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"Ich" ist "wir alle". Wenn wir das irgendwann denken können, wird die Welt ein glücklicher Ort sein. Derimen Es spricht nichts dagegen, dass es allen gut geht. Unser Wohlstand verpflichtet uns, ihn gerecht miteinander zu teilen. Imen Unfreiheit ist das Leben des Zugewiesenen statt des Eigenen. Freiheit bedeutet die Freiheit von Abhängigkeit, die von Angst, von Zwang und Demütigungen. Sie bedeutet nicht die Freiheit von Verantwortung. Sie bedeutet die Möglichkeit, das eigene Beste zu geben. Auch wenn es nicht dem entspricht, was andere fordern. Banés Eine Erzählung zum Bedingungslosen Grundeinkommen. Mit dem Versuch einer gendergerechten lesbaren Sprache für den Roman.
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Seitenzahl: 588
Veröffentlichungsjahr: 2020
M. D. Schuster
Jahrgang 1976, schreibt seit dem 11. Lebensjahr Gedichte, Theaterstücke und Romane, später auch Abhandlungen über Gesellschaftsstrukturen und Kunst. Machte eine Gesangsausbildung und studierte Bildhauerei und Graphik (Dipl. f. Bild. K.) sowie Bildungswissenschaft (B.A.).
Literarische und bildungswissenschaftliche Publikationen. Kurse und Vorträge in Schulen, Universitäten, Kulturvereinen und Museen. Ausstellungen in Deutschland, Frankreich und China.
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Für meine Familie, ihre verwandten und ihre gewählten Mitglieder
„‚Ich‘ ist ‚wir alle‘. Wenn wir das irgendwann denken können,
wird die Welt ein glücklicher Ort sein.“
Derimen
„Es spricht nichts dagegen, dass es allen gut geht.
Unser Wohlstand verpflichtet uns, ihn gerecht miteinander zu teilen.“
Imen
„Unfreiheit ist das Leben des Zugewiesenen statt des Eigenen.
Freiheit bedeutet die Freiheit von Abhängigkeit, die von Angst, von Zwang
und Demütigungen. Sie bedeutet nicht die Freiheit von Verantwortung.
Sie bedeutet die Möglichkeit, das eigene Beste zu geben.
Auch wenn es nicht dem entspricht, was andere fordern.“
Banés
„Erwartet nicht Banés“, ermahnte Imen seine Sippe.
Die Übrigen unterbrachen ihr Gespräch und sahen ihn an.
„Sehr glaubhaft, Vater“, erwiderte Aksua, und Rowun fügte hinzu: „Du kaust doch selbst fast an den Nägeln.“
Imen gab es auf, ruhevolle Würde verbreiten zu wollen, was ihm ohnehin keines recht geglaubt hatte. Alle waren ungeduldig, allein Ransar und Ahte saßen ein wenig gelassener zwischen den anderen Kanhartiden.
„Ihr werdet also den Boten unterhalten“, wandte sich Derimen mit einem Mal an die drei Älteren. „Und wir...“
„...damit ihr die Gelegenheit bekommt, ein gewisses Schreiben zu lesen“, lächelte Ahte. „Ach, Mutter.“
„Schon gut. Aber legt es so hin, dass ich es ebenfalls lesen kann, wenn ich mich kurz zurückziehe.“ Sie zwinkerte und schaute dann fragend zu Aksua, der am geöffneten Altan stand und als Antwort still verneinte.
Seit sie Nachricht vom Eintreffen des Gastes in Lesnen erhalten hatten, kamen sie nicht mehr wirklich zur Ruhe. Es war ausgeschlossen, dass ein Gesandter der Viralí ohne Nachricht von Banés kommen würde. Vielleicht, und diese Hoffnung, die alle teilten und die Imen nun erstmals ausgesprochen hatte, vielleicht befand sich Banés gar in seinem Gefolge. Denn die Stadtwahrin hatte erklären lassen, dass dieses Haus von dem Gast als Herberge gewünscht worden sei.
Banés. Das Heer hatte ihn einst als Knaben in einer Schlacht gegen Viralí aufgegriffen und beim Zurückweichen mitgenommen, als Pressgeisel, um seinen Stamm zu Verhandlungen zu zwingen. In Lesnen angekommen, war er in der Sippe der Kanhartiden untergebracht worden. Der Zehnjährige war verängstigt gewesen und vordem keineswegs gut behandelt worden, was sein Hunger und seine Verletzungen bezeugt hatten. Banés war der Landessprache nicht mächtig gewesen und hatte mehrfach zu fliehen versucht – mehr als eine Mondesreise zu Pferde von der Heimat entfernt.
Imen, Ahte und Ransar waren nicht glücklich darüber gewesen, einen Gefangenen statt eines Gastes aufnehmen zu müssen, doch das Wort des Stadtrates wog darin mehr als ihres. So hatten sie versucht, das Vertrauen des Viralí zu gewinnen, und sich bemüht, ihm die Sippe zu ersetzen. Sechzehn Jahre lang war Banés ihnen ein viertes Kind gewesen, in dem schließlich an Nähe und Liebe kein Unterschied mehr zu den übrigen Kindern bestand. Seine Ausbildung und darauf sein Werk als Bootsbauer hatten ihn an den Hafen geführt, und vor acht Jahren, als er sich entschieden hatte, in die Flotte Lesnens einzutreten, hatten ihre Völker unerwartet Frieden geschlossen. Banés hatte gehen müssen. Das ganze Haus war darüber betrübt gewesen, er selbst hatte bei dem damaligen Stadtwahrer darum gesucht, bleiben zu können, was jedoch vergebens gewesen war. Wenn heute Botinnen zwischen den Räten Lesnens und Viralís auf den Weg geschickt wurden, nahmen sie jedes Mal Schreiben für die Getrennten mit, deren Sehnsucht nacheinander blieb.
Derimen trat auf den Altan. „Wie lange brauchen sie denn? Sie sind doch seit Mittag in der Stadt!“
Ihre Brüder grinsten über sie.
„Und für den Dämmer angekündigt. Es ist noch hell.“ Das kam von Aksua.
„Oh, ja. Lasst uns vernünftig sein“, rollte sie mit den Augen.
Er lachte.
Sie blickte erneut hinaus, wandte sich dann um. „Ist das Essen vorbereitet, oder können wir noch...“
„Selbstverständlich.“ Imen schnaufte missbilligend, was selten vorkam und seine Anspannung bezeugte. „Gebrauche deine Nase. Es gibt auch Traubentaschen.“ Diese Küchlein waren Banés‘ liebste Speise gewesen. Imen widmete der Jüngeren ein Kopfschütteln, „aber ich sehe trotzdem nach“, und wollte die Runde verlassen, doch Ransar hielt ihn auf und ging an seiner Statt in die Küche, die von Hilfen bevölkert war, wie immer, wenn der Rat ihnen mehrere Gäste schickte.
Zeit verging. Ehe die Unrast unerträglich wurde, schlug Ahte ein Brettspiel vor, und noch während sie es aufbauten, klangen Hufgeräusche vom gepflasterten Hof herauf. Mit Mühe hielten sich die Versammelten zurück und stürzten nicht auf den Altan, sondern räumten das Spiel fort und harrten auf die Ankömmlinge, die zu ihnen geführt wurden.
Als Erster trat der Gesandte ein, der übers ganze Gesicht strahlte. Er trug, wie es bei den Nordvölkern üblich war, einen gestutzten Bart, grobgewebte wollene Kleider und schwere Stiefel. Er war breiter geworden, sein nun langes Haar wurde in einem Zopf gehalten, doch es war Banés selbst. „Gesundheit diesem Hause“, sagte er mit einer Ehrung.
„Unsere Opfer wurden erhört!“ Imen herzte ihn. „Du bist zurückgekehrt.“
„Banés!“ Rowun und Aksua eilten gleichzeitig hinzu und mussten sich bemühen, ihn nacheinander zu umarmen. Ahte schloss sich an. Sie schien ihn nicht mehr loslassen zu wollen.
Erst als dessen Gefolge, sechs weitere riesenhafte Viralí, sich in seinem Rücken auffächerte, schickte sie sich zu einer förmlichen Ehrung an, hielt angesichts Banés‘ schätzenden Blickes auf Derimen jedoch inne.
Diese stand mit verschränkten Armen da. „Du elendes Scheusal“, ließ sie sich freundlich tadelnd vernehmen. „Das hättest du mir schreiben können!“ Dann lachte sie und flog ihm entgegen.
„Ich wollte euch überraschen“, erklärte er an ihrer Schulter.
„Von wegen! Du bist ein Scheusal.“
„Wo ist Udras?“, fragte er mit Walle.
„Sie schläft bei Freundinnen.“
Er lautete bedauernd.
„Bald wirst du sie kennenlernen“, versprach Derimen.
Ahtes Schwester, die sich in der Begrüßung zurückgehalten hatte, trat nun vor. „Endlich wieder hier, Hellhaut?“
Die übrigen Viralí versteiften sich, Ransar riss die Augen auf, schwankte, ob eine Entschuldigung angemessen wäre, ob die Gäste den alten Scherz als beleidigend auffassten. Aber als Banés grinste, „um dir Honigrollen aus der Satteltasche zu stehlen, Schwarzauge“, und sie an sich drückte, verlor die Luft ihre Spanne wieder. Banés stellte seine Begleitung vor, die willkommen geheißen wurde und über das fehlerlose Viralí der Gastgebenden verblüfft war.
Das Haus wies die Zimmer zu, half beim Herauftragen des Gepäcks. Danach wurde zum Mahl geladen.
Es war ein heißer Tag, wie es in Lesnens frühen Herbsten nicht selten war. Die Ratsbediensteten hatten den Tisch im Garten gedeckt. In der gepflegten, sonnendurchfluteten Pflanzenstätte streifte staunende Bewunderung der Angekommenen über die farbige Pracht, in deren Mitte die Speisen auf sie warteten.
„Oh!“ Banés hatte die Traubentaschen entdeckt. Er strahlte. „Wurde ich also doch erwartet.“
„Erhofft“, verbesserte Imen.
Alle Unterhaltungen wurden höflich auf Viralí geführt, obwohl anfangs ersichtlich geworden war, dass mancher Gast ausgezeichnetes Lesnen sprach. Nach dem Essen rief Frexél, eine Kriegin mittleren Alters, die Ihren zu ungewöhnlich früher Nachtruhe und verabschiedete sich mit einem Lächeln. Den Wiedervereinten war gewiss, dass sie ihnen Weile miteinander lassen wollte. Sie trugen Most und Stühle auf den Altan; Imen, Ahte und Ransar nahmen ihre gewohnten Plätze auf der Bank ein, welche das ganze Jahr dort stand. Die Hitze des Tages wich angenehmer Abendwärme. Banés legte nun auch sein Überhemd mit den Rangeszeichen Viralís ab. Wohlig streckte er sich und lehnte den Kopf an die Hauswand.
„Wie schön du geworden bist“, bemerkte Ransar. „Trotz des Fells in deinem Gesicht.“
Er lachte.
„Aber du wirst es doch scheren, oder?“
„Das habe ich vor.“
„Lass es so“, riet Derimen. „Es sieht sehr gut aus.“
Er besah sie schmunzelnd.
„Wie lange wirst du denn eigentlich bleiben?“, wollte Rowun wissen.
„Ich habe nicht vor, wieder zu gehen“, entgegnete der Gefragte. „Außer, um Bericht zu erstatten.“
Die Runde merkte auf.
„Heißt dass, du wirst der neue...“
„...Botschafter Viralís in Lesnen, ja. Auf Lebenszeit, wenn ich mir nichts zuschulden kommen lasse.“
Derimen, die neben ihm saß, jauchzte leise auf. Er legte den Arm um sie.
„Es war nicht einfach, bei meiner Sippe dort durchzusetzen, mich als Botschafter zu senden“, berichtete er. „Aber schließlich konnte ich sie davon überzeugen, dass einer, dem Wohl und Frieden beider Völker am Herzen liegen, geeigneter ist als einer, der nicht einmal die Sprache spricht.“ Er verzog den Mund. „Es ist erstaunlich, wonach mitunter ausgesucht wird. Nun, meine Begleiter bleiben noch bis zum Vollmond. Wie lange kann ich euer Haus nutzen? Ich werde gleich anfangen, eine eigene Bleibe zu suchen.“
Imen hob abwehrend eine Hand. „Eure Zahl und die Dauer sind verabredet worden. Du kannst bleiben, so lange du es willst. Es ist seit den neuen Gesetzen über Zubau nicht leicht, hier ein Haus zu finden. Jenseits der Stadtmauer kannst du als Botschafter nicht leben. Uns ist es gerne, dich hier zu haben.“
Banés strahlte.
Sie blieben beisammen, bis es dämmerte und die beiden Krieginnen Aksua und Ransar, die am Morgen früh aufbrechen mussten, in ihre Kammern gingen. Imen und Ahte wollten noch einmal nach den Viralí sehen, bevor sie selbst zu Bett gehen würden. Eigentlich war das nicht nötig, denn die Ratsbediensteten sorgten während der Zeit der Unterbringung für die Gäste. Sich nicht noch einmal nach diesen zu erkundigen, wäre den Betagten jedoch undenkbar gewesen. Nach einem weiteren Becher Mostes verabschiedete sich auch Rowun.
Banés und Derimen blieben zurück, setzen sich auf die Bank und lehnten die Köpfe aneinander, wie sie es ehedem oft getan hatten.
Derimen seufzte tief.
„Wieder zuhause“, sagte Banés leise.
Sie sah ihn verwundert an. „Ist das so? Du warst so lange dort. Bei deiner Sippe.“
Er überlegte seine Antwort. „Beide sind meine Sippen, und beide sollten zuhause sein. Aber ich wollte nur hierher zurück. Sie sind Herkunft, und sie sind mir viel. Ich war nicht glücklich, sie zurückzulassen. Aber meine Liebe für euch ist eine andere.“ Sie drückte seine Hand. Er schnaufte. „Ich habe mehr über Verhandlungen gelernt, als ich je glaubte, dass in meinen Kopf hineinpassen würde. Ich kenne alle unsinnigen Abstammungsreihen und die Völkergeschichte des Südens der letzten Generationen. Jetzt kann ich wieder bei euch sein.“
Derimen war so berührt von seinen Worten, dass sie Flucht in einem Scherz suchte: „Freiwillig in Lesnen. Dabei wolltest du doch zur See.“
„Ja, wollte ich. Ist aber schon lange her. Und du, jüngste Ratssprechin seit Stadtgedenken?
Erfüllen sich deine Wünsche?“
„Heute ganz gewiss“, lächelte sie.
Kurze Stille.
„Was machen deine Männer?“, fragte er, mit einem Mal neckend.
Ihr Ellenbogen stieß ihn leicht in die Seite. „Was sollen sie schon machen. Unsinn.“
„Also noch immer kein Herzwärmer?“
Sie lachte. „Noch immer kein Herzwärmer.“
„Aber viele gebrochene Herzen.“
„Das ist ungerecht. Ich bitte keinen darum, sich an mich zu hängen. Und ich führe auch keine Liste.“
„Weil sie zu lang wäre?“
Ein erneuter, festerer Knuff in die Rippen.
Nun lachte Banés. Wiederum legte er den Arm um die Nebensitzende, gemeinsam blickten sie auf die schlafende Stadt. In Ferne waren einige Straßen beleuchtet, in denen selbst zu dieser fortgeschrittenen Nachtzeit noch Handel stattfand.
„Was ist um Rowun und Aksua?“, fragte der Ältere. „Sind sie gebunden?“
„Rowun sagt, er habe mit dem Rat zu viel zu tun, um sich eine zu suchen. Ich halte es für eine Ausrede. Imen und Ahte drängen sehr nach weiteren Enkelkindern. Und da ihnen Aksua nun höchstwahrscheinlich keine ermöglichen wird, liegt die Last auf ihm schwer.“
Banés brummte verstehend. „Und Aksua? Er hat sich in seinen Briefen über Bänder ausgeschwiegen.“
„Ist noch immer mit Esdri geeint.“
„Das sind jetzt ... zehn Jahre?“, überlegte er laut.
„Ja. Aber keine glücklichen. Es wäre besser gewesen, hätten sie sich vor Weile getrennt. Ich habe keine Ahnung, was sie aneinander hält, Glück gewiss nicht. Es kommt der Tag, an dem ich Esdri die Ohren abschneide. Er behandelt Aksua nicht gut, und ich bin sicher, dass er ihm nicht treu ist.“
„Das sagst du?“, staunte Banés.
Sie nahm tief Luft. „Es ist eine Frage der Absprache, oder? Wer sich mit mir zusammentut, weiß, dass ich Männer liebe. Und allein über die Ratsvertretung ständig neue kennenlerne.
Ich sage jedem, dass ich jetzt kein festes Band will.“
Er hob die Brauen.
„Aber Aksua braucht die Treue eines Mannes“, fuhr sie eilig fort. „Esdri weiß das und hat nicht einmal den Anstand, seinen anderen gut genug zu verbergen.“ Derimen schnaufte zornig. Dann fing sie sich. „Und du? Lässt du ein weinendes Herz zurück? Du hättest es mir doch geschrieben.“
„Das hätte ich. Ich hätte eine mitbringen können. Nein, du weißt alles. In den letzten beiden Jahren habe ich nur gelernt, nichts weiter.“
„Ich weiß alles?“, empörte sie sich. „Nur, dass du in den Rat Viralís wolltest. Ich habe gehofft, dir einmal in Verhandlungen zu begegnen. Und nun werden wir uns oft im Rat sehen“, freute sie sich. „Botschafter. Du. Das hätte ich nicht gedacht.“
„Boote werden in den Bergen nicht gebraucht“, lächelte er.
„Ein Glück. – Aber die Berufung auf Lebenszeit trägt ein ‚Falls‘, nicht wahr? Es steht nicht zum Besten zwischen Viralí und Lesnen.“
„Wie habe ich deinen Verstand vermisst“, lächelte er. „Es ist meine Aufgabe, dass es zum Besten kommt. Ich habe einige Handelsangebote im Gepäck, die es erleichtern sollen. Du wirst sie im Rat erfahren.“
Sie sann nach. „Ich bin so froh, dass du zurück bist. Ich glaubte, es wäre nicht möglich.“
„Es war schwer“, nickte Banés. „Vannét und Wuhtá waren sehr gekränkt.“ Es waren die Namen seiner Eltern in Viralí. „Sind es noch, denke ich. Aber dort bin ich nicht der Älteste.
Meine Schwestern sind in aller Augen bessere Erbinnen, weil sie in Waffen stehen und ich nicht. Dennoch war es Werk über Jahre, und ohne Frexéls Fürsprache hätte ich sicher nicht herkommen können.“
„Deine liebende Base.“
Er bejahte. „Die mir die Zeit in Viralí erträglich gemacht hat. Sie wollte euch kennenlernen.“
Derimen lächelte. „Ich freue mich darauf. Vielleicht schaffe ich es, mich dafür vom Rat freizustellen. Ich mag sie jetzt schon.“ Sie legte sich auf die Bank, bettete ihren Kopf auf Banés‘ Schoß und ließ die Beine über die Armlehne baumeln. „Warum hast du dir so viel Zeit gelassen? Mit deiner Rückkehr. Was war Werk über Jahre?“
„In der Hauptsache war es um Vannét und Wuhtá. Als Stadtbürger Lesnens hätte ich jederzeit hierher zurückkehren können, aber so sehr konnte ich sie nicht kränken. So habe ich einen Weg gesucht, mich für Viralí nützlich zu machen und im Selben wiederkommen zu können. Meine Gedanken verhielten recht lange auf dem Bootsbau, und ich suchte Ähnliches.“ Er lächelte. „Du hast mich auf den Gedanken gebracht, Botschafter zu werden.“
Derimen streckte den Hals und sah ihn fragend an.
„Deine seitenlangen Berichte über den Rat“, erklärte er. „Dein Einsatz, dein Gallesprudeln zum Wohl der Stadt. Zunächst habe ich es nur bewundert. Und war froh, dass du mir so viel von dir geschrieben hast, so war ich nicht ganz so einsam. Aber dann wurde mir klar, dass es einen Weg wies. Ich lernte also für den Rat Viralís. Vannét und Wuhtá waren froh. Bis ich ihnen sagte, dass ich nach Lesnen zurück wollte. Sie sind nicht glücklich darüber, aber letztlich haben sie zugestimmt.“
„Ich kann mir vorstellen, dass es ihnen schwer war. Werden sie dich denn besuchen kommen?“
„Sicher nicht. Es sei denn, Verhandlungen oder Geschäfte führen sie in die Nähe. Vannét ist noch immer sehr schlecht auf Lesnen zu sprechen. In Wuhtá hatte ich gegen Ende einen Verbündeten, leicht ist es ihm auch nicht. Bedingung unseres Abkommens ist, dass ich spätestens alle zwei Jahre nach Viralí reise und den Winter dort verbringe. Ich werde nächstes Jahr allerdings schon dort erwartet.“
Derimen war versonnen. „Du kannst ja einmal nachhorchen, ob du uns mitbringen kannst.
Nicht sehr bald, das verstehe ich. Aber im Lauf der Jahre. Ich würde diesen Teil der Sippe gerne kennenlernen. Den anderen ist es sicher ähnlich.“
„Nun bin ich hier“, erwiderte er froh. „Und entweder gehe ich jetzt ins Bett, oder ich brauche eine Decke.“
Sie setzte sich lachend wieder auf. „Na, komm. Das beste Gästegemach ist für den Gesandten Viralís hergerichtet.“
Einige Augenblicke später standen sie in Imens ehedemem Schriftenzimmer. „Warum hat er es aufgegeben?“, erkundigte sich Banés mit einem schweifenden Blick umher, der in Erinnerungen war.
„Er brauchte es nicht mehr. Imen und Ahte ist der Garten heute mehr.“
Er lächelte. „Was ist aus der Kinderkammer geworden?“
„Eine für die drei Eltern bemerkenswert unordentliche Sammlung von altem Zeug. Sie soll bald ebenfalls eine Gästekammer werden.“
„Kann ich sie sehen?“ Banés wirkte mit einem Mal wacher als zuvor.
„Willst du dort schlafen?“, erkundigte Derimen sich einladend.
„Geht das?“ Er lachte. „Es wäre ein wenig albern, oder?“
„Und wenn schon. Ich verrate es nicht. Eine Liege steht dort.“ Sie zwinkerte und nahm Decke und Kissen an sich, Banés zog das Bett ab. Nachdem die Liege bezogen war, verabschiedeten sich die beiden mit einer innigen Umarmung.
Zur allgemeinen Überraschung verkündete Frexél beim morgendlichen Essen, dass sie und ihre Begleitung noch an diesem Tag zur Heimkehr aufbrechen würden.
„Ihr seid hier gerngesehen“, bekundete Imen. „Ihr wurdet uns bis zum Vollmond als Gäste angekündigt.“
„Wir wollten euch die Stadt zeigen“, fügte Rowun hinzu.
„Ihr seid sehr freundlich. Seid bedankt“, ehrte Frexél sie. „Ich werde in Viralí davon berichten, wie wohl wir hier Aufnahme gefunden haben und dass Banés in guter Gesellschaft ist.
Aber die Meinen erwarteten Krieg, als wir aufbrachen, und ich will bei ihnen sein, so bald es möglich ist.“
„Oh.“ Imen sah betroffen aus. „Gegen Risria, vermute ich.“
„Allerdings. Wir werden nicht rechtzeitig sein, um ihnen beistehen zu können, aber ich kann hier nicht Zeit in Muße verbringen, während sie vielleicht kämpfen und vielleicht unseren Trost brauchen. Vielleicht ist jetzt schon alles entschieden, aber wir wollen zurück.“
„Das verstehe ich“, sagte Ahte. „Wir werden für die Wohle der Deinen opfern. Willst du uns noch in den Tempel begleiten?“
„Das kann nicht schaden“, nickte Frexél. „Ich danke.“ Sie wandte sich an Aksua: „Ihr brecht heute auf?“
Er bejahte und kam ihrer Bitte zuvor: „Nach dem Tempelgang. Wenn euch das nicht zu hastig ist, könnt ihr den Teil des Weges, den wir gemeinsam halten, gerne im Schutz des Heeres verbringen.“
„Musst du dazu nicht die Erlaubnis deiner Oberen einholen?“, war sie verwundert.
Er verneinte. „Dafür, die Nahen meines Bruders einzuladen? Gewiss nicht.“
Bleibende und Scheidende trafen sich im Hof bei den gesattelten Pferden.
Wehmütig verabschiedete sich Aksua von Banés und murmelte bedauernd: „Elendes Heer.“
Ransar neben ihm verzog missbilligend das Gesicht.
„Aber ich bin froh, dich immerhin gesehen zu haben, Fastzwilling.“
Banés drückte ihn an sich. „Wir werden es wieder öfter.“
Der Abschied von den Viralí war kurz und wenig herzlich. Allein mit Frexél tauschte Banés eine Umarmung, Grüße an seine Herkunftssippe ausrichtend. Das Haus sah den Krieginnen nach, bis sie auf der Straße nicht mehr zu sehen waren. Dann gingen Rowun und Derimen zum Rat.
Banés kehrte in die Kammer zurück und legte seinen Rangesschmuck ab. Er wollte seine viel zu warmen Kleider noch am selben Vormittag durch eines der einfachen Langhemden, die in der Stadt üblich waren, ersetzen. Als er sich erkundigte, welche Nähstube zu empfehlen sei, verblüffte Imen ihn mit der Erklärung, er habe Banés‘ Kleider von ehedem aufgehoben. Sie hatten in einer Truhe gelegen, bis Imen sie aufgesorgt hatte, in der Hoffnung, Banés würde unter den zu Beherbergenden sein. Die Hemden hielten unterschiedliche Farben, hatten die Jahre schadelos überstanden und gewährten ihrem Träger lange Dauer, bis neue angefertigt werden mussten. Banés strahlte, als er das erste übergestreift hatte. Später richtete er sich in der Kammer ein, welche die vier Geschwister als Kinder gemeinsam bewohnt hatten, bis sie als Heranwachsende in einzelne kleinere Kammern umgezogen waren.
Imen witterte eine Gelegenheit, das Haus „von Gerümpel“ zu befreien, und ging ihm tatkräftig zur Hand. Ahte, die auf dem Stück Landes werkte, das sie vor der Stadtmauer besaßen, bestand darauf, es allein für den Winter vorzubereiten, so dass die beiden anderen das Haus bis zum Abend für sich hatten. Dort staunte Banés über Veränderungen, die selbst Umbauten mit einschlossen.
Imen war früher Ratsmitglied gewesen, Ahte hatte in den drei dutzend Jahren ihres Kriegsdienstes Ansehen und hohen Stand im Heer erlangt. Mit dem Beginn von Imens Altersruhe hätten die, welche von den mittleren Kanhartiden „die drei Eltern“ genannt wurden, ihr Haus in dem erhöhten Bereich der Stadt, in dem Würdentragende wohnten, verlassen müssen, da es dem Rat gehörte. Um es bis zum Tod nutzen zu können, hatten sie sich verpflichtet, Gäste des Rates aufzunehmen, was ruheständige Ratsmitglieder nicht selten taten. So hatten sie die ursprünglich der Sippe zugedachten Räume in der oberen Ebene für die Begastung aufgegeben. Allein Aksua, der seine kurzen Aufenthalte in der Stadt bei ihnen verbrachte, bewohnte dort Banés‘ früheres Zimmer mit Blick auf den Garten. Dass Imen und Ahte und auch Ransar ihre Gemächer nun in der unteren Ebene hielten, verwunderte Banés, und er fragte darum, denn in Lesnen waren Schlafräume gewöhnlich nicht in Bodenhöhe zu finden. Eine Ausnahme waren die Zimmer von Hochbetagten oder Kranken, denen Stufen Schwernisse bereiteten, doch dies konnte nicht der Grund sein.
„Eine Tages wird er es“, sagte Imen voraus. „Aber noch ist es ... Zum einen ist es angenehm, sich abends wirklich zurückziehen zu können. Zum anderen ist es die Nähe zum Garten. Ich weiß, es ist nicht üblich, und wir waren uns lange nicht sicher. Letztlich hat uns Derimen dazu geraten. Meine Generation ist vielleicht mitunter tatsächlich zu sehr darauf bedacht, was die Nachbarn sagen könnten.“ Er sann kurz nach. „Wie auch immer, nun wohnen wir dort, und es gibt keinen herrlicheren Morgen als einen, der mit einem Gang durch den Garten beginnt.“
Banés nickte. „Da hast du Recht. Wie habe ich Gärten vermisst.“
Für anderntags hatte Derimen sie eingeladen. Am verregneten Nachmittag machten sich Banés und Imen auf; eine von Ahtes alten Verletzungen schmerzte an diesem Tag ärger als sonst und hielt sie im Haus zurück, obwohl der Weg nicht weit war. Banés ging langsam, weil sein Blick immer wieder auf Vertrautem und Neuerungen der Wohngegend haftete, in der er viele Jahre gelebt hatte.
Sie erreichten Derimens Haus, dessen offenstehendes Tor es mit prachtvollen Bemalungen für diejenigen, die dies zu lesen vermochten, als das der Ratssprechin auswies, und traten zunächst in einen geräumigen pflanzenreichen Innenhof, um den das Haus sich von drei Seiten schmiegte. Wie in der Stadt üblich, war es zweistöckig, hielt dabei aber ungeheure Größe und besaß zwei vom mittleren Teil abgehende Flügel. Der aus der Ankommenden Sicht linke war ein gutes Drittel länger als der rechte, vor dem der Hof in einen das Haus fast umrundenden Garten überging. Zu Säulen beschnittene Büsche säumten den Weg, Zierpflanzen warteten mit großer Blütenpracht auf. Im Herzen des Geländes befand sich ein Brunnen, von Sitzbänken umgeben. Dort saß die Gastgebin in einem Gespräch mit Rowun, der ebenfalls in der Nähe wohnte.
Derimen gewahrte sie und sprang auf, um ihnen entgegenzulaufen. Als sie Banés sah, rief sie entsetzt: „Oh, nein! Der Bart war so schön!“
Er lachte und umarmte sie.
„Warum hast du ihn geschoren? Lesnens Frauen hätten dir zu Füßen gelegen!“
„Darauf lege ich wenig Wert.“
Derimen schnitt eine Grimasse, ehe sie rief: „Udras! Sie sind da!“
Ein Quieken war zu hören, dann kam eine Mede aus dem Garten gelaufen. Vor Banés blieb sie stehen. „Das geht?“, erkundigte sie sich mit großen Augen.
„Was denn?“, erwiderte er, verblüfft über diese Begrüßung.
„So groß zu werden.“
Rowun lachte.
Banés ging in die Hocke und schätzte in Wohle den offenen Blick der Kleinen.
„Was hast du gegessen, um so groß zu werden?“, fragte diese beharrlich weiter.
„Udras“, mahnte Derimen.
„In Viralí sind alle ein wenig größer“, antwortete der Neugekommene freundlich.
„Warum?“
„Keine Ahnung. Ich bin Banés.“
„Weiß ich doch“, strahlte sie. „Ich weiß alles über dich.“
„Wirklich?“
„Bestimmt. Auch dass du die gleichen Kletterbäume hattest wie ich. Und dass Ahte deinetwegen die unteren Äste von den Wirden geschnitten hat. Weil du dir fast was gebrochen hättest.“
„Oh, ja“, erinnerte er sich.
„Ich komme aber trotzdem hoch“, prahlte sie.
„Wegen der losen Steine in der Mauer?“, grinste er.
„Genau.“
„Was?“, ließ sich Imen vernehmen.
Banés richtete sich grinsend wieder auf. „Kinder finden einen Weg. Das hast du schon immer gesagt.“
Der Gegenüber verzog die Stirn.
„Kommt.“ Derimen drehte sich einer Tür zu, die im rechten Flügel offenstand, aber Udras zupfte sie am Ärmel. „Gäste gehen doch durch die Empfangshalle.“
Derimen lächelte. „Nur zu.“
Die Kleine nahm Banés ohne Scheu bei der Hand und zog ihn zum doppelflügeligen Portal, mit dem sich der Hauptteil des Gebäudes hinter dem Brunnen öffnete. Sie betraten eine große, prunkvoll eingerichtete Halle. In ihrer Mitte wies eine breite Treppe in die obere Ebene, rechts und links gingen Flure ab. Udras lief voran und erklärte einige Räume. Hinter der Treppe verborgen befand sich die Küche, durch einen engen Gang erreichbar, an den auch die Vorratskammer, ein Abtritt und eine Tür in den Garten grenzten. Die Mede führte den Gast in der unteren Ebene des rechten Flügels in ein gepflegtes riesenhaftes Empfangszimmer, danach in eine Esskammer, der zwei kleinere Räume folgten, welche unbenutzt wirkten und in denen sich Staub sammelte, die aber kostbare Möbel enthielten und deren Wände kunstvoll bemalt waren.
Banés staunte. Dieser Prunk war bemerkenswert und offensichtlich in Diensten, Gäste zu beeindrucken. Aber er widersprach der Lehre von Schlichtheit an Gütern, in der die drei Eltern ihre Kinder angeleitet hatten. Ebenso den Ansichten ihre Tochter, die nicht nur mehrfach im Rat für Bescheidenheit gesprochen, sondern nach der kargen Ernte vor drei Jahren einen völligen halbjährlichen Verzicht aller Ratsmitglieder auf Entlohnung durchgesetzt hatte. Übrige Wohlhabende der Stadt waren ihrem Beispiel gefolgt, einige hatten zudem ihre Bürginnengabe in erhandeltes Saatgut gewechselt und als Schenkung auf die sorgenden Höfe geschickt. So hatten die Ackerbauenden sich erholen und ihre Felder ohne Einschränkungen bestellen können, was Lesnen bereits zur nächsten Ernte hohen Ertrag statt andauernder Enge eingebracht hatte. Seitdem war der Rat angesehener als zuvor, und der Ruf seiner jungen Sprechin eilte bis in die Berge.
„Scheußlich, nicht?“, riss ihre Stimme Banés aus den Gedanken.
Er lachte. „Prunkvoll. Ohne all das Zeug wäre es ein sehr schönes Haus.“
„Es gehört mir nicht“, sagte sie entschuldigend. „Es ist viel zu groß. Wir nutzen drei Wohnräume, die Küche und die Waschkammer! Und den Abtritt. Wenn ich förmliche Empfänge abhalten muss oder der Rat hier Gäste bewirtet, wird das Haus in seinem Auftrag gepflegt.
Ganzjährig der Garten, zu meiner Freude. Aber sonst staubt es ein.“ Sie verdrehte die Augen.
„Ihr lebt seit ... vier Jahren hier?“
„Ja. Es ist viel zu groß. Anfangs hat sich Udras hier ständig verlaufen.“
„Ist gar nicht wahr“, empörte die Kleine sich.
Derimen schmunzelte gutmütig.
Die letzten Zimmer wurden bewohnt. Dort lud eine helle Kaminstube mit drei unterschiedlich großen Liegen zum Verweilen ein. Einer der leuchtend farbige Teppiche, wie sie in der Stadt fast jedes Haus kannte, bedeckte den größten Teil des Bodens in einem warmen Rotgelb. Mostbecher, Obst und Brot warteten vorbereitet auf einem niedrigen Tisch. An einem Fenster standen ein Arbeitstisch mit Stuhl und ein Schriftenschrank, in dem auch Bücherrollen lagen; zwei Wärmesteinlampen, eine größere bei den Speisen, eine kleine am Werk; Holz im Kamin – mehr gab es nicht im Raum, nicht einmal Regale oder Wandschmuck. Die Wände waren weiß und frei, wie Derimen es schon früher gehalten hatte. Unter den klappbaren Ruheflächen der Liegen war, wie Udras vorführte, das untergebracht, was in anderen Häusern in Abstellkammern und an den Wänden Platz fand: Hausrat, Putzzeug, Spiele. Die Tür neben dem Schreibtisch war die, durch welche die Ratssprechin hatte gehen wollen. Sie wurde als gewöhnlicher Eintritt benutzt.
„Das sieht eher nach dir aus“, lächelte Banés. „Aber warum hier unten?“
„Weil es dort“, Derimen blickte kurz gen Decke, „nur Räume gibt, in denen sich ein kleines Haus verstecken könnte. Ich halte es für besser, Gästen diese Ehre zuteil werden zu lassen.“
Er lachte.
Die Jüngere wies in einen kurzen Flur, von dem aus zwei gleichgroße Kammern abgingen, die letzten des Flügels. „Dort schlafen wir.“
Die Einrichtung des linken kleinen Gemachs stellten ein Bett, eine Kleiderkiste mit einer weiteren Leuchte darauf und ein Korb mit Derimens Musikinstrumenten. Vor dem Fenster befand sich eine fast brusthohe Hecke. Banés trat heran. Als er in den verregneten Lustgarten sah, der das Haus umfasste, stieß er einen erstaunten Laut aus. „Ist das schön!“
„Komme oft zu Besuch“, riet Derimen. „So kommt er wenigstens zu Ehren.“
Der rechte Raum war um einiges bestückter: Gestelle mit Kinderspielzeug säumten zwei Wände; eine Truhe, ein Bett, ein Tisch mit Sitzmatte und eine am Fenster lehnende kleine Leiter, über die Udras in den Innenhof klettern konnte, füllten die Kammer. Beide Räume waren offensichtlich einmal als Bedienstetenzimmer gebaut worden. Banés lächelte bei dem Gedanken, wie wenig dies dem Rat gefallen mochte. Es war eine Sache, Werte von Gleichwertigkeit der Bürginnen auszurufen und ihre Eintracht anzustreben. Eine Vertretin zu haben, die dies bedenkenlos lebte, ohne ein Bein in Rangeserinnerungen der Vergangenheit zu halten, war eine andere. Aber der Rat Lesnens war klug genug, darum nur selten zu wirbeln, dies wusste der Schauende aus den Briefen seiner Schwester.
„Zeigst du mir auch den Rest dieses Palastes?“, bat er.
Derimen verzog das Gesicht. „Wenn es sein muss. Nachher.“
Sie verbrachten eine angenehme Weile miteinander. Banés berichtete vieles von Viralí, dem besonders Udras großäugig lauschte. Derimen überließ es ihr und Rowun, ihn nach dem Essen durch das restliche Haus zu führen, dessen meiste Räume um vieles größer waren als in Lesnen üblich.
„Wunderschön“, war seine Wertung. Und auf Derimens gequälte Züge: „Für fünf Familien.“
Da lachte sie.
„Willst du noch immer in eine Wahlsippe ziehen?“, fragte er.
„Vielleicht“, räumte sie ein. „Oder in eine kleine Bleibe. Diese Angeberei hier kann ich nur versuchen, nicht zu sehen.“
„Das halte ich für eine Kunst“, entgegnete er.
Drei Tage später machte Viralí durch seinen Botschafter dem Rat Lesnens seine Aufwartung. Banés hatte dafür noch einmal, zum ersten und letzten Mal im Rat, wie er betonte, Würdenkleider des Nordvolkes angezogen.
Er stand in der Mitte der Runden Halle und trug mit großem Geschick Viralís Vorschläge für Änderungen des Bündnisses vor. Derimen, die ihm zusah, spürte Glück in sich aufsteigen. Früher, in ihren Jahren des täglichen Auswendiglernens, hatte sie ihre Schriften oft an den Hafen getragen und bei Banés gesessen. Es war ihr wohl gewesen, ihm beim Bau der Boote zuzusehen. Seine Hände hatten das Holz fast wie eine Geliebte liebkost, während er es bearbeitete. In ihren Ruhezeiten hatte er Derimen begeistert von der Herkunft und der Beschaffenheit des Holzes wie seinen Eigenschaften im Wasser erzählt. Ähnliches sah sie jetzt an ihm, doch nun war es um seine Rede. Der Vortrag weckte selbst die geübtesten Ratsmitglieder aus ihrem Wachschlaf und vermochte mehr Inhalt zu vermitteln als gewöhnlich. Der Botschafter flocht sogar Bemerkungen ein, die zum Lachen brachten, und verwendete Beispiele für seine Erörterungen, die wahrscheinlich den meisten im Gedächtnis bleiben würden. Was war mit diesem Mann geschehen? Derimen lächelte stolz. Banés, der Art und Eigenheiten Lesnens kannte, machte den Lauschenden die vorgeschlagenen Änderungen des Bündnisses so schmackhaft, dass Viralí wahrscheinlich keine anderen Zugeständnisse würde machen müssen als die, die sein Gesandter bereits berücksichtigt hatte.
Nachdem der Rat sich zur Essensrast aufgelöst und Rowun seinen Geschwistern erklärt hatte, noch in den Tempel gehen zu wollen, neckte Derimen Banés: „Jahrelang hast du mir ganz gerne das Reden überlassen, mit der Behauptung, das sei meine Stärke. Und nun solches!“
„Bist du also zufrieden mit mir, Ratssprechin?“
„Beeindruckt“, lächelte sie. „Und hungrig. Ich lade dich ein. Wollen wir zum Hafen gehen?“
„Ja“, strahlte er.
Arm in Arm gingen sie weiter. Banés hielt auf die Ratsschule zu, um Udras abzuholen.
„Die Schule ist zu. Sie machen einen Ausflug auf ein Gehöft vor den Toren“, berichtete Derimen lächelnd. „Udras wird am Abend nach Hause gebracht.“ Als sie die Enttäuschung in seinem Gesicht bemerkte, fügte sie hinzu: „Aber wenn du in Erinnerungen schwelgen willst, gehen wir morgen früher los und holen dich ab. Dann hast du genug Zeit, dir alles anzusehen.“
Er nickte froh. Sein Blick glitt über die bemalten Wände, die Lesnen den Ruf als „Farbige Stadt“ eingetragen hatten. „Lass uns erst auf den Markt gehen“, schlug er vor.
Dort steuerte die Ratssprechin zielstrebig auf einige Stände zu, die zubereitete Speisen anboten. Banés stand mit einem Lächeln an Derimens Seite. Es war ihm Genuss, ihr beim Handeln zuzusehen, für das sie bereits als Mede ein Talent gehabt hatte. Meist hatte die Sippe sie auf den Markt geschickt, um die Ausgaben in Grenzen zu halten, und wer gute Laune bekommen wollte, tat gut daran, sie zu begleiten. Früher hatte sie mit einer Mischung aus kindlich einnehmender Art und ungewöhnlicher Reife die Marktlinnen bezaubert. Heute schien Derimen eben dann aufzublühen, wenn sie die Anliegen einer hartnäckigen Verhandlin mit den eigenen zusammenführen musste. Sie redete, scherzte, blieb selbst Mürrischen gegenüber zugewandt und war zufrieden, wenn sie anderen ein Lachen entlocken konnte. Es wirkte wie ein Spiel, dennoch war offensichtlich ihr Ziel, die Gegenüber zudem mit einem wohlen Gefühl zu entlassen. Banés war gewiss, dass sie, wäre sie Handlin geworden, den Markt in einen besseren Ort verwandelt hätte. Dann kam ihm der Gedanke, dass sie dies tat. Als Ratssprechin, mit der Stadt als Marktplatz.
Schließlich hatte Derimen eine kleinere Mahlzeit erstanden, mit der sie weitergingen. Am Hafen kam Sehne in den Blick des Botschafters. Er blieb kurz stehen, sog die Gerüche ein, die seiner Begleitin wenig angenehm, wenn auch vertraut waren, und leuchtete still. Wohnhäuser standen neben der Werft, mit größeren Bleiben für Sippen und kleinen für Alleinwohnende darin. Dort hatte Banés gelebt, als er unerwartet nach Viralí hatte zurückkehren müssen. Die Geschwister gingen an den Bauten vorüber und erreichten das Nassbecken der Werft, in dem drei riesenhafte Schiffe lagen.
Derimen hielt an einer Bank. „Wollen wir hier essen?“, fragte sie eben, als eine raue Stimme vom Deck des nächstgelegenen Schiffes ertönte: „Banés! Kann es möglich sein!“ Eine Gestalt schwang sich an einem Tau zu ihnen herab.
„Ibeh!“ Der Gerufene umarmte die ihm Altersgleiche.
„Du bist zurück? Bleibst du?“
„Ja.“
„Bei allen Geistern, wie wunderbar! – Derimen.“
Diese begrüßte die Hinzugekommene freundlich, hielt sich darauf aber im Hintergrund.
Ibeh war Banés‘ Gefährtin gewesen, als er aufbrechen musste. Acht Jahre waren vergangen, und alles, was Derimen über das Band der beiden noch wusste, war, dass sie eines Tages aufgehört hatten, einander zu schreiben.
„Botschafter Viralís?“, staunte Ibeh. „Und ich hatte eben schon die Hoffnung, wieder mit dir bauen zu können.“
„Vielleicht können wir das. Wie ist es deiner Familie?“, fragte er.
„Gut. Die Kinder sind gesund und haben denselben Wind in den Segeln wie ihr Vater.“
„Das sagt eben du?“, neckte er.
Sie lachte, „Rajut ist auf See“, und verdrehte die Augen. „Wie ich ihn vermisse! In anderthalb Monden ist er zurück, dann kette ich ihn erst einmal an.“
Banés schmunzelte. „Und deine Eltern?“
„Sind beide den Weg zu ihren Ahninnen gegangen.“
Sein Gesicht verernstete sich sogleich.
„Im allem Frieden“, ergänzte sie. „Du weißt, wie alt sie waren.“
„Ich bin viel zu lange fort gewesen.“
„Du bist zurück“, erwiderte sie. „Kommst du heute Abend in mein Haus? – Ihr beide selbstverständlich! Und eure Brüder, wenn sie wollen.“
„Die Sippe hat uns für die nächsten Abende verplant“, entgegnete er. „Am Siebenten Tag könnten wir kommen, Aksua ist aber fort.“
Derimen lautete zustimmend.
„Dann kommt am Siebenten“, freute Ibeh sich. „Habt ihr jetzt Zeit? Willst du dir das Schiff ansehen?“
Er strahlte auf.
„Na, kommt.“ Sie lud beide auf die Laufplanke, die auf das Schiff führte.
Während die Jüngere vor allem den an Deck stärkeren Wind genoss, erforschte Banés den Bau mit Augen und Händen. „Sehr gut“, bekundete er abschließend anerkennend. „Ihr habt eine Möglichkeit gefunden, das Öl noch dichter zu machen?“
Ibeh nickte. „Es hat ewig gedauert. Und ist eine eigene Kunst geworden. Willst du dir die Tiegel ansehen?“
„Es ist kein Geheimnis?“
„Du bist Bürger Lesnens, oder? Nein, es ist kein Geheimnis. Wir handeln das Rezept sogar.“
Sie verbrachten die restliche Essensrast an Deck, aber nur Derimen aß mehr als einige Bissen, die beiden anderen in Wohle betrachtend. Nachdem die Hörner zur zweiten Werkzeit gerufen hatten, verabschiedeten sie sich voneinander.
„Wenn deine Stammesgeschäfte dir die Weile dazu lassen: Du bist hier jederzeit willkommen“, erklärte die Handwerkin.
„Ich würde gerne kommen.“
„Wann immer du willst.“
Und tatsächlich fand sich Banés nach seiner ersten Zeit als Botschafter fast täglich im Hafen ein, um mit Ibeh und alten wie neuen Werkgleichen zu bauen. Die vormittägliche Werkzeit hielt er in Vertretung Viralís, die nachmittägliche an den Booten, und war zufrieden wie seit Jahren nicht mehr.
Auf seinem Weg in die Runde Halle ging Rowun zunächst durch die offene Hoftür zum Haus Nirars. Sie war in seinen Augen das beeindruckendste Mitglied des Rates. Nirar stammte aus einer alteingesessenen Sippe, die seit der Stadtgründung Abgeordnete und Wahrende gestellt hatte und weithin Anerkennung genoss. Dennoch begleitete Nirars zugewandte Sicht gen weniger Gutgestellte den Rat, und sie hielt Wissen, das einer Greisen angemessen gewesen wäre. Sie hatte Rowun an seinem ersten Ratstag Sitz neben sich geboten und den aufgeregt Wallenden flüsternd in die Versammlung eingeführt, war ihm erst Lehrin und dann Freundin geworden.
Der Fluch ihres wohlhabenden Hauses war eine Krankheit, die nach ihrem Ausbruch alle Frauen binnen weniger Jahre peinvoll tötete. Keines wusste Heilung. Die Knochen wurden schwach, dann die Eingeweide, und die meisten Frauen starben, bevor sie ihre ersten beiden Dutzende vollendet hatten. Die Arge wurde nur von Mutter zu Tochter weitergegeben, die Männer blieben von ihr unberührt und erreichten zumeist hohes Alter, auch gaben sie das kranke Erbe offenbar nicht weiter. Nirar war mit ihren einunddreißig Jahren seit Generationen die älteste Frau ihre Sippe und die Letzte im argen Erbe. Als Rowun sie kennengelernt hatte, war ihr Schritt langsam gewesen. Mittlerweile ging sie mit Stütze, und es gab Tage, an denen sie dem Rat nicht beiwohnen konnte und der Jüngere ihr abends Bericht erstattete.
Rowun betrat den gepflegten Innenhof, in dem ein kleiner Garten angelegt war.
„Sie kommt gleich!“, vernahm er die Stimme Vicheds vom Dach. Die Hausführin saß in der Höhe, wo sie ein Loch flickte, und winkte ihm zu.
„Einen guten Morgen! Fall nicht herunter!“
„Wenn doch, stehe bereit, mich aufzufangen!“
„Nur, so lange ich warte!“
Sie warf einen schmutzigen Lappen nach ihm, dem er lachend auswich.
Trames und Viched waren Eheleute in mittleren Jahren, die Rowun beide sehr angenehm waren. Trames führte Nirars Haus, seit diese ihren Sippensitz verlassen hatte; er war dort bereits im Werk gewesen, hatte Nirar aufwachsen sehen und ihre Mutter im Sterben begleitet. Seine meist erfrischend gutgelaunte Gemahlin war nach ihrer beider Handgebe hinzugekommen. Viched, die vordem Kutschin gewesen war, zeigte nun ein Geschick für Haus und Garten, das Rowun ebenfalls gerne besessen hätte. Weit über das Werk hinaus band die drei Hausbewohnenden eine Nähe, die an Verwandte erinnerte. Seit Nirar sich mit Rowun angefreundet hatte, holte der in derselben Straße Wohnende sie morgens ab.
Nach einer Weile erschien sie, auf ihren Stock gestützt. „Ich hätte früher aufstehen sollen.
Verzeih die Verspätung“, begrüßte sie den Wartenden.
Er wehrte ab und bot ihr den Arm. Sie verabschiedeten sich von Viched und traten auf die Straße.
„Du solltest wirklich mehr Hilfe annehmen“, sagte Rowun.
„Ganz sicher nicht. Nur früher aus dem Bett.“
Er geleitete seine Freundin über eine Unebenheit. „Du bist unerhört stolz, Nirar.“
Die Benannte warf ihm einen augenwinkelnden Blick zu. „Unerhört gut oder unerhört schlecht?“
„Gut!“
„Na, dann.“
Sie bahnten sich ihren langsamen Weg durch das morgendliche Gedränge.
Imen und Banés waren von einem ersten Gang zurück, in dem sie um eine eigene Bleibe für den Botschafter gesucht hatten. Ahtes Sippe hielt keine Hausgüter im Besitz; die Häuser der Herkunftssippe Imens waren zumeist bewohnt, auch pflegten er und die Seinen mit diesem Teil der Verwandten wenig Umgang. Dennoch war es Banés‘ einzige Möglichkeit, eine neue Bleibe zu finden, da er nur in ein Haus von Angehörigen ziehen durfte. Imen hatte auch bei entfernten Zweigen seiner Sippe nachgefragt, und nun berichteten die beiden nach der gemeinsamen Mahlzeit eines Ruhetages von ihrer Suche.
„Grässlich“, ächzte Banés. „Es scheinen nur halbe Kloaken zu haben zu sein. Und für Preise, die selbst mit der gesamten Bürgergabe jenseits meiner Entlohnung wären. Ich habe noch nicht einmal eine brauchbare Bleibe gesehen, aber ich bezweifle, dass ich sie halten könnte.“
„Ich habe es dir gesagt“, erinnerte Imen. „Du kannst hier bleiben, so lange du willst. Auch für immer. Aber wir werden weiterfragen.“
Sein Sohn lächelte.
„Beim nächsten Mal sagt mir vorher Bescheid“, bat Derimen. „Dann komme ich mit, um Unangenehmes zu entdecken. Damit es vor deinem Einzug geändert wird, damit du der Freundliche bist, der nicht gemeckert hat. Und vielleicht senkt es die Wohngabe ein wenig.“
Banés runzelte die Stirn. „Das klingt nach einem Spiel.“
„Ein bewährtes“, trat Ahte in das Gespräch ein. „Derimen ist Meistin darin. Frage ihre Freundinnen, die ein eigenes Haus haben.“
„Ich glaube es ungeprüft“, versicherte Banés.
Die Ratssprechin freute sich über das Lob, dennoch erklärte sie mit Walle: „Dieser Unsinn muss fort! Durch diese Gesetze wird die Bürginnengabe fast gleichgültig.“
„Ach, nicht jetzt, Derimen“, jammerte Rowun. „Einmal lass uns zusammensitzen, ohne über Ratsangelegenheiten zu reden. Keines hier wäre nicht deiner Meinung.“
„Schade“, seufzte sie. „Ich will mich auf den Widerspruch des Rates vorbereiten.“
Imen warf Rowun einen beschwichtigenden Blick zu. „Vielleicht würde Banés gerne darüber erfahren.“
„Das habe ich bereits“, erwiderte dieser. „Wir haben darüber geschrieben.“
Vor ein wenig mehr als drei Jahren hatte der Rat neue Gesetze über Zuzug in der Stadt beschlossen. Die große Masse an Fremden, die damals nach Lesnen gekommen war, sollte eingedämmt werden. Wegen der schlechten Ernte in jenem Jahr und nur für die Dauer, bis sie überwunden wäre. Die Gesetze bedeuteten, dass keines, das nicht in ein Haus seiner Sippe ziehen konnte, mehr in der Stadt eine neue Wohnung zu finden vermochte, die Heeresbleibe und die Häuser des Rates ausgenommen.
„Aber haben die Ratsmitglieder nicht selbst Einbußen?“, fragte Banés. „Einige werden leerstehende Häuser haben.“
„Schon. Aber als damals dieser Vorschlag gemacht wurde, gab es ein Orakel, das ihn unterstützte. Und nun findet sich der Rat nicht bereit, ein neues Orakel einzufordern.“
„Oh, je.“
„Ja!“
Rowun wechselte einen weiteren Blick mit seinem Vater, zuckte die Achseln und erhob sich. „Wer will noch Wein?“ Er nahm ihre Bestellungen entgegen und verließ sie gen Keller.
Banés und Derimen bemerkten, dass sie einander zu saßen, und öffneten sich wieder in die Runde.
„Diese Feindlichkeit Fremden gegenüber ist unerträglich! Und auf Dauer ist solches für alle nicht zu verantworten! Der Rat sieht die Folgen dieser Entscheidung nicht. Wen wundert es, wenn in den Rat hauptsächlich Vertretinnen seit Generationen begüterter Sippen berufen werden“, grollte seine Sprechin. „Vor den Toren entstehen neue ärmliche Stadtteile, die schon von Raubinnen angegriffen wurden, während hier Häuser leerstehen. Wer vor der Stadt lebt, sinkt im Ansehen. Das entspricht nicht den Werten Lesnens! Mich würgt es!“
„Die Stadt ist nicht so schnell wie du“, sagte Ahte ruhig und ohne Beschwichtigung. „Gib ihr die Zeit, sich den Gegebenheiten anzupassen.“
„Von wegen! Dann geschieht überhaupt nichts mehr!“
„Herz. Du bist doch am Werk, und nicht alleine du. Wenn du deine Galle kränkst, ändert es die Zuzuggesetze nicht.“ Sie hob auffordernd die Brauen.
„Ja, ja. Hast ja Recht.“ Derimen schnaufte und wandte sich erneut an Banés: „Dir sieht das alles sicher lächerlich aus, oder?“
„Sorge um Menschen, die in Beargtheit und Gefahr sind? Was denkst du?“
„Nein, mein Eifer.“
Er lächelte. „Dein Eifer ist eine Wohltat nach den starren Gesetzen Viralís.“
„Oh, Honigmilch!“, rief sie zum Schein entzückt, weil sie verlegen wurde. „Wie schön, dass mich einmal eines lobt!“
„Bin ich da der Einzige? Du Ärmste“, grinste er.
Sie streckte ihm belautet die Zunge heraus.
Die Stadt wurde zur Weihe eines Schiffes eingeladen. Es war der erste Bau, an dem Banés nach seiner Rückkehr gewerkt hatte, wenn auch nur für anderthalb Wochen. An diesem Tag lernte er Itasi kennen, Derimens herznächste Freundin. Sie lebte in einer Wahlsippe, wie sie sich seit einiger Zeit gründeten: Einzelne Bürginnen und kleine Familien kamen zusammen, um einer der alten Großsippen gleich zu wohnen. Manche dieser Gruppen waren sehr fromm und hielten sich an Regeln, wie sie in alten Zeiten von gläubigen Orden aufgestellt worden waren. Die Gemeinschaft, in der Itasi mit ihrem Gefährten und ihren Kindern lebte, hielt von solchem nichts, wählte aber Armut in Gütern und pflegte das Miteinanders stärker als manche leiblichen Angehörigen. Die Mitglieder verschenkten einen Teil ihrer Bürginnengabe an solche, die der Unterstützung bedurften, die meist keine Stadtbürginnen waren, werkten selbst häufig in den Nutzgärten der Stadt und im Begleitdienst von Kranken und Sterbenden. Der Rat sah solche Sammlungen nicht gerne, seit Neuerem mit der Begründung, dass Hinzukommende gegen die Zuzuggesetze verstießen. Aber selbst die nicht sehr frommen Wahlsippen beriefen sich auf eine alte Tempelregel, die „Geschwistern im Herzen“ einer Gemeinschaft dieselben Rechte einräumte wie solchen nach der Geburt. Da die Priestinnen sich auf ihre Seite stellten, murrte der Rat nur, ohne gegen sie zu handeln. Derimen hatte sich mehr als einmal darüber beklagt, dass es ihr als Stadtratender nicht gestattet wurde, in eine Wahlsippe einzutreten, denn sie war verpflichtet, in dem Teil Lesnens zu wohnen, in dem der Rat seinen Mitgliedern und ihren Familien Bleiben stellte.
Itasi war eine Heilin, die sich auf das Aufschneiden und Schließen von Körpern verstand.
Sie werkte gemeinsam mit einem Geistheiler teils im Tempel und teils bei den Verletzten und Kranken in deren Zuhause. Sahtu, ihr Mann, hatte bis zu einer Rückenverletzung als Steinmetz gearbeitet und war nun Bäcker. Mit Hilfe der Wahlsippe hatte er eine kleine Bäckerei gegründet, in der Krankenbackwerk für diejenigen zubereitet wurde, die besonderer Kost bedurften. Dort verbrachte er die erste Werkzeit eines Tages, in der zweiten unterrichtete er in der Ratsschule das Bildhauen. Bahlen, ihr Sohn, war Udras‘ Freund. Von seinen Schwestern lernte eine eben laufen, die andere lag noch an Itasis Brust. Mit der Familie kam ihr ganzes Haus, das Derimen froh begrüßte.
„Ich freue mich sehr, dich kennenzulernen“, bekundete Itasi und umarmte Banés, nachdem sie es ohnwort erfragt hatte. „Ich habe sehr viel von dir gehört.“
„Und ich von dir gelesen. Kommt.“ Er nahm Udras auf den Arm, als Bahlen an seinem Hemd zupfte auch ihn, und trug die beiden Kinder zum Schiff. Die Übrigen folgten ihnen.
„Wie ist es Aksua?“, erkundigte sich die Schnittin bei Derimen. „Wann kommt er zurück?“
„Noch ewig nicht, leider. Über einen Mond ist geplant, und du weißt ja, wie oft es erheblich länger dauert. – Da sind Rowun und Nirar!“
Sie begrüßten sie, die einen Korb mit Weiheblüten mitgebracht hatten. Die Gruppe ging bis zur festlich geschmückten Laufplanke. Dort hielt Nirar inne.
„Was ist?“, erkundigte sich Rowun.
„Ich warte besser hier. Ich gehöre doch nicht zur Sippe.“
„Wie?“
„Beim Auslauf ist der Platz an Bord den Sippen der Bootsbauenden vorbehalten, und...“
Derimen wollte widersprechen, aber ihr jüngerer Bruder kam ihr zuvor: „Nun, ich schätze, du hast die Wahl. Entweder kommst du mit, oder du setzt dich hier mitten in den Weg.
Denn ich laufe nicht mit dir zurück, und hier gibt es keine Bänke.“
Die Lauschende staunte, da der Umgang der beiden miteinander sonst ein auffallend sanfter war. Aber sie spürte in seinen Worten keine Säuernis, und Nirar bestätigte ihren Eindruck, indem sie gluckste.
Rowun grinste. „Außerdem kümmert es keines. Itasis ganze Sippe geht an Bord. Und werkt nicht im Bootsbau, soweit ich weiß.“
Derimen verzog das Gesicht. „Nicht ganz“, sagte sie gedehnt. „Ich habe behauptet, mit Itasi über eine Handgebe nachzudenken.“
Nirar starrte sie an, und der sie Stützende lachte schallend auf. „Dann tun wir beide es auch, einverstanden?“, fragte er seine Freundin.
„Nicht wirklich“, erwiderte sie mit krauser Stirn. „Aber meinetwegen.“
Das Deck war reichgeschmückt, die halbe Werft stand an der Reling und sah zum Hafen.
„Hier ist es zu eng“, sagte Banés. „Ibeh hat einen besseren Platz gefunden.“ Er wies zum Bugspriet, auf dem die Benannte mit den Ihren saß. Sie gesellten sich hinzu, die Kinder kletterten an Stellen, von denen aus die Weihe noch besser zu sehen war.
„Nun ist meine Grenze endgültig erreicht“, verkündete Nirar mit Bedauern.
„Warum denn?“, fragte Ibeh und streckte ihr die Hand entgegen. „Möchtest du?“
Nirars Augen bejahten, trotz ihres unschlüssigen Gesichts, und so wurde sie hinaufgehoben.
Beinebaumelnd, das Wasser unter sich, sahen sie der Zeremonie zu, die das Schiff den Geistern Lesnens weihte. Blüten wurden ins Meer gestreut, der Tempelchor sang. Danach lief das Schiff aus; es würde am Abend heimkehren. Der Hafen verabschiedete es, und an beiden Orten begann ein Fest. An Bord spielten und kletterten die Kinder unter der Aufsicht der Erwachsenen. Es gab Seefahrtskost, von der ein Großteil liegenblieb, aber alle genossen Wind und Aussicht.
„Nun? Wärst du lieber dortgeblieben?“, fragte Rowun Nirar, die sich an ihn gelehnt hatte.
Sie zog seinen Arm um sich, den Blick auf dem Horizont. „Um nichts in der Welt.“
Nach den Eingewöhnungen der ersten Wochen saß Banés abends oft mit Imen, Ahte und der zurückgekehrten Ransar über Brettspielen beisammen, eine Beschäftigung, die die übrigen Sippenmitglieder nicht im selben Maße schätzten. „Endlich wieder einer im Haus, der nicht nur uns zugern spielt“, freute sich Imen. Bald entdeckte auch Udras ihre Begeisterung dafür. Mit Rowun fand der Zurückgekehrte einen Gang, der regelmäßig wiederholt wurde:
Sie trafen sich an Ruhetagen in den Bädern und genossen deren Wärme. Oft sprachen die Brüder dort bis in die Nacht hinein und fanden größere Nähe zueinander, als die, die sie ehedem gehalten hatten. Ihr Altersunterschied von fast einem dutzend Jahren schien, im Gegensatz zu früher, keine Bedeutung mehr zu haben.
Banés und Derimen verband die Leidenschaft für den Musiktanz. Es gab kaum Weinstuben oder Schenken in Lesnen, stattdessen riefen Sippen oder der Tempel zu fröhlicher Gesellschaft, häufig vor oder an den Ruhetagen, die die neuntägigen Wochen Lesnens abschlossen. Die beiden Geschwister fanden sich nahezu immer ein; weilte Aksua in Lesnen, schloss er sich ihnen an. Rowun, dessen Wünsche eher gen Schauspielhaus und Wandelgänge im Garten strebten, gesellte sich nur widerstrebend hinzu, nutzte aber die wenigen Möglichkeiten, mit allen dreien zusammen zu sein. Manchmal trafen sich Banés und Aksua mit einigen Dutzenden, die auf einem Platz morgendliche Tänze zu Musik hielten.
Den Nachmittag vor einem Ruhetag samt der folgenden Nacht verbrachte Udras gewöhnlich bei ihren Großeltern, und Derimen ging aus, zum Musiktanz oder in die Bäder; um mit anderen zu musizieren; auch, um Männer kennenzulernen. Ihre Brüder hielten darüber freundlichen Spott, den sie gutmütig ertrug. An Werktagen brachte sie Udras sehr früh in die Ratsschule, da sie selbst so Gelegenheit hatte, die erste Bewegungszeit des Tages und auch die Innensichtzeit zu nutzen. Derimen schwamm in einem Bad nahe dem Rat und suchte danach im Tempel, wo kleine Nischen für Ruhende und Innenschauende vorbereitet waren, Ruhe, ehe die Tageswalle begann. Rowun ging zwischen den beiden Werkzeiten durch einen Garten, Ahte und Imen taten dies an den Nachmittagen. Aksua und Ransar fanden bei den täglichen Übungen des Heeres außerhalb des Stadtgebietes Bewegung, Udras tat es in Schulspielen oder mit Derimen am Strand. Banés zog es vor, in einem der größeren Gärten zu laufen. Er benötigte eine Weile, um sich wieder an Bewegung zu gewöhnen, die nicht an Werk gebunden war, aber schließlich genoss er sie mehr als früher.
Es war der Vorabend eines Ruhetages. Derimen war zu Geselligkeit aufgebrochen, auch Imen und Ahte waren ausgegangen, und Banés, der mit einem Bericht für Viralí rang, hatte sich angeboten, seine Schwestertochter zu hüten. Sie kochten gemeinsam, spielten, bis es sehr viel später war, als es eigentlich mit Derimen verabredet gewesen war, dann brachte er Udras in Aksuas Bett. Danach setzte er sich wieder an den Schreibtisch. Mit halbem Ohr der Musik lauschend, die vom benachbarten Grundstück herüberklang, versuchte Banés, seine Gedanken zu sammeln, was ihm nicht leichtfiel. Wie schaffte Derimen es nur, nach einem langen Tag abends noch über Schriften zu brüten? Er seufzte und rief sich zur Ordnung. Dies musste fertig werden.
„Du-u?“
Banés drehte sich um.
Udras stand in der Tür, ein Kuschelkissen im Arm. „Darf ich bei dir schlafen?“, fragte sie.
Er war verblüfft. „Sicher, wenn du magst. Aber ich dachte, du hütest Aksuas Kammer.“
„Schon.“ Sie schlüpfte unter die Decke. „Die nebenan feiern so laut. Ich kann nicht einschlafen.“
„Na, dann schlaf hier schön.“
„Du auch.“
Eine Weile dachte er nach. „Udras? Soll ich dich hinübertragen, wenn du schläfst?“
„Glaubst du, ich schnarche?“, empörte sie sich.
„Nein. Aber ich vielleicht.“
„Dann weck ich dich.“
„Und dann?“
Sie überlegte. „Geh ich rüber.“
Er gab auf. Die Mede hatte nicht nur keine Scheu, sondern die offenbare Absicht, in seinem Bett zu übernachten. Obwohl sie ihn kaum kannte, schien sie ihn schon jetzt als Teil der Sippe zu halten. Er freute sich darüber und war dennoch unsicher, ob er ruhig genug liegen würde. Wann hatte er das letzte Mal neben einem Kind geschlafen? – Als Biré seiner Erfrierungen wegen neben warmen Fellen auch Körperwärme gebraucht hatte. Wie lange das her war. Aber er hatte den Knaben nicht versehentlich plattgelegen, und Udras war älter, als sein Schwestersohn in Viralí es damals gewesen war. Sicher würde sie sich beschweren, falls Banés sich herumzuwälzen begann.
Am nächsten Mittag brachte er die Kleine nach Hause. Es war ein herrlicher Ruhetag, bereits ein wenig wärmer und den beginnenden Frühling ankündigend. Auf den Straßen wurde mit zufriedenen Gesichtern gespielt, einige Male luden Nachbaren die beiden auf dem kurzen Gang zu Geselligkeit ein und gaben ihnen frohe Wünsche für Derimen mit, als sie ablehnten.
Die Ratssprechin saß auf einer der Bänke am Hofbrunnen, in ein Schreiben vertieft, weitere Rollen neben sich. Sie begrüßte die Hinzugekommenen und lud sie zu einem Obstmahl in den Garten.
„Ruhetag, hm?“, neckte Banés mit Blick auf die Schriften.
Derimen verzog den Mund. „Ich kann Langeweile nicht ausstehen.“
Er grinste.
Nach der Mahlzeit fragte er, ob Udras und Derimen den Tag mit ihm verbringen wollten, und schlug einen Ausflug an den Strand vor. Sie stimmten begeistert zu. Während die Mede Geschirr forttrug, berichtete Banés leise: „Ahte und Imen besuchen heute Irches. Ich soll euch ausrichten, dass sie die Verabredung heute Abend nicht einhalten.“
„Ist es arg?“
„Sehr. Sonst würden sie morgen gehen.“ Und auf ihre sorgenvolle Stirn: „Er ist alt, Derimen. Sie bangen darüber, dass er ohne einen Abschied sterben könnte. Das glaube ich aber nicht. Es ist Irches. Er ruft uns, wenn er Abschied nehmen will. Ahte geht es grässlich. Er ist ihr ältester Freund. Der Tod ist nicht arg, aber ein solches Sterben in Schichten quält alle.“
Kurz schwiegen beide, ehe Derimen sagte: „Wir sollten ihn auch besuchen, vielleicht nur kurz. Und ihm süße Teigwürfel mitbringen, die liebt er.“
„Ja, das tun wir.“ Banés folgte seinem Drang zu einem Wechsel: „Kann ich euch heute bekochen?“
„Eine seltsame Bitte, meinst du nicht? Aber wir können gerne hier essen.“
„Nicht wirklich seltsam. Imen lässt mich nicht kochen, ich vermisse es schrecklich!“
„Er lässt dich nicht kochen? Ihr habt doch früher auch zusammen oder abwechselnd gekocht.“
Banés zuckte die Achseln. „Damals leitete er mich an, die Dinge selbst zu tun. Heute verwöhnt er mich, wo er kann. Anfangs habe ich es genossen. Aber mittlerweile...“ Er seufzte.
„In Viralí war es mir Gewohnheit, für die Sippe zu kochen. Obwohl es dort als Unfreienwerk gilt und großen Widerstand hervorrief. Besonders bei Vannét und Wuhtá, die mir vorwarfen, meinen Rang und mein Ansehen und die meiner Sippe zu schwächen. Ich habe gelernt, mich darin nicht um ihre Erwartungen zu kümmern. Aber gegen Imen komme ich nicht an. Er meint, ich hätte genug zu tun und solle ihm die Freude gönnen, er hätte weniger Werk als ich. Aber beim Kochen bekomme ich meinen Kopf klar, das fehlt mir. Dabei habe ich das Kochen von ihm gelernt.“ Er schnitt eine Grimasse, die zwischen Wohle und Arge stand.
Derimen lachte leise.
„Das ist aber nicht alles“, fuhr der Berichtende fort. „Jetzt ist es schön hier. Wieder zuhause. Ransar, Ahte und Imen sind wundervolle Menschen, aber ... In Viralí ist es üblich, dass die Großsippe unter einem Dach lebt, sogar in einem Raum, und selbst dort habe ich jahrelang allein gelebt. Wenn auch in der winzigen Kammer neben der Schriftenhalle, aber...“
Die Jüngere nickte verstehend. „Ein Eigenes. Das kenne ich. Ein ziemlicher Unfug: Ich musste als Ratssprechin in ein eigenes Haus ziehen, obwohl Udras die Hut der Sippe brauchte und das Wohnen mit den anderen uns manches erleichtert hätte. Und einem Gesandten Verbündeter wird es kaum ermöglicht.“
„Ja, ein Eigenes ist es auch. Aber selbst wenn Ransar und Aksua mit dem Heer unterwegs sind, ist es mit all den Gästen schlicht zu eng. Wir stehen in Spanne zueinander. Noch gab es keinen Streit, aber ich fürchte, wenn ich nicht bald eine Bleibe finde, wird er unsere Tage begleiten. Wir gehen uns aus dem Weg. Dafür bin ich nicht zurückgekommen. Und es ist ihrer Güte auch nicht angemessen. – Ich kann nicht einmal in die Werft ziehen“, klagte er.
„Obwohl dort Bleiben leerstehen. Es ist nicht zu fassen!“
„Komm zu uns“, sagte sie.
Er hob die Brauen.
„Das Haus ist viel zu groß für uns. Es ist für eine Ratssprechin gedacht, die ihre gesamte Sippe mitbringt.“ Sie grinste. „Groß genug, dass wir uns gegebenenfalls auch aus dem Weg gehen können.“
Er kräuselte die Stirn.
„Es ist mein Ernst. Du kannst einen ganzen Flügel haben, wenn du willst. Ich kann es alleine gar nicht sauber halten“, erinnerte sie lockend.
„Ah. Deshalb.“
Sie lachte erneut auf, diesmal lauter. Darauf: „Nun?“
„Ja. Gerne.“ Banés war von seiner Antwort selbst überrascht. „Ich danke.“
„Das spart dir auch eine Wohngabe“, lächelte sie.
Er verneinte. „Ich werde dir dafür geben, was du verlangst.“
Sie verzog missbilligend den Mund.
„Derimen. Wohngabe müsste ich überall zahlen.“
„Aber nicht in meinem Haus. Ich zahle selbst nichts dafür. Der Rat stellt es. Also?“
Er strahlte. „Dann lasse ich mir einen angenehmen Dank einfallen.“
Sie umarmten einander.
„Banés zieht zu uns“, erklärte Derimen Udras, als diese von der Küche zurückkehrte.
Die Kleine quiekte freudig auf. Dann betrachtete sie ihn nachdenklich. „Kriegst du ein eigenes Zimmer?“
„So viele er will“, kam ihre Mutter seiner Antwort zuvor.
„Ah, gut. Mein Zimmer will ich nämlich eigentlich allein haben.“
„Wie schade“, zwinkerte Banés ihr zu. „Wo werden keine Gäste beherbergt? Selbst, wenn das Haus ganz belegt ist?“
„War es noch nie“, entgegnete Derimen. „Aber ... unten. Such dir aus, wo du wohnen willst.“
„Mir gefallen die beiden Zimmer zwischen Esskammer und euren.“
Sie räumten die letzten Reste ab und gingen gemeinsam dorthin.
„Wenn wir den Staub entfernt haben, könnte es hier gemütlich werden“, nickte Derimen.
„Obwohl ich vermute, dass du sie weniger der Schönheit wegen, sondern wegen ihrer Nähe zum Vorratslager gewählt hast.“
„Wohin kann ich die Möbel stellen?“
„Wohin du willst. Weit weg am besten. Nach oben oder in den anderen Flügel? Dann müssen wir sie nicht entstauben. Komm, wir suchen einen Platz. Und bei der Gelegenheit schauen wir, ob in dem Prunkgerümpel das eine oder andere Stück ist, das dir erträglich wäre. Dann musst du nicht alles auf einmal kaufen.“
„Danke“, sagte er froh.
„Also bleiben wir heute hier. Der Strand ist wahrscheinlich heute ohnehin zu voll, am ersten wärmeren Ruhetag.“
Sie räumten und putzten zunächst zu dritt, bis Rowun auf der Suche nach Gesellschaft hinzukam und gleich zur Arbeit gerufen wurde. Das Gemach neben der Kaminstube wurde Banés‘ Schlafzimmer, das zweite zwischen diesem und der Esskammer ein kleiner Wohnraum. Der Zuziehende fand ein Bett, das er dauerhaft behielt, und einige Liegen, deren ihm übertrieben erscheinenden Schnitzereien und edlen Bezüge er mit hellen Tüchern abdeckte.
„Bis ich eigene habe“, verkündete er. Abends waren die Kammern angenehm eingerichtet, und der Neugezogene wollte zum Dank für die Übrigen kochen, doch diese verneinten.
„Nicht jetzt auch noch an den Herd, Banés“, jammerte Derimen. „Wir haben Obst, Käse und Brot. Ich bin müde, und du siehst auch nicht frisch aus. Bekoche uns ein andermal.“
Er stimmte zu, kleine Erleichterung zeigte sich auf seinen Zügen. Sie aßen nicht im Garten, sondern in Banés‘ neuer Wohnkammer. Hin und wieder stand er auf, um eines zu verrücken oder in eine andere Lage zu zupfen. Danach besuchten sie Irches und berichteten von Banés‘ Umzug, um recht bald wieder zurückzukehren.
Rowun blieb länger, als er es geplant hatte, schlug jedoch das Angebot aus, im Haus zu schlafen. Er wolle noch Nirar besuchen, sie seien zu einem späten Wein verabredet. Nachdem er Udras zu Bett gebracht hatte, verließ er seine Geschwister. Beide sahen ihm nach und verständigten sich mit einem Blick zu der wortlosen Übereinkunft, über seine offensichtliche Verliebtheit zu schweigen.
