Die unsichtbare Frau - Martyra Peng - E-Book

Die unsichtbare Frau E-Book

Martyra Peng

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Beschreibung

Dieser Berliner Roman erzählt die Geschichte einer Frau, die den schmerzhaften Übergang von der Sichtbarkeit zur gesellschaftlichen Unsichtbarkeit durchlebt. Einst war sie Teil des pulsierenden Nachtlebens der Stadt nach der Wende - tanzte in den Clubs von Kreuzberg, erlebte die wilde Freiheit der Neunziger und fühlte sich als lebendiger Teil des Berliner Mosaiks. Heute ist sie zu einem Schatten geworden. Die Wechseljahre haben ihren Körper verändert, die Angst vor Gewalt hat sie zur Gefangenen der Nacht gemacht, und das Frauentaxi ist ihr einziger Schutz vor einer Welt, die sie nicht mehr sieht. Doch in dieser existentiellen Krise findet die Protagonistin einen Weg.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 35

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für die Frauen

Inhaltsverzeichnis

1: Eine Frau wird unsichtbar

2: Gefangene der Nacht

3: Der Körper als Verräter

4: Die Auflösung der Bande

5: Kreativität als Waffe

6: Die Zukunft gehört uns

1: Eine Frau wird unsichtbar

Sie können mich alle mal.

Das ist mein erster Gedanke, als der Hipster im Café mich anstarrt, als hätte ich gerade seinen Laptop angefasst. Ich wollte nur fragen, ob der Platz neben ihm frei ist, aber sein Blick macht mir klar: Du gehörst hier nicht hin, Alte. Dabei sitze ich seit zwanzig Jahren in Berliner Cafés, lange bevor er überhaupt wusste, wo Berlin liegt.

Ich bin Wissenschaftlerin. War Wissenschaftlerin. Bin es immer noch, verdammt nochmal, auch wenn mein letzter Forschungsvertrag schon lange ausgelaufen ist. Zwanzig Jahre habe ich in der Digitalindustrie gearbeitet – von Online-Redakteurin bei einem der ersten deutschen Web-Magazine über Projektmanagerin bis hin zur Zukunftsforscherin an der FU Berlin als ich eine eigene Abteilung aufgebaut habe. Ich habe KI-Strategien entwickelt, als die meisten Menschen noch nicht wussten, was künstliche Intelligenz überhaupt bedeutet.

Parallel dazu mein berufsbegleitendes Studium in Future Studies, Abendkurse, Wochenenden über Büchern, – alles neben einem Vollzeitjob, der eigentlich schon einen Vollzeitmenschen brauchte. Meine eigene KI-Beratung habe ich für gemeinnützige Unternehmen gegründet, als jeder noch dachte, das sei Science Fiction. Heute berät jeder Vollidiot Unternehmen in Sachen KI, aber damals war ich eine Pionierin.

Und als ob das nicht reichte: Mein kleines Papeterie-Business, handgemachte Zines und Kunstdrucke, online verkauft über meinen eigenen Shop, den ich komplett selbst programmiert habe. Nebenbei Artikel für Fachzeitschriften, Vorträge auf Konferenzen, Workshops für andere Frauen, die ins Escort Business einsteigen wollten.

Ach ja, und da waren noch die Jahre als freie Autorin und als Independent Travel Escort – letzteres ein Job, der mehr Intellekt, Diplomatie und Menschenkenntnis erforderte als die meisten Führungspositionen, aber natürlich wird das niemand in meinen Lebenslauf schreiben. Gebildete, weltgewandte Männer durch fremde Städte zu begleiten, ihre Gespräche zu führen, ihre Einsamkeit zu lindern – das war anspruchsvoller als jede Beratungsaufgabe.

Aber jetzt sitze ich hier in diesem Café in Mitte, wo früher Intellektuelle und Künstler verkehrten, und werde behandelt wie eine Aussätzige. Der Barista – vielleicht fünfundzwanzig, mit Tattoos, die aussehen, als hätte er sie bei IKEA gekauft – übersieht mich systematisch. Zehn Minuten stehe ich an der Theke, winke, räuspere mich, bis er endlich herablassend fragt: "Ja?"

"Einen Cappuccino, bitte."

Er rollt mit den Augen, als hätte ich nach einem Faxgerät gefragt. Cappuccino ist wohl zu mainstream für sein Third-Wave-Coffee-Konzept. Ich bekomme einen Kaffee, der nach verbrannter Erde schmeckt und acht Euro kostet. In der Zeit, die ich warte, serviert er fünf anderen Kunden – alle unter dreißig, alle mit MacBooks, alle wichtiger als ich.

Das ist die neue Realität: Ich bin unsichtbar geworden. Nicht allmählich, wie man das vom Altern erwartet, sondern schlagartig, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Mit fünfzig war ich noch da, wurde wahrgenommen, respektiert. Mit fünfundfünfzig begann das Verschwinden. Mit siebenundfünfzig bin ich ein Geist.

Es macht mich wütend. Nein, nicht wütend – rasend. Diese ganze Gesellschaft mit ihrer Verehrung der Jugend, als wäre jung sein eine Leistung und nicht Glück. Als ob die Jahre, die ich gelebt, die Erfahrungen, die ich gesammelt, das Wissen, das ich erworben habe, plötzlich wertlos wären, weil mein Östrogenspiegel gesunken ist.

Ich denke an die Konferenzen, auf denen ich gesprochen habe – über Zukunftstechnologien, über gesellschaftlichen Wandel, über die Digitalisierung, die heute jeder für selbstverständlich hält. Ich war eine Expertin, eine gefragte Stimme, eine Frau, die etwas zu sagen hatte. Heute würde man mich wahrscheinlich fragen, ob ich überhaupt weiß, wie ein Smartphone funktioniert.

Die Berliner Nächte waren mein Arbeitsplatz genauso wie mein Vergnügen. In den Bars von Mitte entstanden Geschäftsideen über Rotwein und Zigaretten. Im Maria am Ostbahnhof traf ich Investor*innen, die meine Visionen finanzierten. Die Nacht war produktiv, kreativ, ein Raum der Möglichkeiten.

Henry, mein Freund seit einundzwanzig Jahren, wohnt bei mir, seit sein Schlaganfall vor sechzehn Jahren zu Problemen und Gleichgewichtsstörungen führte. Er ist geistig noch sehr aktiv. Wenn ich ihn sehe, erinnere ich mich an die Gespräche, die wir früher führten – über Politik, über Bücher, über unsere Projekte.