Simas Schweigen - Martyra Peng - E-Book

Simas Schweigen E-Book

Martyra Peng

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Beschreibung

In den Trümmern von Charkiw erblickt Sima das Licht, eine weiße Katze, taub und zerbrechlich, ein Schimmer im Chaos. Der Krieg zeichnet ihre Welt, doch sie überlebt, verbündet sich mit dem Hund Bohdan, der Taube Halyna und der Ratte Marko und wird zur Gassenkönigin. Stark, trotz der Schwäche, die in ihren Nieren lauert. Eine Rettung führt sie nach Berlin, fünf Tage Reise, fünf Nächte Liebe, bis ihr Körper sie verrät. Ihr Tod hallt zurück nach Charkiw, wo ihr Geist die Gassen erhellt. Eine Elegie über Verlust und lautlose Schönheit.

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Seitenzahl: 41

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Flocke

Inhaltsverzeichnis

1: Die Weiße im Schatten

2: Die Gassenkönigin

3: Der Ruf der Ferne

4: Berliner Nächte

5: Das Echo der Gassen

Kapitel 1: Die Weiße im Schatten

Die Stadt Charkiw lag im März 2023 unter einem Himmel, der schwer war von Rauch und Asche, ein graues Leichentuch, das die Sonne verbarg. Gebäude, einst stolze Zeugen menschlichen Lebens, waren nun geborstene Skelette, ihre Fenster leer wie Augenhöhlen, ihre Dächer eingestürzt wie die Flügel eines toten Vogels. Der Wind, kalt und unbarmherzig, fegte durch die Straßen, wirbelte Staub und kleine Fetzen von Papier auf, die einst Zeitungen oder Briefe gewesen sein mochten. Er trug den Geruch von Pulver, Metall und Verfall mit sich, ein Gestank, der sich in die Nasen der wenigen Lebenden fraß, die noch hier verweilten. Es war eine Stadt, die atmete, aber nicht lebte – ein Ort, an dem die Menschen flohen oder verstummten, und die Tiere, die zurückblieben, zu Schatten wurden, die zwischen den Trümmern huschten.

Unter einem dieser zerstörten Dächer, in einem Haus, das einst ein Zuhause gewesen war, kam Sima zur Welt. Das Dach hing schief, halb eingestürzt, ein klaffendes Loch zeigte den grauen Himmel darüber, durch das der Wind pfiff wie ein leises, klagendes Lied.

Die Wände waren von Einschlägen gezeichnet, schwarze Streifen zogen sich wie Tränen über den Putz, und der Boden war übersät mit Glasscherben und Splittern von Holz. In einer Ecke, zwischen einem umgestürzten Tisch und einem Haufen schimmeliger Decken, hatte sich eine magere Katze verkrochen. Ihr Fell war grau, getigert wie die Schatten der Gassen, ihre Rippen zeichneten sich unter der Haut ab wie die Saiten einer zerbrochenen Harfe. Ihre Augen leuchteten wie zerbrochene Monde in der Dunkelheit, ein schwaches Glühen, das von Hunger und Erschöpfung getrübt war. Sie war eine Königin der Straßen, eine Überlebende, die den Krieg überdauert hatte, doch ihre Kraft schwand mit jedem Tag, den sie ohne Nahrung verbrachte.

In dieser kalten Nacht, als der Frost die Luft in Kristalle verwandelte und das ferne Dröhnen der Geschütze die Erde erzittern ließ, brachte sie fünf Kätzchen zur Welt. Es war kein friedlicher Moment, kein sanftes Schnurren erfüllte die Luft – nur das Keuchen der Mutter, das Rascheln der Decken unter ihren Krallen, und das leise Wimmern der Neugeborenen, das im Heulen des Windes unterging. Vier der Kätzchen waren grau wie sie, ihre winzigen Körper zitterten im schwachen Licht einer Straßenlaterne, das durch die Ritzen der Wand fiel.

Ihre Augen waren noch geschlossen, ihre Pfoten zuckten schwach, als suchten sie nach Wärme, die nicht da war. Doch eines war anders – rein weiß, ein Fleck aus Licht inmitten des Chaos, so hell, dass es fast unwirklich schien in dieser düsteren Welt. Das war Sima.

Ihre Mutter leckte sie sauber, ihre Zunge rau gegen das zarte Fell, das sich kaum von der Kälte erwärmte. Die Milch, die sie gab, war dünn, kaum mehr als ein Tropfen Hoffnung in einer Welt, die keine kannte. Sima zitterte unter der Berührung, ihr kleiner Körper kämpfte gegen die Kälte, die durch die Decken kroch. Sie war die Kleinste des Wurfs, doch ihre Augen, als sie sich nach zehn Tagen öffneten, waren blau wie der Himmel, den sie nie sehen würde – ein klarer, tiefer Ton, der in der Düsternis leuchtete wie Sterne, die sich weigerten, zu erlöschen. Doch ihre Ohren blieben verschlossen.

Sie war taub, ein Genfehler, der oft mit ihrer weißen Farbe kam, ein Fluch, der sie in eine stille Blase einschloss. Die Sirenen, die die Nächte zerrissen, das Heulen der Hunde, die Schreie der Menschen, die durch die Straßen hallten – all das war für sie nur ein ferner Traum, den sie nicht hörte.

Ihre Welt bestand aus Vibrationen, aus dem Zittern des Bodens unter ihren Pfoten, aus dem Flackern von Licht und Schatten, das ihre Augen einfing.

Die ersten Wochen waren ein Kampf ums Überleben, ein stummer Krieg gegen die Kälte, den Hunger und die Schwäche. Ihre Geschwister starben einer nach dem anderen, ihre kleinen Leben erloschen wie Kerzen im Wind. Der erste, ein graues Kätzchen mit schwachen Pfoten, erfror in der zweiten Nacht, sein Körper kalt und still neben Sima, als der Frost durch die Ritzen kroch und die Decken in Eis verwandelte. Die Mutter zog ihn fort, legte ihn in eine Ecke, wo er unbeachtet blieb, ein kleines Bündel, das der Krieg verschlang. Der zweite hielt vier Tage durch, doch er war zu schwach, um die wenige