Sind wir Freitag wieder Schriftsteller? -  - E-Book

Sind wir Freitag wieder Schriftsteller? E-Book

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Beschreibung

Die Geschichten entstanden im Rahmen einer Unterrichtsreihe zum Thema "Kurzgeschichte". Hier behandelten die Schülerinnen und Schüler eines Deutsch Erweiterungskurses Jahrgang 9 zwei Monate lang die Erzählung "Die rote Katze" von Luise Rinser. An einem Tag in der Woche widmeten sie sich dem kreativen Schreiben. Sie lasen ihre Geschichten abschließend in der Bücherei vor. Drei Schülerinnen des Parallelkurses illustrierten die Texte.

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Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Wie alles begann

Nach den Herbstferien - Neue Unterrichtsreihe - Neues Glück

Eine Tasche voller Bücher - Vorlesen und zum Schreiben verlocken

Bescheidener Interpretationsversuch der Kurzgeschichte "Die rote Katze"

Didaktische Überlegungen- Warum gerade die Geschichte und nicht doch die anderen aus dem Buch?

Vertrautmachen mit dem Text - Erzeugen von Lesemotivation

Wie die Schüler sich das Ende der Geschichte vorstellen

Das tatsächliche Ende und der Anfang der Analyse - Das ist harte Arbeit

"Sind wir Freitag wieder Schriftsteller?"

Die Geschichten - fertige und unfertige

Ohne Titel

Das Mädchen, das so großen Hunger hatte

Das Leben ist grausam

Eine halbe Brezel Episode I

Eine halbe Brezel Episode II

Der Bananenauffahrunfall

Leere Straßen

Das Mädchen Chichay

E-Pure

Aus dem Leben von Farid Bang

Ein Tag mit Farid Bang

Noch mehr von Farid

Das Gespenst von Harrowby

Der Gewittersturm Olga

Das trauernde Alien

Der Riese

Die fliegende Banane

Zoey hat Stress mit Leah

Der kleine Rüdigert

Der See

Schritte hören

Der Friedhof des Grauens - unvollendet

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Nachdenken über den Schreibprozess „Ich als Schriftsteller“

Die Sache mit dem Luftballon - Noch einmal viele Geschichten und Bilder dazu

Luftballons

Luftballons

Die (Ballon-) Geschichte

Mein schönster Tag

Der Luftballon

Die ballonische Reise

Luftballons fliegen lassen

Dreizehn Luftballons mit Helium

Die Dichterlesung in der Bücherei Duisburg-Hamborn

Der verzauberte Baum

Kleine Selbstreflexion - Die Schülerinnen und Schüler denken über den Lernprozess nach

Vorhang zu und Ende offen

Wie alles begann

Wir schreiben den 22. November 2015 und ich sitze an meinem Schreibtisch, um Dateien zu sichten. Ich will eine neue Unterrichtsreihe planen. Zugleich ist es an der Zeit, dass die alte Unterrichtsreihe, an der meine Schüler und ich - so glaube ich wenigstens - vor einem Jahr viel Freude hatten - zu einem Buch gemacht wird. Wenn das nämlich nicht bald passiert, dann glauben mir meine Schüler, ganz zu recht, gar nichts mehr. Ich habe es ihnen versprochen. Während ich also sichte und suche, mich da und dort festlese, stoße ich auf einen Text, den ich zu Beginn des Jahres 2009 schrieb. Ich war die Neue an der Gesamtschule Neumühl und weil neue Besen immer gut kehren, hatte ich mit Hilfe der Stiftung Lesen einen sogenannten Lese-Medien-Club eingerichtet. Dafür gab es 4000€ Startgeld und die Schulen verpflichteten sich, mit Israel zusammen zu arbeiten. Wenn man aber bei den Schülern nicht ungeheuer viel Werbung betrieb, wurde der Lese-Medien-Club nur zögerlich bis gar nicht besucht. Deshalb schrieb ich einen Artikel für die Homepage. In diesem Artikel erzählte ich ihnen von dem neuen Raum und schrieb:

"Er ist ein Paradies der Bücher, Filme, und Hör-Cds. Es gibt einen Leseteppich, 2 Lesezelte, Matten zum Ausruhen, Decken zum Kuscheln, Kissen, um den Kopf abzustützen, einen Computer mit Internetanschluss, einen großen Flachbildschirm, DVD und VHS Player, eine Videokamera, einen digitalen Fotoapparat, Gesellschaftsspiele, Computerspiele und donners-tags bringt Sören den Kindern Diabolo-Spielen bei. Kurzum, ein Raum der unbegrenzten Möglichkeiten. Nur lesen, lesen will keiner so recht. Dabei sind es gerade Bücher und Geschichten, die uns in fremde Welten und andere Wirklichkeiten entführen können, ganz ohne Flugzeug. Erst unlängst passierte mir selbst genau das wieder einmal mit einem Buch, das unser Schulleiter beim Aufräumen an der Kampstraße gefunden hatte. Er hat dort übrigens sehr viele Bücher gefunden, die keiner mehr haben möchte.

„Willst du das Buch noch für den Lesemedienclub haben“, fragte er mich. Er meinte ein Jugendbuch. Es war sogar noch eingeschweißt. Wer weiß wie lange schon. Natürlich wollte ich das Buch mit dem seltsamen Titel „Schere Stein Papier“ von einer Autorin mit einem für mich unaussprechlichen Nachnamen. Mac Lachlan heißt sie.

Schon das Titelbild macht mich neugierig. Die Geschichte scheint am Meer zu spielen und das Meer liebe ich. Also löse ich die Folie und an einem der Weihnachtsfeiertage beginne ich zu lesen. Ein Zitat, das mein Herz berührt, leitet die poetische Geschichte ein. Ich werde sie hier nicht erzählen, auch über ihren Inhalt nichts sagen. Wer wissen will, worum es geht, der muss schon in den Lesemedienclub kommen. Das Zitat endet mit den Worten: „Ich finde mich nicht ab“. Diese Worte sprechen mir aus der Seele. Und weil ich mich auch nicht abfinde und weil wir uns nicht abfinden sollten, deshalb gibt es an unserer Schule jetzt den besagten Lesemedienclub, in dem die Kinder ihre Freizeit nachmittags verbringen können, um zu lesen.

Gerade unsere Schule, die Gesamtschule Duisburg-Neumühl ist prädestiniert für solch einen Raum, in dem es all das gibt, wovon ich schon erzählt habe. Warum gerade wir dafür prädestiniert sind? Ich will es kurz erklären und dazu muss ich noch einmal zurückkommen, auf das Buch „Schere Stein Papier“, das alleine irgendwo herumlag.

Wenn ich lese, dann mache ich Knicke in Bücher oder ich schreibe mir Sätze heraus, die mir gefallen, die mich bewegen, die mein Herz ansprechen, manchmal auch meinen Verstand.

Die Ich-Erzählerin, ein kleines Mädchen, erzählt auch von ihrer Lehrerin, die die Wörter liebt. Das könnte fast ich sein, dachte ich. Und auch in der Schule der Ich-Erzählerin wird ein Bücherraum eingerichtet, den die Lehrerin nach den Ferien einweiht. Es ist schon ein merkwürdiger Zufall. „Dieses Jahr“, sagt die Lehrerin, „werden wir über die Kraft der Sprache reden. Die Kraft von Wörtern und wie Wörter uns verändern können. In diesem Raum, in diesen Büchern“, sagt sie, „da ist die Kraft von hundert Wirbelstürmen drin. Die Kraft von hundert Wirbelstürmen wollen auch wir den Schülern unserer Schule schenken, vor allem den Kleinen, denn die brauchen besonders viel Kraft. Mit Wörtern kann man Welten erschaffen und mit Wörtern kann man Brücken bauen und Wände einreißen. Aber dazu muss man lernen, auf die Sprache zu achten. Wo immer man sich gerade befindet und was immer man tut. Aber warum soll gerade unsere Schule prädestiniert sein, wird nun der eine oder andere irritiert fragen. Das wollten Sie uns doch erklären. Stimmt, ich hätte es fast vergessen. Als ich nach den Sommerferien als die Neue, die neue Abteilungsleiterin, an die Gesamtschule in Neumühl kam, da stellte ich mich auch in allen Klassen vor. „ Wo wohnst du denn“, fragte ich einen der Schüler. „Ich wohn` im Dichterviertel“, antwortete er mir. „ Und weißt du, warum das so heißt“, fragte ich ihn. Er wusste es nicht.

Jeden Morgen auf der Fahrt zur Schule öffnet sich mir genau dieses Dichterviertel. Ich fahre ganz langsam mit 30 durch die Schillerstraße. Eine Straße weiter ist die Goethestraße, aber mit der habe ich nur zu tun, wenn ich zur Post will. Goethe und Schiller, die beiden größten deutschen Dichter, die sich in Xenien unterhalten haben, in Weimar lebten und in Freundschaft miteinander verbunden waren. Nur leider wurde Schiller längst nicht so alt wie der alte Goethe. Während ich das noch denke, passiere ich die erste Seitenstraße, die Kantstraße. Wäre Immanuel nicht gewesen, wir säßen vielleicht heute noch im Mittelalter. Das ist natürlich etwas simpel, ich weiß. „Aufklärung ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Und er meinte damit alles andere als sexuelle Aufklärung. Er wollte, dass wir Menschen unseren Verstand benutzen. Den aber kann man umso besser benutzen, je mehr man liest, je mehr man der Sprache mächtig ist und die Wörter achtet. Man kann so vieles verändern mit Sprache, man kann aber auch so vieles anrichten. Verändert hat nicht nur Kant die Welt, der jeden Nachmittag um 4 Uhr in Königsberg seine festgelegte Runde drehte. Schon fahre ich an der Lessingstraße vorbei. Lessing, der Nathan den Weisen geschrieben hat. Ein Theaterstück über die 3 Weltreligionen. Auch in der Lessingstraße leben heute Menschen verschiedenster Religionen nebeneinander. Und während ich weiter mit 30 fahre, denke ich an seine berühmte Ringparabel. Ich will euch nicht alle Dichterstraßen aufzählen, die ich auf meinem morgendlichen Schulweg passiere. Jeder von euch kann sie selbst entdecken. Und jeder dieser Dichter, deren Namen wir für unsere Straßen von ihnen geborgt haben, ist eine Lesereise wert. Wer aber lieber Harry Potter, Astrid Lindgren, Ottfried Preußler liest, oder wer auf lesen eben mal leider keine Lust hat (leider, sage ich natürlich), und lieber einen Film anschauen möchte, der sollte unseren Lesemedienclub besuchen, die Matten auslegen, die Filzpantoffeln anziehen und sich ganz ohne Flugzeug in andere Welten und andere Dimensionen entführen lassen."

So stand es also im Jahre 2009 auf der Homepage der Gesamtschule Duisburg Hamborn Neumühl. Mittlerweile heißt sie ja Gesamtschule Emschertal. Aber egal wie sie heißt, sie ist ganz nah beim Dichterviertel, auch wenn kein Schüler das weiß, und der, der es von mir erfuhr, hat längst die Schule verlassen und unser Gespräch vergessen.

In jedem Jahrgang aufs Neue versuche ich unbeirrbar im Deutschunterricht die "Kraft von hundert Wirbelstürmen zu entfachen", denn seit 2009 ist die Liebe zum Lesen bei den Schülern nicht gerade gewachsen. Sechs Jahre sind seitdem vergangen. Damals waren die Schüler meines jetzigen Deutschkurses gerade einmal zehn Jahre alt. Facebook gab es zwar schon seit 2004, und die digitalen Medien wussten viel, aber sie hatten uns noch nicht in dem Maße okkupiert wie heute. Ihre Macht über alle Menschen, besonders aber über Jugendliche war längst nicht so totalitär wie nun im Jahre 2015. Wen wundert es daher, dass es mit dem Lesen und der Lesefreude bei vielen Schülern nicht besser geworden ist. Stattdessen sind sie auf Facebook zu Hause, twittern, liken, whats appen, machen selfies und empfinden überhaupt Apps als das Leben erleichternd, das Lesen hingegen als Last. Ein Schüler sagte mir jüngst sogar, ich zitiere wörtlich: "Wer nicht Super Mario gespielt hat, hatte keine Kindheit." Aha, so ist das also. Die Zahl der Nichtleser ist in Deutschland horrend groß und sie wächst anscheinend ständig. So oder so ähnlich kann man es allerorten hören und lesen. Seit Neuestem wird ernsthaft sogar in Finnland geplant, die Schreibschrift abzuschaffen. Also: Das Lesen liegt in den letzten Atemzügen, das Schreiben schaffen wir auch gleich ab.

Aber vielleicht ist alles auch ganz anders. Vielleicht wollen Schüler lernen und lesen und auch noch schreiben, aber sie brauchen einen Anstoß und müssen sehen, dass das Ganze auch Sinn macht. Dessen bin ich mir sicher seit ich Lehrerin geworden bin und davon lasse ich mich auch nicht abbringen. Und noch einer Sache bin ich mir sicher. Schüler und Lehrer sollten miteinander über die Dinge nachdenken - intensiv und produktiv.

Und insofern verstehe ich all das, was wir - meine Schüler und ich - im Folgenden dokumentieren auch als ein Plädoyer für die Wiederbelebung des gemeinsamen Unterrichts, des gemeinsamen Entwickelns der Gedanken und des gemeinsamen Entdeckens von neuen Ideen.

Nach den Herbstferien - Neue Unterrichtsreihe - Neues Glück

Nach den Herbstferien steht also für alle Kurse das Deuten literarischer Texte auf dem Stoffverteilungsplan. Die Fachkonferenz hat sich mehrheitlich für die Kurzgeschichte entschieden. Ich gehe nun auf die Suche nach geeignetem Material. Also ich suche gute Geschichten. Derer gibt es bekanntermaßen unendlich viele. Natürlich bin ich auch im Besitz des Sprachbuches "Wortstark". Und natürlich habe auch ich Lieblingskurzgeschichten. Ich blättere, grübele und nur einer Sache bin ich diesmal sicher: Ich will nicht wieder das Lehrbuch nehmen; weder das alte noch das neue. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich mit diesem Kurs ein Experiment wagen könnte.

Da aber nun in einem Lehrerdasein der Stundenplan, der Stoffverteilungsplan und die leidigen Klassenarbeiten unabdingbar ihren Tribut fordern, können Entscheidungen nicht unendlich hinausgezögert werden.

Nimmst du das Buch, fragt mich eine Kollegin. Ich glaube nicht, erwidere ich, und ich habe das Gefühl kompetenzlos zu wirken, denn ich bin mir immer noch unsicher, wie ich die Reihe beginnen werde. Während ich auf die Suche nach der ultimativen Geschichte gehe, mit der ich das Feuer entfachen kann, nehme ich sehr schnell Abschied von der "Streuselschnecke". Ich könnte meinen Abschied natürlich auch begründen, das würde hier aber zu weit führen. Oder kennt jemand von euch die Streuselschnecke? Ich nehme überhaupt Abschied von der herkömmlichen Herangehensweise, sondern ich entschließe mich für das Ungewisse. Eben für das große weite Meer, frei nach Saint Exupery. Nein, das heißt nicht, dass ich mich treiben ließe, geschweige denn nicht nachdächte oder plante. Das, was ich mir vornehme, ist aber eben ein kleines Wagnis, denn ich möchte dabei gegen den derzeitigen Strom schwimmen. Ich möchte altmodisch sein.

Als ich meine Eltern besuche, was ich regelmäßig tue, weil sie schon sehr alt sind, erzähle ich ihnen von meinem Unterrichtsvorhaben. "Ich werde eine Geschichte von Luise Rinser besprechen ´Die rote Katze`", sage ich. Vor langer Zeit las ich genau diese Kurzgeschichte. Sie hatte sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt.

Daraufhin sprudelt es aus den beiden nur so heraus, Geschichten, die das Leben schrieb, und die es einfach wert sind, erzählt zu werden, denn sie bestärkten mich in meiner Entscheidung.

"Immer musste ich den Kaffee schwarz trinken", sagt mein Vater. Ich verstehe nicht, was er meint und wie er jetzt auf den Kaffee kommt. "Ja", fährt er fort, "damals in meiner Konditorlehre, die Meisterin, die hatte so eine fette Katze. Morgens beim Frühstück war die immer dabei und sie hatte auf der Erde ein Schälchen. Wir bekamen den Kaffee schwarz, die Katze aber, die bekam die Milch in die Schale. Und sie schlief im Holz vor dem Ofen, da war es besonders warm. Manchmal habe ich sie beobachtet, wenn der Hund dort vorbei wollte. Der Hund ahnte ja nichts. Er schnüffelte arglos und plötzlich wie aus dem Nichts, schoss die Katze hervor, stand auf ihren zwei Hinterbeinen und hat ihn gekratzt und nach ihm mit den Vorderpfoten geschlagen. Sie war furchtlos und hat immer gewonnen gegen den Hund. Der Hund tat mir leid".

Auch meiner Mutter fällt etwas ein. "Weißt du", sprudelt es aus ihr heraus, "deine Oma hat mir immer erzählt, bei ihnen war auch eine fette Katze. Und einmal hat die Katze ein dickes Stück Wurst vom Tisch stibitzt. Aber die Mutter von Oma, also deine Urgroßmutter, dachte natürlich, dass Oma das Stück Wurst einfach weggegessen hat und sie bekam dafür eine schallende Ohrfeige, obwohl sie gesagt hat, die Katze war ´s. Niemand hat ihr das geglaubt. Und deine Oma war so wütend, dass sie eines Tages die Katze am Schwanz gepackt und immer im Kreis durch die Luft geschleudert hat."

Mittlerweile bin ich mir sicher, dass die Erzählungen meiner Eltern und ein Erlebnis auf dem Lehrerparkplatz mich schließlich darin unterstützten, genau diese Kurzgeschichte zu wählen. Auf dem Lehrerparkplatz, am 30. Oktober 2014, machte ich Bekanntschaft mit einer kleinen niedlichen Katze. Ich bin eine Katzenliebhaberin und schätze mich glücklich, dass ein kleiner wohlgenährter Kater mir zur Hause Gesellschaft leistet. Vorhin saß er übrigens auf meiner Tastatur. Da musste ich eine Schriebpause einlegen. An besagtem Tag also entdeckte ich diese kleine schlanke Katze mit einem Halsband. Ich lockte sie, sie ließ sich streicheln und sogar auf den Arm nehmen. "Was bist du für ein freundliches Tier" sagte ich zu ihr und genoss den Augenblick. Vielleicht fiel da die Entscheidung für genau diese Geschichte. Ich war mir durchaus über das Wagnis im Klaren, denn die Geschichte ist - ganz anders als die "Streuselschnecke" - harter Tobak und für eine Kurzgeschichte sehr lang.

Eine Tasche voller Bücher - Vorlesen und zum Schreiben verlocken

Alles begann aber nicht etwa direkt mit dieser Geschichte. Ich wollte ja nicht mit der Tür ins Haus fallen. Stattdessen begann ich mit Klopfgeschichten und einer Tüte voller Bücher. Nach den Herbstferien brachte ich eine große Tasche mit Büchern mit. Es ging nicht darum, dass die Schüler sich Bücher aussuchen, lesen und dann vorstellen sollten, denn der Stoffverteilungsplan schrieb ja "Kurzgeschichten" vor und natürlich die obligatorischen Kompetenzen. Ich selbst hatte nicht nur in den Herbstferien eine ganze Reihe belletristischer Bücher verschlungen, sondern auch meine eigenen kleinen oder größeren selbst verfassten Erzählungen gesichtet. Davon brachte ich ebenfalls eine Auswahl mit. Ich traute mich und gab den Schülern ein bisschen von mir preis, erzählte ihnen von meiner Leidenschaft für Bücher und dass ich manchmal ganze Tage nur mit dem Verschlingen eines Romanes zubrächte, was vollkommen der Wahrheit entsprach. Nur am Rande sei vermerkt, dass sie mich als jemanden kennen, der nur ein uraltes Handy besitzt, keine Apps downloadet, keine Filme schwarz brennt und nicht bei Facebook angemeldet ist. Einmal fragte mich sogar ein Schüler ganz erstaunt: "Ja, was machen sie denn in ihrer Freizeit?" Während ich erzählte, stapelte ich die Bücher vor mir auf dem Tisch, der kein Pult ist, sondern sich in nichts von den Tischen der Schüler unterscheidet. Dann traute ich mich, meine eigenen Geschichten hervorzuholen. Ich erzählte, wie ich zum Schreiben gekommen sei, was mich daran begeistere, und zeigte ihnen das eine oder andere eigene Buch. Die Gute-Nacht-Geschichten schie-nen es ihnen besonders angetan zu haben. "Lesen Sie uns was vor", bettelten meine Schüler. "Ihr dürft euch was wünschen", erwiderte ich und sie wünschten sich die "Sandkorngeschichte". Selten habe ich meine Schüler so still und aufmerksam erlebt, wie an diesem Tag. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, dass noch viele solcher Stunden kommen würden. Die 45 Minuten vergingen wie im Fluge. Die "Kraft von hundert Wirbelstürmen" begann, glaube ich, genau in dieser ersten Stunde. "Die Kraft der Sprache" hatte uns gepackt.

In der folgenden Stunde informierte ich meine Schüler, dass wir in den kommenden Wochen Geschichten lesen und interpretieren würden. Zu dem Zeitpunkt wusste ich selbst noch nicht, dass es bei der einen Geschichte bleiben würde. Ein Stöhnen ging durch die Reihen." Wartet doch erst mal ab", beschwichtigte ich sie. "Ich bin noch nicht fertig. Vorher nämlich", sagte ich ihnen, "bevor wir fremde Texte lesen und untersuchen, werden wir selbst Schriftsteller werden. Ich weiß, dass ihr das könnt, und vielleicht gewinnt ihr Spaß daran. Je mehr man nämlich selbst Freude am Schreiben hat, desto besser kann man auch Schriftsteller verstehen. Daran glaube ich fest". Erstaunlicherweise ging diesmal kein Stöhnen durch die Reihen. Das machte mir Mut für den nächsten Schritt. Ich hatte nämlich für die zweite Stunde meiner Reihe "Klopfgeschichten" im Rucksack. Im Sprachbuch betraf die Methode eigentlich nur das Gedichte - Schreiben, aber man kann alles abwandeln und dann muss man sehen, ob es funktioniert.

"Wir schreiben heute Klopfgeschichten", sagte ich meinen 19 Schülern. Es waren übrigens tatsächlich alle anwesend und ich fragte mich, wie lange mir dieser schöne Zustand noch erhalten bleiben würde.

Ich teilte sie in Gruppen ein und las ihnen die Anweisung vor.

"Lassen Sie sich in ihrer Gruppe auf ein Experiment ein: Jeder von Ihnen ist mit einem Stift und einem Blatt Papier ausgerüstet. Während des Schreibspiels wird nicht gesprochen. Ein Gruppenmitglied klopft auf den Tisch. Jeder schreibt das Wort auf, das ihm gerade durch den Kopf geht"

Natürlich hatte ich ein bisschen Sorge. Auch im E-Kurs sind Schüler, die manchmal dummes Zeug im Kopf haben und die mit Sprache nicht gerade pfleglich umgehen. Aber die Schüler begannen mit dem Spiel und schienen Freude daran zu haben. Natürlich wurde die Anweisung, dabei zu schweigen, nicht so recht eingehalten. Aber auch das ist Unterrichtsalltag und nach der einen oder anderen freundlichen Ermahnung trat tatsächlich Stille ein. Vielleicht hatten sie sich auch warm geklopft. Mehr und mehr kam ich zu der Überzeugung, dass ich wohl die richtige Entscheidung getroffen hatte. Auch das merkt man manchmal erst mitten im Geschehen. Da wir eine Doppelstunde Zeit hatten, konnten wir direkt die Klopfwörter zu Geschichten weiter entwickeln. Ich überließ es den Schülern, ihre eigenen Wörter oder die des Mitschülers zu nehmen. Ich überließ es auch den Schülern, ob sie alleine oder zusammen einen Text produzieren wollten. Sie fragten mich selbst danach, ob sie auch zu zweit oder zu mehreren arbeiten dürften. Zu diesem Zeitpunkt unterrichtete ich nach der Devise, mal sehen, wie es klappt. Es schien tatsächlich zu klappen und ich musste an das kleine Gedicht von Eichendorff denken.

"Schläft ein Lied in allen Dingen,die da träumen fort und fort,und die Welt hebt an zu singen,triffst du nur das Zauberwort."

Es war erst der Anfang und es war nur ein ganz leises Lied, aber ich ahnte, es würde lauter werden. Und es wurde lauter. Die Schüler hatten Feuer gefangen und sie baten mich, ob wir nicht am Mittwoch und Freitag weiter Geschichten schreiben könnten. Ich freute mich; vielleicht hatte ich tatsächlich das Zauberwort getroffen.

Zum Glück sind die Richtlinien von 1998 noch nicht außer Kraft gesetzt. Hier heißt es dazu:

"Ein Deutschunterricht, der die Schülerinnen und Schüler produktiv einbezieht durch Eingreifen, Weiterschreiben, Reagieren, Umgestalten, eröffnet ihnen besonders intensive Verstehenswege…."

Sie schrieben also am Mittwoch und sie schrieben am Freitag. Und am Freitag setzten wir uns in einen Kreis- es war kein Morgenkreis - aber sicherlich sah er genauso aus und er machte auch Sinn.

Meine Schülerinnen und Schüler lasen sich ihre Geschichten gegenseitig vor und sie hörten einander aufmerksam zu. Auch das ist etwas Besonderes. Manche schämten sich und baten mich, ich möge lesen. Das tat ich auch, denn wir waren ja nicht beim Ingeborg Bachmann Preis in Klagenfurt. Hier sollte ja niemand bloßgestellt werden. Und Geschichten zu schreiben und sie dann öffentlich zu machen, das bedarf des Selbstvertrauens. Man muss spüren: Hier will mir keiner etwas Böses. Ich spürte förmlich die zugewandte Stimmung. Alle waren leise und lauschten den Geschichten und der eine oder andere Schüler wunderte sich über sich selbst. Man sah ihren Gesichtern an, dass sie sich das nicht zugetraut hätten. Aber sie waren durchaus auch mutig genug, einem Mitschüler freundlich, aber deutlich zu verstehen zu geben, dass seine Geschichte, die ja auf den spontan aufgeschriebenen Klopfwörtern basierte, rassistische Elemente habe. - André Breton bzw. das Unbewusste lässt grüßen. - Er akzeptierte die Kritik klaglos und bat mich, ob er zur nächsten Stunde eine andere Geschichte schreiben dürfe.

Da den Schülern das Schreiben und das Vorlesen ihrer Geschichten so viel Freude machte, beschloss ich, eine Stunde in der Woche nur für das Schreiben zu reservieren. In der folgenden Dienstagsstunde fragte ich sie also, was sie von meinem Vorschlag hielten, den Freitag immer der Schriftstellerei vorzubehalten. Die meisten - bis auf ganz wenige Ausnahmen - waren begeistert. Die wenigen Ausnahmen fanden das aber auch nicht schlimm. Sie hatten nur von sich selbst den Eindruck, dass Schriftsteller sein nicht zu ihren Haupthobbys werden könnte. "Muss ja auch nicht", tröstete ich sie.

Und so begann unsere gemeinsame Arbeit, wir analysierten im gemeinsamen Unterricht, die Schüler schrieben allein oder in Gruppen. Sie schrieben während der Unterrichtszeit und sie schrieben auch in ihren Pausen.

Nun da der Freitag für die Schriftstellerei reserviert war, verblieben noch drei Unterrichtsstunden für die Analyse von Kurzgeschichten.

Aber ist es schon Begründung genug, dass einem selbst eine Kurzgeschichte gefällt, oder den Eltern dazu auch noch ein paar Episoden einfallen. Sicherlich nicht. Was also macht die Kurzgeschichte zu einer, die es wert ist, man könnte auch sagen, die exemplarisch genug ist, im Unterricht eines 9. Jahrganges besprochen zu werden. Kennt jemand überhaupt den Text? Ich habe ihn in den Anhang gepackt, zum Nachlesen2.

Bescheidener Interpretationsversuch der Kurzgeschichte "Die rote Katze"

Im kleinen Reclambuch "Erzählte Zeit - 50 Kurzgeschichten der Gegenwart" finden wir die Kurzgeschichte unter der Kapitelüberschrift "Zerstörung und Verstörung: Auswirkungen des Krieges" (1980, S. 83–90)

Es geht in ihr um die Verarbeitung einer großen Schuld, der Schuld eines 13jährigen Ich-Erzählers, dem viel zu früh bedingt durch den Krieg und die Hungersnot der Nachkriegszeit eine viel zu große Verantwortung aufgebürdet wird.

Die Geschichte wird vom Ich- Erzähler in der Rückschau in Zeitraffung erzählt. Die Handlung beginnt im herannahenden Sommer des Jahres 1946, denn die Geschwister Leni und Peter essen Buschbohnen. Sie endet im Winter 46/47. Der Leser wird Zeuge eines moralischen Dilemmas, das mit der Ermordung der roten Katze seinen Höhepunkt findet und einem Drama gleich vor unseren Augen entfaltet wird. In kindlicher Umgangssprache, die eher einen Jungen als ein Mädchen vermuten lässt, beginnt die Erzählung mit der Formulierung eines Zweifels. Der für Kurzgeschichten unvermittelte Beginn lässt uns Schlimmes vermuten. Wenn der Ich-Erzähler von dem "roten Teufel von einer Katze" spricht, dann signalisiert die sprachliche Wendung Ablehnung und wenn wir dann lesen, dass er nicht weiß, ob das richtig war, was er getan hat, dann vermuten wir eine Tat, die Gewissensbisse auslöst. Die folgenden drei Sätze umreißen den Ort, die Zeit und die weiteren Figuren der Erzählung. Insofern ähnelt tatsächlich trotz des offenen Beginns der erste Absatz einer Exposition. Der Ich- Erzähler scheint tatsächlich ein Junge zu sein, er und seine jüngeren Geschwister sind vaterlos. Der Leser nimmt nun teil an der Erinnerung, die der Junge entfaltet, um mit seine Schuld zu verarbeiten. Er