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Seit Jahren träumt Valeria Díaz davon, in ihrer Galerie in Barcelona interessanten neuen Künstlern eine Chance zu geben. Die junge Spanierin ist kreativ, engagiert und fest entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Doch seit ihr Kompagnon sie hintergangen hat, ist sie sowohl finanziell als auch seelisch am Ende. Nur ihre beste Freundin kennt ihre Sorgen; vor anderen spielt sie weiterhin die erfolgreiche Galeristin. Eine neue Ausstellung über Kunst und Architektur könnte für Valeria die entscheidende Wende bringen. Deshalb versucht sie, den Stararchitekten Rafael Montoya für ihr Projekt zu gewinnen. Doch Montoya hat sich seit dem tragischen Unfalltod seiner Frau völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Valeria fragt sich, wie sie den scheuen Mann aus der Reserve locken kann. Je näher die Ausstellung rückt, desto mehr muss sie jedoch erkennen, dass sich nicht nur Rafael, mit dem sie eine unerklärliche Seelenverwandtschaft verbindet, der schmerzlichen Vergangenheit stellen muss ...
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Inhalt
Lange Nächte in Barcelona
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Eine Galeristin, ein Stararchitekt und ein Event, das alles verändert
Von Henriette Fröhlich
Seit Jahren träumt Valeria Díaz davon, in ihrer Galerie in Barcelona interessanten neuen Künstlern eine Chance zu geben. Die junge Spanierin ist kreativ, engagiert und fest entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Doch seit ihr Kompagnon sie hintergangen hat, ist sie sowohl finanziell als auch seelisch am Ende. Nur ihre beste Freundin kennt ihre Sorgen; vor anderen spielt sie weiterhin die erfolgreiche Galeristin.
Eine neue Ausstellung über Kunst und Architektur könnte für Valeria die entscheidende Wende bringen. Deshalb versucht sie, den Stararchitekten Rafael Montoya für ihr Projekt zu gewinnen. Doch Montoya hat sich seit dem tragischen Unfalltod seiner Frau völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Valeria fragt sich, wie sie den scheuen Mann aus der Reserve locken kann. Je näher die Ausstellung rückt, desto mehr muss sie jedoch erkennen, dass sich nicht nur Rafael, mit dem sie eine unerklärliche Seelenverwandtschaft verbindet, der schmerzlichen Vergangenheit stellen muss ...
Der Wasserhahn tropfte schon wieder. In regelmäßigen Abständen fiel ein einzelner Tropfen in das rostige Spülbecken, gefolgt von einem dumpfen Platschen. Valeria Díaz stand barfuß in der engen Kochnische, eingehüllt in einen viel zu großen Wollpullover mit ausgefransten Ärmeln. Draußen erwachte das Viertel El Raval langsam zum Leben – das Klirren von Mülltonnen, das Brummen eines Mopeds mischten sich mit Stimmen in mehreren Sprachen, die durch die zugigen Fenster drangen.
Sie hielt eine dampfende Tasse Kaffee in der Hand – der letzte Rest Filterkaffee aus dem alten Päckchen, das sie sich vor zwei Wochen gekauft hatte, war damit verbraucht – und blickte auf ihren Wandkalender. Heute war Donnerstag. Der Tag, an dem sie ihre neue Ausstellung ankündigen wollte. Der Tag, ab dem sie wieder in der kritischen Öffentlichkeit stehen würde, ab dem sie würde lächeln und sicher auftreten müssen, als wäre alles unter Kontrolle.
Ab nun galt es, bloß nicht zu zeigen, wie es wirklich in ihr aussah. Am liebsten hätte sie sich sofort wieder ins Bett zurückgezogen und tief unter ihrer Decke vergraben. Doch das war keine Option.
Der kalte Fliesenboden betäubte ihre Füße und ließ sie gefühllos werden, aber sie bewegte sich nicht. Stattdessen schweifte ihr Blick durch die Wohnung. Wenn die Miete nicht so günstig wäre, hätte sie schon längst gekündigt, denn die Realität war mehr als ernüchternd. Die Tapete löste sich in einer Ecke von der Wand, bräunliche Feuchtigkeitsflecken krochen wie dunkle Schatten an der Decke entlang und breiteten sich immer weiter aus.
Ihr Sofa – ein Flohmarktfund mit durchgesessenen Kissen – war ordentlich mit einer Tagesdecke überzogen, um die Risse im Stoff zu verdecken. Daneben stand ein improvisiertes Regal aus alten Weinkisten, das Kunstbände, Duftkerzen und kleine Skulpturen beherbergte. Jedes Detail war mit Bedacht gewählt, um wenigstens etwas Gemütlichkeit in diese traurige Unterkunft zu bringen.
»Du darfst nicht aufgeben«, murmelte sie zu sich selbst und gönnte sich einen Schluck von ihrem Kaffee, der sofort ihre Lebensgeister weckte. »Du willst das. Du kannst das. Du schaffst das.«
Nein, sie würde keinen Rückzieher machen.
Der rote Lippenstift wartete schon im Bad. Die dunkle Hose, die sie auf einem Vintage-Markt ergattert hatte und die nun frisch gewaschen und gebügelt war, lag sorgfältig gefaltet auf dem Stuhl. Dazu hatte sie eine cremefarbene Seidenbluse aus ihrem Kleiderschrank herausgesucht, die – wenn man nicht zu genau hinsah – wie Designerware wirkte.
Ihre Ausstrahlung war ihre Rüstung. Niemand sollte auch nur ahnen, dass sie am Abend frierend unter drei Decken lag, aus Angst vor einer hohen Gasrechnung die Heizung lieber ganz ausließ und sich fragte, ob sie die Miete nächsten Monat noch würde zahlen können.
Sie ging ins Badezimmer, das gleichzeitig als Abstellraum diente. Dort stand ein Durchlauferhitzer, der nur dann funktionierte, wenn sie den Stecker in einem ganz bestimmten Winkel in die Steckdose steckte, anschließend kurz daran ruckelte und ihn am Ende noch einmal festdrückte. Sie vollführte dieses Ritual, das ihr schon in Fleisch und Blut übergegangen war, doch nichts geschah.
Valeria fluchte leise, rüttelte am Stecker, und ein Knacken verriet, dass das Gerät nun endlich angesprungen war und sie duschen konnte.
Frisch gewaschen, mit dem Duft von Shampoo im Haar und dem Geruch von Rosenduschgel auf der Haut, fühlte sie sich schon besser. Das Licht im Spiegel war schummrig, aber sie konnte ihr Gesicht erkennen, die feinen Linien unter den Augen, die Schatten von zu kurzen Nächten, den entschlossenen Ausdruck in ihrem Blick.
Sie trug den Lippenstift auf – sattes Rot, wie immer – föhnte ihre Haare und band sie zu einem lockeren Knoten zusammen. Die Verwandlung hatte begonnen.
Zehn Minuten später trat sie hinaus auf die Straßen von Barcelona. Die Luft roch herbstlich nach nassem Stein und Abgasen, irgendwo briet jemand süße Churros in heißem Fett, und von der anderen Straßenseite drang Musik aus einem Radio. Valeria zog den Mantel enger um sich und schritt mit erhobenem Kopf durch die schmalen Gassen.
Wer ihr jetzt zufällig begegnete, sah die erfolgreiche, elegante Galeristin – nicht die Frau, die Mühe hatte, ihre Rechnungen zu bezahlen.
Als sie an einer Gruppe Touristen vorbeikam, hörte sie einen Mann sagen: »Schau dir die an – wie aus einem Modeheft.«
Sie lächelte nicht, sondern tat so, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Es war Teil des Spiels, das Erfolg und Ansehen versprach.
Die Räume ihrer »Galería Renacer« lagen versteckt in einer kleinen Seitenstraße nahe der Altstadt. Nur wer gezielt danach suchte, fand sie. Das war Teil des Konzepts. Exklusivität durch Entdeckung. Sich abheben von dem marktschreierischen »Hier bin ich«.
Als sie die Tür aufschloss und eintrat, wurde sie vom vertrauten Duft nach Holzpolitur und Farbe empfangen. Durch die große, helle Fensterfront warf die herbstliche Morgensonne schräges Licht auf die weißen Wände.
Sie atmete auf. Hier, in diesem Raum, fühlte sie sich sicher. Hier war sie nicht die Überforderte, nicht die Verzweifelte. Hier war sie jemand. Am liebsten wäre sie hier eingezogen, raus aus ihrem Kabuff, doch hier gab es keinen Wasseranschluss, und wenn sie eine Toilette benötigte, nutzte sie die Räumlichkeiten des gegenüberliegenden Cafés. So schön die Räume auch waren – wohnen konnte sie hier nicht.
Sie legte ihre Tasche auf einem Stuhl ab, kontrollierte die Beleuchtung, drehte die Musik leise auf – ein sphärisches Stück des Isländers Ólafur Arnalds – und zündete eine der Duftkerzen an. Lavendel und Zedernholz. Beruhigend und passend zur aktuellen Ausstellung.
Konzentriert ging sie die Liste der Gäste für den Abend durch. Von zwanzig Eingeladenen hatten siebzehn bereits fest zugesagt. Eine Absage hatte sie einstecken müssen. Zwei Anfragen waren unbeantwortet geblieben, darunter Rafael Montoya – dessen Kommen ihr am wichtigsten von allen war, weil sie ihm schon länger vorschlagen wollte, gemeinsam an einem Projekt für eine Ausstellung zu arbeiten. Er könnte ihre Rettung sein.
Da er noch nicht abgesagt hatte, hoffte sie weiter, obwohl ihre innere Stimme hämisch fragte: »Warum sollte jemand wie er sich für deine Galerie oder dich als Person interessieren?«
Rafael Montoya war mehr als ein Name. Er war ein Versprechen. Eine Koryphäe auf seinem Gebiet der Architektur und Kunst. Jemand, den die Presse liebte und dessen Arbeiten niemand wagte, öffentlich infrage zu stellen.
Die Stunden vergingen mit den Vorbereitungen für die Abendveranstaltung wie im Flug. Gegen Mittag kam wie abgesprochen Valerias beste Freundin Jana vorbei. Wie immer trug sie knallrote, übermäßig große Ohrringe und farbenfrohe, weit geschnittene Kleidung. Mit ihrem Lächeln nahm sie sofort jeden Raum ein.
»Vali, Schatz, du siehst umwerfend aus. Die Bluse! Die Hose! Das passt perfekt zusammen, minimalistisch und doch elegant. Aber du bist viel zu dünn. Isst du überhaupt?«
»Ich esse, wenn ich dazu komme«, antwortete Valeria und umarmte sie kurz. Jana roch nach Jasminduft und starkem Kaffee, der typische Jana-Geruch, der sofort etwas Beruhigendes ausstrahlte, wie Valeria fand. »Ich nehme an, du bist aber nicht nur zum Schmeicheln hier?«
Jana schob den weißen Hocker an den Empfangstisch und nahm Platz.
»Und? Hat Montoya zugesagt?«, fragte sie.
Valeria zuckte mit den Schultern und schüttelte dann den Kopf. Sie versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.
»Du musst ihn heute noch mal kontaktieren«, beharrte Jana. »Jetzt einfach nichts zu tun, ist keine Option. Um Montoya ging es dir doch in erster Linie. Wegen ihm die ganze Aktion. Ich habe auch ein gutes Gefühl bei ihm. Du brauchst schlichtweg ein Zugpferd für die Ausstellung, und er ist nun mal perfekt.«
Valeria nickte langsam. Sie seufzte »Ich weiß. Aber ich will nicht betteln. Wie wirkt das denn, wenn ich ihm jetzt hinterherrenne? Ich will, dass er es auch will.«
»Valeria, manchmal muss man strategisch bitten, damit jemand einwilligt. Es geht ja nicht darum, Druck auszuüben. Er muss das Gefühl haben, dass er die Entscheidungen trifft. Du sollst bloß sein Interesse wecken. Dich noch einmal in Erinnerung rufen bei ihm.« Jana zwinkerte. »Ich bring dir später was vom Libanesen mit. Und du schickst ihm eine Nachricht. Jetzt sofort.«
»Okay, geh du uns Essen holen, ich schreibe ihm noch einmal.«
Die beiden Frauen verabschiedeten sich mit einer Umarmung. Valeria sah Jana nach, bis sie hinter der nächsten Straßenecke verschwunden war. Dann nahm sie ihr Smartphone aus der Tasche – und zögerte.
Eine halbe Stunde verging, bis Valeria sich schließlich entschied, den Vorsatz umzusetzen. Die Finger zitterten, als sie tippte.
Sehr geehrter Señor Montoya, ich hoffe, es geht Ihnen gut. Ich wollte mich erkundigen, ob Sie Zeit finden konnten, über meine Einladung zur Ausstellung nachzudenken. Ihre Arbeiten würden die geplante Ausstellung nicht nur ergänzen, sondern wesentlich prägen.
Herzlich, Valeria Díaz, Galería Renacer
Sie starrte auf den Text, löschte »herzlich« und ersetzte es durch »mit besten Grüßen«. Dann entschied sie sich wieder für die ursprüngliche Formulierung. Schließlich atmete sie tief ein und drückte auf »Senden«.
Das Tropfen ihres Wasserhahns hatte am Morgen ihren Tag eingeläutet. Und nun fühlte sie sich selbst wie ein solcher Tropfen. Mit dem zischenden Geräusch der abgeschickten Nachricht kam es ihr vor, als würde auch sie fallen, tiefer und immer tiefer. Es war, als würde sie sich auflösen. Die innere Anspannung war unerträglich, genauso die Angst vor einer Ablehnung des bekannten Architekten und Künstlers.
♥♥♥
Die Sonne stand tief, als Valeria die Carrer de Balmes hinunterging, auf dem Weg zu dem Restaurant, wo sie sich mit ihrem Vater verabredet hatte. Drei Stunden Zeit blieben ihr, dann würde sie sich um die Gäste in ihrer Galerie kümmern müssen. Doch zwischendurch musste sie auch noch einmal etwas essen, und so war die Einladung ihres Vaters ein glücklicher Zufall.
Die Straße mit ihren mehrstöckigen Gebäuden lag bereits im Schatten. Ihre Füße schmerzten in den engen Stiefeletten, aber sie ließ sich nichts anmerken. Barcelona vibrierte wie immer – hupende Autos fuhren an ihr vorbei, der Lärm und Geruch der vierspurigen Straße umfing sie. Inmitten des Getöses ging sie mit aufrechter Haltung, den Blick fest nach vorn gerichtet.
Ihr Vater wartete bereits vor dem Restaurant in einer Seitengasse, einem kleinen Lokal mit weiß eingedeckten Tischen und gestärkten Servietten. Nicht besonders schick, zu bieder für ihren Geschmack, aber ordentlich, klassisch – ganz wie Don Ernesto Díaz es mochte. Er war als ehemaliger Buchhalter nüchtern, strukturiert, ein Mann, der das Wort »Risikobereitschaft« nur in Zusammenhang mit Wahnsinn verwendete.
»Valeria«, sagte er freudig, als sie auf ihn zutrat. Seine Umarmung war fest, aber kurz. »Du bist pünktlich. Das gefällt mir. Ich weiß es besonders zu schätzen, du hast ja noch die Abendveranstaltung.«
»Natürlich bin ich pünktlich. Ich habe ja deinen Kalender im Kopf«, erwiderte sie und lächelte.
Sie setzten sich. Der Kellner brachte Brot, Oliven und Wasser. Ihr Vater nahm wie immer zuerst das Brot, brach es genau in der Mitte durch, aß langsam und bedächtig.
»Wie läuft es in deiner Galerie?«, fragte er, ohne aufzublicken.
Valeria strich sich eine lose Strähne hinters Ohr. Sie hatte sich vorbereitet. Hatte sich Sätze zurechtgelegt, um ihn zu beruhigen und Nachfragen von vornherein abzublocken.
»Gut«, sagte sie und nahm sich auch etwas von dem Brot. »Ich habe gerade eine neue Reihe in Planung – zeitgenössische Architektur in dialogischer Auseinandersetzung mit Kunst. Es gibt viel Interesse. Viele Zusagen. Die Presse wird auch da sein und berichten.«
»Architektur, hm? Na, das ist immerhin etwas Greifbares.« Er schmunzelte. »Nicht wie dieser ... aufgeschäumte Farbklecks von neulich. Wie hieß der Künstler gleich?«
»Das war ein sehr gefragter Installationskünstler«, sagte sie ruhig und zwang sich, nicht die Augen zu verdrehen. Nicht heute, an diesem Tag wollte sie keinen Streit. »Wenn ich dir den Namen nenne, vergisst du ihn nach fünf Minuten sowieso wieder«, konnte sie sich trotzdem nicht verkneifen.
Don Ernesto schien die Spitze nicht zu bemerken. Er nickte, nahm einen Schluck Wasser. »Und – was ist generell mit Kunden? Bringt dir die heute Veranstaltung neue Käufer? Oder kommen die Kunstfreunde alle nur zum Schauen, Häppchen essen und Sekt trinken?«
»Natürlich gibt es immer Phasen, in denen es ruhiger ist in der Galerie«, sagte sie ausweichend. »Kunst ist kein Supermarkt. Aber die letzten beiden Verkäufe in der letzten Woche waren vielversprechend.« Sie schob ihre Hände unter den Tisch, ballte sie mehrfach zur Faust und löste sie wieder, bis die innere Anspannung erträglicher wurde.
Inzwischen bereute sie es, der Verabredung zugestimmt zu haben. Sie kam sich wie in einem Verhör vor, als würde sie vor einem Tribunal sitzen und ihr Vater wäre der Richter.
Sie verschwieg, dass sie die letzten beiden Werke unter Wert verkauft hatte. Dass sie bei der Stromrechnung drei Raten im Rückstand war. Dass sie nachts immer öfter wach lag und das Summen der Neonröhren wie ein Tinnitus in ihrem Kopf weitertönte wie eine Mahnung, obwohl das Licht längst ausgeschaltet war.
Ihr Vater nickte. »Du machst das gut. Ich hätte nicht gedacht, dass du so lange durchhältst. Dafür meine Hochachtung.«
Es war ein Lob – auf seine Art. So war er eben, mehr an Zustimmung oder Anerkennung würde sie von ihm nicht erwarten können, selbst wenn sie eine der berühmtesten Galerien der Welt leiten würde. Er betrachtete das Kunstgeschäft nicht wie sie unter dem Aspekt der Innovation und Begeisterung, sondern unter dem finanziellen Blickwinkel.
»Ich habe gelernt, zu kämpfen«, sagte sie leise und kam sich vor wie ein dummes Mädchen.
Er hob die Augenbrauen. »Das stimmt, du rennst immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand. So warst du schon als Kind. Das kommt nicht von mir.«
Sie lachte. »Nein, vermutlich nicht.«
Ein Kellner kam, nahm die Bestellung auf. Ihr Vater entschied sich für das Kalbsragout, wie immer. Valeria bestellte einen kleinen Salat, der Hunger war ihr vergangen.
»Und sonst?«, fragte Don Ernesto, als der Kellner wieder verschwunden war. »Irgendwelche Pläne? Was kommt als Nächstes?«
Genau diese Frage lastete auf ihr wie Blei. Sie wusste es selbst nicht. Nach dieser Ausstellung noch eine Ausstellung. Ihr Ziel war, den nächsten Monat irgendwie überstehen, egal wie. Noch ein Versuch, Montoya ins Boot zu holen, der ihre Nachricht zwar gelesen, aber nicht darauf geantwortet hatte. Ein paar Lügen mehr, um nicht aufzufliegen. Das war ihre Lebensrealität.
»Ich plane aktuell eine große Ausstellung in einem Industriegebäude. ›Architektur des Verlusts und der Wiedergeburt‹. Das wird mein Durchbruch.« So war ihr Traum, ihre große Vision – für die sie Rafael Montoya brauchte. Er war ein unverzichtbarer Bestandteil.
Ihr Vater sah sie prüfend an. »Du glaubst wirklich daran.«
»Ich muss. Aufgeben ist keine Option. Ich bin schon zu weit gegangen.«
Er nickte langsam. Nun klang Hochachtung in seiner Stimme mit. »Das hätte ich dir früher nicht zugetraut, Valeria. Das muss ich gestehen. Aber du ... du machst das wirklich. Du machst deinen Weg.«
Ein Moment der Stille entstand zwischen ihnen. Das Schweigen war nicht unangenehm.
Valeria senkte den Blick. »Weißt du eigentlich, wie sehr ich mir schon mein Leben lang wünsche, dass du einfach mal an mich glauben könntest? Dass du nicht so oft das Scheitern einkalkulierst?«
Er legte das Messer zur Seite, sah sie lange an. »Ich wollte dich immer schützen«, sagte er. »Die Welt ist hart. Und Kunst ... ist ein Luxus. Ich habe gehofft, du würdest irgendwann aufhören zu träumen und anfangen, dich mit den Realitäten auseinanderzusetzen.«
»Ich kann nicht aufhören zu träumen. Ich bin nicht wie du. Was sind wir Menschen ohne Träume? Sind wir dann nicht innerlich tot? Wofür sollten wir dann überhaupt noch leben, wenn es nichts mehr gibt, was über den Alltag und seine Pflichten und Notwendigkeiten hinausgeht?«
Er lächelte, alt und etwas müde, aber er widersprach ihr nicht. Kurz dachte sie, in seinen Augen Sehnsucht aufblitzen zu sehen, dann war sie sich nicht mehr sicher, ob sie sich nicht geirrt hatte.
