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"Workuta" erzählt die Geschichte von drei Generationen einer Familie, die mit Workuta verwoben sind: von den Gulag-Gefangenen der 1930er Jahre über die streikenden Bergleute der 1990er bis hin zu einer jungen Frau im Jahr 2025, die mit dem Erbe der Stadt ringt. Die Handlung verknüpft persönliche Dramen mit der größeren Historie Workutas und zeigt, wie der Ort die Menschen prägt und gleichzeitig von ihnen geformt wird. Die Tundra selbst wird zur stillen Protagonistin, ein unbarmherziger, poetischer Hintergrund, der über allem thront. Was hält uns an einem Ort, der uns zu brechen droht? Es ist eine Hommage an die Widerstandskraft der Menschen und ein Requiem für eine Stadt, die langsam verschwindet.
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Seitenzahl: 56
Veröffentlichungsjahr: 2025
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für Heinz
Teil I: Die Gebeine der Erde (1937-1953)
Kapitel 1: Der Zug in die Nacht
Kapitel 2: Kohle und Frost
Kapitel 3: Stimmen im Wind
Teil II: Kohle und Kampf (1989-1991)
Kapitel 4: Unter Tage
Kapitel 5: Der Ruf der Menge
Kapitel 6: Brüche im Eis
Teil III: Die Tundra kehrt zurück (2025)
Kapitel 7: Verfallene Träume
Kapitel 8: Die Gedichte des Großvaters
Kapitel 9: Das letzte Flöz
Epilog
Kapitel 10: Der Wind weiß
Die Nacht hatte Leningrad verschluckt, als sie kamen. Es war kein Laut zu hören, kein Klopfen, kein Warnruf – nur das Scharren von Stiefeln auf dem Flur und das Knarren der Tür, die mit einem Ruck aufsprang. Nikolai Sorokin saß an seinem Schreibtisch, die Feder noch in der Hand, ein Gedicht halb geschrieben auf dem Papier vor ihm. Der Tintenklecks, der sich ausbreitete, als sie ihn packten, war das Letzte, was er sah, bevor die Welt in Schatten tauchte.
„Sorokin, Nikolai Iwanowitsch. Aufstehen.“ Die Stimme war kalt, mechanisch, wie das Ticken einer Uhr, die keine Gnade kannte. Zwei Männer in grauen Mänteln, ihre Gesichter ausdruckslos, zerrten ihn hoch. Er versuchte, nach seiner Jacke zu greifen, nach dem Buch auf dem Tisch – Puschkin, ein alter Freund –, aber ein Schlag gegen die Schulter ließ ihn taumeln. „Schnell jetzt. Kein Gepäck.“
Seine Nachbarn mussten es gehört haben. Das Poltern, die kurzen, scharfen Befehle. Doch niemand öffnete eine Tür, niemand rief nach ihm. Leningrad hielt den Atem an, wie es das in diesen Jahren so oft tat, ein Tier, das sich tot stellte, um zu überleben. Nikolai stolperte die Treppe hinunter, die Hände vor sich gefesselt, die Kälte der Oktobernacht bissig auf seiner Haut. Draußen wartete ein schwarzer Wagen, und dann, nach einer Fahrt, die wie ein Traum war – lautlos, endlos –, der Bahnhof.
Der Zug stand bereit, ein Ungetüm aus Stahl und Rauch, das in die Dunkelheit schnaubte. Nikolai wurde hineingestoßen, in einen Waggon, der nach Schweiß, Angst und nassem Holz stank. Hunderte Augen starrten ihn an, leere, glanzlose Augen, die schon wussten, was er noch nicht begriff. Er fand einen Platz auf dem Boden, zwischen einem alten Mann, der leise weinte, und einer Frau, die ein Kind an sich presste, so fest, dass es keinen Laut von sich gab. Der Zug setzte sich in Bewegung, ein Ruck, der durch die Körper fuhr, und dann das monotone Rattern, das die Stunden verschlang.
Nikolai schloss die Augen. Er versuchte, sich an das Gedicht zu erinnern, das er geschrieben hatte, bevor sie kamen. Die Wolken ziehen schwer über den Fluss, ein Schatten auf dem Wasser, ein Flüstern im Schilf. Es war unvollständig, wie so vieles in seinem Leben jetzt. Er war achtundzwanzig Jahre alt, ein Lehrer, der Kindern beigebracht hatte, die Welt durch Worte zu sehen – und nun war er hier, ein Niemand, ein Name auf einer Liste. Warum? Er hatte keine Flugblätter verteilt, keine Reden gehalten.
Vielleicht ein falsches Wort, ein falscher Blick. Vielleicht gar nichts. In diesen Tagen brauchte es keinen Grund. Die Stunden vergingen, oder vielleicht Tage – im Waggon gab es kein Licht, nur das schwache Grau, das durch die Ritzen der Bretter sickerte. Der alte Mann neben ihm hustete, ein rasselndes Geräusch, das in der Stille widerhallte. „Wohin bringen sie uns?“ flüsterte Nikolai, mehr zu sich selbst als zu irgendwem. Der Alte sah ihn an, die Augen trüb wie ein zugefrorener See. „In den Norden“, krächzte er. „Wo die Erde hart ist und die Menschen weich werden.“
Nikolai wusste wenig über den Norden. Er hatte davon gelesen, in Büchern über die Kosaken und die weiten Steppen, aber das war ein anderer Norden gewesen, ein romantischer, voller Pferde und Freiheit. Dieser Norden, der sich hinter den Wänden des Waggons näherte, war etwas anderes. Er konnte ihn spüren, in der Kälte, die durch die Ritzen kroch, in den Gerüchen von Eis und Verfall, die sich mit dem Rauch des Zuges mischten. Seine Hände, gefesselt und taub, zitterten nicht mehr – sie hatten aufgegeben, bevor er es tat.
Irgendwann hielt der Zug. Türen wurden aufgerissen, Licht flutete herein, grell und unbarmherzig. „Raus! Schnell!“ Die Wachen schrien, ihre Knüppel sausten durch die Luft, trafen Schultern, Rücken, Köpfe. Nikolai stolperte hinaus, die Beine steif, die Augen geblendet. Und dann sah er es: die Tundra. Eine Ebene, die sich bis zum Horizont erstreckte, flach und endlos, bedeckt mit einem dünnen Schleier aus Schnee. Der Himmel darüber war grau, schwer, als wolle er die Erde erdrücken. Kein Baum, kein Hügel, nur diese Weite, die ihn verschluckte.
Er atmete ein, und die Luft stach wie Nadeln in seine Lunge. Es war keine Luft zum Leben, es war Luft zum Sterben. Die anderen Gefangenen drängten sich um ihn herum, ein Meer aus Lumpen und gesenkten Köpfen, während die Wachen sie in Reihen trieben. Irgendwo bellte ein Hund, ein scharfer, hungriger Laut, der über die Ebene hallte. Nikolai hielt inne, nur einen Moment, und schaute zurück zum Zug. Er war schwarz vor dem Grau der Landschaft, ein Tier, das sie ausgespuckt hatte und nun weiterzog, gleichgültig.
„Beweg dich!“ Ein Knüppel traf ihn zwischen den Schulterblättern, und er taumelte vorwärts. Sie wurden zu Baracken geführt, niedrigen, windschiefen Hütten aus Holz, die wie verlorene Spielzeuge in der Tundra standen. Workuta, hörte er jemanden flüstern. Der Name klang wie ein Fluch, ein Wort, das man nicht laut sagte, aus Angst, es könnte einen verschlingen.
Drinnen war es kaum wärmer, der Wind pfiff durch die Ritzen, und der Boden war hart und kalt. Nikolai sank nieder, neben den Alten, der nicht mehr hustete – vielleicht schlief er, vielleicht war er tot.
In dieser ersten Nacht in Workuta begann Nikolai, ein neues Gedicht zu schreiben. Nicht auf Papier – das hatte er nicht –, sondern in seinem Kopf, wo sie es ihm nicht nehmen konnten. Die Tundra schweigt, ein Grab aus Eis, die Sterne fern, der Himmel weiß. Es war kein gutes Gedicht, noch nicht, aber es war sein Anker, sein Atem in dieser Welt ohne Gnade. Er wiederholte die Worte, immer wieder, während der Wind draußen heulte und die Dunkelheit sich über die Baracke legte wie ein Tuch über einen Leichnam.
Die Tage vergingen, oder vielleicht Wochen – die Zeit hatte hier keine Form. Sie wurden zur Arbeit getrieben, in Schächte, die tief in die Erde reichten, wo die Kohle lag, schwarz und schwer. Nikolai lernte schnell: Wer die Norm erfüllte, bekam Brot, ein hartes, graues Stück, das nach Erde schmeckte. Wer versagte, hungerte. Seine Hände, einst weich vom Umblättern von Büchern, wurden rau, die Nägel brachen, die Haut riss auf. Doch er hörte nicht
