Single Dad unter Verdacht - Marie Ferrarella - E-Book

Single Dad unter Verdacht E-Book

Marie Ferrarella

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Beschreibung

Micah gibt sein Bestes, um seinen Söhnen Vater und Mutter zu sein, aber manchmal kommt er an die Grenzen seiner Kraft. Und jetzt gerät er auch noch im Job unter Verdacht, was ihn zu der hübschen Rechtsanwältin Tracy Ryan führt. Er braucht ihr Know-how … und er will ihre Liebe.

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Seitenzahl: 198

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IMPRESSUM

Single Dad unter Verdacht erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2012 by Marie Rydzynski-Ferrarella Originaltitel: „Once Upon a Matchmaker“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA, Band 1884 Übersetzung: Patrick Hansen

Umschlagsmotive: Harlequin Books S.A., Roman Rybalko / Getty Images

Veröffentlicht im ePub Format in 05/2023

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751521918

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

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PROLOG

„Er ist ein guter, anständiger Mann“, sagte Sheila Barrett.

Mit „er“ meinte die hochgewachsene, auffallend attraktive Frau ihren Neffen, den jungen Mann, den sie zu sich genommen und aufgezogen hatte, nachdem ihre Schwester und ihr Schwager bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren.

Das war jetzt fast zwanzig Jahre her. Micah Muldare war für sie fast wie ein Sohn, und wie eine Mutter machte sie sich Sorgen um ihn. Und dazu hatte sie auch allen Grund, fand sie. Er hatte sich nämlich zu einem emotionalen Einsiedler entwickelt.

„Seit seine Frau Ella gestorben ist, vergräbt er sich in seiner Arbeit. Wenn ich auch nur erwähne, dass man mal ausgehen könnte, versichert er mir, dass er einfach zu beschäftigt ist.“ Sie presste die Lippen zusammen und wehrte sich gegen die aufkommende Traurigkeit. „Es kommt mir beinahe so vor, als würde er versuchen, vor dem Schmerz davonzulaufen.“

Es war sonst nicht Sheilas Art, jemandem ihr Herz auszuschütten, nicht einmal einer so vertrauten Freundin wie Maizie Sommers. Aber allein kam sie nicht weiter. Sie brauchte Hilfe, um zu ihrem Neffen durchzudringen. Die Situation wurde nicht besser, sondern schlimmer.

„Was ist mit seinen Söhnen?“, fragte Maizie. „Hast du mir nicht erzählt, dass er zwei kleine Jungen hat? Wie ist er denn zu denen?“

Sheila nickte und trank einen Schluck von dem exotisch schmeckenden Tee, den sie bestellt hatte. Maizie, eine Immobilienmaklerin, hatte vorgeschlagen, dass sie sich in dem kleinen Café trafen, um über ihre Sorgen zu sprechen. Ganz offenbar fühlte Maizie sich ihrem Problem gewachsen und sah darin eine reizvolle Herausforderung.

Sie hatte nicht nur ihre eigene Firma, sondern betätigte sich zusammen mit ihren lebenslangen Freundinnen Theresa Manetti und Cecilia Parnell als Partnervermittlerin. Angefangen hatten sie damit bei ihren eigenen Kindern, und inzwischen machte es ihnen so viel Spaß, dass sie es bei den Nachkömmlingen ihrer Freunde versuchten. Da Sheila davon wusste, hatte sie sich an Maizie gewandt, um ihrem alleinerziehenden Neffen zu einer Frau zu verhelfen.

„Seine Söhne heißen Gary und Greg“, erzählte Sheila. „Sie sind fünf und vier, und er vergöttert die beiden. Aber die Jungen sehen ihren Vater immer seltener, weil er sich ganz auf seinen Beruf konzentriert. Und das tut ihnen nicht gut.“ Sie seufzte. „Micah auch nicht.“

„Die Arbeit ist nie ein Ersatz für eine harmonische Beziehung“, sagte Maizie.

Sheila war ganz ihrer Ansicht. „Die Jungen brauchen dringend eine Mutter, und Micah eine Frau, die er liebt und die seine Liebe erwidert.“ Verlegen sah sie ihre Freundin an. „Normalerweise mische ich mich nicht in sein Leben ein …“

„Und das weiß er bestimmt zu schätzen, aber manchmal reicht bei den Menschen, die wir lieben, ein kleiner Anstoß. Das ist völlig in Ordnung“, versicherte Maizie ihr.

„Er wäre entsetzt, wenn er wüsste, dass ich mit dir über ihn rede …“

Maizie lächelte aufmunternd. „Keine Angst. Wir gehen äußerst diskret vor. Mal sehen, was ich tun kann. Bald ist Muttertag“, überlegte sie laut. Vielleicht ließ sich der Anlass ja irgendwie nutzen. „Ich melde mich rechtzeitig bei dir“, versprach sie und war schon dabei, einen Plan zu schmieden.

Die Operation Micah Muldare hatte in dem Moment begonnen, in dem Sheila sich an ihren Tisch gesetzt hatte.

1. KAPITEL

Deshalb haben sie also so geheimnisvoll getan und dauernd getuschelt und geflüstert.

Micah Muldare saß auf der Couch und betrachtete das Geschenk, mit dem seine Söhne ihn überrascht hatten. Er hatte nicht damit gerechnet, erst recht nicht zu einem Tag, den er noch nie auf sich bezogen hatte. Er hatte es gerade ausgepackt, und jetzt stand es auf dem Tisch. Verwirrt starrte er sein Geschenk an.

Seine Jungen, der vier Jahre alte Greg und der fünfjährige Gary, saßen – oder hockten – neben ihm wie zwei batteriebetriebene Buchstützen. Die beiden konnten keine fünf Sekunden lang still sitzen und sahen mit ihren blauen Augen und blonden Haaren fast wie Zwillinge aus.

Sie sehen aus wie Ella.

Micah verdrängte den Gedanken. Es war zwei Jahre her, aber sein Herz war noch nicht bereit für solche Vergleiche.

Eines Tages vielleicht, aber nicht jetzt.

„Gefällt er dir, Daddy?“, fragte Gary, der Lebhaftere der beiden, aufgeregt. Der Junge strahlte übers ganze Gesicht. Seinen leuchtenden Augen entging keine Bewegung.

Micah betrachtete den Becher vor ihm. „Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht damit gerechnet habe“, sagte er. „Heute habe ich mit überhaupt nichts gerechnet.“

Es war Muttertag. Zugegeben, seit zwei Jahren war er für seine Söhne Mutter und Vater zugleich, aber ein Geschenk zum Muttertag hatte er nun wirklich nicht erwartet. Zum Vatertag, ja, aber ganz bestimmt nicht heute.

Der Becher war in eine ganze Rolle Geschenkpapier eingewickelt gewesen. Gary hatte stolz verkündet, dass das sein Werk war.

„Aber ich habe die Klebestreifen draufgetan“, verkündete Greg.

Micah lobte ihre Teamarbeit.

Auf dem Becher stand World’s Greatest Mom in pinkfarbenen und gelben Keramikblumen. Micah musste lächeln und schüttelte den Kopf. Na ja, wenigstens hatten seine Söhne das Herz am richtigen Fleck. „Ich … glaube, ihr zwei habt das Prinzip nicht so recht begriffen“, sagte er.

Gary runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen. „Was ist ein Prinzip?“

„Eine Idee, eine Vorstellung …“

Micah verstummte. Als Ingenieur, der bei Donovan Defense, einem großen Rüstungskonzern, in der geheimen Abteilung für Raketenabwehrsysteme arbeitete, neigte er dazu, Dinge sehr ausführlich zu erklären. Aber angesichts des zarten Alters seiner Söhne war eine kurze Antwort wohl besser.

Also probierte er es noch mal. „Das ist die Art, wie man etwas versteht. Ich bin sehr gerührt, Jungs, aber ihr wisst, dass ich nicht eure Mom bin, oder? Ich bin euer Dad.“ Er sah von Gary zu Greg.

„Das wissen wir“, versicherte Gary ihm, als wäre es dumm, seine Eltern miteinander zu verwechseln. „Aber manchmal machst du Sachen wie eine Mom“, erinnerte er seinen Vater.

„Ja, du backst Kekse, wenn ich krank bin“, warf Greg ein.

Und das öfter, als mir lieb ist, dachte Micah. Greg war nicht nur klein für sein Alter, er war auch früher als geplant zur Welt gekommen, und sie hatten ihn in seinen ersten zwei Lebensjahren immer wieder ins Krankenhaus bringen müssen.

Die vielen verschiedenen Medikamente, die er hatte einnehmen müssen, hatten sich nicht gerade positiv auf sein Immunsystem ausgewirkt. Deshalb war er viel anfälliger als sein älterer Bruder.

Und jedes Mal, wenn er krank wurde, ließ Micah ihn nicht aus den Augen, weil er Angst hatte, dass der Junge wieder eine Lungenentzündung bekam. Vor anderthalb Jahren war Greg fast daran gestorben, und Micah konnte es nicht vergessen.

Er räusperte sich und straffte die Schultern. Seine Mutter Diane hatte ihm beigebracht, für jedes Geschenk dankbar zu sein.

„Trotzdem freue ich mich riesig über den Becher“, sagte er, und seine Söhne lächelten ebenso glücklich wie er.

„Tante Sheila hat uns geholfen“, gab Gary zu, denn er wollte kein unverdientes Lob einheimsen.

„Genau, sie hat uns zum Laden gefahren“, ergänzte Greg. „Aber ich und Gary haben ihn selbst ausgesucht. Und mit unserem eigenen Geld gekauft“, fügte er hinzu.

„Gary und ich“, verbesserte Micah automatisch.

Der kleine Junge schüttelte so heftig den Kopf, dass ihm das blonde Haar um die Ohren wehte. „Nein, nicht du, Daddy, ich“, beharrte er. „Ich und Gary.“

Wenn er etwas älter ist, bleibt genug Zeit, seine Grammatik zu korrigieren, tröstete Micah sich. „Das habt ihr großartig gemacht!“, rief er begeistert und spürte einen Anflug von Melancholie. „Ihr zwei werdet viel zu schnell groß. Bevor ihr es wisst, seid ihr verheiratet und habt eigene Familien.“

„Verheiratet?“, wiederholte Greg und machte ein Gesicht, als hätte sein Vater ihm gerade verkündet, dass es ein Jahr lang zum Abendessen gebratene Leber gab.

„Mit einem Mädchen?“, fragte Gary ungläubig. Allein die Vorstellung, dass er mit einem weiblichen Wesen zusammenlebte, schien ihn zu entsetzen. Schließlich wusste jeder, dass Mädchen doof waren. Ausgenommen Tante Sheila, aber die zählte nicht.

„Ja, so stelle ich mir das vor“, sagte Micah zu seinen Söhnen und gab sich die größte Mühe, nicht über ihre verdutzten Mienen zu lachen.

Gary schlug die Hände vors Gesicht. „Iiih!“, rief er.

„Ja“, bestätigte Greg. „Doppelt iiih!“

Micah legte die Arme um ihre schmalen Schultern und drückte sie an sich. „Kommt in zehn oder fünfzehn Jahren zu mir und wiederholt das“, scherzte er.

„Okay“, versprach Gary feierlich. „Das machen wir.“

„Ja, das machen wir!“, pflichtete Greg seinem Bruder bei.

Micahs Tante Sheila Berry stand im Durchgang zum Wohnzimmer und beobachtete die Szene zwischen ihrem Neffen und seinen Söhnen. Sie lächelte und freute sich für die Drei. Obwohl sie nicht weit von Micah entfernt wohnte, war sie eher hier zu Hause als dort, wohin ihre Post geschickt wurde. Sie kümmerte sich um die Jungen, wenn ihr Neffe arbeitete. Und das tat er meistens, es sei denn, einer der beiden war krank.

„Sie haben den Becher selbst ausgesucht“, berichtete sie, damit Micah nicht annahm, es wäre ihre Idee gewesen. „Nachdem sie ihn entdeckt hatten, kam nichts anderes mehr infrage. Sie fanden ihn einfach perfekt für dich.“

„Und natürlich hast du versucht, es ihnen auszureden“, entgegnete Micah belustigt.

Sheila zuckte mit den Schultern. „Ich finde, dass kleine Männer ihre Einkaufslust ebenso ausleben sollten wie kleine Frauen.“

„Sehr demokratisch von dir“, erwiderte er. Tante Sheila war schon immer etwas unkonventionell gewesen. Durch sie hatte er gelernt, nicht in Schubladen zu denken. Er bezweifelte sehr, dass er ohne sie zu dem Mann geworden wäre, der er heute war. „Schon allein dafür lade ich euch zum Mittagessen ein.“

„Tante Sheila auch?“, fragte Greg hoffnungsvoll.

„Vor allem Tante Sheila“, antwortete Micah und warf ihr einen dankbaren Blick zu. „Schließlich ist sie hier die wahre Mom.“

Verwirrt drehte Greg sich zu der Frau um, die jeden Morgen herkam, um ihn in die Vorschule und seinen Bruder in den Kindergarten zu bringen. Am Nachmittag holte sie die Jungen ab und blieb bei ihnen, bis ihr Vater nach Hause kam. Und manchmal blieb sie richtig lange.

„Hat Tante Sheila Kinder?“, fragte Greg überrascht.

Sheila lächelte und antwortete für Micah. „Ich habe euren Dad.“

Zwischen ihr und dem Sohn ihrer Schwester bestand eine ganz besonders enge Beziehung. Als seine Eltern im Urlaub bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren und seine kleine Welt von einem Tag zum anderen untergegangen war, war Micah zwölf Jahre alt gewesen. Leicht verletzt hatte er ganz allein im Krankenhaus in San Jose gelegen.

Sie war sofort hingefahren und an seinem Bett geblieben, bis er aufstehen und sie ihn mit zu sich nehmen konnte. Danach hatte sie ihn wie einen eigenen Sohn aufgezogen.

Greg starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. „Dad war mal ein Kind?“

„Natürlich war dein Dad ein Kind“, versicherte sie ihm und biss sich auf die Lippe, um nicht zu lachen. „Und zwar ein ziemlich wildes.“

„Das denkt sie sich nur aus“, warf Micah ein. „Ich war ein friedlicher Engel.“

„Jedenfalls hast du wie einer ausgesehen, wenn du geschlafen hast“, sagte Sheila. „Wenn du wach warst, eher nicht.“

„Kannst du uns Geschichten über Dad als Kind erzählen?“, bat Gary.

„Ja, das kann ich.“

„Aber sie tut es nicht“, griff Micah streng ein. „Die spart sie sich für dann auf, wenn ihr älter seid.“

Gary zog die Augenbrauen zusammen. „Warum?“

„Den Grund erfährst du auch erst, wenn du älter bist“, versprach Micah ihm und wechselte schnell das Thema. „Wie sieht es aus, habt ihr Hunger auf Pizza?“

„Haben wir!“, riefen die beiden wie aus einem Mund. Unglaublich, wie laut die beiden plötzlich sein konnten.

Micah warf seiner Tante einen fragenden Blick zu. Sie hatte es sich auf der Couch gegenüber bequem gemacht. „Ich dachte mir, wir gehen in das kleine italienische Restaurant, das du so magst. Giuseppe’s.“ Die Jungen sprangen auf, und auch sie erhob sich. „Zu meinem Glück ist es kinderfreundlich.“

„Zufällig bin ich das auch.“ Sheila legte jedem Jungen eine Hand auf die Schulter und schob sie zur Haustür.

„Du weißt, dass hier niemand mehr ist, den du beeindrucken müsstest, oder?“, fragte Kate Manetti Wainwright ihre Freundin Tracy Ryan.

Am heutigen Sonntag war die Anwaltskanzlei geschlossen. Oder sie sollte es jedenfalls sein. Das Klappern der Tastatur musste Kate in Tracys kleines Büro gelockt haben.

Tracy nahm den Blick von dem Schriftsatz, an dem sie gerade arbeitete. Ihre Freundin stand in der Tür. „Du bist hier“, erwiderte sie.

„Aber ich sollte es nicht.“ Und sonst auch niemand. „Ich bin nur vorbeigekommen, um den Pullover zu holen, den ich am Freitag hier vergessen habe.“ Sie hielt das hellblaue Kleidungsstück hoch. „Außerdem zähle ich nicht.“

„Für mich schon“, entgegnete Tracy mit einem flüchtigen Lächeln. „Und zu deiner Information, ich will niemanden beeindrucken. Ich versuche lediglich, liegen gebliebene Arbeit nachzuholen.“

Kate verdrehte die Augen. „Du arbeitest doch ohnehin doppelt so viel wie jeder andere. Wie viel kannst du da schon nachzuholen haben?“

Tracy zuckte mit den schmalen Schultern. „Genug“, sagte sie ausweichend und sah die Frau an, die seit dem Jurastudium ihre beste Freundin war. Sie hatten immer zueinandergehalten, in guten wie in schlechten Zeiten. „Musst du nicht irgendwo anders sein?“, fragte sie. Schließlich war heute Muttertag, und im Unterschied zu ihr hatte Kate das Glück, noch eine Mutter zu haben.

Kate machte ein unschuldiges Gesicht. „Stimmt, das muss ich – und du kommst mit“, verkündete sie, als wäre sie gerade erst auf die Idee gekommen.

Anstatt sofort abzulehnen, beschloss Tracy, erst mehr zu erfahren, bevor sie sich weigerte. Kate war eine Frau, die ein Nein nicht so schnell akzeptierte. „Und wo genau sollen wir beide sein?“

„Bei Giuseppe’s. Lilli und ich laden unsere Mutter zum Muttertag ein“, erwiderte sie. Lilli war die Frau ihres Bruders Kullen.

Tracy schüttelte den Kopf. „Gute Idee, aber ich bleibe hier und mache diesen Schriftsatz fertig.“

„Kommt nicht infrage, Tracy.“

„Es ist Muttertag“, sagte Tracy so sachlich wie möglich. „Bestimmt würde es deiner Mutter nicht gefallen, wenn du eine Streunerin mitbringst.“

„Wenn du das glaubst, kennst du meine Mutter nicht. Außerdem bist du keine Streunerin“, widersprach Kate. „Du gehörst doch praktisch zur Familie.“ Sie lächelte. „Als die Schwester, die meine Mutter mir nicht geschenkt hat.“

Tracy unterdrückte ein Seufzen. Muttertage waren für sie doppelt schwer zu ertragen. Die Mutter, die sie über alles geliebt hatte, lebte nicht mehr. Seit fast drei Jahren vermisste sie sie jeden Tag. Und dann war da noch ihre Ehe, die vor vier Jahren nach kurzer Zeit geendet hatte. Tracy war schwanger gewesen und hatte sich riesig darauf gefreut, Mutter zu werden. Leider war das Kind viel zu früh zur Welt gekommen und gestorben.

Das und die in Rekordzeit gescheiterte Ehe hatten bei ihr das Gefühl hinterlassen, dass sie dazu bestimmt war, allein durchs Leben zu gehen. Inzwischen hatte sie sich damit abgefunden und lenkte sich mit ihrer Arbeit vom Singledasein ab. Sie vergrub sich darin und tat alles, um nicht über ihre Situation nachzudenken.

Wenn die Einsamkeit sie zu überwältigen drohte, arbeitete sie einfach noch mehr, bis sie nicht mehr fühlte, sondern nur noch funktionierte.

Da sie kein Roboter war, lenkte sie ihre Emotionen einfach auf die Fälle, mit denen sie betraut war. Und auf die Menschen, die sich auf sie verließen, wenn sie sie vor Gericht vertrat.

„So einfach wirst du mich nicht los“, fuhr Kate fort. „Und keine Sorge, es ist kein Arrangement, um euch zusammenzubringen. Jackson ist an diesem Wochenende für seine Bank auf Geschäftsreise und kann keinen Freund mitbringen, also sind wir Frauen unter uns“, versprach sie. „Komm schon“, drängte sie, „es wird bestimmt lustig.“

„Das da kann warten.“ Kate zeigte auf den Schriftsatz auf Tracys Schreibtisch. „Deine Arbeit läuft dir schon nicht weg.“ Ihr war anzuhören, dass sie sich nicht umstimmen lassen würde. Tracy würde mitkommen, und wenn sie ihre Freundin eigenhändig aus der Kanzlei und zum Italiener schleifen musste.

Für den Moment begnügte sie sich damit, an Tracys Arm zu ziehen.

Seufzend gab Tracy nach. Es war vermutlich angenehmer, mit netten Menschen zusammen zu sein, als allein im Büro zu sitzen. In der Kanzlei war es totenstill, abgesehen vom leisen Summen ihres Computers. Und Stille war gefährlich, denn dann schlichen sich immer die schmerzhaften Erinnerungen an und überfielen sie, wenn sie nicht damit rechnete.

Sie wollte nicht an die beiden Menschen denken, die sie verloren hatte. Solange sie vor den Erinnerungen davonlief oder sie energisch unterdrückte, ging es ihr gut. Dann funktionierte sie. Und sie musste funktionieren.

Denn sonst versank sie in einer Trauer, die sie langsam, aber sicher auffraß. Das hatte sie schon einmal erlebt und wollte es nie wieder. „Okay, ich komme mit“, sagte sie.

„Toll!“, rief Kate, bevor sie um den Schreibtisch herumging, das Dokument abspeicherte, an dem Tracy arbeitete, und den Computer ausschaltete. „So, das wäre geschafft“, verkündete sie zufrieden und hakte sich bei ihrer Freundin ein, als diese gehorsam aufstand.

„Ich wusste, dass du es einsiehst.“ Kate gab sich keine Mühe, ihren Triumph zu verbergen. „Lass uns gehen. Ich will meine Mutter nicht warten lassen. Übrigens, habe ich dir schon erzählt, dass Nikki und Jewel auch kommen und ihre Mütter mitbringen?“

Tracy kannte ihre Freundin. Vor Gericht konnte Kate jeden gegnerischen Anwalt in Grund und Boden reden, aber privat musste man ihr jedes Wort aus der Nase ziehen.

„Ich hoffe, es stört dich nicht“, fuhr Kate fort. „Die Mütter sind seit ewigen Zeiten befreundet. Ich dachte mir, sie hat mehr Spaß, wenn die beiden auch dabei sind.“

Was hat Mom immer gesagt? Mitgegangen, mitgefangen.

Da heute Muttertag war, fand Tracy sich damit ab und ließ sich von Kate zur Tür ziehen.

Tracy war Theresa Manetti schon begegnet, einmal bei Kates Hochzeit und ein zweites Mal bei Kullens. Die Frau erinnerte sie an ihre Mutter. Sie hatte Theresa auf Anhieb gemocht, genau wie Maizie Sommers und Cecilia Parnell, ihre „besten Freundinnen seit der dritten Klasse“.

Wenn sie die Eigenschaften der drei Frauen kombinierte, sah sie sich praktisch ihrer Mutter gegenüber.

„Na bitte“, sagte Kate zu ihr, als sie, Lilli und Tracy sich zu den anderen an den Tisch setzen. „Ich habe dir doch versprochen, dass es ein reiner Mädchennachmittag wird.“

Theresa lachte. „Sehr schmeichelhaft, Liebes.“ Sie lächelte ihrer Tochter zu. „Ich bin spätestens seit dem letzten Jahrhundert kein Mädchen mehr.“

„Alles eine Frage der Einstellung“, warf Maizie ein. „Ich persönlich weigere mich einfach, alt zu werden.“

„Was ist das weibliche Gegenstück zu Peter Pan?“, fragte Theresa ihre Freundin Cecilia.

„Glücklich“, verkündete Tracy ohne Zögern.

„Mir gefällt deine Denkweise, Tracy“, lobte Maizie und überflog die Speisekarte. „Also, was sieht gut aus?“

„Ganz spontan würde ich sagen, er“, antwortete Theresa Manetti und schaute dabei nicht in die Karte, sondern zu einem anderen Tisch hinüber.

Maizie hob den Kopf und musterte den dunkelhaarigen Mann, den ihre Freundin meinte. Sie tat überrascht, aber in Wirklichkeit hatten alle drei – sie, Cecilia und Theresa – genau gewusst, dass Micah Muldare dort sitzen würde. Schließlich hatten sie es vorher mit Sheila so vereinbart.

„Du warst bei Peter Pan“, erinnerte sie Theresa, bevor sie sich leicht vorbeugte und die Augen zusammenkniff. „Oh, ich glaube, ich kenne die Frau, die er bei sich hat.“

Jetzt blickten sämtliche Frauen hinüber. „Etwas zu alt für ihn, oder?“, kommentierte Cecilia.

„Das ist seine Tante. Sheila Barrett. Ich habe ihr vor einigen Jahren eine Wohnung verkauft“, erklärte Maizie.

„Dann ist sie eher eine Kundin als eine Freundin“, folgerte Tracy.

Maizie lächelte versonnen. „Sie ist beides.“

„Meine Mutter schließt schnell Freundschaften“, erzählte Nikki.

Tracy schaute wieder zu dem Nachbartisch. „Süße kleine Jungen“, stellte sie leise fest.

Maizie nickte. „Ja, das sind sie wirklich. Wie ich höre, zieht er sie ganz allein groß und ist ein wundervoller Vater. Natürlich hilft Sheila ihm, wann immer sie kann, aber die Liebe einer Mutter ist einfach nicht zu ersetzen, findest du nicht auch?“

Die Frage galt Tracy, aber alle drei Töchter antworteten im Chor. „Nein, Mom, das ist sie nicht.“

Maizie lachte leise. Sie hatte ein gutes Gefühl. Tracys Blick war zärtlich geworden, als sie die Kinder angesehen hatte. Das war ein äußerst verräterisches und vielversprechendes Zeichen.

Na also, dachte sie zufrieden, klappt doch.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie und ihre Freundinnen die nächste Partnerschaft feiern konnten.

2. KAPITEL

Maizie wartete, bis Sheila in ihre Richtung schaute, bevor sie den Arm hob und der anderen Frau freudig zuwinkte.

Sheila lächelte und winkte zurück. Neugierig drehten Micahs Söhne sich um. Sie wollten wissen, wen ihre Großtante begrüßte. Als sie die Bezeichnung „Großtante“ das erste Mal gehört hatten, waren sie überzeugt, dass es ein Ehrentitel war. „Großtante“, das konnte nur bedeuten, dass ihre Tante Sheila „großartig“ war. Erfreut hatte Sheila sie in dem Glauben gelassen.

Micah warf seinem ältesten Sohn einen strengen Blick zu. „Dreh dich um, Gary.“

„Ich bin doch umgedreht“, erwiderte der Junge verwirrt.

Es dauerte eine Sekunde, bis Micah begriff, dass sein Sohn ihn falsch verstanden hatte. Mit seinen fünf Jahren nahm Gary alles wörtlich, genau wie sein Bruder. „Dreh dich zurück zu uns“, verbesserte er sich.

„Oh, okay.“ Gary gehorchte und sah seine Großtante an.

„Kennst du die Ladys?“, fragte er sie und gab sich Mühe, ebenso erwachsen wie sein Vater zu wirken.

„Welche Ladys?“ Erst jetzt wandte Micah sich um. Ihm fiel nichts Ungewöhnliches auf.

Gary schaute über die Schulter. „Die Ladys da.“ Er zeigte zu dem Tisch hinüber, an dem jemand seiner Großtante zugewinkt hatte.

„Man zeigt nicht mit dem Finger auf Menschen“, ermahnte Micah ihn geduldig.

Auf dem schmalen, kantigen Gesicht spiegelte sich nichts als Verwirrung. „Aber wenn ich nicht darauf zeige, Daddy, wie sollst du dann wissen, welche Ladys ich meine?“

Sheila unterdrückte ein belustigtes Lächeln. „Da hat er nicht unrecht, Micah.“

„Ich weiß.“ Seufzend zerzauste Micah Gary das Haar. „Aus ihm wird mal ein hervorragender Anwalt. Schade, dass es erst in zwanzig Jahren so weit ist. Ich könnte jetzt einen gebrauchen.“

„Warum denn?“, fragte Sheila und bemerkte erst jetzt, welche Anspannung in seinem Blick lag. „Soll das heißen, du brauchst einen Anwalt, Micah?“

„Wahrscheinlich“, gab er zu. Doch dann bereute er den Moment der Schwäche und schüttelte den Kopf. „Vergiss es“, bat er sie. „Dies ist dein besonderer Tag, Tante Sheila. Wir sollten ihn nicht verderben, indem wir über Anwälte und andere notwendige Übel reden.“ Als Letzteres sah er den ganzen Berufsstand an.

Hätte er die Wahl, würde er lieber auf juristischen Beistand verzichten, aber er wurde das Gefühl nicht los, dass er aus dieser Sache nicht ohne fachkundige Hilfe herauskam. Zu wissen, dass er nicht schuld an dem war, was man ihm vorwarf, reichte leider nicht.

Er sah die anderen drei am Tisch an. „Ich möchte einfach nur mit meinen drei Lieblingsmenschen essen.“

Aber Sheila war nicht so leicht zu beruhigen. Sie legte eine Hand auf seine und sah ihm forschend in die Augen. „Und ich werde dieses Essen nicht genießen können, solange du mir nicht versprichst, alles zu erzählen.“

Mit dem Kompromiss konnte er leben. Er nickte. „Versprochen.“

„Ich nehme dich beim Wort.“