht als spätergeborener Naltivi aufgewachsen, wäre er es in ihren prüfenden Augen sicher gewesen. Die Züge waren makellos ebenmäßig, narbenfrei und nahezu faltenlos. Sein Wuchs war gerade, und seine Knochen zeigten einen, dem Muskeln gut angestanden hätten. Aber er hielt die Magerkeit, die sein Volk aus Mawakai unverständlichem Grunde für erstrebenswert hielt und die, ungeachtet der Statur, von ihren Spätergeborenen gepflegt wurde. Bei näherem Hinsehen wirkte der reiche dünne Naltivi fehl am Platz und kränklich. Seine Bewegungen hielten eingeübte Anmut, die der Kriegin unangenehm war, denn darin fand sie den Ausdruck eines immerwährenden Mummenspieles. Er war fast ebenso prachtvoll geschmückt wie Nyrden und schien bemüht, eine liebreizend einnehmende Wirkung zu hinterlassen. Es war lächerlich. Mawakai konnte sich nicht vorstellen, dass Tänze mit Menschen wie ihm über Lust hinausgehen konnten und zu Glück führten – wenn sie das Erste überhaupt erreichten.
Als die wohlbeleibte Berretas sich neben ihm niederließ, konnte Mawakai sich eines seltsamen Eindrucks nicht erwehren: Durch ihre Gesichter und Gestalten waren alle drei Geschwister eine Augenfreude; Berretas schien der Lerusme, die wie die meisten Berglandinnen immindest im Winter an Hunger gewöhnt war, die Schönste zu sein; denn in den Bergen galt Leibesfülle, ob nun in Muskeln oder in Speck, als Wohlgestalt. Doch Mawakai hatte das Gefühl, dass Berretasʼ Körper zu große Mengen an Speisen gereicht wurden, ebenso wie die, welche ihren Bruder nährten, nicht auszureichen schienen. Beide schienen ihr zu kranken, die eine am Zuviel, der andere am Zuwenig. Wenn es angesichts des Reichtums der Naltivi nicht undenkbar gewesen wäre, hätte Mawakai vermutet, dass die Ältere Setola das Essen raubte. So aber verspürte die Beobachtin den Wunsch, ihm einen gefüllten Teller zu reichen.
Das Horn verkündete die Ankunft von Rilan und Nyrden. Die Halle erhob sich. Nyrden verbrachte den Gang ans Tafelhaupt unter starker Spanne. Dort hob der Bräutigam ihr ein Gefäß entgegen, das sie zunächst für einen Vermählungsbecher hielt.
„Würdest du den Wein zum Wohl dieses Hauses segnen, Gebietin?“
Der Becher wirkte abgenutzt und zeigte Göttinnenbilder. „Eine meiner Pflichten?“, fragte sie.
Rilan bejahte. „Der täglichen. Wenn du sie annimmst. Spricht dein Glauben dagegen?“
„Ich wüsste nicht, warum“, entgegnete sie. „Berretas?“
Diese lächelte milde. „Tu es nur.“
Mit hastendem Herzen, da die Versammelten nun ihr allein Aufmerksamkeit schenkten, sprach Nyrden einen Segen und betonte ihr Glück, Runjhày dienen zu dürfen.
„Gesundheit, Wohlstand, Ehre: Runjhày und Naltivi!“, war die dreimal gerufene Antwort der Halle. Danach begann der Festschmaus, der den Bund vor den Menschen besiegelte.
Mawakai wollte sich gerne einbilden, dass die gezierte Steifheit der Naltivi ihre eigene Unwohle hervorrief, aber es war die Sorge um Rilans Handgebe. Nach dem Mahl traten die Spielleute ein. Jennai wechselte einen Blick mit dem Stadtwahrer und stand langsam auf.
„Welch glücklicher Tag! Möge er eine glückliche Zeit für unsere Häuser einleiten.“ Eine segnende Geste begleitete ihre Worte.
Rilan reichte Nyrden die Hand. Sie erhoben sich.
„Gereiche Naltivi zur Ehre“, gebot Berretas.
Die Jüngere verneigte sich und ließ sich von ihrem ausgerufenen Gemahl zu einer Tür an der Hallenseite leiten. Runjhày ehrte die beiden, als sie sich entfernten.
Rilan wies Nyrden eine schmale hölzerne Stiege hinan. Im oberen Stockwerk zeigte er auf eine bewachte Tür: „Dort findest du die Schriftenkammer, Gebietin. Dort drüben einige Kammern der Bediensteten, die anderen unten, neben der Halle.“ Von der Mitte des runden Turmes aus führte eine bewegliche Leiter hinauf in eine Ebene, in der rechts und links von einem ringförmigen Gang Schlafgemächer abgingen. Diese waren teils hinter Türen, zumeist hinter Vorhängen verborgen. „Dort sind die Räume der meisten hohen Gäste und Amtsträger. Deine Freunde schlafen in der heutigen Nacht dort. Dies ist Dolins Kammer, du lernst ihn noch kennen, diese die meine, diese Kelons. Des wirklichen Kelons“, lächelte er.
„Und dies Mawakais, wenn sie hier weilt. Und hier die deine. Falls es dich nicht stört, Mawakai als Nachbare zu haben.“
Die Naltivi blickte erstaunt auf. „Warum sollte es, Gebieter?“
Er lächelte erneut, diesmal sehr herzlich. „Gut. Ich glaubte, eine mit Riegeln sei dir immindest für den Anfang hier gerne. Du magst sie behalten oder hinter eine freie unverschlossene ziehen, wann immer du willst.“
Sie nickte still und drückte das Holz auf. Ein für eine Kammer recht großer Raum lag vor ihr, der sich nach hinten hin verbreiterte und eine weitere Tür besaß, in eine Längswand eingelassen. Ein sauberes Bett, drei Hocker und zwei Tische warteten auf Benutzung. Keine Stoffzier oder Teppiche, wie sie ihr gewohnt waren, boten Nyrden Wärme. Die hintere Wand war, der Form des Turmes folgend, abgerundet, aber ohne eine Lichtöffnung. Fackeln erhellten und berußten die Wände.
„Deine Freunde können mit dem Sonnenaufgang einziehen.“ Rilan verschloss den Raum.
Nyrden vermochte ihre während des Ganges ins fast Unerträgliche gewachsene Angst, er würde sie trotz der Absprache aufs Lager fordern, kaum zu bändigen. Mühsam zähmte sie ihren schneller gewordenen Atem. „Ich möchte noch einmal Dank sagen für die freundliche Aufnahme wie für dein Angebot. Ich werde um eine Aufgabe suchen, die ich zum Wohle Runjhàys erfüllen kann“, sprach sie und spürte im selben Augenblick Spanne auch von ihrem Gegenüber abfallen.
Er lächelte, drückte kurz ihre Hand, „ich bin gewiss, du wirst sie finden“, nahm eine Fackel aus dem Halter und trat zu der anderen Tür. „Ich wünsche dir eine wohle Nacht. Gebietin.“
Der Stadtwahrer neigte sich vor Nyrden und verschwand in Mawakais Kammer.
Die Entlassene seufzte tief, verriegelte sehr leise beide Türen, setzte sich dann aufs Bett und hing eine Weile Gedanken nach, ehe sie ihr Prunkgewand ablegte, was ohne Hilfe nicht einfach war. Es währte lange, bis sie einschlief.
Am nächsten Morgen weckte Jilla sie, Nyrdens Tageskleider über dem Arm.
„Wie ist es dir?“, erkundigte er sich mit wenig verborgener Sorge, als sie ihm öffnete.
„Gut. Ich habe schlecht geschlafen. Aber sonst gut.“
Er war sichtlich froh. „Die Ratsführin schickt mich. Es ist wohl not, dass Rilan und du im Tempel einen Schwur auf das Bündnis leistet.“
„Das haben wir doch bereits. Wir wurden vermählt.“
„Über das Bündnis, über das zu schweigen ist.“ Der Freund schickte sich an, ihr in die Kleider zu helfen.
„Wirst du mich begleiten?“, fragte sie.
„Sicher.“
Den fast zwei Dutzend Naltivi, die mit Nyrden nach Runjhày gezogen waren und die großen Städte der Ebene kannten, erschien der Ort zunächst kaum als Hauptstadt, die ihren Namen verdiente. Nur vierhundert Menschen lebten darin und an die tausend außerhalb der einzigen Stadtmauer, am Fluss wie an den umliegenden Äckern und Weiden.
Der starke Hauptturm, der die restliche Stadt überragte, besaß neben der Halle, den Schriften und Schlafräumen einen zuoberst gelegenen, hölzern überdachten Wehrstand. Es gab keinen Speisesaal; die Halle wurde zum Mahl umgebaut, oft gar von Würdentraginnen. Die Tafel selbst war nicht mehr als eine Sammlung grober Bretter auf Böcken, die den restlichen Tag über an der Wand lehnten, und die meisten Speisenden saßen auf niedrigen Bänken oder sogar auf dem Boden.
Dem Hauptturm gegenüber, den Hof zwischen ihnen, erhob sich der schmalere Wehrturm, in dem Gefangenenzellen und eine Waffenkammer untergebracht waren. Er war ebenfalls rund wie überdacht und erlaubte einen weiten Blick ins Land. Beide Türme, der Hof und die ihn umgebenden Häuser standen ein wenig erhöht; zu ihren übrigen Teilen hin wurde die Stadt Runjhày abschüssig, bis sie sich am Fluss in die Gerade neigte. Sie lag auf einer vor Generationen angelegten Aufschüttung am Fuß der Berge, wo die Ebene sich diesen entgegenzuheben begann und der Fluss aus dem Gebirge sprang. Im Westen streckte sich ein unüberwindbares Bergmassiv in den Himmel, so trafen mehrere Straßen vor der Stadt aufeinander, die einem Großteil der Berge und der südliche Ebene einen Ort für Handel bot.
Viele Güter reisten auf dem Wasserweg und mit Wagen oder Lasttieren durch die Berge.
Handel schien Runjhày zu ernähren, das kaum eigene Waren auf den Weg schickte. Es hatte eine Töpferei, mehrere Schmieden und weitere Werkhäuser, aber edlere wie Glasschmieden oder Feinwebereien waren nicht zu finden.
Die weithin gerühmten Schwitzgrotten, die außerhalb der Stadt in einer Bergwand beheizt wurden, waren den Neugezogenen zu heiß. Auch schien es Schwierigkeiten zu geben, wenn andere als ihre Stammesgefährtinnen sie unbekleidet sahen, denn bei ihrer einzigen Benutzung der heißen Räume waren sie über das Eintreten einer Gruppe Runjhày erschrocken, hatten sich sogleich bedeckt und waren mehr geflohen als gegangen.
Neben den Gütern, die zwischen den beiden gebundenen Völkern ausgetauscht worden waren, hatte Nyrden unerhört wertvolle Geschenke für das Haus mitgebracht: gläserne Pokale, Schalen und Teller für anderthalb Hundertschaften, reiche Stoffe aus Naltivi und Rauchwerk als Gabe an den Tempel. Damit glich sie die hohe Auslöse, die Runjhày für sie bezahlt hatte, wieder aus.
Nyrden war vor den Priestinnen Runjhàys bange gewesen, weil sie gefürchtet hatte, diese würden versuchen, in ihren Glauben Eingriff zu nehmen. Als sie aber erfuhr, dass Jennai, mit der sie sich gerne unterhielt, nicht nur den Rat, sondern auch die Priestinnen in der Stadt führte, war sie freudig überrascht und verlor ihre Sorge, denn Gespräche über Frömmigkeit hatte sie mit der Alten nicht einmal gehalten. In Verständigung über die Namen und Aufgaben der Göttinnen des Landes fanden die Naltivi ihre eigenen, und keine hatte Bedenken, am Dienst im Tempel teilzunehmen. Nyrden, die zum ersten Mal über die Heiligtümer eines anderen Volkes nähere Kunde erhielt, wunderte sich, dass Berretas mit ihr nicht darüber gesprochen hatte, war aber gewiss, dass sie sie nicht an einen Ort geschickt hätte, der ihre Göttinnen verbot.
Da Rilan und Jennai geschworen hatten, alle Naltivi willkommen zu heißen und Berretas dasselbe für Runjhày ausgerufen hatte, zogen bald schon Handlinnen und Handwerkinnen zu den Verbündeten. Eine reiche Zeit begann.
Die erste Änderung, die Nyrden vornahm, fand ihre Kammer, die sie nun mit Jilla teilte.
Ganze Stoffbahnen schmückten bald die Wände, ein starker Teppich zwischen dem Bett und einem der Tische schützte selbst unbeschuhte Füße vor Kälte, an der abgerundeten Wand entstand ein gemaltes Göttinnenbild.
Die ausgerufene Stadtwahrin umgab sich mit den Ihren, übte sich in Handarbeiten, schmückte das Haus und wartete auf den Frühling. Gerne saßen sie vor dem großen Kamin in der Halle, dem, abgesehen von der Küche und den Schmieden, wärmsten Ort der Stadt.
Keine schien sich die Mühe zu machen, die Brennstätte zu reinigen. Der Abzug heizte einzelne Bereiche des Wohnturmes nur schlecht, der Kamin hielt in der Halle keine Trennung zwischen Brennraum und dem umgebenden Boden. Der Regen vieler Jahrzehnte hatte Ruß hereingespült, die umliegenden Steine hielten pechähnliches Schwarz. Nur Jilla fiel auf, dass Nyrden, entgegen den Gepflogenheiten ihres Volkes, hier ihre Gartenschuhe trug, worin der Freund sich ihr bald anschloss. Schließlich scheuerten die Naltivi den Boden, was mehr als einen Tag dauerte, und bauten einen einfachen Wall aus kleinen Steinen, der Brennzeug im Inneren halten sollte. Bald standen drei Bänke vor der Feuerstelle, mit Sitzkissen und Decken ausgelegt. Im Gegensatz zu den groben Holzmöbeln, die Runjhày kannte, waren jene aus edlem Nussbaum gefertigt, hielten geschnitzte Verzierungen und wirkten zierlich, obwohl sie je fünf Menschen Platz boten. Die Bänke wirkten als sonderbar fremde Gesandte Naltivis, so wie die Neugezogenen. Rilan nutzte das Licht am Kamin nun abends nicht selten in ihrer Gesellschaft, statt in der düsteren Schriftenkammer zu arbeiten wie ehedem.
Auch im Weiteren erhielt die Halle ein angenehmeres Gesicht: Die alten verblassten Malereien auf den Wänden wurden erneuert oder mit prachtvollen Teppichen bedeckt. Der Steinraum, in dem es keine Lichtöffnungen gab und der sich darum mit rußenden Feuern beleuchtet fand, wurde heller, und er schien auch wärmer zu sein als zuvor.
Allerdings wurde bald schon ersichtlich, dass die Ziertiere dem harten Winter nicht gewachsen waren, was auch für die größte Zahl der Naltivi zu gelten schien. Keinen Mond nach ihrem Zuzug verließen die meisten von ihnen die Stadt wieder.
„...Trotz meiner Bedenken beginnen wohle Stränge, Nyrden und mich zu binden, die dich jedoch niemals zu sorgen brauchen. Sie ist eine angenehmere Gesellschaft, als ich glaubte, und nicht so töricht wie ihre Gespieler, die mir bis auf Jilla alle unerträglich waren. Sie scheinen ihren Tag nur damit zuzubringen, über unbedarfte Freundlichkeiten Ungebundener zu kichern. Sie sind zu nichts nutze außer als wandelndes Zierrat, das einfältigen Meinen den Kopf verdreht hätte. Ich frage mich, wie die Naltivi zum stärksten Volk der südlichen Ebene werden konnten. Nur Jilla ist mit ihr hiergeblieben. Ich hielt ihn zunächst für Nyrdens Liebhaber, der er aber offenbar nicht ist. Die Sonsten sind mit den Tieren zurück gen Naltivi gezogen. Ich bin durchaus froh darüber.“
Rilan sah von dem Schreiben auf. Sollte er Mawakai von den Kleidern berichten? – Bereits nach kurzer Zeit hatte sich Nyrdens Wahl darin geändert: Die prunkvollen, reichgeschmückten Gewänder der Naltivi waren schlichteren Kleidern gewichen, wie sie auf Runjhày üblich waren, wenn Nyrden sie auch aus den edlen Stoffen der Ebene fertigen ließ. Rilans behutsamen Einwand, sie müsse die Gewohnheiten seines Volkes darin nicht annehmen, hatte sie verneint, es sei ihr sehr wohl so. Jilla behielt seine Naltivikleider und trug nun auch die ehedemen Nyrdens. Bereits zweimal war es geschehen, dass unbekannte Gäste, denen sie zu dritt zum Gruß entgegengetreten waren, zunächst den Naltivi für den Wahrer gehalten hatten. – Nein, dies schrieb er besser nicht. Es würde Mawakais Aufmerksamkeit kaum entgehen, und sicher würde sie ihn deswegen ohnehin aufziehen. Dem musste er nicht vorgreifen.
„Erster!“ Garlon stürmte herein.
Rilan hatte ihn schon lange nicht mehr so aufgebracht gesehen. „Was gibt es?“
„Deine Gemahlin. Diese Naltivi!“ Das Wort klang aus dem Mund des Wütenden wie ein Fluch. „Sie wollte mir sagen, wie ich die Küche zu führen habe!“
Der Jüngere merkte verblüfft auf. Für so dumm, es sich mit dem Truchsess zu verscherzen, hatte er Nyrden nicht gehalten. „Ja..?“, fragte er tastend.
„Ich habe sie rausgeworfen. Ihr den Zutritt zu Küche, Speisengang und Backhütte verboten.
Wer glaubt sie zu sein?“
„Nun, in Naltivi...“
„...mag es sein, wie sie es wollen. Die Küche Runjhàys ist die meine!“
Rilan seufzte tief. „Garlon...“
Der wutschnaubende Graue stützte eine Hand auf die gerollten Pergamente. „Sprich mit ihr, Erster. Außerdem bestelle ihr, dass ich auch die Feste ausrichte.“ Mit verkniffenem Mund ehrte er ihn und rauschte davon.
„Großartig“, ächzte der Stadtwahrer. Er beendete sein Schreiben, dann verließ er die Schriftenkammer und machte sich auf zu Nyrden. Er hatte sie bereits von dem Gedanken abbringen müssen, die Halle mit gefärbten Binsenmatten auszulegen. Die Brandgefahr hatte sie überzeugt, wennauch Rilans Wort allein ihr sicherlich Einhalt geboten hätte. Seit drei Tagen lag nun Sand auf dem steinernen Boden und wurde täglich gerichtet. Runjhày bewegte sich unsicher darauf. – Rilan graute vor den ersten Festtänzen. Er hatte schon Sand auf seinem Stuhl, im Bett und zwischen den Zähnen vorgefunden und suchte nach einem behutsamen Weg, ihn Nyrden wieder auszureden. Und nun dies.
Er fand sie vor dem Kamin, wo sie mit ihrem Freund an einem großen Stickrahmen saß. Rilan bat sie um eine Unterredung zu zweit, woraufhin Jilla sogleich davonhuschte.
„Du hattest Ärger mit dem Truchsess, wie ich hörte?“, begann Rilan ungelenk.
Die Gefragte bejahte und wirkte sogleich erschrocken.
„Nun, Gebietin, ich weiß, dass diese Order über ihn in Naltivi dir gebührte. Aber hier ist er kein Diener. Er hält große Anerkennung für sein Werk. Vielleicht ist dir aufgefallen, dass sein Stuhl ebenso hoch ist wie die der Ratsmitglieder?“
Sie nickte mit gesenktem Blick
„Ich bitte, lass ihm sein Werk ohne dein Wort. Allein unserer Zungen wegen. Ich wage nicht, daran zu denken, welcher ungewürzten oder übelschmeckenden Rache sich Garlon bedienen könnte“, versuchte Rilan einen Scherz, doch Nyrden wirkte so erschrocken, als sei wahrhaft Arges geschehen.
„Ich bitte um deine Vergebung, Gebieter“, hauchte sie.
„Das ist nicht nötig“, wehrte er ab. „Ich bedaure, dass er seine Galle nicht im Zaum hält.“
Sie ehrte ihn.
Der Runjhày bemühte sich um Höflichkeit. „Jennai sagt, du planst deinen Garten?“
„Das ist richtig. Wir suchen noch nach einem geeigneten Ort.“
„Wie schön. Ein Garten wird uns guttun“, versicherte er.
Verlegenes Schweigen drohte.
„Gibt es einen Dienst, den ich dir tun kann?“, erkundigte er sich.
Nyrden blickte auf. „Oh. Ja. Gibt es eine Möglichkeit, Dinge einzuschließen?“
„Du hast doch Güter in die Goldkammer bringen lassen?“, war die erstaunte Antwort.
„Sicher ... Aber ich besitze anderes von Wert. Für den täglichen Gebrauch. Es ... gibt keine Schlösser“, sagte die Naltivi.
„Nun, es gibt Riegel“, hielt Rilan ihr entgegen.
„Von innen. Wie kann ich mein Eigen vor Diebstahl schützen, wenn ich nicht in der Kammer bin?“
„Gebietin, keiner würde es wagen, dich zu bestehlen. Wer dich bestiehlt, bestiehlt Runjhày, und die Strafen bei einer Entdeckung wären hart. Sei unbesorgt.“
„Gut“, sprach sie, doch er spürte, dass dies allein ein Wort war.
„Wäre dir eine Truhe recht?“, fragte er. „Mit einem Schloss?“
Erleichterung erschien in ihrem Blick.
„Ich lasse dir eine bringen“, versprach Rilan. „Noch heute.“
Die in schmückenden Künsten geschulte Nyrden war beschämt, als sie erkannte, dass ausgerechnet der Heerführer bessere Schminke zu reiben verstand als sie selbst. Nach anfänglicher Scheu fragte sie ihn darum. Gerne zeigte er ihr die Fertigung seiner Farben und nahm ebenso gerne färbende getrocknete Pflanzen und Steinpulver an. Kelons offensichtliches Werben erschreckte die Neugezogene trotz seiner Freundlichkeit wie der ungewöhnlichen Wohlgestalt des Lerusmen. Obwohl ihr Blick von ihm angezogen wurde, scheute Nyrden für eine Weile seine Gesellschaft, was ihn dazu bewegte, sich noch mehr für sie herauszuputzen. Gewöhnlich hielt Kelon sein Haar einfach zurückgebunden. Suchte er ein wenig Ruhe vor den schlangestehenden Frauen Runjhàys, trug er den Geeintenzopf, selbst wenn dieser eine falsche Auskunft gab. Aber nun fiel auf, dass Kelon das Haar offen trug, wenn er Nyrdens Anwesenheit erwartete. Sein Blick lockte sie, seine Stimme warb um sie. Sein gewohntes unleises Werbespiel war höflichen Aufmerksamkeiten gewichen. Er holte die Naltivi zum Mahl ab oder zeigte ihr in Begleitung ihres Stammesgefährten noch unbekannte Bereiche der Stadt. Nur noch zum Waffengebrauch war der Lerusme ungeschminkt zu sehen. Rilan beobachtete das zarte Reigen der beiden mit Staunen, denn er sah sie niemals ohne Jilla oder einander auch nur Arm in Arm.
Am Strohplatz, auf dem die Krieginnen Runjhàys ihre Übungen und Messkämpfe abhielten, fand sich Nyrden oft ein, um zuzusehen, besonders, war der Heerführer unter den Übenden. Die Schönheit in den Bewegungen der Krieginnen zog sie in Bann. Schnell lernte sie, deren Stärken und Schwächen allein aus der Beobachtung zu schätzen, und bald waren ihre Vermutungen im Voraus über noch unbekannte Kämpfende meist treffend, wennauch sie nicht darüber sprach und wennauch das Ausmaß an Gewalt sie manches Mal wieder vertrieb.
Mit niedergeschlagenen Augen hatte sich Nyrden als Platz für ihren Garten einen Bereich außerhalb der Stadtmauer erbeten. Er lag an der Sonnenseite zwischen Mauer, Strohplatz und Fluss und hatte in früheren Zeiten erst als Ratsherberge und dann als Kampfübungsplatz gedient, wurde jedoch schon lange nur noch als Weide genutzt. Ihm gegenüber, am jenseitigen Ufer, an dem auch der Tempel stand, befand sich Runjhàys Hafen.
Den Stadtgarten, in dem Obst, Gemüse und Kräuter angebaut wurden, hatte Nyrden nach einer Besichtigung und einigen höflichen Worten in der Obhut der beiden Gärtner belassen.
Als es Frühling wurde, begann sie noch während der kleinen Regenzeit, mit Jilla ihre Pflanzenstätte einzurichten. Lange hatten die Naltivi im Winter mit allen Rat gehalten, die ihnen Wissen über Bergpflanzen geben konnten, und Karte um Karte des künftigen Gartens gezeichnet. Seit die Erde bearbeitet werden konnte, waren sie mit einigen Hilfinnen am Werk.
Eine Wassermeistin kam eigens für die Errichtung von Läufen und Teichen nach Runjhày.
Nyrden ließ sie eine Anlage bauen, deren Rohre vom Fluss zum höchsten Teil des Gartens reichen sollten. Von dort würden mit steinernen Blüten und Ranken gezierte Rinnen durch das Gelände laufen. Bis der Fluss das Gebiet jedoch speisen würde, trugen die darin Werkenden täglich dutzende Eimer Wassers vom Ufer hinauf.
Nyrden ließ aus Naltivi und aus den niedergelegenen Teilen Runjhàys Sämereien, Schösslinge, große Hecken, Büsche, sogar Bäume kommen und Letztere pfahlbefestigt neben den wenigen Bäumen einpflanzen, die sich am Orte gehalten hatten. Der Garten hatte mittlerweile flussabwärts zwei Äcker verschlungen und wuchs weiterhin. Eine riesenhafte Schaukel, in der mehr als fünf Liegende Raum fanden, traf mit einer reichen Ladung ein und wurde an einem eigenen Gerüst aufgehängt. „Weil die Bäume noch nicht groß genug sind“, hatte Nyrden erklärt. „Und ihre Wurzeln erst in einigen Jahren belastbar genug sein werden.“
Monde vergingen in Werk.
Die Ruhetage verbrachten jene, die sich nicht zurückzogen, in Spiel, Tanz und Musik. Jilla gewöhnte sich an, die Halle an den Vorabenden dieser Tage mit Gartenzier zu schmücken.
Es war zunächst ungewohnt für die Naltivi gewesen, dass es an den Ruhetagen nur kaltes Essen gab. Der Truchsess und die Seinen sollten nicht in unnotem Werk gehalten werden.
Aber ähnlich der veränderten Kleiderwahl, erkannte Nyrden ihre eigene Freude an der Schlichtheit Runjhàys auch darin, und sie genoss die Speisen, die nach Maß ihres Volkes karg zu nennen gewesen wären. Dennoch ergab sich eine Schwernis, die sie sicher auf Jahre still ertragen hätte, wenn Rilan sie nicht darauf angesprochen hätte.
Von einer der Bänke, die in der Pflanzenstätte aufgestellt worden waren, bot sich der Blick auf den Horizont. Seit es wärmer geworden war, verbrachte Nyrden gerne ihre werklose Zeit dort. Eines Abends trat der Stadtwahrer mit ernstem Gesicht an die beiden Naltivi heran, die gemeinsam die Aussicht genossen. Jilla stand sogleich auf, ehrte ihn und verließ sie.
Rilan setzte sich.
„Der Garten ist schon jetzt eine Augenfreude“, begann er das Gespräch.
Nyrden erstrahlte.
„Freundin“, sagte er tastend. „Fühlst du dich hier wohl?“
„Sehr.“ Sie verneigte sich.
Er hielt inne. Sie war eine drittgeborene Naltivi. Welche Antwort hatte er erwartet? „Mir fällt auf, dass Jilla und du ... Ihr esst nur einmal am Tag.“
Sie bejahte. „Das ist ein Gesetz, Gebieter.“
„Ich ... weiß. Als Ehrung für das Haus.“ Er zögerte. „Es liegt mir fern, die Regeln Naltivis anzuzweifeln. Dort mögen sie gewiss zum Segen gereichen. Ich weiß, dass Naltivi durch diesen Brauch die Anmut und Bescheidenheit der Spätergeborenen zu bewahren wünscht.
Doch es verstört mein Haus, euch beide von Tag zu Tag schmaler werden zu sehen. Eine Prunkmahlzeit am Nachmittag, wie sie in der Ebene üblich ist, können wir auf Runjhày nicht einführen, selbst wenn auch wir hier nur am Nachmittag als Haus gemeinsam essen.
Ich sorge mich um euch. Runjhày ist es ein Zeichen von Armut, magert ihr ab.“
Nyrden, die sich mit ihrem Hunger als Dienst schon abgefunden hatte, verstand nur Zweifel an ihrer Schönheit, die für das Haus zu erhalten Pflicht für sie war. Wie es der Sitte ihres Volkes entsprach, senkte sie unter dem Tadel den Kopf und drehte die Handflächen von sich. „Was kann ich tun?“, fragte sie bange.
„Dich im Essen den Gebräuchen Runjhàys anschließen.“ Rilan zögerte erneut. „Es hätte größere Bedeutung als die Kleider, die du nun nach seinem Brauch trägst.“
Sie versprach es und erschien mit ihrem Stammesgefährten bereits am nächsten Morgen zum Mahl. Rilan war sicher, ihnen Gewalt anzutun, zog diese jedoch dem allmählichen Verhungern der beiden und der Verunsicherung der Übrigen vor.
Zur Sonnenwende, für die sich auch Mawakai in der Stadt eingefunden hatte, lud Nyrden zu einem kleinen Fest, denn der Garten war in seinen Grundlagen gestaltet. Neugierig machte sich Runjhày auf, ihn zu beschauen.
Große, dichte Nusshecken umfriedeten das Gebiet, weiteres gestutztes Buschwerk im Inneren begleitete gepflegte Wege und teilte Bereiche voneinander ab. Manche von diesen hielten in den Hecken gelegene Einschnitte, mitunter auch kleine Räume mit Sitzgelegenheiten, Rauchschalen und Düften bereit. Von einigen Nischen führten kleine Pfade zu verborgenen Orten mit Böden aus buntsteinernen Bildern, die Tiere, Pflanzen oder Quellen darstellten.
Winzige Wasserläufe waren dort ebenfalls anzutreffen; kleine Treppen, die in Ebenen mit und ohne Sitzgelegenheiten mündeten; hölzerne Stege, die über fischreiche Teiche führten.
Manche der Plätze waren überdacht, andere von einem Blütenmeer umgeben, doch keine zwei glichen einander. Der Garten hielt nur einzelne obsttragende Bäume, wenige Beerensträucher und duftende Kräuter; es gab kein Gemüse. Die Pflanzen schienen allein der Zierde zu dienen. Da Nyrden die Priestinnen darum gebeten hatte, die den Göttinnen gewidmeten Bereiche ohne Zeuginnen zu weihen, blieb die Bedeutung weiter Teile des Gartens den meisten Runjhày unerklärt.
